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Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

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MONATSHEFTE 
FÜR POLITIK UND 
WEHRMACHT 
[AUCH ORGAN 

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jjnticcioti -Utniicröitn. 



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Jahrbücher 

für die 

deutsche Armee und Marine. 



Verantwortlich geleitet 
von 

E. Sehnaekenburg 

Oberstleutnant a. D. 



112. Band. 

Juli bis September 1899. 

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BERLIN W. 8. 
Verlag* von A. Bath. 

Mohron-Strasso 19. 
1899. 



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Inhaltsverzeichnis. 



Nr. aal. Helt 1. Juli. diii* 

I. Die Thätigkeit Moltkes als Chef des (Jonoralstahes. i Vorträgt 1 , 
gohalten in der Versammlung der Generalstabsoffiziorc des 
Militärbezirks Warschau.) Von Obstlt. Borissow, Chef des 

Stabes der Festung Iwangorod (Fortsetzung) 1 

11. Strategische Rückblicke auf die Ereignisse im südöstlichen Teile 
des französischen Kriegsschauplatzes im Dezember 1870 und 
■Januar 1871. Von Maschke, Oberst z. D '25 

III. Über Abfassung von Befehlen. Eine kriegsgeschichtliohe Studie. 1. 45 

IV. Armee and Volksorziehung 58 

V. Die Heeres Verhältnisse Chilos 78 

VI. Spanien und die allgemeine Wehrpflicht 83 

VII. Neue Reglements der russischen Armee (1899) 87 

VIII. Ein Beitrag zur „Anleitung zur Ausführung von Dauerritten" 93 
IX. Kleine heeresgeschiohtliche Mitteilungen 97 

Berichtigung 100 

X. ITmgfthan in dar Militär-Litteralnr: 

1. Ausländische Zeitschriften 101 

II. Bücher 1ÜI 

in. Seewesen . . 12£ 

IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher 128 

Nr. 885. Heft 2. August. 

XI. Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Gcneralstabcs. (Vorträge, 
gehalten in der Versammlung der Ueneralstabsoffiziero dos 
Militärbezirks Warechan.) Von Obstlt. Borissow, Chef des 
Stabes der Festung Iwangorod (Schlufs) 181 

XU. Strategische Rückblicke auf die Ereignisse im südöstlichen 
Teile des französischen Kriegsschauplatzes im Dezember 1870 
nnd Januar 1871. Von Maschke, Oberst z. D (Fortsetzung) 151 

XIII. Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. Von 

.1. Banmann, k. b. Hauptmann 177 

XIV. Über Abf assung von Befehlen. Eine kriegsgeschichtliche 
Studie. II. (Fortsetzung) 200 

XV. Die Fortschritte der preußischen Artillerie unter Friedrich 

dem Grofsen . , . , , . , , , , , , , , , , , , 1LL1 

XVI. Die Ergebnisse der englischen Armoemanöver von iHi'S. . . 219 
XVII. Kleine hceresgeschichtliche Mitteilungen 227 



r & 496fiil 



Seit« 

XVIII. ITmschau in der Militär-Littcratur: 

I. Ausländische Zeitschriften . , . . . . . . . , . 230 

II. Bücher 2M 

III. Seewesen 2fi'i 

IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher 264 

Nr. 336. Heft 3. September. 

XIX. Strategische Rückblicke auf die Ereignisse im südöstlichen 
Teile des französischen Kriegsschauplatzes im Dezember 1870 
und Januar 1871. Von Maschke, Oberst z. D. (Schlüte'* . 257 
XX. Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. Von 

J. Bauin nun, k. b. Hauptmann (Schlafs) l'sn 

XXI. Lbor die Abfassung von Befehlen. Eine kricgsgcsoliiclaHchc 

Studie. III. (Schlüte) 304 

XXII. Die Hauptverhandlung nach der neuen deutschen Militar-Straf- 

prozelsordnung. Von Dr. Dangelm aior 819 

XXIII. Kleine heoresgeschichtliche Mitteilungen 333 

Berichtigung 3,'iS 

XXIV. Umschau auf militärteolinisohcm (iobiet . . , , , , 22& 

XXV. Umschau in der Militär-Litteratur: 

I. Ausländische Znitschritten . , , , , , , , , 368 

II. Bücher - ■ ■ 365 

III. Seewesen. . . . . . . . , . . . . - . . 380 

IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangeneu Bücher 382 



I. 

Die Thätigkeit Holtkes als Chef des Generalstabes. 

( V orträge, gehalten in der Versammlung der Generalstabsoffiziere 
des Militärbezirks Warschau.) 

Von 

Oberstlentnant Borissow, Chef des Stabes der Festung Iwangorod. 

(Fortsetzung.) 

IV. Thätigkeit in der Periode der Truppentransporte. 

Die Betrachtung auch dieser Periode der Thätigkeit des Chefs 
des Generalstabes beginnen wir mit 1870, wo sie regelmäßiger 
verlief. 

Im Jahre 1870 begann der Transport am 24. Juli, am 9. Mobil- 
machungstage, und zwar wurden befördert: das I. Korps auf der 
Linie G. nach Berlin, des II. auf der Linie H. nach Berlin, das III. 
auf der Linie A. nach Bingen, das IV. auf der Linie C. nach Mann- 
heim, das V. auf der Linie £. nach Landau, das VI. sammelte sich 
bei Görlitz und Breslau; das VII. auf der Linie F. nach Call, 
Aachen und Stollberg, das VIII. marschierte mit Teilen von Koblenz 
und Simmern nach Wadern, Hermeskeil, und nach Mosbach, Bern- 
kastel, Thalfang und Birkenfeld, das IX. — 18. Division auf der 
Linie B. nach Mosbach, 25. (hessische) Division marschierte von 
Darmstadt über Herasheim nach Worms ; das X. als zweites Echelon 
(vom 28. ab), das XI. auf der Linie C. (Frankfurt-Mannheim), auf 
den Linien D. und £. (Fulda- Aschaffenburg-Mainz) und mit Fuls- 
marsch nach Germersheim und Landau (wurde vor dem IV., XII. 
und V. Korps befördert, das XII. aui der Linie D. nach Kastel; 
das Garde-Korps — als zweites Echelon (vom 28. ab). 

Am 24. Juli wird die von Major Krause zusammengestellte 
ordre de bataille der französischen Armee den Truppen übersandt. 
Das IV. Korps erhält Befehl, seine Ausschiffung in Mannheim zu 
bewerkstelligen. Es gehen Telegramme ab: nach Mannheim, dals 
die dortige EisenbahnbrUcke nicht zu zerstören ist; nach Kaisers- 
lautern an den Kommandeur des 5. Dragoner-Regiments vorzu- 
marschieren; nach Saarbrücken, die Eisenbahn nicht zu zerstören 

JtbrbQcher für dl« d«nt«ch« Arm»« und Marin«. Bd. 113. t. 1 



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o Die Thätigkeit Moltkes als Chef de» Generalstabes. 

und die Regimentsnummern der Gefangenen, Deserteure etc. zu 
telegraphieren. 

Am 24. nahm eine Abteilung Ulanen aus Saarbrücken einige 
Schienen auf der Eisenbahn Saargemünd-Bitsch bei Bliesbrücken 
auf. Ein Offizier des württembergischen Generalstabes Hauptmann 
Graf Zeppelin rekognosziert von Lauterbach Uber Selzbach nach 
Niederbronn und wird bei Schirlenhof angegriffen. 

10. Mobilmachungstag — 25. Juli — zweiter Transporttag. Bei 
Bingen werden Teile des 111., bei Germersheim und Landau Teile des 
XL, bei Görlitz und Breslau Teile des VI. Korps ausgeschifft. 
Bayerische Posten stielsen bei Dambach und Stürzelbronn, östlich 
von Bitsch auf den Feind. Die Kavallerie-Divisionen werden auf 
die Armeen verteilt, die 3. zur L, 5. und 6. zur IL, 4. zur III. Armee. 
Nach Wilhelmshafen wird telegraphiert, dals nach einem Telegramm 
aus London am 25. zehn französische Panzer den Kanal in Höhe 
von Dover passiert haben und nach Osten gefahren sind. 

11. Mobilmachungstag — 26. Juli — 3. Transporttag. Es 
werden ausgeschifft: die ersten Teile des IV. Korps bei Mannheim 
und des U. bei Berlin. Die Oberkommandos der I. (nach Koblenz) 
und D. (nach Mainz) Armee verlassen Berlin. Zusammenstols von 
Ulanen (vom Saarbrückener Regiment) mit Franzosen bei Reinheim; 
die Ulanen gehen nach Zweibrücken zurück. 

Am 25. sandte der Führer der III. Armee — der Kronprinz — 
aus Berlin Befehl an das V. und XI. Korps näher an Landau und 
Germersheim heranzurücken und die Linie des Kling-Baches hart- 
näckig zu verteidigen. Am 26. wurden Teile des XI. Korps bei 
Landau zusammengezogen, aber gegen Mittag klärte es sich auf, 
dafs der Gegner nicht vorging. Der Feind wurde von Pirmasens ' 
her erwartet. 

Am 26. reiste der Kronprinz von Berlin Uber München, Stutt- 
gart und Karlsruhe (um die Höfe zu besuchen, deren Truppen unter 
sein Kommando treten) nach Speier. 

Moltke hält das Vorgehen von 60000 Franzosen Uber Weifsen- 
burg für möglich. Er telegraphiert, dals die Badenser und Württem- 
berger das bei Landau stehende XI. Korps Uber Maxau unterstützen 
sollen; gehen die Franzosen am rechten Rheinufer vor, so müssen 
die Badenser und Württemberger bei Ettliugen stehen. Von Mann- 
heim können Teile des IV. Korps nach Landau dirigiert werden. 
Telegramme nach Saarbrücken und Homburg. 

12. Mobilmachungstag — 27. Juli — , 4. Transporttag. Es wer- 
den ausgeschifft: die ersten Truppenteile des XII. Armeekorps bei 
Castel, des V. bei Landau, des I. bei Berlin. Das VII. Korps trifft 



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Die Thätigkeit Moltkea als Chef des Generalstabes. 



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mit seinen letzten Truppenteilen in Call, Aachen und Stolberg ein 
and marschiert von den Ausschiffungspunkten in 2 Kolonnen nach 
Dann und Prüm und durch die Eiffel nach Trier. 

Beträchtliche Abteilungen aller Waffengattungen der französischen 
Armee marschieren von Forbach und SaargemUnd auf Saarbrücken 
and biwakieren bei St. Arnual und Grofs-Blittersdorf. Eine preulsische 
Infanterie-Abteilung marschiert von Völklingen auf Ludweiler, wird 
aber zurückgetrieben. 

Moltke befiehlt, dafs ihm alle 10 Tage Meldungen Uber die 
Stärke der einzelnen Truppenteile, ferner 24 Stunden nach statt- 
gefundenem Gefecht Verlustlisten und die Kegimentsnummern der 
Gefangenen mitgeteilt werden. Er benachrichtet die Oberkommandos, 
dals in dieser Zeit der grolsen Truppentransporte Beamte, Inten- 
danturpersonal u. s. w. nicht auf Beförderung rechnen können. 

13. Mobilmachungstag — 28. Juli — 5. Transporttag. Die 
18. Division wird bei Mosbach ausgeschifft. Moltke telegraphiert 
dem General-Intendanten in Mainz, dals es nötig sei, Verpflegungs- 
vorräte in die Linie Kreuznach-Alzey-Worms vorzuschieben, und 
Magazine in Alzey, Gaubickelheim und Monsheim, Feldbackanstalten 
in Neunkirchen, Homburg und Saarlouis { Stellung Marnheim) anzu- 
legen. Die Franzosen eröffneten Artilleriefeuer von den Spicherer 
Bergen. Bei Merzig fand ein Zusammenstols mit dem Feiude statt. 
Die Preulsen besetzten Rehlingen und Dillingen. Das Ober- 
kommando der III. Armee begab sich von Berlin nach Mannheim. 

Moltke berechnet in einer Denkschrift vom 28. Juli, dafs von 
der deutschen Armee am 30. operationsbereit sind: 

I. Armee: VII. Korps zwei Tagemärsche von Trier entfernt; 
VIII. bei Morbach. 3. Kavallerie-Division teils an der Grenze, teils 
bei den Korps. 

II. Armee und Reserve: III. Korps östlich Bingen-Kreuznach. 
IV. Mannheim-Dürkheim. IX. Mainz-Worms. 5. und 6. Kavallerie- 
Division in dem Rayon des III. und IV. Korps. G. X. und XII. 
auf dem Marsch in die Linie Bingen-Mainz-Mannheim. 

Er beabsichtigt, das III. und IV. Korps in die Linie Alsenz- 
Göllheim-Grünstadt vorzuschieben, mit Avantgarden in Linie Lauter- 
ecken-Kaiserslautern schon aus dem Grunde, um für das G., X. 
und XII. Korps Platz zu machen. Kavallerie rückt an die Grenze. 

Das Hauptquartier der 11. Armee begiebt sich nach Alzey (besetzt 
die Stellung bei Marnheim). Da die Ausschiffungslinie der U. Armee 
weiter zurückverlegt ist (nach Bingen-Mannheim von Neunkirchen- 
Homburg), erhält die 1. Armee Befehl, den Vormarsch gegen die 
Grenze (in Linie Merzig-Saarlouis) nicht weiter fortzusetzen, sondern 

1* 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



in der Linie Trier-Wadern stehen zu bleiben. FUr die III. Armee 
werden noch keine Änderungen befohlen. 

Wenn die Franzosen die Grenze Uberschritten (nachdem sie am 
29. Juli alle Komplettierungs-Mannschaften erhalten haben), 1 ) würden 
sie die Linie Alsenz-Göllheim-Grünstadt nicht vor dem 5. August 
erreichen. Zu dieser Zeit wären in der Stellung') 194000 Mann 
versammelt, nämlich das Garde-, III., IV., X., IX., XII., I. und */, 
VI. Korps gegenüber 133 000 Mann Bazaine, Frossard, Failly, Bourbaki, 
Canrobert. Auf dem rechten Flügel 125000 Mann (XL, V., 2. baye- 
rische Korps, Badenser und Württem berger) gegenüber 44000 Mann 
Mac Mahons. Bis zum 5. August 77000 gegen 44000. Auf dem 
linken Flügel 50000 (VII. und VIII. Korps) gegen 27000 Mann 
Ladmirault. 

14. Mobilmachungstag — 29. Juli — 6. Transporttag. Beginn 
der Ausschiffung der ersten Truppenteile des X. Korps. Der Feind 
zog seine gegen Saarbrücken und Saarlouis vorgeschobenen Posten 
zurück. Auf den Spicherer Bergen verschanzt sich der Feind. An- 
zeichen lassen auf eine beabsichtigte Defensive und eine allgemeine 
Rechtschiebung, in östlicher Richtung, schliefsen. Wahrscheinlich Ver- 
sammlung des Feindes in der Linie Forbach-Bitsch. Telegramme: 
an I. Armee (Koblenz), die Linie Saarburg-Wadern nicht zu Uber- 
schreiten, Trier zu halten. An die II. Armee: (Mainz) mit dem III. 
und IV. Korps bis in die Linie Alsenz-Göllheim-Grünstadt zu rücken, 
Avantgarden darüber hinaus vorzutreiben und die 5. und 6. Ka- 
vallerie-Division zu formieren. Mitteilung an I. Armee in Koblenz, 
II. in Mainz und III. in Speier, dals der König am 31. Juli von 
Berlin Uber Magdeburg, Braunschweig, Hannover, Hamm, Köln, 
Koblenz nach Mainz fährt, woselbst das königliche Hauptquartier 
am 2. August eintrifft. 

Der Armee wird eine vom Oberstleutnant v. Verdy, Abteilungs- 
chef im grolsen Generalstabe, unterschriebene Anlage Ubersandt, 
welche die Aufstellung der französischen Armee nach den vom 
27. — 29. Juli eingegangenen Nachrichten enthält. 1. Korps Mac 
Mahon — Strafsburg und Brnmath; 2. Frossard — St. Avold; 3. Bazaine — 
Metz, Boulay; 4. Ladmirault — Thionville; 5. Failly — Bitsch; 6. Can- 
robert— Chalons; 7. Douay— Beifort; Garde, Bourbaki— Nancy. Haupt- 



1 ) Generalstabswerk 1870, S. 59. Bis znm 29. können die Franzosen stark 
sein 1J3000 Mann Infanterie, nach dem 29. 162000; mit den entfernteren 
Divisionen (Paris, Chalons) am 29. 172000, nach dem 29. 227500 Mann. 

2 ) Diese SteUung wurde sohon früher von Generalstabsoffizieren rekognos- 
ziert und für eine Defensive sehr günstig befunden. Generalstabswerk 
1870, S. 69. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



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quartier— Nancy. Abreise Napoleons dahin am 28. Die Armee 
fahrt den Namen Armee du Rhin. In Chalons wird ein Reserve- 
korps gebildet. 

Mitteilung an den Generalintendanten (Mainz), dafs am 3. August 
in Mosbach und Castel eine grofse Anzahl Verpflegungszuge ein- 
treffen,') und das I. und VI. Armeekorps bis zum 5. August auf 
den Linien A., C, D., E. südlich von Mainz ankommen. 

15. Mobilmachungstag — 30. Juli — 7. Transporttag. Beginn der 
Ausschiffung des Gardekorps bei Mannheim. Der kommandierende 
General VIII. Armeekorps fragt Moltke an, ob die Abteilung des 
Oberstleutnants v. Pestel bei Saarbrücken (1 Btl. 3 Esk.) auf Unter- 
stützung durch die II. Armee rechnen kann. Moltke verneint dies, 
hält aber Unterstützung durch die bei Wadern stehenden Truppen 
für möglich. Eisenbahnen sollen nicht mehr zerstört werden. Tele- 
gramm direkt an Pestel, auf Sulzbach und Bildstock zurückzugehen. 
Dieser verbleibt jedoch bei Saarbrücken, da er einen Rückhalt an 
den bei Lebach stehenden Truppen des VIII. Armeekorps hat und 
2 Bataillone Verstärkung erhält. Telegramm an die II. Armee 
(Alzey), mit dem Befehl, die 5. und 6. Kavallerie-Division zur 
Rekognoszierung unverzüglich an die Grenze in Linie Saarbrücken- 
Bitsch zu senden und der Mitteilung, dafs das IX. und XII. Korps 
der 11. Armee unterstellt werden; das IX. Korps soll gleich in Höhe 
des III. und IV. vorrücken. 

Es trifft ein Telegramm des Oberquartierraeisters der III. Armee 
(Ob. v. Gottberg) ein, dafs Bewegungen der Franzosen vor Bitsch 
Uber Weilsenburg nach dem Bienwald zu stattfänden. Moltke ver- 
mutet daraus die Versammlung des 1. und 5. Korps an der unteren 
Lauter, mit Teilen an der Strafse Bitsch- Breidenbach. Moltke tele- 
graphiert dem Chef des Generalstabes der III. Armee (v. Blumen- 
thal), dafs es wünschenswert sei, die Württemberger und Badenser 
über Maxau auf das linke Rheinufer zu ziehen. Das rechte Ufer 
ist gesichert, wenn die III. Armee auf Hagenau-Bischweiler vorgeht. 
Dies ist kein Befehl, sondern eine Mitteilung an den Kronprinzeu, 
die später dem König zur Entscheidung vorgelegt werden soll. 
Hierauf teilt Blumenthal mit, dafs man südlich Lauterburg die An- 
sammlung von zahlreichem Brückenmaterial durch den Feind beob- 
achtet habe. 

Moltke telegraphiert daraufhin sogleich an die III. Armee (Speier), 
dafs der König es für zweckmälsig hielte, dals die Armee, sobald 
die Badenser und Württemberger herangezogen seien, auf dem linken 

>) Die Verpflegungsmafcnabmen sind im Generalstabs werk 1870, S. 75 
angegeben. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Rheinufer in südlicher Richtung vorgehe, den Feind aufsuche und 
schlage. Hierdurch würde ein Brückenschlag oberhalb Lauterburg 
verhindert und Suddeutschland vollkommen geschützt. 

16. Mobilmachungstag — 31. Juli — 8. Transporttag und 
14. Tag seit ergangener Kriegserklärung (19. Juli). Am Morgen 
antwortete die III. Armee auf Moltkes Telegramm, dals der Vor- 
marsch noch nicht angetreten werden könne, da die Truppen noch 
nicht marschbereit seien. Moltke fragte telegraphisch an, wann die 
Armee marschbereit sei und erhielt die Antwort Blumeuthals, am 
3. August. 

Moltke teilt der 1. und III. Armee (Koblenz und Speier) mit, 
dals das III., IV. und IX. Korps am 3. August vorwärts Alzey stehen 
werden, das Garde-, X. und XII. Korps aufgeschlossen dahinter; 
5. und 6. Kavallerie-Division (hinter ihnen je eine Infanterie-Division 
des III. und IV. Korps) können am 3. die Grenze erreichen. Saar- 
brücken wird durch eine besondere Abteilung gehalten. 

Telegramm an I. Armee, sich in Linie Wadern-Losheim zu 
sammeln; an II. Armee, vom 2. August an ihre Ausschiffung in 
Kaiserslautern und Birkenfeld (anstatt Mannheim und Bingen) zu 
bewerkstelligen. Magazine werden in Birkenfeld, Cusel und Kaisers- 
lautern angelegt. 

Den 31. Juli kann man als den Tag betrachten, an welchem 
die deutsche Armee ihren Transport in den Hauptzügen beendigte 
und den eigentlichen Aufmarsch begann. 1 ) 

Am Abend des 31. Juli stand die deutsche Armee folgender- 
maßen disloziert: 

I. Armee (Koblenz}. VII. Korps Trier, Vortruppen bei Saar- 
burg und Conz. VIII. Korps — 16. Division bei Hermeskeil, Teile 
bei Hilschbach, Lebach, Rehlingen, Dillingen, Saarlouis, Völklingen 
Saarbrücken; 15. Division bei Thalfang und Birkenfeld; 3. Kavallerie- 
Division noch nicht formiert. 

II. Armee (Alzey). III. Korps bei Wörrstadt, Avantgarde bei 
Fürfeld, seine noch nicht eingetroffenen Teile sollen bei Birkenfeld 
ausgeschifft werden; die erste Trainstaffel folgt hinter dem X. Korps; 
es fehlen noch 7 Batterien und 3 Pionierkompagnien. Das Korps 
marschiert in die Linie Birkenfeld-Cusel, Stab Baumholder. IV. Korps 
bei Dürkheim und Hochspeyer, Avantgarde bei Kaiserslautern; 
X. Korps in Versammlung bei Bingen; es fehlen noch 6 Bataillone 
und 7 Batterien. Das Korps marschiert nach Cusel. Garde-Korps 

l ) Die Truppen erhielten 170000 Kartenblätter von Frankreich im Mafs- 
stab 1:80000 und 52000 Kartenblätter von Westdeutschland. Geoeralstabs- 
werk 1870, S. 74. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



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zwischen Mannheim nnd Worms bei Frankenthal; es fehlen noch 
4 Bataillone, 4 Batterien und 4 Eskadrons. IX. Korps bei Oppen- 
heim. XII. Korps geht Uber den Rhein von Mosbach nnd Castel 
gegen Nieder-Olra. 2 Brigaden der 5. Kavallerie -Division bei Sobern- 
heim auf dem Marsch nach Baumholder und Völklingen; die 
6. Kavallerie-Division bei Meifsenheim, auf dem Marsch von Fürfeld 
nach Meilsenheim und Neunkirchen; Avantgarden bei Martinstein 
und Lauterecken. Eine Brigade der 5. Kavallerie-Division bei Dürk- 
heim, auf dem Marsch nach Kaiserslautern und Homburg. Das 
13. Dragoner-Regiment bei Winzingen auf dem Marsch nach 
Pirmasens. Hinter der Kavallerie marschiert die 5. und 8. Infanterie- 
Division. 

III. Armee (Speier). XI. Korps: Stab Landau, Divisionen: 
Billigheim, Knittelsheim; Avantgarde: Rheinzabern; Postierungen bei 
Langenkandel, Hagenbach (badische Truppen) und Annweiler; 
V. Korps — bei Landau; es fehlen noch 4 Eskadrons und 
6 Batterien; L bayerisches Korps — bei Speier; es fehlen noch 
11 Bataillone, 8 Eskadrons und 13 Batterien; II. bayerisches Korps 
— bei Neustadt; es fehlen noch 1 Bataillon, 4 Eskadrons und 
11 Batterien; eine Division auf dem Marsch von Landau nach 
Weilsenburg; die badische Division bei Karlsruhe, die württem- 
bergische Division bei Graben. Im Falle eines Alarms sammeln 
6ich an dem Klingbach: das XI. Korps bei Herksheimweier; V. bei 
Insheim, Avantgarde zwischen Rohrbach und Billigheim; die Di- 
vision des |U. bayerischen Korps zwischen Heichelsheim und 
Klingenmünster. Die 4. Kavallerie-Division ist noch nicht formiert. 

Transport im Jahre 1866. 

Erste Transport-Periode vom 16. bis 23. Mai. 1 ) 

Es werden transportiert: das V. Armeekorps auf der Eisen- 
bahn Kreuz-Posen-Breslau-Königszelt vom 16. bis 29. Die letzten 
Trains treffen am 30. in Königszelt ein. Das VI. Korps sammelt 
sich bei Neifse und Frankenstein fast ausschliefslich vermittelst 
gewöhnlicher Märsche; nur die Stäbe und Lazarette werden vom 
17. bis 21. Mai in drei Zügen der oberschlesischen Eisenbahnen 
befördert. Die letzten Trains treffen am 21. Mai in Neifse ein. 

Das III. Korps wird mit der Eisenbahn Brandenburg-(Witten- 
berg, Angennündej-Berlin (Landsberg an der Warthe)-Frankfurt 
a/O.-Guben nach Drebkau vom 17. bis 22., seine Trains vom 
27.— 30. Mai befördert. Einzelne Truppenteile treffen dort zu 
Fufs ein. 



i) Generalstabswerk 1866, Anlage 2, S. 44. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chof des Generalstabes. 



Das IV. Korps wird nach Bitterfeld und Herzberg transportiert; 
seine letzten Trains treffen am 24. Mai in Herzberg ein. Das ganze 
Korps sammelt sich bei Torgau und Herzberg. 

Von dem VIII. Korps werden vom 16.— 20. Mai 4 Infanterie- 
Regimenter und 1 Kavallerie-Regiment von Trier und Saarbrücken 
nach Koblenz (16. Division) befördert. 1 ) 

Am 23. Mai begann der Transport der übrigen Korps, welche 
zu dieser Zeit ihre Mobilmachung beendet hatten. 

Vom 14. bis 21. Mai sind in der Korrespondenz keine Ver- 
fügungen MoltkeB enthalten; erst am 21. und 22. schreibt er dem 
Kriegsminister Uber Mainz und die Österreicher in Holstein. 

Am 12. Mai erging der Befehl zur Bildung der I. Armee Prinz 
Friedrich Karl aus dem HI. und IV. Armeekorps, und am 17. Mai 
zur Bildung der II. Armee Kronprinz Friedrich Wilhelm aus dem 
V. und VI. Korps. 

Zweite Transportperiode vom 23. Mai bis 5. Juni. 

Da das V. Armeekorps bis zum 23. Mai seinen Transport noch 
nicht beendet hat, werden den hinteren Korps folgende selbständige 
Linien Uberwiesen: 

I. Korps Königsberg-Kreuz-Frankfurt-Görlitz; 

U. Korps Stettin-Berlin-Herzberg; 

VII. Korps Düsseldorf(Münster)-Kassel-Eisenach-Zeitz; 

VIII. Korps Koblenz-Köln-Minden-Magdeburg-Halle 2 ) 

Am 24. Mai befand sich die preufsische Armee in folgender 
Lage: das III. Korps in Versammlung bei Drebkau, IV. bei Torgau 
und Herzberg, V. bei Schweidnitz, VI. bei Neilse und Frankensteiu, 
VIII. bei Koblenz und Köln, VII. eine (13.) Division bei Minden 
gegen Hannover, die andere (14.) bei Münster und Düsseldorf, 

Garde bei Berlin, I. und H. Korps begannen den Transport nach 
Görlitz und Herzberg. 

Am 24. Mai erhielt das VI. Korps Befehl, sich bei Waldenburg 
des V. bei Landeshut, das Gardekorps zwischen Baruth und Luckau 
zu sammeln. 3 ) 

Am 25. Mai meldet Moltke dem König, dals die Österreicher , 
jetzt mit 140000 Mann, Ende Mai mit 180000 Mann gegen die 
Elster marschieren können; lassen sie gegen das V. und VI. Korps 

>) Vgl. S. 22, 26 und 46 der Anlage 2 des Generalstabswerks 1866 nnd 

Moltkcs gesammelte Schriften, Bd. III, S. 424. 

3) Einschiffung in Köln, Neuwied, Deutz, Bonn, Koblenz. Aufenthalt in 

Hamm, Braunschweig, Aschersleben, und in Deutz, Oberhausen, Minden, Buckau. 

3) Generalstab3werk 1866, S. 26. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



60000 Manu stehen, so können sie mit 120000 Mann auf Herlin 
marschieren. In sechs Tagen wird das III. und IV. Armeekorps bei 
Elsterwerda oder Spremberg stehen; zu diese* Zeit nähern sich 
auch das II., G. und VIII. oder I., zusammen 5 Korps mit 150000 
Mann. Unter diesen Umständen ist für Berlin nichts mehr zu be- 
fürchten. Währenddessen können die Österreicher mit starken 
Kräften in Schlesien eindringen. In Linie Löwenberg oder Lauban 
stehen: Das V., VI. (12. Division von Kosel und Katibor nach 
Oppeln) und I. Korps; 80000 Mann; das III., IV., II. und G.-Korps 
in Linie Bautzen-Bischofswerüa, das VIII. und VII. Korps bei 
Dresden. Wir beenden, sagt Moltke, am 5. Juni den Aufmarsch 
von 9 Armeekorps und müssen vom militärischen Standpunkt aus 
unmittelbar den Vormarsch antreten, und zwar aus der 60 Meilen 
langen Linie Zeitz-Torgau-Görlitz-Neiise in 4 Gruppen vorgehen: 
60000 Mann (VII. und VIII.), 130000 Manu (G., II., III. und IV.), 
30000 Mann (I.), 60000 Mann (V. und VI.), zusammen 280000 
Mann. Wir können mit 200000 Mann in der Linie Tetschen-Fried- 
land stehen, um bei Haida oder Gabel eine Schlacht zu liefern und 
weiter auf Pardubitz zu marschieren. Bismarck findet die Gegen- 
wart von Truppen auf dem linken Elbeufer zur Beobachtung von 
Suddeutschland unnötig; daher kann man, nach beendigtem Auf- 
marsch, das VIL und VIII. Armeekorps an die I. Armee heran- 
ziehen. 

Dieser Bericht wurde in einer Sitzung, an welcher die Armee- 
führer, die Chefs der Stäbe und die Oberquartierraeister teilnahmen, 
erstattet. Prinz Friedrich Karl teilte an demselben Tage brieflich 
mit, dafs Benedek die aus 9 Korps bestehende Nordarmee kom- 
mandiere 1 ) und dals diese ganze Armee geschlossen in irgend einer 
Richtung vormarschiere. Moltke teilte die Ansicht, dafs schon der 
Name Benedek es verbürge, dals diese Armee „coude a coude u 
marschiere; aber die Preulsen mlilsten unmittelbar die Offensive er- 
greifen, sonst werde ihre Lage immer schwieriger. 

Am 29. Mai entwirft Moltke den Befehl zum Links-Abmarsch 
des IL, III. und IV. Armeekorps: 

Das III. Armeekorps marschiert am 8. Juni von Drebkau auf 
Muskau; das II. am 6. von Herzberg auf Spremberg, das IV. am 
5. von Herzberg nach Hoyerswerda, das Gardekorps am 1. von 
Berlin nach Kottbus, das VIII. am 7. von Halle auf östlich Torgau, 
das VU. am 5. von Zeitz und Halle auf westlich Torgau. 

Alle diese Korps treffen am 10. an ihrem Marschziel ein; am 

l ) In Wirklichkeit waren es nur sieben Korps, nämlich 1., 2.. 4., 6., 8., 10. 
und 8.; das 6., 7., 9. befanden sich in Italien. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



11. kann man versammeln: das VII. und VIII. Korps bei Torgau 

— 60000 Mann, das IL, III., IV. und Gardekorps bei Spremberg 

— 100000 Mann, und wenn man dann mit 5 — 7 Korps noch nicht 
in Sachsen einrücken kann, um in der Linie Dresden-Bautzen auf- 
zumarschieren, kann man den Marsch nach links fortsetzen und die 
1. Armee bei Görlitz versammeln, das Gardekorps am 14. Uber 
Frankfurt nach Haibau und das I. Korps nach Greiffenberg heran- 
ziehen. 

Das VII. Korps wird dem General Herwarth von Bittenfeld, 
dem Kommandeur des VIII. Armeekorps unterstellt 

Auf Grund dieses Projektes wurden am 30. Mai im Kriegs- 
Ministerium die Marschrouten aufgestellt und der Beginn der Be- 
wegungen auf den 5. Juni festgesetzt. 

Am 30. Mai antwortet Moltke auf einen Brief Bismarcks vom 
29. betreffs der in den ElbherzogtUraerra stehenden Truppen und 
schreibt auch an den Führer derselben, General v. Manteuffel.') 

Am 3. Juni meldet Moltke dem König: zwischen Prag und 
der Grenze steht das 1. österreichische Korps, scheinbar mit der 
Bestimmung, die Sachsen aufzunehmen; der Rest der österreichischen 
Armee steht in der Linie Pardubitz-Oswiecim und können die am 
meisten marschbereiten 2., 4. und fi. Korps nicht vor dem 16. Juni 
bis Zittau gelangen; das 8. und 10 Korps bleiben zurück. Das 
I. preußische Korps trifft am 10. Juni von Görlitz in Hirschberg 
ein und kann von da Uber Schreiberhau vorgehen. 

Wenn am 10. die Lage geklärt ist, so werden am 15. Juni 
eintreffen: General von Herwarth mit dem VII. und VIII. Korps in 
Stärke von 44 OCX) Mann bei Dresden, Prinz Friedrich Karl mit dem 
IL, III., IV., Garde-Korps — 130000 Mann bei Bautzen, Löbau, 
Görlitz; der Kronprinz mit dem V., VI. und. I. Korps — 90000 
Mann — bei Landeshut. Es hängt von den Umständen ab, ob die 
1. Armee des Prinzen Friedrich Karl nördlich oder südlich des 
Kiesengebirges in einer Höhe mit der II. Armee vorgeht, oder ob 
General von Herwarth die I. Armee, und diese die IL in Schlesien 
verstärkt. Die IL Armee mufs im Falle einer österreichischen 
Offensive gegen Schlesien unbedingt verstärkt werden. 

Am 3. Juni gestattet der König den Marsch des I. Korps nach 
Hirsch berg. 

') In dieser Zeit (29. Mai und 1. Juni) findet der interessante Briefwechsel 
zwischen Moltke und dem kommandierenden General des V. Armeekorps, 
General t. Steinmetz, statt, welcher durch die Ausdehnung der Armee auf einer 
Linie von 420 Werst und ihre Unthätigkeit beunruhigt war. Korrespondenz 
1866, S. 188-187. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



11 



Am 2. Juni ergeht Befehl des Königs, dals alle seine An- 
ordnungen betreffend Bewegungen der Armee durch den Chef des 
Generalstabes gehen, welcher sie dem Kriegsminister mitzuteilen hat. 
Am 3. Juni schreibt Moltke dem Chef des Generalstabes der Elb- 
armee, Oberst Freiherrn von Schlotheim, dals die Sachsen bei 
Moritzburg, Pulsnitz, Wilsdruff und Dresden stehen. 

Am 4. Juni teilt Moltke dem I. Korps in Görlitz, der L Armee 
(Berlin) und der IL Armee (FUrstenstein und Freiburg) mit, dals 
das 1. Korps nach Hirschberg marschiert und zur II. Armee übertritt. 

Am 5. Juni ist der Transport beendet und die Armee steht 
folgendermafsen disloziert: I Korps seit dem 2. Juni bei Görlitz, 
II. seit 1. Juni bei Herzberg; III. bei Drebkau; IV. bei Herzberg; 

V. bei Landeshut; VI. bei Waldenburg; VII. seit 2. Juni (und die 
14. Division) bei Corbetha; VIII. seit 5. Juni bei Halle; Garde — 
bei Berlin und Potsdam; Reservekorps vom 8. — 12. Juni bei Berlin. 

V. Thätigkeit in der Aufmarschperiode. 

In dem vorhergehenden Kapitel war die Lage der deutschen 
Armee am 31. Juli auseinandergesetzt worden. 

In dieser Zeit entstand auch wohl der Entwurf des Marsch- 
tableaus, welchen Moltke für den endgültigen Aufmarsch aufstellte. 1 ) 

Nach dieser Berechnung marschieren die Armeekorps am 
3. August (am 31. Juli hatten alle Armee-Oberkommandos mitgeteilt, 
dafs die Armeen am 3. August marschbereit wären) 2 ) in folgenden 
Richtungen: 

Rechter Flügel. 1. Armee. VII. Korps nach Rehlingen, 
VIII. nach Saarlouis. 

IL Armee und Reserve. III. Korps von Alzey Uber Alsenz, 
Lauterecken, Baumholder, St. Wendel, Landsweiler nach Völklingen. 
IV. — von Mannheim Uber Dürkheim, Frankenstein, Kaiserslautern, 
Bruchmühlbach, Blieskastel nach Saargemünd. IX. — von Göllheim 
Uber Winnweiler, Wolfstein, Cusel, Ottweiler, Sulzbach nach Saar- 
brücken. X. — von Kreuznach Uber Sobernheim, Oberstein, Türkis- 
mühle, Tholey, Lebach nach Saarlouis. Garde und XII. — mar- 
schieren einen Tagemarsch dahinter. I. Korps bei Kaiserslautern. 

VI. — bei Landau oder Mulsbach, beide am 5. August. 

Linker Flügel. III. Armee. Das L bayerische Korps 
marschiert von Speyer Uber Neustadt, Elmstein, Waldh'schbach, 
ZweibrUcken, nach Reinheim und weiter. IL bayerische Korps von 
Germersheim Uber Landau, Annweiler, Pirmasens, Neu-Hombach 

1) Korrespondenz 1870, S. 183. 

2) Generalstabswerk 1870, S. 74. 



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12 Die Thätigkeit Moltke» als Chef des Generalstabes. 

nach Rohrbach und weiter. V. Korps und Württemberger von 
Landau und Germersheim über Weifsenburg, Sulz, Reichshofen, Ing- 
weiler, Puberg nach Saarunion. XI. Korps und Badenser — von 
Germersheim und Karlsruhe Uber Langenkandel und Maxau, Sulz, 
Hagenau, Pfaffenhofen, Lutzelstein nach Finstingen. 

Nach dieser Berechnung befand sich die Armee am 3. August 
in der Linie Maxau- Weifsenburg-Dürkheim- Winnweiler-Sobernheim- 
Rehlingen und am 8. August in der Linie Finstingen-Saarunion- 
Saargemünd-Saarbrücken-Rehlingen, d. h. die L und IL Armee hätten 
am 8. August fast in derselben Linie gestanden, die Moltke am 
6. Mai 1370 (vor Erklärung der Mobilmachung) für den 22. Mobil- 
machungstag bezeichnet hatte, oder in der am 17. Juli endgültig 
festgesetzten Linie; die III. Armee dagegen hätte am 8. August mit 
stark vorgenommenem linken Flügel in Linie Saargemünd-Finstingen 
da gestanden, wo sie erst nach 4 Tagen, am 26. Mobilmachungs- 
tage stehen sollte, wenn die ganze Armee die Linie Ste, Barbe- 
Chateau-Salins-Finstingcn im Vormarsch auf Pont ä Mousson-(Nancy)- 
Luneville erreichte. 

Überhaupt zeigt ein Vergleich der Berechnung vom 6. Mai mit 
der vom 31. Juli, dafs nach ersterer die Armee am 8. August in 
der Linie Ste. Barbe- Chateau-Salins-Finstingen, nach letzterer an 
demselben Tage in der Linie Rehlingen-Saarbrücken-Fiustingen 
stehen sollte. Augenscheinlich bewog Moltke die Verzögerung des 
Einrückens der II. Armee in die Aufmarschlinie und die Gruppierung 
der französischen Hauptkräfte bei Forbach, sowie der Wunsch, auch 
die IU. Armee zur Schlacht mit diesen Hauptkräften heranzuziehen, 
den Aulmarschsplan ein wenig zu ändern. 

Am 31. Juli verliefs der König Berlin und am 2. August be- 
fand sich das grofse Hauptquartier mit Moltke in Mainz; an diesem 
Tage wurde ein Armeebefehl erlassen, dafs der König den Ober- 
befehl über sämtliche Armeen übernähme. Am 2. August wurde 
der II. Armee (Alzey) mitgeteilt, dafs das I. Armeekorps vorläufig 
ihr unterstellt würde und seine erste Hälfte vom 3. August ab in 
Birkenfeld, die zweite vom 4. August ab in Kaiserslautern aus- 
schiffe. Die III. Armee (Speier) erhält Mitteilung, dals ihr das 
VI. Korps vorläufig unterstellt wird, das seine Ausschiffung am 
4. August bei Landau bewerkstelligt. 

Ferner erhält die II. Armee tAlzey) Mitteilung, dals, falls der 
Feind die Offensive heute nicht mit bedeutenden Kräften ergreift 
das IV. Korps nicht Uber Landstuhl hinaus marschiert, und wenn 
der Vormarsch an diesem Tage von Saarbrücken und Saargemünd 
her erfolgt, das III. Korps am folgenden Tage nicht nach Baum- 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



13 



holder marschiert und das IV. Korps bei Kaiserslautern verbleibt. 
Dann wird die Ausschiffung bei Birkenfeld und Kaiserslautern voll- 
ständig gesichert sein. Hierbei wird angenommen, dafs die I. Armee 
sich bei Wadern befindet Die Fortsetzung des Vormarsches des 
III. und IV. Korps kann erst dann erfolgen, wenn die übrigen Korps 
der II. Armee auf einen halben Tagemarsch auf das III. und IV. 
Korps aufgeschlossen sind. Die 1. Kavallerie-Division stölst zu 
der L Armee. Das L Korps wird nach seinem rechten Flügel zu- 
sammengezogen. 

Am 2. August gegen Mittag drängten die Franzosen die Ab- 
teilung Pesteis aus Saarbrücken. Dieselbe sammelte sich am 3. bei 
Hilschbach und Hünschenbach. Moltke weifs von diesem Gefecht 
noch nichts. 

Am 2. August telegraphiert Moltke der II. Armee (Alzey), dals 
die III. Armee sich heute auf dem nördlichen Ufer des Klingbaches 
versammelt, dafs der Feind bei Saargemünd die Grenze Uberschritten 
hat und den Posten in Saarbrücken bedrängt 

Moltke fordert von dem bayerischen, badischen und württem- 
bergischen Kriegsministerium Truppen für die Etappenorte der 
III. Armee; Preufsen stellt zu demselben Zweck 8 Bataillone und 
4 Eskadrons. 

Am 2. August befanden sich: das Oberkommando der 1. Armee 
in Trier, das VII. Korps bei Saar bürg und Zerf, VIII. — bei 
Wadern und Lebach, 1 ) Oberkommando der II. Armee — in Alzey, 
III. Korps — bei Lauterecken und Meisenheim, IV. — zwischen 
Grünstadt und Kaiserslautern, X. — bei Kreuznach, Garde — bei 
Mannheim und Kaiserslautern, XII. — bei Wörrstadt, IX. — bei 
Kirchheimbolanden, Kavallerie in der Linie Tholey-St. Wendel- 
Schönenberg-Mühlbach. 

Am 3. August telegraphiert Moltke an Steinmetz (I. Armee 
Losheim), dals der langsame Vormarsch der Franzosen es der 
II. Armee ermöglicht, sich am 6. August vorwärts der Waldungen 
von Kaiserslautern zu versammeln. Beim schnellen Vorrücken des 
Gegners wird die II. Armee hinter der Lauter versammelt. Zwecks 
gemeinsamen Zusammenwirkens in der Schlacht marschiert die 
I. Armee in dem ersteren Fall Uber St. Wendel, im zweiten Uber 
Baumholder. Wenn der Zusammenstoß in der Linie Ottweiler- 
Homburg stattfindet, mufs die I. Armee bei Tholey stehen und von 
da entweder nach St. Wendel oder nach Baumholder marschieren. 
Die I. Armee erhält Befehl, sich am 4. August in Gegend von 

i) Am 1. August: VU. — Trier und Bitburg, VIII. — Wadern und Neun- 
Urehen. 



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14 



Die Thätigkeit Moltkes als Chet des Generalstabes. 



Tholey zu versammeln, die III. Armee — Uber Weilsenbnrg vorzu- 
marschieren. Der Ubergang zur allgemeinen Offensive wird beab- 
sichtigt Alles dies telegraphiert Moltke auch an die II. Armee 
(Alzey). 

Ferner telegraphiert Moltke der I. (Losheim) und III. (Speier) 
Armee, dals die 1. Kavallerie-Division der 1. Armee zugeteilt wird, 
und vom 5. bis 8. August in Birkenfeld eintrifft, dals die 2. Kavallerie- 
Division der III. Armee zugeteilt wird und mit einem Teil vom 

3. — 6. August in Kastel, mit dem anderen Teil vom 5. — 8. August 
in Bingen eintrifft. 

Am 3. August mittags fragt Moltke infolge der unbestimmten 
Gerüchte von einem Gefechte bei Saarbrücken (2. August) bei dem 
Kommandanten von Saarlonis und dem VIII. Armeekorps an, „was 
gestern bei Saarbrücken vorgefallen ist." Am 3. August 5'*abends trafen 
in Mainz Meldungen aus Lebach (VIII. Korps ab 11 30 vormittags) und 
aus Saarlouis (ab 2 28 abends) Uber das Gefecht bei Saarbrücken ein. 
Moltke telegraphierte um 7 45 abends nach Lebach an das VIII. Korps, 
dafs Saarbrücken jetzt keine Bedeatung habe und dafs das 
VIII. Korps sich gemäls dem der I. Armee erteilten Befehle bei 
Tholey sammeln solle. 1 ) 

4. August. An diesem Tage trat die III. Armee G vormittags den 
Vormarsch gegen die Lauter an. Die Korps marschierten auf folgen- 
den Strafsen: II. bayerische — über Landau-Impflingen-Berg- 
zabern-Ober-Otterbach auf Weilsenburg; V. — von Billigheim über 
Barbelroth-Nieder-Otterbach-Gr. Steinfeld auf Kapsweyer, Avant- 
garde auf St. Remy und Wooghäuser; XI. — von Rohrbach Uber 
Steinweiler-Winden-Schaidt nach BienwaldsmUhle; Werder (Badenser 
und Württemberger) Uber Hagenbach nach Lauterburg; I. bayerische 
Korps — von Germersheim Uber Rülzheim nach Langenkandel; 
Armee-Oberkommando — Langenkandel; 4. Kavallerie-Division Uber 
Mörlheim - Insheim - Rohrbach - Billigheim - Barbelroth - Kapellen nach 
Otterbach. 

Um 8 Uhr morgens begann das Gefecht bei Weifsenburg und 
um 3 Uhr mittags gingen die Franzosen (8 Bataillone der Division 
Douai des I. Korps Mac Mahon) zurück. Der Verlust der Deutschen 
betrug 1500 Mann. Die Armeekorps Ubernachteten vom 4. zum 
5. August: II. bayerische, V. und XI. bei Weilsenburg, I. bayerische 
bei Langenkandel, die Truppen Werders bei Lauterburg, die 

4. Kavallerie-D ivision — bei Otterbach; das Armee-Oberkommando 

>) Am 8. August stand die I.Armee: Oberkommando Losheim, VII. Korps 
Merzig, Broddorf, VIII. — Lebaeh und Heusweiler, 3 Kavallerie-Division — 
Lebach-Losheim. 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes 



15 



— in Schweighofen. Am Abend des 4. meldete der Kronprinz dem 
König den Sieg. 1 ) 

An demselben Tage meldete Steinmetz, dals die I. Armee am 
4. Stellung in dem Dreieck Tholey-Lebach-Ottweiler (VII. Korps 
Bettingen, Avantgarde Hüttersdorf, Lebach, Korps-Artillerie Nun- 
kirchen, Trains-Wadern; VIII. Korps — Tholey, Mainzweiler, Asch- 
bach, Stennweiler, Schiftweiler, Korps-Artillerie Eppelborn, Dirmingen ; 
Trains- Wadern; 3. Kavallerie-Division St. Wendel) genommen hätte. 8 ) 

Moltke telegraphiert am 4. 12° mittags an Steinmetz (Tholey), 
dals er mit dieser Aufstellung der I. Armee einverstanden sei und 
dals dieselbe auch weiter dort zu bleiben habe. Der Ubergang 
über die Saar, hinter welcher der Feind sich verteidigen zu wollen 
scheint, wird nicht vor dem 9. August beabsichtigt, an welchem 
Tage die III. Armee diesen Flufs erreicht. Das bei Hirkenfeld und 
Kaiserslautern zur Ausschiffung gelangende I. Korps kann zur 
I. oder II. Armee stofsen. 

Dem Stab der III. Armee (Landau) wird mitgeteilt, dafs eine 
gemeinsame Operation der III. und II. Armee schon aus dem Grund 
unmöglich sei, weil die II. Armee durch das Haardt-Gebirge 
marschieren müsse. Es sei wünschenswert, dafs die HI. Armee so 
bald als möglich auf Mac Mahon oder auf Failly stielse. Spätestens 
in Hagenau würde es klar werden, ob auch diese Korps nach 
St. Avold-Saargeraünd herangezogen würden. In diesem Falle wäre 
ein weiterer Vormarsch nach Süden ein Luftstols und der Rechts- 
abmarsch nach der oberen Saar, oberhalb Saargemünd würde un- 
vermeidlich. Am 2. sei der deutsche Posten durch 3 Divisionen 
Frossards aus Saarbrücken zurückgedrängt worden, doch sei die 
Station St. Jobann auch am 4. noch nicht vom Feind be- 
setzt worden. Moltke genehmigt folgende Aufstellung der II. Armee 
am 4. August: Armeeoberkommando Winnweiler, IU. Korps — Baum- 
holder-Kusel, Avantgarde St. Wendel, IV. — Landstuhl, Avant- 
garde Homburg; diese Korps hleiben so lange stehen, bis die 
übrigen eintreffen, welche am 4. August erreichen: X. — Meisen- 
heim, IX. — Winnweiler, Garde — Otterberg - Kaiserslautern, 
XH. — Göllheim. Moltke hofft, dafs die II. und I. Armee bis zum 
7. August auf der Linie Ottweiler-Zweibrücken (die Linie Ott- 
weiler- Neankirchen- Homburg -Zweibrücken für die II. Armee) in 
direkte Verbindung treten, das I. Korps verbleibt vorläufig zur Ver- 



•) Michnewitsch, Krieg 1870. Petersburg 1897. Band I, S. 200. 
*) Diese Nachriohten habe ich Michnewitsch, Bedeutung des Krieges 1870, 
entnommen. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



fugung der II. Armee und wird in den Rayon Türkismühle-Tholey- 
St. Wendel gezogen. Das VI. Korps verbleibt vorläufig bei der 
III. Armee und marschiert von Landau nach Pirmasens. Der 
König erliels Befehl, auch das II. Korps (aus Berlin) heranzuziehen 
und es am 9. und 10. August in Neunkirchen und Homburg auszu- 
schiffen. 

Ftlr Etappenzwecke der II. Armee wird die 3. Landwehr-Division 
bestimmt (7. und 8. August in Homburg). 

Allen 3 Armeen wird mitgeteilt, dals ihnen als rückwärtige 
Verbindungslinien zugeteilt werden: 
Der I. Armee Linie F vom 4. August an. 

Der II. Armee Linie Aj vom 11. August, nach Beendigung des 

C | Transportes des II. Korps an. 
B vom 10. August an. 

Der III. Armee Linie D| vom 9. August, nach Beendigung des 

E ) Transportes des VI. Korps an. 
Es wurde folgende Dislokations-Übersicht der französischen 

Armee vom 2. August verteilt: 1. Korps Mac Mahon bei Hagenau, 

5. Failly bei Bitsch; beide marschieren scheinbar zu gegenseitiger 
Vereinigung; 2. Frossard — Saarbrücken und Saargemünd, 3. Bazaine 
— Boulay, 4. Ladmirault — Busendorf, Garde — Metz. Über das 

6. Korps Canrobert fehlen Nachrichten. 

Am 4. August 8° abends erhielt Moltke ein Telegramm von Stein- 
metz (ab St. Wendel 3 M abends) des Inhaltes, dafs eine Flankenstellung 
der I. Armee an der Saar für die II. Armee vorteilhafter sei, als 
die Stellung bei St. Wendel, Tholey oder Baumholder. 8 45 abends 
wiederholt Moltke Steinmetz (Tholey) seine früher getroffene An- 
ordnung. 

Am Abend des 4. erhielt Moltke (wahrscheinlich) ein Telegramm 
des Kronprinzen über das Gefecht bei Weitsenburg zwischen dem 
V., XI. und II. bayerischen Korps und der Division Douai. Aus den 
daraufhin erlassenen Anordnungen 1 ) ist zu ersehen, dafs Moltke das 
Gefecht bei Weilsenburg als den Anfang der Lösung der der 
III. Armee gestellten Aufgabe ansah. 

Am 5. August 6° vormittags schrieb Moltke an Steinmetz (Tholey) über 
die Gründe, welche zu der Versammlung bei Tholey gefuhrt hätten 
und erinnert daran, dafs er schon in Berlin mit Steinmetz, dem 
Generalstabschef seiner Armee und seinem Oberquartiermeister Uber 
die der I. Armee in Bezug auf die anfängliche Deckung der Rhein- 
provinz zufallenden Aufgaben und was noch wichtiger sei, über ihre 



*) Korrespondenz 1870, S. 199, 199 und 201. 



UigitizGd by 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



17 



entscheidende Teilnahme 1 ) an einer Schlachtmit dem linken französischen 
Flügel gesprochen habe und dals die Versammlung bei Wadern 
schon beschlossen gewesen sei, zu einer Zeit, in der man an eine 
Schlacht der II. Armee vorwärts Kaiserslautern noch nicht hätte 
denken können. 

Am 5. August 12 30 mittags telegraphiert Moltke an Steinmetz 
(Tholey) in Beantwortung seines nächtlichen Telegramms an den 
König (ab St. Wendel l 30 vormittags), indem jener sich quasi Uber Moltke 
beschwerte, Moltke bestimme, dals die Strafse St. Wendel-Ottweiler- 
Neunkirchen am 6. August von der L Armee geräumt sein müsse. 
Das I. Korps tritt endgültig in den Verband der I. Armee und wird 
(Uber Homburg) in Neunkirchen ausgeschifft. 

Zu derselben Zeit (12° mittags) schreibt Moltke an Steinmetz, 
dals die Teten der II. Armee schon am 6. die Linie Nennkirchen- 
ZweibrücKen erreichen, der Aufmarsch dieser Armee aber erst 
am 7. beendet ist und für den 8. nach den Gewaltmärschen ein 
Kuhetag vorgesehen ist. Am 7. August marschiert die I. Armee, 
ohne die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen, auf den 
Strafsen Lebach-Saarlouis und Illingen-Völklingen vor und über- 
schreitet am 9. die Saar. 

Die II. Armee (Kaiserslautern) bekommt Mitteilung, — 12 30 
mittags — dals das Vorgehen starker Kavallerie gegen die Eisen- 
bahn SaargemUnd-Bitsch erwünscht sei. Es werden endgültig zuge- 
teilt: das I. Korps — der I. Armee, II. der II. Armee, VI. der 
III. Armee. Der König beschliefst, das Grofse Hauptquartier am 
7. von Mainz nach Homburg zu verlegen. 

Am 5. August standen die Truppen folgendermalsen : I. Armee 

— in den Quartieren des 4., I. Korps — bei Birkenfeld und 
Kaiserslautern, II. Armee — Armee-Oberkommando Kaiserslautern, 
HI. Korps — Neunkirchen, St. Wendel, IV. — Homburg und Zwei- 
brticken, Garde — Kaiserslautern-Landstuhl, X. — ■ Kusel und 
Altenglan, XII. — Münchweiler und Enkenbach, IX. — Otterberg, 
5. Kavalleriedivision — Heusweiler — Zweibrücken; 6. Kavallerie- 
Division — Rohrbach und Neuhäusel; HI. Armee: Armee-Ober- 
kommando Sulz, V. Korps — Preuschdorf, XI. — Sulz, I. bayerisches 

— Ingolsheim, II. bayerisches — Lembach, Korps Werder — 
Aschbach, VI. — Landau, 4. Kavalleriedivision — Hundsbach. 

General Lebrun erzählt, dals Napoleon HI nach der Schlacht 



i) „Ein höchst entscheidendes Eingreifen in die Schlacht« — diese Worte 
Moltkes in der Korrespondenz 1870, S. 195 erinnere Steinmetz an das Gefecht 
bei Naohod im Jahre 1866. 

Jihrbfichar für die deutsch. Arme« and Mario«. Bd 112. 1. 2 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



bei Weifsenburg mit 2—3 Korps Uber SaargemUnd, Blieskastel, 
Zweibrticken auf Homburg und Neunkirchen (gegen die IL Armee) 
vorstofsen wollte. 1 ) Es ist klar, dafs die I. Armee in diesem Falle 
nur dann der II. Armee zu Hilfe eilen konnte, ohne sich einer ent- 
scheidenden Niederlage auszusetzen, wenn sie in der Operations- 
richtung Baumholder-St. Wendel, parallel zu der Operations- 
richtung der Korps der II. Armee stand. Dieses erreichte Moltke 
auch von Steinmetz, welcher seine Armee als eine Avantgarde in 
der Linie Saarlouis-Saarbrücken ansah, die die IL Armee decken 
und im Falle des Vormarsches der II. Armee auf Nancy ihren 
Flankenschutz bilden und Metz südlich umgehen sollte; 2 ) deswegen 
schrieb Steinmetz am 6. (aus Hellenhausen) an Moltke, dafs er in- 
folge seiner engen Unterbringung 3 ) die Strafse St. Wendel-Ottweiler- 
Neunkirchen für die H. Armee nur freimachen könnte, wenn er 
nach Südwesten und näher an die Saar heranrücke. 

Am 6. August 9 10 vormittags verlangt Moltke telegraphisch von der 
IH. Armee (Weifsenburg) nähere Einzelheiten über das Gefecht bei 
Weilsenburg und führt an, dals in Mainz bereits französische 
Zeitungen mit Mitteilungen Uber dieses Gefecht angekommen seien. 

Um 11° vormittags telegraphierte der Führer der 5. Kavallerie-Divi- 
sion, General von Rheinbaben, dem Prinzen Friedrich Karlaus Saarbrücken 
(dieser letztere wahrscheinlich an Moltke), dals die Franzosen an- 
fingen, die Spicherer Höhen zu räumen*]. Auf Grund dessen tele- 
graphierte Moltke 5** abends 5 ) an Steinmetz (Sulzbach), dafs er, da der 
Feind anscheinend von der Saar zurückginge, die Grenze Uber- 
schreiten könne. Er müsse jedoch die Saar unterhalb Saarbrücken 
überschreiten, da die Stralse Saarbrücken-St. Avold der IL Armee 
gehöre. 

Zu derselben Zeit telegraphierte er der IL Armee (Homburg), 
dafs die I. Armee morgen, am 7., die Saar unterhalb Saarbrücken 
Uberschreite und es erwünscht sei, dals aulser der Kavallerie auch 
die Infanterie der IL Armee gegen den Feind vormarschiere. 

Alle 3 Armeen erhielten Telegramme, dafs das grolse Haupt- 
quartier morgen am 7. bis 10° vormittags in Mainz, um 1° mittags in 
Lüdwigshafen, 4° in Kaiserslautern, 6° abends in Homburg sein 
würde. 

Es trifft ein Telegramm des VIII. Korps aus Saarbrücken (ab 

*) Lebrun, Souvenirs militaires 1866—1870, Paris 189B, S. 248. 

a ) Korrespondenz 1870, S. 199. 

*) Michnewitsch, Krieg 1870, S. 279. 

*) Miohnewitsch, Krieg 1870, S. 279. 

& ) Zn dieser Zeit trurde bei Spicheren und Wörth gekämpft. 



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Die Thatigkeit Moltkes als Chef des Generaistabes. 



19 



6 50 abends) ein mit der ersten Nachricht von der Schlacht bei 
Spich eren. 

7** abends fragt Moltke das VIII. Korps (Saarbrücken) telegraphisch 
Uber die Stärke des Feindes, die Nummern seiner Regimenter und 
die Zahl der Gefangenen an. 

Am 6. August standen die Armeen folgendermaßen : I. Armee. 
Um die Stralse St. Wendel-Ottweiler-Neunkirchen freizumachen 
und als Grenze zwischen sich und der II. Armee (III. Korps,) die 
Nahebahn von Landsweiler — bis Mainzweiler zu legen, hatte 
Steinmetz seiner Armee befohlen, nach Südwesten vorzumarschieren 
und zwar zufolge Verfügung vom 5. abends: VII. Korps — von 
Lebach nach Hilschbach, Avantgarde nach Völklingen und Saar- 
brücken; VIII. — in die Linie Fischbach-Quierscheidt-Mergweiler; 
3. Kavalleriedivision — Lebach; Armeeoberkommando — Hellenhausen. 
H.Armee. Am 6. August sollten erreichen: III. Korps. — Neunkirchen, 
Avantgarde — Saarbrücken, IV. — Zweibrücken, Avantgarde — Neu- 
Hombach, X. — Waldmohr, Garde — Homburg, IX. — Landstuhl, 
XII. — Kaiserslautern. 

Am 6. August, zwischen 10 und 11 Uhr morgens ging die 
14. Division des VII. Armeekorps durch Saarbrücken und marschierte 
südlich der Stadt gegenüber der von dem 2. französischen Armeekorps 
Frossard mit 29000 Mann besetzten Stellung bei Spicheren auf. Um 
4 Uhr mittags traf die 5. Division des III. Korps ein, nach 7 Uhr 
abends — die 16. Division des VIII. und die 13. Division des VII. 
Korps über Völklingen auf Forbach. 

Von 11° vormittags bis 9° abends fand die Schlacht bei 
Spicheren-Forbach statt. Die Verluste der Deutschen betrugen 4871 
Mann. Nach der Schlacht Ubernachteten die Truppen vom 6. auf 
den 7. in folgender Weise: 

I. Armee. Oberkommando — St. Johann, VII. Korps — Klein 
Rossel und Stiring, VIII. — Spicheren, Mergweiler, I. — Rarastein, 
Birkenfeld, 3. Kavallerie-Division — Labach, 1. Kavallerie-Division 
— Birkenfeld. 

II. Armee. Oberkommando — Homburg, UI. Korps — Spicheren 
und Neunkirchen, 5. Kavallerie-Division — Saarbrücken, 6. Kavallerie- 
Division — Rohrbach, die übrigen Korps wie oben angegeben. 

Die Truppen der III. Armee erfochten an demselben Tage — 
6. August — einen Sieg bei Wörth und schlugen 35000 Mann 
Mac Mahons in die Flucht. In seiner am 5. August erlassenen Dis- 
position befahl der Kronprinz der III. Armee für den 6. August eine 
Frontveränderung nach rechts: V. und U. bayerische Korps auf 
Preuschdorf und Lembach, XI. auf Hölschloch, I. bayerische auf 

2* 



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20 



Die Thätigkeit Moltkea als Chef des Generalstabes. 



Lobsann und Lampertsloch, Werder — Keimersweiler (Front nach 
Süden), Posten im Hagenauer Wald, 4. Kavallerie-Division auf 
Hundsbach, Oberkommando — Sulz. Am 6. Augast 8° vormittags be- 
gann die Schlacht bei dem II. bayerischen Korps; es nahmen an 
ihr Teil das I. bayerische, V., XI. und ein Teil des Werderschen 
Korps; um 5° abends trat Mac Mahon den Rückzug an. Die Ver- 
luste der Deutschen betrugen 10642 Mann. 

Die III. Armee Ubernachtete folgendermafsen: V. Korps — bei 
Fröschweiler, XI., I. und bayerische — bei Elsafshausen und Wörth, 
Werder — bei Günstedt und Schwabweiler, VI. Korps — bei Landau, 
4. Kavallerie -Division — bei Günstedt. Die Nachricht von dem 
Sieg bei Wörth erhielt Moltke anscheinend 1 ) in der Nacht vom 6. 
auf den 7. August, durch ein Telegramm des Kronprinzen aus Sulz, 
ab 10" abends. 

Am 6. August teilte Moltke dem Kriegsminister (Mainz) den 
Befehl des Königs Uber die Formierung eines zu „einem besonderen 
Zweck" 2 ) bestimmten zusammengesetzten Korps aus der 3. Landwehr- 
Division, 2 Infanterie- und 1 Ulanen-Regiment aus Mainz und 3 
Reservebatterien bei Kaiserslautern mit. 

An demselben Tage erhielt Moltke einen neuen Brief Steinmetzs 
aus Hellenhausen. Am 7. August hatte Steinmetz dem Oberkommando 
der II. Armee ein Telegramm gesandt, anscheinend bezüglich der 
Anhäufung der Truppen beider Armeen bei Spicheren und Friedrich 
Karl hatte dieses dem König Ubergeben. Moltke antwortete am 8. 
Steinmetz im Namen des Königs. In seiner Antwort erinnerte er 
daran, dafs der I. Armee ursprunglich die Richtung auf Saarlouis 
angegeben war und dafs ihr am 29. Juli und 3. August befohlen 
worden war, in der Linie Wadern - Saarlouis und Tholey - Lebach 
stehen zu bleiben um das Herankommen der II. Armee nicht in 
isolierter, sondern in rlankiei ender Stellung abzuwarten. Statt dessen 
hatte die L Armee ihre Quartiere über die angegebene Linie bis 
Ottweiler ausgedehnt, weshalb sie am 5. August von neuem auf die 
Strafsen nach Saarlouis und Völklingen hingewiesen wurde. Sie 
wählte jedoch die Stralsen Uber Guichenbach und Fischbach in 
Richtung auf Saarbrücken-Forbach, wodurch ihr weiter Vormarsch 
durch bei Boulay (Bolchen) versammelte französische Truppen 
flankiert worden wäre. Aus diesem Grunde erkennt der König die 
von Steinmetz angeführten Gründe als ungenügend und findet die 
Bewegungen der II. Armee seinen Absichten durchaus entsprechend. 3 ) 

1) Korrespondenz 1870, S. 203, Nr. 118 und 119. 

2 ) Gegen Hetz. 

3) Korrespondenz 1870, S. 199, 206 und 207. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



21 



In seiner im Jahre 1888 verfafsten Beschreibung des Krieges 
1870 bezeichnet Moltke die Steinmetz gestellte Aufgabe, die Stralsen 
für die IL Armee freizumachen als nicht schwer ausführbar, wenn 
auch der zu diesem Zweck nötige Vormarsch der I. Arme* iu süd- 
westlicher Richtung unerwünscht war. 1 ) 

7. August. Am 7. 3 30 vormittags telegraphiert Moltke der L 
und II. Armee, dafs die III. Armee am 6. bei Wörth einen Sieg 
über Mac Mahon und Teile des Korps Canrobert und Failly davon- 
getragen habe. Der Widerstand des Gegners (bei Wörth und 
Spicheren) läfst vermuten, dafs sich noch bedeutende Streitkräfte 
desselben nahe der Saar befinden, was durch die Kavallerie aufzu- 
klären ist Um 8 1 * vormittags telegraphiert Moltke der II. Armee 
(Homburg), dafs Mac Mahon auf Bitsch zurückgegangen ist und am 
8. bei Rohrbach eintreffen kann. 

In seinem Brief an Blumenthal (Sulz) 9 30 vormittags setzt 
Moltke seine Ansichten Uber den weiteren Verlauf der Operationen 
auseinander. Er sagt, dals sich die II. Armee heute in der Linie 
Saarbrücken-Neu Hornbach, die I. Armee in der Linie Saarbrücken- 
Völklingen unter Besetzung von Spicheren-Forbach befindet. Die 
III. Armee marschiert auf Niederbronn. Von Seiten der Franzosen 
wäre es das Richtigste, die II. Armee anzugreifen, welche noch 
nicht alle Korps heranziehen kann. Wenn die französische Armee 
auf Metz zurückgeht, entfernt sie sich von Mac Mahon und setzt ihn 
der Niederlage durch die IL Armee aus. Wenn die französische 
.Armee Mac Mahon abwartet, so findet ihre Vereinigung mit ihm bei 
Saarburg statt (worauf Moltke schon am 16. November 1867 hin- 
wies. 2 )) Deshalb ist es von höchster Wichtigkeit zu erfahren, ob 
Mac Mahon nach Westen oder Südwesten — , und die französische 
Armee von Forbach und Saarbrücken nach Metz oder nach Süden 
gegangen ist. Vorläufig scheint es richtig, dals die I. und IL Armee 
nicht nach der Mosel (oberhalb Metz), sondern zunächst nach Süden 
marschieren, um die Verbindung mit der III. Armee herzustellen. 
Man mufs Hagenau in Besitz nehmen, wo sich wahrscheinlich eine 
Abteilung aus Strafsburg und Vendenheim befindet, um die Benutzung 
der Eisenbahn Strafsburg -Nancy für die Deutschen zu sichern. 
Der Belagerungspark für Stralsburg wird beute mobil gemacht. 
Übrigens werden Direktiven für den weiteren Vormarsch erst dann 
gegeben, wenn die Kavallerie Nachrichten Uber den Feind gebracht hat. 

Es ist klar, dafs Moltke die Schlachten bei Wörth und Spicheren 



1) Moltke, „Gesammelte Schriften" Bd. III, S. 11 und 19. 

2) Korrespondenz 1870, S. 86. 



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22 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



als Avantgardengefechte betrachtete, welche die Verbindang mit dem 
Feinde herstellen und der Oberleitung Grundlagen für die weiteren 
Mafsnahmen geben sollen 1 ) und eine Hauptschlacht mit der franzö- 
sischen Armee erwartet, welche er nach Angabe seines Abteilungs- 
chefs in der Linie Boulay- Puttelange annahm. 3 ) Hier konnten 
227000 Mann Infanterie, einschliefslich Teile des Korps Mac Mahons 
vereinigt sein. 3 ) 

Am 7. August 10' 5 abends befand sich das grofse Haupt- 
quartier in Homburg. Die Armee war au diesem Tage folgender- 
maßen disloziert: 

I. Armee. Oberkommando : Völklingen, VU. Korps bei Forbach 
Stiring, VIU. — Malstatt, I. — Birkenfeld und Sand, 3. Kavallerie 
Division — Fraulautern, 1. Kavallerie-Division — Lebach und 
Birkenfeld. 

II. Armee. Oberkommando — Blieskastel, Garde — Ottweiler. HI. 
Korps — Saarbrücken und Galgenberg, IV. — Vollmünster und Rohr- 
bach, X. — St. Ingbert, XII. — Homburg, IX. — Bexbach, S.Kavallerie- 
Division — Kl. Blittersdorf und Habkirchen, 6. Kavallerie-Division — 
Saarbrücken. 

HI. Armee. V. Korps — Fröschweiler, XI. — Elsalshauseu und 
Wörth, I. bayerisches — Fröschweiler und Oberbronn, II. bayerisches 

— Niederbronn und Reichshofen, Werder — Gundershofen, Griesbach 
und Hagenau, VI. — Sulz und Landau, 4. Kavallerie-Division — Buchs 
willer, 2. Kavallerie-Division — Mainz. 

8. August. An diesem Tage war die Armee folgendermalsen 
untergebracht: 

I. Armee. VU. Korps — Klein Rofsel und Forbach, VIU. — Spicheren, 
I. — Birkenfeld und Stiring, 3. Kavallerie-Division — Derlen, 1. Kaval- 
lerie-Division — St. Johann, Oberkommando — Völklingen. 

II. Armee. Oberkommando — Saargemünd, Garde — Grols Reder- 
ching, IU. Korps — Saarbrücken und Forbach, IV. — Rohrbach und 
Lorenzen, X. — Saargemünd, XII. — Homburg, IX. — Bexbach, 5. 
Kavallerie-Division — Puttelange und Saarunion, 6. Kavallerie-Division 

— St. Avold. 

IU. Armee. V. Korps — Urwiller,XI. — Pfaffenhofen, I. bayerisches- 
Bärenthal und Mauterhausen, U. bayerisches — Egelshardt, Werder — 
Ingwiller, VI. — Hagenau, Schorbach, Langelsheim, 4. Kavallerie-Divi- 
sion — Buxwiller, 2. Kavallerie- Division — Hagenau. 

Da noch keine Nachrichten von der Räumung von Boulay und 

i) Moltke „Gesammelte Schriften" Bd. III, S. 25. 
2; Korrespondenz 1870, S. 207. 
3 ) Generalstabswerk 1870, S. 69. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalatabes. 



23 



Busendorf durch den Feind eingelaufen waren, erhielt die L Armee 
Befehl, auch am 9. in ihren Quartieren zu verbleiben. Die letzten 
Korps der II. Armee wurden am 9. an der Saar erwartet. Es 
wurde allen Armeen befohlen, sämtliche Meldungen an Moltke und 
nicht an den König zu adressieren. 

9. August. Unterbringung der Armee. 

L Armee. Wie am 8. 

II. Armee. Oberkommando — Saargemünd, Garde — Grofs 
Rederching, III. Korps — Forbach, St. Avold, IV. — Lorenzen, X. — 
Saargemünd, XII. — Habkirchen, IX. — St. Ingbert, II. — wird in 
Neunkirchen ausgeschifft, 5. Kavallerie -Division — Puttelange, 
Lorenzen, Saaralbe, 6. Kavallerie-Division — Grofs Kederching. 

III. Armee. V. Korps — Weiterewiller, XI. — Dossenheim und 
Steinbourg, I. bayerisches — Enchenberg, II. bayerisches — Lemberg, 
Werder — Meisenthal, VI. — Schorbach, 4. Kavallerie-Division — 
Buxweiler, 2. Kavallerie-Division — Hagenau. 

An diesem Tage 8° abends erliefs Moltke aus dem Grofisen 
Hauptquartier in Saarbrücken 1 ) folgenden Befehl an alle 3 Armeen: 

„Nach eingegangenen Nachrichten ist der Feind auf die Mosel 
zurückgegangen, vielleicht auch hinter die Seille. Alle 3 Armeen 
folgen ihm. Die III. Armee auf der Strafse Saarbrücken-Dieuze 
und südlich; die II. Armee auf der Strafse St. Avold-Nomeny und 
südlich; die I. Armee auf der Stralse Saarlouis-Boulay-Tennschen 
und südlich. Die Kavallerie ist weit vorauszusenden und durch 
weit vorgeschobene Avantgarden zu unterstützen, damit die Armee 
Zeit hat, sich zu versammeln." 

„Den 10. August können die I. und U. Armee zur Ruhe 
oder zur Aufstellung der Truppen in den neuen Richtungen ver- 
wenden." 

„Da der linke Flügel, die UI. Armee, erst am 12. August die 
Saar erreicht, machen die Korps des rechten Flügels kleine Märsche." 

Dieser Befehl wurde der HI. Armee (Mertzweiler) um 9 30 abends 
telegraphisch mitgeteilt. 

Am 10. Aagust teilt Moltke der I. und II. Armee mit, dals 
letzterer aulser den an der Stralse St. Avold-Trittelingen-Falkenberg- 
Herlingen -Hanna der Nied-Nomeny gelegenen Ortschaften auch alle 
*/ 4 Meile nördlich derselben gelegenen Orte gehören. 

Die 3. Landwehr-Division in Kaiserslautern erhält Befehl, nach 
Saarlouis zu marschieren (um Metz während der Umgehung zu beob- 



') Am 9. August 9" vormittags befand sich das Grolse Hauptquaitier noch 
in Homburg, um 4° abends iu Saarbrücken. 



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24 



Die Thätitfkeit Moltkes als Chef des GeneralsUbes. 



achten.) 1 ) Die 1. Landwehr-Division soll nach Hagenau transportiert 
werden. 9 ) Die badische Divison (Brumath) hat Zuzüge von Ver- 
stärkungen nach Stralsburg von Süden her zu verhindern. Das 
Grolse Hauptquartier trifft morgen II 5 abends in St. Avold ein. 
An diesem Tage, dem 10. August, standen die Truppen wie folgt: 

I. Armee: Oberkommando — Lauterbach ; VII. Korps — Carling, 
l'Höpital, VIII. — Lauterbach, I. — Creutzwald, X. Kavallerie-Division 
— Uberherrn, l. Kavallerie-Division — Ludweiler. 

II. Armee: Oberkommando — Saargemünd, Garde — Saaralbe, III. 
Korps — St Avold, IV. — Saarunion, X. — Puttelange, XU. 
Habkirchen, IX. — Saarbrücken, II. — Neuukirchen (Ausschiffung), 
5. Kavallerie-Division — Faulquemont, Eschwiller, Altroff, 6. Kaval- 
lerie-Division — Saaralbe. 

III. Armee. V. Korps — Weyer, XI. — Hattmatt, Dossen- 
heim, I. bayerische — Enchenberg, II. bayerische — Mautcrhausen, 
Werder, Adamsviller, VI. — Rohrbach, 4. Kavallerie-Division — 
Memtick, 2. Kavallerie-Division — Hagenau. 

Am 10. August stand die deutsche Armee in der von Moltke 
in dem Operationsplan nach Beendigung des Aufmarsches vorge- 
sehenen Richtung. Darum schlielsen wir hier mit dem Resultat des 
Aufmarsches und besprechen den weiteren Gang des Feldzuges 1870, 
soweit er in den Rahmen unserer Aufgabe fällt, in Kapitel VI. 
dieser Studie. 

Vergleicht man zum Schlufs alle von Moltke im Frieden getrof- 
fenen Vorbereitungen für den Aufmarsch im Jahre 1870 (unter der 
Annahme, dals die Versammlung an der Grenze selbst stattfände), 
mit dem wirklichen Aufmarsch der die Zurückverlegung der Aus- 
schiffung nötig machte, so wird man sich davon überzeugen, dals 
letztere den Zeitpunkt des vollendeten Aufmarsches nicht hinausschob, 
denn die nach der Berechnung vom 6. Mai 1870 3 ) am 25. Mobil- 
machungstag d. h. am 9. August einzunehmende Linie wurde auch 
in Wirklichkeit am 10. August erreicht (Schlüte folfrt>. 

i) Korrespondenz 1870, S. 212. 

*) Von Lübeck und Wiesmar. Generalstabswerk 1870, 8. 80. 
a ) Korrespondenz 1870, S. 185. 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 25 



Ii. 

Strategische Rückblicke auf die Ereignisse im südöstlichen 
Teile des französischen Kriegsschauplatzes im Dezember 1870 

nnd Januar 1871. 

Von 

Maschke, Oberst z. D. 



Schon unser Kriegsphilosoph Carl v. Clause witz schrieb in 
seinem Werke „Vom Kriege*', also bereits in den ersten Jahr- 
zehnten unseres Jahrhunderts: „Dals Kriege, welche mit der ganzen 
Schwere der gegenseitigen National kraft geführt werden, nach an- 
deren Grundsätzen eingerichtet sein müssen, als solche, wo alles 
nach dem Verhältnis der stehenden Heere zu einander berechnet 
wurde, ist leicht einzusehen". 

Es lehrt uns auch die neuere Kriegsgeschichte, dals den Wider- 
stand grolser mächtiger Staaten selbst der entschieden siegreich 
vorschreitende Angreiter nicht an der Quelle seiner Kraft aufzu- 
suchen vermag. Iu einem solchen grofsen Kriege tritt notwendig 
die Phase ein, wo sich der Sieger schliefslich mehr oder minder 
tief inmitten des feindlichen Gebietes findet, rings herum umgeben 
von überlegenen feindlichen Massen, wo das eingedrungene Heer, 
nur noch in mehr oder minder lockerer Verbindung mit den eigenen 
Hilfsquellen, die gesamte entfesselte Volkskraft des feindlichen 
Landes sich gegenüber sieht. Die strategische Offensive mufs früher 
oder später ihre Grenze finden, und ist es bis dahin nicht gelungen, 
den Verteidiger dem Willen des Siegers gefügig zu machen und 
einen vorteilhaften Friedensschluls zu erreichen, dann wird der sieg- 
reiche Angreifer seinerseits auf eiue Verteidigung im grolsartigen 
Mafsstabe sich zurückgeworfen sehen, bei der es darauf ankommen 
wird, den strategischen Widerstand des Gegners an der zähen Aus- 
dauer der eigenen Kräfte sich abstofsen, sich schwächen und schliels- 
lich erschöpfen zu lassen. 

In einer solchen Lage befand sich das deutsche Heer 1870/71 
in dem Kampfe mit dem republikanischen Frankreich. Nach der 
Katastrophe von Sedan und dem Sturze des Kaiserreichs fand sich 
in Frankreich vorläufig keine legale Gewalt mehr, mit d?r Friedens- 
verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg hätten angeknüpft werden 
können; der Krieg mutete also fortgesetzt werden. Die Franzosen 
hatten keine Armee mehr im Felde, ihre Widerstandskraft beruhte 



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-26 Strategische Rüokblioke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



augenblicklich ausschließlich nur auf den Festungen des Landes. 
Die Deutschen mufsten jetzt demnach die eigentliche Entscheidung 
des Krieges unter den Mauern der Landeshauptstadt suchen; und 
da sehen wir denn nach dem schnellen Siegeslaufe der ersten 
Monate das deutsche Heer nicht nur auf ein langes und mühevolles 
Zuwarten angewiesen, sondern bald auch inmitten einer grofsartigen 
Volkserhebung sich auf die schwierigste Defensive zurückversetzt. 
Die wehrfähige Bevölkerung Frankreichs ergriff" die Waffen ; in allen 
noch nicht von den Deutschen besetzten Teilen des Landes bildeten 
sich neue Armeen. Bald wurde es für die deutsche Heeresleitung 
zur Hauptaufgabe, die von Süden, wie von Norden drohenden Ent- 
satzversuche abzuwehren. Die Mittel hierzu konnten anfänglich nur 
aus der Einschlielsungslinie selbst entnommen werden; andererseits 
machten feindliche Ausfälle die Verstärkung bald der einen, bald 
•der anderen Front der dünnen Cernierungslinic notwendig. 

So war es bereits anfangs Oktober der Republik gelungen, 
60000 Mann an der Loire zu versammeln. Mit den vor Paris ent- 
behrlichsten Truppen wurde General v. d. Tann dem anrückenden 
15. französischen Korps entgegengesandt, schlug dieses am 10. Oktober 
bei Artenay, am 11. bei Orleans, warf es Uber die Loire zurück 
und besetzte genannte Stadt. Doch schon vor Ablauf des Mouats 
war hier den Deutschen gegenüber eine ungleich stärkere Armee 
wieder vereinigt, bestehend aus dem 15. und 16. französischen 
Korps. General v. d. Tann war durch die notwendige Abgabe 
eines Teils seiner Truppen zur Beobachtung feindlicher Streitkräfte 
an der Eure und unteren Seine bedeutend geschwächt worden und 
sah sich daher nach dem Gefecht bei Coulmier am 9. November 
zum Rückzug auf S. Peravy genötigt. Die Franzosen nahmen jedoch 
von weiteren Angriffen vorläufig Abstand und begnügten sich mit 
der Behauptung einer ausgedehnten Stellung zum Schutze von 
Orleans. 

Auf dem östlichen Kriegsschauplatze war inzwischen am 27. Sep- 
tember Strafsburg gefallen. General v. Werder hatte sich mit dem 
14. Armeekorps gegen das Saöne-Thal und die Cöte d'Or gewendet, 
die ihm entgegentretenden Scharen des Generals Cambriel zurück- 
geworfen und Dijon besetzt. Im Elsals wurde Schlettstadt und 
Neubreisach genommen, Beifort eingeschlossen. 

Sehr zu rechter Zeit hatte aber Bazaine am 25. Oktober in 
Metz kapituliert. Die I. und IL deutsche Armee konnten jetzt zur 
Sicherung der Einschlielsung von Paris im Norden und Süden ver- 
wendet werden. General v. Manteuffel vermochte zwar nur mit 
sehr schwachen Kräften von Metz abzurücken, dennoch schlug er 



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Strategische Rückblicke auf den franzüsischen Kriegsschauplatz etc. 27 



schon am 27. November den General Farre bei Amiens, rückte acht 
Tage später in Kouen ein und drängte den General Brian d bis an 
das Meer zurück. Unterdessen war in der zweiten Hälfte des 
Monats November Prinz Friedrich Karl gegenüber Orleans er- 
schienen und nahm hier Anschlufs an die bereits unterm 7. d. Mts. 
formierte Abteilung des Grolsherzogs von Mecklenburg, welche in 
der Zwischenzeit die im Westen auftauchenden Scharen des Feindes 
zerstreut hatte. 

Auf französischer Seite war nach der Wiederbesetzung von 
Orleans die Armee an der Loire allmählich bis auf 200000 Mann 
gebracht worden. Garabetta, der als Kriegsminister die Leitung 
der militärischen Operationen selbst in die Hand genommen, wollte 
diese Heeresmassen Uber Fontaiuebleau gegen Paris vorgehen, einem 
gleichzeitigen Ausfall der Besatzungsarmee die Hand reichen und 
so die Verbindung der Hauptstadt mit den Provinzen wieder her- 
stellen lassen. Die Vorbewegung der Franzosen begann am 28. No- 
vember von ihrem i echten Flügel aus, aber das 10. preufsische 
Armeekorps wies im Verein mit der 5. Infanterie-Division bei 
Beaune la Rolande alle Angriffe des weit überlegenen Gegners 
zurück. Nachdem dann am 2. Dezember auch der französische 
linke Flügel einen Versuch gemacht hatte, vorzudringen, jedoch von 
der Armeeabteilung des Grolsherzogs von Mecklenburg bei Loigny- 
Poupry zurückgewiesen worden war, ging Prinz Friedrich Karl 
am 3. seinerseits mit allen Kräften konzentrisch zum Angriff vor, 
warf in zweitägiger Schlacht das französische Heer aus allen seinen 
Stellungen heraus, zersprengte dasselbe in zwei Hälften und besetzte 
von neuem Orleans. Der gleichzeitig mit dem Vorgehen der Loire- 
Armee gegen den östlichen Teil der Einschliefsung von Paris 
unternommene Ausfall war am 2. Dezember an dem Widerstande 
der Deutschen bei Villiers gescheitert. 

Schon nach kurzer Frist hatte aber Gambettas unermüd- 
liche Thätigkeit es fertig gebracht, der bei Orleans geschlagenen 
Armee Verstärkungen zuzuführen und aus jeder der Hälften eine neue 
Armee bilden zu lassen. General Chanzy schritt sofort, gestützt 
auf den Wald von Marche*noir, wieder zu lebhaften Angriffen, denen 
die Armeeabteilung des Grolsherzogs in der dreitägigen Schlacht 
bei Beaugency-Cravant vom 8. bis 10. Dezember einen kräftigen 
Widerstand leistete. Als aber die zweite deutsche Armee von 
Orleans heranrückte, wurden die Franzosen bis Uber den Loir zurück- 
gedrängt und die Deutschen besetzten Blois sowie Vendönie. Die 
andere französische Armee unter Bourbaki bei Bourges hatte sich 
einstweilen noch unthätig verhalten. Die Gefahr für die Cernierungs- 



28 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



Armee im Süden von Paris war glücklich abgewendet. Die deutsche 
11. Armee wurde bei Orleans konzentriert. 

Die deutsche oberste Heeresleitung hatte bald nach der Schlacht 
von Orleans in Erwägung gezogen, dafs die an der Loire aufwärts 
zurückgewichene Armeegruppe einen Vorstols Uber Nevers und Grien 
gegen Paris versuchen könnte. Für den Eintritt dieser Eventualität 
war daher dem Prinzen Friedrich Karl am 12. Dezember die 
Kooperation der 13. Division unter General v. Zastrow zugesagt 
worden, der schon am 27. November in Metz die Weisung erhalten 
hatte, mit den verfügbaren Kräften seines Korps sich zwischen die 
an der oberen Loire und die bei Dijou stehenden Heeresgrüppen 
einzuschieben, und jetzt bei Chätillon s. Seine stand. Auf dem süd- 
östlichen Kriegsschauplatze hatte General v. Werder am 26. und 
27. November die Angriffe des durch die Berge der Cöte d'Or gegen 
Dijon vorgerückten Korps Garibaldi zurückgeschlagen und am 
18. Dezember wurde bei Nuits die französische Division Cremer 
zurückgeworfen. General v. Zastrow erhielt am IG. Dezember den 
Befehl, nach Auxerre aufzubrechen und dort Fühlung an die II. Armee 
zu nehmen. Es schien zu jener Zeit, als ob die I. Loire-Armee 
Bourbakis sich auf Montargis in Bewegung gesetzt hätte. 

Um Mitte Dezember stand also das deutsche Heer mit seinen 
Spitzen an der Seine-Mündung und jenseits der Loire; zwei Armeen 
hielten Paris eingeschlossen. Im Rücken dieser Streitkräfte mufste 
fast ein Dritteil des französischen Gebietes besetzt gehalten werden, 
während die Verbindung mit der Heimat durch einige noch in 
Händen des Gegners befindliche Festungen und durch nachhaltige 
Bahnzerstörungen nicht unwesentlich erschwert wurde. Zwar war 
schon gegen Ende September auf der Eisenbahn von der deutschen 
Grenze bei Weilsenburg Uber Chalons s. Marne ein durchgehender 
Verkehr bis Nanteuil eröffnet und dieser dann am 21. November 
bis Lagny bei Paris ausgedehnt worden. Auch hatte man zur selben 
Zeit den von jener Hauptlinie sich abzweigenden Schienenweg 
Chalons-Soissons-Mitry (bei Paris) in Betrieb setzen können, woran 
sich anfangs Dezember die Strecke Soissons-Laon-Rheims-Chalons 
s. Marne schlols. Gleichzeitig war auch die Herstellung eines bei 
Blesme von der Hauptlinie Nancy-Lagny sich abzweigenden Schienen- 
weges Chaumont-Chätillon s. Seine-Nuits sous Raviere-Joigny-Moret- 
Montargis-Juvisy erfolgt, welcher später bis Orleans seine Fortsetzung 
finden sollte. Für das Korps Werder gelang es endlich, Ende De- 
zember die bei Blainville in die erwähnte Hauptlinie einmündende 
Eisenbahn bis Epinal zu eröffnen. Diese rückwärtigen Schienen- 
verbindungen litten jedoch an dem Übelstande, dals sie sämtlich 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz eto. 29 

in dem einzigen Hauptstrange auf der Strecke Blesrue-Frouard (bei 
Nancy) zusammen liefen, was bei der Bewältigung eines so bedeu- 
tenden Verkehrs, wie ihn die Bedürfnisse des deutschen Heeres 
erheischten, sich als ein um so fühlbarerer Mangel erweisen mufste. 
Überdies überbrückt dieser Schienenweg aut der Strecke Frouard- 
Tonl die Mosel dreimal. Das Bestreben der deutschen Heeresleitung 
war demzufolge darauf gerichtet, eine zweite durchgehende Eisen- 
bahnverbindung auf der Linie Metz-Thionville-Mezieres-Rheims zu 
gewinnen. Da dieser Schienenweg jedoch anfänglich durch die 
noch im französischen Besitz befindlichen Festungen Thionville, 
Montmedy und Mezieres gesperrt gewesen war, so konnte der durch- 
gehende Verkehr auf dieser Linie bis Rheims erst am 21. Januar 1871 
eröffnet werden. Bis dahin bildete also für das deutsche Heer vor 
Paris die Eisenbahn Lagny -Nancy mit ihren betreffenden Neben- 
strecken die einzige Hauptverkehrsader mit der Heimat. 

Diese eben dargelegten schwierigen Verhältnisse geboten der 
deutschen obersten Heeresleitung, den Kreis der ferneren Angriffs- 
thätigkeit bestimmt zu begrenzen. Ein allerhöchster Befehl vom 
17. Dezember bestimmte daher, dafs die I. und II. Armee ihre Haupt- 
kräfte an geeigneten Sammelpunkten aufzustellen und dereu nächste 
Umgebung von feindlichen Abteilungen frei zu halten, im Übrigen 
jedoch das Wiederauftreten des Feindes im offenen Felde abzuwarten 
und demselben dann schnell und kräftig zu begegnen hätte. 

Im französischen Lager trug man sich zu dieser Zeit wieder 
mit neuen Operationsplänen für die Offensive. Es wurde schlieislich 
ein Unternehmen vorbereitet, das in seiner weitgehenden und ver- 
schiedene Ziele zusammenfassenden Veranlagung eine gröfsere Armee 
nach dem östlichen Kriegstheater ftlhren sollte. 

Wie Frey einet in seinem Werke: r La guerre en Province 
pendant le siege de Paris 18 70/71" angieht, soll die I. Loire- 
Armee Bourbakis am 18. Dezember in einer Stärke von 100000 Mann 
mit 300 Geschützen wieder operationsfähig gewesen sein. Bereits 
am 16. hatte aber Gambetta dem General angekündigt, dafs der- 
selbe unverzüglich eine kräftige Diversion auf dem rechten Loire- 
ufer zu machen hätte, um den General Chancy zu degagieren. Un- 
geachtet sehr begründeter Bedenken und Einwendungen dagegen 
sah sich Bourbaki doch genötigt, seine Armee auf Nevers zu diri- 
gieren. Wie derselbe später vor der Kommission der enquete parla- 
mentaire erklärte, wollte er versuchen, bis Montargis vorzudringen, 
indem er auf dem rechten Loireufer abwärts zog, um die Preufsen, 
welche bis Cosne vorgerückt waren, in den Rücken zu nehmen. Es 
entsprach diese Bewegung wohl dem allgemeinen Plane einer Offen- 



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■I 



30 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

sive, geführt von Süden nach Norden, direkt gegen Paris, um in 
Verbindung mit einem Ausfalle der Truppen der Hauptstadt den 
Einschliefsungsgürtel zu durchbrechen. General Bourbaki ge- 
horchte aber hierbei nur dem erhaltenen Befehle. „Die Bewegung gefiel 
mir nicht sehr", sagte er vor der Untersuchungs-Kommission, „weil 
die Preufsen, welche Chaumont, Chätillon s. Seine und Auxerre 
besetzt hatten, mir den Rückzug abschneiden konnten. Aber es war 
notwendig, wenigstens irgend etwas zu versuchen." 

Sobald die Nachricht von der beabsichtigten Operation auf 
Montargis nach Bordeaux gelangte, beschloß der Kriegsdelegierte 
de Freycinet, einen anderen Plan zur Geltung und Annahme zu 
bringen. Es handelte sich hierbei um eine grolse strategische Be- 
wegung auf Beifort, welche den Feind auf seinen rückwärtigen 
Verbindungen bedrohen sollte. Am 18. Dezember früh hatte Frey- 
cinet die Anordnungen Gambettas bezüglich des Marsches auf 
Montargis erhalten, an demselben Vormittage noch antwortete er 
dem Minister: „ .... Im Verein mit Herrn de Serres hatte ich 
eifrig über dem Plane zu einer nächsten Aktion studiert Derselbe 
weicht in einigen Punkten von demjenigen ab, welchen Sie mir 
wohl mitteilen wollen, und ich halte es für nützlich, ja für not- 
wendig sogar, dafs Sie darüber unterrichtet werden, ehe noch die 
Ausführung der Ihrigen beginne. Ich sende Ihnen also heute noch 
Herrn de Serres nach Bourges mit einem ausführlichen Briefe. Er 
wird in der Nacht anlangen; es wird immerhin noch Zeit für Sie 
sein, nach Lesung meines Briefes Ihrem Plane seinen Lauf zu lassen, 
wenn Sie sich deshalb so entschließen. Es wird durchaus keine 
Verzögerung verursacht, und wie ich glaube, werden Sie nicht be- 
dauern, dals ich Ihnen in so wichtiger Angelegenheit meine Ge- 
danken unterbreitet habe.-' Ohne aber irgend einen Entscheid 
Gambettas abzuwarten, benachrichtigte Freycinet sofort die Eisen- 
bahugesellschaft „Paris-Lyon-Mediterranee", dals sie unverzüglich 
einen Delegierten nach Bourges zu senden hätte, um mit Gambetta 
die AusfUhrungs-Mafsregeln zu vereinbaren. 

Nach dem Plane Freycinets, wie er vor der Kommission der 
Enquete erörtert worden, war die Armee Bourbakis mittelst der 
Eisenbahn nach dem Osten zu führen und so nahe als möglich an 
den Feind heran zu versetzen. Nachdem sie dort durch alle in den 
östlichen Regionen verfügbaren Kräfte verstärkt worden, wollte man 
sie in dem Thale der Saöne aufwärts rücken lassen, indem sie in 
ihrer linken Flanke das Korps Garibaldi haben sollte; im Vorrücken 
entsetzte man Beifort und bedrohte, indem man den rechten Flügel 
der Armee auf die Vogesen stutzte, die Basis der feindlichen Ver- 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 31 



bindungen, um die Kräfte des Westens und von Paris, welche damals 
den General Chanzy zum Rückzüge nach Laval und nach der Bre- 
tagne zwangen, nach dem Osten abzuziehen. 

Freycinet giebt in „La guerre en Proviuce" dem Plane 
folgende genauere Fassung: 

„Man sollte vorderhand darauf verzichten, direkt auf Paris zu 
marschieren. Man würde das 18. und 20. Korps von dem 15. trennen 
und erstere schleunigst auf der Eisenbahn nach Beaune befördern: 
Diese beiden Korps sollten bestimmt sein, im Verein mit Garibaldi 
und Cremer sich Dijous zu bemächtigen, was sehr wohl ausführbar 
erschiene, da man 70000 Mann gegen 35—40000 Feinde in Aktion 
setzen würde. Während dieser Zeit sollten Bressolles und seine 
Armee mittels Eisenbahn nach Besancon rücken, wo sie sich mit 
15 — 20000 Mann Besatzung vereinigen sollten. Diese Gesamtkraft 
von 45—50000 Mann würde in Übereinstimmung mit den sieg- 
reichen 70000 Mann von Dijon operierend, keine Mühe haben, selbst 
ohne Schwertstreich die Belagerung von Beifort aufzuheben und 
schlielslich eine feste Masse von 110000 Mann bieten, befähigt, die 
Verbindungen im Osten ungeachtet aller Anstrengungen des Gegners 
abzuschneiden. Schon das Erscheinen dieser Armee würde die Be- 
lagerung sämtlicher befestigter Plätze des Nordens aufheben und 
gestatten, je nach Bedürfnis später eine Aktion mit Faid herbe zu 
kombinieren. Jedenfalls würde man die Gewilsheit haben, die Ver- 
pflegungs- und Ergänzungs-Basis des Feindes zu unterbrechen. Das 
15. Korps anlangend, welches vom 18. und 20. getrennt worden, 
so sollte dasselbe im wesentlichen zur Aufgabe haben, Bourges und 
Nevers zu decken, indem es sich in den Stellungen von Vierzon 
verschanzte und den Wald nachhaltig besetzte.- 4 

Mit Recht um das Schicksal von Paris besorgt, wo binnen 
kurzer Frist die Lebensmittel fehlen mufsten, zögerte Gambetta doch, 
sich in ein so weitläufiges und so wenig berechenbares Unternehmen 
zu stürzen. Er Iiels sich allerdings durch die Bemerkungen Frey- 
cinets Uber die Gefahren des Marsches auf Moutargis wohl über- 
zeugen, meinte aber, dafs es zu spät wäre, dafs die Operation bereits 
im Gange und es sehr schwer wäre, sie abzubrechen. Gambettas 
Günstling de Serres erhielt aber schlielslich auf sein Drängen das 
Zugeständnis, dals er das neue Projekt dem General Bourbaki 
zur Begutachtung vorlegen durfte. Noch an demselben Abende 
suchte de Serre den General in seinem Hauptquartier zu Baugy auf 
und setzte ihm den Zweck seiner Sendung auseinander. Wie 
de Serres vor der Untersuchungs-Kommission dann aussagte, wäre 
Bourbaki mehr noch als der Minister durch Freycinets Bemerkungen 



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32 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

überzeugt worden, namentlich durch diejenigen, welche sich auf die 
Rolle bezogen, die nach dem Antritt der Bewegung auf Montargis 
einige Tage später das 7. preufsische Armeekorps wahrscheinlich 
gespielt haben würde. Bourbaki, der doch schon in voller Aktion 
begriffen war, hätte lange und reiflich Uberlegt, dann sich jedoch 
entschieden zu der Operation im Osten bereit erklärt. 

Ganz zweifellos war der Marsch auf Montargis, selbst mit zu- 
verlässigen Truppen unternommen, sehr gewagt und gefahrvoll. Die 
Armee riskierte dann, von drei Seiten zugleich angegriffen zu werden, 
in der linken Flanke durch den Prinzen Friedrich Karl, in der 
Front von einer Detachierung der Einschliefsungs-Armee von Paris, 
in der rechten Flanke durch General von Zastrow. Es mufste sich 
geradezu darum handeln, wie ein Keil zwischen den betreffenden 
drei Massen einzudringen, von denen jede imstande war, beträcht- 
liche Kräfte gegen Bourbakis Armee zu entsenden. Seit jener Phase, 
wo es noch möglich war, einen Vorstofs auf Fontainebleau und von 
dort gegen Paris ins Auge zu lassen, hatten sich die Verhältnisse 
wesentlich geändert. Anstatt Uber 200000 Mann verfügte mau jetzt 
nur noch Uber 100000 für die Ausführung; man besals auch nicht 
mehr Orleans als Operationsbasis und hatte nicht mehr die Aussicht, 
sich mit der vielleicht siegreichen Armee Ducrots vereinigen zu 
können. 

Die Schwierigkeit des Unternehmens mulste aber noch eine 
um so grölsere sein, als sich auch im Westen die Situation wieder 
geändert hatte. General Chanzy war seit dem 16. Dezember auf 
dem Rückzüge vom Loir gegen die Sarthe, verfolgt vom 10. preufsi- 
schen Korps, von der Armeeabteilung des Grolsherzogs von Mecklen- 
burg und von der 1. Kavallerie-Division. Prinz Friedrich Karl 
aber, welcher in seinem Hauptquartier zu Suevres am 16. Meldungen 
von Orleans erhalten hatte, die auf einen Vormarsch Bourbakis nach 
Montargis und Fontainebleau schlielsen Helsen, hatte jenen Gewalt- 
marsch des 9. Korps angeordnet, welcher dasselbe von La Chapelle 
Vendömoise schon am 17. bis Orleans geführt, indem dasselbe bei 
den ungünstigsten Witterungsverhältnissen in etwa 24 Stunden 
1 1 deutsche Meilen zurückgelegt hatte. Auch das 3. Armeekorps 
war zur eventuellen Verwendung gegen Osten bis 18. Dezember 
nach Beaugency dirigiert worden. 

Uberzeugt also von den Schwierigkeiten des Marsches auf 
Montargis, liefs sich General Bourbaki andererseits verführen, durch 
die Perspektive einer weit ausholenden Operation, die seine Truppen, 
welche keineswegs in guter Verfassung sich befanden, wenigstens 
für einige Tage noch des Kampfes Uberheben und ihnen eine ver- 



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Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 33 

hältnismäfsige Ruhe verschaffen würde. Der General hatte demnach 
den Plan Freycinets angenommen, ohne auch von ihm besonders 
befriedigt zu sein. Als Honrbaki am 19. Gambetta von seinem 
Einverständnis benachrichtigte, bemerkte er ausdrücklich, dafs schliels- 
lich die Armee, wenn sie bei diesem Unternehmen ihr Verderben 
finden sollte, wenigstens noch für einen nützlichen Zweck untergehen 
würde. Der General sah also von vornherein eine mögliche 
Katastrophe als das Endresultat seiner Anstrengungen voraus, glaubte 
aber, von zwei Übeln wenigstens das kleinere gewählt zu haben. 

General Chanzy andererseits, welcher ebenfalls Kenntnis von 
Freycinets Operationsplan erhalten, hatte denselben mit aller Energie 
bekämpft. Der Führer der II. Loire- Armee sah das Heil Frankreichs 
nicht in einer Aktion der Besatzungsarmee von Paris zur Befreiung 
der Provinz, sondern in der Thätigkeit dieser letzteren zur Befreiung 
der Landeshauptstadt. Er verlangte nicht eine Ausbreitung, eine 
Verteilung der Anstrengungen und Bemühungen, sondern eine Kon- 
zentration derselben. Am 20. Dezember verfügte die Regierung der 
Nationalverteidigung über drei Armeen im Felde, unter Bourbaki 
im Osten von Orleans, unter Chanzy im Westen und Faidherbe 
im Norden. General Chanzy wollte eine gemeinschaftliche und 
übereinstimmende Offensive dieser drei Massen, indem eine jede von 
einem derartig bestimmten Punkte vorrücken sollte, dals sie, um 
das Ziel Paris zu erreichen, alle drei eine ungefähr gleiche Ent- 
fernung zu durchschreiten hatten. Indem diese Heereskörper in 
gleichen Etappen und unter Sicherung ihrer Rückzugslinie gegen 
Paris vormarschierten, sollten sie endlich auf die eine oder andere 
Art und Weise die deutsche Armee einschliefsen, welche Paris um- 
klammerte. Es würde dieses also eine Belagerung der Belagerung 
sein. Wenn Prinz Friedrich Karl und die deutschen Korps, 
welche sich innerhalb der Zone bewegten, die Operation stören 
wollten, mUfsten sie sich entweder gegen die eine oder andere der 
drei französischen Armeen wenden, vielleicht gegen zwei derselben 
gleichzeitig, oder sie mUfsten sich gegen alle drei zersplittern, in 
welchem Falle sie nirgends stark genug sein würden. Auf einem 
oder dem anderen der Angriffspunkte dürfte aber den französischen 
Waffen wohl das Glück günstig sein, und das würde hinreichen, 
den Einschliefsungsring zu sprengen. 

Wiederholt drängte General Chanzy bei dem Kriegsministerium 
auf die Annahme seines Vorschlages, stets wurde ihm aber die 
excentrische Operation gegen Beifort als vorteilhafter und reicher 
an Erfolgen entgegengehalten. Am 22. Dezember, als die Truppen 
des Generals Bourbaki noch in der Nähe der Verladestationen 

Jahrbücher für die deutsche Armee und M»rine. Bd. 113. 1 8 



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34 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

standen, erschien bei Chanzy in Le Mans der Generalstabshaupt- 
mann Boisdeffre aus Paris und brachte ihm mündliche Mitteilungen 
des Generals Trochu. Der Gouverneur von Paris liefs sagen, dafs 
die Hauptstadt noch bis Ende Januar sich halten könnte, dals man 
jedoch schon vom 20. des Monats ab mit dem Feinde in Verhand- 
lungen treten mülste, indem die folgenden Tage nur mit Not für 
die Neuverproviantierung hinreichen würden. Die Armee von Paris 
allein könnte nicht daran denken, die Linie der Belagerung zu 
durchbrechen und sich selbst die Blokade aufzuheben, sondern es 
wäre ihr dazu die unmittelbare und energische Mitwirkung der 
Armeen der Pro\inz notwendig. 

General Chanzy teilte diese wichtigen Nachrichten am 23. früh 
dem Kriegsminister mit und verlangte, über die Bewegungen der 
anderen Armeen, namentlich über die der Generale Bourbaki und 
Faidherbe beständig auf dem Laufenden erhalten zu werden. Die 
Antwort des Ministers langte erst am 30. Dezember in Le Mans an. 
Gambetta erkannte die Notwendigkeit kraftvoller Anstrengungen an 
und teilte dem General den Operationsplan gegen Beifort mit. Sein 
Schreiben schlofs mit der Tirade: r Sie haben die Mecklenburger 
decimiert, die Bayern sind nicht mehr vorhanden, der liest der 
Armee ist von Unruhe und Müdigkeit ergriffen. Harren wir aus 
und wir werden diese Horden von unserm Grund und Boden zurück- 
treiben, die Hände leer." General Chanzy war indessen nicht der 
Mann, sich mit Phrasen abfertigen zu lassen. Er fand die Pläne 
des Ministers schlecht und bemühte sich, auch Gambetta davon zu 
überzeugen. An demselben Tage schrieb er nochmals an letzteren 
und bestand auf einer vereinigten und direkten Aktion gegen Paris. 
Als aber bis zum 2. Januar noch keine Antwort eingegangen war 
schickte er einen seiner Offiziere nach Bordeaux mit einem Briefe 
für den Minister und mit eingehenden mündlichen Instruktionen, um 
auf alle Entgegnungen Rede und Antwort stehen zu können. In 
seinem Schreiben schilderte der General nochmals die Situation und 
entwickelte dann seinen Plan für den gemeinschaftlichen Angriff 
durch die drei Hauptarmeen: „Die II. Armee, ausgehend von Le Mans 
um sich an der Eure festzusetzen. . . . Die I.Armee, von Chatillon 
s. Seine, um sich zwischen der Marne und Seine, von Nogent bis 
Chäteau - Thierry zu etablieren, ... die Nord- Armee, von Arras, 
um sich von Compiegne bis Beauvais zu setzen." Der General be- 
zeichnete genau die Rolle, welche während dieser Hauptoperation 
die zu Cherbourg, in der Bretagne, am unteren Laufe der Loire und 
an anderen Orten vereinigten Hilfskräfte zu spielen haben würden. 
Die Armee von Lyon, in ihren Stellungen ersetzt durch die Kontin- 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. ^5 



gente des Südens, sollte im Verein mit den Krätten Garibaldis und 
den im Osten befindlichen Korps die Armee des Generals v. Werder 
in Schach halten. Wären die drei französischen Hauptarmeen aber 
einmal zur Stelle, dann sollten sie ihre Anstrengungen vereinen, 
Paris als gemeinsames Objekt nehmen, ihre Angriffe mit den kräftigen 
Ausfällen der Truppen der Hauptstadt in Übereinstimmung bringen 
und auf irgend einem Punkte die Einschliefsungslinie durchbrechen, 
um als Endziel die Befreiung der Hauptstadt zu erreichen. „Wir 
werden alle unsere Schuldigkeit thun, und ich habe Vertrauen auf 
den Erfolg, wenn wir ihn nicht mehr in zusammenhanglosen 
Operationen suchen, die bisher für uns so verhängnisvoll gewesen 
sind, sondern in einem bestimmt festgesetzen und streng befolgten 
Plane." Das Projekt des Generals war zur Zeit noch ausführbar. 
Bourbaki hatte das Programm für seine Operationen noch nicht 
festgestellt, noch auch seine Entwickelung begonnen. Er hatte 
noch keine Berührung mit dem Feinde; von dem Punkte, wo er sich 
befand, vermochte er noch ohne Unterschied sich gegen Osten oder 
gegen Nordwesten zu wenden, auf Beifort oder auf Chatillon 
s. Seine. 

Am 6. Januar langte die Antwort des Ministers in Le Mans an. 
,,Wir haben Ihren Plan mit der gewissenhaftesten Aufmerksamkeit 
geprüft; er nähert sich unverkennbar demjenigen, welchen wir selbst 
vertatst hatten; er weicht jedoch in einem Punkte von ihm ab: be- 
züglich der von General Bourbaki verfolgten Richtung. In der That, 
anstatt den General auf Chatillon s. Seine und Bar s. Seine zu 
dirigieren, haben wir es für vorteilhafter gehalten, ihn im äufsersten 
Osten operieren zu lassen, um die Belagerung von Beifort aufzu- 
heben, die Vogesen zu besetzen und die aus Deutschland kommenden 
Eisenbahnlinien abzuschneiden. Diese Operation erscheint uns sicherer 
und noch bedrohender als die von Ihnen in Betracht gezogene. 
Gegenwärtig ist Bourbaki in Vesoul (V) und wir glauben, dafs 
gegen den 10. oder 12. Januar die Belagerung aufgehoben sein 
dürfte. Dann wird der grorse Marsch durch die Vogesen und die 
thatenreichste Periode der Operationen begninen. An der Spitze 
seiner 150000 Mann wird Bourbaki gegen Paris umkehren und 
in dieser Richtung von Ost nach West vorrücken, indem er gleich- 
zeitig die beiden Eisenbahnlinien von Strafsburg und Metz nach 
Möglichkeit besetzt. Zu dieser Zeit, d. h. vom 12. bis 15. d. M. 
wird dann auch, wie wir beabsichtigen, Ihr Marsch auf Paris gegen 
die von Ihnen bezeichneten Punkte beginnen. Zur Vorbereitung 
und Unterstützung Ihrer Aktion formieren wir seit einiger Zeit zwei 
neue Korps, das 19. und 25. in Gherbourg bezw. Vierzon, welche 

8* 



36 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



für Sie bestimmt, gewissermaßen den rechten and linken Flügel 
Ihrer Armee bilden sollen. Diese beiden Korps, deren Gesamtstärke 
gegen 80000 Mann beträgt, werden also Ihre Armee auf 200000 

Mann bringen. Dieselben sollen am 12. d. M. marschfertig sein 

Was den General Faidherbe anbetrifft, so manöveriert er im Norden 
an der Spitze von 50000 Mann mit ebenso viel Geschick wie 
Energie. Er hat am 2. und 3. d. M. einen wichtigen Sieg (?) bei 
Bapaume erfochten und hält Mauteuffels ganze Armee in Schach, 
Seine Bestimmung wird wahrscheinlich dahin gerichtet sein, ein- 
tretendenfalls sich mit Bourbaki zu vereinigen, um derart im 
Osten von Paris eine Streitmacht von 200000 Mann zu bilden, 
welche der von Ihnen aus Westen herangeführten Armee gleich- 
käme " 

Chanzys Bedenken waren durch diese Depesche des Kriegs- 
miuisters nicht gehoben. Er hielt daran fest, dafs Bourbakis 
Operation im Osten, bei dieser ungünstigen Jahreszeit, mit jungen 
Truppen und in einem ziemlich schwierigen Terrain, auf Hindernisse 
stofsen und mit einem Zeitverluste verbunden sein mufste, der eine 
direkte Mitwirkung dieser Armee zur Befreiung von Paris wohl 
nicht in nächster Zeit erhoffen liefs. Chanzy glaubte daher, noch 
einen letzten Versuch machen zu müssen, um den Kriegsminister 
zum Aufgeben seines gefahrbringenden Unternehmens zu bewegen. 
Er mochte zu diesem Schritte noch besonders durch das Eintreffen 
eines zweiten Sendboten aus Paris, eines gewissen M. B., in seinem 
Hauptquartier bestimmt worden sein, nach dessen Mitteilungen die 
Verpflegung der Hauptstadt nur bis zum 15. Januar wirklich sicher 
gestellt sein sollte und der General Trochn eine schleunige Hilfe 
unter Aufbietung aller Kräfte für äulserst dringend erachtete. Noch 
am 6. Januar richtete Chanzy ein bezügliches Telegramm an 
Gambetta, erhielt aber am nächsten Tage eine von Frey einet 
unterzeichnete Depesche, wonach der Operationsplan des letzteren 
als definitiver zu gelten hatte. Schliefslich riet Frey einet dem 
General Chanzy noch, sich durch die Nachrichten des Generals 
Trochu nicht beeinflussen zu lassen. . 

Hiermit endeten Chanzys Bemühungen, die französische Kriegs- 
leitung für eine direktere und raschere Kooperation der Armee 
Bourbakis zum Entsätze von Paris empfänglich zu machen. 

Aus den Verhandlungen Uber die französischen Opera- 
tionspläne erhellt aber so recht der dreiste, ja frivole 
Dilettantismus Gambettas sowie seiner Gehilfen, des 
Civil-Ingenieurs de Freycinet und des polnischen Aben- 
teurers Wieczsinski de Serres, ein Dilettantismus, der 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 37 

für Frankreich so anheilvolle Folgen nach sich ziehen 
sollte. 

Chanzy raufste sich also bescheiden, zunächst die Reorgani- 
sation seiner Trappen zum Abschlufs zu bringen, um dann entweder 
den Angriff des Gegners in der Stellang bei Le Mans abzuwarten, 
oder aber einen raschen Vorstols gegen Paris zu fuhren, wenn sich 
eine Schwächung der ihm gegenüber stehenden deutschen Streit- 
kräfte kundgeben sollte. Indessen war das Verhängnis bereits gegen 
Chanzy im Heranschreiten begriffen. 

Unterdessen hatte die Bahnbeförderung der I. französischen 
Armee nach dem Osten am 22. Dezember begonnen. Diese Expe- 
dition Bourbakis charakterisierte sich so recht eigentlich als eine 
Improvisation. Denn kaum jemals ist eine militärische Operation 
mit solcher unüberlegten Hast unternommen worden. Die Folge 
davon war gleich von vornhereiu eine so grenzenlose Unordnung bei 
dem Transport der Trappen, dafs sich daraus die traurigsten Zu- 
stände für diese Armee ergeben mufsten. Wie die enquete parla- 
raentaire erwiesen hat, war die französische Kriegsleitung zur Aus- 
führung der einleitenden Bewegung geschritten, ohne den Eisenbahn- 
transport dieser Truppenmasse in seinen einzelnen Teilen zweck- 
entsprechend und in umsichtiger Weise vorzubereiten. Der Plan 
Freyciuets war von Gambetta am 19. Dezember abends angenommen 
worden. Am nächsten Tage früh verhandelte schon der Minister 
mit den Delegierten der Eisen bahngesellschaften „Orleans", sowie 
„Paris-Lyon-Meöüterranee" und verlangte die Mafsnahmen, dafs sofort 
das 18. und 20. Korps von Bourges, Yierzon, la Charit^ und Nevers 
nach Antun, Chagny und Chälon s. Saöne befördert werden könnten, 
sowie auch die Vorkehrungen für die gleichzeitige Verladung des 
24. Korps zu Lyon mit der Bestimmung nach Besancon. Es wurden 
zwar sofort die Anordnungen für die Konzentration des Materials und 
die Unterbrechung des öffentlichen Verkehrs auf den bezüglichen 
Linien getroffen, bald traten aber Hemmungen, Verzögerungen, Un- 
zuträglichkeiten ein. So fehlte es z. B. bei Nevers an rollendem 
Material, während solches zu Lyon unbenutzt dalag, indem man auf 
das 24. Korps wartete, dessen Beförderung unverzüglich hatte be- 
ginnen sollen, thatsächlich aber erst acht Tage später erfolgen 
konnte. General Bourbaki beklagte sich bereits am 23. Dezember 
beim Minister, dafs die Konzentration des notwendigen Materials, 
um den Transport des 18. und 20. Korps nach Chagny und Chälon 
s. Saone in zwei Tagen zu bewerkstelligen, vollständig versagt 
hätte, und bemerkt sehr richtig in seinem Telegramm, wenn die 
Truppen mittels Fufsmarsches instradiert worden wären, würden 



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38 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



sie am 25. sämtlich ihre Bestimmungsorte erreicht haben. Am 24. 
Dezember war das nötige Material endlich vorhanden, aber die 
Transporte rückten auch nicht viel schneller vor. Seit mehreren 
Wochen hatte nämlich die Armee-Intendanz sämtliche Stationen des 
Eisenbahnnetzes hier mit einer ungeheueren Anzahl von mit Proviant 
beladenen Waggons geradezu versperrt, indem diese Wagenkolonnen 
auf den Nebensträngen der Bahnhöfe aufgefahren waren, um sie für 
die Direktion nach den vom Kriegsministerium etwa bestimmten 
Punkten bereit zu haben. So waren Ende Dezember zwischen 
Moulins und Nevers 1800 solcher Wagen, „rollende Magazine" ge- 
nannt, angesammelt, und anfangs Februar soll die Zahl derselben 
bis auf 7500 gestiegen gewesen sein. Die Intendanz entzog auf 
diese Weise nicht nur ein beträchtliches Material dem laufenden 
Verkehr, sondern sie behinderte auch durch die Sperrung der 
Schienenwage die Formation und den Verkehr der Züge. 

So waren schon vor Beginn des Truppentransports die Bahnhöfe 
von Dole, Chalon und Besancon auf allen Schienensträngen derartig 
mit Proviantwagen überfüllt, dafs später das Ausladen der Truppen, 
namentlich der Fahrzeuge und Pferde nur sehr langsam vor sich 
gehen konnte. Die infolge der Verzögerungen auf einander auf- 
fahrenden Züge häuften sich auf allen Linien von Besancon bis 
Nantes in bedenklicher Weise an, so dals unüberwindliche Schwierig- 
keiten nach jeder Richtung hin entstanden. Die Eisenbahnbehörden 
waren der ungeheueren Unordnung gegenüber geradezu ohnmächtig. 
Die ihnen für die Zusammensetzung der Züge angemeldeten Effektiv- 
bestände an Personal und Material entsprachen in der Regel nicht 
dem Thatsächlichen. Der Generalstab war mit den Betriebschefs 
nicht in Verbindung getreten, so dals die Offiziere der verschiedenen 
Truppenteile ihre Instruktionen auf eigene Hand erteilten, woraus 
unaufhörliche Konflikte und Befehlsabänderungeu resultierten. Nicht 
unerheblich wurden die Schwierigkeiten auch noch durch die Dis- 
ziplinlosigkeit der Truppen vermehrt. Dazu trat eine Kälte von 12 
bis 14 Grad Celsius ein und starker Schneefall; es wurden auch 
hierdurch noch Störungen und Verzögerungen im Verkehr verursacht. 
Die Folgen aller dieser Ubelstände waren sehr unheilvolle und die 
Verwirrung erstreckte sich nicht nur auf die erste Zeit, sondern 
nahm täglich einen gröfseren Umfang an. Manche Truppen -Trains 
muteten schliefslich drei bis vier Tage an einer Station verbleiben, 
ohne dals man zu einer einstweiligen Einquartierung zu schreiten 
wagte, indem man stündlich der Weiterbeforderung entgegensah. 
Bei der herrschenden Kälte hatten unter solchen Umständen die 
jungen und zum Teil ungenügend bekleideten Soldaten doppelt zu 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 39 

leiden, wozu sich noch der Milsstand gesellte, dals für ihre Ver- 
pflegung unterwegs keine Vorkehrungen getroffen waren. Die An- 
zahl der Kranken mehrte sich täglich; auch die Pferde litten unter 
solchen Verhältnissen sehr beträchtlich und viele derselben gingeu 
ein. Der Transport des 18. und 20. Korps sollte nach ursprüng- 
licher Berechnung nur 24 Stunden währen, er war am 29. noch 
nicht ganz beendet. Nach Vollendung der Beförderung der beiden 
genannten Korps wurde die Translocierung des 15. Korps von 
Vierzon in Angriff genommen, dieselbe ging aber noch langsamer 
von statten. 

Schon zu der Zeit, als der Transport der Armee Bourbakis 
nach dem Osten erst vorbereitet wurde, hatten sich im Hauptquartier 
des Generals v. Werder die Nachrichten gemehrt, dals abgesehen 
von dem Korps Garibaldi und der Division Cremer, im südöst- 
lichen Frankreich grölsere Streitkräfte angesammelt und organisiert 
würden. Am 21. Dezember waren ganz zuverlässige Meldungen in 
Dijon eingegangen, dafs auf der Eisenbahn von Lyon starke Truppen- 
transporte in nördlicher Richtung stattfänden. Es erschien diese 
Nachricht um so glaublicher, als auch bei Döle die Ankunft neuer 
feindlicher Truppen und ferner das Erscheinen von Lanciers-Patrouillen 
festgestellt wurde, welche letzteren bis dahin noch nicht dem Korps 
Werder gegenüber gesehen worden. Diesen Nachrichten gegenüber 
falste der kommandierende General denn doch die Möglichkeit seines 
Rückzuges auf Chätillon s. Seine ins Auge und auch die deutsche 
Heeresleitung erwog die Eventualität, dafs der Gegner zu einem An- 
griff oder zum Entsätze von Beifort vorgehen könnte. Auf eine be- 
zügliche Anfrage des Generals v. Werder erging am 22. Dezember 
aus dem Grolsen Hauptquartier der telegraphische Befehl, für den 
Fall einer mit überlegenen Kräften geführten Offensive des Feindes, 
unter Vereinigung mit dem vor Langres befindlichen Detachement 
v. d. Goltz, in der Richtung auf Chaumont, also westlich der Vogesen, 
zurückzugehen. Zugleich war damit eine Kooperation des Generals 
v. Zastrow in Aussicht genommen. „Detachiert der Feind dann 
auf Beifort, so ist voraussichtlich Wiederaufnahme der Offensive zu- 
lässig. Evakuierung des in Dijon jetzt vorhandenen, nicht schnell 
transportablen Personals und Materials ist im Auge zu behalten." 

Die in den folgenden Tagen vom südöstlichen Kriegsschauplatze 
eingehenden Nachrichten liefsen allmählich die Voraussetzung mehr 
Raum gewinnen, dafs ein grölscres Unternehmen des Feindes dort 
in der Vorbereitung begriffen sein könnte Am 23. Dezember er- 
schienen feindliche Rekognoscierungs-Abteilungen von Saint-Jean de 
Losne und Auxonne in der Richtung auf Dijon und ebenso erfolgten 



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40 Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



solche Fühlungen bei Rioz gegen Vesoul. Gleichzeitig liefsen sich 
westlich Dijon im Thale der Ouche stärkere Abteilungen Garibal- 
dianer wahrnehmen und auch Sombernon wurden von solchen besetzt. 

Am 24. Dezember erhielt das Generalkommando des 14. Armee- 
Korps vom General v. Tresckow ein Telegramm des Gesandten 
in Bern, Generals v. Röder übermittelt, demzufolge die Eisenbahn 
Lyon-Besancon vom 23. ab ausschliefslich von Militärtransporten in 
Anspruch genommen wäre. Während am 25. vor der Front des 
Korps Werder nur eine Verstärkung der Garibaldianer in Sombernon 
beobachtet wurde, ging bei General v. Tresckow abermals aus Bern 
die Nachricht ein, dafs der Feind mit 25000 Mann auf Beifort im 
Vormarsch begriffen wäre. General v. Werder sah sich bei seinen 
ohnehin beschränkten Streitkräften nicht in der Lage, dem Be- 
lagerungskorps von Beifort weitere Unterstützungen senden zu können, 
sondern mufste sich damit begnügen, den General v. d. Goltz vor 
Langres anzuweisen, durch alle ihm entbehrlichen Truppen die 
Flufsübergänge bei Port s. Seine besetzen zu lassen. 

Am gleichen Tage erhielt die deutsche Heeresleitung in Ver- 
sailles aus dem Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl ein Tele- 
gramm, welchem zufolge Kavalleriepatrouillen in Aubigny-Ville, süd- 
westlich Gien an der Loire, vom Fuhrdienste bei der Armee Bour- 
bakis zurückkehrende Bauern angetroffen hätten, deren Aussage 
nach die bei Bourges und Nevers gestandenen französischen Truppen 
seit dem 22. Dezember auf der Eisenbahn nach Chalon s. Saöne 
befördert wurden. Noch am 25. Dezember abends erging vom 
grolsen Hauptquartier die telegraphische Weisung an General 
v. Zastrow in Auxerre, mit dem Gros der 13. Division sofort den 
Rückmarsch nach Chatillon s. Seine anzutreten, um sich dem 
14. Korps zu dessen etwaiger Aufnahme und gemeinsamer Offensive 
zu nähern. 

Die bisherigen Meldungen über grölsere feindliche Bewegungen 
gegen Beifort erhielten gewissermalsen eine Bestätigung, als am 
26. Dezember nachmittags vom General v. Tresckow die Meldung 
nach Dijon gelangte, dals Rougemont, lsle s. Doubs und Clerval von 
feindlichen Truppen besetzt wären. Diesen Anzeichen gegenüber 
fafste General v. Werder den Entschlufs, seine exponierte Stellung 
bei Dijon aufzugeben und sein ziemlich zersplittertes Korps rück- 
wärts gegen Vesoul zu konzentrieren, um hier zur Unterstützung des 
Belagerungskorps bereit zu stehen, andererseits aber die Klärung 
der Situation abzuwarten. In den folgenden Tagen nahm demnach 
das 14. Korps folgende Stellung ein. Das Gros stand zwischen 
Vesoul und Port s. Seine konzentriert, während die dritte badische 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 41 

Brigade in Gray verblieben war, um die von Dijon und Dole auf 
Langres bezw. Vesoul laufenden Stralsen zu beobachten. Die 
4. Reserve-Division war nach Villersexel dirigiert worden, um einen 
etwaigen Vormarsch des Feindes von Besancon gegen Hei fort zu 
überwachen und aufzuhalten. Das durch den Rückmarsch des De- 
tachements v. d. Goltz nach Vesoul wieder frei gewordene Langres 
wurde nördlich durch die in und bei Chaumont befindlichen Etappen- 
trappen des General-Gouvernements Lothringen beobachtet, welchen 
zugleich die Sicherung der Eisenbahnlinie Blesmes-Chalon s. Seine 
oblag. 

Die Lage des Belagerungskorps von Beifort war für den Fall 
eines feindlichen Entsatzversuches gerade keine günstige zu nennen. 
Die in Anbetracht der geringen Stärke der verfügbaren Truppen 
verhältnismälsig recht grofse Ausdehnung des Cernierungsgürtels hatte 
eine Zersplitterung der Kräfte in dem bergigen und waldigen Terrain 
zur Folge, welche um so gefährlicher erscheinen mufste, als sowohl 
die Batterien wie auch der Belagerungspark auf der Seite gegen 
die Lisaiue und den Doubs lagen, von wo der eventuelle feindliche 
Angriff zu erwarten stand. Die Brücken Uber letzteren Fluls von 
Besancon bis zur Schweizer Grenze waren schon früher vom Feinde 
gesprengt, das jenseitige dominierende LTer aber mit Mobilgarden, 
Zuaven und Franctireurs besetzt worden; der Verkehr auf dieser 
Strecke erwies sich demnach als unterbrochen und man blieb deutscher- 
seits Uber die Vorgänge hinter dem betreffenden Abschnitte im Un- 
klaren. Als beim Kommando des Belagerungskorps Gerüchte von 
der Versammlung einer feindlichen Armee hinter dem Doubs einliefen, 
wurde daher eine Infanterie-Abteilung aus der Cernierungslinie in 
westlicher Richtung über die Lisaine nach Arcey, dem Knotenpunkte 
der Strafsen von Besancon nach MontbeUiard und Hericourt, vorge- 
schoben, um die Gegend in der Richtung nach dem Doubs und auf 
Villersexel zu beobachten. Montbeliard und Hericourt waren als 
Übergangspunkte der Lisainelinie besetzt. In Anbetracht der zweifel- 
haften Situation mufste aber eine Verstärkung des Belagerungskorps 
von Beifort als ein dringendes Erfordernis erscheinen; es erging dem- 
nach am 26. Dezember aus dem Grofsen Hauptquartier an das General- 
gouvernement des Elsafs der Befehl, acht Landwehr-Bataillone, zwei 
Schwadronen und zwei Reservebatterien unter Generalmajor v. Deb - 
schütz dorthin abzusenden. Dieses Detachement hielt vom 31. De- 
zdmber ab die bis zur Schweizer Grenze reichende Linie Exincourt- 
Taillecourt-Dasle-Vaudoucourt-Montbouton und Croix besetzt, um somit 
das Belagerungskorps gegen Süden zu sichern. Gleichzeitig wurde 
die nach Arcey und Descendans vorgeschobene Abteilung auf drei 



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42 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



Bataillone, einen Zug Ulanen und eine Batterie verstärkt und unter 
den Befehl des Oberst Zglinicki gestellt. 

Inzwischen war der Transport der Armee Bourbakis in vollem 
Gange und aufserdem wurde das in Lyon neuformierte 24. Korps 
unter General Bressolles auf der Eisenbahn nach Besancon be- 
tordert, um zu Bourbaki zu stolsen. Die Division Cremer stand 
seit dem Treffen bei Nuits noch in Beaune, während das Korps 
Garibaldi sich in Autun befand. Am 27. Dezember war die Spitze 
von Bourbakis Armee in Chagny eingetroffen. Speziell nach diesem 
Punkte wurde das 18. Korps unter General Billot instradiert. 
Bourbaki war seinen Truppen vorausgeeilt und bereits am 26. in 
Chalon s. Saöne angelangt. Das Debarkieren seiner Armee wurde 
gegen Norden durch die Division Cremer und durch Garibaldi 
maskiert. Letzterer hatte seine 4. Brigade gegen Montbard und 
Semur detachiert, während Abteilungen der 2. Brigade gegen Langres 
streiften. Wahrscheinlich auf die Nachricht von dem Rückzüge der 
badisehen Division wurde jetzt Cnhner nach Dijon dirigiert; die 
Stadt ward am 31. Dezember besetzt und sofort auch die Anlage 
von Befestigungswerken auf den umliegenden Höhen in Angriff ge- 
nommen. Am Ii. Januar trafen hier aufserdem 15 — 18000 mobilisierte 
Nationalgarden aus den benachbarten Departements unter General 
Pellissier ein. Garibaldi sollte ebenfalls nach Dijon abrücken; da 
er jedoch seitens des Kriegsministeriums keinen bestimmten Befehl 
hierzu erhielt, sondern nur einen bezüglichen Vorschlag, so blieb er 
infolge der darüber gepflogenen, ziemlich unklaren Korrespondenz 
vorläufig in Autun stehen. 

Die bei dem Eisenbahntransport der Truppen gemachten traurigen 
Erfahrungen schienen beim General Bourbaki bereits das Vertrauen 
darauf erschüttert zu haben, dafs es ihm gelingen würde, seine 
Operationen im Osten in überraschender Weise durchzuführen, bevor 
noch das Korps Werder Unterstützung erhalten konnte. Der franzö- 
sische General fing bereits an, das Milsliche seiner rückwärtigen 
Verbindungen von Besancon nach Lyon zu erwägen, wenn eine von 
Norden heranrückende deutsche Hilfsarmee dieselbe bedrohen sollte, 
während die französische Ostarmee, vielleicht infolge widriger 
Zwischenfälle, sich noch im Gebiet der oberen Seine und des Doubs 
befand. 

Bei einem Vorstofse gegen Beifort vermochte Bourbaki den 
etwa notwendig werdenden Rückzug auf Lyon nicht direkt in süd- 
licher Richtung zu nehmen, da nach dieser hin die unwirtlichen 
Berge des Jura sich erheben, welche sowohl wegen ihrer beschränkten 
Wegsamkeit, wie auch wegen des Mangels an Subsistenzmitteln in 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 43 



diesem dünn bevölkerten Gebirgslande fUr die Bewegung und den 
Unterhalt einer gröfseren Heeresmasse bedeutende Schwierigkeiten 
bieten mufsten, die namentlich betreffs der Verpflegungsfrage gar 
nicht zu bewältigen waren. 

Wollte Bourbaki die Schlagfertigkeit seiner Armee unter dem 
Einflüsse solcher Umstände nicht in Frage gestellt sehen, so mufste 
er notgedrungen seinen Rückzug auf der Uber Besancon und Lons le 
Saunier führenden Lyoner Hauptstralse nehmen; und zwar war der 
französische Heerführer umsomehr auf diese angewiesen, da auf 
dem dieselbe begleitenden Schienenwege auch die Zufuhr seiner 
VerpflegungsbedUrfnisse geschehen mulste. Diese Hauptstralse führt 
aber von Montbeliard bis Besancon längs des Fulses des Juragebirges, 
demnach also, durch die Lage des letzteren bedingt, in westsüd- 
westlicher Richtung, und biegt bei Besancon erst in südlicher 
Direktion gegen das Sanne-Thal aus. Wurde Bourbaki bei Beifort 
durch den Anmarsch einer Uber Dijon und Langres vorrückenden 
deutschen Hilfsarmee zum Rückzüge gezwungen, so führte ihn also 
eine solche auf der Lyoner Hauptstralse angetretene rückgängige 
Bewegung bis in die Gegend von Besancon geradezu näher an diesen 
neuen Feind heran, anstatt dals er sich von letzterem in der Richtung 
auf seine Operationsbasis entfernt hätte. Dieser Beschaffenheit der 
betreffenden Rückzugslinie mufste also die grölste Aufmerksamkeit 
gewidmet werden. Es kam darauf an, den Scheitelpunkt der ge- 
brochenen Linie, also Besancon, hinreichend sicher zu stellen. Dem 
in dieser Richtung vorrückenden Gegner mulste jedenfalls weiter 
vorwärts so lange Widerstand geleistet werden können, bis das im 
Rückzüge begriffene französische Herr Besancon wieder erreicht hatte 
und der neuen Richtung auf Lons le Saunier thatsächlich Herr ge- 
worden war. Ein wesentliches Moment für die Sicherung der bei 
Besancon sich südwärts wendenden Strafse lag daher in der Be- 
hauptung des Gebietes, welches das an seiner östlichen Seite durch 
die Saöne begrenzte, fast gleichschenklige Dreieck: Dijon- Auxonne- 
Gray umfafst. Letzterer strategische Punkt mit seinem Saöne- 
Übergange mufste namentlich zum Zwecke einer Centraistellung für 
die Linie Dijon-Gray-Vesoul günstig erscheinen, aus welcher man 
einer Uber Langres oder Dijon anrückenden Armee je nach Um- 
ständen in nördlicher Richtung oder nach einer der beiden Flanken 
rechtzeitig entgegenzutreten vermochte. 

Das befestigte Langres mit seiner 15ÜOO Mann starken Be- 
satzung bildete, als Knotenpunkt der Strafsen Paris, Nancy und Metz, 
für die Linie Dijon-Vesoul gewissermal'sen einen vorgeschobenen 
Sicherheitsposten, von welchem aus die Gegend zwischen der oberen 



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44 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



Seine und Mosel Uberwacht werden konnte. Selbst wenn die feind- 
liche Armee schon gegen das vielleicht ausreichend besetzte Dijon 
zu debouchieren begann, vermochte ein bei Gray 6tehendes französi- 
sches Korps immerhin noch rechtzeitig die Spitze des oben bezeich- 
neten Dreiecks, die Festung Auxonne, zu erreichen, um hier die 
Saöne-Linie zu verteidigen. 

Die Anwesenheit gröfserer Streitkräfte bei Gray miilste selbst 
für den anderen Fall nötig erscheinen, wenn der französische Heer- 
führer bei einem von Besancon gegen Beifort geführten Vorstofs 
den verhängnisvollen Entschluls fassen wollte, seinen Rückzug nach 
der Lyoner Strafse durch den Jura zu nehmen, denn bei dem un- 
gestörten Vordringen einer zwischen Dijon und Langres hindurch- 
gehenden feindlichen Hilfsarmee liefe er Gefahr, die südlich Besancon 
gelegenen Debouches dieses Gebirges durch den Gegner sich ver- 
legt zu sehen. 

Derartige Erwägungen schienen auch bei dem General Bour- 
baki allmählich sich eingestellt zu haben. Zunächst stiegen ihm 
aber bei Berechnung der geringen Effektivstärke seiner Regimenter 
wohl Bedenken auf, dafs die ihm gewährten Kräfte für seine Auf- 
gabe nicht ausreichen könnten, und er bat daher schon am 23. De- 
zember, unter Darlegung der Verhältnisse, um Verstärkung durch 
das mit seinen Hauptkräften in Vierzon zurückgebliebene 15. Korps. 
Sein Bericht rief in den Bureaus des Kriegsministeriums eine sehr 
gereizte Stimmung hervor, die in recht scharfen Depeschen, nament- 
lich seitens Freycinets und de Serres, ihren Ausdruck fand. Die 
beiden Kriegs-Delegierten brachten sogar beim Kriegsminister schon 
die Abberufung Bourbakis zur Sprache. 

Frey einet und de Serres übten Uberhaupt auf den Kriegs- 
ministcr, ebenso wie auf die Leitung der kriegerischen Operationen 
einen sehr bemerkbaren Einflufs aus, der auch nicht wenig zu dem 
verhängnisvollen Ausgange der letzteren beigetragen hat. Der sonst 
so energische und von wilder Leidenschaftlichkeit bewegte Gambetta 
war in den Händen dieser beiden Männer gleichsam eine Draht- 
puppe. Wieczsinski de Serres wurde dem Hauptquartier der 
französischen Ostarmee als Delegierter des Kriegsministeriums bei- 
geordnet, und man hatte auf diese Weise Bourbaki geradezu mit 
einer Atmosphäre des Mifstrauens und des Argwohns umgeben. Sehr 
bezeichnend für die Verhältnisse war auch, dafs de Serres für 
Bourbaki mit einem von Gambetta vollzogenen Abberufungsdekret 
versehen war, in welchem nur noch das Datum eingetragen zu 
werden brauchte. 

Am 26. Dezember wiederholte der französische Heerführer sein 



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Über Abfassung von Befehlen. 



45 



Ansuchen an das Kriegsministerium. In der betreffenden Depesche, 
welche in Freycinets „La guerre en Province" nur auszugsweise 
mitgeteilt ist, heilst es unter anderm: „Wenn wir so glücklich sind, 
die beiden besprochenen Punkte der feindlichen Stellung zu nehmen 
und unsern Marsch gegen seine rückwärtigen Verbindungen fort- 
zusetzen, so müssen offenbar diese beiden Punkte stark besetzt 
werden, wenn man nicht Gefahr laufen will, die unsrigen bedroht 
oder abgeschnitten zu sehen. Ich würde gegenwärtig in dem 
15. Korps eine schätzbare Unterstützung finden, entweder um jene 
Aufgabe zu tibernehmen, oder aber, um mir eine andere Detachierung 
zu gestatten, welche meine Verbindungen sichern könnte." Aus 
dieser Depesche geht deutlich herver, dals Bourbaki schon am 
26. Dezember der Gefahr sich wohl bewulst war, welche seinen 
rückwärtigen Verbindungen durch den Anmarsch einer deutschen 
Hilfsarmee eventuell bereitet werden konnte, Bourbakis Darlegungen 
wurden nun vom Kriegsminister gebilligt und Frey einet mulste sich 
bequemen, die Nachsendung der Hauptkräfte des 15. Korps von 
Vierzon nach dem östlichen Kriegsschauplatze ebenfalls zu verfügen. 
Bei dem so äufserst mangelhaft organisierten Eisenbahntransport 
verzögerte sich auch die Ankunft dieses Korps derartig, dafs am 
5. Januar ein beträchtlicher Teil desselben noch unterwegs war. 
Schlielslich hat Bourbaki diese Verstärkung auch gar nicht zur 
Sicherung seiner rückwärtigen Verbindungen bis Dole und 
Auxonne benutzt. (Fortsetzung folgt.) 



in. 

Ober Abfassung Yon Befehlen. 

Ein kriegsgeschichtlicher Rückbück. 

Hat der Führer seinen Entschlufs gefafst, so kommt es noch 
darauf an, die Form zu finden, in welcher dieser Entschlufs den 
Truppen mitgeteilt werden soll. Dieses Abfassen von Befehlen ist 
keine Wissenschaft, welche nach festen Regeln und Gesetzen aus- 
geübt werden kann, sondern es ist ebenso eine Kunst wie das 
Fassen des Entschlusses. Die Art, wie man befiehlt, ist von grolser 
Bedeutung. Am Sichtbarsten tritt dies in Erscheinung beim mündlichen 



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4« 



Über Abfassung von Befehlen. 



Befehl. Der Führer, der es versteht, mit kurzen, klaren Worten 
in ruhigem, bestimmten Tone seine Befehle zu geben, wird das Ver- 
trauen seiner Untergebenen zu seiner Ftihrurfg sicherlich erwecken. 
Dies ist aber von grofsem Einflufs auf die Leistungsfähigkeit der 
Truppe. Die mündliche Befehlserteilung unmittelbar an die be- 
betreffenden Unterfuhrer ist an sich der Übermittelung durch Ad- 
jutanten und dem schriftlichen Befehl unbedingt vorzuziehen. In 
grölseren Verhältnissen wird sich dies aber nur ausnahmsweise er- 
möglichen lassen, z. B. versammelte Napoleon I. am Morgen des 
Tages von Austerlitz, seine kommandierenden Generäle und gab an 
diese seinen Befehl aus. Der Führer wird bestrebt sein müssen, das 
Packende, was der unmittelbar gegebene Befehl an sich hat, durch 
eine kräftige, ursprüngliche Ausdrucksweise einigermafsen zu er- 
setzen. Bei Uberbringung mündlicher Befehle durch Adjutanten wird 
aber eine derartige Ausdrucksweise naturgemäfs vielfach geändert 
und so die Wirkung abgeschwächt werden. Es ist daher die Zu- 
sendung schriftlicher Befehle vorzuziehen, wenn irgendwie die Zeit 
es erlaubt, ganz abgesehen davon, dafs auf diese Weise auch Mifs- 
verständnisse vermieden werden. 

Die Abfassung von Befehlen ist schwieriger als der Laie ahnt. 
Auch unsere vortreffliche Felddienstordnung giebt dafür keine festen 
Regeln oder Schemata, sondern beschränkt sich nur auf einige all- 
gemeine Gesichtspunkte. Dafür besitzen wir aber eine uner- 
schöpfliche Quelle der Belehrung und Anregung in der 
Kriegsgeschichte. Leider ist der Wortlaut der gegebenen Be- 
fehle in den Geschichtswerken nicht immer zu finden, auch unsere 
Generalstabswerke geben ihn nur ab und zu. Es wäre sehr zu 
wünschen, wenn das Archiv des Generalstabes in dieser Be- 
ziehung noch mehr ausgenutzt würde, wenn alle wichtigeren 
Befehle der Führer von Armeen und selbständigen Detachements 
aus den letzten Feldzügen veröffentlicht würden. In nachstehendem 
sollen die Befehle bekannterer Feldherrn der Neuzeit im Wortlaut 
aufgeführt und besprochen werden. 

1. Friedrich der Grolse. 

Die Kampfesweise zur Zeit des grofsen Königs war von der 
jetzigen so wesentlich verschieden, dafs auch die damalige Befehls- 
erteilung nur in sehr bedingter Weise zur Belehrung dienen 
kann. Der Befehl zum Vormarsch von Pogarell auf Mollwitz lautet 
wie folgt: 

Disposition, 

wonach die sämtliche Generalität, Offiziers und Regimenter 
sich wohl achten sollen. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



47 



1. Die Arraee kommt zusammen zu Pogarell und Alsen (so 
einerlei Dorf) und formiert sieb daselbst nach beiliegender Ordre de 
bataille; alsdann wird in 4 Kolonnen abmarschiert, nämlich die 
1. Kolonne aus folgenden Regimentern: 4 Eskadrons Schulenburg, 
1 Grenadier-Bataillon Boltensteru, 1 Eskadron Gensdarmes, 2 Es- 
kadrons Karabiniers, 1 Bataillon Winterfeldt, 3 Eskadrons Kara- 
biniers und 4 Eskadrons Schulenburg. 

Die 2. Kolonne besteht aus 1 Grenadier-Bataillon Kleist, 
1 Bataillon Königs-Regiment, 2 Bataillonen Kleist, 2 Bataillonen 
Prinz Karl, 1 Bataillon Kalckstein, 1 Bataillon Boreke, 1 Bataillon 
Glasenapp, 2 Bataillonen Graevenitz, 2 Bataillonen Prinz Heinrich. 

Die 3. Kolonne formieren: 2 Bataillone Truchsels, 2 Bataillone 
Prinz Dietrich, 2 Bataillone Prinz Leopold, 2 Bataillone Schwerin, 

1 Bataillon Reibnitz, 1 Bataillon Buddenbrook, 1 Bataillon Saldern, 

2 Bataillone Bredow und 2 Bataillone Sydow. 

Die 4. Kolonne besteht aus 5 Eskadrons Prinz Friedrich, 

1 Bataillon Puttkamer, 5 Eskadrons Platen und 6 Eskadrons 
Bayreuth. 

Die Artillerie und Bagage marschiert alle zusammen auf der 
grolsen Strafse nach Ohlau, die 1. und 2. Kolonne marschieren 
rechter Hand solcher Strafse. die 3. und 4. Kolonne linker Hand 
selbiger Strafse. 

Alle Zimmerleute und Weifskittel marschieren vor den vier 
Kolonnen her, so nach solchen Kolonnen eingeteilt sein müssen 
und zwar mit Schippen und Hacken, um die Wege zu reparieren, 
hierbei sollen 4 Offiziere von den Regimentern, so vorausmarschieren, 
kommandiert werden, damit an jeder Tete ein Offizier sei. 

Die Fouriers und Fourierschützen treten in die Bataillons mit 
ein und lassen die Feldflaggen auf die Wagens zurück, wie denn 
alle Bataillons die Brotsäcke und Tornister auf die Kompagnie- 
Wagens zurücklassen müssen und nichts wie die Patrontaschen, wo- 
rin die 30 scharfe Patronen sein, mitnehmen sollen. 

2. Zwischen den Kolonnen soll allemal soviel Distance gelassen 
werden, damit man nach beikommender ordre de bataille gleich in 

2 Linien aufmarschieren kann. Die beiden Kolonnen rechter Hand 
deployieren sich alsdann rechts, und die beiden Kolonnen linker 
Hand links. 

3. Wenn nun alles solcher Gestalt aufmarschiert ist, so werden 
die Kanons an den Orten, welche ihnen angewiesen, aufmarschieren, 
und sobald es befohlen, avancieren die beiden Linien in gehöriger 
Ordnung und müssen die Kommandeurs der Bataillone wohl darauf 



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48 



Über Abfassung von Befehlen. 



Acht haben, dafs kein Gedräng? unter die Leute kommt, jedoch aber, 
dafs solche auch geschlossen sein. 

4. Es wird bei Todesstrafe verboten, weder zu schiefsen, bis es 
befohlen wird, noch unter dem Gewehr zu plaudern oder das Ge- 
ringste zu sprechen. 

5. In währendem Avancieren soll die Kavallerie nicht schneller 
marschieren, als die Grenadier-Bataillone, um mit solchen Linie zu halten. 

6. Es wird nicht anders als Pelotonweise chargiert und die 
Offiziere müssen ihre Leute so kommandieren, wie auf dem Exer- 
zierplatz, der sämtlichen Infanterie soll wohl anbefohlen werden, die 
Pelotons im Anschlag liegen zu lassen, die Mündung, wie gewöhnlich, 
gesenkt und solche wohl auf den Feind zu halten, die Kommandeure 
der Bataillons seien zu Fufs vor die Bataillons, die Majors und Ad- 
jutanten sind hinter die Bataillons zu Pferde, auch sind die Offiziere, 
so die Züge seh Helsen, hinter dem Bataillon, um alle üesordres zu 
verhüten. Die Feldwebel bleiben bei den Fahnen und im Falle ein 
Gefreiter - Korporal totgeschossen würde, so muls dessen Fahne 
ein Feldwebel nehmen, bei denen Fahnen sollen auf jeder Seite 
3 Kotten nicht schieisen. 

7. Die 2. Linie bleibt 300 Schritt zurück, wenn was feindliches 
in die Flanke kommen sollte, so lälst man die Eskadrons von den 
Flügeln rechts und links schwenken, dafs die Flanken ganz gedeckt 
seien. 

Sobald das Musketier-Feuer angehet, alsdann sollen 3 Eskadrons 
Husaren zwischen den beiden Linien und zwar auf dem rechten 
Flügel hinter den Karabiniers und 3 Eskadrons Husaren zwischen 
die Linien des linken Flügels hinter Prinz Friedrich rücken, und auf 
den Fall, da Gott vor sey, etwas vom Feinde die ertte Linie durch- 
bräche, so sollen sie gleich den durchbrechenden Feind attackieren, 
sich mit ihm melieren und denselben zurückjagen. 

9. Es ist schon gestern befohlen worden, dals alle Bataillone 
in 8 Pelotons sollen eingeteilt werden; ehe die Attacke angeht, 
mufs das Gewehr visitieret und frisch Zündkraut aufgestreuet werden. 

10. Der Obristleutnant von Goerne Prinz Heinrichschen Regi- 
ments und Major v. Rindtorff von Leopold mit 4 Kapitäns, 8 Sub- 
altern-Offizieren, 40 Unteroffizieren und öOO kommandierte Musketiere, 
wovon der Brigade-Major Stutterheim das Detail machen wird, sollen 
die Bagage decken und wird der Obristleutnant von Goerne die 
Disposition deshalb von Seiner Königlichen Majestät mündlich zu 
empfangen haben. 

Hauptquartier Pogarell, den 9. April 1741. 

(gez.) Friedrich. 



Über Abfassung von Befehlen. 49 

P. S. Die Scbwerinsche und Kalcksteinsche Kolonne kommen 
bei den 2 Windmühlen bei Pogarell und Alsen zusammen, sie mar- 
schieren dergestalt, dafs sie Alsen oder Pogarell rechter Hand lassen. 
Die Kolonne v. Jeetze marschiert bis Pogarell an die beiden Wind- 
mühlen, solche rechter Hand lassend. Die Schulenburgische Kolonne 
lasset Pogarell linker Hand nnd marschiert auch nach den beiden 
Windmühlen. Die Jeefcesche Kolonne bricht um 6 Uhr auf, die 
anderen alle, dafs sie um 7 Uhr hier sein. Die Kolonnen brechen 
still auf ohne Generalmarsch zu schlagen." 1 ) 

In diesem Befehl fällt es besonders auf, dafs er eine grofse 
Anzahl taktischer Lehren sowie mannigfache Verhaltungsmafsregeln 
giebt. Man sollte meinen, dals gerade bei der so hohen Ausbildungs- 
stufe, auf welcher die von Friedrich Wilhelm I seinem Sohne hinter- 
lassene Armee stand, alle diese Sachen auf das Gründlichste geübt 
und eingedrillt worden seien. Zunächst spricht sich wohl aus allen 
diesen Anordnungen die Unsicherheit, ferner die Besorgnis des 
jungen Feldherrn aus, dafs seine Truppen das auf dem Exerzier- 
platze Gelernte in der Aufregung der Schlacht vergessen könnten. 
Allzuviel Belehrungen in einen Befehl aufzunehmen, empfiehlt sich 
sicher nicht, die Truppe würde naturgemäfs daraus fühlen, dafs ihr 
Führer sie nicht für ganz zuverlässig hält. Aber anderseits giebt es 
auch viele Fälle, wo solche Belehrungen durchaus angebracht sind. 
Bei nächtlichen Überfällen wird es stets gut sein, die Truppe noch 
einmal daran zu erinnern, dafs nicht laut gesprochen und nicht ge- 
raucht werden darf. Die kleinste Unterlassung in dieser Beziehung 
kann den Erfolg gefährden. Hat man Reserve- und Landwehr-Truppen 
unter seinem Befehl, so werden sich häufig taktische Belehrungen 
empfehlen z. B. in betreff der Feuereröffnung und Feuerleitung. 
Weiter fällt auf, dafs schon ziemlich weit voraus befohlen wird. 
Der grofse König hat dies auch in späteren Befehlen häufig gethan. 
Nachdem er die Gefechtsweise seiner Gegner kennen gelernt hatte, 
war er zu einem solchen Verfahren bis zu einem gewissen Grade be- 
rechtigt, da er wulste, dafs diese sehr wenig Unternehmungslust 
zeigten und seine Angriffsbewegungen fast nie störten. 

2. Suworow. 

Ein Befehl Suworows vom 16. Juni 1799 am Tage vor der 
Schlacht an der Trebbia lautet: 

„1. Die feindliche Armee wird gefangen genommen. Es ist den 
Truppen besonders einzuprägen, dals dieselbe aus 26000 Mann 



') Der 1. Schlesiache Krieg 1740—1742. Herausgegeben vom Grofsen 
Generalstabe. 

Jifcrbfteh«r fftr di« daaUch« Anne* and Marin«. Bd. 1)2. 1 4 



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50 



Über Abfassung von Betehlen. 



besteht, worunter jedoch nur 7000 Franzosen; die übrigen sind ein 
aus Reqnisitionären zusammengesetztes Gesindel. 

2. Die Kosaken werden tüchtig zustechen; doch wäre dies grau- 
sam im Falle die Franzosen Pardon rufen oder Chamade schlagen. 
Die Kosaken haben bei der Attacke „Balesarm, Pardon, Jettesarm' 4 
zu schreien; dies benutzt die Kavallerie, haut tüchtig ein und sprengt 
schnell auf die Batterien los, was denselben besonders einzu- 
schärfen ist. 

3. Die Kosaken müssen mit den Gefangenen Mitleid haben. 
Beim Angriff wird man ein starkes Geschrei erheben und kräftig die 
Trommel schlagen; die Musik spielt. 

Den Generalen, welche besonders an den sie umgebenden Suiten 
zu erkennen sind, rufen die Kosaken Pardon zu; ergeben sich die- 
selben nicht, so machen sie sie nieder." 

Befehl vom 17. Juni 1799 (für den zweiten Schlachttag): 
„Anderthalb Meilen bis an die Trebbia — der Weg bietet keine 
Schwierigkeit. 

Eine halbe Meile vom Feind oder noch näher wird aufmarschiert. 
Die Treffen marschieren schnell auf. 

Das Kommandowort „Halt u soll nie gehört werden; das ist 
blofs für die Exerzierplätze. In der Schlacht gilt ,.kein anderes 
Kommandowort als Attacke, Hieb, Stich, Hurra, Tambour und 
Musik." 1 ) 

Diese Befehle sind keine Operationsbefehle, sondern mehr In- 
struktionen für das Verhalten der Truppen im Gefecht Sie seien 
nur als Beispiel dafür angeführt, welcher urwüchsigen, kraftvollen 
Sprache sich ein energischer Führer bedient. Ferner ist der 
Humor zu beachten, der im Befehl zum Ausdruck kommt; Suworow 
giebt seinen Kosaken einige französische Worte in der Weise, wie 
sie ausgesprochen werden. Der Versuch, diese Worte sich einzuprägen 
hat auf dem Vormarsch zum Gefecht gewils Anregung zu Scherz 
und Heiterkeit gegeben. Es ist aber von grofser Bedeutung, wenn 
Trübsinn und Niedergeschlagenheit im Herzen des Soldaten nicht 
aufkommen, daher darf auch in Operationsbefeblen dem Humor ab 
und zu sein Plätzchen nicht versagt werden, Bei Übungen im 
Frieden kann natürlich davon keine Rede sein, ebensowenig wird 
man dergleichen in Sammlungen von Musterbefehlen finden. 

3. Napoleon I. 

Der grofse Schlachtenmeister fafste seine Befehle meist nicht 
selbst ab. Er gab seinem Generalstabschef Berthier (1815 



■) C. v. B. und K. Geist und Stoff Band I. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



51 



Sonlt) eine kurze schriftliche Anweisung, woraufhin dieser unmittel- 
bar befahl oder den ausgearbeiteten Befehl dem Kaiser zur Unter- 
schrift vorlegte: „Vous me pr£senterez le 9 ä dix heures du soir 
les ordres pour le marechal Bernadotte" oder: „Vous loi 
ordonnerez de se reunir ä Goettingen u. s. w." 

Z. B.: Guignes, 17. ferner 1814 cinq heures du matin. Mon 
cousin, donnez ordre an duc de Tarente de partir ä sept heures 
du matin et de venir se ranger en bataille ä une lieue en avant de 
Guignes, pour soutenir le mouvement des autres corps qui se porteut 
sur Nangis. 

Donnez ordre au general Grouchy et au general Leval de venir 
ä Guignes. 

Donnez ordre ä la Garde imperiale ä pied et ä cheval de partir 
ä sept heures du matin pour se rendre en avant de Guignes. Donnez 
le meme ordre a la division de dragons venant d'Espagne, qui 
commande le comte de Yalmy, qu'elle parte au jour se porter ä 
l'avantgarde. 

Napoleon. 

Oder: Nangis, 18. fcvrier 1814 trois heures du matin. 

Mon cousin, preparez moi les ordres suivantes qae vous me 
remettiez ä qnatre heures du matin. 

Ordre au duc de Tarente de partir ä sept heures pour Danne- 
raarie et pour suivre l'ennemi dans la direction de Dannemarie sur 
ßray. 

Ordre aux deux divisions de cavalerie de la Garde imperiale 
et ä la vieille Garde de partir ä sept heures du matin pour se 
rendre d'abord ä Villeneuve. 

Ordre au duc de Reggio de se porter sur Dannemarie par 
Maison-Rouge et Lizines avec le comte de Yalmy, si Tennemi n'a 
pas de grandes forces ä Provins. 1 ) 

Napoleon. 

In beiden Zuschriften ist die Tageszeit zu beachten, in welcher 
sie abgefafst sind. Es sind dies die letzten Stunden der Nacht, 
5 bezw. 3 Uhr. Die Befehlserteilung erfolgt also so spät wie 
möglich, um alle am Abend oder in der Nacht noch einlaufenden 
Nachrichten berücksichtigen zu können. Das ist natürlich weder für 
den Führer noch für den Generalstabschef angenehm, aber entschieden 
sehr zweckmäfsig, nachträgliche Änderung bereits bekannt gemachter 
Befehle wird so nach Möglichkeit vermieden. Napoleon verwarf eine zu 
frühe Befehlsausgabe unbedingt, so sagt er bei Besprechung der 

>) Correspondanoe de Napoleon t 

4* 



52 



Über Abfassung von Befehlen. 



Malsregeln des Marschalls Contades zur Schlacht bei Minden: „II 
se tint le jour de la bataille aux dispositions faites la veille dans 
un ordre du jonr de cinq ä six pages, ce qui est le cacbet de la 
mediocrite. L'armee une fois rangee en bataille le gen^ral en chet 
doit, ä la pointe du jour, reconnaitre la position de l'ennemi, ses 
mouvements de la nuit et sor ses donnees, former son plan, ex- 
pedier ses ordres, diriger ses colonnes." 

Der Kaiser erliefs allgemeine Befehle nur unmittelbar vor Be- 
ginn eines Gefechtes, während der vorausgehenden Operationen 
gab er in der Regel nur Einzelbefehle an seine Generale. In diesen 
Einzelbefehlen erhielten sie ihren Auftrag und Mitteilung darüber 
was die Nachbar-Abteilung machen sollte, dagegen keine Andeutung 
Uber die allgemeinen Operationen der Armee und die Absichten des 
Kaisers. Der Kaiser wollte dadurch, wie Jomini erzählt, einen 
geheimnisvollen Schleier über seine Operationen werfen und vermeiden, 
dafs seine Absichten bekannt würden, wenn ein Befehl in Feindeshand 
fiele. Sind aulserdem viel Mitwisser vorhanden, so kann leicht durch 
unüberlegtes Gerede das Geheimnis verletzt werden. In demselben 
Sinne äufserte auch Friedrich der Grolse, er würde seine Schlafmütze 
ins Feuer werfen, falls diese wüfste, was er im Kopfe habe. Der 
Dichterkönig Goethe, der grolse Menschenkenner, der nie den 
Soldatenrock getragen hat, hat sich auch mit dieser Frage be- 
schäftigt und sie in gleichem Sinne beantwortet: 

„Wer befehlen soll, 
Mufs im Befehlen Seligkeit empfinden. 
Ihm ist die Brust von hohem Willen voll, 
Doch was er will, es darf's kein Mensch ergründen." 

(Faust, II. Teil, 4. Akt.) 

In der Felddienstordnung (Nr. 39) heilst es, dafs die allgemeine 
Absicht im Befehl bekannt gegeben werden soll, „jedoch nur so- 
weit deren Mitteilung für den nächsten Zweck erforder- 
lich ist." Dies ist sicher die beste Beantwortung der Frage, der 
Führer kann nicht wissen, was der Feind seit Abgang der letzten 
Meldungen unternommen hat bezw. was er unternehmen wird. Der 
Unterführer, der in die Lage kommt, selbständig handeln zu 
müssen, kann nur dann sachgemässe Entschlüsse fassen, wenn 
er die Absichten der obersten Heeresleitung einigermalsen kennt. 
Ein allgemeiner Befehl, der die Aufträge aller Unterabteilungen 
enthält, ist dann wohl angezeigt, wenn diese Unterabteilungen 
in die Lage kommen können, zusammenwirken zu müssen. Liegt 
die Gefahr vor, dals der Befehl in Feindeshand fallen könnte, 
so ist die Anwendung einer Geheimschrift angezeigt oder die 



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Über Abfassung von Befehlen. 



53 



Orientierung der Unterführer erfolgt mündlich durch Offiziere 
des Hauptquartiers. Aufserdem erfüllten die Unterführer Napoleons 
{ranz bestimmte Befehle, keine Aufträge im heutigen Sinne. Wenn 
sich dies Verfahren zur Napoleonischen Zeit einigermaßen be- 
währte, so lag dies in der ganz anderen Gefechtsweise der da- 
maligen Zeit, ferner daran, dals die feindlichen Unterführer ebenso 
unselbständig waren wie die Napoleons. Die heutige KriegsfÜhrung 
stellt an den Unterführer höhere Anforderungen, sie verlangt selbst- 
ständiges Handeln. Die von Friedrich dem Grofsen und 
Napoleon L so bestimmt vertretene Ansicht, dals die 
Unterführer Uber die Absichten der obersten Heeres- 
leitung ganz im Dunkeln gehalten werden könnten, ist 
nicht mehr zeitgemäfs. Heutzutage, wo wir im Zeichen des Ver- 
kehrs leben, läfst sich eine Operation überhaupt nur auf sehr kurze 
Zeit verheimlichen. 

Als Beispiel für die von Berthier verfafsten Befehle sei zunächst 
der zur Schlacht von Jena angeführt: 

„An bivouac d'Jena, 14. octobre 1806. 

M. le maröchal Augereau commandera la gauche; il placera sa 
premiere division en colonne sur la route de Weimar, jusqu'ä une 
hanteur par oü le general Gazan a fait monter son artillerie sur le 
plateau; il tiendra des forces n^cessaires sur le plateau de gauche, 
ä la hauteur de la tete de sa colonne. II aura des tirailleurs sur 
tonte la ligne ennemie, aux differents debouches des montagnes. 
Qnand le g^neral Gazan aura marchö en avant, il debouchera sur 
le plateau avec tout son corps d'armee, et marchera ensuite, 
soivaut les circonstances, pour prendre la gauche de l'arm^e. 

M. le raaröchal Lannes aura, ä la pointe du jour, toute son 
artillerie dans ses intervalles et dans l'ordre de bataille oü il a 
passe la nuit. 

Lartillerie de la Garde imperiale sera place sur la hauteur, et 
la Garde sera derriere le plateau, rangee sur cinq lignes, la premiere 
ligne, compos^e des chasseurs. couronnant le plateau. 

Le village qui est sur notre droite, sera couronne avec toute 
rartillerie du g£neral Suchet, et immödiatement attaquc 
et enleve\ 

L'empereur donnera le signal; on doit se tenir pret ä la pointe 
du jour. M. le maröchal Ney sera place, ä la pointe du jour, ä 
rexn-emite" du plateau, pour pouvoir monter et se porter sur la droite 
du marechal Lannes, du moment que le village sera enlev6 et que, 
par la, on aura la place de däploienient. 

M. le marechal Soult, debouchera par le chemin qui a 6t6 re- 



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54 



Über Abfassung von Befehlen. 



connu sur la droite, et se tiendra toujours lie pour tenir la droite 
de l'armee. 

L'ordre de bataille en general sera, pour M. M. les marächaux. 
de se former sur deux lignes, sans compter celle d'infanterie legere; 
la distance des deux lignes sera au plus de 1ÜO toises. 

La cavalerie lagere de chaque corps d'armee sera placee pour 
etre ä la disposition de chaque general, pour s'en servir suivant 
les circoustances. 

La grosse cavalerie, aussitöt qu elle sera arrivee, sera plac6e 
sur le plateau et sera en röserve derriere la Garde, pour se porter 
oü les circoustances l'exigeraient 

Ce qui est important aujourd'hui, c'est de se deployer en plaine; 
on fera en suite les dispositions que les manceuvrez et les 
forces que montrera l'ennemi,indiqueiont,atin de le chasser 
des positions qu'il occupe et qui sont necessaires pour 
le deploiement. 

Le marechal Berthier, par ordre de TEmpereur.'^) 

In diesem Befehl ist beachtenswert, dafs nach Möglichkeit ver- 
mieden wird, zuviel vorauszubefehlen. Zu wiederholten Malen wird 
darauf hingewiesen, dals „suivant les circonstances" befohlen werden 
wird bezw. gehandelt werden soll. Es wird Fürsorge getroffen, dafo 
der Angriff einheitlich, gleichzeitig erfolgt, der Kaiser „donncra le 
signal" zum Vorgehen des Marschalls Lannes und die anderen Korps 
haben sich danach zu richten. Dagegen fällt es sehr auf, wie sehr 
in den Befehlsbereich der Unterführer eingegriffen wird, indem man 
diesen die Entwicklung ihrer Truppen genau vorschreibt. „La 
pointe du jour", d. h. den Tagesanbruch als Zeit zu bestimmen, zu 
welcher sich die Korps bereit halten sollen, ist wohl nicht zweck- 
mäfsig, es ist vorzuziehen, die Zeit nach der Uhr festzusetzen. Ver- 
gleicht man den Befehl mit Befehlen, wie sie im Feldzuge 1870/71 
gegeben sind bezw. jetzt in der deutschen Armee üblich sind, so 
wird man zugestehen müssen, dafs wir in der Kunst der Be- 
fehlsabfassung erhebliche Fortschritte gemacht haben. 
Der Befehl Bertbiers ist langatmig, langweilig und in keiner Weise 
packend. Ausgegeben ist er in den ersten Stunden des 14. Oktobers, 
d. i. des Schlachttages. 

Der Befehl für Friedland (14. Juni 1807) lautet: 

„Au bivouac en arrierc de Posthenen, 14. juin 1807. 
Le marechal Ney prendra la droite, depuis Posthenen jusque 
vers Sortlack, et il appuiera ä la position actuelle du general 

l J (Correspondence de Napoleon Lj 



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Über Abfassung von Befehlen. 



55 



Oudinot. Le mar^chal Lannes fera le centre, qui commencera ä la 
gauche da marechal Ney, depuis Heinrichsdorf, jusqn'ä peu pres 
vis ä vis le village Posthenen. Les grenadiers d'Oudinot, qui 
forment actuellement la droite du maröchal Lannes, appuieront 
insensiblement ä gauche pour attirer sur eux l'attention de rennemi. 
Le maröehal Lannes reploiera ses divisions autant qu'il le pourra. 
et, par ce ploiement, il aura la facilite de se placer sur deux lignes, 
La gauche sera formte par le maröchal Mortier, tenant Heinrichs- 
dort et la route de K(Bnigsberg, et de lä s'etendant en face de 
Taile droite des Kusses. Le marecbal Mortier n'avancera jamais, 
le mouvement devant etre fait par notre droite, qui pivo- 
tera sur la gauche. 

La cavalerie du gene>al Espagne et les dragons du göneral 
Grouchy, reunis ä la cavalerie de l'aile ganche, manceuvreront pour 
faire le plus de mal possible ä l'ennemi, lorsque celui-ci, presse par 
lattaque vigoureuse de notre droite, sentira la nCcessit^ de battre 
en retraite. 

Le göneral Victor et la garde imperial ä pied et ä cheval 
formeront la reserve et seront placea ä Grünhof, Rothheim et derriere 
Posthenen. 

La division des dragons Lahoussaye sera sous les ordres du 
g^neral Victor; celle des dragons Latour-Maubourg ob&ra au marechal 
Ney; la division de grosse cavalerie du genöral Nansouty sera ä la 
disposition du maröcbal Lannes, et combattra avec la cavalerie du 
corps d'armee de reserve, au centre. 

Je me trouverai ä la reserve. 

On doit toujours avancer par la droite et on doit laisser 
l'initiative du mouvement au maröchal Ney, qui attendra 
mes ordres pour commencer. 

Du moment que la droite se portera sur l'ennemi, tous les 
canon de la ligne devront doubler leur feu dans la direction utile, 
pour proteger l'attaque de cette aile. 1 ) 

Napoleon." 

Der Befehl trägt die Unterschrift des Kaisers, doch ist er höchst- 
wahrscheinlich von Berthier verfalst, denn er entspricht in Form 
und Stil seinen sonstigen Befehlen. Der Befehl ist vielleicht der 
sachgemäfseste und klarste von Berthiers Befehlen. Zu beachten 
sind zunächst die Anordnungen für die Einheitlichkeit des Angriffs: 
„On doit toujours avancer par la droite, et on doit laisser 
l'initiative du mouvement au mareehal Ney, qui attendra mes 



») (Correspondance de Napoleon I.) 



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56 



Über Abfassung von Befehlen. 



ordres pour commencer". Es scheint beinahe, als wenn der 
Kaiser zu weit ginge, wenn er befiehlt, dals sich das Vorgehen 
unausgesetzt nach dem rechten Flügel richten soll. Es hätte 
genügt, wenn er befahl, dafs der Angriff vom rechten Flügel ans 
beginnen sollte. Vielleicht beabsichtigte aber der Kaiser, dals die 
feindliche Front nicht zu stark gedrängt werden sollte, damit die 
Umfassung des Flügels um so wirksamer und der Rückzug des 
Feindes bedroht würde. Immerhin würde man heutzutage die 
kommandierenden Generale nicht in gleicher Weise binden und 
ihnen nicht die Möglichkeit nehmen, vorteilhafte Gelegenheit gründ- 
lich auszunutzen. Dals die Kavallerie von vornherein darauf hin- 
gewiesen wird, bei der Verfolgung zur Hand sein und hierbei alle 
Kräfte einzusetzen, mufs besonders hervorgehoben werden. Unser 
jetziges Exerzier- Reglement für die Kavallerie weist übrigens auf 
die wichtige Rolle, welche die Kavallerie bei der Verfolgung zu 
spielen hat, mit so eindringlichen Worten hin, dafs unsere Kavallerie 
in Zukunft auch wohl ohne besondere Mahnung bei der Verfolgung 
nicht fehlen wird. (Ex.-Reglt. f. d. Kav. Nr. 376—379.) Immerhin 
kann in Aufforderungen zum energischen Verfolgen nie zuviel ge- 
schehen. Hingewiesen sei noch auf die Verwendung der Artillerie. 
Die gesarate Artillerie soll ihr Feuer vereinigen zur Unter- 
stützung des Infanterie-Angriffs gegen den entscheidenden Punkt, 
den linken Flügel des Feindes. In die Befehlsbefugnisse der Unter- 
führer wird übrigens in diesem Befehle viel weniger eingegriffen, 
wie in dem Befehl für Jena. 

Die Befehle Soults, des Nachfolgers Berthiers im Jahre 1815, 
sind aufserordentlich weitschweifig, sie enthalten viele Einzelheiten, 
die nach unseren heutigen Ansichten in die sogenannten Tages- 
befehle gehören (vergl. Ordre de mouvement vom 14. Juni 1815 
in der Correspondance de Napoleon 1). Eine Ausnahme davon 
macht aber der letzte Befehl Napoleons bezw. Soults, nämlich der 
zur Schlacht von Belle-Alliance, wenn er auch sonst nichts besonders 
Interessantes bietet: 

„Ordre 

a cbaque commandant de corps d'armee. 

18. juin 1815 onze heures du matin. 
Une fois que toute 1'armee sera rangee en bataille, ä peu pres 
ä une heure apres midi, au moment oü l'Empereur en donnera 
l'ordre au marechal Ney. l'attaque commencera pour s'emparer du 
village de Mont-Saint-Jean. oü est linterscction des routes. A cet 
effet, la batterie de douze du 2° corps et celle du 6* se reuniront 
ä celle du 1" corps. Oes vingt-quatre bouches ä feu tireront sur 



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über Abfassung von Befehlen. 



57 



les troupes de Mont-Saint-Jean, et le corate d'Erlon eommencera 
l'attaque, en portant en avant sa division de gauche et la soutenant, 
saivant les circonstances, par les divisions du l #r corps. 

Le 2* corps s'avancera ä raesure pour garder la hauteur da 
corate d'Erlon. 

Les corapagnies de sapeurs du 1" corps seront pretes pour se 
barricader sur-le-champ ä Mont-Saint-Jcan. k;i ) 

Es nmfs auffallen, dafs der Kaiser seine Befehle meist nicht 
selbst anfertigte, sondern durch seinen Generalstabs-Chef anfertigen 
liefs. Für die Zeiten der Entscheidung kann dies Ver- 
fahren auch nicht als nachahmenswert bezeichnet werden. Zu- 
weilen war auch der Kaiser „des trockenen Tons satt'', in welchem 
Berthier die Befehle abzufassen pflegte und befahl selbst. Wie 
anders aber sind diese Befehle und wie anders müssen sie auf den 
Untergebenen eingewirkt haben! „Scharf und bestimmt giebt der 
Kaiser die Bewegungen im grofsen an, die er vollführt sehen 
will, er hält dabei keiue bestimmte Reihenfolge inne, sondern wie 
sich ihm der Gedanke bietet, dictiert er ihn und die Ursprünglich- 
keit und das Kraftvolle seiner Ausdrucksweise, durch kein Befehls- 
schema gehindert, geben dem, was er befiehlt, noch einen besonderen 
Nachdruck, man fühlt, wie es unmöglich sei, einen so ausgesprochenen 
Befehl nicht auszuführen."*) 

Das ist entschieden die richtige Art, wie ein Befehl abgefafst sein 
mufs. solche Befehle sind unendlich viel besser wie Musterbefehle, 
frei oder vielmehr unfrei nach allen möglichen Handbüchern für 
TruppenfUhrer. Die aufsergewöhnliche spannungsvolle Lage vor 
der Einschliefsung der österreichischen Armee in Ulm 1805 veran- 
lafste den Kaiser, die Befehle meist selbst abzufassen: 

An Bernadotte (11. Oktober 1805.) 

„Ne dormez pas que vous ne m'ayez envoye tous ces details." 
Gerade Bernadotte gegenüber war eine solche Aulmunterung zu- 
weilen ganz angebracht. 

An Soult (12. Oktober 1805). 

Je vous recommande de faire crever vos chevaux ä vos 
aides de camp et ä vos adjoints. Placez les en relais sur la 
route de Weissenborn pour que jaie de vos nouvelles rapidement. 
II ne s'agit pas de battre l'ennemi, il faut qu'il n'en echappe pas 
an. Assemblez vos generaux et chefs de corps quand vous serez 
a Memmingen, et, si l'ennemi n*a rieu fait pour 6chapper au coup 



') (Correspondance de Napoleon I.) 
a ) (Graf York, Napoleon als Feldherr.) 



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58 



Armee und Volkserziehung. 



de massue qui va l'assommer, faites leur connaitre que je 
compte que, dans cette circonstance importante, on n'epargnera 
rien de ce qui peut rendre notre succes complet et absolu; que 
cette journee doit etre dix fois plus cßlebre que celle de Marcngo; 
que dans les Steeles les plus reculßs, la postöritö reconnaitra en 
detail ce que chacun aura fait; que, si je n'avais que battu Tennemi, 
je n'aurais pas au besoin tant de marehes et fatigues, mais que je 
veux le prendre et qu'il faut que de cette armee, qui, la premidre 
a rompu la paix et nous a fait raanquer notre plan de guerre 
maritime, ne restera pas un seul homme pour en porter la nouvelle 
A Vienne et que la cour perfide qu'a corrompue Tor d'Angleterre, 
ne doit l'apprendre que lorsque nous serons sous ces murailles." 
Ebenfalls an Soult schreibt der Kaiser am selben Tage: 
„Si 1'enneuii n'est pas ä Memmingen, descendez comme 
l'dclair jusqu'a notre hauteur. C'est vous qui ramasserez tont, 
je le prevois, il ne doit pas vous en echapper un. ;i 
Befehl an Murat am 11. Oktober 1805: 

„Je vous felicite des succes que vous avez ohtenus. Mais pas 
de repos; poursuivez 1'ennemi l'ep£e dans la main, et 
coupez lui toutes les Communications." 

Solche Befehle wird man in Musterbefehls-Sammlungen ver- 
geblich suchen, in schönem Französisch sind sie auch nicht ab- 

gefafst und doch wie packend sind sie! 26. 

(Fortsetzung folgt.) 



IV. 

Armee und Volkserziehung. 

Bekannt sind die Gründe, welche vor 100 Jahren dazu führten, 
dafs die damalige französische Armee den revolutionären Umtrieben 
erliegen mulste. Jede Revolution ist aussichtslos, solange die Armee 
ihrer Aufgabe treu bleibt; das Hauptstreben revolutionärer Parteien 
wird daher stets darauf gerichtet sein, die Grundvesten der Armee, 
die Disziplin zu untergraben und die Armee mit revolutionärem 



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Armee und Volkserziehtmg. 



Gifte derart zu durchsetzen, dafs sie iin entscheidenden Augenblick 
versagt. 

Zu diesem Zweck begann man der damaligen französischen 
Armee gegenüber damit, dafs man Unzufriedenheit in dieselbe hinein- 
zutragen suchte. Man zog die Soldaten an sich heran, bewirtete sie, 
forderte sie auf, Klagen und Mifsstände zur Sprache zu bringen und 
versprach ihnen Abhilfe und Erfüllung ihrer Wünsche. Fortgesetzt 
wurden diese Bestrebungen in dem Parlamente; unter 
stetem Hetzen gegen die Offiziere buhlte man um die Gunst der 
Untergebenen, denen man z. B. gestattete, unter Umgehung des vor- 
geschriebenen Beschwerdewegs ihre Klagen direkt beim Parlamente 
anzubringen, wo dieselben dann öffentlich und fast stets zu ihren 
Gunsten entschieden wurden, während man im Gegensatz hierzu die 
schwersten Subordinationsvergehen, offene Meuterei sogar wiederholt 
straflos liels. 

Die Folgen dieses Verfahrens konnten denn auch nicht aus- 
bleiben: die Armee versagte der Revolution gegenüber vollständig, 
mit ihr brach das Königtum zusammen und das Land wurde der 
schrankenlosesten Schreckensherrschaft preisgegeben. 

Gehen wir nach diesem Kück blick auf die Gegenwart Uber, so 
sehen wir in mancher Beziehung ein dem damaligen nicht unähnliches 
Bild: die revolutionäre sozialdemokratische Partei ist in voller Arbeit, 
leider zuweilen von anderen Parteien, wenn auch vielleicht unbeab- 
sichtigt, unterstützt. Alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um 
gegen Fürsten und Regierungen, gegen Verfassung und Gesetz, gegen 
Reichs- und Landtag, gegen die Richter, die Geschichte und unser 
Volkstum zu hetzen und zu schüren, vor allem aber geht das 
Streben dahin, Zwietracht in die Armee zu säen und dieselbe so zu 
unterwühlen und für die erstrebte revolutionäre Umwälzung vorzu- 
bereiten, wie es dereinst vor 100 Jahren in Frankreich so traurig ge- 
lungen ist. 

Unter diesen Umständen mufs es mehr wie je Aufgabe 
der Armee sein, die Dienstzeit für unser Volk zu einem 
Länterungsprozefs zu gestalten; nicht nur, dals es darauf an- 
käme, das sozialistische Gift, welches ein Teil der Rekruten bereits 
vor der Einstellung in sich autgesogen, zu paralysieren; vielmehr 
muls das Streben auch dahin gehen, unsere Leute auf der 
Grundlage christlich monarchischer Anschauung sittlich 
derart zu festigen, dals sie auch späteren sozialistischen 
und atheistischen Anfechtungen gegenüber gewappnet 
sind. 

Der erste Eindruck pflegt am nachhaltigsten zu sein. 



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60 



Armee nnd Volkserziehung. 



Dies wird auch für den jungen Wehrpflichtigen zutreffen, der mit 
den militärischen Behörden zum erstenmal bei seiner Gestellung 
zur Musterung und Aushebung in Berührung kommt. Auf der einen 
Seite Rücksichtnahme darauf, dals er ja noch nicht Soldat ist, auf 
der anderen Seite bestimmtes Auftreten der bei der Musterung und 
Aushebung thätigen Organe werden dem Wehrpflichtigen klar machen, 
dafs es zwar mit dem bisherigen ungebundenen Leben bald vorbei 
ist, dals er indes auch auf Wohlwollen rechnen kann, sofern er sich 
nur den militärischen Verhältnissen bedingungslos fügt. 

Ein Teil der Wehrpflichtigen pflegt hinsichtlich der Waffen- 
gattung oder des Truppenteils besondere Wünsche zu äufsern; von 
Vorteil kann es nur sein, wenn sich diese Wünsche mit den mili- 
tärischen Anforderungen in Übereinstimmung bringen lassen, wenn 
Pflicht und Neigung zusammenfallen. 

Andererseits mufs der Wehrpflichtige, im besonderen 
der ausgehobene Kekrut von diesem seinem ersten mili- 
tärischen Akt auch den ersten Schimmer militärischer 
Disziplin mit davontragen. Mit Aushändigung des Urlaubs- 
passes und Vorlesen der Kriegsartikel tritt er in die Reihe der 
Mannschaften des Beurlaubtenstandes und damit in den Soldatenstand 
ein. Es dürfte sich fragen, ob sich dieser im Leben des jungen 
Mannes so bedeutungsvolle Schritt nicht etwas wirkungsvoller ge- 
stalten liefse. Ist der Inhalt der bestimmungsgemäß hierbei zur Ver- 
lesung gelangenden Kriegsartikel nicht lediglich geeignet, ihn in 
Furcht zu setzen? Eine grofse Anzahl ihm völlig unbekannter Ver- 
gehen mit schreckenerregenden Strafen gehen an seinem Ohr vorbei; 
er hört zu seinem Staunen, was er in seiner bevorstehenden mili- 
tärischen Laufbahn alles für Schandthaten verüben kann, alle Schatten- 
seiten desselben werden ihm vorgeführt, während es doch viel 
wichtiger erschiene, wenn ihm statt dessen, wenn auch unter ge- 
bührender Betonung seiner Pflichten das Ehrenvolle seines Berufs in 
packender Weise vorgehalten, wenn er unter Apell an die edleren 
menschlichen Regungen gewissermafsen in seinen neuen Stand 
moralisch hineingehoben würde. Diese Ansprache könnte nicht be- 
redt genug abgefafst sein; man müfste sie dem Rekruten gleich- 
zeitig auch gedruckt in die Hand geben, ein Wegweiser auf seinem 
künftigen Lebenspfade, zugleich geeignet, ihm und den Seinigen anch 
bange Sorge für die Zukunft zu nehmen und ihn derselben mit Zu- 
versicht entgegen gehen zu lassen. Es liegt nahe, dals der Rekrut, 
ehe er zur Truppe kommt, bestrebt ist, näheres Uber seine zukünftigen 
Verhältnisse zu erfahren. Ist er in der glücklichen Lage, sich von 
Vater und älteren Brüdern Rat holen zu können, so läfst sich er- 



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Armee und Volkserziehung. 



61 



warten, dafs diese ihm beruhigende Auskunft geben werden. Wie 
steht es aber, wenn er auf das angewiesen ist, was ihm ältere Ge- 
nossen in der Werkstatt, in der Fabrik erzählen, Leute, die vielleicht 
schon lange sich im Banne der Sozialdemokratie befinden und ihrer 
Sache zu dienen glauben, wenn sie den jungen Soldaten durch ab- 
sichtliche Entstellungen und Übertreibungen in Angst und Schrecken 
jagen? 

Diesen Fall mufs die erwähnte kleine Druckschrift mit ins Auge 
fassen, auf alle denkbaren derartigen Beeinflussungen rauls sie mit 
einer einfachen Uberzeugenden Erwiderung vorbereitet sein und 
wenn sie ihren Zweck auch nicht stets in vollem Umfange erreichen 
wird, so ist doch auch schon mit einer Abschwächung der geschilderten 
nachteiligen Einwirkungen viel gewonnen. 

Der Eindruck, den die grofse Masse der Rekruten bei ihrer 
Einstellung im allgemeinen heute noch macht, ist ein durchaus guter. 
Überall begegnet man dem gröfsten Eifer, geradezu komisch wirkt 
es manchmal, zu sehen, mit welcher Hingabe sich der einzelne ab- 
müht, die ihm anhaftenden körperlichen Mängel zu verringern. Doch 
darf man sich Uber die Beweggründe dieses Eifers keiner Täuschung 
hingeben. Nur bei einem Bruchteil ist derselbe gleichbedeutend mit 
Hingabe für den neuen Beruf, bei dem gröfseren Teil dürfte der 
Anlals in Furcht vor Strafe liegen, bei einzelnen auch in wohldurch- 
dachter Berechnung wurzeln. — Bekannt ist die Instruktion, welche 
den sozialdemokratischen Rekruten mit auf den Weg gegeben wird: 
„seid eifrig in der Erlernung des Dienstes, führt euch gut und er- 
werbt das Vertrauen eurer Vorgesetzten." So werden sie Gefreite 
und auch Unteroffiziere und gewinnen damit die beste Gelegenheit, 
in heimlicher Minirarbeit den Geist der Truppe zu untergraben und 
ihren Auftraggebern den Boden zu bereiten. 

Drum heilst es, die wahren Gesinnungen seiner Unter- 
gebenen zu erforschen, im besonderen aber nur solche Leute 
avancieren zu lassen, von denen man Uberzeugt sein kann, dafs sie 
des Vertrauens würdig sind. 

Von grofser Bedeutung sind wiederum die ersten Eindrücke, 
welche der Rekrut nach seiner Einstellung empfängt. Haben nun 
diejenigen Recht, welche ihm ein schlimmes Los prophezeiten, ihm 
ein Leben voll Drangsal, Entbehrungen und schlechter Behandlung 
in Aussicht stellten? Ist hier wiederum das blofse Vorlesen der Kriegs- 
artikel das geeignete Mittel, die lähmende Furcht zu bannen und 
Zutrauen zu erwecken? Keineswegs! Diese Aufgabe wird vielmehr 
der Kompagnie-Chef persönlich übernehmen müssen. Mit einfachen 
dem Verständnis eines jeden angepafsten Worten wird er schildern, 



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62 



Armee und Volkserziehung. 



warum wir einer Armee bedürfen, dals es Ehrenpflicht jedes Deutschen 
ist, sich zur Verteidigung des Vaterlandes geschickt zu machen und 
dafs es hierzu der militärischen Ausbildung bedarf. Er wird die 
einzelnen Dienstzweige durchsprechen und an Beispielen zeigen, wie 
jede auch anscheinend unbedeutende Anforderung eine Notwendigkeit 
ist; wie die allmählich sich steigernden körperlichen Anstrengungen 
keineswegs ein Ausflufs von Quälerei, wohl aber unbedingt nötig 
sind, um ihn für die Anforderungen des Krieges geeignet zu machen. 
Man wirft vielleicht einen Rückblick auf das grofse Jahr 1870, an 
die Herausforderung Frankreichs, die Entrüstung, welche dies in allen 
deutschen Landen hervorrief, wie auf den Ruf König Wilhelms alles 
freudig zu den Waffen eilte und wie sich in dem nun folgenden 
blutigen Kriege die lange und mühselige Friedensarbeit so herrlich 
bewährt hat. Man spreche ferner von freudigem Gehorsam und 
der Pflicht des einzelnen, seinen Vorgesetzten ihren an sich schon 
schweren Beruf nicht noch zu erschweren. Man weise auf die Ge- 
Gefreiten als Vorbild hin, denen es durch ihren Eifer gelungen ist, 
in diese bevorzugte Stellung zu gelangen und wie eine ehrenvolle 
Dienstzeit auch die Gewähr bietet für eine ehrenvolle Laufbahn in 
dem späteren bürgerlichen Leben. 

Mit derartigen Ausführungen wird es dem Kompagnie- Chef ge- 
lingen, die grolse Masse der Rekruten nicht nur aus ihrem teilweisen 
Stumpfsinn aufzurütteln, sondern auch die begreifliche Scheu zu 
bannen und Vertrauen zu erwecken. Auf diesen Eindruck erst setze 
man mit den notwendigen Erläuterungen die wichtigeren Kriegs- 
artikel, spreche von der Bedeutung des Eides und schlielse mit 
einem Hoch auf den Kaiser und Landesherrn. 

Sorgfältige Auswahl und strenge Überwachung des 
Ausbildungspersonals sind von gröfster Bedeutung. Der 
Der demselben zugeteilte ältere Soldat, in seiner Mittelstellung 
zwischen Kamerad und Vorgesetzten ist so recht geeignet, eine segens- 
reiche Rolle in der Erziehung des Rekruten zuspielen. Selbst ein 
Muster von militärischer Ausbildung und guter Gesinnung wird er 
dem Rekruten ein Vorbild sein und dem Zaghaften zugleich die 
Möglichkeit, es in verhältnismälsig kurzer Zeit ebensoweit zu bringen, 
vor Augen führen. 

Diese sogenannten Rekruten-Gefreiten bilden das Band, welches 
sich zwischen Untergebene und Vorgesetzte, zwischen Rekruten und 
Unteroffiziere schlingt. 

Den Unteroffizieren fällt die Hauptarbeit zu und gilt es, diese 
so zu erziehen und zu leiten, dals sie vollkommen in unseren Inten- 
tionen arbeiten. 



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Armee und Volkserziehung. 



63 



Als Träger der geistigen und sittlichen Eigenschaften 
im Heere steht der Offizier da, ihm fällt bei der geistigen 
und sittlichen Erziehung die Hauptaufgabe zu, und wenn 
es auch Obliegenheiten giebt, in denen ein Unteroffizier 
den fehlenden Offizier zeitweise vertreten kann, ersetzen 
wird er ihn niemals können; dazu fehlt auch dem bestbeaulagten 
Unteroffizier die geistige und moralische Überlegenheit Uber den Ge- 
meinen, die es dem Offizier so leicht macht, eine Einwirkung aus- 
zuüben. 

Der Mittel, welche sich uns bieten, um auf unsere Leute ein- 
zuwirken, giebt es ungemein viele. In der Kabinettsordre vom 
13. Februar 1890 heifst es: „Zweck und Ziel aller, nament- 
lich aber der militärischen Erziehung ist die auf gleich- 
mäßigem Zusammenwirken der körperlichen, wissen- 
schaftlichen und religiös sittlichen Schulung und Zucht 
beruhende Bildung des Charakters. u Erblicken wir unsere 
Aufgabe darin und gelingt es uns, das Menschenmaterial, 
welches uns alljährlich anvertraut wird, körperlich, 
geistig und besonders moralisch zu bessern, so wird es 
keinen Stand im Staate geben, dessen Bedeutung der des 
Offizierstandes gleichkommt. Ich werde dies an dem Beispiele 
eines Rekruten zu erläutern suchen, von welchem ich das eine mal 
annehme, dais die Dienstzeit denkbar vorteilhaft und das andere 
mal, dafs die Dienstzeit denkbar nachteilig auf ihn einwirkt. 

Mir schwebt hierbei ein ungelenker Tagelöhnerssohn vor, der 
aus drückenden Verhältnissen uns zugeführt wird. Zu Hause hat er 
nur Sorge und Elend kennen gelernt, seinem Vater hat er es bereits 
abgesehen, die Leiden des irdischen Daseins vorübergehend im 
Schnapsgenuls vergessen zu machen, neidisch blickt er auf den 
reichen Bauernsohn nebenan und willigen Ohres hat er bereits den 
Einflüsterungen unzufriedener Kameraden gelauscht, ein ziemlich 
sicherer Rekrut fUr die grolse Armee der Sozialdemokratie. Bereits 
mifsmutig folgt er dem Gestellungsbefehl; indes ihm blüht das Glück, 
in die richtigen Hände zu geraten; die derbe aber doch wohlwollende 
Art seines Unteroffiziers sagt ihm zu, er merkt bald, dais, wenn er 
sich Mühe giebt und aufpafst, ihm Vorwürfe und Wiederholungen 
erspart bleiben, der gewöhnlichste tierische Trieb der Selbsterhaltung 
treibt ihn, den an ihn herantretenden Anforderungen gerecht zu 
werden. Bald trifft ihn auch ein Wort der Anerkennung, hiermit 
zum erstenmal in seinem Leben eine bis dahin schlummernde 
edlere Seite in seinem Innern anschlagend. Allmählich 
geht ihm die Erkenntnis auf, wie verlogen doch die sozialistischen 



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64 



Armee und Volkserziehnng. 



Einflüsterungen waren, denen er damals willig Gehör geschenkt; 
er erkennt, dafs auch der niedrig Geborene seine Lage verbessern 
kann, wenn er nur ehrlich will. Seine weitere militärische Laufbahn 
ist nur geeignet, ihn in dieser Autfassung zu bestärken und ihm die 
Nichtigkeit der sozialistischen Lehren mehr und mehr zu beweisen. 
Mit ihm zusammen dienen Leute der verschiedensten Stände — im 
Soldatenrock aber alle gleich ! Besonders vor Augen geführt wird ihm 
dies an dem von ihm einst so beneideten nachbarlichen Bauerssohn, 
der trotz seiner höheren sozialen Stellung und trotz seines Geldes 
wegen seines Mifsmuts und seiner geringen Leistungen bald als der 
Schlechteste in der Korporalschaft gilt. Auch mit Einjährig-Frei- 
willigen dient er zusammen, von deren „unberechtigten Vorrechten" 
man ihm einst erzählt. Er fühlt, wie deren höhere Bildung sie be- 
fähigt, sich schneller in die neuen Verhältnisse hineinzufinden ; ihre 
Überlegenheit erkennt er an und noch vor Ablauf eines Jahres sieht 
er sie bereits als Vorgesetzte leidlich ihren Dienst versehen. Und 
wie anders stellen sich erst seine angeblichen „Peiniger 44 und 
„Schinder", die Unteroffiziere, dar? Er sieht, es sind Leute, zum 
Teil aus seinem eigenen Stande hervorgegangen, die es sich un- 
ermüdliche Arbeit kosten lassen, aus teils recht stumpfsinnigen un- 
geschickten Burschen brauchbare Menschen zu machen. Wo sind 
ferner die „hochmütigen" Offiziere, die in dem gemeinen Mann nur 
„Kanaillen" sehen, gerade gut genug, um zum „Kanonentutter" ab- 
gerichtet zu werden ? Auch hier sieht er sich freventlich getäuscht ; 
welcher sein er frühere n Brotherren hätte jemals soviel 
Interesse und Wohlwollen für ihn, den armseligen Tage- 
löhner gezeigt, wie hier der Offizier für jeden seiner 
Untergebenen? 

Ich komme nun zu der Kehrseite des Bildes: Ich nehme an, 
derselbe Tagelöhnersohn fällt in die Hände eines Unteroffiziers, der 
nicht die Begabung hat, bei seinen Untergebenen die richtigen Seiten 
anzuschlagen. Der widerwillige Rekrut mifsfällt dem Unteroffizier 
vom ersten Tage an, schroffe Zurechtweisungen und empfindliche 
Mafsregelu ngen mancherlei Art scheinen den sozialistischen Hetzereien 
recht zu geben; sein Milsmut wächst, schon greift er in unbewachten 
Momenten wieder zur Flasche. Der KorporalschaftsfUhrer macht die 
ganze Korporalschaft für den einen Sünder verantwortlich, die nächste 
Abwesenheit des Unteroffiziers wird schnell benutzt, Lynchjustiz an 
dem räudigen Schafe der Herde zu üben, nur dazu angethan, den 
Unglücklichen mehr und mehr auf der abschüssigen Bahn hinabzu- 
stolsen. Schon geht keiner mehr mit ihm um, der Weg in die 
Reihen der Sozialdemokratie ist schnell gefunden und die Armee hat 



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Armee und Volkserhebung. 



65 



einen unversöhnlichen Feind mehr; doch nicht einen Feind nur! 
Bitteren Groll im Herzen kehrt er in das bürgerliche Leben zurück 
und wie einst ihm die Armee als ein „Zuchthaus" mit allen 
Schrecken eines solchen geschildert worden, so wird auch er auf den 
jungen Nachwuchs einreden, seine Angehörigen werden die Armee 
für sein Sinken verantwortlich machen und seine Kinder wird er im 
Hafs gegen die bestehende Gesellschaftsordnung im allgemeinen und 
die Armee im besonderen heranziehen — und dies alles, weil seine 
Vorgesetzten dereinst es nicht verstanden, seiner Eigenart gerecht zu 
werden und ihn richtig zu behandeln. 

„Diejenigen, welche kommandieren", sagte der grobe 
König, „müssen sich mit dem Studium des menschlichen 
Herzens und Geistes beschäftigen, um die Menschen leiten 
zu lernen, durch den Reiz des Lobes und der Belohnung 
oder des Tadels und der Strafe." 

Lob und Tadel, Belohnung und Strafe! welche Fülle von 
Erziehungsmitteln schlielsen diese wenigen Worte in sich. Könnte 
man es erreichen, dals jedes Vergehen wie jede gute Handlungsweise 
zn unserer Kenntnis gelangte und würde man dadurch in die Lage 
versetzt, der That Lob oder Tadel, Belohnung oder Strafe auf dem 
Fulse folgen zu lassen, so wäre es gewifs vorzüglich um unsere 
Disziplin bestellt. Leider aber läfst sich dieser ideale Zustand nur 
erstreben. Umfassende zweckmäfsige Anordnungen für den inneren 
Dienst und eine häufige Kontrole desselben müssen hierbei das meiste 
thun. Jedermann mufs bei jeder Pflichtverletzung gewärtig sein, 
hierfür zur Verantwortung gezogen zu werden, sei es nun durch 
Tadel, Mafsregelungen, Strafen, und was in der Wirkung die letzteren 
meist noch übertrifft : durch Entziehung von Vergünstigungen, besonders 
des Urlaubs. 

Andererseits muls der Soldat aber auch wieder die Möglichkeit 
haben, durch besondere Leistungen früheres Verschulden wieder wett- 
zumachen und sich in der Achtung der Vorgesetzten wieder empor- 
zuarbeiten. 

Es handelt sich hier also um ein auf das Peinlichste 
durchgeführtes System der Ausnutzung des allen Menschen 
gemeinsamen Triebes der Selbsterhaltung — ohne Eifer und 
Zorn — wohl aber mit der gröfsten Gewissenhaftigkeit und Un- 
parteilichkeit. 

Wenn nun auch trotz alledem manches Vergehen wie auch 
manche gute Leistung nicht zu unserer Kenntnis kommen und infolge- 
dessen unvergolten bleiben wird, so hat dies doch nicht soviel auf 
sich; es genügt, wenn es nur in das Bewulstsein der Leute 

Jiirbdcher fBr di« DenUehe Arm«« and Marin«. Bd. IIS. 1. 0 



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Armee und Volkserziehung. 



dringt, dafs von dem Richterstuhle des Vorgesetzten herab 
gerecht gewaltet wird. 

„Wir müssen uns mit dem Studium des menschlichen 
Herzens und Geistes beschäftigen", heilst es in dem früher an- 
geführten Königlichen Ausspruch. Dieses Studium wird uns er- 
leichtert werden, wenn es uns erst gelungen ist, das Vertrauen der 
Leute zu gewinnen, wenn wir sie erst soweit haben, dals sie uns 
gegenüber ihren wahren Gedanken Ausdruck geben und nicht 
stets nur das sagen, was sie glauben, dals der Vorgesetzte 
gerne hören möchte. Ein früherer hoher Vorgesetzter von mir 
pflegte dies wie folgt zu illustrieren: Frage ich einen Soldaten, den 
ich beim Essen treffe, wie ihm die Erbsen schmecken, so sagt er 
ohne Besinnnen: .,Sehr gut, Euer Excellenz!" Nachdem ich nun selbst 
gekostet, sage ich vielleicht: „Na etwas hart scheinen die Erbsen 
denn doch zu sein?" „Etwas hart sind sie allerdings", erwidert 
der Soldat „Etwas mehr Salz könnte wohl auch dabei sein?" fährt 
der Vorgesetzte fort „Salz fehlt allerdings " echot der Untergebene. 
So stellt sich denn nach und nach heraus, dafs das Essen eben alles 
andere, nur nicht gut ist. Eine Erziehung aber, welche zu solchen 
Resultaten führt, ist eben keine Erziehung, bedeutet im Gegenteil 
eine Uberaus schädliche Verbildung des Charakters. 

Um zu einer richtigen Beurteilung eines Untergebenen 
zu gelangen, darf man sich nun nicht auf dessen Führung, sowie 
seine Leistungen im Exerzieren und Schiefsen beschränken, man muls 
vielmehr seine sämtlichen erkennbaren Eigenschaften in Betracht 
ziehen, im besonderen auch diejenigen, deren wahrer Wert 
erst im Kriege zur Geltung kommt. Ich habe hierbei einen 
Mann im Auge, der vermöge seiner krummen Beine und hohen 
Schultern bei jedem Parademarsch Entsetzen erregt und. leichtsinnigen 
Charakters wegen Urlaubsüberschreitung und manchen anderen über- 
mütigen Streiches im Strafbuch bereits mehrere Seiten fllr sich allein 
beansprucht Dieser Mann ist der ganze Kummer des Durchschnitts- 
Feldwebels, in ihm sieht er den Bodensatz der Kompagnie, einen 
sicheren Kandidaten für die Arbeiter-Abteilung. Man sehe sich 
diesen infolge der fortgesetzten Unterdrückung mifsmutig gewordenen 
Mann doch einmal etwas genauer an: Gelegentlich fällt er z. B. 
beim Fechten durch eine gewisse Gewandtheit auf. Zum erstenmal 
hört er ein Wort der Anerkennung. Hierdurch angeregt, fängt er 
an, sich Mühe zu geben und damit ist der Ehrgeiz in ihm geweckt, 
der erste Schritt auf der Bahn zum Guten ist gethan. 
Wenn nun derselbe Mann aufserdem noch Gutes, z. B. im Felddienst 
oder im Entfernungsschätzen leistet und auf dem Marsch es versteht, 



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Armee und Volkserziehung. 



67 



über Momente allgemeiner Erschlaffung durch seinen Humor hinweg- 
zuhelfen, dann ist es sehr wohl möglich, dafs ich einen solchen Mann 
höher bewerte, als 10 Schlafmützen in der Kompagnie, die durch 
tadellose Beine und sogenannte gute Führung den Stolz des Feld- 
webels ausmachen. 

Die Anerkennung, welche ein solcher Mann in einem 
oder dem anderen Dienstzweige findet, wird aber auch 
nicht ohne Rückwirkung auf seine Führung bleiben; auch 
diese wird sich bessern und wenn ihn auch noch manche Strafe 
treffen wird, so wird er doch dereinst ohne Mifsmut aus der Armee 
scheiden, er wird sich sagen: „die Strafen, die ich erlitten, habe ich 
verdient; Uberall da, wo ich etwas geleistet, habe ich aber auch An- 
erkennung gefunden." 

Eins der besten Erziehungsmittel besonders bei 
Truppenteilen, welche in ihrer Heimat garnisonieren, 
bieten dem Vorgesetzten die Gewährung resp. Versagung 
des Urlaubs. Bei einer so kurzen Dienstzeit wie der zweijährigen 
ist es wohl überall zur Regel geworden, dals, von besonderen Fällen 
abgesehen, der Urlaub durch besonders gute Leistungen verdient 
werden mufs. Abgesehen von Sonntagsurlaub und besonderen Familien- 
Ereignissen bittet der Soldat dann nicht mehr um Urlaub, 
sondern er verdient sich eine gewisse Anzahl Tage davon 
und tritt denselben an, sobald es ihm pafst resp. der Dienst dies 
gestattet. 

In ähnlicher Weise wirken die für alle Dienstzweige 
auszusetzenden Preise. Vorzugsweise aus Büchern, Bildern und 
solchen Gegenständen bestehend, welche sich mit einer bezgl. Wid- 
mung versehen lassen und von dauerndem Werte sind, werden diese 
Schieis-, Turn-, Fecht-, Entfernungsschätz-, Schwimm- und Felddienst- 
preise dazu beitragen, dem Betreffenden eine mit Stolz verknüpfte 
Erinnerung an seine Dienstzeit zu bewahren und auch auf seine 
demnächstige Umgebung anregend einzuwirken — eins der vielen 
Mittel, die uns zu Gebote stehen, in das Gedankenleben 
des Volkes in unserem Sinne einzugreifen. Wir müssen 
uns eben stets gegenwärtig halten, dals unsere Friedens- 
arbeit einen fortgesetzten erbitterten Kampf darstellt 
gegen einen kein Mittel unversucht lassenden rücksichts- 
losen Gegner: „die Sozialdemokratie, einen verborgenen Feind, 
dessen giftige Pfeile wir wohl empfinden, der sich aber hütet, uns 
mit offenem Visier gegenüberzutreten, weil er wohl weils, dals er in 
heimlicher Minierarbeit sein Ziel, wenn auch langsam, so doch 
sicherer erreicht — vorausgesetzt nämlich, dafs wir die Ge- 

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Armee und Volkserziehung. 



fahr unterschätzen und versäumen, von den uns zu Gebote 
stehenden stärkeren Machtmitteln im vollsten Umfange 
Gebrauch zu machen. 1 ) 

Nur wenn der Vorgesetzte dem Untergebenen in allen 
den Tugenden, die er von ihm fordert, auch selbst als ein 
leuchtendes Beispiel vorangeht, hat er ein Anrecht aut 
Achtung und Vertrauen, nur dann wird der Glaube an ihn 
auch in den schwierigsten Lagen nicht versagen. Ebenso 
streng wie man von dem Untergebenen Befolgung der Vorschriften 
verlangt, ebenso genau halte man sich selbst durch die bestehenden 
Vorschriften gebunden, ganz besonders aber da, wo die Interessen 
der Untergebenen hiervon berührt werden. Mit Kecht verlangen wir, 
dafs die Augen unserer Untergebenen auf uns gerichtet sind; da 
müssen wir es schon in den Kauf nehmen, dafs auch alle 
Schwächen, die wir merken lassen, von ihnen hierbei mit 
erkannt werden. Besonders gilt dies von Burschen und Kasino- 
Ordonnanzen. Bedenkt mau, dals alljärlich etwa 20000 derselben 
in das bürgerliche Leben zurücktreten, berücksichtigt man ferner die 
Neigung der Meuschen, zu Ubertreiben und von allem das Schlechteste 
zu denken, so drängt sich uns die Pflicht auf, des Glas- 
hauses, in dem wir uns fast fortgesetzt befinden, stets be- 
wufst zu bleiben und nicht selbst dazu beizutragen, dals 
mielsliebige Auffassungen Uber die Armee und den 
Offizierstand im besonderen in weitere Volkskreise 
dringen. 

„Müfsiggang ist aller Laster Anfang" besonders aber bei jungen, 
noch dazu auf so engen Raum zusammengedrängten Leuten. Unsere 
Aufgabe mufs es daher sein, dem Soldaten in seinen Frei- 
stunden die Möglichkeit zu bieten, der Langenweile mit 
allen ihren üblen Folgen zu entgehen. 

Gute Lektüre steht hierbei in erster Linie. Jede Stube 
mufs fortgesetzt Uber Bücher und Zeitschriften verfügen, welche 
jedermann ohne Mühe jederzeit zugänglich und angemessenem 
Wechsel unterworfen sind. Mittel hierfür sind genug vorhanden; 
vor allem aber setzen uns die Ersparnisse aus den Kantinen in den 
Stand, zum Weihnachtsfest, wie auch gelegentlich der Geburtstage 
von Kaiser und Landesherrn, sowie der Feier des Sedantages wie 
auch des 22. März unsere Leute mit geeigneten Schriften zu be- 
schenken und ihren sowohl wie auch unseren Interessen 
hiermit besser zn dienen, als wenn wir die verfügbaren Mittel 



*) Förderung des Kriegervereinswesens. 



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Armee und Volkseraiehung. 



69 



ausschließlich aof Bier, Pfefferkuchen nnd wollene Strümpfe ver- 
wenden. 

Ehrentafeln spornen zur Nacheiferung an, sie Uberliefern 
alle diejenigen Namen der Nachwelt, deren Träger in dem betreffenden 
Jahre Schtltzenabzeichen oder in den verschiedenen Dienstzweigen 
Preise erworben oder sonst sich ausgezeichnet haben. 

Bilder, Karten und Vorrichtungen für den Anschauungs- 
Unterricht in möglichst grofser Zahl auf Stuben und Korridor ver- 
teilt, wirken belehrend und unterhaltend und tragen dazu bei, die 
Kasernenräume etwas wohnlicher zu gestalten. Dennoch wird dies 
letztere nicht soweit gelingen, dafs der Soldat sich dauernd darin 
wohl zu fühlen vermöchte, er wird sich nach Abwechselung, nach 
einem Orte sehnen, wo er nach des Tages Arbeit sich Erholung 
gönnen kann. 

Diese Aufgabe mufs die Kantine erfüllen. Nicht nur, 
dafs sie besser und billiger liefert, wie jedes Wirtshaus, sie mufs 
anch allen Anforderungen an Bequemlichkeit und Gemütlichkeit nach- 
kommen. Billard und sonstiger Zeitvertreib, Fulsball zum Spielen 
im Freien. Zeitungen, wobei die Heimatszugehörigkeit des Ersatzes 
zu berücksichtigen ist, sowie ein mit Schreibutensilien versehener 
Tisch dürfen nicht fehlen. 

In Zweifel könnte man darüber sein, ob es zweckmässig er- 
scheint, dem Soldaten Zeitungen in die Hand zu geben? Ich denke 
aber: eine gute Sache kann durch nähere Bekanntschaft nur ge- 
winnen; geben wir also dem Soldaten Gelegenheit, durch Lektüre 
gnter Zeitungen sich aufzuklären und er wird falschen Vorspiegelungen 
dereinst besser widerstehen. Ich gehe aber hierin noch weiter und 
befürworte, dals auch direkt daraufhingewirkt werde, Uber soziale 
Fragen Aufklärung zu verbreiten. Die Instruktion wird hierbei das 
hauptsächlichste thun müssen; nicht, dafs ich die Forderung stelle, 
jeder junge Offizier solle sich auf das schwierige Gebiet sozialer 
Fragen begeben; dies mülste vielmehr dem Kompagnie-Chef vorbe- 
halten bleiben und ich denke, gelegentliche passende Worte, von 
einem Kompagnie-Chef gesprochen, der das Vertrauen seiner Leute 
genietet, werden des Eindrucks nicht verfehlen. 

So versäume auch der Kompagnie-Chef besondere Anlässe wie 
Vereidigung, hohe Geburtstage, Ehrentage des Regiments, Weihnachts- 
fest Neujahrstag u. s. w. nicht, in wohlüberlegter Rede auf das 
Gemüt seiner Untergebenen einzuwirken ; nicht dafs er in den grofsen 
Fehler des Vielredens verfalle, im Gegenteil: seine Leute müssen 
wissen: wenn der „Alte" einmal spricht, dann hat es auch etwas zu 
bedeuten ! Dann wird auch jeder aufpassen und seine Worte werden 



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Armee and Volkserziehung. 



nicht ungehört verhallen. Die eindringlichsten Worte richte 
man an seine Leute aber bei der Entlassung; gelänge es 
jedem Kompagnie-Chef, dieselben so tief in die Herzen 
seiner Reservisten zu schreiben, dafs sie dauernd eine 
feste Statt darin behalten, dann wäre es gut um unsere 
Zukunft bestellt. 

Das Bedürfnis nach Lesestoff ist in den unteren Volks- 
klassen ein ganz aufserordentliches; ob gut, ob schlecht, ohne 
Auswahl wird verschlungen, was dem lesegierigen Menschen in die 
Hände fällt. Diesem Bedürfnis niufs eine mit der Kantine in Ver- 
bindung stehende passend ausgesuchte Bibliothek mit abhelfen; zur 
Unterhaltung und Auiklärung im guten Sinne wird dies wesentlich 
beitragen und manchen davon abhalten, die billigen niederen Wirts- 
häuser aufzusuchen, daselbst mit zweifelhaften bürgerlichen Elementen 
in Berührung zu treten und die übelsten Zeitungen wie auch die 
verderblichen Hintertreppen-Romane vorzufinden. 

Der Soldat hat das in der menschlichen Natur be- 
gründete Bestreben, nach der Woche Müh und Arbeit sich 
des Sonntags dem Zwange des Kasernenlebens auf einige 
Stunden zu entziehen und Zerstreuungen sich hinzugehen. 
Welcher Art sind nun die Zerstreuungen, die sich dem Soldaten des 
Sonntags bieten? Natursch wärmer findet man in den niederen Ständen 
selten. Sieht man ferner vom Theater des hohen Preises wegen ab, 
so bleibt ihm nichts als Tanz und Kneipe. 

r Die menschliche Natur~, sagte Schiller, „erträgt es nicht, un- 
unterbrochen auf der Folter der Geschäfte zu liegen. Der Mensch, 
Uberladen von tierischem Genufs, der langen Anstrengung müde, 
vom ewigen Triebe nach Thätigkeit gequält, dürstet nach besseren 
auserlesenen Vergnügungen oder stürzt zügellos in wilde Zer- 
streuungen, die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der Ge- 
sellschaft zerstören. Bachantische Freuden, verderbliches Spiel, 
tausend Rasereien, die der Mülsiggang ausheckt, sind unvermeidlich, 
wenn der Gesetzgeber diesen Hang des Volkes nicht zu lenken weifs. 
Der Mann von Geschäften ist in Gefahr, dem unseligen Spleen zu 
verfallen, der Gelehrte zum dumpfen Pedanten herabzusinken — der 
Pöbel zum Tier!" 

Wenn nach diesem klassischen Zeugnis das Bedürfnis nach Zer- 
streuung als berechtigt anerkannt wird, so ergiebt sich nun die Frage: 
wie kann diesem Bedürfnis entsprochen werden? Es handelt sich 
hierbei um ein Problem, welches, auf das bürgerliche Leben be- 
schränkt, schon in den ältesten Zeiten seine Beachtung gefunden und 
dessen Lösung in neuester Zeit erhebliche Fortschritte gemacht hat 



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Armee und Volkserziehung. 



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Wohl in der Mehrzahl der Kulturländer ist neuerdings das Bestreben 
hervorgetreten, dem Volke Zerstreuungen zugänglich zu machen, die 
zugleich auch für den einzelnen von Nutzen und Belehrung sind. 
.Denn, die Unterhaltung bedeutet für das noch gesunde Volk eine 
Erhöhung seiner Arbeitskraft durch erhöhte Arbeitsfreudigkeit, der 
in der Regel auch vermehrte Leistungen entsprechen werden. Eine 
gute Unterhaltung — und nur eine solche wird auf die Dauer ihren 
Zweck erfüllen — mufs also mittelbar die ganze Lebensweise des 
Proletariers haben, sie gewährt ihm Ruhe und Erholung und nach 
verschiedenen Richtungen hin fruchtbringende Anregung. Wenn nun 
aber statt dessen die Befriedigung dieses wirklichen Bedürfnisses ge- 
hemmt wird, so steigert sich das Verlangen danach. Schließlich zer- 
bricht es jedes Hemmnis und zerstört mit den ungerechtfertigtein 
Schranken auch die notwendigen: aus dem Unterhaltungstriebe 
entsteht die Vergnügungssucht. Diese pflegt aber nicht lange zu 
wählen, auch das Schlechteste ist ihr gut genug! Der hungrige Sinn 
wird berauscht, anstatt durch gute Nahrung befriedigt zu werden. 
Dem Rausche folgt Abstumpfung und schliefslich neue Uberreizung. 
Es entsteht Unzufriedenheit im Genuls wie in der Arbeit, Mifsmut, 
Nörgelsucht und Verbissenheit gegen alle, die überhaupt nur ein 
einigenuafsen zufriedenes Gesicht zur Schau tragen." 1 ) 

Aus diesen Erwägungen heraus haben sich vielerorts Vereine 
gebildet, die es sich zum Ziel machen, dem Volke die Möglichkeit 
zu bieten, für den geringen Preis von 10 — 50 Pfennigen geeignete 
Theater-Vorstellungen und Konzerte, im besonderen aber belehrende 
Vorträge zu besuchen. Vor allem aber geht das Streben 3 ) dahin, dem 
Volke und zwar dem Volke im weitesten Sinne des Wortes wieder 
wahre Volksfeste zu geben, Feste, welche auch dem Unbemittelten 
zugänglich sind, sich frei halten von dem Jahrmarkt- und Tingel- 
tangelmälsigen unserer heutigen Veranstaltungen und sich auf solche 
Vorführungen beschränken, welche dem einzelnen wahre Genüsse 
bieten, Genüsse, welche nicht mit physischem und moralischem Kater, 
nicht mit wirtschaftlichem Verfall enden, sondern den einzelnen ein- 
mal über die Tagessorgen hinwegheben, ihm gute Musik und Gesang, 
gute Schaustellungen, wirkliche Vergnügungen und Humor selbst bis 
zur Ausgelassenheit bieten. Durch Einfügung von Jugeudspielen, 
turnerischen, athletischen und sportlichen Wettkämpfen will man 
ferner das Interesse für die wichtigen Leibesübungen und durch An- 

') „Die Volksnnterhaltung" von Curt Baecker. Seite 2. 

3 ) Bestrebungen des Centraiausschusses zur Förderung der Volks- und 
Jagendspiele und des aus diesem hervorgegangenen Ausschusses für deutsche 
Nationalfeste. 



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Armee und Volkseraehung. 



knüpfung an wichtige Begebenheiten unserer vaterländischen 
Geschichte den Sinn für unsere nationalen Errungenschaften fördern. 

Dieser geschilderten Bewegung gegenüber sollte die 
Armee sich nicht teilnahmslos verhalten; handelt es sich 
doch dabei ausschliefslich um solche Bestrebungen, welche 
der Wehrkraft des Landes in hohem Mafse zu gute kommen 
müssen. 

Gerade die Armee könnte diesen Bestrebungen zu ihrem eigenen 
und des Vaterlandes besten in denkbar grölstem Malse Vorschub 
leisten, sie müfste die Führung in dieser hohwichtigen Be- 
wegung übernehmen und dieser damit die patriotisch- 
religiöse Grundlage sichern. 



Als vor Jahren im preufsischen Landtage das Schulgesetz be- 
raten wurde, blieb der Volksschule aus Allerhöchstem Munde der 
Vorwurf nicht erspart, ihr sei es nicht gelungen, die ihr zur Be- 
kämpfung der sozialdemokratischen Irrlehren erwachsene Aufgabe zq 
erfüllen. — Die Volksschule ist die Vorschule des stehenden Heeres 
und was die Schule versäumt hat, mufs die Armee versuchen nach- 
zuholen. Hoffen wir und streben wir dahin, dals das, was 
der Volksschule nicht gelungen ist, der Armee gelingt, 
neben Erfüllung ihrer anderen hohen Aufgaben, ein un- 
überwindlicher Wall zu sein und zu bleiben gegen dema- 
gogische und atheistische Irrlehren, ein Erhalter und 
Förderer deutschen Wesens, deutscher Kultur und Ge- 
sittung. 



C. Frhr. von Pnttkamer 




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Die Heeresverhältnisse Chiles. 



73 



V. 

Die HeeresTerhältnisse Chiles. 

Unter allen südamerikanischen Republiken, welche sich im An- 
fang dieses Jahrhunderts vom spanischen Joch befreiten, kann nur 
eine einzige auf eine verhältnismäfsig stetige Entwickelung zurück- 
schauen: Chile. Nicht als wenn diesem Land Kämpfe erspart ge- 
blieben sind — sie waren aber sieg- und ruhmreich, nicht als wenn 
es ihm an harter Kriegsarbeit gefehlt hätte — sie brachte aber 
grofsen Erfolg. Innere ernstliche Unruhen wie im Jahre 1891 
konnten wohl störend wirken, nicht aber den gesunden Fortschritt 
dauernd hemmen, der besonders auf militärischem Gebiet ein durch- 
aus glücklicher genannt werden mufs. Chile hat bei ca. 3000000 
Einwohnern eine Ausdehnung von ca. 770000 qkra, ist somit bei- 
nahe noch ein halb mal so grofs als das Deutsche Reich, mit dem 
es in so mannigfacher Beziehung steht wie kein anderes Land Süd- 
amerikas. Nirgendwo ist das Samenkorn deutscher Kulturarbeit 
auf fruchtbareren Boden gefallen und hat reichlichere Früchte ge- 
bracht als in Chile, in dem eine tiefe und lebendige Dankbarkeit 
für unsere Nation vorherrscht, ja, dessen tapferes Volk sich wohl 
die ..Preufsen in Südamerika" zu nennen liebt. In materieller Hin- 
sicht macht sich das auch durch die in allerneuster Zeit erörterte 
Absicht bemerkbar, in Berlin (später dann in Paris, London) eine 
Lager- und eine Verkaufsstelle chilenischer Produkte zu eröffnen. 
Die Regierung würde hierzu einen Zuschufs bewilligen müssen, 
woran die Angelegenheit vielleicht zunächst noch scheitert, denn 
man wird in Chile noch lange an den Folgen der kriegerischen 
Rüstungen leiden. Das mühsam aufgebaute Werk der Goldwährung 
ist verloren gegangen und die Valuta hat sich um ca. 30°/ 0 ver- 
schlechtert. Da6 Einnahme- und Ausgabe -Budget pro 1899 ist nach 
dem „Diario Oficial" auf: ca. 100572937 Papier Pes. veranschlagt. 
Das Militär-Budget ist 13185155 Pes. (Papier), dasjenige der Marine 
9053738 Pes. (Papier) hoch. 

Die Verwaltung des chilenischen Heeres erfolgt durch den 
Kriegsminister, dem eine Adjutantur von 7 Offizieren zur Seite 
steht Neben ihm funktioniert der General en chef des Heeres, ein 
Divisionsgeneral mit 2 Adjutanten, der allgemeine Kriegsrat aus 
4 Generalen und die Qualifikations-Kommission (3 Generale und 
1 Oberst als Sekretär). 

Dem chilenischen Heer sind eigentümlich: 4 Adjutanten des 



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74 



Die Heoresverhältnisse Chiles. 



Präsidenten, 4 desgl. der National-Versammlung und die Wache 
der letzteren (2 Kapitäns). 

Hierher geboren auch noch die Kommission für Armee-Material 
aus 1 General, 10 Stabsoffizieren und 12 Kapitäns zusammenge- 
setzt, eine Kommission in Magelhans, der Instrukteur der Marine- 
Schule und die Waflenrevisionskommission. 

Der Hauptschwerpunkt der Armeeleitung ruht beim Generalstab 
(Chef General Körner), der 14 Offiziere zählt. 

Unter diesem stehen das statistische Bureau (1 Stabsoffizier, 
3 Offiziere), die Inspektion der Nationalgarde (1 Inspekteur, 1 Unter- 
Inspekteur, 1 Adjutant) und die Sektion für Instruktion mit den 
unten aufzuführenden Schulen. Es folgen weiter die fortifikatorische 
Sektion mit 5 Offizieren, die Remonte-Sektion (4 Offiziere), die 
technische (8 Offiziere), die Verwaltungs- (9 Offiziere) und Engage- 
ments-Sektion. Die Truppen stehen direkt unter dem Generalstab 
und sind keiner Militär-Zone zugeteilt: das 3. Artilleric-Regt., die 
Eskorten-Eskadron (1 Stabsoffizier, 1 Kapitän, 4 Lieutenants resp. 
Fähnriche, 80 Mann) und der Armeepark nebst Werkstätten (zu- 
sammen mit 8 Offizieren unter einer Generaldirektion). 

Die Republik ist in 4 Militär-Zonen eingeteilt und umfassen 
dieselben die Provinzen: 

I. Militär-Zone. 

Tacua, Tarapacä, Autofagasta, Atacama, innerhalb welcher 
garnisoniren: 2 Regt. Infanterie, 1 Regt. Kavallerie, 1 Regt. Feld- 
bezw. Gebirgs-Artillerie, 1 Komp. Ingenieure. 

II. Militär-Zone: 

Coquimbo, Aconcagua, Valparaiso, Santiago, O'IIiggins, Colchagua 
mit 3 Regt. Infanterie, 2 Regt. Artillerie, 2 Regt. Kavallerie, 
1 Komp. Ingenieure. 

HI. Militär-Zone. 
Curicö, Talca, Linares, Maule, Nublc. Conception, mit 3 Regt. 
Infanterie, 1 Regt. Artillerie, 2 Regt. Kavallerie, 1 Komp. In- 
genieure. 

IV. Militär-Zone. 

Arauco, Bio-Bio, Malecco, Cautin, Angol, Valdivia, Llanquihuc, 
Chilo6, Magelhans. 2 Regt. Infanterie, 3 Regt. Kavallerie, 1 Regt. 
Artillerie, 1 Komp. Ingenieure. 

Die Einteilung in 4 Militär-Zonen und die Erwägung, jeder 
derselben schon im Frieden zu Ubergeben, was an Material und 
Ausrüstung im Kriegsfall für die in ihr aufzustellenden resp. zu 



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Die Heeresverhältnisse Chiles. 



75 



mobilisierenden Treppen nötig ist, wird vermutlich zur Aufstellung 
von Intendanturen führen, welche unter der General-Intendantur 
stehen sollen. Ein solcher Schritt würde eine grofse Verbesserung 
bedeuten. 

In Summa sind an Linien-Truppenteilen vorhanden: 
10 Regt. Infanterie, im Frieden ä 1, im Kriege ä 2 Bat. ä 4 Komp. 
8 „ Kavallerie, ä 4 Eskadrons (dazu i Eskorte-Eskadron). 
5 „ Feld-Artillerie, ä 4 Batterien. 
1 „ Küsten-Artillerie, ä 2 Bataillone. 

1 Korps Ingenieure mit 4 Kompagnien, welche auf die Militär- 
Zonen verteilt sind. 
1 Invalidenkorps. 

Laut Gesetz vom 31. Dezember 1896 darf die Gesamtsumme des 
stehenden Heeres, das sich durch Werbung ergänzt, 9000 Köpfe in 
Friedenszeiten nicht übersteigen. Ausgenommen ist die Zeit der 
Einziehung der Nationalgarde, in welcher jedermann zu dienen ver- 
pflichtet ist. 

An Offizieren sind etatsmäfsig: 4 Divisious-Generale, 6 Brigade- 
Generale, 18 Obersten, 40 Oberstleutnants, 65 Majore, 200 Kapitäne, 
140 Leutnants, 150 Unterleutnants resp. Fähnriche. 

Den Militär-Zonen steht ein Kommandeur mit einem aus 
mehreren Offizieren zusammengestellten Stab vor. An 16 Orten sind 
Kommandanturen errichtet, teilweise nur aus 1 Kapitän bestehend 
teilweise mit einer grösseren Anzahl Offizieren. Die Kommandantur 
Santiago zählt z. B.: 1 General, 1 Oberstleutnant, 1 Major, 
3 Kapitäne, 1 Leutnant; Valparaiso: 1 Oberstleutnant, 1 Major, 
1 Kapitän. Invalidenhäuser giebt es in Santiago und Valparaiso. 
Der Stab eines Infanterie-Bataillons, Artillerie- oder Kavallerie-Regi- 
ments soll stark sein: 3 Stabsoffiziere, 2 Adjutanten, 1 Leutnant als 
Fahnenträger, 1 Arzt, 2 Zahlmeister, 1 Büchsenmacher, 1 Zimmer- 
meister, 1 Musikmeister, 2 Krankenwärter, 2 Fouriere, 2 Verpflegungs- 
soldaten, 1 Korporal und 4 Soldaten für die Bagage, 6 Musiker. Bei den 
berittenen Truppen kommt hinzu: 1 Tierarzt, 1 Hufschmied, 1 Gürtler- 
meister. Die Instruktions Kadres sind stark: 1 Chef, 1 Adjutant, 

1 Leutnant als Fahnenträger, 1 Arzt, 1 Zahlmeister, 2 Sergeanten 
(darunter 1 Musikmeister), 1 Tierarzt. 

Jede Kompagnie, Eskadron, Batterie soll stark sein: 1 Kapitän, 

2 Leutnants, 2 Unterleutnants resp. Fähnriche, 2 erste, 8 zweite 
Sergeanten, 8 erste und 8 zweite Korporale und 100 Soldaten. 
Immer nur 2 Komp. etc. eines jeden Truppenteils haben die ange- 
führten Stärken, bei den übrigen 2 kommen noch je 100 Soldaten 
hinzu, eine Ingenieur-Komp, enthält je 78 Soldaten. Die Eskorten- 



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76 Die Heeresverhältnisse Chiles. 

Eskadron hat dieselbe Anzahl Offiziere, aber 14 Sergeanten, 
24 Korporale und 145 Soldaten. Jede Kompagnie etc. zählt innerhalb 
ihres Mannschaftsbestandes 6 Spielleute, welche mit denen des 
Stabes zusammen das Musikkorps bilden. 

Den wichtigsten Teil des Heeres im Kriegsfall (s. auch unten) 
bildet die Nationalgarde. Dieselbe ist durch Gesetz vom 
12. Februar 1896 organisiert und zerfällt iu aktive, passive und ruhende. 

Die aktive wird durch alle Chilenen gebildet, welche 20 Jahre 
alt; die passive durch diejenigen, welche 21 Jahre alt sind und die 
Übungen der ersteren mitgemacht haben. Die ruhende umfafst 
alle Bürger bis zum 30. Lebensjahr, hierüber hinaus bleiben nur die 
Unverheirateten dienstpflichtig. 

In jeder Subdelegation der Departements ist eine Aushebungs- 
behörde gebildet, bestehend aus dem Chef und 2 Gemeindebeamten, 
bei welcher alle Aushebungs- etc. Listen geführt und alle Chilenen 
zwischen 18 und 50 Jahren kontrolliert werden. Es sind danach 
vorhanden : 

aktive Nationalgarde . . . 97048 Mann, 

passive 165695 „ 

ruhende 211945 

zusammen 474 68S Mann. 

Hierzu: 1897 zusammen 8,730, 1898 zusammen 29.282, sodals 
disponibel sind 512,700 Mann (davon 117,563 der aktiven National- 
Garde. I 

Interessante Einblicke gewährt obige Zusammenstellung in die 
Bevölkerungsverhältnisse des Landes, so werden z. B. im Depar- 
tement Santiago 61819 Mann, in Valparaiso 28739, in Magelhans 
aber nur 687 Mann listlich geführt. Die Nationalgardisteu werden 
zum Teil zu Truppenteilen des stehenden Heeres auf 3 Monate be- 
ordert; in der 3. Zone waren 1897 6302. in der 2. 10331 zu 
solchen Übungen eingeteilt. Auch Offizierkurse sind eingeführt, 
und wurde nach Absolvierung solcher 1898 an 500 Aspiranten der 
Titel als Unterleutnant resp. Fähnrich der Nationalgarde ver- 
liehen. Vorhandene Kadres der Instruktion dienen zur Ausbildung 
der Nationalgarde in Gegenden, in welchen keine stehenden Truppen 
sich befinden. In der Folge will man vom Kongrefs Mittel ver- 
langen, um die Ubungspflichtigen Bürger regelmäfsig einziehen zu 
können. In der 4. Zone wird dies im August (mit Rücksicht auf 
das Klima) erfolgen. Auch Nachübungen fiir zeitweise Dispensierte 
finden statt. Thatsächlich ist die ganze Organisation des Heeres 
auf eine regelmälsige Einberufung und Ausbildung der National- 



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Die Heeresverhältnisse Chiles. 



77 



gar de zugeschnitten. Diese Einberufungen werden aber selten genau 
durchgeführt und sind von den politischen Verhältnissen stark beein- 
flulst. 

Ein ganz besonderer Wert wird in Chile auf das Militär- 
erziehungs- und Bildungs- Wesen gelegt, dem grolse Erfolge zur 
Seite stehen. Die höchststehende Anstalt ist die Kriegsakademie, 
welche 1886 begründet wurde. Die obligatorischen Unterrichts- 
fächer sind: Taktik, Militärgeschichte, Ballistik, Fortifikation, Geo- 
graphie, Hygiene, Zeichnen, Aufnehmen, Völkerrecht und General- 
stabsdienst. Die Schüler kehren nach 3jährigem Kursus zu ihrem 
Truppenteil zurück; diejenigen, welche sich besonders hervorthaten, 
werden zu ihrer Weiterausbildung nach Europa beurlaubt. Zum 
1. Kursus hatten 1897 24 Offiziere das Eintrittsexamen bestanden. 
Die Militärschule, zur Ausbildung von Offizier- Aspiranten mit 
einem Aufsichtspersonal von 1 Kapitän und 3 Leutnants. Im 
Jahre 1897 traten 100 Schüler ein, darunter 8 Kadetten aus Para- 
guay, denen diese Vergünstigung gewährt wurde. Der Schule zu- 
geteilt ist ein praktischer Kursus für Offiziere von 6 monatlicher 
Dauer. Zur Hebung des Unteroffizier- Ersatzes ist 1887 die Unter- 
offizier-Schule entstanden, welche von Sergeanten und Korporalen 
während 2 Jahren besucht wird. An jedem Kursus können 300 
Schüler teilnehmen, den besten ist die Weiterbildung am oben er- 
wähnten praktischen Kursus gestattet, wodurch eine Beförderung 
zum Offizier ermöglicht wird. Die Militär-Schielsschule in 
St. Bernado sorgt für die Ausbildung im Schielsen. Jeder Kursus 
ist in 2 Sektionen geteilt, zu welchem je 2 Leutnants und 2 Unter- 
offiziere aller resp. Truppenteile kommandiert werden. 

Hier sind auch die Schulen bei den Regimentern anzuführen. 
In Summa funktionierten 1898 deren 19, an welchen ca. 6000 
Schüler teilnahmen. Für erwähnte Schulen wurden 1896—97 
14 000 Pes. gezahlt, eine Summe, welche den hohen Wert ge- 
nügend darlegt, den man diesem Teil der Volksausbildung widmet. 
Von den aktiv Dienenden konnten 53*/« Lesen und 
Schreiben, lo°/ 0 Lesen, 32°/ 0 weder Lesen noch Schreiben, Zahlen, 
die nicht günstig erscheinen, es aber im Vergleich mit anderen, 
ähnlichen Verhältnissen trotzdem sind. 

Zum Zweck, die militärwissenschaftliche Bildung der Offiziere 
zu fördern, ist in Santiago ein Klub entstanden, welcher eine jähr- 
liche staatliche Unterstützung von 6000 Pes. erhält und zeitweise 
Veröffentlichungen herausgiebt. An sonstigen litterarischen Er- 
scheinungen sind zu nennen: „Das militärische Bulletin", 
welches monatlich erscheint und in 2 Abteilungen (für Offiziere und 



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78 



Die Heeresverhältnisse Chiles. 



Unteroffiziere) zerfällt und „Der Soldat", welcher alle 14 Tage 
herauskommt. 

Eine Neuschöpfung, welche sich allgemeineren Interesses erfreut, 
ist das Militär- Muse um. Es enthält zahlreiche Trophäen aus dem 
Unabhängigkeitskrieg und denjenigen gegen Peru und Bolivia (unter 
anderem 7 peruanische Fahnen) sowie Waffen, Uniformen und ähn- 
liches. Augenblicklich in einem provisorischen Raum untergebracht, 
wird der Sammlung, welche berufen ist, das Nationalbewußtsein zu 
heben, in nicht zu langer Zeit sicherlich eine würdige Unterkunft 
bereitet werden. 

Die chilenische Infanterie ist mit dem Mauser-Gewehr (Mod. 
chileno) bewaffnet, die Kavallerie mit dem Karabiner des gleichen 
Systems. In den Beständen lagern noch zahlreiche Mannlicher-Ge- 
wehre 8 mm M/88. Die Kavallerie ist auch mit Bambus- 
lanzen ausgerüstet. Die Pferde derselben sind ausdauernd, klein 
von Wuchs, roh geritten, ohne Schulung oder Stallpflege. 

Bei der Artillerie führt Regt. 1 und 5: 7,5 cm Gebirgsge- 
schUtze, C/91 Kropp. Bespannung mit Maultieren, Munition in 
Packkisten, Geschütz und Lafette zum Satteltransport eingerichtet. 
Stahlrohrflachkeilverschlufs für Metallpatronen. — Regt. 3. — Reitende 
Artillerie — je 1 Geschützführer, 3 Fahrer, 7 Mann, alle zu Pferde, 
Kruppsche 7 cm Schnelladegeschütze. Regiment 2 und 4 Feld- 
artillerie mit Pferden, Geschütze wie Regiment 3, aber mit Sitz- 
vorrichtungen. 

Die staatliche Geschofsfabrik wurde durch neue Maschinen in 
den Stand gesetzt, täglich 25 OOO Mauser- Patronen zu liefern. — Ent- 
gegengesetzt den meisten Staaten Südamerikas, befindet sich, dank 
deutschem Einfluls, das San itäts wesen in einer guten Verfassung; 
dasselbe 1879 neu organisiert, steht direkt unter dem Generalstab 
und wird durch 1 Chef geleitet. Es sind vorhanden: 24 Ärzte bei 
den Truppen, 4 in den Militär-Zonen, 1 in jedem Militär-Institut 
und mehrere in den Garnison-Lazareten. Eine genügende Anzahl 
Chirurgen und Krankenwärter ist vorhanden. Bei jedem berittenen 
Truppenteil befindet sich 1 Veterinär. Hier mag auch erwähnt 
werden, dals mehrere Kommissionen mit der Triangulation des 
Landes beauftragt sind, bis jetzt wurde ein Netz in einer Länge 
von 45—50 km und einer Breite von 25—30 km gemessen. Die 
staatliche Druckerei liefert Pläne und detaillierte Karten. 

Die grolsen Fortschritte, welche das Heer Chiles gemacht hat 
und die zahlreichen Siege, welche es erfocht, sind in hohem Mafse 
dem deutschen Einflufs zuzuschreiben. Zu nennen ist vor allem 
General Körner, welcher im Jahre 1886 in Chile eintraf. 



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Die Heeresverhältiiisse Chiles. 



19 



Als der Gesandte in Berlin damals offiziell gebeten hatte, ihm 
einen Offizier zu bezeichnen, welcher imstande sei, das chilenische 
Heer zu organisieren, wurde ihm als solcher vom Kriegsminister 
Hauptmann Körner bezeichnet, und bald kam ein Kontrakt zu- 
stande. In seinem neuen Wirkungskreis widmete sich der so glück- 
lich gewählte Reorganisator vor allem mit Eifer und Geschick der 
Erziehung der Offiziere und der Verbesserung aller militärischen 
Einrichtungen. Die Errichtung der Kriegsakademie ist ihm zu ver- 
danken, ebenso wie zahlreiche Reformen in jeder Hinsicht. 

Da kam der Bürgerkrieg 1891, welcher dem Oberst Körner 
eine ausschlaggebende Stelle zuwies und die Lorbeeren des Sieges 
von Concon und Placilla um seine Stirn wand. 

Die Verdienste des Genannten wurden von unseren deutschen 
Landsleaten und den Chilenen in so zahlreichen und herzlichen 
Huldigungen anerkannt, dafs es unmöglich ist, sich Uber solche hier 
eingehend auszusprechen. Eine vortreffliche Schilderung seiner 
grofsen Thaten und seines ausgezeichneten Charakters findet sich 
in H. Kunz: Der Bürgerkrieg in Chile. 

Uns aber, die wir nur aus der Ferne zuschauen können, was 
er thatkräftig schafft und mit grofsen Schwierigkeiten durchführt, 
uns mufs es mit Stolz erfüllen, dals General Körner den deutschen 
Namen in so würdiger Weise vertritt und den Ruhm seines Vater- 
landes hochhält und vermehrt. 

Mag hier auch die Poesie einmal zu ihrem Recht kommen: 

Als laut — geschändet Recht mit Weckersstimme 
Dem Hilfe rief in Chile — als empört 
— Wer Patriot und Ehrenmann — im Grimme 
Die Faust geballt und dann gelegt ans Sohwert, 
Da that mit euch er, was im Knechtschaftshasse 
Einst anderswo ein andrer Körne r that: 
Er schlug der heil'gen Freiheit eine Gasse 
Focht neben euch, ein guter Kamerad. 

Was er euch gab? - Sich selbst hat er gegeben 

Mit Können, Wissen, mit dem ganzen Sein, 

Er setzte alles für euoh ein: sein Leben. — 

Mehr setzte auch der euren keiner ein. 

Und wie ihr habt vereint das Recht gerettet, 

Vereint bestanden Not und blut'gen Streit, 

So hat euch Schwert und Blut und Sieg verkettet 

Für Freud und Leid, für Zeit und Ewigkeit. 

(Valparaiso, Deutsche Nachrichten.) 

Später berief man eine stärkere deutsche Militärkommission; 
die Offiziere derselben sind im Augenblick verteilt auf: General- 



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80 



Die Heeresverhältnisse Chiles 



ßtab 1. Eskorten-Eskadron l, 4 auf je ein Infanterie-Bataillon, 
3 anf je ein Kavallerie-Regiment, 3 auf je ein Artillerie-Regiment, 
3 in der Fortifikation-Sektion, 3 als Lehrer zur Kriegsakademie, 
2 zur technischen Sektion, 5 zur Unteroffizier-Schule, 3 auf die 
Stäbe der Militär-Zonen, 3 zur Militär-, 2 zur Schiefs-Schule, 2 zur 
Waffenrevisions-Kommission, 1 zur Fortifikation Autofagasta. Dafs 
diesen Offizieren der Kontrakt grösstenteils gekündigt werden soll, 
darüber schwirren in Chile mannigfache Gerüchte, ebenso wie Uber 
eine beabsichtigte Verminderung des Militär-Budgets, beides Fragen, 
von denen die Tüchtigkeit des chilenischen Heeres im höchsten 
Mafse beeinflulst wird. Die Arbeit der Offiziere wird in Chile durch 
ein ausgezeichnetes Menschenmaterial erleichtert. Die niederen 
Volksklassen, welche aus einer Blutmischung zwischen Spaniern und 
Indianern entstanden, sind allerdings von grausamem Charakter, 
streitsüchtig und blutdürstig, aber körperlich sehr anstellig und 
unter strenger Disziplin und bei guter Führung die besten Soldaten, 
die man sich überhaupt nur denken kann, im Kampf unübertrefflich, 
wenig angenehm für den Besiegten ! Eine Schonung des geschlagenen 
Gegners, welche wir Deutschen in oft übertriebener Humanität 
walten lassen, kennt man in Süd- und Nord- Amerika nicht; man 
hält das für Schwäche. 

Wie in den meisten südamerikanischen Armeen, ist auch in 
derjenigen Chiles die Verpflegung des Soldaten eine sehr reichliche, 
sie besteht aus: 340 g Fleisch, 300 g Bohnen oder Linsen, 
240 g Kartoffeln, 50 g. Reis, 300 g Brot, 150 g verschiedenes 
Gemüse, 5 g spanischen Pfeffer, 20 g Salz, 35 g Zucker, 10 gr 
Kaffee, 50 g Fett, 50 g Zwiebeln und 2 g Knoblauch. (Ent- 
nommen dem vortrefflichen Buch Chile und die deutschen Kolonien 
von II. Kunz.) 

Die finanzielle Lage, deren Ungunst sehr auf die Weiterent- 
wickelung des Landes drückt, mufs zu einer Periode der Erspar- 
nisse führen, unter welcher die Marine am meisten leiden wird. 
Letztere hatte einen schönen Aufschwung genommen und ihre Offiziere 
träumten, während der Vermittelungen mit Argentinien, von neuem 
Lorbeer. Ein Teil der Schiffe lag damals stets unter Dampf. Immerhin 
zeigte die beschleunigte Ausrüstung, dafs das Personal sehr gut ist, 
beim Material aber noch manches fehlt An Schiffen sind vorhanden: 

3 Panzerschiffe (mit Tonnengehalt von 7400, 3550 und 1130), 
1 Panzer-Kreuzer (7300), 4 Kreuzer (zusammen 15710), 3 Torpedo- 
Kreuzer (737 und 700), 4 Torpedo-Jäger (ä 311), 2 Kanonenboote 
(1020 und 796 J, 2 Transportschiffe, 6 Schaluppen (von 58—168), 
1 Schulschiff, 10 Torpedoboote. 



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Die Heeresverhältnisse Chiles. 



81 



Im Bau sind: 1 Panzerschiff (8500), 1 Schulschiff, 6 Torpedo- 
boote (ä 142.1. 

Das Personal besteht aus : 1 Vice-Admiral, 5 Kontre-Adniiralen, 
60 Kapitäne, 29 Leutnants, 78 Gardesmarine, 195 Arzte und 
Beamten, 3794 Mann. 

Die Rüsten, mit einer Gesamtlänge von ca. 5500 km und 
die begrenzenden Meeresteile, sind einem Marine-Departement unter- 
stellt, dessen Hauptort Valparaiso ist und von dem alles, was 
Kriegs- und Handels-Marine betrifft, ausgeht. Dieses Departement 
ist in 15 Gouvernements und 11 Sub-Delegationen eingeteilt An 
Leuchttürmen sind 20, von Leuchtfeuern 4 offiziell unterhalten. 
Der Handels- und Passagier-Dienst längs der langen Küste so- 
wie nach Peru, Ecuador und Columbien wird durch die 20 Dampfer 
besitzende südamerikanische Dampferechiffs-Kompagniejwabrgenommen, 
dieselbe erhält eine jährliche staatliche Unterstützung von 125000 
Pes. und muls ihre Dampfer im Kriegsfall zur Verfügung der Re- 
gierung stellen; auch einige andere kleinere Gesellschaften sind in 
gleicher Lage. 

Wie bei der Armee, wird auch bei der chilenischen Marine 
viel Wert auf wissenschaftliche und technische Ausbildung des 
Personals gelegt. 

Die höchste der vorhandenen Anstalten ist die 1893 gegründete 
Marine-Schule, welche direkt unter dem Oberkommando der Marine 
steht und zur Ausbildung von Seeoffizieren bestimmt ist. Ihr ange- 
schlossen ist ein Karten- und Instrumenten-Depot, sowie eine Marine- 
Bibliothek (6000 Bände). Ein vorhandener Marine-Klub giebt 
monatlich die „Marine-Zeitschrift" heraus. 

Das Befestigungswesen beschränkt sich auf die Verteidigung 
der wichtigsten Häfen und zwar abgesehen von einigen durchaus 
veralteten Werken und Schanzen auf die Sperrung der Einfahrten 
und Beherrschung der Rheden von Valparaiso und Taleahuano. In 
der Nähe dieser beiden Orte sind in den letzten Jahren je einige 
moderne Batterien aus Betonmauerwerk erbaut und mit ca. 8 Krupp- 
schen 28 cm Geschützen armiert Die Arbeiten stockten inFolge 
eingetretenen Geldmangels vielfach, sind aber nun wohl zu Ende 
geführt worden. In beiden Orten sind auch noch einige ältere 
Batterien mit scbv* eren Armstrong-Geschützen vorhanden. Eine See- 
befestigung von Inquique ist geplant 

Bei den zahlreichen Uber die Kordilleren führenden Pässen, 
welche überdies meist eine Umgehung des resp. Haupthals gestatten, 
ist von einer Befestigung der Grenze gegen Argentinien bis jetzt 
völlig Abstand genommen. Später dürfte vielleicht eine Sperrung 

Jihrbdcher für die deuUche Armee and Marine. Bd. 112. 1. 6 



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82 



Die Heeresverhältnisse Chiles 



.der beiden geplanten aber noob nicht durchgeführten transandiniscben 
Eisenbahnlinien oder die Einrichtung einer verschanzten Linie vor 
Santiago in Erwägung gezogen werden. 

Was das Äufsere der Armee Chiles betrifft, so waren die 
Uniformen — wie in den meisten südamerikanischen Staaten — 
früher vollkommen nach französischem Schnitt gearbeitet und in 
sehr ruhigen blaugrauen oder schwär/. blauen Farben gehalten. Die 
berittene Mannschaft trug einen dunkeln Attila mit schwarzen 
Schnüren. Im übrigen unterscheiden sich die Waffen durch Ab- 
zeichen, welche an dem Kepi, den vorderen Ecken des Kragens 
und auf den Knöpfen getragen wurden. Diese waren für den 
Generalstab das Landeswappen, die Kavallerie 2 gekreuzte Degen. 
Feldartillerie 2 gekreuzte Geschütze, Festungsartillerie und Pioniere 
ein Festungsturm, während die Infanterie die Bataillons-Nummer in 
gleicher Weise trug. Durch den deutschen Einfluls sind auch in 
Bezug auf die Uniformierung Änderungen (verschiedenfarbige Kragen 
und Aufschläge je nach Waffengattungen, Einführung des Helms, 
Mützen, Achselklappen u. s. w.) veranlafst bezw. versucht worden, 
ohne dals bis jetzt ein Abschlufs erzielt wurde. Die Gradabzeichen 
werden am Ärmel getragen und bestehen für die Unteroffiziere 
aus einem roten oder goldenen Winkel, bei den Offizieren aus 
schwarzen oder (beim Galaanzug) goldenen Schnüren, deren Zahl 
mit dem Dienstgrad zunimmt. (Unterleutnant 1, Oberleutnant 2 
u. s. w.). Dieselbe Anzahl Schnüre, aber hier stets in Gold, tragen 
die Offiziere auf dem Kepi. Bei den Stabsoffizieren treten noch 
Abzeichen auf den Schultern hinzu, während bei den Generalen die 
Uniform- und Grad-Abzeichen keinen ganz festen Normen unter- 
zogen zu sein scheinen. 

Die Fahnen zeigen die Landesfarben weifs, rot, im oberen 
Streifen ein silberner Stern im blauen Feld! Wird in Chile wie 
bisher weiter gearbeitet, und führen die notwendigen Ersparnisse 
nicht zu einer Schwächung des Heeres, ist sich, mit einem Wort, 
die Nation dauernd bewuldt, welche entscheidende Fragen vielleicht 
bald an sie herantreten können, vermeidet man kleinlichen Kampf 
in Rücksicht auf die eine grofse Gefahr, welche von Norden droht 
und die wie eine Gewitterwolke sich langsam am Horizont empor- 
hebt — so darf man gewifs sein, dals die ruhmbedeckten Feld- 
zeichen weiter siegreich den „Preufsen in Südamerika" voran- 
wehen werden. T. 



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Spanien und die allgemeine Wehrpflicht. 83 

VI. 

Spanien und die allgemeine Wehrpflicht. 

Es unterliegt nach Silvelai's Erklärung kaum einem Zweifel 
mehr, dals eine Änderung des spanischen Wehrgesetzes im Sinne 
der Einfuhrung der allgemeinen Wehrpflicht beabsichtigt wird und 
die von Polavieja angekündigte Steigerung des Kriegsbudgets steht 
wenn auch die Hauptsummen der Erhöhung durch die Besoldung 
der aus den Kolonien heimkehrenden Offiziere, sowie durch Küsten- 
befestigungen und ihre Armierung absorbiert werden, mit dieser Ab- 
sicht in ursächlichem Zusammenhang. Die jetzt allgemein und auch 
von den Leuten, die durch ihr Verhalten im Parlament die mangelnde 
Bereitschaft Spaniens für den ihm von Amerika aufgezwungenen 
Krieg mit verschuldet haben, laut geforderte „Regeneracion" der 
Armee muls allerdings mit dem Fundament, einem neuen Wehrgesetz 
beginnen. 

Die Klagen, welche erhoben wurden, als die Entsendungen nach 
Cuba in der Hauptsache die ärmeren Schichten der Bevölkerung 
trafen, die nicht die 1500 bezw. 1600 Pesetas Loskaufsgelder auf- 
bringen konnten, sind noch zu frisch im Gedächtnis, die Ergebnisse 
einer Mischung aller Klassen der Bevölkerung im Heere für die 
Hebung der moralischen Qualitäten, für die Anerziehung des Ge- 
horsams vor den Gesetzen zu handgreiflich, als dals es notwendig 
wäre, die Bedeutung und die Notwendigkeit eines Wegfalls des 
Loskaufs zu beweisen. Gerade für Spanien ist die Erziehung von 
Gliedern aller Schichten der Bevölkerung im Heere aber von der 
weittragendsten Bedeutung, weil veraltete Vorurteile, ein gewisses 
trotziges Festhalten am Veralteten, das im Charakter des Spaniers 
liegt und die weit verbreitete Ansicht, dafs im Frieden nur der frei- 
willig im Heere diene, dem eben nichts Anderes übrig bliebe, die 
Haupthindernisse für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 
im eigentlichen Sinn des Wortes gebildet haben und Familien of, 
ihre letzte entbehrliche Habe zu opfern sich entschk ssen, um eins 
ihrer Mitglieder vom Heeresdienst zu befreien. Zur Verteidigung 
des eigenen Heimatlandes die Waffe zu führen, würde sich ein 
Spanier nie geweigert haben. 

Das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht hatte schon das Gesetz 
von 1878 ausgesprochen, das auch für später den Fortfall des Los- 
kaofes in Aussicht nahm. Das Wehrgesetz vom 8. Januar 1882, 
später 11. Juni 1885 und 1896 etwas modifiziert, erklärte den Dienst 

6* 



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84 



Spanien und die allgemeine Wehrpflicht 



im Heere fltr alle 20jährigen, die spanische Nationalität nnd 1,54 m 
Mindestgröfse besitzenden Leute obligatorisch. Artikel 179 erklärte 
dann aber wieder den Loskauf (redencion) für die jungen Leute 
die regelmäßig höhere Bildungsanstalten besuchten, einem Gewerbe, 
einem Amt oder einer Kunst angehörten, gegen Zahlung von 1500 
Pesetas fllr zulässig, freilich nur vom Dienst im aktiven Heer im 
Frieden, der Betreffende wurde „disponibler Rekrut". Die Ände- 
rungen des Gesetzes vom 11. Juli 1885, wie sie 1896 erfolgten, 
stellten das ganze Aushebungsgeschäft, mehr als es bis dahin der 
Fall war, unter militärische Kontrolle. Die darin zu Tage getretenen 
Grundsätze werden auch ferner beibehalten werden können. 

Der Loskauf soll fortfallen, damit würden auch die Erträge des 
Loskaufes, die sich in einzelnen Jahren bis zu 20 Millionen Pesetas 
erheben, in Wegfall kommen. Man gedenkt darum eine Wehrsteuer 
zu schaffen, die von den als Überzählige nicht in die aktive Armee 
einzureihenden Leuten, den auf ihren Wunsch Zurückgestellten, so- 
wie auch von den eine verkürzte aktive Dienstzeit Geniefsenden — 
die Institution der Einjährig- Freiwilligen würde das notwendige 
Korrelat der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht sein — ge- 
zahlt werden und sich aus einem festen Teile und einem nach der 
Vermögenssteuer wechselnden zusammensetzen soll. Der Umfang 
des jährlich einzustellenden Rekrutenkontingents, der mit Rücksicht 
auf die finanziell mögliche Präsenzstärke einerseits, die notwendige 
Dienstdauer zwecks hinreichender Ausbildung andererseits zulässig 
erscheint, wird eine recht bedeutende Zahl von dienstfähigen und 
abkömmlichen Leuten überzählig lassen und damit den Ertrag der 
Wehrsteuer erhöhen. Man darf auch mit einiger Sicherheit an- 
nehmen, dafs man die für die Berechtigung zum Einjährig- Frei- 
willigen-Dienst notwendige Vorbildung nicht zu hoch hinaufschrauben 
wird, um das Kontingent dieser dem Staate nichts kostenden Leute 
möglichst grofs zu gestalten. 

Selbst bei Beschränkung des Rckrutenkontingents ist es wahr- 
scheinlich, dafs eine Präsenzstärke, wie sie für das Rechnungsjahr 
festgestellt worden, nämlich 100442 Köpfe, nicht ausreichen, man 
sich zu einer dauernden, oder temporären Erhöhung derselben ent- 
scbliefsen wird. Das leuchtet ein, wenn man nur berücksichtigt, 
dafs das vom 1. — 5. November 1898 eingereihte Rekrutenkontingent 
79817 Mann betrug, man dasselbe bei der Präsenzstärke nicht ein- 
mal l 3 / 4 Jahre unter der Fahne halten kann, die Abgabe an Rekruten, 
die früher für die Truppenteile auf Cuba, Puerto-Rico und den 
Philippinen zu leisten war, fortfallt, die Heimatarmee vielmehr für 
heimkehrende Leute noch Raum haben mufs. Man versteht daher, 



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Spanien nnd die allgemeine Wehrpflicht. 



85 



wozu ein Teil der 28 Millionen, um welche Polaviija das Kriegs- 
bndget zu erhöhen gedenkt, Verwendung finden soll. 

So * lange starke Abgaben an Rekruten für die Kolonien zu 
machen waren, haben wir stellenweise Rekrutenkontingente von 
90000 Mann zu verzeichnen gehabt und dabei blieben noch rund 
8000 Mann überzählig und waren die Losgekauften nicht gerechnet. 
Man schätzt durchaus nicht zu hoch, wenn man annimmt, dafs sich 
jährlich rund 1OO0OO Dienstfähige und Abkömmliche ergeben werden. 
Stellte man von diesen nur 75000 Mann auf 21 Monate ein, das 
Minimum an Schulungszeit fUr Feldzwecke, das man in Spanien an- 
nimmt, so erhielte man, ohne den sog. permanenten Kadre, schon 
eine Präsenzstärke von rund 142000 Mann, nach 10 Q / 0 Abgang noch 
127000 Mann, also l j 4 der für das Rechnungsjahr festgesetzten 
Präsenzstärke mehr. Man wäre dabei allerdings auch in der Lage, 
die 132 Infanterie- und Jägerbataillone in der Heimat auf je 500 
Mann, gegenüber 402 bezw. 482 heute, zu bringen und in 6 Jahr- 
gängen des aktiven Heeres und der 1. Reserve für die Operations- 
armee I. Linie, nach 10*/ 0 Abzug, aber den permanenten Kadres ein- 
gerechnet, rund 430000 Mann in 8 Korps gegliedert, zur Verfügung 
zu haben. Hinter diesen würde, nach Vollendung des 12jährigen 
Turnus, die 2. Reserve mit fast ebensoviel ausgebildeten Leuten 
stehen, Feldreserve-, Etappen- und Besatzungsformationen liefern und 
auch zum grofsen Teile den Küstenverteidigungsdienst übernehmen. 
Für die Balearen, wo man heute 2 aktive Regional-Infanterie-Regi- 
menter, 6 Reserve-Bataillone, 1 Jägereskadron, 1 Bataillon Fufs- 
artillerie, 1 Sapeurkompagnie und eine Verwaltungs-Sektion besitzt, 
und die kanarischen Inseln, wo 2 Regional- Jäger-, 6 Reserve- 
Bataillone, 1 Sektion berittener Jäger, 1 Fufsartillerie-Bataillon, 
1 Sapeurkompagnie, 1 Verwaltungssektion vorgesehen sind, sorgt 
die eigene regionale Rekrutierung, die in Zukunft den Bogen schärfer 
anspannen soll. 

Ergiebt die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht schon 
eine gröfsere Präsenzstärke — wenn man die aktive Dienstzeit nicht 
anf ein Mals verkürzen will, welches die genügende Schulung aus- 
schliefst — , so entstehen auch Mehrkosten durch die in dem neuen 
Wehrgesetz vorgesehenen Übungen einesteils der Reservisten, die zu 
Manövern behufs Verstärkung des Friedensetats einbeordert werden 
sollen, andernteils der Überzähligen, die man im Sinne einer Ersatz- 
reserve auszubilden gedenkt. Die Schulung der Überzähligen, 
3 Monate, soll in der Zeit der Rekrutenvakanz und zwar bei den 
Rekrutierungszonen erfolgen, zu denen für diesen Zweck noch das 
Personal der Stämme der Reserve-Regimenter und auch Unter- 



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86 Spanien und die allgemeine Wehrpflicht. 

Offiziere der aktiven Regimenter kommandiert werden sollen. Wie 
man sieht, ist das Reformprogramm allein schon dnrch die Kon- 
sequenzen, die sich an die Durchführung der allgemeinen Wehr- 
pflicht knüpfen, ein recht umfassendes. Zahlreiche andere Gebiete, 
die wir hier nicht einzeln berühren wollen, kommen für ernste Arbeit 
hinzu und erfordern an der Spitze des Kriegsministeriums einen 
ganzen Mann, vom Parlament aber Verständnis für die Lehren, die 
der Krieg in so nachdrücklicher Weise gegeben. Dies Verständnis 
auch in den weiteren Kreisen der Nation zu wecken, ist aber kaum 
etwas geeigneter, als die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht, 
die für die „Regeneration" der Nation die Grundlage bilden und 
die Ecksteine herbeitrageu kann. Schon einmal ist Spanien aus 
tiefer Erniedrigung zu Beginn dieses Jahrhunderts erwacht zu kraft- 
vollen Thaten mit dem Schwerte in der Hand, nicht unmöglich, dals 
die jetzige Niederlage zu ernster Arbeit treibt an der Wiedergeburt 
des einst so stolzen Landes. — Lange vor den Befreiungskriegen 
schon in den Provinzialmilizen geboren, in diesen Kriegen in der 
Praxis sich von selbst ergebend, in 3 Staatsverfassungen zum Aus- 
druck gebracht, war der Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht doch 
noch nicht durchgeführt. Gerade die strikte Durchführung desselben, 
die Erziehung aller Schichten der Nation im Heere zu Gehorsam. 
Ordnung, Pflicht, Aufopferung, Pünktlichkeit, Sparsamkeit und 
Kameradschaft, die Verwirklichung des Volkes in Waffen kann in 
Spanien sozial hochbedeutsam, politisch heilsam wirken, die politischen 
Parteiungen wenigstens einem so wichtigen Organismus im Staate 
gegenüber verschwinden lassen. Königstreue wird der Nation in ihren 
Söhnen heimkehren aus dem Heere, dessen Wahlspruch lauten mute: 
„Agrupamonos aldudor del trono de Alfonso XIII/ 1 So dachte und 
handelte Preulsen in der Zeit seiner tiefsten Erniedrigung, welche 
die allgemeine Wehrpflicht gebar und „eso es aleman'* „das ist 
deutsch" bedeutet ja heute in Spanien nicht mehr einen Tadel, 
sondern eine Anerkennung. Der Drang zur That, nicht der Drang 
zu langem Philosophieren, ist ein Charakterzug des spanischen Volkes. 
Möge dieser Drang zur That den richtigen Weg finden, durch das 
Heer die Nation zu erziehen zu konsequenter Arbeit, zu jener 
,,labor improbas", die notwendig ist zu der außerordentlich schwie- 
rigen, aber immer noch möglichen Wiedergeburt Spauiens. 18. 



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Nene Reglements der russischen Armee (1899). 



87 



VII. 

Nene Reglements der russischen Armee (1899). 

Soeben, Ende Mai, ist nun endlich die langerwartete neue 
Felddienst-Ordnung (nas6tawlenije dlja palewoi sslushby), über 
deren Inhalt wir bereits in voriger Nummer berichteten 1 ), offiziell er- 
schienen und den Truppen zugegangen. Schon die Bezeichnung der 
neaen Verordnung soll beweisen, dafs dieselbe auf anderen Grund- 
sätzen aufgebaut ist, als das bisherige „Reglement" (usstaw) Uber 
den Felddienst." Das russische Wort „nasstawlenije" bedeutet 
im eigentlichsten Sinne — „Direktiven" und als solche, nicht als, 
Abweichungen nicht duldende, reglementarische Bestimmungen sind 
die neuen Verordnungen aufzufassen. In der Einführung der neuen 
Verordnung heilst es in Bezug hierauf: „Der neuen Vorschrift ist die 
Bezeichnung „nasstawlenije" beigelegt worden, da diese Bezeichnung 
am meisten ihrem inneren Wesen entspricht. In der That, der 
gröfste Teil der in der nasstawlenije enthaltenen Weisungen giebt 
nur allgemeine Grundsätze tür Ausübung des Felddienstes, und 
nur wenige Kegeln unterliegen in jedem Falle der buchstäblichen 
Ausführung." 

Im übrigen bildet die jetzt erschienene Vorschrift nur den 
I. Teil der neuen „Direktiven für den Felddienst, nämlich den 
^Dienst derTruppen", also den eigentlichen Felddienst, während 
Teil II und III, welche den „Felddienst in besonderen Fällen" (Kleiner 
Krieg, Verteidigung von Eisenbahnen u. s. w.) und das Etappen- 
wesen behandeln sollen, noch der Bearbeitung unterliegen. 

Nicht genug kann die grofse Klarheit der neuen Verordnung, 
die Einfachheit der Formen und der Bezeichnungen der einzelnen 
Sicherungs-Abteilungen hervorgehoben werden. Als Träger des Sicher- 
heitsdienstes gilt sowohl während der Ruhe, als auch während der Be- 
wegung — die „sasstawa" (Feldwache ), mit dem einzigen Unterschiede, 
dafs dieselbe während der Bewegung „pachödnaja sasstawa" (Marsch- 
wache) genannt wird; das Wort „sasstawa" drückt so recht den 
Zweck dieser Träger der Sicherung aus; es bedeutet etwas, „was 
sich entgegenstellt", „den Weg versperrt." — Das alte „Reglement 
über den Felddienst" kannte folgende Bezeichnung: a) während der 
Ruhe: Safstawa, Beobachtungs-Safstawa, Verteidigungs-Salstawa, 
selbständige Safstawa, selbständige Infanterie-Safstawa, selbständige 
Kavallerie-Salstawa, Zwischen -Salstawa, Benachrichtigungs-Safstawa ; 

') Siehe Mai -Heft der Jahrbücher: „Armee- und Marine -Nachrichten aus 
RufslanOV' 



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Neue Reglements der russischen Armee (1899). 



b) während der Bewegung: Vortrupp, Nachtrupp, Seitentrupp. Alle 
diese verschiedenartigen Bezeichnungen, welche nur dazu beitragen 
mulsten, die Klarheit zu beeinträchtigen und Mißverständnisse her- 
vorzurufen, sind durch die Benennungen „sasstawa" und „pachodnaja 
sasstawa" ersetzt worden. 

Die neuen „Direktiven für den Felddienst" werden in der 
russischen Armee mit Freude begrlilst werden, da sie einem grolsen 
Übelstande abzuhelfen bestimmt sind, und, bei richtiger Auffassung 
ihres Geistes, eine erzieherische Wirkung auf die Selbsttätigkeit der 
Unterführer ausüben werden. 

Fast gleichzeitig mit obiger Verordnung ist eine neue „Vorschrift 
für die Ausbildung im Schiefsen" erschienen. Bereits im 
vorigen Jahre (1898) war eine neue Ausgabe der Schiefvorschrift 
erfolgt, welche eine Neubearbeitung der Schieisvorschrift vom Jahre 
1896 bildete; diese Neubearbeitung hatte sich jedoch infolge der 
Kürze der Zeit, welche der betreifenden Kommission znr Verfügung 
gestanden hatte, nur auf einzelne Teile der Vorschrift erstreckt, 
während die diesjährige (1899 er) Ausgabe das Ergebnis einer voll- 
ständigen Durchsicht und Neubearbeitung der Schiefsvorschrift vom 
Jahre 1896 bildet. Die Neubearbeitung hat zum Zweck, einmal das 
Ausbildungsverfahren zu vereinfachen, dann aber die Ausbildung im 
Schiefsen von Salven, wie Uberhaupt im Gefechtsschiefsen zu heben. 
Während die Grundzüge der Ausbildung die gleichen geblieben sind, 
ist eine Vereinfachung der Ausbildung durch Verringerung der Zahl 
der Schiefsübungen herbeigeführt werden. Die Zahl der Vorübungen, 
welche nur von den Mannschaften des jüngsten Jahrganges und den 
schlechten Schützen geschossen werden, beträgt, wie nach der Vor- 
schrift vom Jahre 1896, zwei; dagegen ist die Zahl der Haupt- 
Übungen für das Schielsen der Infanterie (jetzt 13 gegen früher 16) 
um drei verringert worden. 

Die Vorübungen (je 4 Schufs) wurden früher auf 200 Schritt 
(140 m) und zwar beide stehend freihändig geschossen, wie denn 
Uberhaupt ein Schiefsen „stehend aufgelegt' 4 bisher nicht üblich war 
Nach der neuen Vorschrift wird die erste Vorübung auf 100 Schritt 
(70 m) — stehend aufgelegt geschossen, während für die zweite Vor- 
übung die Entfernung von 200 Schritt beibehalten worden ist, die 
Anschlagsart sich aber auch verändert hat, indem 2 Schufs — 
stehend freihändig, 2 Schufs — knieend abgegeben werden. Die 
erste Vorübuug wird gegen Schulscheibe, die zweite gegen eine auf 
die Schulscheibe aufgeklebte Figurscheibe geschossen. 

Von den 13 Übungen der Haupt Übung bilden die ersten 8 
das eigentliche Schulsehiefsen, während die Übungen 9—12 Vor- 



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Neue Reglements der russischen Armee (1899). 



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Übungen für das Gefechtsschielsen (Gruppen-, Zug-, Halbkompagnie«- 
Schielsen), die Übung 13 das eigentliche Gefechtsschiefsen bildet. 

Die ersten 8 Übungen (je 5 Schufs) werden von sämtlichen Offi- 
zieren und den Mannschaften aller Jahrgänge gleichmäfsig geschossen. 
Die Ausführung des Schulschieisens ist die gleiche, wie früher ge- 
blieben, d. h. bestimmte Bedingungen sind nicht zu erfüllen, es 
schiefsen mehrere Mann gleichzeitig, jeder auf seine Scheibe, — an- 
gezeigt wird erst nach Abgabe sämtlicher 5 Schufs; als Ziele 
dienen nur Figurscheiben (Kopf-, Rumpf-, ganze Figur-Scheiben), oder 
auf Schulscheibe aufgeklebte Figurscheiben; von einer Ausbildung im 
Feinschief sen ist also keine Rede. — Die ersten 5 Übungen 
werden auf Entfernungen zwischen 140 und 285 m (200 — 400 Schritt», 
die 6. Übung auf 570 m (3 Schufs liegend, 2 Schufs knieend, gegen 
4fache Figurscheibe), die 7. Übung auf 100 m (3 Schuls liegend, 
2 Schufs knieend,, gegen 12 fache Figurscheibe) geschossen. Bei der 
8. Übung bildet, auf 285 m, eine auf 5 Sekunden erscheinende, ver- 
schwindende Rumpfscheibe das Ziel. 

Für die Beurteilung der Schielsleistungen enthält, wie bisher, 
die Schieisvorschrift Abgaben, welche zeigen, dafs, wenigstens nach 
unseren Begriffen, die Anforderungen keine hohen sind; so gelten 
z. B. auf 210 m (300 Schritt), knieend, gegen auf Schulscheibe auf- 
geklebte Rumpfscheibe (von 88 cm Höhe) — 30°/ 0 Treffer als 
gute, 35 Ä / 0 als sehr gute, 45°/ 0 als vorzügliche Leistung, während 
die deutsche Schiefsvorschrift auf die gleiche Entfernung gegen die 
nur 50 cm hohe (aufserdem nicht aufgeklebte, sondern freistehende) 
Brustscheibe, zur Erfüllung der Bedingung, von der 1. Schiefsklasse 
- 60°/ 0 Treffer verlangt. 

Die Übungen 9 und 10 (ebenfalls je 5 Patronen) werden in 
der Gruppe geschossen; erstere Übung — Schützenfeuer auf Ent- 
fernungen zwischen 700 und 350 m, Übung 10 — Schnellfeuer auf 
Entfernungen zwischen 350 und 200 m. 

Bei den Übungen 11 und 12 werden je 5 Salven abgegeben, 
und zwar bei Übung 11 zugweise auf Entfernungen zwischen 
570 und 200 ra, bei Übung 12 von der Halbkompagnie, auf Ent- 
fernungen zwischen 1550 und 570 m. 

Übung 13 schliefslich, für welche 30 Patronen ausgesetzt sind, 
bildet das eigentliche Gefechtsschielsen der Kompagnie, ftlr 
welches, innerhalb der Grenzen, zwischen 1850 und 285 m, besondere 
Aufgaben gestellt werden. 

Dem Gefechtschielsen wurde in der Armee bisher sehr geringer 
Wert beigelegt, weil die Beurteilung des Ausbildungs-Grades der 
Truppenteile hauptsächlich nach den Ergebnissen des Schulschieisens 



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Neue Reglements der russischen Armee (1899). 



stattfand. Um das Interesse für das Gefechtsschiefsen zu heben, 
giebt die neue Schieisvorschrift genaue Anweisungen für Beurteilung 
der Ergebnisse des letzteren, wobei die Anforderungen an die Treff- 
ergebnisse erhöht worden sind. Nach den Leistungen im Schul - 
schiefsen sowohl, als auch im Gefechtsschiefsen, findet nach den 
Schiefs-Besichtigungen'), die Eintheiluug der besichtigten Truppen- 
teile in 3 Schielskiassen statt; hierbei dürfen Truppentheile, deren 
Leistungen im Gefechtscbiefsen nicht gut sind, auch wenn die Er- 
gebnisse im Einzelschiefsen vorzügliche waren, nur der 2. Schiefs- 
klasse zugeteilt werden. 

Im grofsen und ganzen mufs bemerkt werden, dals, auch nach 
der neuen Vorschrift, die Ausbildung im Schielsen, nach unseren Be- 
griffen, eine minderwertige bleibt, wofür der Grund in den klima- 
tischen und Garnison -Verhältnissen, in der Zusammendrängung der 
praktischen Schiefsausbildung auf den verhältnismäßig kurzen Zeit- 
raum der Lagerübungen zu suchen ist. Charakteristisch bleibt ferner 
das Schiefsen von Salven auf grofsen Entfernungen (bis 1550 m), 
wie ja auch nach dem Excrzier-Keglement die Salve die einzige 
Feuerart für geschlossene Abteilungen bildet. 

Als dritte, soeben erschienene Dienstvorschrift ist schliefslich die 
„Verordnung lür das Gefecht der Kasaken -Truppen in 
der Lawa" zu nennen. Die Einzelausbildung der Kasaken 
findet nach einem besonderen Kasaken-Reglement statt, welches von 
dem Kavallerie-Reglement insofern abweicht, als die Anforderungen 
des Kasaken-Reglements in Bezug auf Dressur des Pferdes und auf 
Reitfertigkeit des Mannes weit geringere sind. Die Ausbildung da- 
gegen der Ssotnien und der Kasaken-Regimenter geschieht 
nach den allgemeinen Kavallerie-Reglements. Da aber die mangel- 
hafte Ausbildung 'der Kasaken, ihr minderwertiges Pferde-Material 
und das lose Gefüge der Kasaken-Truppenteile dem Zusammenwirken 
in geschlossenen Kavalleriemassen, namentlich der Ausführung von 
Attacken in geschlossener Ordnung hinderlich sind, so hat man den 
Kasaken ihre Gefechtsgewohnheiten, welche sich in Jahrhunderte 
langen Kämpfen mit asiatischen Völkerschaften entwickelt hatten, be- 
lassen, und sucht man dieselben mit allen Kräften zu erhalten. Zu 
diesen Gefechtsgewohuheiten gehört vor allem die Fechtweise in der 
„Lawa ,k , welche es dem Kasaken gestatten soll, im Einzelkampfe 
seine Überlegenheit als Reiter und in der Handhabung der Waffe 
zur Geltung zu bringen. 

i) Die Beurteilung der Sohiefsleistungen der Truppenteile findet durch 
Besichtiguniren seitens des Inspekteurs des Sohiefswesens oder anderer Vor- 
gesetzter statt. 



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Neue Reglements der russischen Armee (1899). 



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„Das ununterbrochene kriegerische Leben der Kasaken ver- 
gangener Zeiten erzog kühne Heiter, entwickelte in ihnen kriege- 
rischen Sinn und Unternehmungsgeist. Sie waren gewandt im Einzel- 
kampfe, für welchen die, von geschlossenen Abteilungen unterstützte, 
aufgelöste Ordnung die geeignetste Form war. In dieser Formation, 
welche „Lawa" genannt wurde, kämpften die Kasaken nach tata- 
rischem Vorbilde, sie erschöpften den Gegner im Einzelgefecht und 
stürzten sich alsdaun in gemeinsamem geschlossenen Choc auf den- 
selben. — Und auch heute, wie damals wird das Gefecht in der 
Lawa, bei gehöriger militärischer Erziehung der Kasaken, Nutzen 
bringen. Zu diesem Zwecke ist die „Verordnung für das Gefecht 
in der „Lawa" erlassen worden; für das Gefecht aber in der ge- 
schlossenen Ordnung sind die Kasaken nach dem Kavallerie-Exerzier- 
Kegleraent auszubilden. u 

Obige Worte bilden die Einleitung der neuen Verordnung, 
welche an Stelle der Bestimmungen über die Anwendung der Lawa in 
der „Ergänzung zu den Kavallerie-Reglements für die Kasaken, vom 
Jahre 1884"' tritt. Bei jenen Bestimmungen vom Jahre 1884 war 
man von der Ansicht ausgegangen, dafs der Kasak im Einzel- 
kampfe seine Überlegenheit im Reiten und in der Handhabung der 
Waflfe dem regulären Kavalleristen gegenüber zur Geltung bringen 
würde. Allmählich aber ist doch die Anschauung durchgedrungen, 
dafs die Zeiten, wo von einer solchen Überlegenheit des Kasaken 
gegenüber dem regulären Kavalleristen die Rede sein konnte, längst 
geschwunden sind. Wenn man nun auch den Kasaken ihre Uber- 
lieferte Gefechtsart nicht nehmen will, um so weniger, als die ge- 
schlossene Attacke der Kasaken-Regimenter noch weniger Erfolg ver- 
spricht, so ist man doch bestrebt, die Anwendung der Lawa haupt- 
sächlich auf das Manövrieren zur Vorbereitung der Attacke 
zu beschränken. 

Nach der neuen Verordnung findet die Lawa Auwendung: 

1. zur Ausführung einer gewaltsamen Erkundung; 

2. zur Verhinderung feindlicher Erkundungen; 

3. als Schleier zur Verdeckung des eigenen Manövrierens; 

4. zur Ablenkung des Gegners von der zur Attacke ausersehenen 
Richtung, zur Verleitung desselben zu fehlerhaften Handlungen, zum 
Fortlocken unter den Stöfs versteckt bereit gehaltener geschlossener 
Abteilungen; 

5. zur Verfolgung des weichenden Gegners. 

„Zur Erreichung ihres Zieles muls die Kasaken-Lawa nicht nur 
kühn, sondern waghalsig handeln, sie mufs in ihren Anfällen auf den 
Feind hartnäckig und unermüdlich sein. Indem sie gegen Flanken 



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Neue Reglements der russischen Armee (1899). 



und Rücken des Gegners vorgeht, — selbst auf die Gefahr hin, sich 
von den übrigen Trappen anf bedeutende Entfernung zu trennen, — 
umfalst die Lawa die Flanken des Gegners, zieht ihn auf sich ab, 
weicht selbst aber, wenn sie schwächer ist, einem Kampfe aus. Den 
Gegner umklammernd, sucht sie dessen Sicherbeits-Mafsnahmen im 
Rücken und auf den Flanken zu stören. 

Jede Verbindung zwischen den einzelnen Teilen des Gegners 
muls unterbrochen werden. Durch Aufheben von Relaisposten, Melde- 
reitern und Ordonnanzen, durch Uberraschende und plötzliche An- 
griffe mufs die Lawa Verwirrung und Unordnung in den Kolonnen 
und Biwaks des Gegners hervorrufen. 

Die Lawa mufs ununterbrochen, bis zu ihrer Vernichtung durch 
den Gegner, oder bis zu ihrer Ablösung durch eine andere Lawa, 
den Feind bedrängen. 

Die Thätigkeit der Lawa wird nur dann erfolgreich sein, wenn 
dieselbe dem Gegner unverständlich bleibt und ihn überrascht." 

Die Gefechtseinheit für die Lawa bildet das Regiment; 
es besteht 

a) aus den vorderen, in der Lawa formierten Eskadrons, und 

b) aus der Reserve. 

Die in Lawa formierten Eskadrons bestehen wiederum aus der 
vorderen aufgelösten Linie, und aus dem Unterstützungstrupp, oder 
dem „majak", letzterer wird an Stelle des Unterstützungstrupps aus- 
geschieden, wenn alle 4 Züge der Eskadron aufgelöst sind. — Die 
aufgelösten Züge bilden ein Glied, mit 5 Schritt Abstand von Reiter 
zu Reiter. 

Der Unterstützungspunkt befindet sich auf 50—100 Schritt 
hinter dieser aufgelösten Linie; der den Unterstützungstrupp ver- 
tretende „majak" wird aus dem ersten Abmarsch des dritten Zuges 
gebildet; bei ihm befindet sich das Ssotnien-Fähnchen. 

Abgesehen davon, dals die Lawa durch gewandtes Manövrieren 
den Gegner zu fehlerhaften Mafsnahmen verleiten soll, darf sie sich 
auch keine Gelegenheit entgehen lassen, um plötzlich Uber den 
Gegner herzufallen. 

Hierzu stürzen sich eine oder mehrere Ssotnien, auf Kommando 
oder Zeichen ihrer Kommandeure, mit Geschrei auf den Feind; hier- 
bei können sie ihn gleichzeitig von mehreren Seiten umfassen; mit 
einigen Ssotnien in der Front, mit anderen im Rücken und in den 
Flanken, wobei nur zu bedenken ist, dafs der Stöfs kräftig und ge- 
schlossen ausgeführt werden mufs, infolgedessen während des Anreitens 
nach dem Attacken -Objekt zu zusammengeschlossen werden mufs. 

Während des Manövrierens der Lawa kann von den geschiek- 



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Ein Beitrag zur „Anleitung zur Ausfuhrung von Dauerritten". 



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testen Reitern und Schlitzen — vom Pferde gesehossen werden; 
auch können einzelne Reiter znm Schielsen absitzen. Ganze Ab- 
teilangen (Züge nnd Halbzüge) sitzen zum Feuern ab. 

Ob die neue Vorschrift in der Lage sein wird, ihren Zweck zu 
erfüllen, nämlich „den Anstofs zur Erweckung dieses historisch er- 
probten Gefechtsverfahrens der Kasaken zu geben, mit dessen Hilfe 
sie seiner Zeit erfolgreich mit den besten Reitereien Europas ge- 
kämpft haben," mufs fraglich erscheinen, denn nichts bat bisher ver- 
mocht, den schwindenden kriegerischen Geist der Kasaken wach zn 
erhalten, und zur Erweckung des „historisch erprobten Gefechts- 
verfahrens" fehlen die Vorbedingungen, jene Eigenschaften, welche 
den Kasaken von damals auszeichneten, hohe Reitfertigkeit und 
kriegerische Erziehung. Fr. v. T. 



VIII. 

Ein Beitrag zur „Anleitung znr Ausführung von 

Dauerritten.' ,,) 

Das Militär- Wochenblatt Nr. 18 vom 25. Febrar d. J. enthält unter 
dem Titel „Kurze Anleitung zur Ausführung von Dauer- 

') Der nachstehende kleine Artikel war ursprünglich für das Militärwochen- 
blatt bestimmt, um einige Irrtümer der in diesem veröffentlichten Anweisung 
für Daaerritte zu berichtigen. 

Die Redaktion des Militär-Wochenblatts sandte mir denselben zurück mit 
dem Rate, ihn dem Verfasser des Artikels, den sie mir dabei namhaft 
machte, selbst einzureichen. 

Ich kann dieses Verfahren nicht für richtig halten. Denn, nachdem das 
Militär-Wochenblatt seinen sämtlichen Lesern die Ratschläge des betr. Artikels 
mitgeteilt, war es meines Erachtens auch verbunden, ihnen die Berichtigung 
darin enthaltener Irrtümer zugänglich zu machen; es sei denn — dafs die 
Redaktion diese Berichtigung für nicht zutreffend hielt. 

Da sie letzteres mir nicht mitgeteilt, darf ich diesen Fall wohl für aus- 
geschlossen halten. Ich bin daher der Schriftleitung der „Jahrbücher für 
Armee und Marine u sehr zu Dank verpflichtet dafür, dafs sie sioh bereit er- 
klärt hat, meine Berichtigungen weiteren Kreisen der Armee zugänglich zu 
machen. Der Verfasser. 



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Ein Beitrag zur „Anleitung zur Ausführung von Dauerritten". 



ritten ftlr Unteroffiziere und Mannschaften" einige sehr be- 
achtenswerte und trotz ihrer Kürze das betr. Thema auch in den 
Hauptzllgen fast erschöpfende Katschläge. 

Je gewichtiger und einleuchtender dieselben in allen übrigen 
Punkten sind, um so mehr scheint es mir geboten, ihnen in zwei 
nach meiner auf mehr, als 50jähriger, Erfahrung ruhenden Über- 
zeugung irrigen Punkten entgegenzutreten. Denn eben in Folge der 
durch so viele leicht einleuchtende Begründungen der im allgemeinen 
vortrefflichen Katschläge könnte es geschehen, dals sich auch zwei 
unter Umständen recht schädliche Lehren des Beifalls bezw. der 
Befolgung erfreuten, was zu unliebsamen Kesultaten fuhren müfste. 

Zunächst gestatte ich mir, den in raeinen Augen wichtigsten 
Absatz „I. Allgemeines" Sp. 456 und 457 richtig zu stellen. Da 
heilst es zuerst Sp. 457, dals es unter Umständen notwendig sein 
könne, im Kriege ein Pferd so zu reiten, „dafs es mit Aufbietung 
aller Kräfte ein Ziel erreiche und dann zusammenbricht." 2 Zeilen 
weiter lesen wir dann: „Aber erst am Ziel darf das Pferd zu- 
sammenbrechen. Wer vorher liegen bleibt, hat eine militärisch 
ganz wertlose und menschlich grausame, rohe Leistung 
vollbracht, auf die niemand stolz sein darf." 

Mit diesem letzten Satze bin ich vollkommen einverstanden. 
Um so mehr mufs ich auf den Widerspruch aufmerksam machen, 
in welchem derselbe mit dem ersten Satze steht. Diesen hat der 
Herr Verfasser auch ersichtlich selbst gefühlt und ihn zu verdecken 
gesucht, indem er fortfährt: „Darin liegt die Schwierigkeit, die 
nur bei vollkommener Kenntnis der Leistungsfähigkeit des 
Pferdes zu überwinden ist" 

Wenn ein Pferd so geritten wird, dals es Uberhaupt „zusammen- 
bricht", so kann es — vorausgesetzt, dals es gesund und nicht mit 
Herz- oder Lungenfehlern, vielleicht infolge ganz falscher Pflege, 
behaftet war, — nur unzweckmälsig, um nicht zu sagen unver- 
nünftig geritten worden sein. 

Die Natur hat Mensch und Pferd so eingerichtet, dals selbst 
der äuiserste Grad von Ermüdung und Erschöpfung noch kein „Zu- 
sammenbrechen" herbeiführt, sondern nur einen Zwang zur momen- 
tanen Ruhe, zur Einstellung der Bewegung. Je energischer ein 
Tier ist, desto deutlicher wird es diesem Ruhebedürfnis Ausdruck 
geben, wenn der Reiter es bis zu diesem Grade angestrengt hat. 
Es wirft sich auf der Landstralse hin, wird aber nach einer viertel- 
stündigen Ruhe schon wieder zur Aufnahme der Bewegung sich 
ohne Gewaltmittel bereit finden lassen, wenn der Reiter sein Ver- 
ständnis und seinen Gehorsam sich einigermalsen zu eigen zu 



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Ein Beitrag zur , .Anleitung zur Ausführung von Dauerritten''. 



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macheu verstanden hat. Jedenfalls bestreite ich, nach meiner auch 
in dieser Beziehung recht ausgiebigen Erfahrung, dals jemals ein 
ganz gesundes Pferd so lange geht, bis es tot zusammenbricht. 
Wo letzteres — es kommt bisweilen, namentlich bei Vollblutpferden, 
vor — nun unter Erscheinungen von Herz- oder Lungenlähmung 
stattfindet, da ist nicht blofs ganz rücksichtsloses Reiten, sondern 
allemal auch vorausgegangene, längere Zeit hindurch betriebene 
falsche Pflege, wie sie mit dem sog. „Training* 4 oft zusammenhängt, 
schuldig. Unterlässt man alle Anwendung von inneren und äufsern 
Reizmitteln, Physiks, Kordials, Spirituosen, so wird ein solcher töd- 
licher „Zusammenbruch'' niemals stattfinden. 

Den in den Schlulsbemerkungen VI den Eingang bildenden Satz: 
„Von allen Dauerritten mit ungünstigem Erfolg ist die Mehrzahl auf 
das Konto der Reiter, nicht auf das der Pferde zu setzen", möchte 
ich dahin erweitern, dafs. insoweit diese Dauerritte mit ganz ge- 
sunden Pferden unternommen wurden, ihr Millingen allemal auf das 
Konto der Reiter zu setzen ist. Wer das, was in obiger „Anleitung" 
über „Tränken" während des Marsches gesagt ist, beachtet, oder, 
wo er gar nicht in der Lage ist, das Pferd zu tränken, ihm zu- 
weilen ein Maul voll grünen Grases, Getreides oder unschuldiger 
Baumblätter (Buchen-, Linden-, Birken-Laub) gönnt, wird die außer- 
ordentliche Erfrischung, die er dadurch dem Tier zu teil werden 
läfst, bald inne werden. Ich war einmal in der Lage, ein Dienst- 
plerd, ostpreufsische vorzugliche Rappstute, 21* Stunden hinterein- 
ander zu reiten, ohne den Sattel verlassen zu dürfen. Mehrfach 
hatte ich auf diesem Ritt, auf welchem ich nach meiner Rechnung 
mindestens 23 Meilen zurücklegte, das Tier Bachwasser saufen lassen, 
aber in den letzten 11 Stunden war dies trotz der bis Sonnenunter- 
gang herrschenden Hitze (im August) nicht möglich gewesen; nur 
ein Maul voll Getreide oder Birkenlaub hatte das Tier erfrischt. 
Als ich Nachts 12 Uhr ins Quartier, einen Bauernhof, kam und 
aus dem Sattel stieg, lief das durstige Tier sofort in den ganz 
schwarzen Mistpfuhl hinein und trank sich satt, ehe ich es ver- 
hindern konnte. Ich war anfangs sehr in Sorge um das Tier, aber 
es war früh um 5 Uhr wieder ganz munter und marschfahig. 

Nach meinen Erfahrungen mufs ich die Behauptung aufrecht 
erhalten, dals, wer nach den in der Anleitung gegebenen Regeln 
— mit einer noch zu erwähnenden Ausnahme — verfährt und sich 
stets gegenwärtig hält, dafs er Uberhaupt sein Ziel erreichen 
muls, um seine Aufgabe zu erfüllen, dann auch am Ziele selbst nie- 
mals sein Pferd zusammenbrechen sehen wird. Eine Berechnung 
aber, die dies „Zusammenbrechen" gerade am Ziele und nicht früher 



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Ein Beitrag zur „Anleitung zur Ausfuhrung von Dauerritten" 



sicher stellte, wird auch dem gewiegtesten Reiter und Pferdekenner 
niemals möglich sein. 

Wenn die Regel also auch nicht gerade „chi va piano, va 
sano" lauten mufs, so muls sie doch die Erhaltung des braven 
Tieres unter allen Umständen — soweit nicht feindliche Waffen- 
wirkuug einen unvermeidlichen Faktor darstellt — im Auge haben. 

Den 2. vielleicht auf den ersten Blick weit weniger wichtigen 
Punkt, der aber durch seine tägliche Wiederholung auf die Dauer 
für die gesamte Dienstfähigkeit des Tieres, die doch auch sehr 
wesentlich auf seinen Beinen beruht, in Betracht kommt, kann ich 
kürzej abthun. 

Er betrifft die Frage, ob es richtig und zweckmälsig ist, die 
Beine des Tieres nach dem Ritt mit Restitutionsfluid, Kampfer- 
spiritus oder Branntwein einzureiben. 

Die genannten Mittel enthalten alle Alkohol und die beiden 
ersten daneben noch stark nervenreizende Substanzen. Dieselben 
wirken daher ähnlich, wie der Alkohol auf das Centrainervensystem, 
so auch auf die feinen Hautnerven. Ihrer zunächst eintretenden 
Reiz- oder Erregungs Wirkung folgt eine entsprechende Erschlaffung. 

Wenn der Reiter nach der Anleitung (s. Spalte 462) ange- 
wiesen wird, „in erster Linie alle alkoholischen Getränke zu ver- 
meiden", ein nicht genug zu beherzigender Rat, so gilt derselbe 
auch vom Gebrauche des Alkohols, um die Pferdebeine zu reizen. 
Durch öfteren Gebrauch desselben in dieser Weise werden aber 
auch die Talg- und SchweilsdrUsen ausgetrocknet und Stockungen 
im Kapillargelalssystem hervorgerufen, welche nach längerem, jeden- 
falls nach mehrjährigem Gebrauch jene chronischen Anschwellungen 
der Pferde beine nach starken Ritten zur Folge haben, die immer 
eine verminderte Leistungsfähigkeit anzeigen. Dals dazu auch der 
Kampfer und andere reizende Substanzen (ätherische Öle) in ver- 
mehrtem Mafse beitragen, erklärt sich aus denselben Gründen. Wie 
die menschliche, so ist auch die Pferdehaut nur auf den Kontakt 
mit Luft, Erde und Wasser eingerichtet, und die Pferde der Steppen, 
des steinigen Arabiens, wie der wilden und halbwilden Gestüte, 
zeigen eben deshalb auch die reinsten und strapazenfestesten 
Beine. 

Es giebt keine schärfere Probe auf intakte Beine, als einen 
scharfen Ritt Uber 10 — 12 Meilen und dann einfaches Hinstellen 
auf guter Streu ohne irgend welche Beinpflege. Bleiben die Pferde- 
beine dann rein und klar, so sind sie intakt; schwellen sie an, so 
haben sie schon mit den eben verworfenen Einreibungen Bekannt- 
schaft gemacht. 



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Kleine heeresgeschichtliohe Mitteilungen. 



97 



Es empfiehlt sich nach solchen stärkeren Ritten keinerlei andere 
Pflege, als trockenes Abreiben der Beine mit Stroh bei Schnee oder 
trockenem Frost, Abwaschungen mit lauem, im Sommer meist ge- 
standenem, kühlem, oder bei kaltem Wetter mit warmem Wasser, 
mit nachfolgendem Trockenreiben. Dabei bleiben die Pferdebeine 
rein und leistungsfähig bis ins höchste Alter. Näheres darüber 
findet man unter „Diätetische Bein- und Hufpflege" S. 50 — 55 meiner 
„Bein- und Hufleiden der Pferde" (G.Auflage bei Arwed Strauch 
in Leipzig 1897). 

Giefsen, im März. 

Spohr, Oberst a. D. 



IX. 

Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 

Die klingende Anerkennung der vom Herzoge von Wellington 
erfochtenen Siege war nicht unbeträchtlich. Für die Schlacht bei 
Talavera erhielt der damalige Viscount Wellesley im Jahre 1810 die 
Zusicherung eines Jahrgeldes von 2000 Pfund Sterling, welches auf 
seine beiden nächsten Erben Ubergehen sollte. Der gleiche Betrag 
wurde ihm zwei Jahre später nach der Einnahme von Ciudad-Rodrigo 
für seine Person zugebilligt und noch ehe das nämliche Jahr 1812 
zu Ende ging, empfing er eine Summe von 100000 Pfund zum An- 
kaufe von Grundbesitz in England. Als er Herzog wurde, stattete 
ihn das Parlament mit einem neuen Jahrgelde von 43 000 Pfund aus, 
an dessen Stelle alsdann die Zahlung eines Kapitals von 400000 
Pfund trat Für den Schlufserfolg von Waterloo zeigte sich das 
Vaterland durch eine Schenkung von 200000 Pfund dankbar. 14. 

Die erste Besichtigung, welcher Prinz Wilhem von Preufsen, 
nachmals des Deutschen Reiches erster Kaiser, das am 6. Juni 1817 
ihm verliehene 7. Infanterie-Regiment (2. Westpreulsisches), jetzt 
Grenadier-Regiment König Wilhelm I. (2. Westpreufsisches) Nr. 7, 
unterzog, liefert einen Beweis für die Rührigkeit des dreiundzwanzig- 

Jikrbftehtr fttr di« deutsch» Anatt und Mirine. Bd. 112 1. 7 



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98 



Kleine heereageschiohtliche Mitteilungen. 



jährigen Fürsten und für den Eifer, mit welchem er alle ihm ob- 
liegende Verpflichtungen erfüllte. Vom Regimente lagen zu jener 
Zeit der Stab und das 1. Bataillon in Glogau, das Füsilier-Bataillon 
in Liegnitz, das 2. Bataillon in Schweidnitz. Die Entfernung von 
Glogau bis Liegnitz betrug auf der Chaussee 7, die von Liegnitz bis 
Schweidnitz 5 deutsche Meilen. Und alle drei Bataillone sah Prinz 
Wilhelm an einem und demselben Tage, am 10. August 1820. Früh 
morgens fand die Besichtigung in Glogau statt, um 11 Uhr vor- 
mittags wurden die Füsiliere in Liegnitz gesehen und nachmittags 
das 2. Bataillon in Schweidnitz. Es mufs dabei bemerkt werden, 
dals es sich um einen Besuch des Prinzen als Chef handelte, nicht 
um die Besichtigung durch einen unmittelbaren Vorgesetzten. Sonst 
würde die Sache nicht so rasch erledigt sein. (A. von Frey hold, 
Regiments- Geschichte [Mannschaftsausgabe] Berlin 1898.) 14. 

Die Bezeichnung als Inhaber eines Regiments kommt im K. K. 
Heere zuerst zu der Zeit vor, in welcher die Regimenter nicht mehr 
nach Beendigung eines Feldzuges aufgelöst, sondern im Dienste be- 
halten wurden, und ihre Obristen, zu höheren Graden befördert, 
das Kommando abgaben, aber im Genüsse der mit ihrer bisherigen 
Stellung verbunden gewesenen Gebührnisse und Rechte blieben. Es 
war die Zeit des Dreifsigjährigen Krieges. Das Kommando ging in 
solchen Fällen auf den Oberstleutnant, später auf den Obrist, über.' 
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Inhaberwttrde vom 
Kommando grundsätzlich geschieden. Mitunter bekleidete die erstere 
der Monarch selbst oder ein kaiserlicher Prinz, welcher gar nicht 
Soldat war. In letzterem Falle wurde ein zweiter Inhaber ernannt, 
welche an die Stelle des „Inhabers" trat. Das Nämliche geschah wenn, 
was später häufig vorkam, fremden Fürstlichkeiten Regimenter ver- 
liehen wurden und bei Regimentern, welche einen Namen für immer- 
währende Zeiten führten. Jeder Inhaber hatte einen Offizier des 
Regiments als Adjutanten, welcher den Verkehr mit dem letzteren 
vermittelte. Unter den Vorrechten des Inhabers, den sogenannten 
Regimentsprivilegien, erscheinen als die wichtigsten: 

Er war der oberste Gerichtsherr, welchem das Straf- und Be- 
gnadigungsrecht in Beziehung auf alle Angehörige des Regiments, den 
Oberst ausgenommen, für alle Verbrechen und Vergehen zustand. 
Wenn er nicht beim Regimente anwesend war, so übertrug er das 
Jus gladii et aggratiandi dem zeitlichen Obristen. Im Jahre 1868 
hörte dieses Recht auf. 

Er hatte ursprünglich das Bestallungs- und Entlassungsrecht Uber 
alle unobligaten Mitglieder des Regiments. Seit 1766 wurden jedoch 
die Stabsoffiziere ausschliefslich durch den Hofkriegsrat, seit 1849 



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Kleine heeresgesohichtliche Mitteilungen. 



99 



durch den Kaiser, befördert; seit 1868 sind alle Beförderungen und 
Entlassungen der Allerhöchsten Entschlielsung vorbehalten. 

Sein anfängliches Recht, Heiratserlaubnis an Offiziere und Mann- 
schaften zu erteilen wurde seit 1769 durch die Forderung von Heirats- 
kautionen und durch Normierung der Zahl der Verheirateten be- 
schränkt; seit 1868 übt die Befugnis für die Offiziere das Reichs- 
Kriegsministerium, für die Mannschaften der Regimentskomman- 
dant aus. 

Sein Recht, unbeschränkt Urlaub zu bewilligen, ging schon 1704, 
des damit getriebenen Mifsbrauches wegen, auf die kommandierenden 
Generäle und auf den Hofkriegsrat Uber. 

Es fiel ihm der Nachlals eines jeden ohne Erben und ohne 
Hinterlassung einer letztwilligen Verfügung gestorbenen Offiziers, in 
allen Fällen aber ein Pferd oder die Summe von 100 Dukaten, 
zu; das Reglement vom Jahre 1769 erwähnt diesen Anspruch nicht 
mehr. 

Seine Pflicht und sein Recht, Dienst- und Exerziervorschriften zu 
erlassen, hörte auf, als am 1. März 1737 Kaiser Karl VI. ein „Re- 
gulament und Ordnung" einführte, „nach welcher unsere gesamte 
Infanterie in deren Haudgriffen und Kriegsexercitien etc. gleichförmig 
sich zu achten haben soll" und nach und nach auch fllr die übrigen 
Waffengattungen allgemeinverbindliche Vorschriften erlassen wurden. 

Die Beseitigung des Inhaberrechtes, die Adjustierung des Regi- 
ments zu bestimmen und es nach seinem Belieben zu kleiden, begann 
schon um das Jahr 1690, wurde aber sehr allmählich durchgeführt; 
erst 1822 kann sie als vollendet angesehen werden, denn bis dahin 
hatte sie sich auf die Regimentsmusiken noch nicht erstreckt. 

Der Inhaber verlieh dem Regimente die Fahnen, welche in seiner 
Wohnung oder in der seines Vertretrers aufbewahrt wurden. 

Sein weitgehender Einfluls auf die Wirtschaft, welche ursprünglich 
auf seine Kosten und Gefahr ging, wurde nach und nach herab- - 
gemindert, so dals er 1868 fast verschwunden war. 

Seine eigenen Einkünfte bestanden, aulser der durch die jeweilige 
Verpflegsordonnanz festgesetzten Gebühr als Obrist, in der ihm als 
Hauptmann einer Kompagnie zukommenden; den Genuls der letzteren 
Einnahme verloren sie im Jahre 1805, als, nachdem schon 1769 eine 
Inhabergage eingeführt gewesen, aber 1798 wieder aufgehoben war, 
ständige Gebühren eingeführt wurden. Zu seinen mehr oder weniger 
rechtmäfsigen Nebeneinnahraen gehörten: Die Vorstellungsgebühr, 
welche ein Neubeförderter bei Übernahme eines Kommandos zu er- 
legen hatte; der Verdienst beim Stellenkaufe und an den Werbe- 
geldern, an den vom Staate für Beschaffung von Bekleidung und 

7* 



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10U 



Berichtigung. 



Ausrüstung gezahlten Sätzen, an den Verpflegungsgeldern fllr Mann- 
schaften, welche nicht vorhanden waren. 

Als im Jahre 1868 dasK. K. Heer auf ganz veränderten Grundlagen 
neu erstand, blieb die Inhaberwürde als Ehrenstellung erhalten. Wer 
sie bekleidet, leiht dem Regimente seinen Namen, wenn es nicht einen 
solchen für immerwährende Zeiten führt. 

(Geschichte der K. und K. Wehrmacht, bearbeitet von Major A. 
Freiherrn von Wrede, 1. Band, Wien 1898.) 14. 




Die im III. Bande der Jahrbücher für 1898 befindliche Dar- 
stellung der Beteiligung der 3. 4pfdg. Batterie Rheinischen Feld- 
artillerie-Regiments Nr. 8 an der Schlacht von Königgrätz wider- 
spricht in wesentlichen Punkten dem in den Akten des General- 
stabes (C° I 8 V ) enthaltenen eigenen Gefechtsbericht der Batterie. 
Nach diesem hat Hauptmann Wolf nicht auf einem anderen Wege 
als die drei Divisionen der Elbarmee die Bistritz Uberschritten. Es 
heifst in seinem dem Tagebuch der Batterie angehefteten Bericht: 
„Die Batterie protzte jetzt auf und ging durch Nechanitz über die 
von den Sachsen abgebrochene, jedoch von unseren Pionieren 
wiederhergestellte Brücke im Trabe vor und placierte sich auf die 
Anhöhe oberhalb Nechanitz." 

Dafs die Batterie unter diesen Umständen nicht zuerst über die 
Brücke in das vom Feinde besetzte Dorf, sondern hinter der In- 
fanterie gegangen ist, kann keinem Zweifel unterliegen. Es er- 
scheint deshalb auch im hohen Grade unwahrscheinlich, dals sie 
zwei Stunden früher als die anderen Truppen die Lubnoer Höhe 
erreicht hat, wie beide Berichte in ziemlicher Übereinstimmung an- 
geben; jedenfalls widerspricht dem der Gefechtsbericht des zuerst 
in Nechanitz eingedrungenen Füs.-Bats. Regts. Nr. 28, in dem es 
heifst: ,.Hierauf nahmen die beiden Kompagnien (die 9. und 10.) 
den von feindlichen Schützen schwach besetzten Berg ein und 
und blieben daselbst liegen bis eine gezogene 4 pfdg. Batterie eben- 
falls diesen Berg erreichte." 



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Umschau in der Militär-Utteratur. 101 

Meine Zartickhaltung in meiner Geschichte des Krieges von 
1866 (B. II, S. 448) gegenüber dem mir vom General Wolf Uber- 
sandten Bericht hat sich hiernach als vollkommen gerechtfertigt er- 
wiesen, v. Lettow-Vorbeck. 



X. 

Umschau in der Militär-Utteratur. 

I. Ausländische Zeitschriften. 

Streffleur>s Österreichische Militärische Zeitschrift. (Mai 1899.) 
Beiträge zur Geschichte der k. und k. Jägertruppe. — Einiges über 
den Sanitätsdienst während des sudanesischen Feldzuges im Herbste 
1898. — Zusammengewürfelte Gedanken über unsere Reglements. 
4. Brief. Die Verfolgung. — Meine Erlebnisse vor und in der Schlacht 
bei Magenta 1859. — Der Marsch dor Infanterie. Eine Entgegnung. 

— Vaterländische Lorbeerblätter. 

Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Genie- 
Wesens. (Jahrgang 1899.) 5. Heft Richtschufs und Mefstab — 
Kriegsausrüstung einer Gürtelfestung. 

Armeeblatt. (Österreich.) Nr. 18. Verletzungen. — Zur Reor- 
ganisation der Militär-Bildungsanstalten. I. — S. M. Torpedokreuzer 
„Aspern". Nr. 19. Zur Reorganisation unserer Militär-Bildungsanstalten. 

— Die Vormeisterfrage und ihre Bedeutung für den Erfolg zur See. II. 
(Forts, in Nr. 20 und 21). Der ewige Friede. III. Nr. 20. Carl und 
Albrecht von Österreich. (Zur Enthüllung des Erzherzog Albrecht- 
Denkmals.) — Zur Reorganisation unserer Militär-Bildungsanstalten. II 
Nr. 21. Ein Fest der bewaftneten Macht. — Dio sogenannte Abrüstungs- 
Konferenz. 

Militär-Zeitung. (Österreich.) Nr. 15. Zu den Reformen 
im Militärbildungswosen. — Dio neuen deutschon Militärgesetze. Nr. 16. 
Die moralische Erziehung des Soldaten. — Gagenerhöhung und 
Pensionsausmafs. Nr. 17. Frontdienst und Bureaudienst. — Unsere 
Militärschulen. Nr. 18. F. M. Erzherzog Albrecht als Feldherr. — 
Über Kosten und Wert der Wehrmacht. — Über die Auswanderung 
militärpflichtiger Personen. 

Journal des sciences militaires. (Mai 1899.) Die Kolonial- 
Armee und ihre Organisation. — Die Beförderung in der Armee. — 



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102 



Umschau in der Militär-Iitteratur. 



Friedrich der Grofse (Forts.). — Die Militär-Luftschiffahrt in Frankreich 
und im Auslande (Schlufs). — Besancon und die 7. Militärdivision 
1870 — 71. — Das elektrische Licht und seine Verwendung im Kriege. 

— Der österreichische Erbfolgekrieg (1740—48). Feldzug in Schlesien 
1741—42 (Forts.). 

Revue militaire universelle. (Mai 1899.) „Die Kunst des 
Siegens. u — Die Ursachen einer militärischen Niederlage (Forts.). — 
Fundamente für die Bildung einer tüchtigen Kolonial-Armee. — Eine 
Seite aus der Geschichte Napoleons I. (Der Kapitän Bonaparte in 
Avignon, Juli- August 1793.) 

Revue du cercle militaire. Nr. 17. Anmerkung über das Feuern 
mit dem Geschütz 90 mittelst des Winkelmessers (Schlufs). — Marine- 
und Militärbudgets in England (Schlufs in Nr. 18). Effektivstärke der 
Marine 110640 Köpfe. Nr. 18. Schiefsplätze im Gelände und Gefechts- 
schiefsen. — Die neue Schiefsvorschrift der belgischen Infanterie. 
(Schlufs in Nr. 19). Nr. 19. Der Kaiser (Napoleon) als Intendant. 
Nr. 20. Vorbereitung des Zuges auf seine Bestimmung als Gefechts- 
einheit durch das Feuer (Forts, in Nr. 21). — Kavallerieregimenter zu 
4 Eskadrons (Ansicht des General von Pelet— Narbonne). — Die Ver- 
änderungen des Rekrutierungs-Gesetzes. — Der Zukunftskrieg von 
J. v. Bloch. Nr. 21. Rekrutierungsgesetz. Notwendige Änderungen. 

— Küstonverteidigung. — Die Kritik beim Manöver. 

Carnet de la Sabretache. (April 1899.) Der letzte Feldzug 
Marceaus (nach ungedruckten Briefen). — Auszüge aus dem Ordre- 
Buch der Observationsarmee (1799). — Ein Verwundeter von Leipzig 
(16. Oktober 1813). — Zwei autobiographische Noten über den Marschall 
Vaillant. 

Revue d'Infanterie. (Mai 1899). Grundsätze und Taktik des 
Nachtgefechtes (Forts.). — Studie über den Felddienst. — Geschichte 
der Infanterie in Frankreich (Forts.). — Regimen ts-Schiefsschule für 
Offiziere und Unteroffiziere der Infanterie (Forts.). — Das neue Exer- 
zierreglement der russischen Infanterie von 1897. 

Revue de Cavalerie. (April 1899.) Grundlagen der Ausbildung 

— Studie über die Schlacht von Villiers (30. November 1870 bis 
30. November 1898). — Beim Manöver und im Kriege (Schlufs). — 
Die Kavallerie im Gefecht im Zukunftskriege. Studien der angewandten 
Taktik. — Militärische Rennen. Praktische Ratschläge. 

Revue d'Artillerie. (Mai 1899.) Übungen im Felddienste im 
Abteilungs-Verbande (Forts.). — Die Druckschäden bei der Artillerie. 

— Automatische Pistolen (Forts.). — Das Artillerie-Material der Werk- 
stätten Vickers, Sons and Maxim. 

La France militaire. Nr. 4541. Die Ergänzung der Offiziere. 
Die Beseitigung des Dualismus im Offlzierkorps wird befürwortet. 
Nr. 4543. Die Beförderung. L Nr. 4544. Die Einheit des Ursprungs 
im Offizierskorps. Nr. 4545. Die Beförderung. II. — Die Offiziere 
aus Reih und Glied. I. Nr. 4546. Die Einheit des Ursprungs. Nr. 4547. 



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Umschau in der Militkr-Litteratur 



103 



Die Beförderung. III. Nr. 4648. Artikelreihe des General Tricoche 
über die verwirklichten Fortschritte der Armee seit 1875. Nr. 4549. 
Die Zwiefältigkeit im Ursprung des Offizierkorps. Nr. 4550. Die 
Kolonial-Armee. Anschlufs an das Kriegsrainisterium. befürwortet vom 
General im Ruhestand Tapy. — Gesetz-Entwurf über Organisation 
der Marinetruppen durch Lockroy eingebracht. Nr. 4551. Dem General 
de Ladmirault, einer der besten der Armee Napoleons III. soll ein 
Denkmal werden. Nr. 4552. Die Beförderung. IV. Nr. 4563. Ver- 
wirklichte Fortschritt«. 11. Nr. 4654. Die Offiziere aus Reih und Glied. 
II. Nr. 4556. Übungen im Aufklärungsdienst. Nr. 4656. Verteidigung 
der Küsten. I. Nr. 4557. Dasselbe. II. Nr. 4558. Dasselbe. III. — 
Die Offiziere aus Reih und Glied. Nr. 4559. Kein Abfall! General 
Tricoche warnt davor, den Gedanken an Wiedergewinn der beiden 
Provinzen aufzugeben, wenn man auch bei der Fashoda-Frage an ein 
Bündnis mit Deutschland gedacht habe. Nr. 4560. Russische Eisen- 
bahnen 1898. 

Le Progres militaire. Nr. 1930. Frühjahrs-Manöver. Nr. 193t 
Der Kolonial-Armee-Entwurf. Nr. 1932. Die Gewehrkugeln pfeifen 
nicht mehr (auf Entfernungen bis 1200 m), sondern machen ein Ge- 
räusch wie Peitschenknall. — Die Radfahrer-Kompagnien. Nr. 1933. 
Die Prüfungen für die Aufnahme in die Kriegsschule. Nr. 1934. Die 
Truppen- Versetzungen. (Es wird auf die Gefahren der periodischen 
Garnison-Veränderungen aufmerksam gemacht.) — Das Kasernierungs- 
Reglement. Nr. 1935. Die neue deutsche Artillerie. Nr. 1936. Die 
General-Inspektionen. Nr. 1937. Schiefsausbildung. — Die englische 
Gefahr (Vergleich der beiderseitigen Flotten, auf Grund des Buches 
von Anold „A quoi tient la superiorite des Francais sur les Anglo- 
Saxons*.) Nr. 1938. Die Befestigungen von Metz und die Grenze. 

La Belgique militaire. Nr. 1457. Die sterblichen Reste Joachim 
Murats (sind nicht aufzufinden). — Nr. 1469. Die (Abrüstungskonfe- 
renz im Haag. Nr. 1460. Dasselbe (Forts.). — Das Personal des 
Militär-Juziswesens. Nr. 1461. Die Konferenz im Haag, — Telegraphie 
ohne Draht. 

Bulletin de la Presse et de Ia Bibliographie militaire. Nr. 359. 

Belagerungsmanöver im Lager von Chälons (Schlufs). — Studie über 
die Abgabe des Feuers der Infanterie im Kriege. Nr. 360. Die im 
Jahre 1868 im Lager von Beverloo gemachten Erfahrungen der „Ecole 
d'application et de perfectionnement pour i'infanterie. 44 — Deutsche 
Kaisermanöver 1898. — Militär-Radfahrwesen. 

Schweizerische Monatsschrift für Offiziere aller Waffen. 
(April 1899.) Kriegsgemäfse Schiefsausbildung. — Die Klassifikation 
der Instruktionsofflziere laut Besoldungsgesetz. — Die deutschen 
Kaisermanöver von 1898 (Forts.). 

Revue militaire suisse. (Mai 1899.) Die Blockade von Sphacteria, 
nach Thucydides. — Kleine Vorschläge für Distanzritte (Schlufs). — 
Über Leitung der Manöver. — Die deutsche Armee vom strategischen 



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104 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Standpunkte. — Das neue deutsche Gewehr. — Tragbares Schanzzeug 
für die Infanterie. 

Schweizerische Zeitschrift für Artillerie und Genie. (April 
1899.) Die Sicherung der Artillerie gegen überraschenden Angriff und 
Nahangriff überhaupt. — Das österreichische 9 cm Feldgeschütz 
Modell 1875. — Auszug aus dem Bericht des Bundesrates an die 
Bundesversammlung 1898, soweit es Artillerie und Geniotruppe betrifft. 

Allgemeine Schweizerische Militär-Zeitung. Nr. 17. Der Krieg 
auf den Philippinen. Nr. 18. Die Neugliederung des deutschen Heeres. 
— Die englischen Herbstmanöver. Nr. 19. Die deutsche Jägertruppe 
zu Pferde. — Die Neugestaltung der Wehrmacht der Vereinigten 
Staaten. — Die Taktik der Infanterie bei den grofsen Manövern. 
Nr. 20. Etwas über die deutsche Feldartillorie-Schiefsschule. — Die 
Frage der zweijährigen Dienstzeit in Frankreich. — Das Velocipede 
im Krieg. 

Army and Navy Gazette. Nr. 2047. Lord Cromer über den 
Sudan. Bericht über die Kosten und dio Verwaltung desselben. — 
Die Royal Engineers. Vorschlag zur Veränderung der Organisation 
des Ingenieur-Korps. — Die Kämpfe auf Samoa. Nr. 2048. Die Ver- 
teidigung Kanadas. General Huthon, der Höchstkommandierende der 
kanadischen Streitkräfte erklärt diese für vollständig unzureichend 
für den Kriegsfall. — Die Voluntoer-Artillorie. Neueres Geschützmaterial 
für dieselbe erscheint dringend nötig. — Der Salisbury-Übungsplatz. 
Bespricht den Nutzen, den man von diesem neuerworbenen Übungs- 
lager erwartet. Nr. 2049. Die Thätigkeit des Kriegsministeriums. 
Neue Verordnungen über dessen innere Einteilung und Festsetzung 
der Wirkungskreise der verschiedenen Abteilungen sind erlassen. Die 
Regierung und Wai-Hai-Wai. Nr. 2050. Das Indische Militär- Ver- 
waltung*- Wesen. Bericht über die Thätigkeit desselben im Jahre 
1897—98. — Die Beförderung der Generalstabs-Offiziere aufser der 
Reihenfolge. — Das Royal -East-Kent-Mounted-Rifle- Regiment. Ge- 
schichte des dem Herzog von Connaught gehörenden, 1794 errichteten 
Regiments Jäger zu Pferde. Nr. 2051. Die Beförderung der Offiziere 
des Indischen Generalstabes. — Der Angriff der Infanterie. Taktische 
Grundsätze, abgeleitet aus der Feuerwirkung der modernen Gewehre. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 254. 
Stärke, Zusammensetzung, Organisation, Ergänzungs- und Ausbildungs- 
wesen einer Streitkraft für Landesverteidigung. Eine Preisaufgabe. — 
Lehren aus dem Spanisch-Amerikanischen Kriege. — Allgemein ge- 
haltene strategische Betrachtung. — Britische Kavallerie. Zusammen- 
stellung von Grundsätzen für die Ausbildung der Kavallerie zur Ver- 
wendung in Kolonialkriegen, sowie in einem Europäischen Kriege. 

Journal of the United Service Institution of India. Nr. 135. 
Kurze Bemerkungen über die Verwaltung des Nordamerikanischen 
Heeres in den Philippinen. — Gedanken und Vorschläge für das 
Heeres-Ergänzungswesen in Indien. — Heeres-Sanitätswesen im Ge- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



105 



birgskriege. — Die Schlachtfelder im Dekan. Beginnt mit der Dar- 
stellung der Schlacht bei Assaye, am 23. September 1803. — Un- 
gesunde Truppen-Lagerplätze. Berücksichtigt ausschliefslich Indische 
Verhältnisse. — Über Märsche. 

Russischer Invalide. Nr. 78. „Die neue Vorschrift für das 
Gefecht der Kasaken in der Lawa. Nr. 81 und 82. Die neue 
Schiefs Vorschrift (siehe Aufsatz „Neue Reglements der Russischen 
Armee"). Nr. 85. Die in Port Arthur neu formierte Sappeur- 
Kompagnie hat den Namen „Kwartun-Sappeur-Kompagnie" • 
erhalten. 

Wajcnnüj Ssbornik. (Mai 1899.) Probemobilmachung eines 
Infanterieregiments. — Vom Kriege (die Schrift von Clausewitz). V. — 
Die Offizier-Frage im 17. Jahrhundert. (Skizze aus der Geschichte 
des Russischen Kriegswesens.) — Zum Entwurf eines „Infanterie-Regle- 
ments 14 und eine „Verordnung für das Gefecht der Infanterie". VI. — 
Das eigene Pferd im Budget des Kavallerieoffiziers. — Über das 
Schiefsen der Festungsartillerie. (Mit Skizzen.) — Zur taktischen 
Ausbüdung der Feldartillerie. — Das Militärfahrrad wesen. I. — Die 
jüngeren Stabsoffiziere der Jäger-, Reserve- und Linienbataillone. — 
Über die Organisation der Wohlthätigkeit und der Selbsthilfe im mili- 
tärischen Leben. — Die Verpflegungseinrichtungen während der 
Manöver in Daghestan 1898. — Geschichte des Aufstandes an der 
Nordwestgrenze Indiens im Jahre 1897. — Russische militärische 
Übersicht. Die neue Bestimmung über das Gefecht der Kasaken in der 
Lawa. 

Isbornik Raswjedtschika. XIII. Aus der Vergangenheit und 
Gegenwart der Sibirischen Kasaken. — Die Blume des Gebirges. (Eine 
Erzählung.) — Im Schnee des Altai. (Aus den Aufzeichnungen eines 
Kasakenofflziers. — Das Kavallerie-Exerzier-Reglement. — Die Schiefs- 
vorschrift des Jahres 1899. 

Raswjedtschik. Nr. 442. Das hundertjährige Jubiläum des 
terskischen Dragonerregiments. — Die Duelle. — Die Festungsartillerie 
und die Eisenbahn bei der Verteidigung der Festungen. — Mufs der 
Soldat im Feldzuge ein zweites Paar Stiefel haben? — Das hundert- 
jährige Jubiläum der Einnahme von Tiflis durch Russen. — Die Rück- 
kehr des Prinzen Georg von Griechenland von Kloster „Arkdija" nach 
Retirao. — Das Denkmal Ssuworow's in der Schweiz. Nr. 443. Die 
Duelle. — Aus dem Soldatenleben. — Eine von den Ursachen der 
Abweichungen des Schusses. — Der Reitsport unter dem Offlzierkorps 
der Kavallerie. — Die Stabe der selbständigen Brigaden. - Puschkin 
als Militärschriftsteller. Nr. 444. Eine Militärbank. — Die Verein- 
lachung des Einberufungsverfahrons. — Die Programme der Regiments- 
lehrkommandos. — Die Offizierkasinos des Donheeres. — Die taktischen 
Beschäftigungen bei den Truppen. — Die Duelle. — Puschkin als Militär- 
schriftsteller (Schlufs). Nr. 445. Man mufs sich beeilen. (Dieser 
Artikel fordert Beschleunigung der Durchführung verschiedener Ver- 



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106 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Änderungen in der Organisation und Bewaffnung vor der Beendigung 
der Friedenskonferenz, namentlich die Vermehrung der Artillerie.) — 
Die Offiziere aufserhalb der Front. — ■ Kreta vor zwei Jahren. — Aus 
Finnland. Nr. 445 447. Das Schiefswesen in den Kadettenkorps. — ■ 
Die Eingeborenen-Truppenteile im Kaukasus. — Aus Finnland. — Ein 
Karten-Zirkel. — Das Denkmal Ssuworows in der Schweiz. 

Russisches Artillerie- Journal. (April.) Theorie der Lafetten. 

— Zur Frage des Wettschiefsens der Feldbatterien nach Geschwindig- 
• keit. — Feuergeschwindigkeit bei Feldbatterien. — Die Tagesbatterie. 

— Von der Reorganisation der deutschen Feldartillerie. — Anatola 
Nikolajewitsch Korolkow. Ein Nekrolog. 

Artillerie-Journal der Yer. Staaten - Artillerie. (Jan., Febr.) 
Probleme im Wurf- und indirekten Feuer. (Es wird auf Major Tiede- 
manns „ausgezeichneten Artikel - in den „Jahrbüchern 44 verwiesen, der 
durch Leutnant Blakely übersetzt ist.) — Verteidigung der Küsten 
gegen Torpedoboot-Angriffe. 

L'Italin militare e marina. Nr. 95. Bemerkungen eines alten 
Militärs. Nr. 96. Militärische Politik und äufsere Politik. -- General 
Nicola Marselli f. Nr. 99. Bemerkungen eines alten Militärs (Forts.). 
Nr. 102. Dasselbe (Forts.). Nr. 103. Das italienische Geschwader in 
Buenos Ayres. Nr. 104. Marine-Infanterie. Nr. 105. Chargenpferde. 
Nr. 106. Dasselbe (Forts, u. Schlufs). — Die Militär-Attaches bei den 
Botschaften. Nr. 107. Unsere Kriegsmarine. — Die Unteroffiziere. 
Nr. 110. Die Civilisation und der Krieg. Nr. 111. Unsere Kriegsmarine. 
Nr. 112. Bemerkungen eines alten Militärs (Forts.). Nr. 113. Dasselbe 
(Forts ). Nr. 115. Zur Friedens- und Abrüstungs-Konferenz. — Die 
Typen unserer Flotte. I. Nr. 116. Das Schreibwerk bei den Bezirken. 

Rivista Militare Italiana. (1. Mai.) Die Unteroffiziere und die 
kurze Dienstzeit (Forts.). — Vom unteren Po zum Isonzo (1866 Forts.). 

— General Nicola Marselli. 

Esercito Italiano. Nr. 53. Listenführung und die Distrikte. — 
Der Krieg auf den Philippinen. Nr. 54. Chargen pferde. — Die Nicht- 
pfändbarkeit der Besoldung. Nr. 55. Das Budget für Eritrea. — Natu- 
ralleistungen für Truppenteile. Nr. 56. Für die Zukunft Italiens. 
(Betrifft China.) — Das Unternehmen des Herzogs der Abruzzen. 
Nr. 57. Eine Soldatenzeitung. Nr. 58. Einige Betrachtungen über 
„Schiedsgerichte 44 . Nr. 59. Der Krieg auf den Philippinen. Nr. 60. 
Übertreibungen bezüglich der Marine. (Kontre-Admiral de Amaraga 
widerlegt falsche Nachrichten über den Zustand der Flotte.) 

Rivista di artiglieria e genio. (April.) Geschichtliche Skizzen 
über die Einteilung der italienischen Artillerie. — Ursachen und 
Kennzeichen des Krieges der Zukunft. — Studie einer Avantgarden- 
Brücke von Metall. — Raucherzeugendes Schrapnel. — Über die 
Schiefsausbildung der Feldartillorie. 

Revista cientiflco militar. (Spanien.) Nr. 7. Die Handfeuer- 
waffen M/95 in Österreich-Ungarn. — Bekleidung und Ausrüstung 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



107 



des Heeres (Forts.). Nr. 8. Einzelheiten vom Kommando einer Kom- 
pagnie. — Bekleidung und Ausrüstung des Heeres. Nr. 9. Bekleidung 
und Ausrüstung des Heeres (Schlufs). — Geschichtliche Übersicht der 
Thaten des grofsen Heerführers, Don Gonzalo Fernändez de Cordova. 

Memorial de Ingenieros del Ejercito. (Spanien.) Nr. 4. Studien 
über Befestigungen. — Die Luftballons im Kriege. 

Revista Militär. (Portugal.) Nr. 8. Die Reorganisation der 
Streitkräfte in den Kolonien. Nr. 9. Bewaffnung und Ausrüstung der 
Kavallerie. 

Krigs vetenskaps Akademiens-Handlingar. (Schweden.) Heft. 8. 
Die Heeres- und Flotten-Ausgaben der Grofsstaaten seit 1890. 

Militaert Tidsskrift. (Dänemark.) XXVIIL Bd. Heit 1 Die 
Schlacht von Eylau 8. 2. 1807. 

Norsk Militaert Tidsskrift. (Norwegen.) Heft. 4. Kriegsmäfsiges 
Einzelschiefsen. — Notizen zum Feldzug auf Kuba. 

Militaire Spectator. (Holland.) Nr. 5. Die Zeltfrage für Nieder- 
ländisch-Indien. — Über Schiefsausbildung. 

Militaire Gids. (Holland.) Lief. 3. Neue Veränderungen im 
Feldmaterial. 

II. Bücher. 

Kritische Tage. Von Georg Cardinal von Widdern. Oberst. 
Erster Teil, Band III. Die Krisis von Saarbrücken - Spichern. 
Heft II. Die Führung der I. und II. Armee und deren Vor- 
truppen. (31. Juli bis 6. August.) Mit 1 Karte und 4 Skizzen 
im Text. Berlin 1899. R. Eisenschmidt. 

Wenn wir in Nr. 324 der Jahrbücher (September 1898) dem Heft I 
die vollste Anerkennung gezollt haben, in welchem obiger hochange- 
sehener Verfasser die Kavallerie-Divisionen während des Aufmarsches 
behandelt, so können wir nur sagen, dafs sich die hier im Heft II vor- 
liegende Fortsetzung über den in derselben Zeit erfolgten Aufmarsch 
der I. und II. Armee etc. dem vorigen Heft durchaus ebenbürtig an- 
schliefst! — Auch hier hat Verfasser nicht nur aus den Feldakten des 
Kriegsarchivs und Tagebüchern der Truppen, sondern auch aus vielen 
Privatbriefen und französischen Berichten geschöpft, um eine der 
schwierigsten und interessantesten Episoden des Feldzuges in voller 
Klarheit darzustellen und mit bekannter milder aber scharfdenkender 
Kritik zu beleuchten! 

Er führt uns zuerst das kleine Detachement des Oberstleutnant 
v. Pestel vor, dem als Grenzschutz die Besetzung von Saarbrücken 
anvertraut war. und hebt hervor, wie Oberstleutnant v. Pestel den für 
diesen Posten gestellten Anforderungen Moltkes auf das Vollkommenste 
entsprach, indem er mit „Umsicht und Ruhe" 16 Tage lang die 
„Wacht an der Saar u wahrnahm und auch drei feindlichen Divisionen 
gegenüber, in der gröfsten Zuversicht auf seine Truppe, der Bitte Aus- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



druck gab, auf seinem Posten belassen zu bleiben! Es werden sodann, 
als am 2. August die Franzosen zum bekannten Angriff auf Saar- 
brücken vorgingen, die Gefechtsvorgänge detailliert besprochen, wobei 
der Tapferkeit der kleinen Truppe und den Anordnungen Pesteis fast 
ausnahmslos Anerkennung zu teil wird. Indefs werden die Mafs- 
nahmen des Generals v. Gneisenau für den Rückzug und seine Befehls- 
erteilung speziell für die detachierten Posten in Völklingen und Brebach 
mit Recht scharf verurteilt. Ersterer wurde vier Stunden früher ab- 
berufen als für Saarburg der Rückzug angeordnet wurde und letzterer 
gar nicht benachrichtigt! Die Rückzugslinie war fast in der Verlänge- 
rung eines Flügels statt senkrecht zur Front angeordnet — und, ohne 
Fühlung am Feinde zu behalten, führte Gneisenau die Truppe bis 
Hilsbach und Güchenbach zurück, trotzdem die Franzosen über die 
Saar garnicht gefolgt waren. — eine Handlungsweise, die am folgenden 
Tage durch General v. Barnekow schwer gerügt und durch ein Wieder- 
vorschieben gegen Saarbrücken repariert wurde. 

Bei hierauf folgenden Betrachtungen über die Operationen und 
Stellungen der Franzosen vom 1. bis einschliefslich 5. August wird eine 
Karte über ihre Stellung am 3. August vorgelegt, welche einen inter- 
essanten Vergleich mit einer solchen ermöglicht, die die französische 
Stellung am selben Tage nach damaliger deutscher Auffassung — zu- 
folge der im Hauptquartier eingegangenen Nachrichten — darstellt. 
Ebenso wird die Kriegslage im allgemeinen und werden die deutschen 
Operationen in grofsen Zügen besprochen. Sodann wendet sich Ver- 
fasser der Führung der I. Armee und ins Besondere den Konflikten 
und Übergriffen des General der Infanterie v. Steinmetz zu, welche ja 
bekanntlich in ihren weiteren Folgen vor Metz zu der Enthebung von 
seinen Funktionen als Armee -Führer führten. Es würde zu weit gehen, 
hier diese Vorgänge auch nur anzudeuten, welche nur verständlich 
sind, wenn man sie in den Details studiert und verfolgt, wie sie die 
vorliegende Schrift auf das Zuverlässigste und Erschöpfendste bietet. 
Sie sind nur erklärlich, wenn man eine so treffende Charakteristik des 
alten Herrn liest, wie sie gleichfalls hier aus der Feder des Generals 
v. Conrady wiedergegeben wird und die Äufserungen vernimmt, die 
seine Kommandierenden Generale und nächsten Untergebenen in ihren 
auch hier verwerteten Privatbriefen gemacht haben. Sie beweisen 
sämtlich, dafs. wenn Steinmetz sich auch als braver Haudegen und 
vorzüglicher Kommandierender General bei Nachod und Skalitz be- 
währt hatte, er doch nichts weniger war als ein grofser Stratege und 
botmäfsiger Untergebener. In sehr zutreffender Weise legt Cardinal 
v. Widdern dar, dafs er sich einer schweren Niederlage ausgesetzt 
haben würde, wenn er seinen, auf eigene Faust für den 5. August ge- 
planten, aber glücklicherweise durch den König noch rechtzeitig ver- 
hinderten Vorstofs über die Saar gemacht hätte, um, wie er meinte, 
die französischen Kräfte auf sich zu ziehen und den Aufmarsch der 
II. Armee zu decken! Er würde alsdann mit etwa 10000 Mann einer 



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Umschau in der MiUtär-Litteratur. 109 

ihn umfassenden Übermacht von etwa 70 000 Franzosen gegenüber- 
gestanden und Napoleon die gröfste Freude bereitet haben, der sich in 
Voraussicht dieses Ereignisses schon den besten Hoffnungen bezüglich 
des Prestige eines ersten Sieges hingegeben haben soll ! — Aber trotz 
Verhinderung dieses Unternehmens hatte die Unbotmäfsigkeit und Eigen- 
wiiligkeit von Steinmetz doch eine solche Verschiebung seiner L Armee 
nach links-vorwärts gegen die ihm vorgeschriebene Operationsrichtung 
zur Folge, dafs dadurch die Entwicklung der II. Armee beeinträchtigt 
und die gänzlich ungeplante Schlacht von Spichern herbeigeführt 
wurde ! — Anknüpfend hieran bringt Verfasser eine lehrreiche Betrach- 
tung über Ehrgeiz und Rivalität, bei welcher Gelegenheit eine Charakte- 
ristik des Generals Skobelew eingeflochten wird, mit welcher aber aus- 
drücklich nicht auf Steinmetz exemplifiziert werden soll! 

Endlich wird nach einem Rückblick auf die im Heft I behandelte 
Entwickelung der beiden Kavallerie- Divisionen die Führung und der 
Aufmarsch der II. Armee besprochen und sind es besonders die Mifs- 
stände, welche dort durch die wenigen Ausschiffungspunkte Bingen 
und Mannheim (also nur zwei für die ersten vier Armeekorps) sowie 
durch die unzureichenden Strafsen herbeigeführt wurden, die den Ver- 
fasser zu eingehenden und interessanten Betrachtungen veranlassen. 
Der Umstand, dafs bei der weiteren Folge von noch zwei Armeekorps 
vier derselben durch Kaiserslautern geführt und die Armee in dem 
schmalen, nur 12 km betragenden Raum zwischen Neunkirchen und 
Homburg sich entwickeln mufste, so dafs anfangs nur zwei Korps im 
ersten Treffen Verwendung finden konnten, giebt ihm Anlafs, sowohl die 
oberste Heeresleitung als die Armeeleitung einer nicht ganz zustimmenden 
Kritik zu unterziehen. Er schöpft daraus Stoff zu belehrenden Be- 
trachtungen aller Art und unterstellt die Frage einer Untersuchung, 
ob das Gelände südlich der Strafse Kaiserslautern- Homburg wirklich 
so unpraktikabel für den Marsch eines Armeekorps gewesen sei. wie 
es nach den damaligen Ansichten der Armeeleitung wohl angenommen 
wurde! 

Wenn wir zum Schlufs hinzufügen, dafs die im Text zerstreut 
und zum Schlufs gebrachten strategischen und taktischen Aufgaben, 
welche noch ein weiteres Feld hier behandeln als im I. Heft, einen 
reichen Stoff zur Belehrung bieten, so bedarf es nach all dem Gesagten 
wohl keines Wortes mehr, um auch dieses neue Werk des hochver- 
dienstvollen Schriftstellers allen strebsamen Militärs bestens zu em- 
pfehlen! v. M. 

Die Wahrheit über die Schlacht von Yionville-Mars la Tour auf 

dem linken Flügel. Von Fritz Hönig, mit 1 Übersichtskarte, 
5 Plänen und 4 Skizzen. Berlin 1899. Militär- Verlag R. Felix. 
Es war zu erwarten, dafs nach dem Erscheinen des Heftes 25 der 
Kriegsgeschichtlichen Einzelschriften über „den Kampf der 38. Infanterie- 
Brigade und des linken deutschen Flügels in der Schlacht bei Vion- 



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110 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



ville-Mars la Tour am 16. August 1870 u , dessen Darstellung in so 
schroffem Gegensatze zu der von Hönig in den „zwei Brigaden" ent- 
wickelten Auffassung steht, eine Erwiderung seitens des letzteren 
erfolgen würde. Beschleunigt wurde diese durch die in den Nr. 99 — 101 
des Militär- Wochenblattes erschienene Besprechung des Generalstab- 
Heftes durch General v. Scherff, der die Richtigkeit der in den „zwei 
Brigaden - autgestellten Behauptungen meist in Abrede stellt und 
schonungslos verurteilt. In dem vorliegenden Buche bemüht sich nun 
Hönig, auf Grund neuerer Studien und Zeugenaussagen nachzuweisen, 
dafs seine Ansichten dennoch auf Wahrheit beruhen. Er berücksich- 
tigt dabei aber nicht, dafs seit dem Erscheinen seiner „Zwei Brigaden" 
zahlreiche neue, namentlich französische Quellen sich erschlossen 
haben, und dafs der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Generalstabes 
doch ganz andere Aufklärungsmittel zu Gebote stehen wie ihm. Er 
verbleibt bei seinen Behauptungen, indem er eine Reihe von Zuschriften 
und Aussagen von Offizieren citiert, die an dem Kampfe teilgenommen 
haben, und deren Angaben denen der Einzelschrift widersprechen. 
Derartige Mitteilungen, selbst wenn sie in der festesten Überzeugung 
der Richtigkeit abgegeben sind, haben nur einen sehr bedingten Wert, 
denn der einzelne Mitkämpfer in der Front erfahrt und sieht nur sehr 
wenig von der gesamton Gofechtslage , um darüber ein mass- 
gebendes Urteil fallen zu können. Bedauerlich ist es auch, dafs 
Hönig keine materiellen und moralischon Erfolge des Angriffs der 
38. Brigade anerkennen will, dafs er die bedeutenden Verluste, die das 
Regiment Nr. 16 nördlich der Schlucht der Division Cissey beibrachte, 
nicht erwähnt, wie er überhaupt über die Vorgänge auf französischer 
Seite während des Angriffs schweigt. Es würde zu weit führen, und 
müfste den Rahmen einer kurzen Besprechung weit überschreiten, 
wollten wir hier alle die Gegensätze, in denen sich Hönig zur General- 
stabsschrift befindet, einzeln erörtern. Als wesentlich sei nur erwähnt, 
dafs der Aufmarsch der Halbdivision, wie ihn Hönig schildert, zwar mit 
dem Generalstabswerke annähernd übereinstimmt, aber von der Dar- 
stellung des Heft 25 sehr wesentlich abweicht. Beharrlich bleibt 
Hönig bei der Behauptung, dafs der Ansatz der Brigade zum Angriff 
übereilt und excontrisch erfolgt sei, und dafs infolgedessen eine Ver- 
zettelung der taktischen Einheiten eintrat, ferner dafs die Bataillone, 
fast ohne einen Schufs abgegeben zu haben, vom linken zum rechten 
Flügel abgewichen seien. Alles dieses ist nach Honigs Ansicht Folge 
der beim Generalkommando und bei Schwartzkoppen vorgefafsten 
Meinung, dafs die Franzosen sich im Abmärsche auf Verdun befänden, 
nur Caprivi allein habe als Chef des Stabes die richtige 
Ansicht über die Stellung der Franzosen bei Metz gehabt. — 
Diese Behauptung hat nun in einer „Erklärung** des Generals der 
Artillerio z. D. von Voigts-Rhetz im Militär- Wochenblatt Nr. 37 d. J. 
eine entschiedene Widerlegung gefunden, indem derselbe nachweist, 
dafs gerade beim III. Armeekorps, dessen Generalstabs - Chef er war. 



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Um8ohau in der Militär-Litteratur. 



III 



die feste Überzeugung bestand, die Franzosen könnten unmöglich in 
der Nacht vom 14. zum 15. in irgend erheblicher Stärke Metz passiert 
haben. In hohem Grade befremdend bleibt es aber, dafs, wie General 
v. Voigts-Rhetz darthut, Caprivi zwar bereits am 15. nachmittags 
5Vj Uhr von der Kavallerie- Division Rheinbaben die Meldung (offizielle 
Bestätigung) über das Verbleiben der französischen Armee westlich 
Metz empfing, diese Meldung aber weder an das Oberkom- 
mando noch das benachbarte III. Korps weiter gegeben worden sei. 
Das Generalkommando dos letzteren erhielt in der That erst am 
16. August vormittags durch General v. Rheinbaben persönlich die 
Bestätigung der Richtigkeit jener Voraussetzung, dafs die französische 
Armee sich noch westlich befinde und erfuhr zu seiner Überraschung, 
dafs bereits am 15. nachmittags die ganz bestimmte Meldung darüber 
an das Generalkommando X. Armeekorps geschickt wurde, mit dem 
Hinzufügen „dafs nichts nach Verdun abmarschiert sei". — In Nr. 41 
des Militär- Wochenblattes ergreift sodann der damalige Adjutant beim 
Generalkommando X. Armeekorps, jetzige Generalmajor z. D. v. Lessing 
das Wort, um zu erklären, „er halte es für unmöglich, dafs das Gene- 
ralkommando die Meldung nicht weitergegeben haben solle 44 , v. Lessing 
meint, er könne zwar nur einen mittelbaren Beweis liefern, auch 
versichert er, der Zusatz „dafs Nichts nach Verdun abmarschiert sei 44 , 
sei von der 5. Kavallerie -Division bei der Übersendung der 5 Uhr 
Meldung nicht gemacht worden. — Nach der Lessingschen Darstel- 
lung bleibt nur die Annahme zuliissig, dafs die vom Generalkommando 
X. Armeekorps an das Oberkommando weitergegebene Meldung ver- 
loren gegangen ist oder in falsche Hände geriet. Weshalb aber 
eine Meldung an das III. Armeekorps nicht ausführbar gewesen sein 
soll, wie Lessing behauptet, will mir nicht recht einleuchten. — In 
Nr. 41 und 42 des Militär- Wochenblattes wendet sich ferner Oberst 
v. Bernhardi in einem längeren Aufsatze gegen Honig s „Wahrheit 44 
und „Zwei Brigaden 44 , indem er über die Hönigsche Forschungs- 
Methode vollkommen den Stab bricht. Er fafst seine kritischen Unter- 
suchungen in folgenden Sätzen zusammen: „1. Herr Hönig läfst seine 
bisher auf das Bestimmteste als richtig vorfochtene Darstellung des 
Angriffs der 16er im wesentlichen stillschweigend fallen, ohne sein 
bisheriges totales Verkennen der Ereignisse offen zuzugeben. Seine 
Darstellung erweckt den Schein, als habe er seine frühere Ansicht im 
grofsen und ganzen nicht geändert. — 2. Die in der „Wahrheit 44 ge- 
gebene Erklärung, wie er zu der Darstellung des Angriffs in den 
.Untersuchungen 44 gelangt sei, steht im Widerspruch zu seinen früheren 
Angaben über die Entstehung dieser Schilderungen. — 3. Die Angaben 
der „Untersuchungen 44 über den Befund der Gräber stehen mit denen 
der „Wahrheit" in schroffem Gegensatze. — 4. Die Schlüsse, die 
Hönig laut „Wahrheit" schon 1870 aus diesem Befunde gezogen haben 
will, bewegen sich im ausgesprochensten Gegensatze zu dem Forschungs- 
ergebnis der „Untersuchungen" und wurden von ihm selbst 1891 



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112 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



öffentlich bestritten. — 5. Seine eigenen früheren Angaben giebt er 
jetzt in einer Weise wieder, die sich mit deren thatsächlichem Inhalt 
in diametralem Gegensatz befindet — 6. Früher „bestritt" er mit einer 
jeden Einwand ausschliefsenden Sicherheit die Existenz des zweiten 
Knicks am Schlachttage, die er jetzt einräumt, ohne seinen früheren 
Irrtum offen einzugestehen. — 7. Seine persönlichen Gelände- Unter- 
suchungen entbehren jeder Zuverlässigkeit. — 8. Was er „notorisch" 
nennt, wird unbestritten als falsch nachgewiesen. — 9. Die Mitteilungen 
von Augenzeugen giebt er in unzuverlässiger Weise wieder, legt ihnen 
bisweilen einen Sinn unter, der sich mit ihrem Inhalt nicht deckt, und 
macht zu denselben willkürliche Zusätze. — 10. Trotz seiner „nach 
Pflicht und Gewissen" abgegebenen Erklärung, an seiner Darstellung 
gewisser Ereignisse nichts ändern zu können, giebt er dennoch zu, 
dafs dieselbe in verschiedenen Richtungen eine irrtümliche sei. — 
11. Bei Darstellung seiner angeblichen persönlichen Erlebnisse ver- 
wickelt er sich vielfach, und zwar gerade in den entscheidendsten Be- 
ziehungen in derartige Widersprüche und Unmöglichkeiten, dafs sich 
deren objektive Unrichtigkeit zweifellos teststellen läfst. Einen Teil 
dieser angeblichen persönlichen Wahrnehmungen, Ermittelungen und 
Erlebnisse giebt er stillschweigend preis, dem Anschein nach, weil sie 
sich in allerdings direktem Widerspruche zu seinen neuesten Behaup- 
tungen und Zugeständnissen befinden. — 12. Aller Wahrscheinlichkeit 
nach ist Herr Hönig an keiner der von ihm selbst bezeichneten Stellen, 
sondern zu Beginn des Gefechts südlich des Weges Mars la Tour- 
St. Marcel verwundet worden und hat von dem weiteren Verlauf des 
Kampfes keine persönliche Kenntnis gehabt. — 13. Seine Quellenkritik 
ist eine unwissenschaftliche und entbehrt jeder Objektivität. Quellen, 
die seine Behauptungen nicht stützen, werden ignoriert, andere inhalt- 
lich falsch angegeben. — 14. Die polemische Methode Honigs ist eine 
derartige, dafs sie sachliche Erwiderung als ausgeschlossen erscheinen 
läfst. — 15. Die abfälligsten persönlichen Urteile werden auf Grund 
gänzlich unzureichender Untersuchungen und tendenziös verwerteter 
Quellen gefällt." 

Schlimmer noch für Hönig als diese geradezu vernichtende 
Beurteilung seiner Forschungen ist die dem Bernhardischen Aufsatze 
sich anschliefsende „Erklärung" eines ehemaligen Füsiliers der 12. Kom- 
pagnie Regiments 57, jetzige Amtmann Opderbeck, der Hönig vorwirft, 
„dafs die Erzählung des Zusammentreffens mit ihm auf Seite 136 der 
„Taktik der Zukunft" objektiv unwahr und von Anfang bis zu Ende 
frei erfunden sei." — Man darf gespannt sein, was Hönig auf 
diese ihm gemachten furchtbaren Vorwürfe zu erwidern hat. 

Dafs die Ermittelung der „Wahrheit" überVionville-Mars laTourdurch 
diese „Polemik" wesentlich gefördert worden ist, wird man nicht 
bezweifeln dürfen, so unerfreulich die Fortsetzung derselben Vielen 
auf die Dauer auch sein mag. Aber der Generalstab konnte unmöglich 
die zunächst durch einen Artikel der „Kölnischen Zeitung" veran- 



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Umschau in der Militär- Li tteratur. 



113 



lafste Herausforderung unbeantwortet lassen. Dafs die Streitfrage mit 
den erwähnten Aufsätzen noch nicht erledigt wurde, ist leider nicht 
zu bezweifeln. Vieles ist noch im Dunkeln und wird es voraussicht- 
lich auch bleiben. 1. 



Litteratur des spanisch-amerikanischen Krieges. Dieselbe ist be- 
reits eine sehr reichhaltige. Aufser den zahlreichen in militärischen 
und politischen Zeitschriften enthaltenen Aufsätzen erschien in deutscher 
Sprache das an dieser Stelle gebührend gewürdigte Werk des Admirals 
Plüddemann „Der Krieg in Kuba im Sommer 1898*. Es entspricht 
allen Anforderungen, die man an ein kriegsgeschichtliches Werk, das 
so kurze Zeit nach den Ereignissen erschienen ist, billigerweise stellen 
kann. Von zwei uns zugegangenen französischen Werken möchte 
ich mehr oder minder dasselbe behaupten. Das eine nennt sich: 

La guerre hispano-americaine de 1898 par le capitaine Ch. Bride. 
Paris 1899. Librairie R. Chapelot et Co., Succ™ de Baudoin. 
Preis 5 fr. 

Kapitän Bride giebt im 1. Kapitel einen geschichtlichen Überblick, 
betreffend Kuba, schildert dann im 2. den kubanischen Aufstand, im 3. 
(L'Espagne en extreme Orient) die Philippinen und deren geschicht- 
liche Vergangenheit. Im nächsten Kapitel, „Au pays des dollars", wird 
die Politik der Vereinigten Staaten während des Aufstandes, dann der 
„Maine -Fall" und seine Folge dargelegt, im 5., „la rupture", der 
Friedensbruch. Die folgenden Kapitel schildern zunächst die beider- 
seitigen Streitkräfte, dann den Verlauf der kriegerischen Ereignisse 
auf Kuba, vor Manilla, auf Porterico, zum Schlufs den Pariser Vertrag, 
der Spanien seinen Kolonialbesitz kostete. 

Der Verfasser entwirft ein klares Bild der Ereignisse, die sich auf 
Kuba und den Philippinen abgespielt haben. Er hat auch die Gabe, 
kurz und doch anziehend zu schildern. Das von ihm benutzte Zeitungs- 
Material (anderes hat ihm wohl nicht zur Verfügung gestanden) ist 
sehr umfangreich, oft äufserst widersprechend, jedenfalls geschickt be- 
nutzt. Die beigefügten, im Texte befindlichen Kartenskizzen genügen 
mäfsigen Ansprüchen, entbehren aber des Mafsstabes. 

Bei weitem umfangreicher, mit sehr gutem Kartenmateriul ver- 
sehen ist das Werk: 

Precis de quelques campagnes contemporaines par le commandant 
E. Bujac. IV. La guerre hispano-americaine (avec 28 cartes 
ou croquis) Paris. Charles - Lavauzelle. 
In 9 Kapiteln schildert Verfasser die kubanische Frage, don Auf- 
stand von 1895—98, die diplomatischen Vorgänge, die beiderseitigen 
Streitkräfte, das Kriegstheater, die Philippinen und die dortigen Ereig- 
nisse bis zur Kapitulation von Manilla, die Kämpfe auf Kuba und 
Portorico, dann das Ende des Krieges. Dem Verfasser eignet eine, 

Jrtrbtchar für die deaUofa« Anne« and Marine Bd 112. 1. 8 



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114 



Umschau in der Militär-Litteratw. 



auf grofse Sprachkenntnisse gestützte, geradezu staunenswerte Belesen- 
heit. Auch deutsche Schriftsteller, so den Kapitän Gerke und seinen 
Aufsatz in der Marine-Rundschau, citiert er. Es ist im ganzen ein sehr 
fleifsiges, wissenschaftlich veranlagtes Buch, das ich gern als einen 
der hervorragendsten Beiträge zur Geschichte dieses denkwürdigen 
Krieges bezeichne, denn die Geschichte desselben zu schreiben, dazu 
ist die Zeit frühestens erst dann gekommen, wenn die spanischen Be- 
richte nach Abschlufs des eingeleiteten kriegsgerichtlichen Verfahrens 
in die Öffentlichkeit gekommen sein werden. 2. 

Geschichte des Oldenburgischen Infanterie -Regiments Nr. 91. Auf 

dienstliche Veranlassung für die Mannschaften des Regiments 
bearbeitet von v. Rohr, verstorbener Oberstleutnant a. D., und 
bis auf die Neuzeit vervollständigt von Prh. von Puttkammer, 
Hauptmann. Oldenburg. Schulzesche Hofbuchhandlung. Preis 
55 Pfg., in fein Kartoneinband 1 Mk. 
Die Zahl der für den Mannschaftsgebrauch bearbeiteten Regiments- 
geschichten mehrt sich von Jahr zu Jahr. Es ist dies in Anbetracht 
des hohen erzieherischen Wertes solcher Schriften sehr erfreulich. 
Die vorliegende Regimentsgeschichte ist zwar in erster Linie ein Aus- 
zug der umfangreichen Pinkhschen Geschichte des Regiments, doch 
geht der Verfasser insofern seine eigenen Wege, als er den Verlauf 
der Ereignisse in einer dem Verständnis der Mannschaften mehr ent- 
sprechenden Weise behandelt hat und die Frage zu beantworten suchte, 
welcher Anteil dem Regimente an der Wiedererrichtung des Deutschen 
Reiches zufalle. Sein Ziel dabei war: Treue und Verehrung zum 
Kaiserlichen und Grofsherzoglichen Herrscherhause — Liebe und Hin- 
gebung zum deutschen Vaterlande — Freude und Stolz an dem auf 
eine ruhmreiche Vergangenheit zurück schauenden Regiment zu fördern. 
In diesem Sinne hat der Herr Verfasser weitergearbeitet, indem er 
die in der ersten Auflage mit dem Feldzuge 1870/71 abschiiefsende 
Geschichte des Regiments bis zur Gegenwart fortgeführt hat Der 
„Anhang" giebt eine für Unterrichtszwecke nützliche Übersicht über 
die wichtigsten Ereignisse aus der Geschichte des Regiments — Vion- 
ville, Metz, Ladon, Beaune la Rolande, Orleans, Vendome, le Mans sind 
die Haupt- Etappen seines Siegeszuges — ferner eine Beschreibung 
der Fahnen der drei Bataillone. 

Schreiber dieser Zeilen hat viele Regimentsgeschichten für Mann- 
schaften durchzusehen Gelegenheit gehabt; den besten dieser Art 
Schliefst die vorliegende sich an. 4. 

Geschichte des 6. Badischen Infanterie -Regiments Kaiser Fried- 
rich III. Nr. 114 im Rahmen der Vaterländischen Geschichte 
und der Spezial- Geschichte von Konstanz populär dargestellt. 
Auf Befehl des Königlichen Regiments verfafst von Waenker 
v. Dankenschweil, s. Zt. Premier- Leutnant und kommandiert 



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Umschau in der MilitSr-Litteratur. 



115 



beim Grofsen Generalstabe. Zweite Auflage bearbeitet von Keiler, 
Hauptmann und Kompagniechef im Regiment. Berlin 1898. 
E. S. Mittler. Preis 3 Mk. 
Der bereits im Jahre 1894 verstorbene Verfasser des Buches hatte 
dem erhaltenen Auftrage gemäfs dieses in erster Linie für die Unter- 
offiziere und Mannschaften geschrieben und demzufolge die Gechichte 
des Regiments im Rahmen der vaterländischen zur Darstellung ge- 
bracht. Es ist dies in frischer, lebenswarmer, zum Herzen gehender 
Weise geschehen und es hat dadurch das Werk einen besonderen 
Wert erhalten. Wie der Herausgeber der zweiten Auflage in seinem 
bezüglichen Vorworte besonders hervorhebt, ist denn auch die Waenker- 
sche Regimentsgeschichte in ihrer Eigenart das unveräufserliche 
geistige Besitztum des Regiments geworden, wert, weiter zu bestehen. 

In der Geschichte der schönen engeren Heimat des Regiments er- 
innert Herr v. W r aenker daran, wie in den alten alemannischen Gauen, 
in der Baar und im Breisgau die Grafen von Zähringen, die Ahn- 
herren des Grofsherzoglichen Badischen Hauses einst safsen, im Züllich- 
gau aber die Grafen von Zollern, aus denen unser Kaiserhaus ent- 
sprungen. Er erzählt, wie der Gaugraf Berthold um das Jahr 950 sich 
in der Burg Zähringen am Westabhange des Schwarzwaldes nieder- 
liefs und ungefähr zu derselben Zeit Graf Friedrich von Zollern auf 
des Hohenzollern steilem Felsen die Burg gründete, auf der heute das 
Regiment 114 die stolze Ehrenwache hält. Es wird darauf aufmerk- 
sam gemacht, wie 1192 Kaiser Rotbart dem Grafen Friedrich III. von 
Hohenzollern die Nachfolge in der Würde als Burggraf von Nürnberg 
sicherte und wie später die Stadt Konstanz es war, wo der entscheidende 
Akt sich vollzog, welcher das thatkräftige Geschlecht der Hohenzollern 
in den deutschen Norden verpflanzte. — In weiterer Folge wird kurz 
und übersichtlich die Geschichte des Badischen Landes geschildert, 
die gezwungene Teilnahme seiner Truppen an den Feldzügen Napoleons 
von 1805 gegen Österreich, von 1806 und 1807 gegen Preufsen und 
Rufsland, von 1809 abermals gegen Österreich, von 1808 bis 1814 in 
Spanien, von 1812 in Rufsland und von 1813 in Deutschland. In den 
Jahren 1814/15 war es dann endlich den Badenern vergönnt, im Verein 
mit den deutschen Brüdern sich dem grofsen Werke der Befreiung 
von fremdem Joche mit voller Begeisterung widmen zu dürfen. In der 
Mitte unseres Jahrhunderts sollte aber nochmals den Söhnen des 
badischen Landes die schwere Schicksalsprüfung zufallen, sich erst 
wieder durch Nacht zum Licht durchringen zu müssen. Die Katastrophe 
von 1848/49 machte die Auflösung sämtlicher badischer Truppenver- 
bände bis auf einige geringe Bestandteile derselben notwendig. Nur 
die während der Zeit des Aufruhrs zu der Besatzung Landau's gehörige 
4. Eskadron des 2. Dragoner-Regiments und das 1. Bataillon 4. In- 
fanterie-Regiments — jetzt 1. Bataillon Leibgrenadier - Regiments 
Nr. 109 — das an dem Feldzuge in Schleswig-Holstein teilgenommen 
hatte, blieben bestehen. Das 1850 neuformierte badische Kontingent 

8* 



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116 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



mufste dann 1866 noch einmal im süddeutschen Verbände gegen 
Preufsen zu Felde ziehen, doch bereits am 29. Juli erhielt dasselbe 
Befehl, das 8. Bundeskorps zu verlassen. Der hochherzige Grofsherzog 
Friedrich stand schon längst an der Spitze der Einheitsbewegung in 
Süddeutschland. Im Jahre 1867 wurde aus den bisherigen badischen 
Füsilier-Bataillonen 1 und 2 das Grofsherzoglich Badische 6. Infanterie- 
Regiment gebildet. 

Die Darstellung der Teilnahme dieses Regiments an den Kriegs- 
oroignissen von 1870/71 will keinen Anspruch darauf machen, einen 
eigentlichen Beitrag zur Kriegsgeschichte zu liefern, sie zeigt sich 
indessen so reichhaltig an bemerkenswerten kriegerischen Vorkomm- 
nissen und Thaten, dafs sie auch für das Studium des deutsch-franzö- 
sichen Krieges von grofsem Werte ist. Die strategische Lage der 
Truppen des Generals v. Werder brachte es mit sich, dafs namentlich 
viele Aufgaben des kleinen Krieges an dieselben herantraten und 
Gelegenheiten zu besonderer Auszeichnung boten. Auch die zahl- 
reichen Gefechte, an welchen die Bataillone des Regiments teilge- 
nommen, sowie die Schlacht an der Lisaine und in dieser besonders 
die Verteidigung von Chagny sind ebenso viele immergrüne Blätter in 
dem Ehrenkranze des Regiments. 

Herr Hauptmann Keller schildert dann noch die Zeit vom Friedens- 
schlüsse 1871 bis zur Gegenwart ähnlich dem Hauptteile des Werkes. 
Bei Gelegenheit des Kaisermanövers des 14. Armeekorps 1877 wurde 
Kronprinz Friedrich Wilhelm zum Chef des Regiments ernannt, welches 
jene denkwürdige Stadt Konstanz zur Garnison hat. wo einst der Burg- 
graf Friedrich VI. von Nürnberg vom Kaiser Sigismund mit der Mark 
Brandenburg belehnt wurde. In dem Schlufskapitel „Garnisonleben" 
gedenkt Hauptmann Keller noch zweier jener geistvoller, herzerhebender 
Mainaufestspiele — vom 14. Juli 1876 und 14. Juli 1880 — . welche 
unserm Heldenkaiser Wilhelm bei Gelegenheit seines alljährlichen Er- 
holungsaufenthaltes auf der Insel Mainau als Huldigung seitens des 
Offizierkorps des Regiments dargebracht wurden. 

Ein eigenartiges, vortreffliches Buch, das warm zum deutschen 
Herzen und Gemüte spricht. 38. 

Leutwein (Major), Die Kämpfe der Kaiserlichen Schutztruppe in 
Deutsch -Süd westafrika in den Jahren 1894 bis 1896, sowie die 
sich hieraus für uns ergebenden Lehren. Vortrag gehalten in 
der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 19. Februar 1898. 
Mit einer Skizze. Berlin. E. S. Mittler u. S. Preis 0.60 Mk. 
Herr Major Leutwein weiset in seinem Vortrage zunächst darauf 
hin, dafs die Erfahrungen unserer südwestafrikanischen Schutztruppe, 
wenn auch nur auf afrikanischem Boden gewonnen, zweifellos doch 
sehr beachtenswert sein müssen; sind dieselben doch von einer 
deutschen Truppe gesammelt worden, die bis jetzt einzig und allein 
sich in förmlichen lang andauernden Kriegszügen mit dem Gewehr 



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Umschau in der Militär-Litteratar. 



117 



M. 88 gegen einen gleichfalls mit Hinterladern bewaffneten, an Qualität 
nahezu ebenbürtigen Gegner zu schlagen Gelegenheit hatte. — Es wird 
sodann in sehr anschaulicher Weise der Feldzug gegen den Hotten- 
tottenkapitän Hendrik Witbooi vom April 1893 bis September 1894 
behandelt, ferner der Feldzug gegen den Stamm der Chauas- Hotten- 
totten vom Dezember 1894 bis Januar 1895 und endlich der Feldzug 
gegen die vereinigten Chauas-Hottentotten und die Ost-Hereros vom April 
bis Juni 1896. Zwischen diesen Feldzügen fanden im Jahre 1894/95 noch 
verschiedene kleinere Expeditionen statt, die der Verfasser des Vor- 
trages aber nur insoweit in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen 
hat, als sie noch Vorkommnisse von allgemeinem Interesse boten. 

Von grofsem Interesse ist, was Major Leutwein von seinen Er- 
fahrungen in diesen Kolonialkriegen berichtet. Naturgemäfs mufste er 
hier sehr wesentliche Unterschiede gegenüber der Europäischen Krieg- 
führung finden. Wie der Verfasser erklärend darlegt, machen sich 
die Eingeborenen in Südwestafrika durchaus nichts aus dem Verluste 
an Ehre infolge erlittener Niederlagen und ebensowenig aus dem Ver- 
luste an Land, wenn sie aus den Gefechten nur annähernd mit heiler 
Haut davongekommen sind. Sie kennen keine Flanke, keine Front, 
keine Rückzugslinie: für sie führt die letztere überall hin. Bald sind 
sie an irgend einer neuen Wasserstelle wieder häuslich eingerichtet. 
Erhalten sie hier Luft, so dehnen sie sich gummiballartig aus, um bei 
drohender Gefahr sich wieder zusammenzuschliefsen oder ganz in das 
Weite zu verschwinden. Man kann über einen solchen Gegner wohl 
leichter Siege erfechten, als über einen Europäischen Feind, vermag 
ihn aber schwer derartig niederzuwerfen, dafs man seinen Willen voll- 
ständig brechen kann. Das Einzige, was einen solchen Gegner noch 
zum Nachgeben veranlafst, sind schwere Verluste, welche ihm das 
Weiterfechten verleiden. Sämtliche kriegerische Mafsnahraen gegen 
ihn müssen von vornherein auf seine Vernichtung angelegt sein, 
daneben darf andererseits keinesfalls versäumt werden, demselben auch 
wieder rechtzeitig die zum Nachgeben erforderliche „goldene Brücke 44 
zu bauen. Neben dem Soldaten mufs daher in Afrika stets der Diplomat 
stehen. — Was speziell die Kampfführung anbelangt, so legt Major 
Leutwein als notwendig dar. dafs die Eröffnung jedes Gefechts stets 
auf möglichst nahe Entfernungen erst zu erfolgen hat, selbst mit der 
Artillerie. Sobald man den Eingeborenen auf den Leib rückt, wird ihr 
Schiefsen schlecht, wogegen sie aus weniger wirksamer Entfernung 
beschossen, kaltblütig bleiben und selbst eine bedeutende Schiefsfertig- 
keit an den Tag legen. Demzufolge müssen wir in den afrikanischen 
Kriegen von der Theorie des Ausnützens der gröfseren Schufsweiten 
unseres Gewehres, also von dem Heransehiefsen von der Grenze der 
Leistungsfähigkeit gänzlich absehen. Andernfalls könnten wir gewär- 
tigen, dafs nach einer wenig wirksamen Schiefserei auf weite Ent- 
fernungen, denn der Eingeborene versteht sich ausgezeichnet zu decken, 
der Feind spurlos verschwindet. Es würde ihm schliefslich, bei einer 



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Umschau in der Militar-Litteratur. 



derartigen Fechtweise ohne wesentliche Verluste, die Verlängerung 
eines solchen Krieges auf unabsehbare Zeit lediglich als eine angenehme 
Abwechselung erscheinen. 38. 

Der Festungskrieg. Für die k. und k. Militär - Bildungs -Anstalten 
und zum Selbstunterricht für Offiziere aller Waffen bearbeitet 
von Moritz Ritter von Brunner, k. und k. General -Major. 
Achte neu bearbeitete Auflage. Wien 1899. Seidel u. Sohn. 
Mit vorliegendem Buche fügt der bekannte österreichische Militär- 
Schriftstoller dem Lehrgebäude seiner Unterrichts -Leitfäden auf dem 
Gebiete der Befestigungskunst den Schlufsstein hinzu. Im Zeitraum 
von ungefähr 3 Jahren hat er ihre durch die mächtige Entwickelung 
des Waffen- und dos Befestigungswesens bedingte Neubearbeitung 
durchgeführt. 

Es haben sich an der Ausgestaltung des Festungswesens von 
jeher und namentlich in den letzten Jahren österreichische Genie- 
Offiziere zahlreich und in anerkennenswertester Weise beteiligt; an 
erster Stelle unter ihnen steht Brunner. Nicht nur, dafs seine ersten 
Schrillen meines Wissens unter den lebenden am weitesten zurück- 
datieren; es ist vor allem das unentwegto Feststehen auf den schon 
vor Jahrzehnten als richtig erkannten Anschauungen und das mutige 
Eintreten für die Erkämpfung der erstrebten Ziole, das ihm diesen 
Platz sichert. Es giebt ihm an der einflufsreichen Stelle, welche er 
in der Armee bekleidet , die Fähigkeit und das Vermögen, zur gedeih- 
lichen Entwickelung seiner Waffe und seines Dienstzweiges in segens- 
reichster Weise beizutragen, und es giebt ihm die volle Berechtigung 
zu dem stolzen Ausdruck der Genugthuung, wie sein Vorwort ihn ent- 
hält: „Wenn ich nun die neuere Litteratur über den Festungskrieg 
richtig erfasse, und aus den ausgeführten Festungs-Manövern die 
passenden Lehren ziehe, so haben heute ich und meine Meinungs- 
Freunde von damals die überwiegende Mehrzahl der Stimmen auf unserer 
Seite." 

Es ist richtig. Die Zeit der Kämpfe und Anfeindungen, der Un- 
sicherheit und Zweifel, welche das Gebiet des Festungswesens wie ein in 
Dunkel gehülltes Chaos wirrer Gebilde und Gedanken erscheinen liefs, 
ist vorüber; nicht am wenigsten hat Brunner dazu beigetragen. Was 
er vor sechs Jahren mit der siobenten Auflage seines Festungskrieges 
kühn unternahm, einen neuen Schulangriff aufzustellen, das kann er 
heute getrosten Mutes vollenden; die zwischenliegenden Erfahrungen 
haben ihm Recht gegeben. 

Er behandelt nur den Schulangriff und auch diesen nur gegen 
eine Fort-Festung; er appliziert jenen nicht auf ein gegebenes Gelände 
und sieht auch von dem Angriff auf Stadtfestungen, auf Sperrforts und 
Küstenbefestigungen, sowie von dem Angriff mit den verstärkten 
Mitteln der Feldarmee, wie er veralteten Plätzen gegenüber denkbar 
ist, ab; er setzt eine moderne, gut ausgerüstete Festung und einen an 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



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Haupt und Gliedern tüchtigen Verteidiger voraus — „man weifs ja doch 
nicht, ob man besser ist als der Gegner, den man nicht kennt". Und 
er hätte sogar die kurzen Abschnitte, welche der Einschliefsung, dem 
Bombardement, dem gewaltsamen Angriff und dem Handstreich als 
„Angriffsarten" gewidmet sind, „Belagerung" mit einfügen können. 
Denn alle Einzelfälle sind aus den allgemeinen Betrachtungen des 
schwierigsten Falles für den seiner Aufgabe gewachsenen leicht abzu- 
leiten. Im Schema liegt keine Gefahr, denn „wer sich im gegebenen 
Falle aus demselben nicht heraus zu arbeiten versteht, der wäre ohne 
demselben wohl ganz aufgelegen." 

Es würde zu weit führen, auf die Betrachtung des Angriffs und 
der Verteidigung näher einzugehen. Es mögen nur einige Punkte kurz 
angedeutet werden, welche Weiterentwickelung des Lehrbuchs seit 
1893 und den Verfasser selbst charakterisieren. Da ist zunächst auf 
der graphischen Darstellung des Schulangriffs die sorgfältigere und 
zweckmäßigere Ausgestaltung des Infanterieangriffs (auch gegen die 
Intervalle) und die Andeutung, wie den Annäherungsarbeiten durch 
richtige Anwendung der Vorpostenstellungen vorgearbeitet werden 
kann. Dem entspricht bei der Verteidigung eine eingehendere Behand- 
lung der Intervallstollungen, welche manche nicht unwesentliche Ver- 
änderungen mit sich brachte. Selbstverständlich findet dieser Punkt 
auch im Text eine sorgfältige Erläuterung; die ganzen Abschnitte der 
Artillerie- und Genie -Ausrüstung sind eingehender und zeitgemäfser 
gestaltet worden. Hier ist besonders die mobile Geschützreserve der 
Sicherheits-Armierung und die schwere Geschützreserve zu erwähnen, 
welch letztere Brunner schon gegen den gewaltsamen Angriff durch 
Verteilung auf die wichtigsten Intervalle in Thätigkeit gebracht 
wissen will. Für den Angriff sind die Mafsnahmen des Artillerie-Auf- 
marsches und die Etablierung vorgeschobener Batterien zur Bekämpfung 
der Panzer- und Traditoren- Geschütze bosonders bemerkenswert, 
während für die Verteidigung die Anwendung von Mörsern gegen die 
Annäherungsarbeiten stärker betont wird, als bisher geschehen. In 
der richtigen Erkenntnis der Wichtigkeit des Artillerie- Feuers auch in 
der Periode des Nahkampfes macht Brunner nicht mehr einen Unter- 
schied zwischen Artillerie- und Sappen - Angriff, sondern stellt an 
Stelle des letzteren den „Nahangriff", in welchem Infanterie und 
Artillerie Hand in Hand vorgehen müssen. 

Was aber Brunner persönlich besonders charakterisiert, ist seine 
Auffassung von der schweren Verantwortlichkeit des Kommandanten. 
Als echte, auf die bewundernswerten Beispiele österreichischer Orts- 
verteidigungen sich stützende Soldatennatur kann er in der Bresche 
noch keinen hinreichenden Grund für die Kapitulation finden. Er 
steht hiermit in direktem Gegensatz zu der artilleristischen Anschauung, 
"welche in v. Müllers „Belagerung von Strafsburg" einen um so be- 
dauerlicheren Ausdruck gefunden hat, als dieser direkt Brunners An- 
sicht bekämpft, dafs Strafsburg 1870 trotz der von ihm geschossenen 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



Bresche wohl noch verteidigungsfähig war. Nur die völlige Erschöpfung 
aller Verteidigungsmittel und keinerlei Reflexionen irgend welcher Art 
können eine „ehrenvolle Kapitulation" motivieren. Das ist der Standpunkt 
für jeden des Vertrauens seines Kriegsherrn würdigen Kommandanten. 

49. 

1. Grundsätze für die Leitung des Festungskriegsspieles mit Bei- 
spielen nach der Kriegsgeschichte von Kunde, Oberst z. D. 
früher Bataillons-Kommandeur in K. Sachs. Fufs-Art.-Reg. Nr. 12. 
Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. Preis 4 Mk. 

Der Verfasser nennt die Litteratur über das Festungskriegsspiel 
lückenhaft, sie ist — dem Feldkriegsspiel gegenüber — sogar dürftig, 
und wenn er diesem Mangel abzuhelfen unternimmt, so ist dies um 
so dankenswerter, als voraussichtlich in einem zukünftigen Kriege 
der Kampf um Festungen und Positionen einen breiten Raum einnehmen 
wird, und die Kenntnis des Festungskrieges in der Armee noch 
mindestens ebenso lückenhaft ist, als die Litteratur über diesen. Am 
Beispiel lernt man — weil es die Aufmerksamkeit gefangen nimmt 
und das Verständnis erleichtert — am leichtesten und am liebsten; 
deshalb hat der Verfasser Recht, wenn er als Zweck des Kriegsspiels 
die Belehrung des Spielers über die Grundsätze des Festungskrieges, 
die bestehenden Reglements und Bestimmungen in erster Linie stellt. 

Er hat diesen Zweck auch in seinen Beispielen verfolgt, während 
ein zweiter Zweck, welchem das Festungskriegsspiel dienen kann: 
Die Ermittelung des günstigsten Angrinsverfahrens etc. für die be- 
treffende Festung, eine wesentlich andere Handhabung verlangen 
würde. Dafs er beides nicht zu vereinigen suchte, kann nur gebilligt 
worden. Die auf den ersten 23 Seiten gegebenen Grundsätze für die 
Leitung schliefsen sich den beim Feldkriegsspiel üblichen an und er- 
scheinen durchaus zweckmäfsig. 

Der Sinn des Buches steckt aber in den Beispielen. Hier mufs 
sich zeigen, welche Ansichten der Verfasser hat und ob er es ver- 
steht, „die bedeutungsvollen Lehren für den Festungskrieg der Zu- 
kunft** aus den Beispielen zu ziehen, wie er im Vorwort verspricht. 
Dieses hat er sich nun selbst aufserordentlich erschwert dadurch, dafs 
er die Beispiele ganz den thatsächlichen Verhältnissen entnahm und 
sich nicht nur in der Gestaltung der Leistungen, sondern auch in der 
Armierung und Besatzung der Werke an die alten Formen, an die 
alten Geschützsysteme und Kaliber, sowie an die Zusammensetzung 
der Truppen band. Dementsprechend ist auch die Geschütz- und 
Geschofswirkung keine andere, als sie 1870 und 1854 (Sebastopol) 
waren; dementsprechend sind die Entfernungen, in denen sich der 
Angreifer vom Verteidiger hält, genau dieselben, die Mafsnahmen mit 
den veralteten Wallen keine anderen, als sie 1870 und 1854 getroffen 
werden konnten und alle die hochwichtigen Faktoren, der so enorm 
gesteigerten Leistungsfähigkeit der Artillerie und der entsprechenden 



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Umschau in der Militär-Litterator. 



121 



Widerstandsfähigkeit der Portiflkationen kommen gar nicht zur Sprache. 
Geht doch der Verfasser soweit, dafs er nicht nur die militärische 
Situation, welche er den gestellten Aufgaben zu Grunde legt, genau 
der Geschichte entnimmt, sondern auch die Beispiele sich fast genau» 
wie es thatsächlich geschah, entwickeln läfst, um dieselben Resultate 
zu gewinnen. Wenn er zu diesem Zweck sogar fehlerhafte Anord- 
nungen treffen läfst, so ist das sozusagen noch das beste an der 
Sache. Denn hierbei unterläfst er wenigstens nicht, in der Kritik die 
Fehler festzustellen. 

Dafs die in den Beispielen entrollten Kriegsbilder irgendwie denen 
der zukünftigen Festungskämpfe entsprechen könnten, ist also un- 
möglich; es sind nur applikatorisch bis ins kleinste durchgesprochene 
und durchgeübte Beispiele des Festungskrieges von 18Ö4 und von 
1J>70. welche die geschichtlichen Vorgänge genau kennen lehren; sie 
geben aber herzlich wenig Anhaltepunkte dafür, wie man es jetzt mit 
den heutigen Waffen einer heutigen — nicht auf die Stadtumwallung 
beschränkte — Fortfestung gegenüber machen würde. Für den bei 
dem Kriegsspiel beteiligten wird es also sogar notwendig, sich von 
den Vorstellungen von Verwendung der Besatzung im Vorgelände, 
von der Verwendung der Artillerie und von ihrer Wirkung erst frei 
zu machen, sich in die Vorstellungen veralteter Befestigungen und 
Waffen hineinzuarbeiten, um die Kampfmittel nicht „modern*, sondern 
„in veralteter Weise" zu verwenden. 

Ich halte es für aufserordentlich lehrreich, die geschichtlichen 
Vorgänge des Festungskrieges zu studieren, um daraus zu lernen; 
ich halte es aber für unrichtig, sie im Kriegsspiel getreu vorzuführen. 
Das erzieht ganz falsche Vorstellungen. Ich kann auch keinen Grund 
sehen, worum man nicht eine dieser Festungen — Beifort oder Verdun 
etc. — nehmen sollte in ihrer jetzigen Gestalt, die strategische Situa- 
tion von 1870 zu Grunde legen und auf dem Plan durchzuarbeiten 
versuchen, wie man sie einschliefst, oder wie man aus einer suppo- 
nierten Cernierungsstellung vorgeht, um das Gelände für die Artillerie- 
stellung zu gewinnen. Schon diese beiden Beispiele zeigen, wie ganz 
anders die Aufgaben sich gestalten werden, als die von Oberst Kunde 
gewählte Einschliefsungsstellung von Beifort, der Batteriebau gegen 
Soissons und die Eröffnung der 1. Parallele gegen Strafsburg, alles 
gonau nach dem Vorgang von 1870. Wir würden doch einer modernen 
Festung gegenüber ganz anders verfahren. 

Während demnach ein wesentlicher Nutzen für den zukünftigen 
Festungskrieg und für die Klärung der Ideen über diesen aus den 
Beispielen nicht genommen werden kann, enthalten sie im einzelnen 
des Reglementarischen recht viel Nützliches, das nur eben bei einer 
anderen Gestaltung der Aufgaben sehr viel nützlicher verwertet werden 
konnte. Wenn hierbei der Löwenanteil der Artillerie zufallt, so ist 
das vielleicht zum Teil den persönlichen Ansichten des Verfassers 
über das Übergewicht dieser Waffe im Festungskrieg zuzuschreiben, 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



hauptsächlich aber liegt es wieder in der dem veralteten Standpunkte 
angepafsten Aufgabenstellung. 

Im allgemeinen kann also trotz allem auf die Ausarbeitung des 
Buches verwendeten Fleifses ihm der erwartete Nutzen nicht zuge- 
sprochen werden. Die Beispiele dienen mehr dazu, falsche An- 
schauungen zu verbreiten. 49. 

ächnellfeuer-Feldkanonen. Von R. Wille, Generalmajor z. D. Erster 
Teil. 103 Bilder auf 7 Tafeln und im Text. Berlin 1899. Verlag 
von R. Eisenschmidt. 

Der vorliegende erste Teil eines allem Anschein nach zu gröfserem 
Umfang sich noch auswachsenden Gesamtwerkes ist vorherrschend 
der ausländischen Privat-Industrie gewidmet; von 
Staaten ist nur England und R u f s 1 a n d berücksichtigt, ersteres 
mit seinem teilweise neuen Fünfzehnpfünder und neuen Zwölfpfünder, 
welche aber beide wieder einer Aptierung zum Schnellfeuer entgegen- 
gehen, um demnächst durch ein bereits zum Gegenstand eines 
Wettbewerbs gemachtes ganz neues System ersetzt zu werden, 
und Rufsland mit seinem abgeänderten leichten Feldgeschütz, über 
welches wir einigen neuen Angaben begegnen. Aus Deutschland 
ist lediglich einigen Patentschriften Berücksichtigung geworden und 
auf Grund derselben und mündlicher wie schriftlicher Mitteilungen des 
Erfinders ein Geschützsystem des Ingenieur Karl Röstel vorgeführt, 
das noch keine Ausführung erfahren hat, auch wohl schwerlich je er- 
fahren dürfte, aber insofern interessant und dem Verfasser jedenfalls 
sympathisch erscheint, weil es in einem der Entwürfe ein Schnell- 
feuer-Feldgeschütz von 700 m Geschofsgeschwindigkeit darstellt, so- 
mit hierin nur um 100 m hinter Willes bekanntem „Feldgeschütz der 
Zukunft" aus 1891 (gleichfalls ein Entwurf) zurückbleibt. 

Wie ersichtlich, ist diese Zusammenstellung und somit das Pro- 
gramm des ersten Teils ziemlich willkürlich gehalten. Von der aus- 
ländischen Privat-Industrie treten Frankreich mit den Konstruk- 
tionen von de Bange-PifTard (Cail), Canet, Darmancier (St. Chamond), 
Hotchkiss, Nordenfeit (Paris), Schneider (Creusot), England mit Arm- 
strong, Maxim-Nordenfelt (London), Vickers in seiner neuen Verbindung 
mit Maxim, Schweden mit Bofors und Finspong, Österreich 
mit Skoda auf die Schaubühne. Nordenfeit in Paris hat seinen Schwer- 
punkt, wenigstens fär die Ausführung seiner Entwürfe, mehr in 
Belgien in den Werken von Cockerill zu Seraing, welche einen tüch- 
tigen artilleristischen Leiter in der Person dos Major de Schrijwer 
besitzen. Von den genannten Konstrukteuren konnte Armstrong füglich 
ausscheiden, nachdem er in des Verfassers früherer Schrift „Zur Feld- 
geschützfrage" (1896) bereits eine unbedingte Verurteilung erfahren 
hatte. Neu dagegen ist die Erwähnung der beiden schwedischen 
W T erke, welche hier zum erstenmale in einem deutschen Buche Berück- 
sichtigung finden. Von den Franzosen sind die vereinigten Canet- 



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Umschau in der Miütär-Litteratur. 



123 



Schneider (Creuzot) als Konstrukteure und Fabrikanten von Feldartillerie- 
Material auf dem Papiere „grofs", ihre wirkliche Leistungsfähigkeit 
bleibt aber, namentlich im Vergleich mit der Bedeutung der Creuzot- 
Werke auf andern Gebieten doch recht zurück. Bei Wettbewerben er- 
scheinen sie meist zu spät, oder garnicht, mit ihren Bestellungen 
bleiben sie im Rückstand. Verschiedene Staaten der Balkanhalbinsel 
wissen davon zu erzählen. Auch St. Chamond sowie Cockerill 
scheinen als Lieferanten von Feldartillerie-Material kaum ernster zu 
nehmen, wenn auch Darmancier, als Konstrukteur die Beachtung wei- 
terer Kreise auf sich gelenkt hat. 

Es bewegen sich indes alle genannten Firmen in der Frage der 
Schnellfeuer-Feldgeschütze auf bestimmten eng begrenzten Bahnen, zur 
Lösung der Frage haben sie immer nur einseitig beigetragen. Keine 
derselben befindet sich auch nur annähernd auf dem universellen 
Standpunkte, wie er für die Firma Fried. Krupp in ihrem 
Schiessbericht 89 (vergl. Umschau im 109. und 110. Bande) hervortritt. 
Dieser höchst bedeutungsvollen Arbeit, die als Manuskript gedruckt 
an die Öffentlichkeit gelangte, während der Druck des I. Teils von 
Wille im Gange war, und daher nicht mehr berücksichtigt werden 
konnte, wird Wille im weiteren Verfolg seiner Schrift Berücksichtigung 
schenken. Es wird ihm dann ferner noch die Aufgabe erwachsen, die 
Neubewaffnungen bezw. Abänderungen, welche in ver- 
schiedenen Staaten erfolgt sind, oder noch bevorstehen, zu betrachten. 
Hier wird allerdings die teilweise Geheimhaltung, wie bei der 
deutschen Feldkanone C/96. oder die gänzliche bei der 
französischen Feldkanone C/97, ein wesentliches Hindernis 
bilden und sind wir begierig, s. Z. zu erfahren, wie sich der Verfasser 
hier seiner Aufgabe entledigen wird. 

Wenn uns die Wahl der im I. Teil betrachteten Gegenstände hier 
und da zu Bedenken Anlafs gegeben hat, so können wir uns über die 
Ausführung des Werkes nur anerkennend aussprechen. Wertvoll ist 
besonders die dem Text vorausgeschickte Zusammenstellung 1 und 2 
hinsichtlich Einrichtung und Leistungsfähigkeit der betrachteten Ge- 
schützsysteme. Nur möchten wir hervorheben, dafs Verfasser hier 
wie in anderen seiner Schriften einen wohl übertriebenen Wert auf die 
Leistung nach Verhältnis des Rohrgewichts legt. Bei 
den Feldgeschützen ist das Plus an Meterkilogramm Geschofsarbeit 
pro Kilogramm Rohrgewicht — welches sich in der Tabelle so stattlich 
ausnimmt und in Zusammenstellung 2. Herrn Canet oder Röstel zum 
„Prunus omnium" macht, während Herr Krupp ') weit hinten bei der 
„misera plebs 44 marschiert — in der Praxis oft sehr bedenklich und 
kann verhängnisvoll werden, wenn dabei der Sicherheitskoeffizient des 



') Ganz unberechtigter Weise wird hier Krupp nach schweizerischer 
Quelle (!) in die Zusammenstellung aufgenommen, während er sonst nicht be- 
rücksichtigt ist. 



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124 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



Rohres zurücktritt und nicht genügend Rücksicht auf die durch obigen 
Wert bedingte Anstrengung der Laffete genommen ist. Wenn gewisse 
Geschütze des ausländischen Wettbewerbs eine besonders hohe Ver- 
wertung der Rohre aufweisen, so berechtigt dies keineswegs, darauf 
zu schliefsen, dafs dies einen Vorteil des Systems bedeutet und dafs 
die heimische Industrie nicht noch viel höheres leisten könnte (NB. 
nicht blofs auf dem Papiere, wie Herr R.). Ein sachverständiger Leser 
wird schon in der Rubrik „Rückstofsarbeit" den hinkenden Boten er- 
kennen, der sich an solche hohen Leistungen knüpft, aber der 
weniger Urteilsvolle lafst sich durch die hohen Zahlen der ersten Ru- 
briken leicht blenden und zu einem schiefen Urteil verleiten. 

Die Betrachtung der einzelnen Geschützsysteme erfolgt ohne 
weiteren Zusammenhang in alphabetischer Ordnung der Konstruktions- 
Namen. Zahlreiche Abbildungen, meist auf grofsen Tafeln, zum Teil 
auch im Text, sind zur Erklärung beigegeben. Bei Rufsland (S. 142 
und 143) sind die Bilder leider ziemlich dürftig und reichen zum Ver- 
ständnis nicht aus. Besonders wertvoll sind die kritischen Betrach- 
tungen der einzelnen Systeme, welche sich an die Beschreibungen 
knüpfen. Überhaupt zeigt sich Wille hier wieder als Meister in der 
Kunst, einen spröden Stoff geschmeidig zu gestalten und eine trockene 
Materie anziehend zu machen. Mit Spannung sehen wir der Fort- 
setzung seines lehrreichen Unternehmens entgegen. 12. 

Der erste Verband auf dem Schlachtfelde. Von Friedrich von 
Esmarch. Mit 33 Abbildungen. Dritte vielfach veränderte und 
vermehrte Auflage. Kiel u. Leipzig 1899.. Lipsius u. Fischer. 
Preis 50 Pfg. 

Die erste Auflage dieser aufserordentlich praktischen und weit 
verbreiteten kleinen (nur 34 Seiten) zählenden Schrift des berühmten 
Chirurgen erschien 1869, die zweite 1870 während des Krieges. Der 
Herr Verfasser wollte sie als einen Beitrag zur Linderung der ersten 
Not auf den Schlachtfeldern betrachtet wissen und sprach die Hoffnung 
aus, dafs bald kein Krieger mehr in den Kampf ziehen werde, ohne 
einen zweckmäfsigen ersten Verband für seine Wunden bei sich zu 
tragen. — Leider ist dieser Vorschlag nur zur Hälfte in Erfüllung 
gegangen, denn in dem Verbandpäckchen, welches jeder Soldat mit 
sich führt, befinden sich jetzt zwar antiseptische Verbandmittel, aber 
es fehlt das dreieckige Tuch, das Esmarch zur Anlegung des Not- 
verbandes für unentbehrlich hält. — Ich bin der Ansicht, dafs die 
Einführung dieses Tuches eine garnicht mehr abzuweisende berech- 
tigte Forderung der Humanität unseres Zeitalters ist und allen denen 
nicht warm genug empfohlen werden kann, denen es Ernst damit ist, 
die Schrecken des Krieges so viel als möglich zu mildern. Diese 
Mahnung richtet sich folglich an alle Heeresverwaltungen und nicht 
minder an die im Haag tagende Abrüstungs-Konferenz. Ein ener- 
gisches Vorgehen auf diesem Wege ist des Dankes aller Menschen- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



125 



freunde sicher. — Über die Einzelheiten der zur rechten Zeit neu er- 
scheinenden Schrift kann ich mich nicht verbreiten; noch etwas zu 
ihrem Lobe zu sagen, hiefse Wasser in das Meer schütten. Da das 
Format der Schrift sehr klein und handlich ist, sollte m. E. nicht nur das 
gesamte Personal des Sanitätsdienstes, sondern auch jeder Offizier und 
Unteroffizier dieselbe im Felde bei sich führen. Ferner scheint mir 
unerläfslich, dafs alle Soldaten im Mannschaftsunterrichte darin unter- 
richtet werden, wie sie sich selbst oder verwundeten Kameraden im 
Notfalle helfen können. Die Esmarchsche Schrift wird hierzu die 
beste Anleitung geben. 1. 

Handbuch für die Offiziere des Beurlaubtenstandes der Infanterie. 

Dritte, nach den neuesten Dienstvorschriften bearbeitete Auflage. 
13 Hefte in Leinwand-Futteral. Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. 
Preis 5 Mk. 

Dieses hier bei seinem ersten Erscheinen entsprechend gewürdigte 
Handbuch liegt nun schon in dritter, verbesserter Auflage vor, wohl 
ein Beweis seiner Brauchbarkeit für den Reserve- und Landwehr- 
Offizier, aber auch den jungen aktiven Offizier, da es alles für seinen 
Dienst Wissenswerte in handlicher Foim enthält Es umfafst in 
13 Heften: Einleitung — Allgemeine Dienstkenntnis — Innerer Dienst 
der Kompagnie — Disziplin — Waffen, Munition, Schiefsen — Exer- 
zieren — Gefechtslehre — Felddienst — Garnisondienst — Dienst- 
unterricht — Turnen und Bajonettieren — Verwaltung — Mobilmachung. 
Für jeden einzelnen Dienstzweig ist ein gesondertes Heft bestimmt, 
derart, dafs jedes derselben als einzelnes Hilfsbuch für einen be- 
stimmten Dienstzweig allein in Gebrauch genommen werden kann. 
Alle 13 Hefte sind von einem gemeinsamen Buchdeckel — Klapp- 
futteral — lest umschlossen und in Taschenformat gedruckt. Dieses 
Handbuch wird den Offizieren des Beurlaubtenstandes, denen doch nur 
geringe Zeit zum Studium der Dienstvorschriften zur Verfügung steht, 
ein sehr willkommener und zuverlässiger Ratgeber sein. Wir empfehlen 
es gern. 4. 

Dictionnaire militaire. Encyclopedie des sciences militaires redigee 
par un comite d'officiers de toutes armes. 13* livraison: Hausse- 
Intendance. Paris-Nancy 1898. Librairie militaire Berger-Lev- 
rault et Cie. Preis 3 Frcs. 
Mit dem Buchstaben H (Artikel Hysterie) ist der 1. Band dieses 
ausgezeichneten Militärwörterbuches abgeschlossen. Wir hatten schon 
mehrfach Anlafs, uns über den hohen wissenschaftlichen Wert des- 
selben zu äufsern und thun dies auch heute sehr gern, wiederholt 
unser Bedauern ausdrückend, dafs die deutsche Militär-Litteratur kein 
dem ähnliches Werk besitzt. Wir empfehlen dasselbe in erster Stelle 
Bibliotheken und Militärschriftstellern und wünschen dem Unternehmen 
guten Fortgang. 4. 



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126 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



III. Seewesen. 

Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie. Heft 5. 

Aus den Reiseberichten S. M. Schiffe. — Von der deutschen Tiefsee- 
Expedition. Nach dem Bericht des Ozeanographen der Expedition, 
Hilfsarbeiter der Seewarte Dr. Gerhard Schott an den Staatssekretär 
des Reichsmarineamts. (Hierzu 1 Tafel.) — Aus den Fragebogen der 
Deutschen Seewarte betreffend Häfen. (Puerto de La Luz, Las Palmas. 
Gran Canaria.) — Von Guaymas, Nord Mexiko nach Puntarenas, Costa- 
rica, im Winter. — San Benito, Mexiko, von Kapt. H. N. Spiefsen, 
Bark „Okeia". — Ort und Ursache der Strandungen deutscher See- 
schiffe, von J. Herrmann, Hilfsarbeiter der See warte. — Ist die Ver- 
öffentlichung von Einzelbeobachtungen vom Ozean anzustreben? von 
Dr. W. Koppen. — Notizen von Mazatlan nach Guaymas, Mexiko. — 
New -Orleans. — Pajardo, Portorico. — Aitukati, Cooks -Inseln. — 
Wetter in Albany-Australien. — Steifer Passat im Südatlantischen 
Ozean. — Strömung in der Florida-Strafse. — Stömung bei dem Kap 
Verden. — Gebrauch von Öl zur Beruhigung der Wellen. — Gewitter 
mit Hagel- und Staub fall vor der La Plata-Mündung. — Scheinbare 
Klippe südlich von Kapland. — Die Witterung an der deutschen Küste 
im Monat März 1899. 

Marine - Rundschau. (Mai 1899.) Titelbild. Der chilenische 
Panzerkreuzer O'Higgins. — Selbstthätige Steuerung der Torpedos 
durch den Geradlaufapparat, von Torpedo-Oberingenieur Diegel (mit 
24 Abbildungen). — Die Etappenstrafse von England nach Indien um 
das Kap der guten Hoffnung, von 0. Wachs, Major a. D. — Brauchen 
wir eine nautische Hochschule? von Kapt. z. S. a. D. Meufs. — Eine 
Flotte der Jetztzeit, von R. Kipling (Forts.). — S. M. Kanonenboot 
„Albatrofs" vom Geh. Adm.-Rat Koch (Schlufs). — Besprechung der 
Aufsätze des Kapitäns A. T. Mahan in den Times (Forts.). — Schiffs- 
fähnrich Kinderling. — Die Vermessung in Kiautschou. — Thätigkeit 
der Marine bei Niederwerfung des Araberaufstandes in Ostafrika 
1888/90 (3. Forts.). — Mitteilungen aus fremden Marinen. — Er- 
findungen. 

Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens. Nr. 6. Die 

Fischerei im Adriatischen Meere mit besonderer Berücksichtigung der 
österreichisch-ungarischen Küsten. — Manövrieren der Schiffsdampf- 
maschinen. — Das englische Marine-Budget für das Verwaltungsjahr 
1899/1900. — Der italienische Marinebudget- Voranschlag für das Ver- 
waltungsjahr 1899/1900. — Der russische Eisbrecher Ermack. — 
Fremde Kriegsmarinen. 

Anny and Navy Journal. Nr. 2048. Einige Marinefragen. — 
Schnelle Fahrt des „Powerful" von Hongkong nach Manila. Nr. 2049. 
Die Flotten in Aranci-Bay. — Der Coghlan-Zwischenfall. — Beab- 
sichtigter Bau eines Trockendocks in Singapore. — Über den Wert 
von Unterseebooten. — Angebliche Misstände der Maschinenanlage 
auf der „Hertha" und „Gazelle". Nr. 2050. Die Ausbildung von 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



127 



Heizern und Handwerkern. — Studium des Russischen in der Marine. 
Über Schielsresultate. Nr. 2051. Die Deputation der Marine- 
Liga. — Einige Vergleichspunkte der neuen englischen königlichen 
Yacht „Victoria and Albert" mit der „Hohenzollern" und dem „Stan- 
dart - . — Kreuzfahrt des Mittel meer-Gesch waders. Nr. 2052. Marine- 
Handwerks -Arbeiten. — Ungünstiger Eindruck der amerikanischen 
Kriegsschiffe in Barbados. — Admiral Thomsons Erfindung — Ex- 
pansionsgelüste der Deutschen Marine. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 254. 
Der neue geschützte französische Kreuzer I. Kl. „D'Entre casteaux". — 
Mit der goldenen Medaille prämiierte Arbeit: Die Stärke, Zusammen- 
setzung. Organisation, Dienstbedingungen und Ausbildungsart einer 
Militärmacht für die heimische Verteidigung. — Lehren des spanisch- 
amerikanischen Krieges. — Marinenachrichten. Nr. 255. Die Be- 
lagerung und Einnahme von Belle Isle. 

Army and Navy Gazette. Nr. 1860. Der Personalbestand der 
Amerikanischen Marine, zur Zeit 15000 Mann. — Offizieller Bericht 
von den Philippinen. Dio vielbesprochenen Proklamationen des 
Admirals Kautz und des deutschen General-Konsuls Rose in Apia. — 
Wirkung des Geschützfeuers in der Schlacht von Manila. — Seekriegs- 
Spiele. — Die Aflaire von Apia. — Ein halbes Jahrhundert seemänni- 
schen Lebens. Nr. 1861. Fremde Ansichten über unseren Krieg 
mit Spanien. — Von den Inseln. — Offizieller Bericht über die Ver- 
suche mit der Draht-Kanone. — Die Verstärung der Pacific-Station. 

- Ein Tiefwasser-Unterseeboot. Nr. 1862. Wer nahm Iloilo? — Von 
den Inseln. — Die Fleisch-Untersuchung. — Die Coghlan-Episode. — Die 
Lage in Portorico. Nr. 1863. Die Geschichte der Kapitäne. — Der 
Zustand unserer Befestigungen. — Nr. 1864. Unsere Seeküstenbe- 
festigung. — Was Spanien Amerika lehren kann. — Tiefwasser- 
Schiffahrt. — Englische Ansichten über Kapitän „Coghlan*. — Unsere 
Lage im Stillen Ozean. — Ingenieurwissenschaft und Marine-Archi- 
tektur. — Deutschland sendet uns ein Bouquet (ein Schreiben des 
Admirals Tirpitz). — Von den Inseln. 

Rivista marittima. (April 1899.) Italien und China. — Die 
Kontrebande unter der Republik Venedig. — Geographie, Politik und 
Marine. — Die Antillen im Jahre 1898. — Bericht über neue Methoden 
der Navigation. — Die Konstruktion von Rasse- Yachten. — Expansions- 
Turbinen. — Eine Navigationslinie von Italien nach China. — Die 
Postroute von Dünkirchen nach Saint - Brieue. — Postdienst in 
Deutschland. 

Morskoi Sbornik. (5. Mai.) Nr. 5. Nichtoffizieller Teil: 
Die amerikanische Expedition nach Santiago de Cuba von Fürst Liwen. 

— Gemischte See- Expeditionen. — Der Anteil der Garde - Equipage 
am Landfeldzuge 1812. — Die Utilisation des in den meterologischen 
Schiffs -Journalen enthaltenen Materials. — Die englischen Marine- 
Budgets 1899-1900. 



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128 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher. 
L Die Beschießung von Paris 1870/71 und die Ursachen ihrer 
Verzögerung. Von v. Blume. General d. Inf. z. D. Berlin 1899. 
E. S. Mittler u. S. Preis 1,50 Mk. 

2. Studien über Truppenführung. Von J. v. Verdy du Ver- 
nois, General d. Inf. z. D. Erster Teil: Die Infanterie-Division im 
Verbände des Armeekorps. Neu bearbeitet durch v. Gofsler, Oberst. 
3. u. 4. Heft. Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. Preis 3 bezw. 2. Mk. 

3. Unteroffizier - Aufgaben. Ein Beitrag zur Ausbildung der 
Unterführer. Für Offiziere, Kriegsschüler, Einjährig-Freiwillige und 
Unteroffiziere zusammengestellt von J. Hoppenstedt, Hauptmann. 
Zweite durchgesehene Aufgabe. Mit einer Karte und vier Krokis im 
Text. Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. 

4. Taktik des Truppen-Sanitätsdienstes auf dem Schlachtfelde. 
Von Löf f ler, Hauptmann im K. Sachs. Generalstabe. Mit einer Uber- 
sichtsskizze im Text und einer Kartenbeilage in Steindruck. Berlin 1899. 
E. S. Mittler u. S. Preis 2 Mk. 

5. Sammlung von Schiefsaufgaben nebst Lösungen. Mit Be- 
rücksichtigung der neuen Schiefsvorschrift und der neuen regle- 
mentaren Bestimmungen für das Feuergefecht der Festungs- Artillerie, 
bearbeitet von Hauptmann Wilhelm Knobloch. Mit 1 Plan und 24 
Beilagen. Wien 1899. In Kommission bei L. W. Seidel u. S. 

6. La guerre greco-turque. Resume historique et strategique 
accompagne de notes medicales et largement illustre de vignettes 
inedites par le Dr. Edmond Lardy. Neuchatel Attinger freres, 
editeurs. 

7. Vom Gesandtschaftsattache. Briete über Japan und seine 
erste Gesellschaft. Von Moritz v. Kaisen berg (Moritz von Berg). 
Hannover 1899. M. u. H. Schaper. 

8. Kartographische Studien. I. Schattenplastik und Farben- 
plastik. Beiträge zur Geschichte und Theorie der Geländedarstellung. 
Von Dr. Karl Peucker. Mit 2 Bildnissen und 5 Figuren im Text. 

9. Uniformkunde. Lose Blätter zur Geschichte der Entwickelung 
der militärischen Tracht. Herausgegeben, gezeichnet und mit kurzem 
Texte versehen von R. Knötel. Band IX. Heft 11 u. 12. Rathenow 
1899. M. Babenzien. Preis des Heftes 1,50 Mk. 

10. Deutsche Flotten-Zeitung „Überall". Zeitschrift des Deutschen 
Flotten-Vereins. 1899. 5. Heft. Mai. Berlin. E. S. Mittler u. S. 

11. Der erste Verband auf dem Schlachtfelde. Von Friedrich 
von Esmarch. Mit 33 Abbildungen. Dritte vielfach veränderte und 
vermehrte Auflage. Kiel und Leipzig 1899. Lipsius u. Tischer. 
Preis 50 Pfg. 

12. Die russische Armee in Einzelschriften. Von Freiherr von 
Tettau, Hauptmann. Teil I: Taktik und Reglements. Heft 2 u. 3: 
Die Kavallerie-Reglements vom Jahre 1896. Heft 4: Der Felddienst 
nach den Verordnungen vom Jahre 1898. Mit 40, bezw. 27 Abbildungen 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



129 



im Text. Berlin 1899. Liebolscho Buchhandlung. Preis jeden Heftes 
2 Ml 

13. Bang- und Quartier-Liste der Königl. Preufeischen Armee 
und des XIII. (Königl. Württembergischen) Armeekorps für 1899. 

Mit den Dienstalters-Listen der Generalität und der Stabsoffiziere und 
einem Anhange, enthaltend die Kaiserlichen Schutztruppen. Nach dem 
Stande vom 2. Mai 1899. Berlin. E. S. Mittler u. S. Preis 7,50 Mk. 

14. Der Krieg. Von Johann von Bloch. Übersetzung des 
rassischen Werkes des Autors: Der zukünftige Krieg in seiner tech- 
nischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung. Band II u. IV. 
Berlin 1899. Puttkammer u. Mühlbrecht. Preis jeden Bandes 8 Mk. 

15. Lehrbuch der Waffenlehre v zum Gebrauche an den K. u. K. 
Militär- Akademien und zum Selbststudium für Offiziere aller Waffen, 
^arbeitet von E. Marschner, K. u. K. Major. II. Band: Spezielle 
Wenlehre. Zweite verbesserte Auflage. Mit 210 Abbildungen. 
Wien u. Prag 1899. F. Tempsky. Preis 7,20 Mk. 

16. Richtschufc und Mefsstab. Von Adolf Wagner, k. u. k. 
Hauptmann. Sonderabdruck aus den „Mitteilungen über Gegen- 
stände des Artillerie- und Genie- Wesens". Jahrg. 1899. 5. Heft. 

17. Die Belagerung von Freiburg im Breisgau 1713. Tagebuch 
des österreichischen Kommandanten Feldmarschall-Leutnants Freiherrn 
von Harsch. Im Auftrage der Gesellschaft für Geschichtskunde be- 
arbeitet von Fr. von der Wengen. Mit 2 Tafeln. Freiburg i. Br. 
1898. Eugen Stoll. 



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Druck *«b A W. Hayi'i Erb.n. BvrUs turi P.I.J.m 



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XI. 

Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 

(Vorträge, gehalten in der Versammlung der Generalstabsoffiziere 
des Militärbezirks Warschau.) 

Von 

Oberstleutnant Borissow, Chef des Stabes der Festung Iwangorod. 

(Schlüte.) 

Feldzug 1866. Wie wir schon gesehen haben, waren die 
preulsischen Korps am 5. Juni ausgeschifft und die Armee stand 
(grölstenteils) an ihren Ausschiffungspunkten, nämlich: 

Elbarmee: VII. Korps— Corbetha, VIII.— Halle. 

I. Armee: II. Korps— Herzberg, IU. — Drebkau, IV. — Herzberg. 

II. Armee: V. Korps— Landeshut, VI.— Waldenburg. 

Das nicht zu einer der Armeen gehörige I. Korps— Görlitz, die 
Garde— Berlin. 

Wie bekannt, hatte am 30. Mai die Elb- und I. Armee und das 
I. Korps Befehl erhalten, eine Linksschiebung zu machen. Diese 
Bewegung wurde vom 5. bis S. Juni angetreten. 

6. Juni. Moltke telegraphiert dem VII. Korps (Münster), dafs 
das Korpskommando und die 13. Division stehen bleiben sollen 
(die 14. Division wurde vom 28. Mai bis 5. Juni nach Corbetha 
befördert) da die feindliche Gesinnung Hannovers offenkundig ge- 
worden war. 

8. Juni. Moltke fragt beim Chef des Generalstabes der II. Armee 
(Blumenthal) telegraphisch an, ,,wenn noch ein Armeekorps per 
Eisenbahn zur II. Armee stiefse, wo dieses dann ausgeschifft werden 
solle, in Greiffenberg, Liegnitz, Breslau oder an einem anderen Orte." 
Nach Annahme des preulsischen Generalstabes wurde dieses Tele- 
gramm von Moltke infolge einer Besprechung dieser Frage mit dem 
Kronprinzen in Potsdam abgesandt. 

9. Juni. Blumenthal telegraphiert, dafs man das genannte Korps 
in Brieg ausschiffen müfste. An demselben Tage erhält Molkte einen 
Brief Blumenthals vom 8. Juni, in welchem derselbe unter Hinweis 

Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine. Bd. 112. 2 9 



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132 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



darauf, dals 5—6 österreichische Korps in der Linie Grulich-Oderberg 
ständen, mitteilt, dafs der Kronprinz sich entschlossen habe, am 16. 
an die Neilse in Linie Patschkau-Grottkau, Avantgarden auf Neustadt 
und Ziegenhals, vorzugehen, um einer Offensive der Österreicher Uber 
die Neilse auf Breslau entgegenzutreten. Bei Landeshut sollen eine 
Division oder eine Brigade verbleiben. Es sei erwünscht, die 
II. Armee noch durch ein bei Brieg aufzustellendes Korps zu ver- 
stärken. 

Hierauf antwortete Moltke, dafs er mit Blumenthal einverstanden 
sei und dem König dieses melden werde, dals sich aber die II. Armee 
ohne die Genehmigung des Königs nicht von der I. Armee trennen 
dürfe. Blumenthal antwortete am 9. telegraphisch, dals von dem 
Kronprinzen Meldung hierüber an den König ergangen sei. 

Moltke antwortet, dals der Vormarsch der II. Armee an die 
Neilse von dem Vormarsch der I. Armee in die Linie Dresden-Görlitz 
begleitet sein müsse, dafs man aber vorläufig aus politischen and 
anderen Gründen die I. Armee noch nicht in Sachsen einrücken 
lassen könnte. Die Österreicher sammelten sich in dem Dreieck 
Gabel-Olmütz-Oderberg. 

Am 10. Juni telegraphiert Moltke an Blumenthal, dals der Bericht 
des Kronprinzen die Genehmigung des Königs erhalten habe. Das 
Gardekorps habe Befehl erhalten, in Brieg unter die Befehle der 
II. Armee zu treten. 

Zu dieser Zeit war der Linksabmarsch der Elb- und I. Armee 
beendet und es standen am 8. Juni: das III. Korps in Görlitz, IV.— 
Hoyerswerda, U.— Senftenberg, G. — Kottbus, I. befand sich am 6. 
in Görlitz und marschierte am 7. nach Hirschberg, VII.— Schildau 
und Lüben ( 14. Division), VIU.— Liebenwerda, Belgern, Avantgarde— 
Mühlberg. 

Das U. Korps erhielt am 10. Befehl, an Stelle des Gardekorps 
nach Kottbus zu rücken; das Gardekorps von Kottbus nach Guben, 
Sommerfeld und Sorau zur Einschiffung in die Eisenbahn. 

Am 1J. Juni traf in Berlin die Ordre de bataille der öster- 
reichischen Armee ein; dieses war die erste sichere Nachricht, dafs 
der Feind in Mähren und nicht in Böhmen aufmarschiere, wie man 
bis dahin angenommen hatte. 1 ) 

Die Korps der II. Armee traten den Vormarsch an: VI. Uber 
Reiehenbach, Frankenstein, Ottmachau nach Steinau, V. Uber Schweid- 
nitz, Lauterbach nach Grottkau, I. — Kupferberg, Schweidnitz, Nimptsch 
nach Münsterberg, Kavallerie — Metkau, Jordansmühl nach Strehlen. 
Am 16., 17. und 18. Juni sollte der Marsch beendet sein. 

») Generalstabswcrk 1866, S. 29. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Oeneralstabes. 



133 



Am 11. schreibt Moltke an Blumenthal, dafs um die Lücke, 
welche durch den Vormarsch der II. Armee an die Ncilse, zwischen 
ihr uud der I. Armee entstanden sei, auszufüllen, letztere heute Befehl 
erhielte, ihren Flankenmarsch auf Görlitz fortzusetzen. 

Herwarth und die I. Armee sollen aus einer Front von 25 Meilen 
in Sachsen in eine Front von 10 Meilen (Dresden-Görlitz) einrücken 
und werden sich wahrscheinlich in Böhmen das 1., 3. und 8. öster- 
reichische Armeekorps gegenüber haben. Aber man dürfe sich nicht 
auf Wünsche und Hoffnungen verlassen, sondern müsse im Gegenteil 
mit gegebenen Grölsen rechnen. Den Einmarsch in Sachsen dürfe 
man aus verschiedenen Gründen nicht vor 8 Tagen erwarten. Aber 
man dürfe diese Zeit nicht verlieren und deshalb müsse am 18., 
wenn die II. Armee an der Neilse stände, die I. Armee Quartiere 
von Niesky bis Greiffenberg und Hirschberg nehmen, falls zu dieser 
Zeit nicht schon ihre Versammlung bei Görlitz nötig sei, von wo sie 
sowohl nach Sachsen, als auch Schlesien und Böhmen marschieren 
könne. Die Offensive der ganzen Armee nach Böhmen Uber Friedland 
hätte nur danu einen Sinn, wenn dort ihr entsprechende feindliche 
Kräfte ständen. Sei dies jedoch nicht der Fall, so würde eine solche 
indirekte Hilfe die II. Armee nicht retten. Ein Führer wie Bcnedek 
würde sich dadurch nicht in seinen Operationen in Schlesien auf- 
halten lassen und sobald die österreichische Brigade Kalik Altona 
verläfst, werden nach 24 Stunden vor Neifse das 2., 10., 6. und 
wahrscheinlich auch das 4. Korps, zusammen 100 000 Mann stehen. 
Die Österreicher würden, durch den Mifserfolg ihrer Umgehungen 
und Verteidigungsstellungen belehrt, wahrscheinlich in das entgegen- 
gesetzte Extrem „vorwärts, hurra" verfallen. Hoffentlich würde 
nnser Infanteriefeuer diese Hitze abkühlen, aber trotzdem könnten 
wir darauf rechnen, dafs sie Seite an Seite, coude a coude vorgehen 
and gegen die II. Armee auch das 3. und 8. Korps heranziehen 
würden. Dann verfüge Benedek Uber 150000 Mann. Es habe für 
ons keinen Sinn, mit unterlegenen Kräften an der Neifse zu fechten, 
wenn wir 5 bis 6 Tage später in der Linie Schweidnitz- Breslau mit 
7 Korps die Schlacht annehmen könnten. 

Am 11. erhielt die I. Armee (II., IIL und IV. Korps) Befehl, 
Quartiere ( bei Görlitz) zwischen Niesky und Hirschberg zu bezieheu, 
so dafs sie von da nach Böhmen, Schlesien oder Sachsen rücken 
könnte. Herwarth sollte an der Elbe stehen bleiben. 

12. Juni. Osterreich hatte am 11. in einer außerordentlichen 
Sitzung des Frankfurter Bundestages die Mobilmachung der Bundes- 
korps beantragt. Die Abstimmung dieses Antrages sollte am 14. Juni 
erfolgen. Moltke sieht voraus, dafs die Annahme des österreichischen 

9* 



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134 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabea. 



Antrages durch den Bundestag: zur Kriegserklärung mit Sachsen, 
Hannover, Kurhessen und Nassau führen würde und benachrichtigt 
deshalb am 12. Juni Herwarth, dafs er am 16. auf dem linken Elb- 
ufer gegen die in Linie Dresden-Wilsdruff stehenden Sachsen vor- 
marschieren würde. Herwarth soll per Eisenbahn aus Berlin ein 
Reservekorps erhalten. Die I. Armee wird gleichzeitig in die Linie 
Bautzen -Görlitz marschieren. 

General Vogel von Falckenstein erhält Befehl, am 16. mit der 
13. Division von Minden in Hannover einzumarschieren, wohin auch 
Manteuffel von Altona marschiert (mit 14000 Mann). General Beyer 
hat (mit 19000 Mann) von Wetzlar am 16. nach Kassel zu mar- 
schieren. 

Am 12. Juni erhielt der König einen Brief vom Prinzen Friedrich 
Karl (aus Muskau vom 11.) mit der Bitte, auf seine Person keine 
Rücksicht zu nehmen und seine ganze Armee mit der II. zu ver- 
einigen, welche augenscheinlich verstärkt werden müsse. Er sei bereit, 
unter dem Oberbefehl des Kronprinzen und jedes jüngeren Generale* 
ein Kommando anzunehmen, wenn die Umstände dieses erforderten. 

Am 13. Juni teilt Moltke dem Prinzen Friedrich Karl (Muskau) 
mit, dafs die Flankenbewegung der I. Armee auf Görlitz unverändert 
fortgesetzt wird, wenn der Bundestag am 14. den Antrag Österreichs 
ablehnt. Wird aber der Antrag angenommen, dann wird Sachsen, 
Hannover und den anderen Staaten der Krieg erklärt und dann muls 
am 16. ein Korps der I. Armee in Sachsen, in Richtung auf Bautzen 
und Lübau einmarschieren. Dasselbe wird auch der II. Armee und 
Manteuffel mitgeteilt. 

14. Juni. An diesem Tage nahm der Bundestag den Antrag 
Österreichs an. Aber die preufsische Regierung schlug (am 15.) 
den Regierungen von Sachsen, Hannover und Kurhessen Neutralität 
vor. Moltke verschob infolge dessen den Einmarsch in Sachsen, 
Hannover und Kassel vom 16. auf den 17. undteilte dieses Herwarth, 
Manteuffel, Beyer und Vogel von Falckenstein mit. 

Indessen erfuhr Moltke. dals die Antwort der genannten drei 
Staaten am 15. abends eingehen sollte und schob deshalb den Zeit- 
punkt des Einmarsches von neuem hinaus. 

Am 14. Juni teilte der Vorstand des Central-Nachrichtenbureaus 
mit, dals in der Aufstellung der österreichischen Armee Veränderungen 
eingetreten seien. Das Glatz gegenüberstehende II. Korps sei bis 
nördlich Prag vorgeschoben, dars IV. stehe allein bei Hohenstadt. 
In zweiter Linie stehe das X. und IX. Korps bei Olmütz-Weilskirchen, 
in dritter Linie das III. und VIII. bei Brünn und östlich. Auf Grund 
dessen entwarf Moltke folgenden Plan: wenn Dresden von General 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstahes. 



135 



von Herwarth in Besitz genommen ist, wird es befestigt; eine Division 
besetzt die Pässe des Erzgebirges gegen Teplitz und geht bei einer 
Offensive der Sachsen und des II. Korps auf Dresden zurück, dort 
über die Elbe oder auf Torgau. Die vierten Bataillone werden bei 
Berlin versammelt. Unterdessen marschiert Herwarth von Dresden 
nach Stolpen zur Vereinigung mit der I. Armee. In 4 — 5 Tage- 
märschen besetzen 145 (MX) Mann die Linie Niemes-Turnau. Das 
I. Korps marschiert von Patschkau Uber Glatz oder Landeshut auf 
Trautenau. In 6 -7 Tagemärschen stehen 180000 Mann bei Gitschin. 
Die II. Armee marschiert auf Hohenstadt. 

15. Juni. Von 6 30 — 7 30 vormittags wird an Herwarth (Torgau), 
die I. Armee (Görlitz), Vogel von Falckenstein \ Minden), Manteuffel 
(Altona), Beyer (Wetzlar) telegraphiert, dals der Vormarsch am 16 
um 6 C vormittags beginnt, die österreichische Grenze noch nicht zu über- 
schreiten und den Einwohnern zu erklären ist, dafs die Preulsen 
nicht als Feinde kommen. In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni 
erklärte Preufsen Sachsen, Hannover und Kurhessen den Krieg, was 
Moltke am 16. den genannten Personen telegraphisch mitteilt. 

Am 15. Juni antwortet Moltke auf einen Brief Bernhardis (der 
mit dem Major vom Generalstab von Lucadou nach Florenz geschickt 
war, um die Übereinstimmung zwischen den Operationen der italienischen 
und der preufsischen Armee herzustellen), betreffend den Plan des 
Generals Lamarmora. Moltke schlägt, wie wir schon in dem I. Kapitel 
gesagt haben, die Umgehung des italienischen Festungsvierecks vor. 

Am 16. Juni setzt Moltke den Zusammenhang zwischen den 
Operationen Vogel von Falckensteins und Manteuffels fest. Er teilt 
Herwarth mit, dafs die 8. Division der I. Armee auf Lübau marschiert. 
Die Bayern sind noch nicht kriegsbereit. 

Die Elbarmee stand am 16. folgendermalsen : 16. Division bei 
Muhlberg, Avantgarde bei Fichtenberg, 15. Division zwischen Aussig 
und Staritz, 14. Division bei Schildau und Sitzenroda. 

Am Abend des 16. standen: die 16. Division bei Riesa, Avant- 
garde bei Johannishausen, 15. Division bei Seerhausen, 14. Division 
bei Zöschau. Die Sachsen gehen auf Pirna zurück. 

Von der 1. Armee besetzte die 8. Division am 16. Lübau, die 
übrigen Truppenteile dieser Armee setzen den am 11. befohlenen 
Vormarsch auf Xiesky und Hirschberg fort; die U. Armee näherte 
sich der Neifse. 

Am 17. Juni schreibt Moltke dem Kriegsminister, dals es nütig 
sei. Dresden mit 15000 Maun Landwehrtruppen zu besetzen. 

An demselben Tage befanden sich: die Elbannee — 16. Division 
in Meißen, Avantgarde bei Bockwen, 15. Division bei Kanitz und 



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136 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Seehansen, 14. Division bei Leippau und Eula. Die 8. Division der 
I. Armee bei Bautzen. 

Vogel von Falckenstein marschierte gegen die Stadt Hannover. 
Manteuffel befand sich auf dem Weg von Harburg dahin. Beyer 
marschierte bis Kirchhain und Neustadt Die hannoversche Armee, 
18000 Mann, sammelte sich bei Göttingen, die kurhessische — 
7000 Mann, wurde von Kassel Uber HUnfeld, Fulda nach Hanau 
transportiert. Die bayerische Armee versammelte sich (das 7. Bundes- 
korps I bei Bamberg und Schweinturt; das 8. Bundeskorps war noch 
bei Darmstadt in der Formierung begriffen. 

18. Juni. Moltke berechnet, dafs sich bei Frankfurt das 8. Bundes- 
korps versammelt, was mit 20000 Bayern 48000 Mann ausmacht; 
diese beiden sind zur Unterstützung Kurhessens und der Hannoveraner 
bestimmt; 25000 Bayern gehen mit der österreichischen Armee zu- 
sammen (nach Zeitz), um die Sachsen zu unterstützen. Beyer und 
Manteuffel werden Vogel vou Falckenstein unterstellt. Dann stehen 
48000 Mann mit der Front nach Süden 7000 Verbündeten gegen- 
über. 

Am 18. gelangten: die Elbarmee — 16. Division nach Dresden, 
15. Division nach Kesselsdorf, 14. Division uach Herzogswalde; 
I. Armee — 8. Division Bautzen, eine Abteilung nach Bischoffshausen, 
7. Division— Lauban-Greiffenberg, III. Korps— Löwenberg, Friedberg, 
Wiegandsthal. II.-Niesky, Reichenbach, Görlitz, Seidenberg, Kavallerie 
—Löwenberg; IL Armee — VI. Korps —Steinau, V.— Grottkau, I.— 
MUnsterberg, Garde— Brieg, Kavallerie— Strehlen, ein Detachement 
des I. Korps (6 Bataillone u. s. w.) — bei Waldenburg. 

Vogel von Falckenstein befand sich in Hannover, Manteuffel in 
Lüneburg und Heber, Beyer marschierte auf Kassel. 

Am 17. Juni erliefs der Kaiser von Österreich ein Manifest an 
seine Völker, am 18. that der König von Preufsen dasselbe. 

Am 19. Juni bearbeitet Moltke den Offensivplan der Arme* 
gegen Böhmen. Nach allen eingegangenen Nachrichten versammeli 
sich die Hauptkräfte der Österreicher im nördlichen Böhmen, nämlich, 
das 1. und 2. Korps stehen auf beiden Elbufera an der sächsischen 
Grenze, das 3. marschiert auf Pardubitz, das 8. auf Brünn, das 4. — 
westlich davon. Bevor den Österreichern dieses gelingt, geht die 
L Armee zur Offensive Uber. Herwarth marschiert unter Zurück- 
lassung einer Division des Reservekorps in Dresden, am 20. auf 
Stolpen, schliefst sich dem rechten Flügel der I. Armee an und tritt 
unter die Befehle des Prinzen Friedrich Karl. Dann beginnt die 
I. Armee den Vormarsch, hält sich mit dem linken Flügel an das 
Gebirge und trifft am 25. mit 150000 Mann bei Gitschin ein. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generabtabes 137 

Die II. Armee läfst ein Korps an der Neifse stehen und stellt 
die beiden anderen in der Höhe von Glatz und Frankenstein so auf, 
dafs sie entweder nach Landeshut, oder Neilse, oder Grulich marschieren 
können und zieht dadurch wenigstens zwei österreichische Korps auf 
sich; das I. Korps marschiert am 20. auf Landeshut und weiter Uber 
Schreiberhau oder Trantenau. 

Alles dieses wurde am 19. dem Oberkommando der II. und Elb- 
armee mitgeteilt. 

An diesem Tage befanden sich folgendermafsen disloziert: die 
Elbarmee hatte Ruhetag; die per Bahn nach Bitterfeld beförderte 
1. Reserve-Division marschierte über Eilenburg, Würzen, Döbeln und 
gelangte am 21. nach Meifsen, wo sie zu der Armee Herwarths trat. 
Die 2. Reservedivision rückte am 22. als Besatzung in Dresden ein. 
Die 1. und U. Armee blieben stehen. 

Beyer rückte am 19. in Kassel ein. Die 13. Division gelangte 
bis Nordstemmen-Hildesheim. Manteuffel befand sich bei Hannover 
und Bergen. Am 19. trat Beyer unter den Befehl Vogel von Falcken- 
steins, welcher von Moltke besondere Anweisung erhielt. 

Am 20. Juni meldet Moltke dem König, dafs, um den Hannove- 
ranern die von Göttingen nach Süden führenden Wege zu verlegen, 
Beyer von Kassel nach Waldkappel rücken müsse, die 13. Division 
und Manteuffel marschierten nach Nordheim; aus der Garnison Erfurt 
wird das Detachement Fabeck (3 Bataillone, 1 Batterie, einige 
Kavallerie) und aus Gotha ein Bataillon mit der Bahn nach Eisenach 
befördert zur Operation gegen Eschwege; eine Abteilung aus Magde- 
burg wird mit der Bahn nach Nordhausen befördert. 

Am 20. Juni befanden sich: Beyer in Kassel, Manteuffel in 
Celle und Hannover, die 13. Division bei Alfeld, die Hannoveraner 
bei Göttingen. Die Elbarmee marschierte auf einer Strafse, voran 
die 16. Division, dann die 15. und 14. und 1. (Garde)- Reservedivision 
über Bischofswerda. Die Avantgarde der Elbarmee befand sich am 
20. in Stolpen. Die in der Versammlung bei Görlitz begriffene 
I. Armee wartete die Annäherung der Elbarmee ab, um gleichzeitig 
mit ihr aus dem Lausitzer Gebirge zu debouchieren. 1 ) Die IL Armee 
bereitete sich vor, die am 19. befohlene Stellung einzunehmen, wo- 
bei das VI. Korps an der Neifse bleiben und gegen Neustadt und 
Ziegenhals demonstrieren sollte, die Garde bei Brieg, das V. Korps 
bei Mtinsterberg Autstellung nahm. Das L Korps gelangte am 20. 
nach Nimptsch. Die österreichische Armee marschierte zu dieser 
Zeit in 3 Kolonnen auf Josefstadt. 



i) Generalstabswerk 1866, S. 73. 



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1 38 



Uie Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Am 21. Juni beschäftigt sich Moltke mit der Befestigung von 
Dresden. Er ordnet an, dafs das I. Korps der II. Armee unterstellt 
bleibt. Am 21. Juni befanden sich: die Elbarmee bei Burkersdorf 
(Tete); I. Armee versammelte sich an der Grenze; II. Armee: 
J. Korps— FaulbrUck, Garde— Strehlen, Heinrichau, V. Korps — 
Kamenz. Beyer bei Münden, Reiehensachsen und Kassel; die 
13. Division— Einbeck und Gandersheim; Manteuffel— Seesen und 
Celle; Fabeck bei Eisenach (25ÜO Mann), die Hannoveraner bei 
Heiligenstadt. 

22. Juni. Da bei der Vereinigung der Elb- und I. Armee nichts 
aui eine Versammlung der Österreicher in Oberschlesien schlielsen 
liefs, vielmehr alle Nachrichten auf ihre Versammlung in Böhmen 
hinweisen, 1 ) übersandte Moltke am 22. der I. (Görlitz) und II. (Neifse) 
Armee telegraphisch den Befehl des Königs, in Böhmen einzu- 
marschieren und Vereinigung in Richtung auf Gitschin zu suchen, 
das VI. Korps bei Neifse zurückzulassen, um gegen die Bahnlinie 
Pardubitz-Prag zu demonstrieren, wodurch wenigstens 1 österreichisches 
Korps abgezogen würde. An demselben Tage unterhält Moltke eine 
besonders rege Korrespondenz mit den in Westdeutschland gegen 
die hannoversche Armee operierenden Truppen. ..Ich lege mich fast 
gar nicht mehr ins Bett*' schreibt Moltke am 24. an Blumenthal. 

Am 22. Juni befanden sich: die Avantgarde der Elbarmee bei 
Schluckenau; 1. Armee: IV. Korps— Zittau, Reibersdorf, II. — Herrenhut, 
Hirschleide, III.— Seidenberg und Marklissa; U. Armee: I. Korps — 
Waldenburg, Garde— Silberberg, V.— Kamenz, VI. auf dem Marsch 
nach Keppernick. 

Das grofse Hauptquartier befand sich noch in Berlin. 

Aus den oben angeführten Gründen kann man das Resultat des 
Aufmarsches der preufsischen Armee im Jahre 1866 nicht befriedigend 
finden und nur das Genie Moltkes und das Unvermögen Benedeks 
(eines braven, tapfereu Generals mit eisernem Willen) mit grofsen 
Kräften zu manöverieren, ermöglichten es Preufsen, den Sieg davon- 
zutragen. Es ist erklärlich, dafs infolge eines derartigen Aufmarsches 
der preufsischen Armee, deren Gegner auch nach dem Jahre 18(56 
noch der Überzeugung waren, dafs sie erst am 49. Mobilmachungs- 
tage bereit gewesen sei, während in der That hierzu nicht mehr als 
25 bis 'Aö Tage (1870, 20—26 Tagei erforderlich gewesen waren. 
Eine solche fehlerhatte Berechnung wurde von dem österreichischen 
Generalstal) noch im Jahre 1870, d. h. nach der in den Jahren 1867 — 08 
erfolgten Herausgabe des preufsischen Generalstabswerkes 1866 an- 
gestellt. 

'l Korrespondenz 1866, S. L'34 und Generalstabswerk 1S66, S. 71. 



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Die Thätigkeit Maitkes als Chef des Ceneralstabes. 



189 



Als Ahschluls der Betrachtung der Tbätigkeit des Chefs des 
Generalstabes in der Aufmarschperiode muß man noch die Nachrichten 
betrachten, welche beide Parteien erhielten, von dem Augenblick der 
Erklärung der Mobilmachung an bis zum letzten Augenblick des mehr 
oder weniger vollendeten Aufmarsches. 

Krieg IHM. Der preußische Generalstab gründete seine Er- 
wägungen über den Kriegsplan auf die Voraussetzung, dafs die 
östen eichische Armee sich in Böhmen versammele und auf Berlin 
marschiere. Deshalb befand sich die preußische Aufmaischlinie an 
der nördlichen Grenze Böhmens. 

Der österreichische Generalstab ging aber davon aus, dals die 
Versammlung der österreichischen Armee später als die der preußi- 
schen Armee beendet sei und wählte aus diesem Grunde ihren Ver- 
sammlungspunkt nicht in Böhmen, sondern in Mähren bei Olniütz. 1 ) 

Die Mobilmachung begann bei beiden Parteien fast gleichzeitig 
(1 — 2. Mai), obgleich ihr eine umfassende Vorbereitung der Truppen 
vorausging. Erst am 11. Juni, 40 Tage nach Beginn der Mobil- 
machung, erfuhren die Preulsen, dafs die österreichische Armee sich 
nicht in Böhmen, sondern in Mähren bei Olmütz versammele. Folg- 
lich konnten die Preulsen nicht wissen, dafs am 20. Mai in Osterreich 
der Transport aller sechs Korps nach Mähren begonnen hatte und 
erst am 11. Juni, am zweiten Tag nach Beendigung des österreichi- 
schen Truppentransportes nach Olmütz (10. Juni) gelang es den 
Preußen eine ordre de bataille der österreichischen Armee zu er- 
halten. 2 ) 

Die Preußen sollten nach dem Plan Moltkes am :i7 — 42. Tag 
nach Erklärung der Mobilmachung, d. h. am 9. bis 12. Juni bei 
Königgrätz und Jaromer stehen. Sie hätten aber erst am 19. bis 
24. Juni dort eintreffen können, wenn man erwägt, daß sie nicht 
gleichzeitig alle Korps mobil machten und voraussetzt, dafs sie nach 
dem 5. Juni, nach Ausschiffung des letzten Echelons, mit allen gleich- 
zeitig den Vormarsch angetreten hätten. In Wirklichkeit erreichten 
die Preußen Königgrätz erst am :i. Juli. 

Die Österreicher konnten alle 7 Korps am 10. Juni bei König- 
grätz 3 ) vereinigt haben. Augenscheinlich war für die Österreicher 
der Entschluß des Gegners, ihnen keine Zeit zum Aufmarsch in 
Böhmen zu lassen, sehr unbequem. 

Wie gesagt, erfuhren die Preußen erst am 11. Juni, daß die 
Österreicher bei Olmütz ständen, und schlössen daraus, daß dieselben 

0 Österreichisches Ueneral^tabswerk 1«66, Bd. I. S. 65 und '.»8. 

2i Preußisches (ieneralstabswerk 18««, S. l"J. 

■») Österreichisches (Jeneralstab^werk 8. 145. 



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140 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



beabsichtigten, nach Neifse und Breslau zu marschieren. Aus diesem 
Grunde schoben sie die II. Armee nach Neifse und beabsichtigten, 
auch die I. dahin zu dirigieren. 

Die Österreicher sandten am 7. : 8. und 9. Juni Kundschafter 
zu den verschiedenen preufsischen Korps und erhielten Nachrichten 
von dem sächsischen Generalstab, aus denen sie ersahen, dals die 
Preulsen mit ihren Hauptkräften zwischen Torgau und Landeshut 
(Görlitz- Landeshut) ständen. 1 ) Sie beschlossen deshalb in 11 Tage- 
märscben von Mähren nach Böhmen (. Josefstadt) zu marschieren, 
blieben jedoch auf die Nachricht von dem Abmarsch der preufsischen 
Hauptkräfte nach Oberschlesien (Neifse) bei OlmUtz. 2 ) 

Unterdessen erhielten die Freuisen am 14. Juni durch ihren 
Chef des Central-Nachrichten-Bureaus Mitteilung, dafs das öster- 
reichische 2. Korps nach Böhmen nördlich von Prag marschiert sei. 
Diese Nachricht veranlafste zum Teil die Einstellung des Marsches 
der I. Armee nach Schlesien. In Wirklichkeit hatte nichts der- 
gleichen stattgefunden; nur eine Brigade des 2. Korps war am 
12. bis 13. Juni von Hagenstadt Uber die böhmische Grenze nach 
Böhmisch-Trubau, Hohenmauth und Brandeis gegangen. 3 ) 

Bis zum 17. Juni nahm man in dem österreichischen Haupt- 
-quartier an, dals sich die Preufsen mit ihren Hauptkräften in 
Schlesien befänden; dies wurde auch durch Post-Nachrichten bestätigt, 
da in Preulsen angeordnet war, die für die Armee, mit Ausnahme 
de6 Gardekorps und der Elbarmee bestimmten Brietz nach Schlesien 
zu sendeu.*) 

Am 17. Juni erhielt Benedek aus Wien die Nachricht, dafs die 
preufsischen Hauptkräfte an der Elbe ständen und ihr Marsch nach 
Schlesien, an die Neifse, nur eine Demonstration sei; 5 ) deshalb befahl 
er an diesem Tage der österreichischen Armee von Olmtttz aufzu- 
brechen und in die Linie Josefstadt-Miletin zu rücken. 

Bis zum 19. Juni brach sich in dem preufsischen Hauptquartier 
die Überzeugung Bahn, dals die österreichische Armee nach dem 
nördlichen Böhmen marschiere. Das 2. Korps nahm man (was in 
Wirklichkeit nicht der Fall war) in gleicher Höhe mit dem 1. 
(welches wirktich bei Jung-Bunzlau stand) an der sächsischen Grenze 
•au. Deshalb fafste man den Entschluls, die Elb- und L Armee in 



») Ebenda, Band III, S. 4. 
3) Ebenda, S 10. 

3 ) Korrespondenz 1866, 8. 224 und österreichisches Generalstabs werk, 
Band I, S. 120. 

*) Österreichisches GeneraUtabswerk, Band III, S. 10. 

s) Ebenda, Bd. III. S. 12. 



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Die ThätiKkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



141 



Böhmen auf Gitschin, die II. teils ebenfalls nach Böhmen, teils über 
Neilse und Grulich rücken zu lassen. 1 ) 

Vom 23. bis 25. Juni erfuhr Benedek, dafs sich bei den in 
Schlesien stehenden preulsischen Truppen das L, V. T VI. und G.-Korps 
befänden und dals ein grofser Teil derselben, wenn nicht alle, nach 
Westen an die Pässe der böhmischen Grenze vorgeschoben seien. 
V on der L Armee hatte er keine genauen Nachrichten, erwartete 
aber ihren Vormarsch von Reichenberg und Gabel aus. 2 ) Am 
24. Juni erfuhr Benedek, dafs die 1. (und Elb-)Armee in der Linie 
Ruraburg- Friedland ständen mit Avantgarden bei Kratzau und Ein- 
siedel. Alle diese Nachrichten erhielt er von Kundschaftern, Ge- 
fangenen und durch Telegramme, welche die preufsischen Korps- 
kommandeure auf der Linie Görlitz-Neifse-Strehlen aufgaben. 51 ) 

Am 22. Juni erhielt das preulsische Hauptquartier die volle 
Gewifsheit, dals die Hauptkräfte der österreichischen Armee nach 
Böhmen marschierten; deshalb wurden alle 3 Armeen auf Gitschin 
angesetzt in der Voraussetzug (am 24.), dafs die Österreicher nach 
Jung Bunzlau marschierten. Moltke erklärt, dafs trotz aller An- 
strengungen die Nachrichten vom Gegner nur dürftig eingingen. 4 ) 

Wenn wir die Uber die Lage beider Parteien eingelaufenen 
Nachrichten betrachten, müssen wir gestehen, dals sie bei beiden 
Parteien für die Mobilmaöhungs- und Aufmarsch-Periode vollkommen 
ausreichend waren, und dafs der Grund dafür, dals die preulsische 
Armee eine Flankenbewegung auf Neifse antratt, wodurch sie 5 — 6 
Tage verlor (die II. Armee hätte nicht erst am 26., sondern schon 
am 21. debouchieren können), durchaus nicht in dem Mangel oder 
dem falschen Inhalt von Nachrichten lag. sondern darin, dals Moltke 
sich von den Erwägungen Blumenthals und den Anschauungen des 
Kronprinzen bestimmen liefs, welche beide die Lage vom rein 
militärischen Gesichtspunkte und nur mit Rücksicht auf das Inter- 
esse ihrer, der II. Armee betrachteten und deshalb auch den Vor- 
schlag machten, ihre ganze Armee von Landeshut an der Neifse 
gegenüber dem bei Olmütz stehenden Feinde zu versammeln. Moltke 
aber, welcher die Lage von dem Gesichtspunkte der ganzen preulsischen, 
von Torgau bis Landeshut stehenden Armee betrachtete und gleich- 
zeitig wufste, dals die Politik der österreichischen Armee noch Zeit 
gewähren würde, ihre Lage zu verändern, schlug vor, auf alle Fälle 
ein Korps auf Neilse zu schieben, die übrigen aber noch bei 

1) Korrespondenz 1866, S. 231 und preufsisches Generalstabswerk, S. 70. 

2 ) Österreichisches Generalstabswerk 1866, Bd. III, S. 29 und 41. 

3) Ebenda, S. 29 und 41. 

*) Korrespondenz 1866, S. 284 und 286. 



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142 Die Tbiüigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Landeshut stehen zu lassen. 1 ) Dann wäre auch der für den Rück- 
marsch erforderliche Zeitverlust von ö— (i Tagen nicht nötig: gewesen. 

Feldzug 1870. Arn 15. Juli entschloß man sich in Frankreich 
zu der Einberufung der Komplettierungsmannschaften, am 18. traf 
das 2. Korps Frossard aus Chalons in 8t. Avold ein. an demselben 
Tage das 5. Korps Failly aus Lyon in Bitsch und Saargemünd; 
vom 18. — 20. traf aus den Nordproviuzen in Thionville das 4. Korps 
Ladmirault, am 20. aus Paris in Metz das Korps Hazaine ein; 
am wurde aus Paris der allgemeine Aufmarsch der Armee an 
der Grenze, infolgedessen die Korps ein wenig vorgeschohen wurden, 
befohlen. 2 ) 

Um diese Zeit (19. — 23. Juli oder 4. — 8. Mobilmachungstag) 
wufste Moltke schon die Zusammensetzung und Stellung der fran- 
zösischen Armee | hinreichend genau). Nachrichten hierüber erhielt 
er aus Zeitungen und aus Erwägungen Uber die Friedensdislokation 
der Armee. 3 ) 

Am 28. Juli (12. — 13. Mobilmachungstage) war in dem fran- 
zösischen Hauptquartier bekannt, dafs das Vll. und VIII. deutsche 
Korps sich nördlich der Saar unter dem Befehl von Steinmetz ver- 
sammelten, dals das III., IV. und IX. Korps der Armee des Prinzen 
Friedrich Karl zugeteilt sei und sich zwischen Mainz und Kaisers- 
lautern, die Armee des Kronprinzen si^h in Baden und in der 
bayerischen Pfalz sammele. 4 ) 

Am 4. August (19.— 20. Mobilmachungstag) erliels Napoleon III. 
einen Befehl in welchem er sagte, dafs aus englischen Zeitungen 
zu ersehen sei, dals Steinmetz die Ccntralstellung Saarbrückcn- 
Saarlouis besetzt habe, hinter ihm das Korps des Prinzen Friedrich 
Karl, links von ihm die Armee des Kronprinzen in der Pfalz stehe. 
Ihre Absicht sei, direkt auf Nancy zu marschieren. 5 ) 

Hieraus ist ersichtlich, dafs Napoleon III. ganz nahe kommend 
den wirklichen Absichten Moltkes die Vormarschrichtung der deutschen 
Armeen erkannte und seine Anordnungen, diesem Vormarsch des 
Gegners entgegenzutreten, mufs man als ähnlich den Anordnungen 
Napoleons I. anerkennen. Aber ohne das Talent Napoleons I., un- 
bekannt mit r la partie diviue de l art", 8 ) ahmte Napoleon III. wohl 
die Absichten Napoleons I. nach, hatte aber nicht dessen Energie. 



>) Korrespondenz 1866, 8 205. 

2) Michnewitsch, Krieg 1870, Bd. I, 8. 161 nnd 165. 

3) Generalstabswerk 1870. 8. 58 und Korrespondenz 1870, 8. 146. 
*) Micunowitsch, 8. 164. 

«Vi Woide, „.Siege und Niederlagen", Bd. I, 8. 57. 
«) Klembowski, Bd. XIX, Feldzug 1850, 8. 67. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstobes. 



143 



Indern er ähnlich dem grofsen Heerführer die Thätigkeit der Mar- 
schälle einschränkte, blieb er selbst meistens thatenlos. 

Im allgemeinen müssen wir zugeben, dals wie im Krieg 1866, 
so auch 1870 beide Parteien frühzeitig genug (am 38. Mobilmachungs- 
tag im Jahre 1866, am 7.— 13. im Jahre 1870) ausreichend genaue 
Nachrichten von dem Gegner erhielten. 

VI. Thätigkeit in der Periode des Beginnes der 

Operationen. 

Hier beurteilen wir, in welchem Mafse die Pläne des Chefs 
des Generalstabes, welche frühzeitig vor Beginn des Krieges aufge- 
stellt, die allgemeine Richtung und das Ziel der Operationen un- 
mittelbar nach Beendigung des Aufmarsches angeben, der Wirklich- 
keit entsprechen. 

Feldzug 1870. Wie wir wissen, entschlols sich Moltke schon 
im Mai 1867 die Armee am 24.— 25. Mobilmachungstage in die 
Linie Thionville-Courcelles oder Pont ä Mousson-Dieuze zu führen; 
im November 1867 — in die Linie Contchen-Baronweiler und 
endlich im Mai 1870 in die Linie St. Barbe-Nomöny-Finstingen und 
von da nach Pont a Mousson-Luneville, unter Umgehung von Metz 
nnd Beobachtung dieser Festung durch eine Landwehrdivision, mit 
der Absicht, weiter aut Paris zu marschieren. Am 31. Juli, dem 
16. Mobilmachungstag, wenn die Lage der französischen Armee sich 
{reklärt hätte, beabsichtigte Moltke die Armee in der Linie Reblingen- 
Saargemünd-Finstingen, die der Richtung auf Metz-Luneville ent- 
sprach, zu versammeln. 

Am 6. August, nach den Sehlachten bei Weifsenburg, Spicheren 
und Wörth erteilt er der Armee den Befehl, in die Linie Tennschen- 
Nomeny-Dieuze zu rücken, d. h. fast in dieselbe, welche er im Mai 
1870. vor dem Kriege, angenommen hatte. In Wirklichkeit vollzog 
sich der Vormarsch in diese Linie folgendermalsen: am 10. August 
standen die deutschen Truppen, wie wir schon gesehen haben: 

Grofses Hauptquartier: Saarbrücken. 

L Armee. Oberkommando — Lauterbach, VII. Korps — Carling, 
THopital, VIII. — Lauterbaeh, I. — Creutzwald, 3. Kav.-Div. — Über- 
herrn. 1. Kav.-Div.— Ludweiler. 

II. Armee. Oberkommando- Saargemünd, Gardekorps — Saaralbe, 
III.— St. Avold, IV.— Saarunion, X. — Puttelange, XII. — Habkirchen, 
IX. — Saarbrücken, II. — Neunkirehen (Ausschiffung). 5. Kav.-Div. — 
Fanlquemont. Eschviller, LandrofT, 6. Kav.-Div. — Saaralbe. 

IU. Armee. V. Korps — Weyer, XL— Hattmatt und Dossenheim, 
I. bayerische— Enchenberg, II. bayerische— Mouterhausen, Werder- 



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144 



Die Tbätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Adamsviller, VI. — Rohrbach, 4. Kav.-Div. — Memtick, 2. Kav.-Div. — 
Hagenau. 

Ks ist außerordentlich interessant, den Vormarsch zu verfolgen, 
um so mehr als alle vorhandenen Quellen diese Periode nur ober- 
flächlich behandeln und so schnell als möglich zur Behandlung der 
Kämpfe des 16. August um Metz zu gelangen suchen. 

Am 11. August befanden sich: das grofse Hauptquartier in 
Saarbrücken und St. Avold. 

L Armee. In den Quartieren des 10. August. 

11. Armee. Oberkommando— Puttelange, III. Korps— Faulque- 
mont, X.— Hellimer, Garde — Gueblange, IV.— Harkirchen, IX. — 
Forbach, XII.— Saargemünd, II.— Neunkircheu, 6. Kav.-Div.— Thicourt, 
5. Kav.-Div.— Remilly. Delme. 

III. Armee. V. Korps — Altroff, I. bayerische — Pistorf, 

H. bayerische— Diemeringen, VI. — Lorentzen, 4. Kav.-Div. — Heining, 
XI. Saarburg, Werder-Rauviller (wlirttembergische Division; badische 
marschierte nach Strafsburg). 

12. August. I. Armee. VII. Korps-Marange, YIH. — Nicdenvisse 
und Boucheporn, 1. — Boulay und Halling, 3. Kav.-Div. - Bettange, 

I. Kav.-Div.— Raville. 

II. Armee. III. Korps — Faulquemont, IV. — Münster, X. — Dehne, 
Land r off, IX. — Longeville und St. Avold, XII.— Barst. Garde— 
Morhange, 5. Kav.-Div. — Raucourt, Remilly, (>. Kav.-Div.— Chanville. 

III. Armee. V. Korps — Altrotf, XI. — Saarburg, württembergische 
Division — Rauviller, '/> ^ I- Korps — Saarunion, 4. Kav.-Div. — Moyenvic, 

I. bayerische Korps — Bettborn, II. bayerische — Fönestrange. 

Grolse Hauptquartier: St. Avold. 

13. August. Grolse Hauptquartier St. Avold und Henry. 

I. Armee. VII. Korps— Domangeville, Pange, VIII.— Bionville, 
Varize, I.— Landonvillers, Courcelles, 3. Kav.-Div. — Haueoncourt. 

II. Armee. III. Korps — Buchy, Böchy, IV. — Chateau Salins, 
X. — Pont ä Mousson, Delme, IX.— Henry, XU.— Chemery. Garde— 
Oron, Lcmoncourt, II. — St. Avold, 5. Kav.-Div. — Pont a Mousson. 

IU. Armee. XI. Korps — Avricourt, Blamont, Württembergische 
Division— Fribourg, '/» VI.— Fönestrange, I. bayerisches— Guermagne, 

II. bayerisches— Cutting, 4. Kav.-Div.— Moncel, 2. Kav.-Div.— 
Drilingen. 

14. August. Grofses Hauptquartier Henry. 

L Armee. Sehlacht bei Colombey-Xouilly (Borny-Pange). 

II. Armee. IX. Korps (nimmt an der genannten Schlacht teil) 
Buchy, III.— Louvigny, IV.— Armaucourt, Malaucourt, X.— Pont a 
Mousson, XIL— Solgne, Garde— Sivry, Dieulouard, IL— Faulquemont. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



145 



III. Armee. Württembergische Division— Arracourt. V. Korps- 
Einville (?), VI.— Dieuze und Saarburg, 4. Kav.-Div.— Nancy, 2. Kav.- 
Div.— Saarburg. L bayerisches— Maizieres, II. bayerisches — Moyenvie. 

15. August. Grolses Hauptquartier Herny. 

I. Armee. VII. Korps— Fange, VIII.— Chesny und Buchy, I.— 
Courcelles-Chaussy, 3. Kav.-Div. — Vry, 1. Kav.-Div. — Courcelles 
sur Nied. 

II. Armee. III. Korps — Pagny, Arnaville, IV. — Marbache und 
Custines, X. — Thiaucourt, Pont ä Mousson, IX. — Verny, XII.— 
Nomeny, Achatel, Garde — Dieulouard, II. — Han sur Nied, 5. Kav.- 
Div. — Xonville, Suzeniont, 6. Kav.-Div. — Coin sur Seille. 

III. Armee. V. Korps — Kosieres, St. Xikolas. XI.— Bayon, 
Wurttembergische Division — Sommcrvillcr, VI. — Arracourt, ßlamont, 
4. Kav.-Div. — Nancy, 2. Kav.-Div. — St. Georges, I. bayerisches Korps — 
Einville, II. bayerisches — Moncel. 

FUr den 16. August war geplant: 

I. Armee. VII. und VIII. Korps in Linie Arry-Silleguy, Poni- 
merieu I. — Courcelles. 

IL Armee. III. Korps — Mars la Tour (Vionville), IV. — les 
Saizerais, X.— St. Hilaire, IX. hinter III., XII. — Regnieville, Garde — 
Bernecourt, II. — Buchy. Der weitere Marsch sollte gehen: 

X. Korps Uber die Maas unterhalb Verdun, III. — St. Die, IX. — 
auf Fresnes und Genicourt, XII. auf Banoncourt, II. und Garde auf 
St. Mihiel, IV. auf Commercy. 

Die III. Armee stand am 16.: V. Korps — Rosieres, St. Nicolas, 
XL — Bayon, Wurttembergische Division— Sommerviller, VI. — Arra- 
court, Blamont, 4. Kav.-Div. ging Uber Pont St. Vincent. 2. Kav.- 
Div.— Ogeviller, I. bayerisches Korps— Einville, II. bayerisches— 
Nancy. 

Der Weitermarsch war geplant: V. Korps Uber Vaucouleurs 
auf Rochecourt an der Marne, Wurttembergische Division hinter 
V. Korps, XL auf Gondrecourt und Joinville an der Marne, VI. hinter 
XL, L bayerisches hinter II. bayerischem auf St. Dizier. 

Grofses Hauptquartier am 16. Herny und Pont ä Mousson. 

Im allgemeinen sehen wir auch aus diesem Überblick, dals die 
schon vor dem Kriege (im Mai 1870) von Moltke angestellte Be- 
rechnung, dafs die Armeen am 27. — 28. Mobilmachungstage (11. bis 
12. August» die Linie Pont ä Mousson-Nancy-Lunevillc erreichen 
sollten, sich als richtig erwies und die Armeen bereit waren, die 
Maas zwischen Verdun und Vaucouleurs (Ii. und 1U. Armee) zu 
überschreiten und auf Paris zu marschieren. Am 16. August fand 
die Schlacht bei Vionville-Mars la Tour (Rezonville) statt, am 17. 



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140 



Die Thätigkeit Moltkes als Chet des Generalstabes. 



ging: die französische Armee ("150000 Mann) nach Metz zurück und 
focbt am IS. bei Gravelotte-St. Privat, worauf sie endgültig uach 
Metz hineingeworfen wurde. In Chalons rehabilitierte sich zu dieser 
Zeit die Armee Mac Mahons. 

Feldzug 1866. Wir haben die Betrachtung des Aufmarsch- 
prozesses der preufsischen Armee im Jahre 1866 am 22. Juni be- 
endigt, als alle Armeen den Befehl erhalten hatten, nach Gitschin 
zu marschieren und die preulsische Armee sich in folgender Stellung 
befand : 

Avantgarde der Elbarmee hinter Schluekenau; I. Armee: IV. 
Korps— Zittau, Reibersdorf, II.— Herrnhut, Hirsehfelde, III. — Seiden- 
berg und Marklissa; II. Armee: I. Korps— Waldenburg, Garde — 
Silberberg. V. — Camenz, VI. marschierte nach Keppernick und hatte 
Zusammenstöfse (am 21. und 22.) bei Zuckmantel, Sandhübel. 
Freudenthal. 

Wir vergleichen ihren Weitermarsch, der am 3. Juli zu der 
Sehlacht bei Königgrätz (Sadowa) führte mit den v >n Moltke bereits 
im April 18(56, einen Monat vor Beginn der Mobilmachung und 
3 Monate vor der wirklich stattfindenden Sehlacht, vorausgesehenen 
Bewegungen und Gefechten in Linie Königgrätz-Jaromir. Hier 
führen wir nur die wirklich ausgeführten Märsche der preulsischen 
Armeen in der Zeit vom 23. Juni bis 3. Juli an, da wir die be- 
absichtigten Bewegungen schon detailliert im Kapitel I betrachtet 
haben. 

Am 23. Juni befanden sich: die Avantgarde der Elbarmee bei 
Rumburg; I. Armee: III. Korps— Dittersbach. Raspenau, IV. — 
Pankraz, Kratzau, II. — Zittau. Wetzwalde. II. Armee: I. Korps — 
Landeshut, Garde — Silberberg, V. — Camenz, VI. auf dem Marsch 
nach Glatz (nach einer Demonstration bei Freywaldau und einem 
Scharmützel am 22. bei Sandhübel). 

24. Juni. Avantgarde der Elbarmee bei Grofs-Mergenthal; 
I. Armee: III. Korps— Reichenberg, IV. — Gablenz, Eichicht, II. — 
Kratzau; II. Armee: Ruhetag, V. Korps — Neuländel uud Ober- 
Schwedelsdorf (nach einem Naehtmarsch in Richtung Mittelwalde und 
zurück). 

25. Juni. Elbarmee: VIII. Korps— Brims. Gabel, 14. Division — 
Kunersdorf, Garde- Landwehr- Division— Georgenthal; I. Armee: 
Ruhetag, II. Armee: I. Korps— Liebau, Garde— Neurode und Wünschel- 
burg, V. auf dem Marsch nach Rüekerts, VI.— Patschkau. 

26. Juni. Elbarmee: VIII. Korps— Meines (Gefecht bei Hühner- 
wasseri, 14. Division- Oschitz, Garde-Landwehr-Division— Gabel; 
I. Armee: IV. Korps— Turnau (Gefecht bei Podol), III.— Gablontz, 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes 



147 



Liebenau, IL— Kratzaa; II. Armee: I. Korps— Liebau, Garde— 
Braunau, Pölitz, V.— Reinerz, VI.— Glatz. 

27. Juni. Elbarmee: VIII. Korps— Niemes, 14. Division- 
Böhmisch- Aicha, Garde-Landwehr-Division— Wartenberg; I. Armee: 
IV. Korps— Turnau undPrepr, III.— Liebenau, Eisenbrod; II.— Langen- 
brilck, Sichrow; II. Armee: I. Korps— Liebau ( Gefecht bei Trautenau), 
Garde— Eypel, Kosteletz (Gefecht bei Czerwenahora), V.— Nachod 

(Gefecht bei Nachod), VI.— Nachod und Habelschwerdt. 

An diesem Tage fand die Schlacht bei Langensalza statt, nach p 
welcher, am 28. Juni, die hannoversche Armee kapitulierte. Die 
Main- Armee Vogel von Falckensteins marschierte Uber Fulda nach 
Schweinfurt und trennte dadurch das 7. Bundeskorps (bayerische 
Armee) von dem 8. 

28. Juni. Elbarmee: VIII. Korps — Münchengrätz, 14. Division — 
Münchengrätz, Garde-Landwehr-Division — Hühnerw asser; alle diese 
Trappen nahmen teil am Gefecht bei Münchengrätz; I. Armee: 
IV. Korps — Bossin, III. — Rowensko, Bresina, II. — Zebrow, Daubraw 
(Gefecht bei Podkost); II. Armee: I. Korps — Liebau, Garde — 
Trautenau (Gefecht bei Soor}, V. — Skalitz (Gefecht bei Skalitz), 
VI— Skalitz und Rückerts. 

29. Juni. Elbarme: VIII. Korps— Backofen, 14. Division — 
Münchengrätz, Garde - Landwehr - Division — Kloster; I. Armee: 
II. Korps — Gitschin und Kniznic ( Gefecht bei Gitschin), IV. — Lochow 
und Unter-Bautzen, III.— Gitschin und Sobotka (Gefecht bei Gitschin); 
II. Armee: I. Korps— Pilnikau, Garde— Königinhof (Gefecht), V.— 
Gradlitz (Gefecht bei Schweinschädel), VI.— Gradlitz und Skalitz. 

30. Juni. Grolses Hauptquartier (König und Moltke) begiebt 
sich von Berlin nach Kohlfurt. Elbarmee: VIII. Korps— Rokitau, 
Detenist, Avantgarde— Liebau, 14. Division— Sedelist, Garde-Land- 
wehr-Division— Jung-Bunzlau; I. Armee: IV. Korps— Konetzchlum, 
Botowes und Milicowes, III.— Qulibitz und Chotec, II.— Gitschin uud 
Podhrad; II. Armee; Ruhetag, VI. Korps— Brsitz. 

1. Juli: Grolses Hauptquartier — Reichenberg und Schlofs 
Sichrow. Elbarmee: VIII. Korps — Cesow, Jicinowes, Avantgarde — 
Hochwesely, 14. Division — Zeretitz, Garde-Landwehr-Division — Jung- 
Bnnzlau; I. Armee: III. Korps — Dobes, Miletin, IV. — Gr. Jeritz, 
Gorwasser, U. — Wostromer, Aujezd; II. Armee: I. Korps Uber Arnau 
nach Ober-Praulsnitz, VI. — Gradlitz, die übrigen Ruhetag. 

2. Juli. Grofses Hauptquartier Gitschin. Elbarmee: VIII. Korps — 
Hocbwosely und Lhota Smidarskaja, Avantgarde — Smidar, 14. Di- 
vision— Chotetitz, Garde-Landwehr-Division — Kopidlno; L und U. 
Armee Ruhetag. 

Jrtrb&cher für die dentache Armee and Marine. Bd. 113. 2 10 



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148 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Am Tage vor der am 3. Juli stattfindenden Schlacht bei König- 
grätz standen: die I. und Elb-Armee, 123000 Mann, auf der Front 
Smidar-Miletin, die IL Armee, 97000 Mann, auf der Front Ober- 
Praulsnitz-Gradlitz. Im ganzen betrug die Stärke der preufsischen 
Armee 221000 Mann und 780 Geschütze gegen 2 14 WO Österreicher 
mit 770 Geschützen. Die Schlacht am 3. Juli begann mit dem An- 
griff der I. und Elb- Armee; gegen 11 Uhr kam der Angriff zum Stehen; 
um l 30 abends trat die II. Armee in den Kampf und um 3 S0 abends 
erfolgte der Befehl zum gemeinsamen Vorgehen 1 ) und der Rückzug 
der Österreicher nahm seinen Anfang. Die Verluste der Preulsen 
betrugen 9172 Mann, die der Österreicher 43421 Mann, darunter 
12879 unverwundete Gefangene und 187 Geschütze. 

Am 3. April 1866 (3 Monate vor der Schlacht) hat Moltke den 
Plan gefafst, 900Ü0 oder 150000 Mann auf der Front Chlumetz- 
Horitz zu versammeln und mit ihnen defensiv gegen Königgrätz zu 
operieren, während gleichzeitig 114000 Manu aus der Linie Königinhof- 
Nachod offensiv in Kichtung auf Jaromir vorgingen. Diese Schlacht 
war lür den 19. Tag nach Eröffnung der Operationen geplant. In 
Wirklichkeit fand sie am 17. Tag statt (16. Juni bis 3. Juli). 

Auch hier bemerken wir, dals die Pläne Moltkes wie im Jahre 
1870, vollkommen ausgeführt wurden. 

Die 192 Bataillone oder 221000 Mann und 780 Geschütze 
zählende prcufsische Armee nahm in der Schlacht eine Frontbreite 
von 14 — 15 Werst ein. 

Von diesem Mafs ausgehend, sehen wir, dals im Jahre 1870 
die 429 Bataillone starken drei deutschen Armeen, zur Schlacht auf 
einer Front von 30—35 Werst vereinigt werden konnten. Dies 
beweist der Befehl Moltkes vom 9. August für den Vormarsch der 
L Armee auf der Strafse Saarlouis- Boulay und südlich, der II. Armee — 
St. Avold-Nom6ny und südlich, und der III. Armee— Saarunion- 
Dieuze und südlich (Frontbreite 40—60 Werst). Augenscheinlich 
hätte bei einem Zusammenstofs mit dem Gegner die Froutbreite auf 
30 Werst verringert werden können, und dies für eine Armee von 
15—16 Armeekorps. 

Moltke bemühte sich immer, seine Armeen getrennt von einander 
zu halten. „Die Versammlung zweier bis dahin getrennter Armeen 
auf dem Schlachtfelde halte ich für die Krone alles dessen, was in 
dieser Beziehung die Strategie erreichen kann''. ,.Aus diesem Grunde 
war in dem Plan für den Feldzug 1866,"' sagt Moltke, „beabsichtigt, 
den zu Beginn des Krieges unvermeidlichen getrennten Vormarsch 



i) Moltko „gesammelte Schriften' 4 , Bd. III, S. 428. 



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Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



149 



der beiden Armeen bis zum Zusammentreffen mit den Hauptkräften 
des Gegners beizubehalten.*' M Am 29. Juni 1866 lieferten die 
Schwierigkeiten, welche durch den gleichzeitigen Vormarsch der für 
das am 28. stattgefundene Gefecht bei MUnchengrätz notwendigen 
grolsen Massen entstanden waren, einen neuen Beweis dafür, wie 
notwendig es ist, die Kolonnen der Hauptkräfte so lange als möglich 
getrennt zu lassen. 3 ) 

Uberhaupt führt ein detailliertes Studium der von Moltke ange- 
stellten Berechnungen und ihr Vergleich mit den wirklich ange- 
ordneten und ausgeführten Bewegungen uns zu dem Schlufs, dal6 
Moltke in hohem Mal'se das Talent besals, grolse Massen zu lenken. 
Vergleichen wir die von uns unter Rubrik c des Kapitels 1 ange- 
gebene Verteilung der Korps zum Vormarsch in die Linie Tont ä 
Mousson-Nancy-Luneville, wie sie am 6. Mai 1870 geplant war 3 ) 
mit der von Napoleon HI. durch Befehl vom 4. August 4 ) verfügten 
Verteilung der französischen Armee. Wir nehmen hierbei an, dafs 
die Korps Mac Mahon und Douai zur Hauptarmee herangezogen 
sind, dafs die französischen Bataillone vollzählig sind und die ge- 
samte französische Armee die bereits vor dem Krieg (durch General 
Frossard) rekognoszierte Stellung auf den Höhen von Kadenbronn 
hesetzt hat, mit dem rechten Flügel bei Saargemünd, dem Centrum 
in Kadenbronn, dem linken Flügel in Ottingen und Tedringen, in 
einer Frontausdehnung von 12 — 18 Werst, 5 ) unter Verlängerung der 
Stellung für Teile des Korps Ladmiraalt und Mac Mahon mit Douai, 
so sehen wir, dafs Moltke dirigieren konnte: 

Im Centrum — 181 Bataillone, 680 Geschütze der II. Armee 
gegen 164 Bataillone, öiU Geschütze Frossards, Bazaincs, Canroberts 
und der Garde. 

Auf dem rechten Flügel — 75 Bataillone, 270 Geschütze der 
1. Armee gegen i$9 Bataillone, 90 Geschütze Ladmiraults. Auf dem 
linken Flügel — lö;S Bataillone, 576 Geschütze der HI. Armee 
gegen 129 Bataillone, 300 Geschütze Mac Mahons. Faillys und 
Douais. 

Wenn wir die bei Weifsenburg, Wörth und Spicheren gezeigten 
vortrefflichen Eigenschaften der französischen Truppen in Erwägung 
ziehen, müssen wir gestehen, dafs man in dieser Schlacht um die 



») Wojenny Sbornik 18i)'J, No. 7, S. 49 und Moltke, gesammelte Schritten, 
Üd. III, s. 417 und Anlage XI. 

2 ) Generalstabswerk 1Sö6, S. 151. 

3 ) Korrespondenz IhTO, S. 135. 
*) Woide, Band I, S. 57. 

'*\ Miebnewitsch, Band I, S. 79. 

!0* 



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150 



Die Thätigkeit Moltkes als Chef des Generalstabes. 



Stellang von Kaden bronn am ehesten auf einen Erfolg des preufsischen 
rechten Flügels rechnen konnte, in Anbetracht des hervorragenden 
Ftihrertalentes des auf diesem Flügel kommandierenden General von 
Steinmetz, welcher den Feldzug im Jahre 1866 so siegreich einge- 
leitet hatte. Auf der anderen Seite sehen wir, wie schwierig in 
diesem Falle der Aufmarsch der deutschen Armee zur Schlacht um 
diese Stellung geworden wäre, wenn Moltke, nach den bekannten 
Mißverständnissen mit Steinmetz, ihm erlaubt hätte, in die Linie 
Saarlouis-Saarbrücken und weiter Uber Saarbrücken zu marschieren 
Dann hätte Moltke durch die Armee Steinmetz eine starke Avant- 
garde vor der Front der DL Armee erhalten, welche die Tiefe des 
preufsischen Centrums Ubermäfsig vergrö Isert hätte und gleichzeitig 
hätte er sich einer beständig jede Stellung des Feindes flankierenden 
Armee beraubt und gerade dieses erstrebte und erreichte Moltke 
immer durch getrennten Marsch der Massen. 1 ) 



S c h 1 u f s. 

Wenn unser kurzer Abrifs der Thätigkeit Moltkes während der 
Mobilmachung unseren Kameraden — den Offizieren des General- 
stabes — einen Begriff von der ungeheueren auf dem Chef des 
Generalstabes ruhenden Arbeitslast giebt, so sind wir Uberzeugt, 
dal's wir zum Nutzen des Generalstabes keine vergebliche Arbeit 
geleistet haben, ebenso auch zum Nutzen unserer Armee, deren 
„Fehler verbesserungsfähig und deren Eigenschaften einzig dastehend" 
sind. 2 ) Wir bitten unsere Kameraden, sich von dem zuweilen 3 ) ge- 
predigten Grundsatz los zu raachen, dafs „die vorbereitenden Ope- 
rationen in der gegenwärtigen Zeit Sache streng mathematischer 
Berechnung" sind. Der Krieg ist — keine Mathematik und sehr 
verschieden von Zügen auf dem Schachbrett. Sich davon zu über- 
zeugen ist nicht schwer — wenn man nur mit Aufmerksamkeit Tag 
für Tag die 32 Bände der „Correspondance" Napoleon I. und die 
5 Bände der „Korrespondenz" Moltkes durchliest. Liebhabern von 
mathematischen Berechnungen im Kriege kann man mit den Worten 

1 ) Vergleiche Moltke, gosammeltc Schriften, Bd. III, S. 419, mit Wojenny 
Sbornik 1891, No. 7, S. 50 und Korrespondenz 1870, S. 195 und 207. 

2) Kuropatkin, Thätigkeit des Detachements Skobclew. Petersburg 1885, 
Bd. I. Einleitung. 

=») Disterloh, Russki Invalid 1898, No. 7, S. 1. 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 151 

M. J. Dragomirows l ) antworten, dals ,.diejenigeu, welche sich ein- 
bilden, man könne einer gegen sie angesetzten Kavallerie-Attacke 
auf ihrem ganzen Wege mit Feuer begegnen, einseitige Anhänger 
der Feuertaktik sind, ftlr welche nur die Entfernungszahlen, die 
Menge der verfeuerten Geschosse und die Treffertabellen des 
Friedens maßgebend sind, und welche nicht ahnen, dals alles dieses 
nichts mehr als Daten für wertlose arithmetische Übungen sind in 
einer Schlacht, in welcher der Mensch die wichtigste und in Bezug 
auf seine hauptsächlichsten, d. h.Willens-Eigenschaften, unvollkommenste 
Waffe ist." 



XII. 

Strategische Rückblicke auf die Ereignisse im südöstlichen 
Teile des französischen Kriegsschauplatzes im Dezember 1870 

nnd Jannar 1871. 

V, n 

Masehke, Oberst z. D. 
(Fortsetzung.) 

Für die deutsche Heeresleitung in Versailles blieb die Situation 
betreffs der Armee Bourbakis noch immer eine zweifelhafte. Die 
auf Anordnung des Oberkommandos der IL Armee durch General 
v. Rantzau von Montargis gegen Briare ausgeführte Rekognoszierung 
hatte am 26. Dezember zwar festgestellt, dafs letzterer Ort vom 
Feinde geräumt worden, die in den nächsten Tagen auf der Strafse 
nach Nevers entsandten Abteilungen waren jedoch mit Nationalgarden 
and Franktireurs zusammengestofsen. Das grolse Hauptquartier ver- 
mochte daher auf eine Anfrage des Generals v. Werder am 30. 
abends nur den Bescheid zu erteilen, dafs Bourbakis Armee ihre 
Stellung bei Bourges nicht verlassen zu haben scheine und dafs somit 
die bei ßesancon konstatierten französischen Truppen nur Neuforma- 
tionen sein dürften. Auch beim 14. Armeekorps waren noch keine 

l) Raswjedshik, 1898, No. 390, 8. 806. 



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152 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

Meldungen eingegangen, welche die Ankunft der L französischen 
Armee auf dem südöstlichen Kriegsschauplatze bestätigten. 

Die am 81. Dezember von der 4. Reservedivision erstattete 
Meldung, dafs die Brucken Uber den Ognon zerstört wären, liefs 
aulserdem auf eine defensive Haltung des Gegners schlielsen; ferner 
sollten Isle s. Doubs, Clerval und Baume-les-Dames nur noch schwach 
vom Feinde besetzt und die oberhalb Besancon Uber den Doubs 
führenden Brücken ebenfalls gesprengt sein. 

Im grolsen Hauptquartier glaubte man unter den obwaltenden 
Umständen, gegen die Truppenansammlungen auf dem südöstlichen 
Kriegsschauplatze wieder einen jener Offensivstöfse in Aussicht nehmen 
zu sollen, wie sie schon mehrfach vom 14. Armeekorps ausgeführt 
worden waren. Am 1. Januar 1871 erhielt demnach General von 
Werder eine Depesche des Inhalts, dals eine Wiederaufnahme der 
Offensive erwünscht wäre. Für die zwischen Nuits und Montbard 
angekommene 13. Division war in Verbindung mit diesem Offensiv- 
stöfse ein Vorrücken in der Richtung auf Dijon projektiert. Die 
Lage des Korps Werder schien jedoch noch nicht soweit geklärt, 
dals dasselbe alsbald zur Offensive Ubergehen konnte. Es erhielt 
sich noch immer das Gerücht von der Ankunft einer französischen 
Armee bei Besangon. 

Im grofsen Hauptquartier waren inzwischen neue Nachrichten 
eingegangen, welche nur in der Annahme bestärken konnten, dafs 
Bourbaki noch bei Bourges stände. Vor Briare war am 31. Dezember 
eine starke feindliche Truppenabteilung unter dem General Du 
Temple erschienen, welche das Detachement Rantzau zum Rückzüge 
auf Gien gezwungen hatte. Das grofse Hauptquartier glaubte nach 
Eingang der Berichte der II. Armee Uber das Verhalten des Feindes 
bei Briare, in jenen angriffsweise auftretenden Streitkräften die Vor- 
truppen der I. Loire-Armee erblicken zu müssen. 

Andererseits hatte General Chanzy zur besseren Beobachtung 
des ihm gegenüberstehenden Gegners schon seit dem 23. Dezember 
angefangen, einige Detachements gegen den Loir vorzuschieben, was 
zu mehreren Gefechten mit den deutschen Vortruppen geführt hatte. 
Diese Vorgänge bei Vendöme und vor der Front der Armeeabteilung 
des Grolsherzogs Helsen bei der obersten Heeresleitung die Ver- 
mutung entstehen, die Franzosen dürften beabsichtigen, gleichzeitig 
von Le Mans und Bourges auf Paris vorzustolsen. 

Sollten den getrennten feindlichen Armeen gegenüber die Vor- 
teile der inneren Linien ausgenutzt werden, so war jedenfalls ein 
schneller, mit allen verfügbaren Kräften geführter Angriff auf den 
nächsten und gefährlichsten Gegner geboten! Das Oberkommando 



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4 



Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 153 

der IL Armee erhielt daher noch am 1. Januar nachmittags auf 
telegraphischem Wege den Befehl, den westlich des Loir sich fühlbar 
machenden französischen Heeresabteilungen von Yendöme und Illiers 
aus entgegen zu treten. Teile der Einschliefsungsarmee von Paris, 
sowie das Korps des Generals v. Zastrow hatten mittlerweile den 
General ßourbaki aufzuhalten, falls dieser im Loiug-Thale vor- 
drängte. 

Dem am Neujahrstage 1871 erhaltenen Befehle entsprechend, 
trat Prinz Friedrich Karl am 6. den Vormarsch gegen Le Mans 
an, indem er in Orleans die grofsherzoglich hessische Division zurück- 
liels. Es stellten der Bewegung sowohl die Jahreszeit, wie die 
Bodenbeschaffenheit die gröfsten Schwierigkeiten entgegen. Unter 
täglichen, siegreichen Gefechten drang aber die Armee gegen die 
Sarthe vor. Am 10. Januar wurde die Gegend von Le Mans erreicht 
und nach dreitägiger Schlacht, welche mit der völligen Niederlage 
der Franzosen endete, Chanzys Armee hinter die Mayenne zurück- 
geworfen. Prinz Friedrich Karl verblieb vorläufig bei Le Mans 
and AlenQon, indem er die Trümmer der feindlichen Armee nur durch 
Detachements verfolgen liels. 

Chanzy war also entscheidend geschlagen, bevor noch die in 
den neuformierten Korps 19 und 25 verheifsenen Verstärkungen ihm 
zagegangen, und ehe er noch die unter Bourbakis Mitwirkung beab- 
sichtigte Offensive gegen Paris hatte antreten können. Den Opera- 
tionen der französischen Ostarmee war damit aber schon der eigent- 
liche Boden entzogen, während ßourbaki noch mit dem ersten 
Teile seiner Aufgabe, der Vernichtung des Korps v. Werder und 
der Entsetzung von Beifort beschäftigt war. 

Von der Armee Bourbakis waren, wie bereits erwähnt worden, 
die Spitzen am 27. Dezember in Chälon s. Saöne und in Chagny 
eingetroffen. Nur langsam marschierte in den folgenden Tagen die 
Armee auf der Linie Auxonne-Dampierre-Besan^on auf. Nach den 
Angaben Freycinets sammelte sich das in Chagny ausgeschiffte 
18. Korps bei Auxonne, das 20. bei Dampierre und das 24. scheint 
in Besancnn debarkiert zu haben, ßourbaki hatte sein Haupt- 
quartier zuerst in Chälon s. Saöne und in Dole gehabt, dann verlegte 
er es nach Besane,on. Die speziellen Anordnungen zur Ausführung 
des von Gambetta, bezw. von Frey einet nur in seinen Haupt- 
omrissen angegebenen Operationsplanes waren dem General ßourbaki 
anheiragestellt geblieben. Jedoch hatte er die Weisung erhalten, 
an jedem Abende die für den nächsten Tag ausgegebenen Befehle 
and die denselben zu Grunde liegenden Motive zur Kenntnis des 
Kriegsministers zu bringen. Nach Bourbakis Ankunft in Beäancon 



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154 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

begannen hier also die näheren Beratungen Uber den Angriff auf 
das Korps Werder und die Entsetzung von Beifort. 

Man mochte ursprünglich die Hoffnung gehegt haben, den 
General v. Werder in seiner ausgedehnten Stellung von Dijon und 
Gray zu Uberraschen, der rechtzeitige KUckzug desselben hatte aber 
jedenfalls dergleichen Absichten vereitelt. Das Resultat der Beratung 
in Besan^ron war demnach, dafs man beschlofs, mit der Armee auf 
Villersexel und Espreis vorzurücken, um von hieraus zum Angriff 
auf das deutsche Korps bei Vesoul zu schreiten und dabei dasselbe 
gleichzeitig von seiner direkten Verbindung mit den Belagerungs- 
truppeu von Beifort abzuschneiden. Zur Sicherung der rückwärtigen 
Verbindungen hatte Garibaldi von Dijon aus die bis Gray sich 
erstreckende Linie zu decken. Die Mitwirkung des 15. Korps war 
filr den Angriff auf Vesoul noch nicht in Aussicht genommen, weil 
man dessen vollständige Ankunft auf dem Kriegsschauplatze nicht 
mehr abwarten zu können glaubte. 

Wenn Bourbaki den Plan verfolgte, mit seinem Angriffe auf 
Vesoul gleichzeitig den Gegner hier von der Strafse Lure und Beifort 
abzudrängen, so war wohl ein wesentliches Erfordernis für das Ge- 
lingen desselben, dafs er den Marsch auf Villersexel dem Feinde 
solange als möglich zu verbergen vermochte, damit dieser nicht etwa 
rechtzeitig die Stellung bei Vesoul verliels und seine Vereinigung 
mit dem Belagerungskorps von Beifort vollzog. Der französische 
Heerführer verlegte daher die Marschlinie seiner Armee auf die in 
der Nähe des Ognon laufenden Stralsen. Allerdings bildete ein 
solches Vorrücken auf Villersexel gegenüber der deutschen Stellung 
bei Vesoul einen Flankenmarsch; bei seiner grofsen Übermacht 
brauchte jedoch Bourbaki wohl keine Besorgnis zu hegen, dafs er 
während dieser Bewegung durch einen etwa erfolgenden Offensivstols 
des Gegners in eine milsliche Lage geraten könnte. Der Angreifer 
hatte also das Bestreben, das deutsche Korps bei Vesoul zur Schlacht 
zu zwingen, um ihm hier eine schwere, womöglich vernichtende 
Niederlage zu bereiten, so dafs dasselbe wenigstens für die nächste 
Zeit nicht mehr den Gegenstand einer ernstlichen Gefahr ftlr den 
Kücken der französischen Ostarmee bilden konnte, wenn dieselbe 
ihren Vormarsch gegen die rückwärtigen Verbindungen des deutschen 
Heeres bewerkstelligte. 

Beabsichtigte Bourbaki überhaupt gegen die Linie Chalons- 
Nancy vorzurücken, so durfte er sich auch nicht durch ein gröfseres 
feindliches Korps im Kücken bedroht und dadurch zur Teilung seiner 
Streitkräfte genötigt sehen. Von grofser Wichtigkeit war es dabei 
auch noch, das bei Vesoul stehende Korps gleichzeitig von der 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 155 

durch die Enge von Beifort nach dem Rheinthal führenden Strafse 
abzuschneiden, denn verblieb General v. Werder im Besitze der 
direkten Verbindung mit dem Oberrhein, so ging damit auch die 
Aussicht auf die Führung eines entscheidenden Schlages gegen den- 
selben verloren. Der preulsische General konnte schließlich, wenn 
es unumgänglich notwendig wurde, unter Preisgebung der Belagerung 
von Beifort durch einen weiteren Rückzug im südlichen Elsafs einer 
Schlacht ausweichen, und es wäre dann gar nicht abzusehen gewesen, 
wie eine baldige Niederlage desselben herbeigeführt werden sollte. 
Bourbaki vermochte gar nicht zu folgen. Schon die allgemeine 
strategische Situation drängte darauf hin, dafs die französische Ost- 
armee sobald als nur irgend möglich gegen die Linie Chälons-Naucy 
vorrückte, um diese für die Deutschen wichtige Verkehrsader zu 
durchschneiden und dann die Kooperation zum Entsätze des durch. 
Hunger äufserst bedrängten Paris zur Geltung zu bringen. 

Andererseits mufste aber Bourbaki bei einer Diversicn gegen 
General v. Werder stets die Möglichkeit des Anmarsches einer 
deutschen Hilfsarmee aus der Richtung von Paris im Auge behalten, 
um sich nicht etwa durch dieselbe seiner eigenen rückwärtigen Ver- 
bindungen Uber Besancon nach Lyon beraubt zu sehen. Denn je 
weiter die französische Ostarmee durch die Enge von Beifort in dem 
Elsals vorgedrungen wäre, desto mehr hätten sich auch die Gefahren 
für ihre Ruckzugslinie in demselben Verhältnis vergröfsert, als die 
deutsche Hilfsarmee Zeit gewann, heranzukommen. War es dem 
General v. Werder aber gelungen, den südlichen Elsafs zu erreichen 
und somit der von Bourbaki gesuchten Entscheidung auszuweichen, 
so mulste der letztere, sobald er nach der Entsetzung von ßelfort 
den Marsch gegen die Linie Chalons-Nancy aufnahm, oder gar sich 
gezwungen sah, einer deutschen Hilfsarmee entgegen zu rücken, 
jeden Augenblick auch die Wiederaufnahme der Offensive seitens 
des Generals v. Werder gewärtigen, die sich dann gegen seinen 
Rücken gerichtet und ihn zur Teilung seiner Streitkräfte genötigt, 
möglicherweise seine Vernichtung herbeigeführt hätte. Glückte es 
aber Bourbaki, dem Korps Werder bei Vesoul die Stralse nach 
Lure abzuschneiden und dasselbe westlich der Vogesen zurückzu- 
werfen, so wäre damit das Belagerungskorps von Beifort isoliert und 
zum Abzüge gezwungen gewesen. 

Die dem Korps Garibaldi gestellte Aufgabe, die rückwärtigen 
Verbindungen der Hauptarmee zu sichern, mulste dessen Kräfte Uber- 
steigen. Dasselbe enthielt viele unzuverlässige Elemente und besafs 
auch nur wenig Artillerie; die zahlreichen, jedoch ungeübten und 
schlecht bewaffneten Nationalgarden des Generals Pellissier bildeten 



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156 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

aber auch kein geeignetes Material für eine Thätigkeit im offenen 
Felde. Selbst fllr die Ausübung eines ausgedehnten Sicherheitsdienstes 
erwuchsen dem Korps Garibaldi wegen Mangels an der nötigen 
Reiterei sehr erhebliche Schwierigkeiten. General Bourbaki hätte 
jedenfalls nicht unterlassen sollen, ein weiteres Korps für die Deckung 
seiner rückwärtigen Verbindungen zu verwenden, fllr welches die 
Aufstellung bei Gray die geeignete gewesen wäre. 

Inzwischen hatten sich das 18. und 20. französische Korps von 
ihren Sammelplätzen Auxonue bezw. Dampierre in Bewegung gesetzt. 
Das 18. ging bei Pesines am 2. und 3. Januar Uber den Ognon 
und rückte nördlich des Flusses auf Villersexel vor, während das 
20. Korps auf dem linken Ufer verblieb und am 8. Januar Cuze 
bei Hougemont erreichte. Das 24. Korps verfolgte von Besancon 
aus die Strafse auf Hougemont; seine 3. Division gelangte am 7. 
nach Huanne. Die Märsche gingen nur sehr langsam von statten. 
Bei der eingetretenen heftigen Kälte hatten die Truppen viel zu 
leiden; zahlreiche weitere Erkrankungen traten unter ihnen ein. 
Die mit Glatteis bedeckten Strafsen bereiteten besonders der Artillerie 
und Kavallerie grolse Schwierigkeiten. Die ungewohnten Strapazen 
und die mangelhafte Verpflegung konnten die Demoralisation bei 
den jungen, haltlosen Truppen nur fördern. Das 15. Korps war 
noch immer nicht vollständig eingetroffen. Mau hatte dasselbe auch 
Uber Besancon hinaus nach der kleinen Station Olerval beiordert, 
welche sowohl des nötigen Raumes ermangelte, um hier ein Armee- 
korps ausschiffen zu können, wie auch namentlich der erforderlichen 
Einrichtungen für das Ausladen der Artillerie und Reiterei. Es ver- 
ursachten diese Mißstände eine geradezu chaotische Verwirrung. 

Die Division Crem er wurde vorläufig bei Dijon festgehalten, 
da die Ankunft des Korps Garibaldi dort sich verzögerte. Letzterer 
hatte das Ansinnen gestellt, dafs seine Truppen auf der Eisenbahn 
von Autun nach Dijon befördert würden, angeblich weil dieselben 
nicht mit Kapots versehen waren. Die betreffende Linie war zur 
Zeit aber noch von den Truppentransporten der Armee Bourbakis 
belegt, und aufserdem die Entfernung doch nur eine unbedeutende. 
Der Kriegsminister hatte daher das Verlangen abgelehnt. Durch die 
gepflogenen Verhandlungen verzögerte sich aber die Bewegung 
Garibaldis, so dafs dieser erst am 7. Januar mittelst Fufsmarsches 
in Dijon eintraf. Crdmer vermochte also erst am 8. nach Gray 
und Vesoul abzurücken. 

Im Hauptquartier des Generals v. Werder war man noch 
immer nicht genügend Uber die Stellung und Absichten des Feindes 
unterrichtet. Man hatte Kavallerie- und Infanterie-Rekognoszierungen 

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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 157 

nach allen Richtungen vorgetrieben, aber die Gegend war sehr schwer 
aufzuklären. Das Terrain ist allerdings nur leicht gewellt, das Land 
aber stark mit dichten Wäldern bedeckt. Die Plufsläufe zeigen sich 
nicht tief eingeschnitten, sind jedoch oft in weiter Ausdehnung von 
nassen und sumpfigen Wiesen begleitet. Der Ognon ist nur an 
einigen Punkten zu durchfurten. Zwischen diesem Flusse und dem 
Doubs werden die Erhebungen bedeutender, man trifft dort öfters 
zerklüftete Felsenpartien, die Flufsläufe sind tiefer eingeschnitten, 
das Land ist ebenfalls von Waldungen bedeckt. Was schliesslich 
spe/.iell den Doubs anbetrifft, so strömt er auf der Sohle tiefer 
Schlachten, zwischen hohen, senkrechten Felswänden dahin; man 
kann ihn nur, die Strafsen verfolgend, auf den vorhandenen Brücken 
überschreiten. Um über diesen Flufs zu gelangen, hätten die deutschen 
Truppenabteilungen zur Zeit wahre Kämpfe bestehen müssen. Die 
Rekognoszierungen, welche den Ognon passiert hatten, fanden am 
Doubs unbedingt ihr Ziel, indem dieser das Gebiet der Aufklärung 
begrenzte. 

Bis zum 5. Januar hin hatte General v. Werder den feind- 
lichen Angriff" über Clerval, lsle s. Doubs und Blamont erwarten zu 
müssen geglaubt; die eingehenden Nachrichten hezeichneten beständig 
Besancon als Haupt-Konzentrationspunkt. Der 5. Januar sollte end- 
lich mehr Klarheit in die Situation bringen. Eine Rekognoszierung 
gegen Rioz ergab, dafs dort gröfsere feindliche Massen biwakierten, 
deren Vorposten nördlich des Ortes sich zeigten. Der komman- 
dierende General dirigierte infolgedessen das Detachement v. d. Goltz 
and die 1. badische Brigade auf Rioz und Dampierre-les-Montbozon, 
während die 4. Reserve-Division auf Vallerois-le-Bois zu rücken, die 
2. und 3. badische Brigade aber eine Gefechtsstelluug auf den Höhen 
südlich Vesoul zu nehmen hatte. Der erwartete feindliche Angriff 
auf Vesoul erfolgte jedoch nicht. Kleinere feindliche Abteilungen 
versuchten nur. sich in Echenoz-le-Sec und Levrecey festzusetzen, 
wurden aber durch badische Truppen wieder herausgeworfen. Nach 
Aussage von Gefangenen standen das 18. und 20. Korps der Armee 
Bourbakis den Deutschen hier gegenüber. 

Die am 5. Januar gemachten Beobachtungen und Erhebungen 
konnten es dem General v. Werder nicht mehr zweifelhaft er- 
scheinen lassen, dafs man es hier nicht mit lockeren Neuformationen 
des Feindes, sondern wirklich mit der Armee Bourbakis zu thun 
hatte. Noch am 5. Januar abends wurde dies telegraphisch an das 
grofse Hauptquartier gemeldet. Vor Eingang dieses Telegrammes 
war am 5. Januar nachmittags von Versailles die Weisung an 
General von Werder abgefertigt worden, seine Streitkräfte zu einer 



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158 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

demnächstigen Offensive zusammenzufassen, um den Entsatz von Beifort 
zu verhindern und zum Angriff auf Langres zu schreiten. Als dieser 
Befehl in Vesoul eintraf, hatten freilich die Vorgänge am 5. Januar 
bereits zu Ergebnissen geführt, welche die der betreffenden Anordnung 
zu Grunde liegenden Annahme als nicht mehr zutreffend erachten 
lassen mufste. Die Ankunft Bourbakis in der Gegend zwischen 
Besancon und Vesoul war jetzt als eine festgestellte Thatsache an- 
zusehen. Betreffs der eventuellen Operationen des Gegners wurden 
im Hauptquartier des Generals v. Werder die möglichen Fälle ins 
Auge gefalst. 

Die feindliche Armee konnte beabsichtigen, gegen die rück- 
wärtigen Verbindungen des deutschen Heeres auf Nancy vorzudringen. 
In diesem Falle wollte man auf den Höhen, nördlich Vesoul, hinter 
dem Drugeon-Bache den feindlichen Angriff erwarten. Versuchten 
aber die Franzosen, durch eine Uber Villersexel erfolgende Rechts- 
schiebung das deutsche Korps bei Vesoul von seiner Verbindung 
mit dem Belagerungskorps Beifort abzudrängen, so wurde dieser 
Fall als der gefährlichste betrachtet. Ferner konnte die feindliche 
Hauptmacht hinter dem Ognon eine Defensiv-Stellung nehmen, unter 
deren Schutze dann ein Korps gegen Beifort geworfen wurde. End- 
lich lag die Möglichkeit vor, dals die französische Armee selbst, 
maskiert durch eine gegen Vesoul vorgeschobene Avantgarde, gegen 
Beifort vordrang. In diesem Falle glaubte man annehmen zu dürfen, 
dals der Gegner die bis Villersexel nördlich des Ognon laufende 
Strafse, weil sie zu exponiert, kaum wählen würde, und eben so 
wenig wohl die südlich des Doubs nach Pont de Roide und weiter 
oberhalb auslaufenden Kommunikationslinien wegen der Schwierig- 
keiten, welche diese durch das Juragebirge führende Bewegung mit 
sich brachte. Man war daher der Meinung, dals der Feind in ge- 
dachtem Falle den Vormarsch gegen Beifort in dem Gebiete zwischen 
Doubs und Ognon bewerkstelligen dürfte; und zwar wurde dabei 
angenommen, dals er aus der Höhe von Rioz, wo er am ü. Januar 
festgestellt war, in weniger als drei Tagemärschen die Lisaine nicht 
erreichen würde. Für den Eintritt dieser Eventualität hoffte man, 
die rechtzeitige Erkundigung des Rechtsabmarsches des Gegners vor- 
ausgesetzt, noch vor letzterem die Gegend von Beifort zu erreichen, 
um sich ihm hinter der Lisaiue zur Deckung der Belagerung des 
Platzes entgegenzustellen. Um aber der französischen Armee in 
diesem Falle um so eher einen Vorsprung abzugewinnen, nahm man 
einen Offensivstols in deren linke Flanke, etwa in der Richtung auf 
Villersexel in Aussicht, wodurch man ihrem Marsche einen Aufenthalt 
zu bereiten gedachte. 



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Strategisohe RUckblioke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 159 

Indessen blieb die Situation noch immer eine unklare. Das 
Erscheinen der feindlichen Truppenabteilungen am 5. Januar in der 
Richtung auf Vesoul konnte das Hauptquartier Werders vielleicht zu 
der Schlulsfolgerung berechtigen, dals Bourbaki einen Angriff gegen 
diesen Punkt beabsichtigte, um so mehr, da an diesem Tage gegen 
Villersexel, also weiter ostwärts, gröfsere feindliche Truppenbe- 
wegungen nicht beobachtet worden w T aren. Nach den Aussagen der 
Gefangenen glaubte man diesen Vormarsch der französischen Armee 
auf folgenden Linien annehmen zu dürfen: am linken Flügel das 
18. Korps auf der Strafse von Fretigney-Grandville, in der Mitte 
das 2l). Korps auf derjenigen von Besan(;on-Rioz und weiter rechts 
das 24. Korps in der Richtung auf Rougemont. Vom diesem Gesichts- 
punkte ausgehend, konzentrierte General v. Werder sein Korps am 
6. Januar bei Vesoul. um hier den Angriff des Feindes zu erwarten. 
Dieser Entschlul's dürfte nicht als ein glücklicher und der Situation 
entsprechender bezeichnet werden können. Das Korps Werder lief 
dabei Gefahr, durch den überlegenen Gegner von der Strafse nach 
Beifort abgedrängt zu werden. Es würde der Situation mehr ent- 
sprochen haben, wenn sich das deutsche Korps jetzt schon auf und 
hinter die Linie Lure-Villersexel zurückgezogen hätte, um hier die 
weitere Entwicklung der feindlichen Absichten abzuwarten. 

General v. Werder harrte hier bei Vesoul jedoch vergeblich 
des feindlichen Angriffs. Eine an demselben Tage von Arcey gegen 
Isle s. Doubs vorgenommene Rekognoszierung lieferte auch weiter 
keine bemerkenswerte Ergebnisse. 

Um den Gegner endlich zur Enthüllung seiner Absichten zu 
nötigen, traf man im Hauptquartier des Generals v. Werder die 
notwendigen Vorbereitungen, am 7. Januar aus der Stellung von 
Vesoul mit stärkeren Kräften einen Otfensivstofs auf der Strafse 
durch das breite Thal des Ognon gegen Raze, also gegen den linken 
Flügel des Feindes zu richten. Da jedoch bereits in der Nacht die 
Aussagen eingebrachter Gefangener ein allmähliches Zurückziehen der 
französischen Vorposten bei Raze annehmen Helsen, was auch durch 
die Meldungen der am 7. Januar früh vorgegangenen deutschen 
Patrouillen Bestätigung zu finden schien, so unterblieb dieser projek- 
tierte Offensivstofs. Es wurden demnach am 7. nur weitere Rekognos- 
zierungen gegen die feindlichen Stellungen vorgetrieben. Eine solche 
Aufklärung seitens der 3. badischen Brigade gegen Claes und Raze 
ergab aber, dals die in dieser Gegend gewesene französische Division 
ostwärts nach Mailley abmarschiert war. Dampierre-les-Montbozon 
und Bonnal wurden nur schwach von Mobilgarden und Franktireurs 
besetzt gefunden; der letzte Ort war Uberhaupt der äulserst östliche 



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1(50 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



Pnnkt im Ognonthale, wo man den Gegner fühlte. Die von der 
3. badischen Brigade eingelaufenen Meldungen Uelsen nun zwar auf 
einen Rechtsabmarsch des Feindes schliefsen, doch erschien derselbe 
noch nicht in dem Mafse bestätigt, dafs General v. Werder sich zum 
Rückzüge gegen Beifort bewogen gefunden hätte. 

Im grolsen Hauptquartier zu Versailles war man noch am 
5. Januar der Überzeugung, dals die Armee Bourbakis in der alten 
Stellung bei Bourges sich befände. Auf die Meldung des Generals 
v. Werder von demselben Tage, welche die Ankunft der französischen 
Ostarmee zwischen Besancon und Vesoul konstatierte, traf die oberste 
deutsche Heeresleitung aber alsbald die nötigen Malsregeln, um dem 
Feinde auf dem südöstlichen Kriegsschauplatze mit einer grölseren 
Streitmacht entgegen zu treten und damit das Korps Werder zu 
unterstützen. General v. Zastrow, der inzwischen wieder nach 
Auxerre vorgerückt war, wurde mit der 13. Division auf ChAtillon 
s. Seine zurück beordert. Ebendahin instradierte man die 14. preufsi- 
sche Division, welche durch die Übergabe von Mezieres verfügbar 
geworden war. Die früher zur Verstärkung der 13. Division heran- 
gezogene Brigade Dannenberg verblieb zwischen Monthard und St. 
Marc, um die Deckung gegen die in dieser Richtung sich zeigenden 
Garibaldianer zu Ubernehmen und den rückwärtigen Eisenbahnknoten- 
punkt Nuits sous Ravieres zu sichern. 

Der General v. Werder wurde am 6. Januar mittels Telegramm, 
welches zugleich den von ihm tur den 7. beabsichtigten Offensivstols 
guthiefs. von der Konzentrierung des 7. Armeekorps in Kenntnis 
gesetzt und erhielt auch noch besondere Instruktionen. Für den 
Fall, dafs der erwähnte Offensivstol's bei Vesoul müslänge, sollte 
das deutsche Korps sich auf dem südlichen Elsafs basieren. Drang 
die feindliche Armee aber über Langres gegen die rückwärtigen 
Verbindungen des deutschen Heeres vor, so hatte sich das Korps 
Werder ihr im Rücken anzuhängen, während das nötigenfalls durch 
ein weiteres Korps zu verstärkende 7. Armeekorps den Gegner in 
der Front angriff. 

Die schon hier in Betracht gezogene weitere Verstärkung der 
gegen Bourbaki zu entwickelnden Streitkräfte wurde bald darauf 
auch angeordnet, indem das bereits von Paris auf Moutargis dirigierte 
2. Armeekorps die Weisung erhielt, über Joigny und Tonuerre den 
Marsch auf Nuits sous Ravieres fortzusetzen. Den Oberbefehl Uber 
das 2. und 7. Armeekorps, die jetzt mit dem 14. zusammen die Be- 
zeichnung „Süd-Armee-' führen sollten, erhielt General v. Manteuffel 
übertragen; solange die beiden Gruppen dieser neuen Armee ihre 
Vereinigung aber noch nicht bewerkstelligt hatten, sollte General 



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Strategische Rtickblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 1H 1 

v. Werder sein Kommando selbständig führen und mit dem grolsen 
Generalstabe in direktem Verkehr bleiben. 

Am 7. Januar erging an General v. Werder eine schriftliche 
Instruktion, die aber erst am 10. abends bei Frahier in seine Hände 
gelangte. Es wurde darin dem General aufgegeben, unter allen 
Umständen die Belagerung von Beifort zu decken. Es wurde ferner 
die bestimmte Erwartung ausgesprochen, dafs, nachdem das 14. Armee- 
Korps von der Sicherung der Gegend westlich der Vogesen entbunden 
worden, es dem General, eventuell unter Heranziehung aller für die 
Cernierung nicht unbedingt notwendigen Truppen, gelingen würde, 
einer feindlichen Offensive gegen Beifort solange zu begegnen, bis 
das Eingreifen der beiden anderen Armeekorps wirksam werden 
konnte. Es wurde noch ganz besonders darauf hingewiesen, dai's 
das 14. Korps nur Bedacht auf Sicherung der eigenen rechten Flanke 
nehmen sollte, in welcher Beziehung eine durch Detachements zu 
Uberwachende gründliche Zerstörung der durch den südlichen Teil 
der Vogesen führenden Stralsen wichtig sein konnte. Ferner sollte 
die Beobachtung des etwa westlich der Vogesen in nördlicher Rich- 
tung vorrückenden Feindes nicht aus den Augen gelassen werden, 
und hatte General v. Werder dieserhalb mit dem Generalgouver- 
nement von Lothringen in Verbindung' zu bleiben. Jede lusurgierung 
im Rücken des 14. Korps sollte nach Kräften gehindert werden, 
wozu auch das Generalgouvernement von Elsafs angewiesen war. 
Es sollte selbst bei einem momentanen Zurückweichen General von 
Werder stets danach trachten, die engste Fühlung mit dem Feinde 
zu halten, um sogleich die Offensive wieder zu ergreifen, wenn der 
Feind sich vor dem 14. Korps schwächte, und um denselben daran 
zu verhindern, dafs er sich mit Überlegenheit auf das heranrückende 
2. und 7. Korps würfe. 

General v. Manteuffel empfing am 10. Januar im grolsen 
Hauptquartier zu Versailles die nötigen Weisungen. Die ihm münd- 
lich erteilten Direktiven konnten, gleich wie die Instruktion für den 
General v. Werder, nur allgemeine Gesichtspunkte aufstellen, da es 
immer noch zweifelhaft war, ob Bourbaki gegen Bei fort, oder in 
nördlicher Richtung westlich der Vogesen vorzudringen beabsichtigte. 
Es mulste daher vorerst dem General v. Manteuffel Uberlassen bleiben, 
seine Operationen je nach dem Eintreten der einen oder der anderen 
dieser Eventualitäten zu bemessen. Für den Fall aber, dals der 
Feind gegen Beifort vordrang, erhielt der Oberbefehlshaber der Sud- 
armee den Auftrag, gegen die Rückzugslinie Bourbakis zu operieren, 
wofern die Situation sich dahin gestaltete, dafs das 14. Korps dem 
feindlichen Angriffe solange Widerstand zu leisten vermochte, bis 



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162 Strategisehe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



eine weiter gegen Westen verlegte Bedrohung der französischen 
Rtlckzugslinie ihre Wirkung auf die Entschliefsungen des Gegners zu 
äufsern begann. Stand jedoch zu befürchten, dals das Korps Werder 
dem feindlichen Anprall unterliegen wUrde, so mufste es geboten 
erscheinen, direkte Hilfe nach dem betreffenden Punkte zu bringen. 

Die französische Ostarmee bewerkstelligte also unterdessen ihren 
Vormarsch zu beiden Seiten des Ognon unter den gröüsten Schwierig- 
keiten. Die zur Deckung der linken Flanke von Bourbakis Armee 
gegen Yesoul vorgeschobenen Truppen waren bereits am 5. Januar 
mit den Vortruppen des Korps Werder zusammengestoßen. Deutscher- 
seits hielt man sie für die Spitzen der gegen Vesoul vordringenden 
feindlichen Armee, während das Gros dieser letzteren thatsächlich 
im Ognonthale gegen Villersexcl marschierte. Wie aus einer Depesche 
Bourbakis an Chanzy vom 8. Januar aus Montbozon hervorgeht, war 
des ersteren Armee an diesem Tage mit dem 18. Korps in der 
Gegend von Montbozon mit dem 20. und 24. in Rougemont und Luze 
auf dem linken Ognonufer angelangt. Villersexel wurde seitens des 
20. Korps mit einer Abteilung besetzt. 

Beim Korps v. Werder herrschten am 7. Januar Abends noch 
immer Zweifel Uber die Marschrichtung des Gegners und dessen 
Absichten, jedoch wurden bereits Vorbereitungen zum etwa notwendig 
werdenden Abmärsche getroffen. Die im Laufe des 8. in Vesoul 
eingehenden Meldungen lauteten dahin, dafs Scey s. Saöne, Mailley 
und die Dörfer Uber Filain nach Vallerois-le-Bois mit feindlichen 
Truppen belegt wären. Der östlichste Punkt, wo man den Feind 
konstatiert, war Saint Fergeux an der Straise nach Beifort. Als 
sehr wichtig mufste aber die Nachricht erachtet werden, dals der 
Major v. Rundstedt vom 2. Keserve-Husaren-Kegiment hei einer 
Rekognoszierung gegen Dampierre-les-Montbozon den Marsch starker 
französischer Kolonnen, geschätzt auf 15 (XX) Mann, beobachtet hatte, 
welche aus der Richtung von der Straise Besamjon- Vesoul Uber 
Anthoison und Umgegend sich auf Rougemont dirigierten. Da diese 
Wahrnehmungen auf den in der Ausführung begriffenen Abmarsch 
des Feindes gegen Beifort hinzudeuten schienen, wurde in Voraus- 
sicht das für diesen Fall gegen Villersexel zu fuhrenden Offensiv- 
stofses die 4. Reserve-Division bis Noroy-le-Bourg vorgeschoben. 

Hatte man also im Hauptquartier des Generals v. Werder einen 
eventuellen Linksabmarsch gegen die Lisaine und Beifort in Aussicht 
genommen, so bildete doch am 8. Januar spät abends immer noch 
die Erwartung eines feindlichen Angriffs bei Vesöul den Gegenstand 
näherer Krwägung. Es geht dies aus dem Korpsbefehle hervor, der 
am 8. abends 9 Uhr erlassen wurde, in welchem ausdrücklich gesagt 



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Strategische Rüokblieke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 163 

ist: „Im Falle eines Angriffs werde ich Vesoul halten." Der 
Patrouillengang in der Nacht zum 9. führte aber zu wichtigen Auf- 
klärungen. Villersexel wurde feindlich besetzt gefunden und die 
südwärts Vesoul streifenden Patrouillen meldeten den Abzug der bei 
Echenoz-le-Sec, an der Strafse nach Rioz gestandenen französischen 
Vorposten. Der Rechtsabmarsch des Gegners auf Beifort schien also 
bestätigt. General v. Werder säumte nun nicht mehr, auch seiner- 
seits den Abmarsch gegen Beifort anzutreten und in Verbindung da- 
mit den Offensivstols gegen Villersexel ausführen zu lassen. In dem 
am 9. morgens 3 Uhr erlassenen Korpsbefehle wurde bestimmt, dals 
die badische Division sofort Uber Vy les Lure nach Athesans mar- 
schieren sollte, die 4. Reserve-Division v. Schmeling auf Villersexel. 
Das Detachement v. d. Goltz hatte nach Noroy-le-Bourg zu rücken. 

Am frühen Morgen des 9. Januar ging aber noch von dem 
Belagerungskorps Beifort eine Meldung in Vesoul ein, aus welcher 
man schlielsen mufste, dafs der Vormarsch des Feindes in dieser 
Richtung denn doch bereits weiter gediehen war, als man bisher 
konstatiert zu haben meinte. Eine von dem Detachement Zglinicki 
aus Arcey gegen Arcollans ausgesandte Offizierspatrouille hatte die 
Beobachtung gemacht, dals die Höhen bei diesem 'Orte stark vom 
Feinde besetzt waren. In Modifizierung des um 3 Uhr morgens er- 
lassenen Korpsbefehls wurde dann um 6 Uhr noch bestimmt, dafs 
die durch zwei Batterien und durch eine Abteilung Kavallerie ver- 
stärkte 1. badische Brigade auf der Strafse Lure-Hericourt nach 
Coothenans marschieren sollte. Am 9. Januar morgens setzten sich 
also die Truppen, des 14. Armeekorps auf den ihnen bestimmten 
Marschlinien in Bewegung. 

General Bourbaki hatte schon in dem Telegramm, welches er 
am 8. Januar an Chanzy richtete, die Möglichkeit eines ersten ernst- 
lichen Zusammenstofses mit seinem Gegner bei Villersexel in Er- 
wägung gezogen. An diesem Tage hatte, wie wir gesehen haben, 
die Spitze der französischen Ostarmee Villersexel erreicht, war also 
bereits über die Höhe von Vesoul hinausgelangt, wo General von 
Werder noch in der Erwartung eines feindlichen Angriffs stand und 
der weiteren Klärung der feindlichen Absichten entgegen sah. Be- 
merkenswert ist ferner, dafs die am linken Ognonufer marschierenden 
Korps 20 und 24 bei Rougemont und Cuze einen Vorsprung hatten 
Tor dem auf dem anderen Flufsufer bei Montbozon befindlichen 
18. Korps; auch gedachte Bourbaki, wie er in der erwähnten 
Depesche bemerkte, für den 9. Januar mit dem 18. Korps in Mont- 
bozon zu bleiben, so dals der von den anderen Korps erreichte 
Vorsprang bestehen blieb. Es dürfte mit Rücksicht auf diese Um- 

JikrbbcUr für die dentache Armee und Marin». Bd. 113. 2. 11 



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164 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



stände die Annahme nicht unberechtigt erscheinen, dals Bourbaki im 
Begriff war, seine Armee eine Linksschwenkung vollziehen zu lassen, 
für welche das 18. Korps bei Montbozon das Pivot bildete, und dafs 
er dann beabsichtigte, mit vereinten Kräften gegen das Korps Werder 
vorzugehen, dasselbe von der Stralse nach Lure abzudrängen und 
die Belagerungstruppen vor Beifort zu isolieren. 

Wie gefährlich sich die Lage für den General v. Werder rück- 
sichtlich seiner Verbindung mit dem Belagerungskorps von Beifort 
am 8. Januar schon gestaltet hatte, geht schon aus dem einfachen 
Umstände hervor, dafs an diesem Tage für das Gros des deutschen 
14. Armeekorps die Entfernung von Vesoul bis Frahier, in Luftlinie 
gemessen, 6 Meilen betrug, und von dort nach Hericourt Vj^ Meilen, 
während das 24. französische Korps von Cuze bis Hericourt und 
das 15. von Clerval ebendahin kaum 4 Meilen zurückzulegen hatten. 
Würde es den Franzosen gelungen sein, am 9. die besprochene 
Linksschwenkung auszuführen und damit ihr rechtes Flügelkorps 
über Villersexel hinaus zu schieben, und würde ihre Armee eine 
gröfsere Beweglichkeit besessen haben, so wäre es doch fraglich 
gewesen, ob das Korps Werder noch rechtzeitig an die Lisaine ge- 
langen konnte. * Dasselbe hätte daher seinen Rückzug auf die Linie 
Villersexel-Lure schon früher, vielleicht bereits am 5. Januar antreten 
sollen, wo südlich Vesoul die Fühlung mit der feindlichen Armee 
gewonnen wurde. Bei der zweifelhaften Lage, wie sie sich durch 
die mangelhaften Nachrichten über die Bewegungen des Gegners 
gestaltet hatte, würde gerade die Aufstellung des 14. Korps auf der 
Linie Lure- Villersexel ein Auskunftsmittel gewesen sein, das sowohl 
für den feindlichen Marsch auf Beifort, wie auch für den gegen 
Epinal als zweckentsprechendes erachtet werden konnte. 

Hatte aber die Lage des Korps Werder sich durch zu langes 
Verharren bei Vesoul zu einer kritischen gestaltet, so war es gewiis 
ein sehr richtiger Gedanke, zur Deckung des Rückzages nach der 
Lisaine einen Offensivstofs in die linke Flanke der feindlichen Armee 
gegen Villersexel zu führen, um dadurch der letzteren in dem vor- 
ausgesetzten Marsch nach Beifort einen Aufenthalt zu bereiten und 
somit das deutsche Korps den Vorsprung dem Gegner abgewinnen 
zu lassen. Hinter dem Schleier des Kampfes bei Villersexel sollte 
das Gros des 14. Korps auf den Strafsen Uber Lure und Mollans 
gegen die Lisaine abziehen. Fraglich durfte es allerdings erscheinen, 
ob bei der numerischen Überlegenheit des Gegners der mit den 
schwachen Kräften der 4. Reserredivision und des Detachements 
v. d. Goltz zu fuhrende Offensivstols die erwartete Wirkung haben 
würde und konnte, die gesamte feindliche Armee zur zeitweisen 



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Strategische Rückblioke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 165 



Einstellung des Vormarsches auf Beifort zu vermögen, oder ob trotz 
dieses Angriffes aicht doch ein ansehnlicher Teil der feindlichen 
Streitkräfte im Vorrücken gegen die Lisaine verbleiben wurde. 

Die französische Besatzung von Villersexel wurde am 9. vor- 
mittags von der Avantgarde der Division Schmeling zum Rückzüge 
gezwungen. Gegen Mittag machte sich aber der Anmarsch des 
18. französischen Korps auf der Stralse Montbozon-Essprels fühlbar, 
indem bei Autrey und Marat stärkere Truppenmassen auftraten, die 
sieh im allgemeinen jedoch nur auf einen Geschützkarapf gegen 
Moimay beschränkten. Gegen 2 Uhr nachmittags entwickelten sich 
Teile des 20. und 24. französischen Korps südlich Villersexel bei 
Villers la Ville. Trotz ihrer Überlegenheit beschränkten sich die 
Franzosen aber auch hier mehr auf einen Artilleriekampf und ein 
regelloses Schützengefecht. Bei Moimay führte das 18. französische 
Korps nur ein hinhaltendes Gefecht, weil es jedenfalls in der Inten- 
tion lag, hier den Gegner zu beschäftigen, um dagegen dessen linke 
Flanke zu überflügeln. Jedoch scheint es bei der Schwerfälligkeit 
der französischen Truppenbewegungen nicht möglich gewesen zu 
sein, das Gros des 20. und 24. Korps an diesem Tage noch vorzu- 
bringen. 

Bei dem durch eiu Mifs Verständnis deutscherseits herbeigeführten 
nächtlichen Kämpfe in Villersexel war die Gefahr für die Rückzugs- 
linie der südlich des Ognon fechtenden deutschen Truppen in er- 
höhtem Malse vorhanden, da der Feind, durch die Dunkelheit be- 
günstigt, sich um so eher der Ognonbrücke bemächtigen konnte. 
Erst gegen l 1 /, Uhr nachts erging an die deutschen Truppen der 
Befehl zum allmählichen Abbruch des Gefechts und zum Rückzüge. 
Die Brigade Goltz hatte Aillevans, die Division Schmeling Louge- 
velle und Villafans zu besetzen. 

Am 10. Januar früh drangen die Franzosen nicht am rechten 
Ognonufer Uber Marat, sondern am linken gegen Saint Sulpice und 
Villafans vor. Es sprach sich hierin wieder die Absicht aus, die 
linke Flanke des Korps Werder zu gewinnen. Warum aber Bourbaki 
nach dem Gefechte bei Saint Sulpice Halt machte, ist nicht aufge- 
klärt. Wäre es dem französischen General gelungen, die Division 
Schmeling bei Villafans zu schlagen und unterdessen die übrigen 
deutschen Streitkräfte bei Aillevans festzuhalten, so würde ihm daraus 
der Vorteil erwachsen sein, dafs er nur seinem Gegner auf den 
Fersen zu folgen brauchte, wenn dieser dann die Stralse Lure-Belfort 
zu gewinnen suchte. Möglicherweise konnte dann noch das Korps 
Werder von derselben abgedrängt oder wenigstens in neue Kämpfe 
verwickelt und an dem rechtzeitigen Rückzüge hinter die Lisaiue 



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166 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



verhindert werden, während unterdessen die gegen Beifort operieren- 
den französischen Heeresteile das dentsche Belagerungskorps znm 
Abzüge zu nötigen vermochten. 

Die Umstände hatten sich auch für Bourbaki so günstig als 
nur irgend möglich gestaltet, dafs er das Korps Werder noch am 
10. an dem Rückzüge nach der Lisaine zu verhindern vermochte. 
Als die Franzosen nämlich am 9. gegen Mittag mit grölseren Streit- 
kräften gegen Villersexel vorzurücken begannen, hatte General von 
Werder das Uber Mollans marschierende Gros der badischen Division 
nach Aillevans herangezogen und auch die auf der Strafse nach 
Lure instradierte 1. badische Brigade für den andern Morgen dorthin 
beordert. Mit der am 10. Januar früh im Hauptquartier des Generals 
v. Werder gehegten Absicht, bei Aillevans nötigenfalls eine Schlacht 
anzunehmen, wären die Pläne des Gegners auch nur wesentlich ge- 
fördert worden. Dafs aber das deutsche Korps, welches bei Aillevans 
gleichweit von Beifort entfernt war, wie die französische Hauptmacht 
bei Villersexel, schliefslich noch rechtzeitig die Lisainesteilung vor 
der letzteren erreichte, ist keineswegs durch den Kampf bei Viller- 
sexel errungen worden, sondern nur durch die grölsere Marschfähig- 
keit der deutschen Truppen. Eine tiefere Einwirkung auf die feind- 
lichen Operationen hat das Treffen von Villersexel nicht ausgeübt, 
denn die Franzosen wurden dadurch in ihren Bewegungen zum Ent- 
sätze von Beifort keineswegs aufgehalten. 

Während der Kampf bei Villersexel sich abspielte, verblieb die 
3. Division des '24. französischen Korps unbeirrt im Marsche auf 
Beifort, bis sie vor Arcey auf das deutsche Detaehement v. Bredow 
stiefs. Es entwickelten sich daraus die Kämpfe, in welchen die 
deutschen Vortruppen in den leicht zu umgehenden Stellungen bei 
Arcey und Saulnot vom 9. bis 13. Januar, also fünf Tage hindurch, 
den weit überlegenen Feind aufhielten. Die Detachements Bredow, 
Loos und Nachtigal erfüllten die ihnen obliegende schwierige Auf- 
gabe mit Geschick und in vollstem Mafsc. Unter dem Schutze dieser 
Kämpfe rückte General v. Werder in die Lisainestellung ein und 
fand auch noch Zeit, dieselbe zur Verteidigung einzurichten. General 
Bourbaki hatte den Marsch gegen Beifort, jedenfalls wohl wegen 
der notwendig gewordenen Abänderung seines Operationsplanes und 
der anderweitigen Instradierung seiner ursprünglich gegen Vesoul 
dirigierten Armee, erst am 11. Januar aufnehmen können. Nachdem 
er aber am 13. die deutscheu Vortruppeu mehr gegen die Lisaine 
zurückgedrängt hatte, unternahm er auch am nächsten Tage noch 
keinen Angriff mit seiner Hauptmacht. 

Während dieser Vorgänge bei Villersexel und an der Lisaine 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. lfi7 

hatte die Armee Manteuffels ihre Vereinigung vollzogen und trat 
nunmehr ihren Vormarsch gegen die Saone an. Das 2. preufsische 
Armeekorps stand am 12. Januar in Nuits und Movers. Von dem 
7. Korps stand die 13. Division zwischen Chatillon s. Saone und 
Mussy. Der nach Montigny iiistradierten 14. Division fehlten noch 
vier Bataillone, einige Batterien und der gesamte Train. General 
v. Man teuf fei, der am 12. in Chatillon s. Seine eintraf, hielt jedoch 
in Anbetracht der Lage der Dinge ein rasches Vorgehen für geboten 
und befahl bereits in der Nacht zum i;i, dafs an diesem Tage die 
Avantgarden seiner beiden Korps bis auf die Linie Aubepierre- 
Lengley-Saint Marc-Montbard vorrUcken sollten, um die in dieser 
Richtung führenden Stralsen aufzuklären und eventuell wieder gang- 
bar zu machen. Bei Festsetzung des Operationsplanes zog man in 
Manteuffels Hauptquartier folgende Erwägungen in Betracht. 

Die Thätigkeit der Sudarmee konnte sich nach zwei Richtungen 
entwickeln. Entweder rückte man auf Dijon vor, um hier das Korps 
Garibaldi zu schlagen und dann Uber Dole gegen die Rüekzugs- 
linie Bourbakis zu operieren, oder aber man nahm die Direktion 
auf Vesoul, um sich gegen die auf Beifort vordringende Armee zu 
wenden. War auch bei Dijon ein sicherer Erfolg zu erwarten, so 
raulste man doch in Betracht ziehen, dafs das Resultat dieser in gröfserer 
Entfernung von der Hauptmacht Bourbakis geführten Operation sich 
nicht in dem Malse rasch äulsern würde, als dies gewiis der Fall 
sein möchte, wenn man sich direkt gegen die Hauptarmee wendete. 
Und es galt doch vor allem, dem General v. Werder vor Beifort 
sobald als nur möglich Hilfe zu bringen. General v. Manteuffel 
entschied sich daher für den Marsch auf Vesoul. Wenn das Korps 
Werder sich nur einige Tage an der Lisaine behauptete, so mufste 
doch voraussichtlich Manteuffels Anmarsch auf die Entschließungen* 
des in seinem Rücken bedrohten Gegners bestimmend einwirken. 
Trat aber Bourbaki den Rückzug von Beifort auf Besaneon an, 
so bedurfte es nur einer Rechtsschwenkung der Südarmee, um gegen 
die rückwärtigen Verbindungen der französischen Ostarmee zu 
operieren. Zwar raulste man bei der Bewegung auf Vesoul zwischen 
Dijon und Langres hindurch marschieren, auch führte dieser Marsch 
durch die Berge der Cöte d'Or, denen geeignete Transversal- Ver- 
bindungen in der Richtung von Norden nach Süden fehlten, und die 
rückwärtigen Verbindungen mit Chatillon s. Seine mulsten sich unter 
den gegebenen Umständen wohl schwierig gestalten, allein diese 
Bedenklichkeiteu wurden doch durch die Vorteile eines raschen Ein- 
greifens gegen die feindliche Hauptarraee Uberwogen. 

General v. Manteuffel liefs demnach seine Korps schon am 



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168 Strategische Rückblicke auf den franzüaischen Kriegsschauplatz etc. 



14. aufbrechen und durchschritt in drei Kolonnen die Cöte d'Or. 
Die 13. Division hatte die Stralse von Chatillon Uber Recey und 
Auberive nach Prauthoy zu verfolgen, die 14. diejenige von Montigny 
Uber Arc-en - Barrois und Chameroi nach Longeau, wobei diese 
Division die Sicherung gegen Langres Ubernehmen mufste. Rechts 
vom 7. Korps wurde das 2. auf der Stralse von Montbard Uber 
Chanceaux nach Selongey instradiert. wobei ihm die Deckung gegen 
Dijon zufiel. Das 7. Korps sollte am 16. an den oben bezeichneten 
Punkten aus der Cöte d'Or debouchieren, während das Eintreffen 
des 2. Korps bei Selongey für den 17. Januar vorgesehen war. Die 
bisher bei Montbard gestandene Brigade Dannenberg war dem 
2. Armeekorps zugeteilt worden und anstatt ihrer die noch weiter 
zurück bei Noyers befindliche Brigade v. Kettler nach Montbard 
dirigiert, zur Sicherung der rückwärtigen Verbindungen und des 
Eisenbahnknotenpunktes Nuits sour Ravieres gegen Dijon hin. Die 
beim Abmarsch der Armee noch fehlenden Train6 sollten später Uber 
Epinal herangezogen werden. General v. Werder wurde am 14. 
von dem Vormarsche ManteuÖels telegraphisch verständigt. 

Nachdem die 13. Division am 16. Prauthoy erreicht hatte, gingen 
ihre Spitzen gegen Dijon und Gray vor. In ersterer Richtung er- 
streckte sich die Rekognoszierung Uber Thil-Chätel und wurde dabei 
der RUckzug der Brigade Riccotti Garibaldi nach Dijon konsta- 
tiert. Die auf der Stralse gegen Gray vorgeschickte Kavallerie ge- 
langte bis Champlitte, das von einer feindlichen Abteilung besetzt 
war. Die 14. Division erreichte am IG. Longeau. Bei dem Vorbei- 
marsch vor Langres hatte ihre Avantgarde einige leichte Gefechte 
mit Truppen aus dieser Festung bestanden; im Übrigen war die 
Division nicht weiter belästigt worden. Obwohl der Kommandant 
von Langres wohl die Gefahr erkannte, welche für Bourbakis RUck- 
zugslinie durch den Anmarsch von Manteuffels Armee entstand, 
glaubte er doch mit seinen nur 7000 Mann einigermaßen geübter 
Truppen keinen Angriff gegen dieselbe unternehmen zu können. 
Das 2. Armeekorps begann am 1 7. Januar bei 1s s. Tille und Selon- 
gey aus der Cöte d'Or zu debouchieren. Die 3. Division gelangte 
an diesem Tage bis Thil Chätel und Lux. Dagegen vermochte die 
7. Brigade mit der Korps- Artillerie erst am 18. Januar die östlichen 
Ausgänge der Cöte d'Or zu erreichen; bei Verray und Blingy-le-Sec 
waren am 17. Abteilungen des Korps Garibaldi in der rechten Flanke 
entgegengetreten. Die 8. Brigade v. Kettler hatte unterdessen auf 
dem Marsche nach Montbard zunächst einen Vorstofs gegen die von 
Mobilgarden besetzte Stadt Avallon unternommen und traf dann am 
17. an ihrem Bestimmungsorte ein. Am 18. Januar rückte das Gros 



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Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 169 

des 7. Armeekorps bis auf die Linie Champlitte-Frettes, die Avant- 
garde noch weiter in der Richtung auf Vesoul. Das 2. Korps konzen- 
trierte sich bei Is 8. Tille, während die Vorhut Uber Fontaine- 
Francaise gegen Gray rückte. Bourbaki mufste bereits am 15. 
Kenntnis von dem Anmärsche der Armee Manteuffels gehabt haben; 
im Rücken der französischen Ostarmee herrschte aber schon am 16. 
und 17. eine heillose Bestürzung und Verwirrung. 

General v. Werder hatte in seiner Stellung hinter der Lisaine 
bereits am 14. Januar einen feindlichen Angriff erwarten zu müssen 
geglaubt, jedoch war ein solcher nicht erfolgt. Inzwischen waren 
in der vorhergehenden Nacht die Lisaine und die anderen, die 
deutsche Stellung schützenden Gewässer fest zugefroren und für den 
■Gegner gangbar geworden. Es veranlafste dieser Umstand jetzt bei 
dem kommandierenden General des 14. Armeekorps sehr ernste 
Bedenken, ob der allgemeine Angriff des überlegenen Gegners in 
dieser Richtung abzuwarten wäre, oder ob es nicht ratsam erscheinen 
dürfte, den Rückzug anzutreten. Es mufste damit freilich die Be- 
lagerung von Beifort preisgegeben werden und der bei weitem grölste 
Teil des Belagerungsmaterials in Verlust geraten. Am 14. Januar 
abends richtete General v. Werder daher folgendes Telegramm an 
das grofse Hauptquartier in Versailles: 

„Neue feindliche Truppen marschieren von Süden und Westen 
gegen Lure und Beltort In Port s. Saöne werden grölsere Abteilungen 
konstatiert. In der Front griff der Feind heute die Vorposten bei 
Bart und Dung vergeblich an. Ob bei diesem umfassenden und 
überlegenen Angriff eine fernere Festhaltung von Beifort stattfinden 
soll, bitte ich dringend, zu erwägen. Elsafs glaube ich schützen zu 
können, nicht aber zugleich Beifort, wenn nicht die Existenz des 
Korps auts Spiel gesetzt wird. Mir fehlt durch Festbalten von 
Beifort jede Freiheit der Bewegung. Die Flufslinie ist durch Frost 
passierbar. u 

Das vom General v. Moltke unterzeichnete Antworttelegramm 
vom 15. Januar, nachmittags 3 Uhr lautete: 

„Feindlicher Angriff ist in der Beifort deckenden festen Stellung 
abzuwarten und Schlacht anzunehmen. Von gröfster Wichtigkeit 
dabei Behauptung der Strafse von Lure auf Beifort Beobachtungs- 
posten in St Maurice wünschenswert. Das Anrücken des Generals 
v. Manteuffel wird schon in den nächsten Tagen fühlbar. u 

Diese Antwortdepesche gelangte also erst am 15. Januar abends 
6 Uhr in den Besitz des Generals v. Werder, es erschien jedoch 
bier zweckmälsig, derselben schon an dieser Stelle Erwähnung zu 
thnn, da durch sie gekennzeichnet wird, wie im grofsen Hauptquartier 



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170 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

die Situation und die Verhältnisse angesehen wurden, unter welchen 
General v. Werder dann aus eigener Entschliefsung den Kampf doch 
aufnahm. 

Der kommandierende General des 14. Armeekorps hatte im 
Laufe des 14. Januar vom General v. Man teuf fei die telegraphische 
Anzeige erhalten, dais letzterer mit dem 2. und 7. Korps an diesem 
Tage von Chätillon s. Seine aufgebrochen war und den Vormarsch 
in der Richtung auf Vesoul angetreten hatte. General v. Werder 
konnte somit darauf rechnen, in den nächsten Tagen den Anmarsch 
der Sudarmee soweit vorgeschritten zu sehen, dals die dadurch in 
ihrem Kücken bedrohte feindliche Armee zum Abzüge von Beifort 
sich entschliefsen mulste. General v. Werder entschied sich schliefs- 
lich also dahin, bei Belfort auszuharren. 

Die oberste deutsche Heeresleitung hatte in ihrer Antwortdepesche 
die Beifort deckende Stellung eine „feste" genannt 

Die gegen Westen gerichtete Hauptfront der deutschen Position 
von Montbeliard bis Frahier hatte eine Ausdehnung von 2 1 /« deutschen 
Meilen, von letzterem Punkte bis zur nördlichen Stralse Vesoul-Belfort 
am Fufse der Vogesen ist es eine weitere Meile. Bei der durch 
den Lauf der Allaine bedingten Linie, mit welcher die Stellung 
gegen Süden, von Montbeliard bis zur Schweizer Grenze bei Delle, 
ihren Abschlufs fand, betrug die Entfernung zwischen den beiden 
bezeichneten Endpunkten etwa 2 Meilen, während die Aufstellung 
des schon seit Jahresbeginn Uber die Allaine vorgeschobenen Detacbe- 
ments DebschUtz von Exincourt bis Croix eine Ausdehnung von 
l'/a Meilen hatte. Zur Verteidigung dieser Stellung an der Lisaine 
standen am 15. Januar 48 1 /» Bataillone, 2 Pionierkompagnien, 
30 Schwadronen und 24 Batterien zur Verfügung, welche insgesamt 
wohl 42000 Mann zählen mochten. Das 14. Korps besals Uber 
142 Feldgeschütze, wozu aber noch 32 schwere Stücke kamen, die 
vom Belagerungskorps Beifort zur Armierung der angelegten Positions- 
batterien abgegeben waren. 

Die zur Verteidigung der Position disponiblen Streitkräfte mufsten 
mit Rücksicht auf die Ausdehnung der gegebenen Linie wohl nicht 
als genügend erscheinen. Allein die natürliche Beschaffenheit der 
Stellung bot der Verteidigung nicht zu unterschätzende Vorteile, die 
auch den Kampf gegen einen numerisch überlegenen Feind nicht 
aussichtslos erscheinen liefsen. Die ausgedehnten Waldungen, welche 
das westliche Lisaineufer begleiten, mufsten unbedingt für den An- 
greifer die Zugänglichkeit der deutschen Stellung sehr beeinträchtigen. 
Derselbe war auf die nicht sehr zahlreichen Wege angewiesen, welche 
jenen Waldgürtel durchschneiden und auf die gegebenen Ubergangs- 



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Strategische Iiiickblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 171 

pankte der Lisaine hinführen. Der Verteidiger hatte dadurch den 
grofsen Vorteil, seine Streitkräfte an diesen noch künstlich verstärkten 
Ponkten und Zugangslinien konzentriert halten zu können. Die Ge- 
fährdung der zwischen den Übergangspunkten gelegenen Strecken 
war insofern wenig zu besorgen, da es schon an und für sich dem 
Gegner schwer fallen mulste, aulserhalb der Kommunikationswege 
durch die oft mit dichtem Unterholz bestandeneu Wälder grölsere 
Truppenkörper vorzuführen. Außerdem mufste auch der gegen eine 
nicht direkt besetzte Strecke der Lisaine vordringende Feind, wenig- 
stens auf der Linie von Montbeliard bis Chagny, stets in das Feuer 
der Batterien an den nächst ober- oder unterhalb gelegenen Über- 
gangspunkten geraten, die den zwischenliegenden Wiesengrund be- 
streichen konnten. Auf der Strecke von Chagny aufwärts, fehlte 
allerdings die günstige Gelegenheit zu einer gegenseitigen Unter- 
stützung der Übergangspunkte durch das Feuer ihrer Artillerie, indem 
hier die vorliegenden Höhen und Wälder das Gesichtsfeld in dieser 
Richtung begrenzen. Es mulste dieser Umstand zur Vorsicht mahnen, 
den rechten Flügel der Verteidigung nicht zu vernachlässigen. 

Die Vorteile der deutschen Stellung lagen also hauptsächlich in 
ihrer beschränkten Zugänglichkeit und weit weniger in dem An- 
nähernngshindemis, w r elches die überhaupt durchwatbare Lisaine 
bildete. Ahnliche Vorteile für die Verteidigung bot auch das weniger 
umfangreiche Gebiet der Allaine. 

Was nun die Verteidigung der Streitkräfte des 14. Armeekorps 
im allgemeinen anbetrifft, so war zunächst die Verteidigung der 
Lisaine von Montbeliard bis Bussurel in erster Linie der Landwehr- 
brigade Zimmermann — 8 Bataillone, 2 Schwadronen, 2 Batterien 
— von der 4. Reservedivision übertragen. Das Centrum und der 
Schlüssel der Lisainestellung: Hcrieourt sollte durch die Brigade 
Knappe — 7 Bataillone, 2 Eskadrons, 4 Batterien — der 4. Reserve- 
division verteidigt werden. In dem Abschnitt St. Valbert-Couthenans- 
Luze stand das auf 6 Bataillone, 1 Reserve-Husarenregiment und 
5 Batterien verstärkte Detachement v. d. Goltz. Aufserdem war 
diesem das in Chagny stehende badische Bataillon unterstellt. Die 
Verteidigung der Strecke Frahier - Chenebier war dem badiscben 
General v. Dege nfeld mit 3 Bataillonen, 2 Schwadronen und 
2 Batterien Ubertragen. Südlich der Allaine befand sich, wie bereits 
erwähnt, das die Belagerung von Beifort gegen Süden deckende 
Detachement v. Debschütz. Zur Unterstützung dieser in erster 
Linie entwickelten Streitkräfte stand das Gros der badischen Division 
mit 6*/ 4 Bataillonen und 3 Batterien unter General Keller bei 
Brevilliers, mit 2 Bataillonen und 2 Batterien auf der nächst Brövilliers 



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172 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

südöstlich gelegenen Höbe und mit 6 Bataillonen der Brigade 
Wechmar, 1 Schwadron und 2 Batterien bei Grand- und Vieux- 
Charmont. 

General Bourbaki hatte die Hauptmasse seiner Streitkräfte, 
das 15., 24. und 20. Korps zum Angriff gegen die Strecke Montbeliard- 
Hericourt-Luze bestimmt, während sein linker Flügel nur aus dem 
18. Korps und der Division Cremer bestand, welche Uber Chagny 
gegen Beifort vordringen sollten. Diese Angriffsdisposition nahm also 
eigentlich von vornherein davon Abstand, gegen den äufsersten linken 
oder rechten Flügel der Deutschen einen ernstlichen Angriff zu führen, 
um einen derselben zurückzuwerfen und damit das Centrum der 
Verteidigungsstellung zu überflügeln. Dals man von einer solchen 
Bewegung gegen den deutschen äufsersten linken Flügel in dem 
Gebiete südlich der Allaine absah, dürfte allerdings gerechtfertigt 
erscheinen. Denn einerseits war dieses durch die nahe Schweizer 
Grenze wesentlich beengte Gebiet mit seinen ausgedehnten Waldungen 
und oft sehr schwierigen Wegen weniger geeignet für die Ent- 
wickelung gröfserer Streitkräfte, andererseits sah aber der Verteidiger 
seinen linken Flügel durch die doppelte Wasserlinie der Allaine und 
des Rhein-Rhonekanals gesichert, in welcher der Angreifer selbst 
nach Überwältigung des Detachements Debschütz ein neues Hindernis 
fiir sein weiteres Vorgehen fand. 

Ein schwerwiegender Fehler war es aber jedenfalls, dafs Bour- 
baki in seiner Angriffsdisposition für den 15. nicht stärkere Kräfte 
auf Chagey dirigiert hatte. Richtiger und wirkungsvoller wäre es 
freilich gewesen, wenn er das 18. Korps mit seinem Gros Uber 
Etobon gegen Chenebier und Frahier, disponiert und zugleich durch 
einen Teil desselben Chagey hätte angreifen lassen, während die 
Division Cremer die Aufgabe erhalten mufste, auf der Strafse von 
Lure Uber Ronchamp und Plancher-Bas das Thal der Savoureuse 
zu gewinnen und somit in den Rücken des Verteidigers zu ge- 
langen. 

Auf Seite des Verteidigers mufste man in den vorhergehenden 
Tagen das Zusammenschieben der feindlichen Hauptmacht gegen den 
linken deutschen Flügel erkannt haben, demnach hatte sich auch das 
•Generalkommando des 14. Armeekorps veranlagst gesehen, den Schwer- 
punkt des Widerstandes mehr auf die Strecke Montbeliard-Hericourt 
.zu verlegen, während der von der Gruppe der Hauptreserve ziemlich 
entfernte rechte Flügel nur schwach bedacht war. 

Am ersten Schlachttage, dem 15. Januar, erfolgte ein heftiger 
Angriff seitens der Franzosen auf der ganzen Linie von Montbeliard 
bis Chagey, wobei im allgemeinen die Artillerie eine nicht nur her- 



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Strategische RUokblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 173 



vorragende, sondern selbst beherrschende Rolle spielte. Ernstere 
Infanterie-Angriffe gegen die Hauptstellung fauden bei Bethoncourt, 
Bussurel, Hericourt und Chagny statt, doch nirgends vermochten die 
Franzosen die deutsche Stellung zu durchbrechen. Es war also dem 
General Bourbaki am 15. Januar eine Bewältigung der deutschen 
Stellung nicht gelungen, wobei der bereits hervorgehobene Fehler, 
einen Augriff auf den äulsersten rechten Flügel des Verteidigers bei 
Frahier und Ronchamp unterlassen zu haben, jedenfalls mit von 
Bedeutung war. Wenn man auch annehmen wollte, dals das, viel- 
leicht aus der Hauptreserve verstärkte Detachement Degenteld bei 
Frahier sich gegen einen überlegenen Angriff' behauptet hätte, so 
wäre dies doch schwerlich bei der Abteilung des Oberst v. Willisen 
der Fall gewesen, welcher zur Sperrung der Strafse Lure-Belfort 
mit drei Regimentern Kavallerie, aber nur zwei Kompagnien Jäger 
and einer Batterie bei Ronchamp stand. Ehe dem Detachement 
Willisen bei seiner grolsen Entfernung von der Hauptreserve im 
günstigsten Falle eine Verstärkung hätte zugehen können, wäre die 
Sache für dasselbe jedenfalls schon entschieden gewesen und darauf 
auch notwendig das Aufgeben von Frahier erfolgt. Mit dem dann 
möglichen Aufrollen der deutschen Stellung vom rechten Flügel her, 
dürfte aber auch die aufopferndste Hingebung des Verteidigers im 
Centrum und auf dem linken Flügel sich als vergeblich erwiesen 
haben und die Räumung der Lisainestellung notwendig geworden sein. 

Nach dem Milserfolge des ersten Schlachttages sah Bourbaki 
sich veranlalst, das Versäumte nachzuholen. Die Division Penhoat 
vom 18. Korps und die Division Crem er wurden jetzt gegen den 
schwachen Flügel der Deutschen bei Chenebier disponiert. Eine 
weiter ausholende Umgehung Uber Ronchamp und Champagney unter- 
blieb auch diesmal; wahrscheinlich nahm man an, dafs sie bei der 
geringen Leistungsfähigkeit der französischen Truppen zu viel Zeit 
beanspruchen würde. 

Am 16. Januar richteten die Franzosen ihre Anstrengungen haupt- 
sächlich gegen den rechten Flügel der Verteidigungsstellung, während 
sie auf den anderen Punkteu mehr demonstrativ angriffen. Im Centrum 
machte der Angreifer bei Bussurel und Hericourt wiederholte Ver- 
suche, durchzubrechen, wurde aber jedesmal mit grolsen Verlusten 
zurückgewiesen. Auf dem rechten Flügel muteten aber die deutschen 
Truppen die Stellung bei Chenebier räumen und sich bis zur Meierei 
Rougeot zurückziehen. Die Lage des rechten deutschen Flügels, 
welcher ohnehin den schwächsten Punkt der Lisainesteilung bildete, 
mulste nach dem Verluste von Chenebier und Frahier als eine sehr 
gefahrvolle erscheinen. General v. Werder liefs daher von der 



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174 Strategisohe Riickblieke auf den französischen Kriej^schanplatz etc. 

Hauptreserve bei Brevilliers noch um 4 Uhr nachmittags 2 Bataillone, 
1 Schwadron and 1 Batterie dorthin abrücken. Auch vermochte das 
4. badische Infanterie-Regiment noch abends spät Frahier und die 
südlich davon gelegenen Waldteile wieder dem Feinde abzunehmen. 

Der Schwerpunkt der Situation war also für das Korps Werder 
auf dessen rechten Flügel verlegt, und es erforderte aller Anstrengungen, 
um einem weiteren Vordringen des Feindes hier zu begegnen, denn 
mit der Besitznahme von Frahier hatte der Gegner die rechte Flanke 
der deutschen Stellung auch schon umgangen und stand nur noch 
etwas Uber zwei Stunden von Beifort entfernt. Für General v. Werder 
war demnach die schleunigste Verstärkung seines schwachen rechten 
Flügels ein höchst dringendes Gebot. Wurden auch fast sämtliche 
Truppen der Hauptreserve bei Brevilliers aufgebraucht, so durfte man 
dieserhalb wohl keine Besorgnisse hegen, da der bisherige Verlauf 
der Schlacht gezeigt hatte, dals der Feind trotz seiner Übermacht 
auf der Linie von Luze bis Montbeliard nicht durchzudringen ver- 
mochte. Im Laufe der Nacht wurden also bei und gegeu Frahier 
die deutschen Streitkräfte auf acht Bataillone, fünf Schwadronen und 
vier Batterien unter General Keller verstärkt und auf dem Höhen- 
zuge rückwärts der Meierei Kougeot eine Fositionsbatterie von drei 
24 Pfdndern etabliert. 

Bourbaki hatte für den 17. eine Fortsetzung des Kampfes in 
Aussicht genommen. In seinem Berichte an das Kriegsministerium 
vom 16. abends meldet er: ,.. . . Morgen früh werden unsere An- 
strengungen erneuert werden; ich hoffe, dals die Umgehungsbewegung 
durch unsern linken Flügel durchgeführt und von Erfolg gekrönt 
werden wird; sollte es sich damit anders verhalten, so würde aller- 
dings Grund vorhanden sein, auf andere Maisnahmen bedacht zu 
sein; doch möchte ich erst morgen abend daran denken, meinen 
bisherigen Plan zu ändern, nachdem ich alle Mittel erschöpft, den 
Erfolg auf unsere Seite zu bringen. . . . u Der für die Erneuerung 
der Schlacht gegebene Befehl wurde aber im Laufe der Nacht zurück- 
genommen und die Einleitung des Rückzuges angeordnet. Jedenfalls 
mochten für diesen Entschluis die alamierenden Nachrichten Uber 
das Erscheinen der Spitzen von der Armee Manteuffels gegen Gray 
und Dijon maßgebend gewesen sein. Die Entsetzung von Beifort 
war damit aufgegeben und der Kampf konnte am 17. von den 
Franzosen nur zu dem Zwecke aufgenommen werden, die Einleitung 
des Rückzuges zu maskieren und den letzteren zu decken. Wenn 
es trotzdem an diesem Tage auf dem deutschen rechten Flügel zu 
einem besonders hitzigen und verlustreichen Gefechte kam, so erklärt 
: ich dies wohl dadurch, dafs die Franzosen ihrerseits alles daran 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 175 

setzen mufsten, sich bei Chenebier möglichst zu behaupten, um nicht 
infolge des Zurückwerfens ihres linken Flügels etwa den Rückzug 
des Gros von der Lisaine gefährdet zu sehen. Die Kämpfe in den 
übrigen Abschnitten der Gefechtslinie trugen durchaus einen demon- 
strativen Charakter. 

Bourbaki meldete in seinem Berichte an das Kriegsministerium 
vom 17. Januar abends: „. . . Auf Hat der Korpskommandanten 
beschlofs ich zu meinem grolsen Bedauern, die Armee einige Lieues 
rückwärts von der jetzigen Position eine neue beziehen zu lassen; 
so werden wir uns leichter retablieren können. Wir bedürfen der 
Retablierung, sowohl was Offiziere und Mannschaften, wie auch die 
Pferde anbelangt. Ich werde mein Hauptquartier morgen nach Arcey 
verlegen. . . ." Man sollte meinen, der französische General hätte 
seinen Truppen nur die nötigste Zeit geben wollen, um sich für einen 
geordneten weiteren Rückzug zu erholen und zu sammeln. Bour- 
baki machte aber in dieser selben Depesche die etwas sonderbare, 
weil den Umständen durchaus gar nicht entsprechende Bemerkung: 
r Ich würde entzückt sein, wenn der Feind sich dazu entschliefsen 
sollte, uns zu folgen; vielleicht bietet er uns dann die Gelegenheit, 
den Kampf von neuem unter günstigeren Bedingungen wieder auf- 
zunehmen.* 1 

Am 18. Januar morgens war deutscherseits die Thatsache nicht 
mehr anzuzweifeln, dafs die Franzosen im Rückzug begriffen sein 
mulsten. Die Aulgabe des Korps Werder mufste es nunmehr sein, 
dem Abzüge des Feindes nach Möglichkeit einen Aufenthalt zu be- 
reiten, um dadurch die gegen die französische Rückzugslinie gerich- 
teten Operationen des Generals v. Manteuffel zu fördern. Wie 
der kommandierende General des 14. Armeekorps aus einer in der 
Xacht zum 18. bei ihm eingegangenen Depesche des Generals von 
Manteuffel ersehen hatte, war die Südarmee am 17. an der Ostseite 
der Cöte d'Or zwischen Dijon und Langres eingetroffen und standen 
deren Vortruppeu am 16. schon in der Höhe von Champlitte. Die 
notwendige Komplettierung der Munition, die Sicherstellung des Nach- 
schubes einer genügenden Verpflegung und die notwendige Konzen- 
trierung der auf der ganzen Verteidigungsfront verteilten badischen 
Division machten es dem General v. Werder aber wohl nicht mög- 
lich, am 18. ein Vorrücken auf der ganzen Linie eintreten zu lassen. 
Immerhin wäre es möglich gewesen, durch offensive Vorstöfse gegen 
die vom Feinde zurückgelassenen starken Arrieregarden der Armee 
des Gegners Aulenthalte und Verzögerungen zu bereiten. Ein bei 
Hericourt beabsichtigter Offensivstofs war unterblieben, weil man 
sich gegenüber noch sehr starke feindliche Kräfte gesehen hatte. 



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176 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



Diese letztere Wahrnehmung hätte aber um so mehr dazu führen 
sollen, dafs man dann auf den Flügeln der Lisainesteilung bei 
MontbeMiard und Chenebier Vorstöfse unternahm. Es wäre dies 
sicherlich von hemmendem Einflufs auf die Bewegungen des Feindes 
gewesen. So war der Angriff gegen Clairegoutte durch die Infanterie 
des Oberst v. Willisen gewifs ein sehr richtiger Griff von seiten 
dieses einsichtsvollen Führers. Ebenso sachgemäß war der Offensiv- 
stofs, welchen das Generalkommando durch das Detachement Deb- 
schütz gegen Blamont fuhren liels. Wäre damit gleichzeitig eine 
Bedrängung der französischen Arrieregarden auf den beiden Flügeln 
bei MontbeMiard und Etobon erfolgt, die Lage des Gegners würde 
sich noch kritischer gestaltet haben. 

General Bourbaki war am 15. Januar noch zum Angriff auf 
die Lisainelinie geschritten, hatte den Kampf am lti. fortgesetzt und 
denselben sogar noch am 17. erneuern wollen, trotzdem bereits seit 
dem 14. von Langres her täglich starke feindliche Trappenmärsche 
gemeldet wurden. Wie derselbe zu diesen verhängnisvollen Ent- 
schlüssen gekommen, ist schwer erklärlich. Nachdem seit dem 
Treffen bei Villersexel fünf Tage vergangen waren, ehe Bourbaki 
zum Angriff auf die Lisainesteilung schreiten konnte, hätte derselbe 
doch eine um so gröfsere Fürsorge bezüglich seiner Rückendeckung 
beobachten müssen. Im gleichen Mafse, wie sich des französischen 
Heerführers Operationen verlangsamten, mufsten ja doch die Fort- 
schritte einer zu Hilfe eilenden Armee des Feindes gefördert werden. 
Die entscheidende Niederlage, welche die Armee von Chanzy bei 
Le Mans erlitten, liefs aufserdem auch als eine naheliegende Konse- 
quenz erscheinen, dafs damit auf deutscher Seite um so mehr Streit- 
kräfte gegen die französische Ostarmee verfügbar wurden. Wenn 
General Bourbaki trotz alledem den Rückzug von der Lisaine so 
verspätet antrat, so mufste sich dies notwendig mit dem unheilvollen 
Ausgange seines Unternehmens rächen. 

Auf dem nördlichen Kriegsschauplatze und in Paris ging um 
diese Zeit bekanntlich auch die Situation mit schnellen Schritten 
der Endentscheidung entgegen. General Faidherbe, der von Gambetta 
telegraphisch die Weisung erhalten hatte, mit Rücksicht auf einen 
gro[sen Ausfall der Pariser Besatzung möglichst viele Streitkräfte 
von dort auf sich zu ziehen, und infolgedessen gegen die rück- 
wärtigen deutschen Verbindungen vorgedrungen war, erlitt am 
19. Januar bei St. Quenfin eine völlige Niederlage, die ihn zum 
Rückzüge auf Cambrai nötigte. An demselben Tage wurde der 
gleichzeitig unternommene grofse Ausfall der Pariser Besatzung am 
Mont Valerien von den Deutschen zurückgeschlagen. Man sah sieb 



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Die Russen auf dem Scbipka-Balkan im Winter 1877/78. 



177 



französischerseits schlielslich zu Verhandlungen wegen eines Waffen- 
stillstandes genötigt and am 28. Januar gelangte dieser zum Ab- 
schlüsse. Die betreffende Konvention stipulierte indessen, dals die 
militärischen Operationen auf dem Gebiete der Departements des 
Doubs, des Jura und der Cote d'Or, sowie die Belagerung von 
Beifort, unabhängig von dem Waffenstillstände, bis zu dem Zeitpunkte 
fortgesetzt werden sollten, wo man sich über die Demarkationslinie 
geeinigt haben würde, deren Feststellung im Bereiche der vorge- 
dachten drei Departements einer weiteren Vereinbarung vorbehalten 
blieb. Diese Sonderbestimmung, welche die deutsche Heeresleitung 
sich ausbedungen hatte, entsprach durchaus den militärischen wie 
politischen Verhältnissen. 

(Schlüte folgt.) 



XIII. 

Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 187778. 

Von 

J. ßaumann, K. b. Hauptmann. 



Warum heute nach zwanzig Jahren nochmals eine Schilderung 
von Episoden aus dem russisch-türkischen Kriege? Will man nach 
den ausgezeichneten Aufsätzen Kuropatkins l ) und dem erschöpfenden 
Werke Springers 3 ) neuere oder gar bessere Gesichtspunkte bringen? 



i) Kritische Rückblicke auf den russisch-türkischen Krieg 1877/78. Nach 
Aufsätzen von Kuropatkin. damals Chef des Stabes bei General Skobelew, jetzt 
Kriegsminister, bearbeitet von Krahmer. Oberst u. s. w. Die Aufsätze „Lowtscha, 
Plewna. Scheinovo" erschienen in dem „Wajennyi sbornik" (Beiheft zu der 
Militär-Zeitung „Russischer Invalide' 4 ). Das letzte Heft, welches den Balkan- 
Übergang des Generals Skobelew behandelt, wurde von Krahmer wörtlich in 
das Deutsche Ubertragen. 

3 j Anton Springer, K. und K. Major n. s. w., der russisch-türkische Krieg 
1877/78 in Europa, mit Hilfe der besten authentischen Quellen verfafst, 7 Bände, 
1891 — 98. Springer hat, wie er in der Vorrede sagt, das ganze erlangbare 
Quellen-Material gewichtet und nach jahrelanger, mühevoller Arbeit die Kriegs- 
Ereignisse geschildert. Es sind also die bekannten Einzelwerke von Jagwitz, 
Kuropatkin, Ott, Schröder, Trotha u. a. mitverwertet. 



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178 D'e Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Keineswegs. Verfasser hat eine Urlaubsreise benutzt, um den bul- 
garischen Kriegsschauplatz aufzusuchen. Der Augenschein an Ort 
und Stelle veranlagte ihn, einen interessanten Abschnitt des an 
ungewöhnlichen Ereignissen reichen Krieges herauszugreifen und 
übersichtlich niederzulegen. Die geschichtlichen Vorkommnisse sind 
gröfstenteils obigen Quellenwerken entnommen. Da es der Haupt- 
zweck des nachfolgenden Aufsatzes sein soll, Kameraden zu 
einer ähnlichen Reise anzuregen und ihnen hierbei an die 
Hand zu gehen, so möchte ich mir vorerst erlauben, einige prak- 
tische Winke voranzuschicken. 1 ) 

Zur Einleitung. 

Das Reisen in Bulgarien. Da an rascheren Verkehrsmitteln 
nur die im Süden Rumelien durchschneidende Bahnstrecke Sotia- 
Adrianopel (mit der Zweigbahn Tirnova-Jeni Saghra) und im Norden 
Bulgariens der Schiflverkehr auf der die Landesgrenze bildenden Donau 
zur Verfügung stehen, mithin auf die in allen Kulturländern ge- 
wöhnlichen Verkehrsmittel verzichtet werden muls, sind einige An- 
haltspunkte für das Reisen in Bulgarien durchaus nicht Uberflüssig. 
Ich wenigstens wäre jedem Berater recht dankbar gewesen. Was 
mir auf mein Ansuchen hin der deutsche Vize-Konsul in Giurgewo 
über die Art des Reisens und die Reisemittel in Bulgarien geschrieben 
hat, mute ich als „Unsinn" bezeichnen. Ich hätte, wenn ich dem 
gegebenen Rate gefolgt wäre, Monate lang auf eine Karawane 
w T arten, Kawassen mieten und mich bis auf die Zähne bewaffnen 
sollen, um sehlielslich trotzdem noch zu riskieren, gar nicht mehr 
heim zu kommen. Von allem dem ist keine Rede. Ich reiste aus- 
schlielslich allein und immer unbewaffnet. Im Rhodope- Gebirge, im 
Südwesten des Landes und im Nordosten zwischen Jantra und Meer 
soll es noch unsichere, meist von Türken bewohnte Gebiete geben. 

Ich fuhr von Küstendschc (oder Constanza) am Schwarzen 
Meere durch die Dobrudscha (Trajanswall) nach Cernawoda, von hier 
donauaufwärts Uber Sistow (Übergang der Russen) nach Nikopoli, 
mit Wagen Uber Plewna, Lowtscha, Selwi, Tirnova nach Gabrova 
am Fulse des Balkans, ging dann zu Pferde auf dem Wege der 
Kolonne des Skobelew Uber den Balkan nach Jmetli, Dorf Schipka, 
Kazanlik (Rosenfelder), zurück Uber den Scbipka-Pafs nach JantTa, 
über die Topuriska poljana (Travna-Pals; Weg der Kolonne des Fürsten 
Mirski) nach Maglis, Stara Zagora (Eski Saghra), mit Wagen nach 



i) Wir empfehlen zu besserem Verständnis nachstehender Arbeit aus dem 
Werke Kuropatkins (neue Folge) die Skizze 1 zur Hilfe zu nehmen. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 179 

Cirpan und mit Bahn nach Sofia, Ein Besuch des Etropol- 
Balkans wurde durch einen mehrtägigen, heftigen Regen, der das 
ganze Thal des Isker überschwemmte, unmöglich gemacht. Die 
Gegenden Bulgariens fand ich nicht besonders abwechslungsreich, 
hingegen sind sehr interessant die beinahe überall noch vorhandenen 
Befestigungs-Anlagen um Plewna, namentlich auf der Grivitza-Seite, 
hochinteressant der seltsame Pafsrücken des Schipka-Passes, Uberaus 
fremdartig die Lage der altbulgarischen Carenstadt Tirnova (Moltke 
nennt sie abenteuerlich) und anmutig die Tundscha-Ehene mit den 
Rosenfeldern von Kazanlik und den dichten Hainen von Nufs- 
bänmen. 

Als Verkehrsmittel dienen ansschliefslich gemietete Wägen und 
im Balkan Saumpferde. Die Wägen (paitons) sind gut und mit 
3 — 4 kleinen aber ausdauernden Pferden bespannt. Die Kutscher 
Ipaetonschi) haben keine festgesetzten Preise. Diese richten sich 
nach der Jahreszeit, der Beschaffenheit der Wege, dem Zustande 
der Brücken, dem Wetter, der Sicherheit u. dergl. Es ist notwendig, 
die Preise vorher zu vereinbaren. Nach meiner Erfahrung zahlt 
man für eine kleinere Tagestour von etwa 45 km 15 Francs. 
Trinkgeld wird nicht gegeben, doch ist es üblich, das Heu zu be- 
zahlen, welches der Fuhrmann unterwegs bei den Hans füttert 
Auf den Saumwegen im Balkan muls man sich eines Saumtieres 
bedienen. Ich zahlte 6 Francs täglich; der Besitzer ging als 
Führer zu Fulse mit. An den Pferden läfst sich überdies nach der 
landesüblichen Gepflogenheit noch viel Gepäck anbringen; es em- 
pfiehlt sich darum, dasselbe in Packtaschen oder Rucksäcken mit- 
znführen. Wäre es aber doch zu umfangreich, so mietet man wohl 
ein zweites Tier. Die Saumpferde der Balkandzki (Balkan-Leute) 
tragen keinen Ledersattel, sondern ein grolses Holzgestell, Uber 
welches man Decken breitet. Gegen Erwarten sitzt man sehr be- 
quem; dem Steifwerden der Füfse kann man durch öfteres Absitzen 
vorbeugen. Zügel haben die Pferde nicht, nur einen Strick. Man 
bedingt aus, dafs der Mann sich und seine Pferde selbst verpflegt. 
Was man ihm von den eigenen Vorräten zukommen lälst, wird er 
dankbar annehmen; verwöhnt ist er nicht Leute und Pferde sind 
hier zu Lande sehr genügsam und ausdauernd. In Bezug auf die 
Wege zeigte sich mein Führer, ein alter Bulgare aus dem Dorfe 
Schipka, recht unkundig. Da man sich mit dem Führer, der nur 
bulgarisch spricht, nicht leicht verständigen kann, mufs man ihm 
die Absichten, den Weg und alle sonstigen Wünsche vor der Ab- 
reise genau auseinander setzen lassen. Im Dorfe Schipka könnte 
man möglicherweise jenen Petko Petrovo gewinnen, welcher der 

J»hrbtteh«r für di« D«uUofc« Ann«« und Mirin«. Bd. 11*. 2 12 



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180 



Die Rassen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Kolonne des Skobelew als Führer gedient hat; er besitzt aber keine 
Pferde. 

Nicht leicht wird sich ein Kamerad, der sich nur auf wenige 
Wochen nach Bulgarien begiebt, die für uns Germanen schwer zu 
erlernende bulgarisch-slawische Sprache aneignen wollen. Damit 
aber das Ermieten von Wagen und Pferden glatt und ohne besondere 
pekuniäre Nachteile von statten gehen kann, wird man sich für die 
verschiedenen Orte Empfehlungen verschaffen müssen. Ich will 
nachfolgend deutsch sprechende Herren oder Firmen und die em- 
pfehlenswerteren Unterkunftshäuser anführen. Damit ist Jeder in 
der Lage, die von mir angeführte Route ohne weitere Sorge und 
sonderliche Bemühung zu durchreisen. 

Rustschuk: Handlungsfirma Ziegler und Petenian; Sistow: 
Handlungsfirma Karskieff; Nikopoli: Händler Levy Ovadia; Hotel 
Sistow; Plewna: Händler Me nahem Jerohsam (sehr gefällig; der 
Apotheker und sein Gehilfe sprechen auch deutsch); Hotel Europa 
(gut); Selwi: Apotheker Schneider (sehr gefällig); Wohnung bei 
Frau Katharina (wohlthuend reinlich); Tirnova: Apotheker Berger 
sehr unterrichtet und gefällig); Han Bella Bona (bei Kanitz er- 
wähnt) sehr mäfsig; Hotel Post ist besser; Gabrova: Bierwirt 
Wenzel Swoboda spricht deutsch, keine Unterkunft; diese im Han 
Pascaleff (Besitzer spricht französisch); Dorf Schipka: ganz 
schlechter Han ; Maglis; ganz schlechter Han ; Kazanlik: Zeichnungs- 
lehrer Horeschi und Rosenölhändler Stern (sehr gefällig); Eski 
Saghra oder Stara Zagora: Hotel Targobski (Wirt spricht 
italienisch); Sofia: die deutschen Herren und viele Offiziere ver- 
kehren in dem sehr guten Restaurant „roter Krebs;») mehrere gute 
Hotels. Die bulgarischen Hotels, meist nur Hans, sind — Plewna 
und Sofia ausgenommen — äufserst primitiver Natur. Sehr gute 
Quartiere fand ich mehrmals durch Zufall oder durch Empfehlung: 
bei Privaten (Selwi, Jantra). Daraus ist zu schlielsen, dafs bei 
wohlhabenderen Leuten (Krämern) ganz gute Zimmer und Betten 
vorhanden sein können. Es ist nur schwierig, dieselben ausfindig 
zu machen, wenn man die Sprache nicht versteht und wenu man 
keinen sprachkundigen Führer zur Seite hat. Mein Manöverschlaf- 
sack (von F. Jakob, Dinslaken Rheinpr.) und ein Gummiluftkissen 
leisteten mir sehr gute Dienste. Man vergesse nicht, gutes Insekten- 
Pulver mitzunehmen. Die Verpflegung ist meist ganz dürftig, denn in 
vielen Hans kann man aufser Jelze (Eier) nichts haben, oft nicht einmal 
Wein und Bier, aber beinahe immer leichten Raki. Meine mitge- 



i) (Bulg. tscherewenni rakk), Ulitza Strafsej Targowska. 



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Die Rassen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



1S1 



nominenen Sappen- und Fleischkonserven, harte Salami und Maggis 
Fleischextrakt in Kapseln, verschafften mir manch wohlschmeckendes 
Mahl. Gates Brot (chläb) giebt es Uberall, dann und wann auch 
Flaschenbier. Eisbesteck, Eis- und Kochgeschirr (natürlich kom- 
pendiös), Licht u. dergl. sind durchaus nicht überflüssig. Bei rein- 
lichen Leuten bestelle man Dschorba otbile (Huhn mit Suppe), aber 
nelu tiwa (ohne Pfeffer). 

Als Geld nehme man französisches Gold mit; beim Wechseln 
erhält man Agio. Die Preise im Lande sind Uberall recht gering. 
Von Werken über Bulgarien empfehlen sich: Der treffliche Kanitz, 
Donau-Bulgarien und der Balkan, 3 Bände, 1875 — 79, und Jirecek, 
das Fürstentum Bulgarien, 1891. Meyers Reisebuch: Türkei, Serbien, 
Bulgarien u. s. w. enthält nur Weniges. 1 ) Als Reisekarte genügt 
die Generalkarte von Centrai-Europa 1 : 300000 und zwar Blatt 
Rnscuk und Philippopel. Es existiert auch eine russische Spezial- 
karte 1 : 1 20 000; ich hatte sie jedoch nicht in Händen. Für das 
Studium der Gefechtsfelder bei Plewna und am Schipka nehme 
man die Detailblätter des Springer'schen Werkes. Als Reisezeit 
müfste sich der Mai lohnen, wenn auf den Balkanhängen die Rosen 
blühen. Ich reiste nach den Herbstübungen, kam Mitte Oktober in 
den Balkan und hatte prächtiges, warmes Wetter, ausgenommen 
bei meinem ersten Ubergange (15. Oktober), den Sturm und starker 
Nebel sehr beeinträchtigten. Damals hat der Führer vollständig 
versagt; Kompafs und Detailkarte bewahrten mich vor den bedenk- 
lichsten Folgen. Schuhe und Kleidung verlangen keine besonderen 
Malsregeln. Das Gepäck ist in grofsen Taschen und Rucksäcken 
auf den Saumtieren leichter zu transportieren als in festen Koffern. 

Die Entfernungen sind etwa folgende: Von Nikopoli nach 
Plewna 45 km, nach Lowtscha 35 km, nach Selwi 40 km, nach 
Tirnova 50 km, nach Gabrova 40 km, nach Dorf Schipka 23 km, 
nach Kazanlik 12 km, nach Eski Saghra 35 km, (nach Jeni Saghra 
35 km), nach Station Cirpan 55 km. 

Der Balkan (das türkische Wort für Gebirge wie das süd- 
slawische Planina» ist ein etwa 400 km langer, von der Ostgrenze 
Serbiens bis zum Schwarzen Meere streichender Gebirgszug. Seine 
Breite wechselt zwischen 50 und 70 km. Er scheidet Bulgarien 
von Thrakien (Rumelien) und besteht in seinem Hauptgerüste aus 
Granit, dem eine Kalkformation Uber- bezw. vorgelagert ist, und 
welche den Granitwall durchbrochen hat. Der Kalk ist wieder 



*) Unter A. Hartlebens Bibliothek der Sprachenkunde findet sich: 
„Bulgarisch" von Fr. Vymazal, 2 Mk. 

12* 



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182 



Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



häufig mit Thon Uberlegt; auch Schiefer und Sandstein kommen vor. 
Im Norden ist der Abfall allmählich, hingegen im Süden steil, 
namentlich im Central-Balkan. Der Balkan bietet für das Auge ein 
ganz stattliches Gebirge ; es fehlen jedoch Gletscher und Firne, auch 
Spitzen und Gipfel sind selten. Die meist leicht zugänglichen 
Kuppen ragen nur wenig über den Kamm empor. Nach russischen 
Messungen ist der Gjumruktschal, der etwa in der Mitte des Gebirges 
an den Quellen der Tundscha liegt, mit 2376 ra die höchste Er- 
hebung. Im allgemeinen aber hat man es mit Höhen zwischen 1300 
und 2100 m zu thun. Der Balkan galt bis beinahe in unsere Zeit 
als unbekannt und höchst unwegsam, und noch die Geographen 
Ritter und Daniel wufsten Uber das Gebirge nichts zu berichten. 
Erst seit der österreichische Ethnograph Kanitz Bulgarien und den 
Balkan eingehend bereist hat (1860 — 78 ), namentlich aber seit dem 
russisch-türkischen Kriege sind uns Teile des Gebirges bekannt ge- 
worden. Ein im Jahre 1845 von Moltke abgegebenes Urteil ist 
ungemein zutreffend: „Die Unübersteigbarkeit des Balkans, soweit 
sie nicht in einem 100jährigen Vorurteile beruht, gründet sich weit 
weniger auf die absolute Höhe des Gebirges und dessen Unzu- 
gänglichkeit, als vielmehr auf mehrere kleinere Schwierigkeiten, 
welche auf 3 — 6 Märsche gehäuft von einer durchziehenden Truppe 
nach und nach zu beseitigen sind, endlich auch auf die geringe Zahl 
und schlechte Beschaffenheit der Stralsen, welche Uber das Gebirge 
führen." Während des Krieges hat man sich an diese Worte des 
Moltke erinnert. Die Beschreibungen des Kanitz befanden sich 1877 
noch im Drucke. Thatsächlich führen an 30 bekanntere Wege Uber 
das Gebirge; darunter sind 5 gute Stralsen; ein weiterer Teil ist 
noch mit Karren befahrbar ; der Rest sind mehr oder weniger gute 
Saumwege. Dazu kommen noch Fufs- und Hirtenptade, welche nur 
den Balkandski bekannt sind. Für den Übergang sehr störend sind 
Steigungen bis 25 ü (beispielsweise auf beiden Seiten des Schipka- 
Passes), denn die Pässe führen nicht in den Einsenkungeu drüber 
weg, sondern gehen Uber die felsigen Gebirgsrücken, welche im 
Winter eher gangbar bleiben, weil die starken Stürme den Schnee 
wegfegen. Andere Saumwege sind natürlich bei tiefem Schnee un- 
passierbar. Auch die nasse Jahreszeit erschwert da, wo fetter Lehm- 
boden auf den steilen Gängen liegt (z. B. auf der Nordseite des 
Schipka-Passes) den Ubergang bedeutend. Beide Seiten des Balkans 
sind größtenteils mit üppigen Eichen- und Buchenwäldern bedeckt, 
nur der steile Abfall des Centralbalkans (namentlich die Südseite 
des Schipka-Passes) ist meist kahl. Auf der Nordseite des Balkans 
herrscht rauhes Klima, auf der anderen Seite ist es milde; dort 



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Die Russen auf dem Schipka- Balkan im Winter 1877/78. 



183 



liegen dem Schipka gegenüber die Rosenfelder und Nufshaine von 
Kazanlik. 

Der Schipka-Pafs. Auf der Nordseite 8 km südlich von 
Gabrova, auf der Südseite unmittelbar beim Dorfe Schipka beginnt 
der steile Aufstieg zur Pafshöhe. Letztere bildet einen 8 km langen 
Rücken, der sich von Süden nach Norden, eine Wellenlinie bildend, 
allmählich senkt. Dieser Rücken ist an mehreren Stellen nur so 
breit, dals die Palsstrafse eben noch Raum hat; mehrmals erweitert 
er sich aber zu Kuppen, an denen die Strafse entlang zieht. Diese 
Höhen sind im Süden beginnend der Sveti Nikola (1405 m), die 
Centraihöhe (1352 m», der Schipka-Berg (1256 m) und der Tele- 
fraphen-Berg (1167 m). Die Namen — Sveti (heiliger) Nikola aus- 
genommen — stammen von den Russen. Diese Höhen, hauptsächlich 
der Sveti Nikola, bildeten die Stellungen für die russischen Batterien. 
Der Pafsrücken fällt nach beiden Seiten ziemlich steil ab, dann 
erhebt sich sowohl im Osten als im Westen ein weiterer Rücken, 
welche beide mit dem Schipka gleichlaufen und ebenfalls ausge- 
sprochene Kuppen bilden. Letztere dienten später den Türken als 
Batteriestellungen. Die Entfernungen von der Pafsstralse betragen 
zwischen 1500 und 3000 m. Die in Betracht kommenden Höhen 
sind und zwar im Osten: der Mali Brdek (1359 m), die Sacharnaja 
pora (1326 m), die Sosok gora (1256 m); im W r esten der Tschufut 
11525 m), der Karadscha (1354 m) und der Markovi stolbi (1356 m). 
Zwischen letzterem und dem Palsrücken befindet sich keine Thal- 
senkung, der Markovi steigt vielmehr zur Lissaja gora (1504 m) an 
und senkt sich über die Höhe Jechil tepe (1406 m) zur Centrai- 
Höhe ( 1352 m). Hier ist demnach der bequemste Angriffspunkt 
anf die Schipkastellung. Auf der Lissaja gora (kahler Berg) und 
dem Jechil tepe (waldiger Hügel) stand eine Reihe von türkischen 
Batterien. Gegen Süden endigt der Palsrücken mit dem Felsen- 
Plateau des Sveti Nikola. Die Stralse umgeht diese Hochfläche und 
hat dort ihre grölste Höhe (1334 ra) erreicht. Der Sveti Nikola 
fäUt gegen Süden an 70 m beinahe senkrecht ab. Eine am meisten 
vorgeschobene Felswarte heilst Orlinojo gnesdo d. i. Adlerhorst. Das 
Plateau bildet ein Dreieck von etwa 200 m Länge und ist in der 
Mitte eingemuldet Der Sveti Nikola war die Hauptstellung der 
russischen Pafsbesetzung; hier fanden auch die erbittertsten Kämpfe 
statt. Man sieht, dafs die ganze an 8 km tiefe Stellung der Russen 
keine Breite hatte. Es ist ferner aus den bisherigen Höhenangaben 
zu entnehmen, dals die Palsstrafse auf beiden Flanken Uberhöht 
wurde. Die Palsstrafse konnte auch beinahe in ihrer ganzen Aus- 
dehnung mindestens von einer Seite, stellenweise sogar von beiden 



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184 



Die Rassen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Seiten unter Feuer genommen werden. Der Sveti Nikola wurde 
überdies auch noch von den Batterien des Sudabfalles beschossen. 
Berücksichtigt man ferner, dafs der Felsenboden des Palsrückeus 
namentlich auf dem Sveti Nikola für Batterie und Schutzbauten un- 
überwindliche Schwierigkeiten bot, so läfst sich jetzt schon die 
mifsliche Lage der russischen Stellung begreifen. 

Übersicht über den Verlauf des Krieges. Am 27. Juni 
1877 Uberschritten die Russen bei Simnitza die Donau und drangen, 
von den Tünnen beinahe ungehindert, in Bulgarien vor. General- 
leutnant Gurko ging mit dem Avantgarden- Korps unverweilt. den 
besetzten Schipka-Pafs umgehend, Uber den Balkan, nahm dann den 
von den Türken geräumten Pafs am 19. Juli in Besitz und liefs 
seine Heiter fast bis nach Adrianopel streifen. Man hatte jedoch 
den Gegner weit unterschätzt. Osman Pascha erschien mit Streit- 
kräften in der einen Flanke der Russen, im Westen, und besetzte 
und befestigte Plewna. Mebemed Ali Pascha tauchte in der anderen 
Flanke auf, und vom Süden Rumeliens zog Suleiman Pascha heran. 
Die Rückzugslinie der Russen nach der Donau war ernstlich be- 
droht. Gurko sah sich genötigt, Rumelieu wieder zu räumen und 
sich in die Pässe des Balkans zurückzuziehen. Der Schipka-Pals 
wurde nun zur energischen Verteidigung eingerichtet. Hier erfolgten 
vom 21. August an die sechstägigeu sinnlosen Stürme des Suleiman 
Pascha, wodurch er sein gutes Heer vernichtete. Mehemed Ali 
Pascha verblieb im grolseu und ganzen in zaudernder Unthätigkeit 
Bei Plewna hatten die Russen grolse Milserfolge. Die Gefechts- 
und Sturmtage am 20. und 30. Juli, die vom 7. bis 12. August mit 
dem verstärkten Heer und im Vereine mit den herbeigerufenen 
Rumänen unternommenen Hauptstürme und ein nochmals am 19. Ok- 
tober versuchter Angriff blieben erfolglos, aber die Verluste waren 
kolossale. Erst nachdem der seinerzeitige Belagerer Sewastopols, 
General Totleben, eine regelmäfsige Belagerung eingeleitet hatte, 
fiel Plewna am 10. Dezember. 100000 Russen wurden für weitere 
Unternehmungen frei. Man beschlofs, trotz des strengen Winters 
den Balkan zu überschreiten. Gurko ging Ende Dezember Uber den 
Etropol-Balkau, Radetzki anfangs Januar mit den Kolonnen des 
Skobelew und Fürsten Mirski Uber den Schipka-Balkan. Der Weg 
nach Adriauopel und Konstantinopel stand offen. Durch den Frieden 
von St. Stefano (3. März) endigte der verlustreiche Krieg, der unter 
anderem die Begründung des Fürstentums Bulgarien zur Folge hatte. 
Der Krieg hatte den Russen 500 Millionen au Geld und in Europa 
allein 172000 Menschen gekostet. 

Übersicht der Ereignisse auf dem Schipka-Passe im 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



185 



Sommer. Am 13. Juli hatte Generalleutnant Gurko das Gebirge 
auf dem Hainkioj-Passe überschritten. Am 17. sollte er von Süden, 
Generalleutnant Fürst Mirski gleichzeitig von Norden her den 
Schipka-Pafs angreifen. Da dem Gurko der Angriff erst am 18. 
möglich wurde, kämpfte man an den erwähnten beiden Tagen ohne 
Unterstützung des anderen Detachements und zunächst erfolglos. 
Gleichwohl räumten die Türken in der folgenden Nacht den Pafs. 
Sie liefsen 9 Geschütze mit Munition, Gewehre, Fahnen, Zelte, 
Schlachtvieh und — 25 Weiber zurück. Als die Russen am 19. 
den Pals besetzten, fanden sie die Köpfe und die Leichname von 
40 an den vorausgegangenen Tagen in Gefangenschaft geratenen 
Kameraden vor, welche sichtlich unter grausamen Martern getötet 
worden waren. Die Russen benützten die nächste Zeit, um mit 
Hilfe von Sappeuren und 3000 bulgarischen Bauern die Pafsstrafse, 
welche sich in einem elenden Zustande befand, für Militärfuhrwerke 
gangbar zu machen. Das Hauptübel, die Steilheit, konnte man 
hierbei nicht vermeiden. Die Befestigungsarbeiten betrieb man 
zunächst lässig, dann wurde man aber auf den Ernst der Lage auf- 
merksam und begann, den Schipka zur hartnäckigen Verteidigung 
einzurichten. Anfangs August räumte Gurko vor dem mit über- 
legenen Streitkräften heranziehenden Suleiman Rumelien und ging 
am 6. Uber den Balkan zurück. Sein Avantgarden-Korps wurde 
aufgelöst und zum Teil dem 8. Korps des Generalleutnant Radetzki 
(Schipka-Korps) zugeteilt. Vom 9. August an befanden sich von 
diesem Korps auf der Palsstralse 3 Bataillone Russen, 5 Druhsinen 
Ißaone) Bulgaren, 2 Feld-, 1 Gebirgs-, 1 zurückgelassene (noch 
brauchbare) türkische Batterie oder zusammen 6500 Mann und 
28 Geschütze. Die Reserven standen unten in Gabrova, Tirnova, 
»Selwi und Elena. 

Man vermutete, Suleiman Pascha würde auf einem östlicher ge- 
legenen Balkan-Passe das Gebirge Uberschreiten und sich mit 
Meheraed Ali vereinen. Gegen Erwarten entschlofs er sich, nach- 
dem die russisch gesinnte bulgarische Bevölkerung in der Mariza- 
und Tundscha-Ebene unter entsetzlichen Greueln niedergemetzelt 
worden war, — man schätzt die getöteten Männer, Frauen und 
Kinder auf 100000 — zu einem frontalen Angriffe auf die Schipka- 
iStellung. Sein Anmarsch war unerklärlich langsam erfolgt Zur 
Verfügung hatte er 50 Baone oder 35000 Mann, zum Teil Kern- 
truppen, welche unmittelbar vorher in den Kämpfen in Herzegovina 
und Montenegro kriegsgeübt worden waren. 1 ) Am 21. August be- 

t ) In allen kriegsgeschiehtliohen Werken wird erwähnt, dafs Suleiman 
karz vorher Montenegro siegreich durchzogen habe. Eine wie wenig be- 



186 



Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



gann Suleiman ohne vorausgegangene Erkundung und ohne artilleristische 
Vorbereitung seine sechs Tage währenden Sturmangriffe, wobei er 
durch seine anfängliche Überlegenheit die Russen beinahe umklammerte. 
Besonders hartnäckig waren die Stürme gegen den Sveti Xikola und 
von Westen her von der Lissaja gora. Am dritten Tage gegen 
Abend hing die Entscheidung nur mehr an einem Haare. Die 
Widerstandsfähigkeit der Russen begann zu erlahmen; alle Kräfte, 
die letzten Reserven waren ausgegeben. Die Offiziere wendeten die 
äufserste Anstrengung auf, um den letzten noch kampffähigen Rest 
der Truppen im verzweifelten Widerstande zu erhalten, — da, in 
der höchsten Not, kam Verstärkung: die Vorhut einer Schützen- 
brigade auf Kasaken-Pferden. Unverzüglich begannen die frischen 
Truppen das Feuergefecht, während die Kasaken weitere Schützen 
die steile Stralse heraufholten. Generalleutnant Radetzki brachte 
später noch die übrigen Bataillone der Brigade. Die Schipka- 
Stellung war gerettet. Am Abende dieses 23. Augusts befanden sich 
auf der Höhe 15 Baone (12000 Mann), am 24. wurden es 19 Baone 
und am 25. August 24 Baone (18000 Mann). Durch diese zähen 
kopflosen Stürme waren die zerütteten Regimenter der Türken für 
die nächste Zeit lahm gelegt, auch die Munition mangelte. Beide 
Gegner haben an diesen gewaltigen Kampftagen Erfolge errungen, 
der Gesamterfolg aber gehörte den Russen, welche Herren ihrer 
Positionen geblieben sind. Überdies standen ihnen in Gabrova neue 
Kräfte zur Verfügung. Bei den Türken vermilste man namentlich 
die besonnene, einheitliche Gefechtsleitung und das Zusammen- 
arbeiten der Unterführer und der verschiedenen Angrilfsabteilungen. 
Die Verluste waren bedeutend: die Türken verloren 6800 Mann 
(25*/ 0 des Gefechtsstandes), die Russen 5400 Mann ( 33 w / # ). Suleiman 
hatte durch sein sinnloses, starres Anstürmen seinem Kriegsherrn 
das zur Zeit beste türkische Heer vernichtet. In seinen Berichten 
nanute er 30 Bataillone mustergültig, aber nach den Stürmen völlig 
aufgebraucht, 20 andere feige und durchaus unverlässig. Um die 
Mühseligkeit dieser erbitterten Kampftage noch besser würdigen zu 
können, diene die Mitteilung, dals der Marsch der Verstärkungen in 
das Gefecht auf der Schipka-Höhe bei einer Hitze von 40 — 45° R. 
stattfand, und dals es oben auf dem Passe kein Wasser gab. Dazu 
kam noch die Ausdünstung, die das vergossene Blut und die Tausende 
der umherliegenden Leichen verursachten. 

Vom 27. August an trat auf dem Schipka-Passe Ruhe ein. Die 

neiden s werte Rolle Suleiman damals in Montenegro gespielt hat. suchte ich in 
einem anderen Aufsatze nachzuweisen. VergL Jahrb. f. <1. d. A. u. M. Juli- 
heft 18!t4. S. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/7&. 



187 



Russen benutzten die Zeit, um ihren erschöpften Trappen einige 
Ruhe zu gönnen, und um die Stellungen vorteilhafter einzurichten, zu 
vervollständigen und möglichst zu verstärken. Suleiman hielt den 
Pafs auf drei Seiten umschlossen, baute ebenfalls seine Positionen 
aus und beschränkte sich auf die Beschielsung. Später wollte er 
mit Rücksicht auf die eingetretene gesamte Kriegslage nochmals 
versuchen, den Schipka wegzunehmen und ordnete den Sturm auf 
den frühesten Morgen des 17. September an. In der Nacht sollte 
sich die Annäherung vollziehen. Er bildete mehrere Sturmkolonnen 
und formierte überdies für den Hauptangriff aus Elite-Truppen und 
Freiwilligen ein Regiment von 3000 „Geweihten". Es gelaug 
diesmal einer grölseren Anzahl von diesen wilden Fanatikern, tod- 
verachtend den Felsen des Sveti Nikola zu erklettern. Am Kande 
des Plateaus kämpften sie mit der äufsersten Erbitterung. Man 
raufte sich bei den Haaren, stiels sich mit den Fäusten und Fülseu r 
ja man zerfleischte sich mit den Zähnen Arme und Gesicht. Aber 
die meisten der Geweihten wurden vom Felsen hinabgeworfen, wo 
ihre Leiber zerschmetterten. Als die Uberlebenden Geweihten zurück- 
wichen, wendeten sich alle Türken zum RUckzug. Diesmal waren 
die Dispositionen für den Angriff viel zu kompliziert gewesen. Die 
Verluste der Sturmtruppen betrugen an 40°/ 0 . Suleiman hatte jetzt 
definitiv die Unmöglichkeit erkannt, am Schipka einen Erfolg erzielen 
zu können, und beschränkte sich nun auf die Defensive. Er erbaute 
auf sechs Höhen, welche den Sveti Nikola und die anschlieiseude 
Palsstralse hufeisenförmig umgeben, starke Batterien und verbindende 
Logements, häufte bedeutende Mengen von Munition an und begann,, 
die rassische Stellung in der Front und auf den beiden Flanken 
energisch zu bombardieren. 

Die Russen waren bei ihrer Pafsbesetzung auf das kleine 
Plateau des Sveti Nikola und auf die von hier aus gegen Gabrova 
führende Strafse und einige kleinere anliegende Kuppen beschränkt. 
Warum besetzten sie nicht auch die anschliefsende und für ihre 
Stellung so ungemein wichtige Lissaja gora oder wenigstens den 
näheren Jechil tepe? Offenbar hatten sie sich hierzu anfänglich zu 
schwach gefühlt und auch später scheuten sie die hierbei notwendige 
Ausdehnung. Sie wollten imstande sein, den tollkühn stürmenden 
Türken Mauern von Soldaten entgegenwerfen zu können. So blieb 
keine andere Wahl, als die Truppen längs der beinahe überall ge- 
fährdeten Strafse zu verteilen. Das war in dem baumlosen, einge- 
sehenen Revier eine recht mifsliche Sache, zumal man auch ge- 
zwungen war, die unbedingt nötigen Deckungen auf Felsboden 
her/.ustellen, wobei nur Geröll und geringer Humus zur Verfügung 



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188 



Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



stand. Vom Oktober an befanden sich in der Schipkastellung 24'/, 
Baone (18000 Mann) mit 36 Geschützen. Im Dezember vermehrte 
sich die Besatzung aut 26'/» Baone und 54 Geschütze. Die Haupt- 
reserve lag in Gabrova und Tirnova. Die ganze an 8000 m tiefe 
und am Südende 1800 m breite Stellung wurde in vier Gefechts- 
zonen geteilt, wovon die vorderste, die auf dem Sveti Nikola, die 
gefährdetste und anstrengendste war. Man hatte dort sechs 
Batterien gebaut und dieselben mit 19 Geschützen, 2 Mörsern und 
2 Mitrailleusen armiert. Hinter den Logements für die Infanterie 
befanden sich die Erdhütten und Unterstände, welche nach der 
geringen Möglichkeit in den Boden versenkt und recht notdürftig 
mit Hürden, Gestrüpp, Steinen und Erde bedeckt waren. Nach Be- 
darf stellte man auch Verbindungsgräben her. Die Batterien der 
2. Zone mufsten so gebaut werden, dals sie sich gegen drei Seiten 
wehren konnten. Hier befand sich auch ein Verbandplatz. Im 
ganzen hatte man 15 Batterie-Bauten errichtet, die schlielslich (De- 
zember) mit 42 Geschützen, 4 Mitrailleusen und 8 Mörsern besetzt 
waren. Das Hauptquartier befand sich in der 4. Zone in einer 
alten Karaula. Bei den Türken zählte man 10 Batterien, armiert 
mit 50 Geschützen und 16 Mörsern. 

Der Winteraufenthalt der Russen auf dem Schipka- 
Passe. 1 ) 

Seit dem letzten mifsglückten Sturmversuche des Suleiman am 
17. September hatte der Schipka-Pafs aufgehört, eine politisch- 
militärische Tagesberühmtheit zu sein. Alles Interesse wendete sich 
den Kämpfen um Plewna zu. Es entstand das geflügelte Wort: 
„am Schipka-Passe alles ruhig". Anders haben die dort lagernden 
Truppen gedacht, welche im Winter, bei fast unerträglich schwerem 
Dienste und im feindlichen Feuer auf einer unwirtlichen Höhe aus- 
halten mufsten, welche in solcher Jahreszeit die Menschen bisher 
kaum zu passieren gewagt hatten, und die im Winter selbst das 
Wild der Umgebung mied. Von diesen harten Wintertagen sollen 
die folgenden Zeilen sprechen. 

Bereits im September erlebten die Hussen auf dem Schipka- 
Passe Schneefälle und Stürme; es wurde kalt, und die Leute er- 
froren sich Hände und Füfse. Gegen Ende Oktober hatte man 
Wintertage. Die Truppen sorgten für warme Kleidung und ver- 
schafften sich in Gabrova und Tirnova Fäustlinge, wollene Fuls- 

») Vergl. hauptsächlich Springer, Bd. IV, S. 227 u. f., V, S. 145 n. f„ 
VI, S. 219 n. f., VII, S. 41, 178 u. f. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



1S9 



läppen und Bauchbinden; ein Teil der Leute bekam Halbpelze, der 
andere wenigstens einen zweiten Brustlatz. Das meistemufsten sich 
die Leute selbst zurecht richten, nachdem die Regimenter das 
Material hierzu beigeschafft hatten. Daraus kann man die geringe 
Vorsorge der Intendantur-Beamten ersehen. Offiziere wurden nach 
Rufsland entsendet, um Halbpelze und Anderes anzukaufen; sie 
konnten aber erst wieder gegen Ende des Feldzugs eintreffen. 

Während die von den Türken besetzten Höhen reich bewaldet 
waren, gab es im Bereich der russischen Position kein Brennholz, 
so dafs man es aus tiefen Schluchten mit unglaublichen Schwierig- 
keiten heraufscbaffeu mulste. Später, nachdem tiefer Schnee ge- 
fallen war, konnte man es nur von rückwärts aus grofser Ent- 
fernung durch Tragtiere auf der Pafsstralse heranbringen. Wir 
wissen aber bereits, dafs die Strafse stets unter Feuer gehalten 
wurde. Namentlich die Kanoniere einer Gebirgs- Batterie lauerten 
ständig, und wenn sich an einer stark exponierten Stelle Tragtiere, 
Fracbtwagen, einzelne Heiter u. dergl. zeigten, so erfolgte sofort 
ein Schuls, der selten seine Wirkung verfehlte. Diese besonders 
gefährdete Wegstrecke nannten die Russen „Rajiskaja dolina", d. i. 
„Paradies-Thal-\ weil jeder, der diese Stelle passieren mufste, alle 
Aussiebt hatte, rasch ins Jenseits befördert zu werden. In der 
Folge mufste jeder Soldat, der sich auf den Sveti Nikola zur Ab- 
lösung begab, ein Holzscheit mitnehmen. Es gab auf der Schipka- 
Höhe auch kein Wasser. Während der Stürme Suleimans, die bei 
einer Hitze von 40° R. stattfanden, verschmachteten die Kämpfer 
beinahe vor Durst, und mit Todesgefahr sprangen verwegene, opfer- 
mutige Soldaten im feindlichen Gewehrfeuer hinunter in die Schluchten, 
wo Sicker- Wasser aus den Felskluften fiofs. Das nannten sie die 
„Quelle des Todes", weil viele der Kameraden nicht mehr zurück- 
kehrten. Um diese Menschenverluste zu vermeiden, mufste man 
auch das Wasser mit Tragtieren beinahe bis von Gabrova, das fast 
1000 m tiefer lag, herbeischaffen. 

An den ersten Novembertagen wütete bei 10° R. ein Schnee- 
sturm, der verursachte, dafs eine für den Sveti Nikola bestimmte 
Ablösung erst nach mehreren Tagen und mit 324 Kranken, von 
denen sich viele die Glieder erfroren hatten, anlangen konnte. 
Eines dieser Bataillone hatte zum Zurücklegen der 9,5 km langen 
Wegstrecke 12 Stunden gebraucht. Mitte November steigerte sich 
der Frost bis 20° R., und jeder Windstols wirbelte undurchdringliche 
Schneewolken auf, welche alle Vertiefungen ausfüllten und ganze 
Berge anhäuften. Trotzdem mulsten sich die auf der Pafsstrafse 
befindlichen Leute möglichst ruhig verhalten, weil das feindliche 



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190 Die Russen auf dem Schipta-Balkan im Winter 1877 78. 

Artilleriefeuer Tag tür Tag. auch bei Nebel, Uber das Plateau fegte. 
Die Türken hatten an Munition Überflufs, die Russen mufsten. 
sparen. Einen unverzeihlichen Fehler machten die Türken, dafs sie 
regelmäßig gegen 6 Uhr abends das Feuer einstellten. Dann 
konnten bei den Russen die Ablösungen. Zufuhren u. dergl. statt- 
finden. Verschiedene auch bei Nacht unternommene Angriffe der 
Türken zeigten hingegen, dafs der Wachtdienst selbst in stürmischen 
Nächten auf das strengste gehandhabt werden mufste. Durch diesen 
unausgesetzten Wachtdienst und die Unbilden der Witterung litten 
alle Individuen der Besatzung entsetzlich. Manche Kommandeure 
nahmen Bedenken, sich nachts niederzulegen. Niemand ruhte sich 
aus. In der 1. (vordersten) Zone befanden sich 3 Baone, welche 
alle 4 Tage abgelöst wurden. Davon waren 318 Mann zum 
Sicherheitsdienst verwendet. Nur in der 4. Zone konnten einige 
Baone der vollständigen Ruhe pflegen. 

Ende November traten wieder Schneestürme ein, und selbst die 
abgelösten Mannschaften konnten sich nur durch ständige Bewegung 
erwärmen. Die Leute erkrankten massenhaft. Es war fiirderhin 
geradezu unmöglich, 4 Tage auf dem Sveti Nikola auszuhalten, und 
man beschlofs nun, die schwierige Ablösung alle 2 Tage vorzu- 
nehmen. Am 10. Dezember hatte man an Erkrankten 81 Offiziere 
und 5214 Mann; die Unbilden der Witterung wurden aber immer 
noch ärger. Es kamen Zeiten, in welchen man die Besatzung des 
Sveti Nikola trotz des beschwerlichen und weiten Weges bis zum 
Rayon der Ruhe (4. Zone | sogar 2 mal täglich wechseln mufste. 
Bei solchem W etter litt der Sturm auf dem Sveti Nikola kein Feuer. 
Da man aber wegen des Felsbodens nur dürftige Hütten herstellen 
konnte, boten sie keinen Schutz gegen Kälte; die Soldaten mufsten 
daher, wenn Schneestürme herrschten, bei einer Kälte von 20° in 
den durchnälsten Kleidern ohne Feuer bleiben. Selbst, wer nicht 
Posten stand, konnte nicht ruhen und sich nicht erwärmen, auch 
nicht eine erwärmende Suppe kochen; nur unaufhörliche Bewegung 
rettete vor dem Erfrieren. Dafs die Schildwachen auf Posten von 
der Ablösung erfroren gefunden wurden, war ein gewöhnlicher Vor- 
fall; der ablösende Posten trat an die Stelle der Leiche mit der 
Aussicht, in wenigen Stunden ebenso steif und starr dazuliegen wie 
sein Vorgänger. 1 ) Etwa die Hälfte der Leute hatte ja Pelze erhalten, 
aber auch diese schützten nicht ausreichend vor dem Froste. Das 
schlimmste war, erst bis auf die Haut durchnälst und dann gefroren 



•i R Graf von Pfeil, Major u. s. w. r Erlebnisse eines preufsisehen Offi- 
ziers in russischen Diensten während des türkischen Krieges 1877/78, S. 115. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 191 

zu werden. Die Kleider wurden dann steif und brachen eher, als 
dafs sie sich bogen. Wer hinfiel, vermochte nicht, von selbst wieder 
aufzustehen, und wenn nicht sofort Jemand hilfreich zur Hand war, 
wurde der Ärmste durch eine Schneewehe begraben. Oft mulsten 
den Erkrankten die Kleider vom Leibe geschnitten werden, denn 
aufknüpfen liefs sich nichts. Die mitgebrachten Stiefel erwiesen sich 
als viel zn klein, wenn man die warmen Fufslappen anziehen 
wollte; und da man die Stiefel oft mehrere Tage nicht von den 
Fttlsen brachte, schwollen letztere an; man mnlste nun die Stiefel 
aufschneiden oder mit viel Gewalt ausziehen; dann brachte man sie 
aber nicht mehr an die Füfse. Die aus verschiedenen Teilen Rufs- 
lands abgeschickten Ballen mit warmen Kleidungsstücken kamen 
nicht rechtzeitig an, und die Schipka-Garnison wartete von Tag zu 
Tag vergeblich auf diese Hilfe. Kälte vertrugen die Leute ver- 
hältnismäfsig gut, aber wenn die Schneestürme andauernd wehten, 
wuchs die Krankenzahl ins Riesenhafte. Die Verpflegung konnte 
reichlich bemessen werden, aber Mitte Dezember schwand die 
Möglichkeit, Kohl aufzutreiben, eine für die Russen unentbehrliche 
Speise. Besondere Schwierigkeit bot das Heranschaffen der Menage 
auf den Sveti Nikola. Sie mnfste von der 4. Zone zugeführt werden; 
das konnte aber erst bei Dunkelheit stattfinden, und für die wenigen 
Kilometer des Weges brauchten die 6 spännigen Proviantwagen 
4 Stunden. Die Menage langte gewöhnlich erst gegen 1 1 Uhr nachts 
an und in gefrorenem Zustande, so dafs nur das Fleisch genielsbar 
war. Im Dezember konnte wegen Glatteises kein Wagen mehr 
verkehren, und man mulste Tragtiere nehmen. 

Obwohl man an den gefährdeten und daher stark besetzten und 
gesicherten Stellen, d. i. auf dem Sveti Nikola und auf dem 
Wolhynischen Berge — (letzterer lag in der 2. Zone bei der Centrai- 
höhe und den türkischen Stellungen auf dem Jechil tepe und der 
Lissaja gora gegenüber) — alle denkbaren Mafsregeln ergriff, um 
der Besatzung das Leben erträglicher zu machen, und die Posten 
ganz beträchtlich verringert hatte, war der Dienst ein aufreibender. 
Die Leute begannen in einen furchtbar reizbaren, nervösen Zustand 
zu verfallen, welcher schlielslich in häufig vorkommenden plötzlichen 
Todesfällen — Gehirn- und Herzschlag — endigte. Alles war auf- 
geregt, erschöpft, ruhebedürftig und doch ruhelos. Die Kommandeure 
brauchten viel Festigkeit und Selbstbeherrschung, um bei der auf- 
geregten und erbitterten Mannschaft die Leidenschaften niederzuhalten. 

Um diese Zeit mochten die Türken, die im allgemeinen weit 
bessere Verhältnisse hatten, ebenso frieren wie die Russen; darum 
unternahmen sie nichts. Vom 18. Dezember an fiel so viel Schnee, 



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192 



Die Russen auf dem Sehipka-Balkan im Winter 1877/78. 



dafs die Verbindung aufserordentlich erschwert wurde. Man konnte 
aber viele Posten einziehen, da an vielen Stelleu die Gefahr eines 
Uberraschenden feindlichen Angriffes durch die Schneemassen beseitigt 
war. Am 18. erhob sich auch ein Sturm, welcher beinahe mit 
gleicher Heftigkeit bis zum 27. wütete. Das waren wohl die härtesten 
Tage, welche auch ganz enorme Verluste durch Krankheiten brachten. 
Der Kommandant auf dem Sveti Nikola schickte Meldung um Meldung 
zum Pals-Kommandanten, „dafs die Zahl der Erkrankungen in er- 
schreckender Weise wachse". Am 22. meldete er, dafs die gesamte 
Bedienung der Gebirgs- und Mitrailleusen-Baterie erkrankt sei, für 
die Übrigen Batterien nur mehr wenig Leute zur Bedienung vorhanden, 
und von einem Baon nur 100 Mann übrig wären. Mit der gröfsten 
Anstrengung könne man seit Tagen kein Feuer mehr anmachen. — 
Man zog alle Posten ein und Ubertrug die unausgesetzte scharfe 
Beobachtung des Feindes 6 „Geheimposten", unter welchen sich 
3 Offiziere befanden. Auch in den anderen Abschnitten Iiefs man 
eine bedeutende Verringerung des Dienstbetriebes eintreten. Für die 
Regimenter der 24. Division, die bisher am meisten angestrengt 
waren, kam diese Erleichterung zu spät, denn am 24. Dezember hatte 
man einen Krankenstand von 8773 Mann, wovon 6213 Mann auf die 
3 Regimenter der genannten Division entfielen. An dem einen Tage 
waren allein 1895 Mann neu in Zugang gekommen. Der Komman- 
dant des Passes bat auf das dringendste um Ablösung, weil sonst 
in wenigen Tagen auch noch die Cadres der ihm anvertrauten Regi- 
menter zu Grunde gehen würden. Am 27. hatten zwei Regimenter 
nicht mehr genug Leute, um den Dienst zu versehen. Zu den 
übrigen Anstrengungen kamen für die Gesunden noch aufreibende 
Arbeiten, um die ungeheuren Schneemassen wegzuschaffen, wenigstens 
in den Kommunikationen, Logements und bei den Hütten. Man mufste 
nach jedem Schneegestöber thatsächlich die Leute aus den Hütten 
herausgrabeu, denn der ganze Hang, auf welchem die Hütten erbaut 
waren, stellte morgens ein ebenes Schneefeld vor, in welchem nur 
die aus dem Schnee herausragenden Bajonettspitzen die Stellen der 
Hütten markierten. Den auf dem Schipka verbliebenen oder Ende 
Dezember neu eingetroffenen Ablösungstruppen (die 24. Division war 
bei Grabovo in Erholungsquartiere verlegt worden I drohte bei län- 
gerem Verbleiben auf dem Passe die Vernichtung ; man mufste un- 
bedingt zurück oder vorwärts gehen. Man entschlofs sich zu letzterem, 
da auf dem nördlichen Kriegsschauplatze eine wichtige Entscheidung 
stattgefunden hatte. 

Am 10. Dezember war Plewna nach fünfmonatlicher Einschliefsung 
und nach schweren, Uberaus verlustreichen Kämpfen gefallen. 1 00000 



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Die Rassen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 193 

Rossen wurden für weitere Unternehmungen frei. Bei den bedenk- 
lichen Unordnungen der Intendantur schien der Unterhalt des Heeres 
in dem bereits ausgesaugten Bulgarien in Frage gestellt, hingegen 
würde Rumelien neue Hilfsquellen bieten, und so beschlofs man, 
trotz des strengen Winters den Baikau zu Uberschreiten. Dies hielten 
die Türken in der gegenwärtigen Jahreszeit für unmöglich. Zunächst 
sollte Generalleutnant Gurko mit seiner Armee-Abteilung Ende 
Dezember den Etropol-Balkan Uberschreiten und gegen Sofia mar- 
schieren; Generalleutnant Karzow mit geringeren Kräften Uber den 
Trojan-Pals in das Gebiet südlich des Balkans folgen; und schliefslich 
Generalleutnant Kadetzki anfangs Januar von der Schipka-Stellung 
aas in das Tuudscha-Thal niedersteigen. Beträchtliche Verstärkungen, 
darunter die 16. Division unter Generalleutnant Skobeiew, waren 
von Plewna her gegen den Schipka im Anmarsch. Radctzki erwog, 
dals ein gerades Vorgehen Uber den Schipka-Pafs keinen Erfolg 
haben würde, denn nach der örtlichen Lage könnte dieses Vorgehen 
nur mit ganz schmaler Front stattfinden, man würde unten am Pals- 
aasgange auf die stark befestigte türkische Stellung unter Wessel 
Pascha stolsen und in flankierendes Feuer seiner zahlreichen Artillerie 
geraten. Radetzki entschlofs sich zu einer Umgehung der beiden 
Flanken. Mit den von Plewna eintreffenden Regimentern fühlte er 
sich hierzu stark genug. Diese Bewegungen hätten am 5. Januar IS 78 
za beginnen. Es sollte Generalleutnant Fürst Swiatopolk-Mirski 
mit der linken Flügel-Kolonne (26 Baonen = 18000 Mann) von 
Travna aus über die Topuriska poljana, Selci und Jenina auf Dorf 
Schipka marschieren und Generalleutnant Skobelow mit der rechten 
Flügelkolonne (22 , / J Baouen = 16000 Mann) von Toplis aus den 
Gebirgsübergang über die Hochebene Wiätropol in der Richtung auf 
liuetli ausführen. Beide Kolonnen sollten am 8. Januar von dem 
frontal vorbrechenden mittleren Detachement (lo'/i Baonen j unterstützt 
die Türken beim Dorfe Schipka angreifen. Der Travna-Pals war 
etwa 15 km, der Imetli-Weg stellenweise nur 4 km von der 
Schipkapals-Strafse entfernt. 

Der Übergang der Kolonne des Fürsten MiTBld. 1 } 

Um den Weg dieser Kolonne kennen zu lernen, nahm ich 
zunächst, nachdem ich die ganze Schipka-Stellung begangen hatte, 
Nachtquartier im Dörfchen Jantra, das etwa 4 km ostwärts der 

V) Nach Springer Vll. S. 184 und 217f ; vergleiche hauptsächlich auch Graf 
v. Pfeil. Erlebnisse u.s.w. (Graf v. Pfeil war während des Krieges in russischen 
Diensten und für den Balkan-Übergang dem Stabe des Fürsten Mirski zugeteilt. 



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194 Dte Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Palsstralse in einem Thälchen am Nordabfall des Gebirges gelegen 
ist. Ich hatte eigentlich das ein Stündchen davon entfernte Monastir 
(Kloster), welches in der Karte von Mittel-Europa als „Sveti Georgij" 
in der Springerschen Skizze als „Sveti Sokol" eingetragen ist, in 
Aussicht genommen nnd in einem Seitenthale anf einer schönen Höhe 
eine ausgedehnte, rings abgeschlossene Kloster- Anlage vorgefunden. 
Ich erhielt aber kein Nachtquartier, da die in ihr Winterquartier 
nach Gabrova zurückgekehrten Mönche keinerlei Lagerstätte zurück- 
gelassen hatten. Ich möchte für andere Besucher die Aufmerksamkeit 
auf dieses für das Studium der Schipka-Stellung günstig gelegene 
Monastir lenken. In dem ziemlich abgelegenen Jantra (die Leute 
sagten Jetra) befindet sich kein eigentlicher Hau, und in zwei Häusern 
wurde ich mit meiner Bitte um Nachtquartier abgewiesen. Im dritten, 
bei einem Krämer, erhielt ich ein treffliches Bett (es war mein bestes 
in ganz Bulgarien) und eine Dschorba otbile. Vor Tagesgrauen 
brach ich mit meinem Pferde und dem Pferdebesitzer als Führer 
auf, da der Weg ein ungewöhnlich langer werden würde. Ich wollte 
zunächst ostwärts, bis ich den Saumweg Travna — Selci — Maglis 
erreicht hätte. Einen eigentlichen Weg gab es für diesen Teil der 
Tagestour nicht, darum konnte ich auch meinem Führer nach der 
Karte nicht an die Hand gehen und ihm nur bedeuten, sich eingehendst 
zu erkundigen, und auch unterwegs so oft als möglich zu fragen- 
Gegen Erwarten löste er seine Aufgabe ganz gut. Der Weg gegen 
Osten führte bei prächtigstem, sommerlichem Wetter (18. Oktober) durch 
schöne, baumreiche Thäler. Er gestattet auch einen Blick von rückwärts 
aut die von den Türken besetzten Höhen des Mali Brdek, der Sachar- 
naja und der Sosok gora. Diese fallen nach rückwärts (Osten) 
ebenso steil ab wie nach vorwärts, und das Hinaufschleppen der 
Geschütze mag eine sauere Arbeit gewesen sein; der Rücken bot 
aber für die ruhenden Truppen vollkommene Deckung. Dann ging 
der W r eg stundenlang auf Hängen und Rücken weiter, welch letztere 
herrliche Fernblicke auf die nördlichen Berge des Balkans boten. 
Nach etwa fünf Stunden erreichten wir den Travna- Weg; er war 
gut und nicht sonderlich steil. Auf der Kammhöhe des Krestec- 
Berges, wo eine alte Karaula steht, stielsen zu uns zwei berittene 
Gendarmen; da sie aber besser beritten waren, kam ich nicht mit 
Es ging, meist durch sehr schöne Buchenwaldungen, immer noch 
aufwärts, bis zu der grofsen Lichtung der Topuriska poljana, einer 
Alpenmatte. Hier trifft man viele Herden der rumänischen Wander- 
hirten, die oft ein Dutzend sehr böser, gegen die Wölfe benötigter 
Hunde bei sich haben. Schlecht und steil wurde der Abstieg Uber 
die gerüllreichen Hänge und Felsen des Dubnik hinunter in den 



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Die Russen aut dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 195 

rings von hohen Bergen abgeschlossenen Kessel, in dem die kleine Ort- 
schaft Selci liegt Von hier aus glaubte ich bequem und beinahe eben 
nach dem nur mehr 9 km Luftlinie entfernten Magiis hinabsteigen 
zu können, merkte aber zu meiner Enttäuschung, dals die Schlucht 
der Magliska rjeka für einen Saum- oder Fulsweg keinen Raum lälst 
Der Wanderer ist gezwungen, nochmals eine ebenfalls Sveti Nikola 
genannte Höhe von etwa 1000 m zu Ubersteigen, um dann das am 
Nordfufse des Gebirges gelegene Maglis zu erreichen. Der heutige 
Marsch hatte vom frühesten Morgen bis zur Dämmerung (6— 4 ao ) 
gedauert; nur 10 Minuten kamen für die Mittagsrast in Wegfall. 
Maglis hat 6000 E., aber nur einen Han der allerdürftigsten Art, in 
dem nicht einmal W r ein und nur einige Eier zu haben waren. Ein 
sehr gefälliger, französisch sprechender Studierender der Medizin 
(G. Th^odoroff) lud mich in sein Häuschen ein und bot frische 
Trauben an; Unterkunft hatte er nicht. Man wende sich, wenn immer 
möglich, hier an den Kmet, d. i. Ortsvorstand. — Die Kolonne des 
Fürsten Mirski war bei Selci westwärts abgebogen, und auf gutem 
Wege ohne besondere Schwierigkeiten Uber Gjusevo nach Jenina 
marschiert, wo sie die Ebene erreichte. Nur 2 Regimenter wandten 
sich nach dem von den Türken schwach besetzten Maglis und 
nahmen es weg. 

Der Übergang der Kolonne. Die 21 Baone der beiden 
Infanterie-Divisionen waren entweder gar nicht oder wenigstens nicht 
genügend für einen winterlichen Gebirgstibergang vorgesehen. Sie 
besafsen nicht ausreichenden Zwieback und zum Teil nicht einmal 
genügende Munition. Man hatte keine geeigneten Packpferde, sondern 
nur abgemagerte Zugtiere. Die meisten von den Leuten besafsen 
keine warme Kleidung und nicht einmal ordentliches Schuhwerk. 
Viele trugen statt der Stiefel türkische Folsbekleidung oder Sandalen 
(wohl Opanken). Das in Tirnova eingerichtete Magazin war ohne 
Vorkehrungen für den Nachschub. Bedeutend besser war die 14. 
Schützenbrigade (4 Baone) vorgesehen. Sie hatte ausreichend 
Patronen und Tragtiere, jeder Mann einen Halbpelz, 2 dicke 
Unterjacken, 2 Paar wollene Fufslappen, Zwieback, Konserven und 
einen hölzernen Spaten. Man besafs auch lebendes Schlachtvieh, es 
wurde aber nicht mitgetrieben. Es war gelungen, 2000 mit Holz- 
spaten versehene bulgarische Bauern zusammen zu bringen, welche 
am Abend des 4. Januar unter Leitung einer der Sappeur-Kom- 
pagnien mit dem Ausschaufeln des Weges begannen. Alle Train- und 
Lazarett-Wagen sollten zurückbleiben. 

Die Avantgarde (4. Schützenbrigade. 2 Sotnien Kasaken, 1 Geb., 
Batterie) marschierten am 5. Januar um 4 Uhr morgens in Radajevi- 

Jakrbbcktr für dia d*ut«cbe Arme« und Mario«. Bd. 112 2. 13 



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19 t; 



Die Russen auf dem Sohipka-Balkan im Winter 1877/78. 



(10 km südlich Travna und 5 km nordwärts des Kammes auf dem 
Krestec-Berge) ab und nahmen die bereits auf dem Kre6tec-Berge 
befindliche bulg. Druhsine und 1 Sotnie auf. Die bulgarischen Sehne- 
Arbeiter hatte man bald Uberholt. Die !J seit 7 Uhr vereinigten 
Sotnien Kasaken gingen, ohne sich um die nachfolgende Infanterie 
zu kümmern, auf dem verschneiten Wege weiter. Um 8 Uhr hatten 
auch die anderen Truppen der Avantgarde den Krestec-Berg erreicht 
und folgten dann den Weg Uber die wechselnden Höhen und die 
Topuriska poljana fort. Vom Gros sollte zunächst die eine Division 
(3 Reg.) folgen, die andere Division (4 Reg.) war erst von Tirnova 
her im Anmarsch. Auf den Gebirgspfaden mufste man die äufserste 
Vorsicht gebrauchen, da oftmals steile Abgründe trügeriseh mit Schnee 
bedeckt waren. Einige Mannschaften fielen hier als Opfer ihrer 
Unvorsichtigkeit, und an eine Rettung war unter den obwaltenden 
Umständen nicht zu denken. Man kann wohl annehmen, dals sie 
vom Sturze betäubt nicht mehr zu sich kamen und erfroren sind. 

Um 4 Uhr des Nachmittags erreichten die Kasaken Selci, einen 
kleinen Ort, der von den Türken beinahe ganz niedergebrannt und 
von den Einwohnern verlassen worden war. Am Abende und im 
Laufe der Nacht traf auch die Avantgarde auf dem für das Biwak 
ausersehenen Platze in der Nähe dieses Ortes ein. Obwohl der Weg 
hierher nur etwa 16 km betragen hatte, war die Vorhut doch 
17 Stunden unterwegs gewesen. Es ist unmöglich, von der nun 
herrschenden Verwirrung sich auch nur annähernd eine Vorstellung 
zu machen. Bei schneidender Kälte, welche der scharfe, kleine 
Eisspitzen mit sich führende Wind verstärkte, mufsten die Mann- 
schaften, bis Uber die Knie im Schnee watend, sich zurechtfinden. 
Von Feueranzünden, Abkochen oder sich Zurechtrichten irgend welcher 
Lagerstätte war natürlich keine Rede. ,.Aber so oft ich auch durch 
die Reihen der braven Soldaten schritt", sagt Graf v. Pfeil, „ nirgends 
hörte ich auch nur ein Wort der Unzufriedenheit. Nur die Offiziere 
schimpften laut und bekümmerten sich gar nicht um ihre Mann- 
schaften." Das Aufstellen der Vorposten in der Dunkelheit und im 
unbekannten Gebirge, im verschneiten Gelände und nach dem an- 
strengenden Marsche bot fast unüberwindliche Schwierigkeiten. 

Fürst Mirski stand in der grimmigen Kälte ratlos und wartete 
auf eine Mitteilung über seine Unterkunft. Sämtliche Offiziere und 
beinahe alle Mannschaften des Stabes waren bereits fortgeschickt 
oder sonstwo in der Dunkelheit verschwunden, nur Graf v. Pfeil und 
einige Kasaken befanden sich bei ihm. Da kam die Nachricht, das 
Dorf Selci bestände Uberhaupt nur aus drei halb verbrannten Hütten, 
und der Weg dorthin wäre in der Dunkelheit soviel wie unmöglich. 



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Die Russen auf dem Sehipka-Balkan im Winter 1877 78. 197 



Fürst Mirski hatte bisher wacker alle Beschwerden ertragen, aber 
diese Nachricht lähmte seine bisherige Selbstbeherrschung völlig. Er 
wollte sich nun in den Schnee werfen und einfach alles über sich 
ergehen lassen. Hauptmann v. Pfeil griff nun wohlthuend ein und 
veranlalste den Fürsten, zunächst die nötigen Meldungen an General- 
leutnant Radetzki zu schreiben, die Befehle an die Truppen zu 
erlassen und Kasaken damit fortzuschicken. Dann stellte er dem 
Fürsten vor, dafs es unmöglich sei. bei dessen ohnehin angegriffenen 
Gesundheit im Freien zu verbleiben, suchte den Kasaken, welcher 
den Weg nach Selci kannte, und zündete seine Handlaterne an, um 
den schlechten Weg zu beleuchten. 

Zwei Kasaken nahmen den noch fortwährend murrenden Fürsten 
anter die Arme, und dann ging der Marsch weiter. Der Weg war 
entsetzlich: steil und mit Glatteis bedeckt führte er an einem stark 
abfallenden Hange hin. (Es ist die von mir eingangs erwähnte 
Stelle am Dubnik, die schlechteste Passage während des ganzen 
Überganges.) Man fiel fortwährend im Wechsel auf den Boden. Aber 
die Aussicht, vielleicht doch in eine erwärmte Stube zu kommen, 
machte den Fürsten immer glücklicher. Er klagte auch über seine 
Offiziere, die ihn völlig im Stiche gelassen hatten. Trotz der starken 
Kälte strömte den Marschierenden der Sehweite vom Körper. Nach 
einer Stunde etwa gelangten sie an eine der Hütten von Selci, wo 
sie die Offiziere des Stabes mit ziemlich verlegenen Gesichtern um den 
warmen Ofen vorfanden. Später traf auch noch des Fürsten Kammer- 
diener ein, welcher Vorräte und Decken brachte. (Ich habe dieser 
Episode etwas mehr Kaum gegönnt, weil sie zeigt, wie das Gelingen 
einer t'nternehmung von dem Wohlbefinden und der Widerstands- 
fähigkeit des Führers abhängen kann. Das Benehmen der Offiziere 
beim Stabe und der Truppenoffiziere erscheint in wenig günstigem 
Lichte. Es werden bei Schilderung der anderen Kolonne grofse 
Gegensätze in die Augen fallen.) 

Zwei Regimenter der einen Division arbeiteten sich bis gegen 
Mitternacht zur Topuriska poljana hinauf, wo sie die Nacht Uber 
verhlieben. Das 3. Regiment, welches die Feldbatterie zu transpor- 
tieren hatte, war unter grolsen Anstrengungen nur bis zum Krestec- 
Kerge gelangt. Dort blieb die Batterie stehen und kehrte später 
nach Travna zurück. Die andere Division hatte an diesem Tage 
Travna erreicht. 

Am 6. bog die Avantgarde westwärts ab; sie hatte nur wenige 
Kilometer bis zur Kammhöhe bei Gjusevo zu marschieren, der Weg 
war ziemlich breit, nicht besonders steil und bot darum lange nicht 
die Beschwerlichkeit wie der Balkan-Übergang, Man traf dort bald 

13* 



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198 Die Russen auf dem Schipka-Bulkan im Winter 1877/78. 



nach Mittag ein und bezog die vorgeschriebene Stellung. Bisher 
hatte man von Türken noch keine Spur wahrgenommen. Von der 
Höhe aus konnte man die ganze Tundscha-Ebene Überschauen. Die 
vordere Division ging an diesem Tage bis Selci heran und sollte 
dort ruhen, die andere Division sollte aufschliefsen. Die Kälte stieg 
bis 20° K., dabei wehte scharfer Wind. Es wurde erlaubt, Feaer 
anzuztlnden. 

Am 7. Januar marschierten zwei Regimenter der rückwärtigen 
Division in gerader Richtung weiter gegen Maglis, das sie gegen 
Abend von mehreren Bataillonen besetzt vorfanden und wegnahmen. 
Von der Hauptkolonne hatten gegen 10 Uhr morgens alle Truppen 
die Pafshöhe erreicht und begannen dann den Abstieg in das Thal. 
Auf diesem Marsche hatte Graf v. Pfeil zum erstenmale Gelegenheit, 
die Marschordnung gröfserer russischer Truppenmassen auf einer 
gangbaren Stralse zu beobachten. Er machte eine Reihe ungünstiger 
Bemerkungen. So wurde niemals die eine Seite ftlr die Reiter frei 
gelassen, was jede Bestellung ungemein verlangsamte. Die Leute 
traten aus Reih und Glied, wenn es ihnen beliebte, und schwärmten 
fortwährend zu beiden Seiten des Weges. Jeder Truppenteil hatte, 
da keinerlei Anordnung darüber getroffen worden war, an Fuhr- 
werken mitgenommen, was ihm beliebte. Diese Fuhrwerke und die 
Zugpferde versperrten fortwährend den Weg. Auf Pfeils Vorstellung 
hin liefs Fürst Mirski auf einem freien Platze alle Fuhrwerke, die 
Munitionswagen ausgenommen, halten, damit sie sich rückwärts der 
Kolonne unter Führung eines berittenen Offiziers wieder anschlössen. 
Die Offiziere, namentlich die höheren, welche das denkbar unnützeste 
Gepäck mit sich führten, schimpften fürchterlich. Durch diese ein- 
fache Marsregel nahm aber die Marschgeschwindigkeit fast um das 
Doppelte zu. 

Bisher war der Ubergang den Türken verborgen geblieben: erst 
Gjusevo fand mau von Baschibozuks besetzt. In dem kleinen Gefecht, 
das sich entspann, beteiligten sich auch die türkischen Einwohner. 
Abends gegen ~> Uhr hatte die ganze Kolonne ihre Stellung dicht 
vor Jenina und Kazanlik, welche Orte am Rande der grofsen Ebene 
liegen, eingenommen. Alle hatten das Vorgefühl. daTs der kommende 
Tag ein ereignisvoller werden würde, und ruhten unruhig. 

Das Gefecht von Scheinovo, das am 8. und 9. Januar statt- 
fand, soll nicht näher geschildert werden. Am Morgen des 8. griff 
Fürst Mirski die Türken, welche zwischen Dorf Schipka und dem 
zwei Kilometer südwestlich davon gelegeneu Dorfe Scheinovo (Onu- 
curtu) eine befestigte Stellung eingenommen und auch die 
hier Uber die Ebene vielfach zerstreuten Grabhügel (Tumuli) mit 



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Die Russen auf dein Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Infanterie und Artillerie besetzt hatten, an. Er hatte beinahe keine 
Artillerie zur Verfügung, nur 8 Gebirgsgeschütze. „Diese kleinen 
GebirgsgeschUtze machten den schweren türkischen Feldgeschützen 
gegenüber den Eindruck kleiner Hunde, welche grofse anbellen." 
Später gelang es, 2 türkische Geschütze wegzunehmen, welche man 
sofort verwendete. Gegen jede Erwartung hörte und sah man von 
Skobelew und seiner Kolonne keine Spur. Am Abende mulste man 
das verlustreiche Gefecht abbrechen. Es fehlte an Munition und 
Zwieback. Die ganze Nacht über arbeiteten die Russen, um ihre 
Stellung zu verstärken. Zu den Deckungen verwendete man, was 
schnell zur Hand war: Steine, gefrorene Erde, Schnee, Stroh, Mist, 
Holz, zerbrochene Fuhrwerke, — Pferde- und Menschen-Leichname. 

Am 9. gingen die Türken, wie man erwartet hatte, zum Angriff 
über. Nur schwer hielten die Russen stand. Schon wollten diese 
bei den immer wieder erneuten heftigen Angriffen der Türken er- 
lahmen, da braust plötzlich vom äufsersten linken Flügel ein Hurra- 
rufen heran: Skobelew rückt auf der anderen Seite unter den 
Klängen der Musik vor. Die Türken wenden sich wütend gegen 
den neuen Feind. An 2000 Tscherkessen brechen zwischen den 
beiden russischen Heeresteilen in rasender Flucht durch. Vom 
Sehipka herunter hört man die Kanonen Radetzkis. 

Bald nach 2 Uhr zeigten die Türken weilse Fahnen und Tücher. 
Der Jubel der Russen war nun unbeschreiblich. Sie umarmten, 
külsten und bekreuzten sich. Selbst die armen Verwundeten 
nahmen an dem allgemeinen Jubel mit teil. 

Dals Skobelew dem Fürsten Mirski am 8. Januar in der be- 
drängten Lage nicht zu Hilfe gekommen ist, darf man wohl als 
Absicht deuten. Zieht man ein früheres ähnliches Verhalten bei 
Plewna in Betracht, „so erscheint Skobelew nicht von dem schweren 
Verdacht gereinigt, absichtlich seinen Partner längere Zeit hindurch 
ohne Unterstützung gelassen zu haben, um ihn in eine mifsliche 
Gefechts-Situation zu bringen und dann seinerseits als Sieger von 
Scheinovo aufzutreten." ■) Hauptmann Graf v. Pfeil sagte: „Jetzt ist 
es ja längst bekannt, was uns damals schon keinen Moment zweifel- 
haft war, dafs sich Skobelew aus niederträchtigem Eigennutze ab- 
sichtlich verspätete, in der Hoffnung, dals Fürst Mirski geschlagen 
würde und er, Skobelew, dann, indem er folgenden Tages die 
Scharte auswetzte, als Held des Tages dastehen würde. Fürst 
Mirski hatte stets die schlechteste Meinung von Skobelews Charakter 
und meinte, er sei ein Offizier, dem in Friedenszeiten Niemand die 

i) Springer VII, S. 425. 



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200 



Über Abfassung von Befehlen. 



Hand reiche.**) Auf dieses häfsliche Verhalten des sonst so vor- 
züglichen, energischen Führers mufs hier besonders hingewiesen 
werden, weil es den Erfolg einer grofsen, Uberaus mühsamen Unter- 
nehmung in Frage stellte. 

Bei den türkischen Leichen sah man vielfach nackte Fülse, weil 
ihnen die russischen Soldaten als Ersatz ftlr ihr verdorbenes Schuh- 
werk die Stiefel ausgezogen hatten. Von den Toten mufsten viele 
auf ein Grab verzichten, da es an Arbeitskräften fehlte, um in dem 
steinhart gefrorenen Boden Massengräber zu errichten. Man Uberliefs 
die Arbeit der Vernichtung grösstenteils den Rudeln von Hunden, 
Aasgeiern und Krähen. 2 ) Fürst Mirski hatte einen Verlust von 
2100 Mann. (.Schiufa folgt.) 



XIV. 

Über Abfassung von Befehlen. 

Ein kriegageschichtlieher Rückblick. 

(Fortsetzung.) 
4. Herzog von Braunschweig. 

Die Befehle des Herzogs, des Führers der preufsischen Armee 
1806, sind sehr unbestimmt, langatmig und rechnen meist mit ver- 
schiedenen Möglichkeiten. Marsch-Tableaus werden auf viele Tage 
im voraus befohlen, noch bevor man Nachrichten Uber den Feind 
hat. Für den 13. Oktober 1806 gab der Herzog folgende Disposition 
für die gesamte Armee aus, d. h. für die ihm direkt unterstellte 
Hauptarmee, für die Armee des Fürsten Hohenlohe und für das De- 
tachement Rüchel: „Die Hauptarmee marschiert am 18. in einer 
Kolonne divisionsweise mit Intervallen von 2 zu 2 Stunden links ab 
nach der Gegend von Auerstädt; am 14.. nachdem abgekocht worden, 
schiebt sie eine Division gegen den Pals von Koeseu vor und mar- 
schiert hinter derselben wieder links nach der Brücke von Freibarg, 
passiert daselbst die Unstrut und bezieht auf den dortigen Höhen 

») Graf v. PfeU 8. 181. 
2j Graf v. Pteil S. 136. 



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über Abfassung von Befehlen. 



201 



eine Stellung mit dem rechten Flügel an der Unstrut, mit der Front 
längs der Saale. Die Reserve unter dem General Graf Kalkreuth 
geht zu gleicher Zeit (?) links ab, passiert die Unstrut bei Laucha 
und bezieht daselbst gleichfalls ein Lager. 

Der General Rüchel rückt von Erfurt Uber Weimar nach den 
Lehmstädter Höhen und bezieht mit seinem Korps die von der Haupt- 
arm ee verlassene Stellung. Der Herzog von Weimar erhält den 
Befehl, sich an ihn anzuschliefsen und die Verbindung zwischen dem 
Rüehelschen und Hohenloheschen Korps zu machen, welche bis zu 
seiner Ankunft der Oberst Sellin mit 100 Pferden von Köhler-Husaren 
erhalten muls. 

Der Fürst Hohenlohe bleibt vor der Hand in seiner Stellung bei 
Jena, detachiert aber noch am 13. ein hinlängliches Korps nach 
Dornburg und Kamburg, um die Hauptarmee während ihres Marsches 
gegen jeden unvermuteten Anfall in der rechten Flanke sicher zu 
stellen. ul ) 

Selbst also in gröfster Nähe des Feindes wird zum Teil für 
2 Tage voraus befohlen, gleichsam als wenn ein Feind gar nicht 
vorhanden wäre, der alle die Einzelheiten des Befehls durchkreuzen 
könnte. Bei Weitergabe dieser Disposition an den bei Jena stehen- 
den Fürsten Hohenlohe fügte Oberst v. Massenbach dem Befehl des 
Herzogs hinzu, dafs der Fürst den Feind durchaus nicht angreifen 
sollte und auf das Strengste zur Verantwortung gezogen werden 
würde, wenn er diesen Befehl Uberschritte! Dieser höchst merk- 
würdige, unbedingt zu mißbilligende Zusatz findet vielleicht seine 
Erklärung in der Niederlage des Prinzen Louis Ferdinand bei Saal- 
feld. Weil dieser zu kühn ausgefallen und dann sogar noch einen 
Vorstols gewagt hatte, der mißglückte, wurde nun jeder Angriff 
verboten, ganz gleich, ob sich vielleicht eine günstige Gelegenheit 
dazu bot. Vergegenwärtigt man sich den Beginn der Schlacht von 
Jena, so war es hier gerade das Richtige, wenn die preufsische 
Armee gegen die Tete der die Höhen erklimmenden französischen 
Kolonnen zum Angriff vorging. Während der Prinz ein Führer war, 
den man wegen seines Thatendranges und wegen seines außerge- 
wöhnlichen Mutes durch die Befehle etwas Fesseln anlegen mufste, 
war dem Fürsten Hohenlohe gegenüber eher das Gegenteil am Platz. 
Richtige Beurteilung des Charakters der eigenen und 
der feindlichen Generale sowie des Einflusses der letzten 
Ereignisse auf die Truppe ist die Voraussetzung zu einem 
sachgemäfsen Befehl. Bei diesem Befehl wie auch bei den 



i) Hoepmer, Krieg 1806/7, I. Band, Seite 844. 



202 



Über Abfassung von Betehlen. 



meisten Befehlen Friedrichs des Grofsen und Napoleons vermifst 
man die Nachrichten Uber den Feind, welche heutzutage mit Recht 
in keinem Befehl fehlen dürfen. 
5. Fürst Schwarzenberg. 

Befehl für den 1. Schlachttag bei Leipzig (16. 10. 1813). 

„Infolge der getroffenen Übereinkunft bricht die Armee des 
Generals v. Blücher früh um 7 Uhr von Schkeuditz auf und mar- 
schiert nach Leipzig. 

Die 3. Armee-Abteilung des Feldzeugmeisters Gyulay versammelt 
sich um 6 Uhr mit der 1. österreichischen leichten Division des 
Fürsten Moritz Lichtenstein und dem General von Thielemann bei 
Markranstädt, wahrscheinlich (!) nimmt die Kolonne des General- 
Leutnants Grafen St. Priest von der Blücherschen Armee denselben 
Weg und vereinigt sich zu gleicher Zeit mit der 3. Armee-Abteilung. 
Auf die eine oder die andere Weise bricht der General Graf Gyulay 
um 7 Uhr von Ranstädt auf, greift den Feind an, den er vor sich 
hat, und rückt nach Leipzig. Die Hauptbestimmung dieser Kolonne 
ist, die Kommunikation zwischen der Hauptarmee und der des 
Generals von Blücher zu unterhalten (?) und durch ihren Angriff 
ihrerseits auf Leipzig den der anderen Kolonnen zu erleichtern. 1 m 
Falle die Kolonne des Grafen Gyulay mit grofser Über- 
macht zurückgedrängt würde, geht ihr Rückzug auf Möl- 
sen und von da auf Zeitz. Wenn sie sich von Mölsen zurück- 
ziehen müfste, müssen die beiden Bataillone so in Weifsen- 
fels und die beiden so in Naumburg stehen, davon benach- 
richtigt werden und sich sofort nac h Zeitz zurückziehen. (!!!) 

Die 2. Armee-Abteilung des Generals Grafen Meerfeldt steht 
um 6 Uhr zum Angriff en colonne formiert bei Zwenkau, an ihre 
Queue nimmt sie eine ihrer 12pfUndigen Batterien; dicht hinter der- 
selben angeschlossen folgt die Division Kostitz, dann die Division 
Blanchy, dann das Reserve-Geschütz der 2. Armee-Abteilung und 
endlich die Division Weifsenwolf. Um 7 Uhr bricht diese Kolonne 
unter dem Befehl des Erbprinzen von Hessen-Homburg auf, marschiert 
nach Connewitz, bemächtigt sich der Brücke und des Orts und 
marschiert, wenn dies gelungen ist, dergestalt in Bataillonsmassen 
auf, dafs das Meerfeldt' sehe Korps das erste Treffen, die Division 
Blanchy das zweite Treffen und die Weifsenwolfs das dritte Treffen 
bilden. Die Kavallerie des Grafen Nostitz muls während des Marsches 
der Kolonne sich rechts derselben soviel als möglich halten, und 
zwar gleich von der Stelle aus. Wenn Connewitz genommen ist, 
muls der General v. Nostitz soviel als möglich eilen, um den rechten 
Flügel des Meerfeldtschen Korps erreichen und daselbst regiraenter- 



Über Abfassung von Befehlen. 



weise in geschlossenen Kolonnen auf halbe Distance in 
der Breite von halben Divisionen formiert en Echiquier 
aufmarschieren. (!) 

Zur Erleichterung des Angriffs auf Connewitz brechen die beiden 
Bataillone der Division Blanchy mit der ihnen zugeteilten Kavallerie 
früh um 7 Uhr von Wiedrau auf, marschieren Uber Knauthain und 
Klein-Zschocher und von da rechts durch das Connewitzer-Holz auf 
die Stralse von Zwenkau nach Leipzig. Ist bei ihrer Ankunft daselbst 
Connewitz noch vom Feinde besetzt, so müssen sie es im Rücken 
angreifen. 

Um die Brücke von Connewitz in brauchbaren Zustaud zu setzen,, 
erhält der General Graf Merfeldt eine halbe Pionier-Kompagnie mit 
einer grolsen Laufbrücke. 

Alle russischen Kavallerie- und Infanterie-Reserven brechen nebst 
der russischen und preulsischen Garde um 4 Uhr früh aus ihren 
Stellungen auf und marschieren Uber Pulgar nach Rötha, wo sie die 
Pleuse passieren und sich auf dem rechten Ufer derselben derge- 
ßtalt in Kolonnen formiert aufstellen, dafs sie in gleichem Mafse 
die Reserve des Generals Grafen Wittgenstein und des Erbprinzen 
von Hessen-Homburg bilden. Die Kavallerie dieses (welches?) Korps 
stellt sich am rechten Flügel der Infanterie ebenfalls in Massen auf 
en Echiquier. Der kommandierende General en chef Barclay 
kommandiert alle Kolonnen auf dem rechten Ufer der Pleilse. 

Der General Graf Wittgenstein greift präzis um 7 Uhr mit 
seinem, dem Klenauschen und Kleistschen Korps den Feind an, 
den er gegen sich hat, und drückt ihn gegen Leipzig. 

Das russische Grenadier-Korps und die russische Kürassier- 
Division dienen vorzüglich seinem rechten Flügel als Reserve, deren 
Soutien er sich aber nur im äufsersten Notfall bedienen darf. (?) 

Beim Angriff empfehle ich im allgemeinen die Aufstellung in 
Bataillons- und Regimentsmassen en Echiquier, nicht allein bei der 
Kavallerie und Infanterie, sondern auch bei den Batterien, die sich 
sämtlich en Echiquier vor- und rückwärts bewegen sollen. 

Im Falle eines Rückzuges dirigiert sich (!): 
die Kolonne des Erbprinzen von Hessen-Homburg über Pegau 
nach Zeitz, 

die Kolonne des Grafen Wittgenstein auf Altenburg, 

die Kolonne des Grafen Klenau auf Penig, 

die Kolonne der russischen Reserve wird sich nach den er- 
gebenden Umständen entweder auf Zeitz oder auf Alten- 
bar? dirigieren. 

Die 1. Armee-Abteilung des Feldzeugmeisters Colloredo poussiert, 



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204 



Über Abfassung von Befehlen. 



bo viel sie kommen kann von Borne aus vorwärts auf Leipzig und 
dient dem General Grafen Klenau zur Reserve, ihr Rückzug geht 
auf Chemnitz. 

Die Armee des Generals Baron Benningsen trifft morgen in 
Colditz ein und poussiert bis gegen Grimma und Wurtzen. 

Zwei Bataillone von der russischen Garde bleiben in Pegau 
zurllck und besetzen die Brücke über die Elster. 

Die österreichische Geschütz-Reserve bleibt bis auf weiteren 
Befehl in Pegau. 

Alle Equipagen ohne Ausnahme gehen auf Zeitz zurück und 
stellen sich Hinter dem Orte an der Stralse nach Gera auf. Es 
darf sich bei der schwersten Verantwortung kein Wagen bei den 
Kolonnen zeigen. 

Ich selbst werde mich zu Anfang des Gefechts bei der Kolonne 
des Erbprinzen von Hessen-Homburg aufhalten, später (?) aber bei 
den russischen Reserven zu erfrageu sein. 

Der Haupt-Verbandplatz ist am linken Flügel bei Zwenkau. 

Die sämtlichen Korps-Kommandanten ohne alle Ausnahmen 
senden mir während des Gefechts alle Stunden Rapporte. 

Hauptquartier Pegau am 15. Oktober 1813. 1 ) 

gez. v. Schwarzenberg." 

Der Befehl ist wohl kaum als Musterbefehl zu bezeichnen, er 
ist übermäfsig lang, greift in den Befehlsbereich der Unterführer ein, 
schreibt diesen alle möglichen Einzelheiten vor, befiehlt viel zu sehr 
voraus und enthält viele Unklarheiten. Es geht z. B. aus dem Befehl 
nicht deutlich hervor, ob sich Fürst Schwarzenberg die Verfügung über 
die verschiedenen Reserven vorbehalten hat oder ob die Führer der 
einzelnen Kolonnen unmittelbar über sie verfügen können, wie es 
dem General Wittgenstein ausdrücklich gestattet wird. Stellenweise 
wird der Versuch gemacht, dem Befehl etwas Kraft zu geben, so 
heifst es für die 2. Armee- Abteilung: „sie bemächtigt sich der 
Brücke und des Orts (Connewitz)." Aber die Energie, welche in 
diesen Worten liegen könnte, wird vollständig verwischt durch die 
eingehenden Anordnungen für den Rückzug, bei denen bereits Marsch- 
ziele bezeichnet werden, die etwa 10 Meilen von Leipzig entfernt 
liegeu. Auch das Zurückschicken der Bagage bis nach Zeitz (ca. 
10 Meilen südlich Leipzig), macht keinen sehr ermutigenden Eindruck. 
Man kann sich dem Eindruck nicht verschliefsen, dals Fürst Schwarzen- 
berg selbst keine allzu grofse Hoffnung auf einen Massenerfolg gehabt 
hat. Man war oft genug vor Napoleon zurückgewichen und der 



M Aster, die Gefechte und Schlachten bei Leipzig. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



205 



Respekt vor seinem Überlegenen Fuhrertalent und der Überlegenen 
Taktik seiner Truppen war im verbündeten Heere so grofs, dafs 
man alles anf das Strengste vermeiden mulste, was die Stimmung 
der Mannschaft ungünstig beeinflussen konnte. Hier war nicht blols 
ein aufmunterndes, sondern noch mehr ein zu ver sichtliches Wort 
am Platz, da der Kampf thatsächlich aussichtsvoll war. Dafs man 
in jener Zeit auch anders und besser zu befehlen wufste, zeigen 
nicht allein die schon besprochenen Befehle Napoleons, sondern vor 
allem auch die bei der Blücherschen Armee gegebenen. Übrigens 
vermilst man gerade bei einem derartig langen Befehl die jetzt all- 
gemeine übliche Zerlegung in einzelne Nummern, durch welche die 
Übersichtlichkeit sehr gewinnt. 

6. Feldmarschall Fürst Blücher. 

Blücher hat seine Befehle meist nicht selbst verfafst, sondern 
seinen Generalstabs-Chef Gneisenau damit beauftragt. Als inter- 
essantes Gegenstück zu dem Befehle Schwarzenbergs für den 
16. 10. 1813 seien die Anordnungen Blüchers für denselben Tag 
angeführt. Am 15. 10. befiehlt er: 

„Den 16. Oktober früh um G Uhr marschiert die Reserve- 
Kavllerie aller drei Korps, nebst der reitenden Artillerie derselben 
ab. nämlich: 

Die Reserve-Kavallerie des Korps von York auf der grolsen 
Strafse nach Leipzig; sobald sie an die Kavalleriespitze der Avant- 
garde kommt, setzt sich diese an die Spitze und rückt nach 
Leipzig vor. 

Die Reserve-Kavallerie des Korps von Langeron marschiert Uber 
Radefeld nach Lindenthal, die Kavallerie der Avantgarde setzt sich 
ebenfalls an die Spitze. 

Doch müssen schon vor dem Abmarsch dieser Kavallerie 
Rapporte eingegangen sein, wo der Feind gegen Düben zu steht und 
ob er Delitzsch besetzt habe. 

„Die Kavallerie der Reserve und der Avantgarde nebst der 
reitenden Artillerie des Korps v. Sacken folgen der Kavallerie des 
Korps von York Uber Schkeuditz gegen Leipzig. 

Ich werde an der Tete dieser Kavallerie sein. Sollte der Feind 
nicht diesseits der Parthe in Position sein, so marschiert die Reserve- 
Kavallerie des Korps von York zwischen Möckern und Gohlis auf, 
die Reserve- Kavallerie vom Korps des Generals Graf Langeron dies- 
seits Wetterisch und die Kavallerie der Avantgarde geht vor, um 
den Feind aufzusuchen und um seine Stellung hinter der Parthe oder 
auf dem Wege nach Düben anzuzeigen. 



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206 



Über Abfassung von Befehlen. 



Die sämtliche Infanterie kocht morgen früh ab, so dals sie um 
10 Ubr abmarschieren kann. 

Von jedem Korps wird mich ein Ordonnanz-Offizier begleiten, 
der die Ordres an seine Korps-Kommandanten zu bringen hat 

gez. v. Blücher. u 

Nachdem am 16. 10. früh die feindliche Stellung erkundet war, 
erfolgte folgender einfacher Befehl: 

„Die Infanterie setzt sich sogleich in Marsch. 

Das Korps des Generals Graf Langeron greift Freienroda an r 
alsdann Radefeld. 

Das Korps v. Sacken folgt diesem als Reserve. 

Das Korps von York marschiert gegen Leipzig und wendet sich 
bei Lüt8chena links zum Angriff auf Lindenthal. Die Infanterie der 
Avantgarde von York bleibt auf der grofsen Strafse nach Leipzig. 

Wenn der General Graf St. Priest ankommt, so folgt er dem 
Korps von Langeron. 

Ich bleibe auf der Höhe von Lütschena und Radefeld. 1 ) 

gez. v. Blücher." 

Ganz einwandfrei sind diese Befehle zwar auch nicht, aber wie 
viel einfacher, kürzer und klarer als der Befehl Schwarzenberg's. 
Jedes Vorausbefehlen wird vermieden. Am 15. wird nur angeordnet, 
dafs und wohin die Kavallerie vorgehen soll und wann die Infanterie 
marschbereit sein soll. Erst nachdem der Feind erkundet ist, wurden 
am 16. die Korps zum Angriff angesetzt und ihnen dabei lediglich 
die Ziele vorgeschrieben, ohne in die Ausführung einzugreifen. Von 
Anordnungen für den Rückzug enthalten die Befehle nicht die leiseste 
Andeutung. Nur eins vermilst man, das frische, von Herzen kommende 
Wort, eine naturgemäfse Folge davon, dafs nicht der Feldherr, sondern 
der Generalstabs-Chef die Befehle abgefafst hatte. 

Die Befehle für Laon lauten: 

a) für den 8. 3. 1814. 

„Die Korps von Sacken, von Langeron und von Winzingerode 
stellen sich mit grolser Tiefe, die Chaussee nach Crepz vor sich 
habend, bei Laniscourt auf, die sämtliche Kavallerie bei Luisi zwischen 
Laon und Resmy. 

Das Korps von Bülow besetzt die Höhen von Laon. 

Die Korps von Kleist und von York stellen sich zwischen die 
Höhen der Stadt und Vour. 

Die Kaval lerie stellt sich dahinter auf die Strafse nach Chambry 

gez. v. Blücher." 

>) Aster, die Gefechte und Schlachten bei Leipzig. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



207 



b) flir den 9. 3. 1814. 

„Wenn der Feind gegen die Position vorrUckt, welche wir ein- 
nehmen, so werde ich die Offensive ergreifen; jeder der Herret 
Korps-Kommandanten wird sich eine Reserve bilden. 

Wenn zur Offensive Ubergegangen wird, so werden die Batterien 
Torgezogen nnd damit die Schlacht eröffnet, bei dem jetzigen Nebel 
müssen die Truppen zusammengehalten und die Fronten durch 
Infanterie bewacht werden. 

gez. v. Blücher." 

Die Befehle zeichnen sich durch Kürze und Klarheit vorteilhaft 
ans. Der Hinweis auf das Verhalten der Truppen bei Nebel erscheint 
durchaus angebracht. Wie anders aber würden wohl diese Befehle 
gelautet haben, wenn sie Blücher selbst verfertigt hätte! Gewifs 
nicht so kunstgerecht, aber sicherlich viel packender und elektrisierender 
würden sie gewesen sein. 

7. Feldzeugmeister Benedek. 
Befehl für den 3. Juli 1866: 

„Heute eingelaufene Nachrichten besagen, dals stärkere feindliche 
Truppenmassen in der Gegend von Neu-Bidsow, Smider und gegen 
Horic stehen; zwischen unseren und den feindlichen Vortruppen haben 
bei Kolstitz und Sucka bereits Scharmützel stattgefunden. Nach 
der Stellung des Feindes dürfte morgen möglicherweise ein Angriff 
erfolgen, der zunächst gegen das königlich sächsische Korps 
gerichtet ist. Für diesen Fall befehle ich folgendes: 

Das königlich sächsische Armee-Korps besetzt die Höhen 
von Popowitz, den linken Flügel etwas zurückgebogen und durch die 
eigene Kavallerie gedeckt. Vor der Front dieser Stellung sind nur 
Vortruppen vorzuschieben, links von diesen und etwas zurück, auf 
dem äul'sersten linken Flügel bei Problus und Prim hat sich auf 
einem geeigneten Terrain die 1. leichte Kavallerie-Division 
aufzustellen. Das X. Korps faTst Stellung rechts vom sächsischen 
Korps und endlich rechts vom X. Korps das III. Korps, welches die 
Höhen von Lipa und Chlum besetzt. Das VIII. Korps hat zunächst 
dem sächsischen Korps als Unterstützung zu dienen und sich hinter 
demselben aufzustellen. 

Die hier nicht genannten Truppen haben, so lange der Angriff 
auf unseren linken Flügel beschränkt bleibt, sich nur in Bereitschaft 
zu halten. Sollte aber der feindliche Angriff grölsere Dimensionen 
annehmen und auch gegen unsere Mitte und den rechten Flügel 
gerichtet werden, dann tritt die ganze Armee in Schlachtordnung und 
es hat Folgendes zu geschehen: 



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208 



Über Abfassung von Befehlen. 



Das IV. Korps marschiert rechts vom III. Korps auf den Höhen 
von Chlum und Nedelist auf, und auf dem äufsersten rechten Flügel 
neben dem IV. Korps das II. Korps. Die Ii. leichte Kavallerie- 
Division rückt hinter Nedelist und bleibt dort in Bereitschaft Das 
VI. Korps sammelt sich auf den Höhen von Wsestar, das I. Korps 
rückt nach Rosnitz, beide Korps in konzentrierter Aufstellung. Die 

1. und 3. Reserve -Kavallerie-Division rücken nach Sweti, die 

2. Reserve-Kavallerie-Division nach Briza. 

Bei der2. Annahme eines allgemeinen Angriffs bilden das V., 

I. und VI. Korps, die fünf Kavallerie-Divisionen, endlich die 
Armee-Geschütz-Reserve, welche hinter dem I. und VI. Korps 
Aufstellung nimmt, die Reserve der Armee zum einer aussehliels- 
lichen Verfügung. 

Morgen früh mufs die ganze Armee einer »Schlacht gewärtig sein; 
das zuerst angegriffene Korps teilt dies unverzüglich den nach dieser 
Disposition zunächst stehenden Korps mit, welche ihrerseits die er- 
haltene Meldung weiter senden. Das VIII. Armeekorps bricht unverzüg- 
lich aus seinem damaligem Lager auf; es sendet in das Hauptquartier 
des sächsischen Korps einen Offizier voraus, welcher je nach der 
Sachlage, wenn der Kampf schon ausgebrochen oder bevorstehend 
wäre, dem VIII. Korps entgegeneilt und es in die bestimmte Auf- 
stellung hinter das sächsische Korps führt. Sollte aber ein feind- 
licher Angriff nicht in Aussicht stehen (?), dann hat das VIII. Korps 
das für dasselbe bestimmte Lager bei Charbusitz zu beziehen. 

Ich werde mich, wenn nur der linke Flügel der Armee ange- 
griffen wird, bei diesem, im Falle einer allgemeinen Schlacht aber 
auf der Höhe von Chlum aufhalten. 

Sollte die Armee zum Rückzüge gezwungen sein, so erfolgt 
dieser auf der Stralse Uber Holic gegen Hohenmauth, ohne die Festung 
zu berühren. 

Das II. und IV. Korps haben gleich nach Erhalt dieses Befehls 
Pontonbrücken Uber die Elbe herstellen zu lassen und zwar das 

II. Korps zwei Brücken zwischen Luchenitz und Predmeritz, das 
IV. Korps gleichfalls zwei Brücken bei Placha. 

Das dazu noch fehlende Material ist von den Equipagen des 
6. Bataillons beizustellen. Sollte eine Herrichtung von Kommunikationen 
an den BrUckenstellen nötig sein, so hat dies gleichfalls zu ge- 
schehen. 

Das I. Korps läfst durch seine Pioniere sogleich eine Brücke 
bei Swinar Uber die Adler schlagen. Der Befolg dieser Anordnung 
ist durch Offiziere mündlich oder schriftlich anzuzeigen und sind die 
gewählten Brückenstellen genau anzugeben. 



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Über Abfasanng von Befehlen. 



2u9 



Die Disposition für den eventuellen Rückzog wird morgen nach- 
folgen, gez. Benedek.* 1 

Die Annahme von zwei Fällen im Befehl verrät sofort die 
Unsicherheit der Führung, sie macht aulserdem den Befehl über- 
mäßig lang und öffnet Mißverständnissen Thür und Thor. Der 
Führer wird sich ja Uberlegen müssen, was er in verschiedenen 
Fällen thun wird, in einen Befehl gehören aber solche Annahmen 
besser nicht. Liegen die Verhältnisse nicht so klar, dafs sofort eine 
Verteidigungsstellung genommen werden kann, so stellt man durch 
den Befehl die Truppen lediglich bereit, was natürlich nicht ausschliefst, 
dafs an der Einrichtung der vielleicht in Frage kommenden Stellung 
gearbeitet wird. Streng genommen trat zunächst keiner der beideu 
angenommenen Fälle ein, da die Preufsen am Vormittag nur den 
linken Flügel und die Mitte der österreichischen Stellung angriffen, 
erst durch Eintreffen der Armee des Kronprinzen am Mittag wurde 
der rechte Flügel der von Beuedek beabsichtigten Stellung ange- 
griffen. Die Anordnung, dals das II. Korps sich rechts vom IV. auf- 
stellen soll, ist nicht deutlich genug, es fehlt die Abschnittsgrenze 
und die Bezeichnung der Front. Das Korps stellte sich auch an 
ganz anderer Stelle auf, als Benedek beabsichtigt hatte. Die Ver- 
fügung Uber das VIII. Korps ist ebenfalls unklar. Man weils nicht 
sofort, ob das Korps dem Kronprinz von Sachsen unmittelbar unter- 
stellt war. Dies war wohl gemeint, da das Korps bei der Reserve 
zur Verfügung des Feldzeugraeisters nicht aufgeführt ist. Thatsächlich 
bat au(;h der Kronprinz unmittelbar Uber das Korps verfügt. Vom 
Rückzüge ist viel zu viel die Rede und man vermifst in dem ganzen 
Befehl ein kräftiges, zu energischem Widerstand antreibendes Wort 
and das war doch nach den vorausgegangeneu Niederlagen so sehr 
angebracht, statt dessen heifst es: „Die Korps besetzen die 
Höhen, fassen Stellung, marschieren auf!* 4 

8. Erzherzog Albrecht. 

Das für Österreich im allgemeinen so unglückliche Jahr 18(56 
hatte aber auch einen Ruhm- und Ehrentag, das ist Custozza. Die 
österreichische Armee kann auf diesen Sieg mit Recht stolz sein, 
denn er wurde gegen eine grofse Überlegenheit erfochten. Die 
Schlacht ist eine der interessantesten der modernen Kriegsgeschichte, 
sie ist ein ausgesprochenes Begegnungsgefecht und bietet daher eine 
grofse Anzahl von anregenden Episoden. Das Studium der Schlacht 
giebt eine Fülle von Anregung und Belehrung und wird daher auch 
vom österreichischen Oifizierkorps eifrig gepflegt. Die Führungskunst 
des Erzherzogs Albrecht zeigt sich der Viktor Emanuels und seines 
Generalstabs-Chefs wesentlich Uberlegen. Die Entschlüsse des Erz- 



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210 



Über Abfassung von Befehlen. 



herzogs sind durchweg sachgemäls, weniger allerdings seine Befehls- 
erteilung, die teilweise geradezu bedenklich erscheint, und vielleicht 
Unheil gestiftet hätte, wenn der Feind unternehmender und die 
österreichischen Unterführer weniger tüchtig gewesen wären. So 
erhält der Oberst Pulz, der Führer der Kavallerie-Division, folgende 
Befehle: 

1. „Reiterei durch erfolglose Plänkeleien nicht zu sehr abhetzen, 
Feind mehr gegen Sommacampagna locken. Kräfte der Pferde bis 
zur Entscheidung schonen. Nachricht geben, wie stark feindliche 
Kavallerie und ob Infanterie in Villafranca. Wird bekannt ge- 
geben, wann Moment zum Eingreifen der Kavallerie*. (!) 

2. „Wenn die Pferde noch bei Kraft sind, durch eine 
Vorrückung gegen Custozza dem um 5 Uhr auf Custozza stattfindenden 
Angriffe Nachdruck zu geben." 

Der letzte Satz des ersten Befehles murs doch eigentlich dahin 
aufgefalst werden, dafs die Kavallerie ohne ausdrücklichen Befehl 
nicht in das Gefecht eingreifen soll. Dies wäre aber ein durchaus 
falsches Unterbinden der Selbständigkeit der Kavallerie. Sehr 
häufig wird der Kavallerieftthrer selbst oder durch seine Patrouillen 
einen günstigen Moment zum Eingreifen besser oder frühzeitiger er- 
kennen als der oberste Truppenführer. Diese günstigen Momente 
sind aber olt von sehr kurzer Dauer. Soll da erst der Befehl zum 
Attackieren abgewartet werden, so ist der günstige Zeitpunkt häufig 
bereits verpafst. Daher mufs der Kavallerieführer in solchen Fällen 
selbständig handeln. Die Wendung im zweiten Befehle: „Wenn die 
Pferde noch bei Kraft sind* erscheint sehr matt und dazu angethan, 
einem nicht sehr unternehmungslustigen Führer einen guten Grund 
zur Unthätigkeit an die Hand zu geben. Es wird unter allen Um- 
ständen versucht und bleibt die Hälfte der Pferde dabei liegen, so 
haben sie ihren Zweck erfüllt. Ahnlich matt ist der Befehl an das 
VII. Korps: „Das VII. Korps wird um 5 Uhr den letzten (!) Ver- 
such l!) auf Custozza machen.* Das klingt beinahe hoffnungslos, 
der Angriff soll noch einmal angesetzt werden, damit man der Truppe 
nichts nachsagen kann. Es ist umsomehr anzuerkennen, dafs sich 
das VII. Korps und sein Führer durch diese schüchternen Worte 
nicht einschüchtern Helsen und nicht einen letzten Versuch, son- 
dern einen energischen Angriff auf Custozza machten. 26. 

(Sohluls folgt.) 



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Die Fortachritte der preulsiscben Artillerie unter Friedrich d. Gr. 211 



XV. 

Die Fortschritte der preulsiscben Artillerie 
unter Friedrich dem Grolsen. 

Der Sieger io so vielen Schlachten kann nicht ohne Einfluls 
auf eine Waffe gewesen sein, welche jederzeit wesentlich zu seinen 
Triumphen beigetragen. 

Man hat dem grolsen König oft zum Vorwurf gemacht, dals er 
die Artillerie nicht geliebt habe. Wie sollte er, der kühne Angreifer, 
eine Waffe lieben, welche bei ihrer damaligen Schwerfälligkeit und 
Unbeweglichkeit ihm nur ein Hemmnis seiner Angriffsentwürfe er- 
scheinen mufste. Umsomehr staunt man Uber die grofse Thätigkeit, 
welche Friedrich der Grofse in allen Artillerie- Angelegenheiten 
entfaltete. 

Im Jahre 1740 übernahm der grolse König bei seiner Thronbestei- 
gung eine zwar an Kopfzahl kleine, doch reichlich ausgerüstete und 
zeitgemäfs ausgebildete Artillerie. Es hat an zahlreichen Anerkennungen 
seitens des Königs nicht gefehlt und seiu. a. hier angeführt, dals z.B. nach 
der Schlacht bei Lowositz der König seine hohe Zufriedenheit dieser 
Waffe dadurch zeigte, dafs er den Führer derselben, Major v. Moller, 
auffallend beförderte, ihm sowie seinen drei Kapitains den Orden 
poar le mörite verlieh und ein Schreiben an den Feldmarschall 
Schwerin mit den Worten schlofs: „Moller von der Artillerie hat 
Wunder gethan und mich auf eine erstaunliche Art sekondiert" 

Wendet man sich zunächst den Fortschritten zu, welche die 
Artillerie in organisatorischer Beziehung machte, so findet man, dals 
schon der 1. schlesische Krieg vieles Wichtige brachte. Während 
dieses Feldzuges wurde die Feldartillerie verdoppelt, indem ein 2. 
Bataillon errichtet wurde. Gleichzeitig erfuhr auch die Garnison- 
Artillerie eine bedeutende Verstärkung. Namentlich wurden durch 
diesen Krieg zwei Mafsregeln sanktioniert, durch welche der König 
fast allen anderen Artillerien vorausgeeilt war und zwar: 

1. Die völlige Trennung der Feld- von der Belagerungs- und 
Festungs-Artillerie. 

2. Die Einteilung der Geschütze in Brigaden zu 10 Geschützen 
— die späteren Batterien — statt des bisher üblichen Zusammen- 
haltens in einem grolsen Park. 

Bei dem Beginn des 2. schlesischen Krieges waren alle Vorbe- 
reitungen so getroffen, dafs die Artillerie in weit imposanterer Weise 
auftreten konnte als im ersten. Die Armee führte einen vollständigen 
Belagerungstrain, im ganzen 226 Geschütze, mit sich. 

Jikrbttcher für die deutsch« Armee und Marine. Bd t>2 2 14 



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212 Die Fortschritte der preufsischen Artillerie anter Friedrich d. Gr. 

Während der mehr als zehnjährigen Friedensperiode bis zum 
7jährigen Kriege wurden die Erfahrungen der letzten Feldzüge auch 
bei der Artillerie nutzbringend verwertet. Von den eingeführten 
3 pfundigen Kammergeschützen, welche manche Nachteile gezeigt 
hatten, wandte man sich wieder den gewöhnlichen Kanonen zu. 
Gleichzeitig trat die Vorliebe des Königs für Haubitzen, welche er 
mit Recht sehr geeignet für die Offensive hielt, immer mehr hervor. 
Um den Freibataillonen recht leichtes Geschütz zu geben, waren 
sogar Einpfünder konstruiert worden, die sich jedoch nicht bewährten 
und gegen Ende des 7jährigen Krieges wieder abgeschafft wurden. 
Grofse Aufmerksamkeit widmete man auch den Fortschritten der 
österreichischen Artillerie, welche Fürst Wenzel Lichtenstein in 
hervorragender Weise organisierte. 

Die Übergabe von Pirna und die Besitzergreifung der Vorräte 
in Dresden führte nicht nur zu einer Verstärkung, sondern auch zu 
einer wichtigen Änderung in der preufsischen Artillerie, indem der 
6 Pfünder, welcher Wirkung und Beweglichkeit für damalige Verhält- 
nisse am günstigsten vereinigte, zum Hauptkaliber erhoben wurde. 

Während des 7jährigen Krieges verdreifachte sich die Stärke 
der Artillerie und betrug daher zu Ende desselben 3 Regimenter 
ä 2 Bataillone ä 5 Kompagnien. 

In das Jahr 1759 fällt die wichtigste Errungenschaft für die 
preulsische Artillerie, die Stiftung der reitenden Artillerie. 

Zu Anfang wandte sich das Glück entschieden von der jungen 
Waffe ab — zweimal, bei Kunersdorf und bei Maxen fiel die reitende 
Batterie in die Hände des Feindes: doch zum drittenmal, neu er- 
richtet, zählte sie bereits 1762 21 Geschütze. 

Man hat hierbei Gelegenheit, die ganze Charakterstärke des 
Königs zu bewundern, mit welcher er das einmal als richtig er- 
kannte vor dem Untergang zu bewahren wufste. 

Zwar war die Verwendung berittener Artilleristen nicht neu 
indem die Russen in diesen Kriegen bei ihren Dragonern die sog, 
Schuwalows führten — einzelne Geschütze, die von Kavalleristen 
bedient wurden. Es ist daher die Frage gerechtfertigt, woher die 
Verehrung stammt, welche Friedrich der Grol6e als Stifter der 
reitenden Artillerie in so hohem Mafse seit mehr als hundert Jahren 
in allen Landen geniefst. Die Antwort auf diese Frage findet man 
in folgenden Worten des Generals von Troschke: „Vor allem bietet 
seine Einrichtung gegen frühere ähnliche Versuche den grofsen 
Unterschied, dals er nicht einzelne von Reitern bediente Geschütze 
hinstellte, sondern einen Truppenteil erschuf. Der Korpsgeist eines 
solchen war imstande, die geistigen Impulse fortzupflanzen, die ihm 



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Die Fortschritte der preußischen Artillerie unter Friedrich d. Gr. 213 

von dem Königlichen Kriegsherrn selber Überkommen. Solche Ideen 
auf ein Offizierkorps Ubertragen, heifst in gewissem Sinne die Un- 
sterblichkeit verleihen. 

Demnächst ist wohl zu beachten, welche Elemente der Voll- 
kommenheit der grofse König gleich in den ersten Keim seiner 
Schöpfung zu legen gewulst hat. Nächst der Formation als Truppen- 
teil und der Belebung des Reitergeistes durch Anlehnung an ein 
ausgezeichnetes Kavallerie-Regiment, ist es vor allem die Wahl eines 
brauchbaren Kalibers, durch welches er der jungen Waffe unermefs- 
liche Vorteile verschafft hat. Während das Schuwalow-Geschlltz — 
abgesehen von der Kartätschwirkung — auf den weiteren Di- 
stanzen kaum als etwas mehr betrachtet werden kann, als ein Instru- 
ment der Knallerzeugung, gab der König seiner reitenden Artillerie 
iu dem H Pfilnder ein Geschütz, dessen Übergewicht auf dem Schlacht- 
feld erst 100 Jahre später in Frage gestellt werden sollte. Denn 
noch im Krimkriege wird der englische 6 Pfiinder von französischen 
Autoritäten günstiger beurteilt, als der Pipfündige Canon obusier de 
l'empereur. 

Die reitende Artillerie ist durch ihre Verhältnisse darauf hinge- 
wiesen, in Bezug auf Mann und Pferd, auf Geschirr und Ausrüstung 
das Beste zu beanspruchen. 

Den Sinn ihres grolsen Stifters hat sie indes erst dann ganz 
erfalst, wenn sie an die Spitze dieser Wünsche das beste und wirk- 
samste Geschütz stellt, das mit ihrer Eigentümlichkeit zu vereinigen 
ist. Dies hat der vorschauende Geist des grolsen Königs im ersten 
Keim erkannt und die Geschichte aller Kriege hat es seitdem 
bestätigt. 

Rechnen wir nun noch die geistige Arbeit, vermittelst welcher 
der König — wie seine historischen Forschungen beweisen — nach 
jahrelangem Erwägen sein herrliches Werk ins Leben gerufen, be- 
achten wir schlielslich die eiserne Konsequenz, mit welcher er, aller 
Unfälle ungeachtet, immer wieder auf seinen Plan zurückkam, so 
müssen wir zugestehen, dals ihm der volle Strahlenglanz gebührt, 
der ihn als Stifter der reitenden Artillerie umgiebt. 

Beim Ausmarsch zum bayerischen Erbfolgekrieg war Friedrich 
der Grofse bereits imstande, 72 reitende Geschütze aufzustellen; 
er liefs jedoch bei der Rückkehr ins Friedensverhältnis, der Kosten 
wegen, nur die Potsdamer Exerzierbatterie bestehen. 

Der König hatte namentlich in dieser Kampagne grofse Auf- 
merksamkeit auf Fahrbarkeit, Geleise und Angespanne. Das Haupt- 
resultat war die Einführung der noch jetzt gebräuchlichen Kummt- 
geschirre. 

14* 



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214 Die Fortachritte der preufeisohen Artillerie unter Friedrich d. Gr. 



Ehe man den Blick auf die Fortschritte der Artillerie in 
taktischer Beziehung wendet, scheint es erwünscht, noch einmal 
kurz der damaligen Einteilung derselben zu gedenken. 

Es gab: 1. Regiments- Artillerie 3, 4 und 6 Pfd. 

2. Batterie-Geschütze 10, 12 und 24 Pfd. (Kanonen 
und Haubitzen.) 

3. Festungs- Artillerie, d. h. Garnison- oder Belagerungs- 
Artillerie. 

Die Verwendung der Regiments-Artillerie bleibt in allen Feld- 
zügen des Königs wesentlich dieselbe. Auf das Engste mit den 
Bataillonen verbunden, deren jedes in den ersten Feldzügen zwei 
3 PfUnder oder 4 PfUnder, in den späteren auch (> PfÜnder mit sich 
führte, sieht man dieselbe sich stets unmittelbar vor dem Bataillon 
bewegen, bis auf ungefähr 350 Schritte an den Feind herangehen und 
ihr Feuer eröffnen. In dieser grofsen Annäherung lag zwar mancher 
Vorteil, jedoch auch der grofse Nachteil, dafs diese Geschütze, wenn 
das Bataillon geschlagen wurde, fast jedesmal verloren gingen. 

Das nicht bei den Bataillonen eingeteilte oder Batterie- Geschütz 
aus allen Kalibern vom (> PfUnder bis zum 24 PfÜnder zusammen- 
gesetzt, vertritt augenscheinlich die Stelle der heutigen Korpsartillerie, 
während man die Bataillonskanonen dagegen mit den heutigen 
Divisions-Batterien vergleichen könnte. 

Im 1. und 2. schlesischen Krieg, wie auch in den ersten Jahren 
des siebenjährigen Krieges findet man eine ähnliche Verwendung 
resp. NichtVerwendung seitens der höheren Führer wie 1866. Die 
Generale und auch der König verschmähten die Mitwirkung dieser Wafle 
und ihr vorbereitendes Einschreiten. Es fehlte an einer Disposition 
und an Führern für die Artillerie. Das ging solange ungestraft hin, 
bis man in den Schlachten bei Prag und Kollin diesen Fehler mit 
dem Blute Schwerins und so vieler Tausende bezahlen mufste. 

Wie schnell sich der König diese bitteren Erfahrungen zu Nutze 
gemacht, zeigt die Schlacht bei Roisbach. Dieselbe war auch für 
die Artillerie ein Tag des Ruhmes. Die Basis ihrer richtigen Ver- 
wendung lag in ihrer richtigen Verteilung, diese aber war vom 
König selbst ausgegangen und ein erster Versuch, die Artillerie zur 
Vorbereitung des Angriffs zu verwenden. 

Alle älteren Geschichtsschreiber, die sonst von der Artillerie 
nicht allzuviel erzählen, kommen darin überein. dafs derselben ein 
wesentlicher Anteil an dem Trinmphe beizumessen sei. durch welchen 
der berühmte Reiterführer (Seydlitz) sich und seine Scharen un- 
sterblich gemacht hat. 

Die in der Schlacht bei Leuthen gewonnenen günstigen Er- 



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Die Fortschritte der preufsischen Artillerie unter Friedrich d. Gr. 215 

fahrungen veranlalsten den König, seine Ideen Uber die Verwendung 
der Artillerie beim Angriff in schräger Schlachtordnung zum System 
zu erheben, Die Details sind in der Disposition für die Obersten 
v. Diskau und v. Moller niedergelegt. Inwieweit dem König diese 
Schlachten zur Erkenntnis der Zerstörungskraft der Artillerie, be- 
sonders beim Massenge brauch dienten, zeigt ein Brief an den General 
von Fouque, aus dem hier folgendes erwähnt werden soll: 

Der König spricht in demselben zunächst von der österreichi- 
schen Armee: 

„Eine ihrer Hauptveränderungen besteht auch in ihrer kolossalen 
Artillerie, welche allein hinreichen würde, den Angreifer zu zer- 
schmettern. Wir haben während des ganzen Krieges (1757) die 
österreichische Armee stets von dieser furchtbaren Artillerie unterstützt 
gesehen. Die Flanken sind mit Kanonen gespickt, wie besondere 
Citadellen. Jeder kleine Vorsprung des Terrains wird benutzt, um 
Geschütze aufzustellen, die das Terrain unter ein kreuzendes Feuer 
nehmen, so dals es gleiche Schwierigkeiten macht, eine solche 
Position anzugreifen oder eine Festung zu stürmen. — Hierbei ist 
das Wesentlichste, in angemessener Entfernung Höhen, die der Feind 
unbesetzt gelassen, mit soviel Geschütz zu besetzen, als sie fassen 
können und von dort die anzugreifende Armee mit Geschossen zu 
überschütten, während sich unsere Linien zum Angriff formieren. 
Den wohl postierten Feind ohne den Vorteil eines überlegenen oder 
mindestens gleichen Feuers angreifen, heifst mit Stöcken sich gegen 
Waffen schlagen, — es ist unmöglich. 

Erröten wir übrigens nicht, nachzuahmen, was wir in der 
Methode unserer Feinde Gutes finden. Die Römer eigneten sich die 
als zweckmäfsig erprobten Waffen der Völker an, mit denen sie 
kriegten und machten so ihre Heere unüberwindlich." 

So hatten die beiden Schlachten Rofsbach und Leuthen die bei Prag 
und Kollin beginnende Erkenntnis vervollständigt und die Ideen Uber die 
Verwendung der Artillerie beim Angriff geklärt. Die Artilleriemasse 
wird fortan ein entscheidendes Instrument für den König, um das 
Manöver zu schützen und dem Stolse vorzuarbeiten. 

Allerdings entsprach die Schwerfälligkeit seiner Artillerie nicht 
durchweg den Absichten des Königs. Das Gefecht bei Burkersdorf 
und Leutmannsdorf am 21. 7. 1702 bezeichnet wieder einen weiteren 
Fortschritt in der Verwendung der Artillerie. Man findet hier ein 
spezielles Eingehen nicht allein des Königs, sondern auch sämtlicher 
Führer auf diese Waffe. 

Auf besonderen Befehl des Königs wird eine Artillerie-Masse 
von 70 Geschützen gegen den Angriffspunkt verwandt. Beim Vor- 



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216 l^ ie Fortschritte der preufsischen Artillerie unter Friedrich d. Gr. 



gehen zum Angriff werden Truppen zum Nachfuhren der Artillerie 
in die genommene Position bestimmt, um so Wiedereroberungs- 
versuchen des Feindes energischen Widerstand entgegenzusetzen. 
Man sieht hier zur Erreichung der Absiebten der höheren Führung 
die Artillerie in einer Weise benutzt, wie man sie noch 100 Jahre 
später schmerzlich vermissen konnte. 

Das Gefecht bei Reichenbach am 16. 8. 1762 gab einerseits der 
neugeschaffenen reitenden Artillerie Gelegenheit zur ersten groß- 
artigen Leistung im Sinne dieser Waffe und zeigte auch andererseits 
dem Könige den Wert einer beweglichen Artillerie für die Verteidigung. 

Es sei noch zweier Belagerungen gedacht, welche Fortschritte 
der Artillerie auch in dieser Beziehung erkennen lassen und zwar 
derjenigen von Prag 1744 und der von Schweidnitz 1762. 

Besonders die erstere ragt aus der Zahl der bis dahin geführten 
Belagerungen, bei denen man grölstenteils dem althergebrachten 
Schematismus gefolgt war, glänzend hervor. Sie zeigt ein gutes 
Ineinandergreifen aller Belagerungstruppen und eine zweekniäfsige 
Verwendung der Belagerungs-Artillerie. Schnell waren die Batterien 
vollendet, die feindlichen Geschütze demontiert, häufige F'euersbrünste 
in der Stadt verursacht und bereits am 4. Tage nach Eröffnung der 
Laufgräben mit 30 Geschützen eine Bresche zustande gebracht 
Vier Tage später gelang es durch gut gezielte Bombenwürfe, die 
Moldauschleusen zu zerstören, wodurch der Fluls ganz seicht und 
die Wasserseite der Altstadt dem Angreifer zugänglich wurde. Die 
Ergebung der 12000 Mann starken Besatzung als Kriegsgefangene 
beendete diese Belagerung. Leider hatte das schöne Beispiel nicht 
ausgereicht, bei einigen späteren Belagerungen als Norm zu dienen, 
und konnte bei einer derselben der König die Äulserung nicht 
zurückhalten, dafs „die Ingenieure und Artilleristen gewetteifert 
hätten, wer von ihnen die meisten Sottisen machen könne.' 4 

Immerhin waren die Belagerungen von Kosel, Breslau und 
Schweidnitz gute Leistungen seitens der Artillerie. Bei der zweiten 
grofsen Belagerung dieser letzteren Festung 1762 hat dieselbe unter 
Dieskaus tüchtiger Leitung mit Aufbietung aller Kräfte das ihrige 
gethah. Der Batteriebau in einer Nacht ist seitdem bei uns Regel 
geworden. 

Zum Schlufs und gewissermalsen als Extrakt seiner Erfahrungen 
aus dem 7jährigen Kriege in Bezug auf die Artillerie ist noch die 
Instruktion des Königs vom 3. 5. 1768 von hohem Interesse, weil 
er darin noch klarer als bisher in seinen Instruktionen und Dis- 
positionen seine Ideen Uber die Verwendung der Artillerie und ihr 
Auftreten in Massen ausspricht: 



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Die Fortschritte der preufsischen Artillerie unter Friedrich d. Gr. 217 

„Diese sämtlichen Haubitzen," — sagt er darin — „müssen an 
den Ort gebracht werden, auf welchem man den Feind attackieren 
will, und müssen die Artillerie- Offiziere ihre Schüsse so dirigieren, 
dals sie von allen Batterien auf den Fleck der Attacke sich konzen- 
trieren, und müssen die Haubitzen, wenn der Feind weggejagt, mit 
nachgefahren werden, und ist der Artillerie-Offiziere, so Batterien 
kommandieren, ihre Hauptsache, auch den zweiten Posten, so wie 
auch den ersten, mit Batterien zu embarassieren und ein Kreuzfeuer 
auf den Anhöhen zu machen und müssen seitwärts, wenn die 
Batterien zu agieren anfangen. Artillerie-Offiziers geschickt werden, 
um genau zu wissen, ob die Schüsse auch genau den rechten Effekt 
thun und auf den Fleck fallen, wo die Attacke geschehen soll, 
den Effekt zu sehen und hiernach ihre Schüsse regulieren zu können." 

Diese Worte des grofsen Königs haben im Prinzip auch heute 
noch vollste Gültigkeit. 

Wie Friedrich der Grofse auch in technischer Beziehung seine 
Artillerie zu fordern strebte, zeigt das Interesse, welches er allen 
Konstruktionen und Erfindungen widmete. 

Als Beleg mag u. a. folgendes Schreiben an den Oberst von 
Holtzmann dienen: 

„Ich habe aus Eurem Schreiben vom 1. d. M. gesehen, wie Ihr 
zwei kurze 3pfündige Feldstücke zu besserem Gebrauch eingerichtet 
habt. Es ist mir solches sehr angenehm und will ich, dals Ihr mit 
einer Kanone hierherkommen und solche in meiner Gegenwart pro- 
bieren sollt. Die zur Fortbringung nötigen Pferde sollen Euch aus 
meinem Stalle gegeben werden." 

Auch in seinen letzten Lebensjahren behielt der König die 
Verbesserung seiner Artillerie stets im Auge. In Potsdam liels er 
grofse Versuche anstellen, wobei es auf Bewerfen einer feindlichen 
Position aus grolser Ferne ankam. 

Die Kartätschen aller Kaliber suchte er durch Hinzufügen 
eiserner Kartätschscheiben zu verbessern. An sonstigen Neugeschossen 
haben den grolsen König noch bis zum April 1785 die sog. Reb- 
hUhner-Granaten interessiert, welche, wie er sich selbst ausdrückt, 
ihm vor Prag entsetzlichen Schaden gethan. 

Auch die Belagerung von Gibraltar 1782 erregte beim König 
ganz besonderes Interesse. Einen höheren englischen Artillerie- 
Offizier, der dort thätig gewesen, forschte er Uber alles dort vorge- 
kommene vollständig aus und gab hiernach dem General v. Holtzen- 
dorff sehr detaillierte Instruktionen Uber Schielsen mit glühenden 
Kugeln, über Schielsen von der Höhe nach der Tiefe sowie Uber die 
dabei anzuwendenden Depressionslafetten. 



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218 Die Fortschritte der preufsischen Artillerie unter Friedrich d. Gr. 

Der General mulste, am alles mit der nötigen Heimlichkeit zu 
versuchen, eine Badereise nach Freien walde machen. Hand in Hand 
mit diesen Fortschritten in technischer Beziehung gingen auch solche 
in wissenschaftlicher. Die Periode Friedrichs des Grofsen ist auch 
dadurch ausgezeichnet, dals man anfing, Uber die Artillerie wissen- 
schaftlich nachzudenken und die Theorien in Systeme zu bringen. 

Zwar ist der König auf Spezialitäten seiner 6cole d'Artillerie 
niemals eingegangen — er wufste sie in bewährten Händen von 
Linger, Dieskau u. s. w. — wohl hat er aber von Hause aus in 
grolsartiger Weise daftir gesorgt, dals Preufsen in den höheren Ge- 
bieten der Wissenschaft und namentlich auch in denjenigen, auf 
welcher die Artillerie ihrer Natur nach angewiesen, von keinem 
Lande der Welt übertroffen werde. Es war eine seiner ersten 
Kegentenhandlungen, den berühmten Mathematiker Euler für seine 
Akademie zu gewinnen. Durch Anwendung der höheren Mathematik 
auf die Probleme der Artillerie erwies sich Euler seinem königlichen 
Herrn dankbar und seinem neuen Vaterlande nützlich. 

Trefflich kam dem König zustatten, dafs im Jahre 1742 das 
epochemachende Werk des Engländers Robins „Neue Grundsätze der 
Artillerie" erschien. Eine neue sinnreiche Theorie über die Kraft 
des Pulvers, die erste gründliche Erörterung über die Anfangs- 
geschwindigkeit der Geschosse, die erste und lange Zeit die beste 
Methode die Anfangsgeschwindigkeit durch das ballistische Pendel 
zu messen, bezeichnen Riesenschritte in der Wissenschaft der 
Artillerie. 

Durch eine umfassende und praktische Bearbeitung machte 
Euler dieses vorzügliche Werk den Offizieren der Artillerie zugänglich. 
Dafs diese Lehren nicht verloren gegangen sind, beweist die vor- 
zügliche Lösung, welche Tempelhof dem ballistischen Problem in 
seinen „Bombardier prussien" gegeben hat. 

Erst unser Zeitalter ist imstande, die Tragweite dieser Fort- 
schritte ganz zu ermessen, weii erst jetzt die Probleme gelöst sind, 
deren Kern Robins und Euler bereits richtig erkannt haben. 

Obwohl Friedrich d. Gr. eine allgemeine Verbreitung der höheren 
mathematischen Kenntnisse nicht verlangte, so hielt er doch bei den 
Männern, die er in Bezug auf Einrichtungen der Artillerie mit 
seinem V ertrauen beehrte, diejenigen mathematischen Anschauungen 
für erforderlich, deren man bedarf, nm zu einem ruhigem, stetigem 
Fortschritte in diesem Fache zu gelangen. 

Dein grolsen Köuige ist es zu danken, dafs dieser Geist be- 
sonnener wissenschaftlicher Förderung sich durch Tempelhof und 
Scharnhorst auf spätere Generationen fortgepflanzt hat. Diesem 



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Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von 1898. 219 

Geist dankt es das Vaterland, wenn es vor so manchen kostspieligen, 
nutzlosen artilleristischen Neuerungen anderer Staaten bewahrt 
worden ist, und wenn andererseits unsere Einrichtungen sich in 
entscheidenden Momenten nicht im Rückstände befunden haben. 

Eine teuere Erinnerung war es für die Artillerie, die letzte 
Truppe gewesen zu sein, vor deren Front der grofse König sich vor 
seinem Ende gezeigt hat. 

Grols und wertvoll waren die Vorräte, welche er in den Be- 
ständen der Waffe, die sich während seiner Regierung an Zahl 
verzehnfacht hatte, zurückliefs. 

Zahlreich und wichtig sind die Vervollkommnungen, welche der 
Artillerie durch Friedrich den Grolsen zu teil geworden, eine davon 
von welthistorischer Bedeutung. Als Impedimentum der Heeres- 
bewegung fand er die Artillerie vor und er war es, der ihr Flügel 
zu geben wufste. 

Der reitenden Artillerie, welche sein schöpferischer Geist ins 
Leben gerufen, war es vorbehalten, nicht nur sich selber zu einer 
Entscheidungswaffe heranzubilden, sondern auch auf die Schweeter- 
wafie, die Feldartillerie, soviel von ihrer Beweglichkeit zu Uber- 
tragen, dals sie in den letzten Schlachten des Königs, in den 
Schlachten der Napoleonischen Zeit und ganz besonders auch im 
letzten Kriege zu jenen grofsartigen Leistungen befähigt wurde. 

Kff. 



XVI. 

Die Ergebnisse der englischen Armee -Manöver von 1898. 

Der sehr umfangreiche Bericht Uber die Manöver der englischen 
Truppen in der Ebene von Salisbury im August und September des 
vergangenen Jahres ist in den Parlamentsberichten erschienen und 
ergiebt als Gesamtresultat, dafs diese Manöser in einer unerwarteten 
Richtung besonders lehrreich für die an ihnen beteiligten Truppen 
and die englische Armee Uberhaupt waren. 

Wie im Felde bestanden die manövrierenden Heereskörper aus 
den kombattanten Truppenteilen und den Verwaltungsdienstzweigen 
hinter der Front. Während den ersteren der imponierende Eindruck 



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220 



Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von 1898. 



und der Glanz im Frieden und die Erringung: und der Kuhin der 
Schlacht und des Kampfes im Kriege zufällt, so ist ihre Leistungs- 
fähigkeit im Kriege bekanntlich jedoch völlig von der Tüchtigkeit 
der Administrationszweige abhängig, denen im Frieden wie im Kriege, 
unbeobachtet von der übrigen Welt, die Durchführung ihrer verant- 
wortlichen schweren und wenig anregenden Aufgabe obliegt. Es 
liegt nichts besonders fesselndes in der Vorsorge für Fleisch, Brot, 
Munition. Transportmittel, sanitäre und die übrigen zahlreichen Be- 
dürfnisse eines Truppenkorps; allein so lange dieselbe nicht erfolgt 
und gründlich erfolgt ist, vermögen die Truppen ihre Aufgabe nicht 
zu erfüllen und nicht einmal zu existieren. Die grölsten Feldherren 
waren Meister in der Heeresverwaltung, und der Schriftverkehr 
Napoleons, Wellingtons und anderer Heerführer ist in dieser Richtung 
ein viel grösserer gewesen wie der für die kämpfenden Truppen. 
Auch für den jüngsten Feldzug der Engländer war der Sirdar 
Kitcheuer davon durchdrungen, dafs die Administration des Ex- 
peditionskorps vollkommen sein müsse, bevor er die Truppen in die 
Hand nähme. 

Im Hinblick auf diese Anforderungen waren die englischen 
Manöver bei Salishurv dazu bestimmt, nicht nur für die Truppeu. 
sondern auch namentlich für die Verwaltungsdienstzweige derselben 
eine Vorbereitung für den Krieg zu bilden, und war dies tür die 
letzteren in besonders umfassendem Malse der Fall; von dem 
28 Druckbogen umfassenden Manöver bericht eutfailen */, auf die 
Verwaltungszweige. Der Schwerpunkt der Manöver von 181)8 lag 
daher in deren Thätigkeit. 

Betreifs des Gesamtergebnisses der Manöver bemerkt der Höchst- 
kommandierende, Lord Wolscley in seinem Bericht: Nach meiner 
Ansicht waren die Manöver von beträchtlichem Wert für die Armee. 
Aus den Manövern lernen wir im Frieden die schwachen Punkte 
unserer Organisation für den Krieg erkennen, und die empfangenen 
Lehren werden, wie ich erwarte, Beherzigung finden. Zu ihren 
wertvollsten rechne ich die folgenden: 1. Die Notwendigkeit einer 
beträchtlichen Vermehrung unserer Verpflegungs- und Train-Ein- 
richtungen. 2. Die Unfähigkeit selbst der leistungsfähigsten und 
entgegenkommendsten Civilunternehmer, die Verteilung der Lebens- 
mittel an eine Armee im Felde zu bewältigen. 3. Die allgemeine 
Ungeeignetheit eines Civil-Transportwesens für die militärischen Be- 
dürfnisse der ersten Linie einer Feldarmee. Für die Manöver ist 
seine Verwendung eine Notwendigkeit in England; allein sorgfältige 
vorhergehende Organisation und sich anschlielsende beständige Über- 
wachung sind für seine befriedigende Verwendung wesentlich. 



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Die Ergebnisse der englischen Armee-Manüver von 1898. 221 

Der Befehlshaber der SUdarmee ist als ein äufserst begabter 
Administrator bekannt, und er schreibt in seinem Bericht vielleicht 
vom Standpunkt der Verwaltung aus: „Ich weifs den gewaltigen 
Nutzen, der der Armee aus den Manövern erwachsen ist, zu schätzen. 
Sie haben eine grolse Summe gekostet und waren nichts desto 
weniger in jeder Hinsicht billig.* 

Ungeachtet der Unterstützung, die ein besonderes Manöver- 
Gesetz gewährt, liegen die gesamten, auf die Manöver Bezug 
habenden Verhältnisse in England so verschieden von denen der 
Manöver auf dem Kontinent und denen des Krieges, dafs es für die 
künftige Verwertung von Nutzen war, in den Manöverberichten aut 
alle die grölseren und geringeren Schwierigkeiten Bezug zu nehmen, 
welche die Friedensausbildung der englischen Armee zu bewältigen 
hat. Allerdings werden kaum zwei feindliche Parteien sich in England 
unter ähnlichen Umständen agierend befinden, wie die, welche für 
die beiden Armeen bei Salisbury obwalteten, allein, da andererseits 
diese Umstände das Ersinnen von Auskunftsmitteln zur Uberwindung 
unvorhergesehener Schwierigkeiten oder Erfüllung unerwarteter An- 
forderungen bedingte, so boten die Manöver den Heeresverwaltungs- 
zweigen Gelegenheit zu wertvoller Schulung. Wenn man den 
grolsen Unterschied zwischen englischen Manövern und Manövern 
auf dem Kontinent nicht "im Auge behält, so werden die General- 
stäbe des Kontinents darüber in Zweifel sein, warum die Details in 
den englischen Manöverberichten und Anhängen eine so hervorragende 
Stelle einnehmen, und weshalb selbst die kommandierenden Generäle 
gezwungen sind, sich mit denselben zu befassen. Sie werden erstaunt 
sein, zu finden, dafs am Schlufs der Manöver ein Armee-Kommandeur 
zu folgendem Ausspruch Uber die Verwaltungsdienstzweige veranlafst 
war: „Die Trainkolonnen bildeten den Gegenstand fortdauernder 
Unordnung und Besorgnisse und kamen erst zu Ende der Manöver 
in Ordnung. Civilfahrer machen nur Schwierigkeiten, sie bedürfen 
der strengen militärischen Kontrolle in der Marschlinie. Die Offi- 
ziersstuhle bildeten eine Anomalie im Lager und ihr Gewicht betrug, 
bevor sie nach Poole geschafft wurden, 100 Tonnen." Diese Beispiele 
mögen für die Details genügen, die bei den englischen Friedens- 
manövern der Remedur bedürfen. 

Was die taktische Seite der Manöver betrifft, so ergiebt der 
Bericht fast ebenso wenig befriedigende Resultate und am Ende der 
Manöver herrschte ein allgemeines Gefühl der Enttäuschung unter 
den Teilnehmern vor. Dasselbe war vollkommen natürlich und be- 
rechtigt, denn sobald in der Armee bekannt wurde, dals 1898 durch 
eine besondere Manöver- Akte durchführbar gemachte Manöver in 



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222 Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von 1898. 

grofsem Mafsstabe stattfinden sollten, und dafs der Höchst- 
kommandierende sie leiten werde, herrschte die Ansicht vor, dals, 
nunmehr frei von den Fesseln der stehenden Lager und den Ein- 
schränkungen durch die Rücksicht auf die Grundbesitzer, die 
britische Armee eine wirkliche Schulung in regulärer Kriegführung 
durch Lord Wolseley erhalten werde. Man erinnerte sich der 
lebendigen und interessanten Schilderungen der festländischen Armee- 
Manöver, die in den letzten Jahren in der Presse erschienen und 
nahm vertrauensvoll an, dafs man in England endlich ihrem Beispiel 
folgen werde. Die Aussichten auf die Manöver gewanuen überdies 
durch Erwägungen persönlicher Art an Interesse. In der englischen 
Armee sowohl, wie in der französischen vor 1870/71, bildete der 
irreguläre Krieg viele Jahre hindurch den Hauptweg, um in Kommando- 
stellen und Ansehen in allen Waffen zu gelangen. Man war daher 
gespannt, wie die Offiziere bis zu den Brigade-Kommandeuren und 
höheren Stabsoffizieren, von denen wenige ohne besondere Aus- 
zeichnung im irregulären Kriege waren, sich unter neuen Verhält- 
nissen und bei der Durchführung so verschiedener Aufgaben von 
den ihnen bisher anvertrauten, verhalten würden. Von den höheren 
Generalen kannte nur der Herzog von Connaught etwas vom 
irregulären Kriege und wufste aus praktischer Erfahrung, was es 
mit dem Befehl von 20000 Regulären äuf sich hat Den höheren 
Artillerieführern war die Verwendung von 80 bis 90 Geschützen 
etwas völlig neues. Jedoch noch aus anderen Gründen sahen die 
regimentierten Offiziere aller Waffen mit grofsem Interesse den 
Manövern entgegen. Von den Obersten bis zu den Subaltern-Offi- 
zieren war kaum einer, der infolge der Examenanforderungen nicht 
auf dem Papier die Prinzipien der modernen Taktik und den Gang 
der heutigen Schlachten beherrscht hätte, und es bot sich ihnen 
nun die Gelegenheit, diese Grundsätze in der Praxis im Gelände 
anzuwenden. Alle diese Hoffnungen fanden jedoch eine Enttäuschung. 
Es wurde viel und oft Ubermäfsig weit marschiert, jedoch sehr 
wenig manövriert, und in dem Moment, wo die Manöver zur vollen 
taktischen Durchführung gelangen sollten, machte ihnen das Signal 
„Stopfen" ein vorzeitiges Ende. Das Resultat war. dafs, während 
die Kavallerie und Artillerie Gelegenheit zur Verwendung im Ge- 
lände erhielt, dies bei der Infanterie sehr wenig der Fall, und diese 
daher nichts weniger wie befriedigt von dem Ergebnis war. Ferner 
erfuhren infolge des exklusiven Charakters der Kritik wenige aulser 
den höheren Offizieren, weder was thatsächlich während der Ope- 
rationen vorgegangen war, noch die Ansichten des Leiters Uber 
dieselben, und man hoffte daher, dafs jedenfalls in dem Manöver- 



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Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von 1898. 



223 



beriebt etwas mehr von Kritik und Belehrung enthalten sein werde, 
wie die in denselben aufgenommenen Relationen und kurze Kom- 
mentare. 

In jeder Armee gelangt eine Anzahl Offiziere in hohe Kommando- 
stellen, auf die die Armee als Lehrer und Instrukteure blickt, deren 
taktische und strategische Ansichten sie kennen zu lernen, und deren 
Schüler sie zu sein wünscht. Von den hervorragenden Offizieren 
der englischen Armee waren es !J, die bis zu den Salisbury- 
Manövern keine Gelegenheit hatten, die Armee durch Verwendung 
von Truppen in grofsem Stil oder durch Kritik dieser Verwendung 
zu belehren. Es waren dies Lord Wolseley, General Redvers Buller 
und Leutnant General Henry Brackenbury, unter denen Lord 
Wolseley die erste Stelle einnahm. Sie nahmen sämtlich, und zwar 
Lord Wolseley als der Leiter der Manöver, General Redvers als 
Armee-Befehlshaber und General Brackenbury als einer der Ober- 
Schiedsrichter an den Manövern teil. Man hoffte daher, dals die 
Manöver einen reichen Schatz von Belehrung in Feldübungen 
ergeben und selbst nachdem die praktische Belehrung, wie erwähnt, 
weggefallen war, dals die Berichte dies wieder etwas gut machen 
wurden. Allein die Berichte bildeten eine Enttäuschung. Sie be- 
wegten sich vielfach in allgemeinen Wendungen, wie z. B. diejenige 
Lord Wolseleys: „Es würde optimistisch sein zu sagen, dals von 
jeder Tagesoperation der vollste taktische Wert erlangt worden 
sei,* 4 und die allerdings manches treffende enthaltenden General 
Redvers: ,,Bei einigen Kritikern der Manöver war die Neigung vor- 
handen, jede Aufgabe als einen Fehlschlag zu bezeichnen, die kein 
allgemeines Gefecht und zwei oder mehrere Kavallerie-Attacken 
hervorrief. Die wertvollsten Tage für mich und meinen Stab waren 
die, an denen kein Zusammenstofs in grolsem Mafsstab stattfand. 
Die Lehren der Manöver bestehen nicht in denen von Tableau- 
schlachten.-' Der Bericht General Brackenburys behandelt zwar 
wichtige, taktische und organisatorische Fragen eingehend, wurde 
jedoch nicht veröffentlicht. Man bedauert daher in englischen 
Heereskreisen, dals den Truppen selbst, weder in der einen, noch 
in der anderen Form genügende Belehrung mit den Manövern ge- 
boten worden sei. 

Eine der Hauptursachen der dürftigen Ergebnisse der Manöver 
für die Truppen bestand, wie aus dem Bericht hervorgeht, in den 
fehlerhaften Aufgaben und der mangelhaften Kontrolle ihrer Durch- 
führung. Wenn der Höchstkommaudierende in seinem Bericht sich 
befriedigend Uber den die Manöver leitenden Stab aussprach, so 
fand man dies erklärlich, lehnt jedoch seine Entschuldigung für die 



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224 Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von 1898. 

vorgekommenen Fehler in der Durchführung ab. der Lord Wolseley 
folgenden Ausdruck verleiht: ,. Lange Manövertage und -Nächte 
unter freiem Himmel afficieren den Ersatz einer freiwillig dienenden 
Armee ernstlich, und man darf diese Thatsache nicht ignorieren. 
Unsere Mannschaft während der Manöver derart anzustrengen, wie 
dies im Auslande oft geschieht, würde einen weit gröfseren Druck 
auf unsere jungen Soldaten beanspruchen, wie diejenigen, die für 
die Rekrutierung einer freiwillig dienenden Armee verantwortlich 
sind, im Frieden den Leuten in Reih und Glied auferlegen können/ 

Der Bericht General Redvers bemerkt Ubereinstimmend: „Die 
Erfahrung bei den Manövern zeigt, dals, mit Ausnahme aufserge- 
wöhniich günstiger Wetter- und Temperaturverhältnisse, viele Mann- 
schaften nicht beständig mit Gepäck manövrieren können. Sie 
tragen dasselbe gut, selbst bei langen Märschen, und gelegentlich 
bei den taktischen Übungen; allein, wenn dieselben mehrere Tage 
auf einander folgen, so empfiehlt es sich, sie den Tornister nicht 
jeden Tag tragen zu lassen; wenn sie es thun, so werden sie 
physisch zu der schnellen Bewegung unfähig, die so oft wichtig ist, 
und sie verlieren das Interesse an den Übungen, und diese eine 
nutzbringende Instruktion schädigende Interessen-Einbulse Uberträgt 
sich auf die Offiziere, die fühlen, dafs die Kräfte ihrer Leute Uber 
Gebühr angestrengt werden. Am 4. September wurde das Fahren 
des Gepäcks gestattet; allein es war unmöglich, in so kurzer Zeit 
die erforderlichen Fahrzeuge zu beschatten. Vielleicht bildete es ein 
besonderes Ziel der Manöver, die Leistungsfähigkeit der versammelten 
Mannschaft bis aufs äufserste zu prüfen, anderenfalls würden die- 
selben Aufgaben, ohne so hohe Ansprüche an die Körperkräfte zu 
stellen, haben gelöst werden können." 

Wie es scheint, bieten sich dazu Mittel und Wege, ohne auf die 
stehenden Lager, die der Herzog von Connaught etwas bevorzugt, 
zurückkommen zu müssen. Hierauf spielt General Redvers mit der 
Bemerkung an: ,,Den höheren Führern und sämtlichen Stabsoffizieren 
waren die bei den Manövern gemachten Erfahrungen von grofsem 
Nutzen; allein die unteren Führer und die Truppen würden grüfsere 
Belehrung erlangt haben, wenn die Aufgaben so gestellt worden 
wären, um mehr allgemeine und kräftige Aktionen hervorzurufen. 
So war z. B. die Spezialidee für 3 Operationstage nicht darauf be- 
rechnet, mehr wie das Zusammentreffen kleiner Teile der einander 
gegenüberstehenden Streitkräfte herbeizuführen, während der Haupt- 
masse nur eine passive Rolle zufiel." Es handelt sich daher nicht 
um mehr Leistungen, sondern um die nützlichere Verteilung 
der thatsächlichen Leistungen der Truppen. 



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Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von 1898. 



225 



Die 3 Generale bestätigen in ihren Berichten, dals die Thätig- 
keit der Trappen selbst, bei den Manövern in den Hintergrand trat. 
Die Manöver waren daher anormale und besafsen nar schwach ent- 
fernte Ähnlichkeit mit den Manövern auf dem Kontinent, dies wurde 
jedoch, zweifellos absichtlich, in dem Bericht nicht besonders erwähnt. 
Man hofft in englischen Heereskreisen, dals es bei dem einzigen 
derartigen Experiment bleiben werde, und dals, nachdem das erste 
gröfsere britische Kriegsspiel im Gelände durchgeführt sei, das 
nächste einen weniger experimentellen Charakter, sondern einen 
solchen nach bewährten Mustern, wie z. B. dem der deutschen Armee 
tragen werde. 

Es war unvermeidlich, bemerkt mau, dals bei Versuchsmanövern 
von 50 — GOOOO Mann unter Nicht-Kriegsverhältnisseu und bei wenig 
oder gar keiner vorherigen Erfahrung die Dinge zuweilen schief 
flogen, und einige der stattgefundenen Fehler werden mit grölstem 
Freimut in den Berichten erwähnt. Der Befehlshaber der Nord- 
Armee schreibt: „Die Anzahl der Offiziere des Stabes des Haupt- 
quartiers stand aufser allem Verhältnis zn den Mauöveranforderungen," 
und filgt hinzu, „und ich empfehle für künftige Gelegenheiten, dals 
viele der ihm zugeteilton Offiziere dort verwandt werden, wo sie ein 
weiteres Feld für die Entfaltung ihrer Dienstleistungen finden." Die 
Anzahl der verschiedene Kommandostellen in ihren eigenen Wallen 
einnehmenden Artillerie- und Ingenieur-Offiziere war so grols, dafs 
sie einen hierarchischen Rattenkönig bildete. Die Bemerkung Lord 
Wolseleys, dafs es nicht wünschenswert sei, das Lipton-Whiteby- 
Transportwesen-Experiment des vorigen Jahres zu wiederholen, 
findet in der Erklärung General Redvers Bekräftigung, dafs, wenn 
das Wetter regnerisch und die Stral'sen schlecht gewesen wären, 
das Transportwesen zweifellos völlig zusammengebrochen wäre; dafs 
ferner einige der Proviant-Unterbeamten ungeeignete Elemente 
waren, und dafs Fleischer und Bäcker anstatt für ihre eigentliche 
Aufgabe verwandt zu werden, zur Proviantausgabe verwandt wurden." 
Lord Wolseley tadelt das Auftreten der Armee-Mäfsigkeits- und 
anderer freundlicher Gesellschaften, die die Bagage mit ihren Fahr- 
zeugen vermehrten, wenn die Bewegungen begannen. Der Bericht 
des Provost-Marschalls der Süd-Armee enthält begründeten Tadel 
gegen einige der Miliz-Bataillone, von denen 3 namhaft gemacht 
werden, und der Provost-Marschall ist der Ansicht, dals, wenn die 
Miliz künftig an Manövern teilnähme, eine starke namentlich be- 
rittene Militärpolizei-Macht nötig sei. Der Befehlshaber der Süd- 
Armee bemerkt in dieser Hinsicht nichts, und auch in dem Bericht 
Uber die Nord-Armee und dem des Höchstkommandierenden findet 



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226 



Die Ergebnisse der englischen Armee-Manöver von J898. 



sich auffallenderweise nichts über diesen Gegenstand bemerkt. Die 
Militärmanöver-Kommission macht verschiedene Vorschläge für die 
bessere Durchführung des Manöver-Gesetzes. Allein Einfachheit in 
allen wesentlichen Gegenständen des Transport- und Proviantwesens 
erscheint unerreichbar, wenn einer der Armee-Befehlshaber die 
Armee im Felde mit Mineralwassern zu versorgen wünscht, und der 
Höchstkommandierende selber schreibt: „Dafs die Marketenderwagen 
und Kantinen die Bagagekolonnen sehr anschwellen, ist eine be- 
klagenswerte Thatsache; allein das Übel ist ein notwendiges und 
ich kann selbst während der jetzigen Manöverperiode nicht auf ihre 
Abschaffung drängen". 

Ungeachtet des den Ansichten dieser hohen Autoritäten ge- 
bührenden Gewichts, bemerkt ein englischer Fachmann, kann be- 
hauptet werden, dafs, während Mineralwasser, Marketenderwagen 
und Kantinen bei taktischen Übungen in und vom stehenden Lager 
aus, am Platze sind, die Ausbildung der Truppen in der Feld- 
manöver-Taktik, die den wichtigsten Bestandteil der heutigen Krieg- 
führung bildet, unbedingt leiden und geschädigt werden muls, wenn 
die Impedimenta der Truppen nicht auf die engsten Grenzen be- 
schränkt werden, und wenn nicht die Heeresverwaltungszweige ge- 
nötigt sind, sich ausschliefslich auf sich selbst zu verlassen, um den 
Bedürfnissen der Truppen zu genügen. Bisher waren jedoch die 
kleinen Versuche der englischen Armee in der Feldmanöverausbildung 
von einem unnötigen und keinen integrierenden Bestandteil der 
Manöver bildenden groisen Apparat und Arbeitsaufwand begleitet. 
Die vorhergehenden Exerzitien waren zuweilen ungebührlich lang 
und anstrengend; es kam jedoch vor, dafs während der Manöver 
Musikbanden für Fackellicht tattoos ( ein indisches Spiel) und Sonntags- 
nachmittagsempfange — in eleganten Quartieren verlangt wurden. 
Die in dem Bericht angedeuteten Rücksichten auf nicht zu grolse 
Anstrengungen der Truppen hält man in manchen fachmännischen 
Kreisen Englands fast für eine Beleidigung des militärischen Geistes 
der Offiziere und Mannschaften der englischen Armee, und behauptet 
dagegen, dafs, wenn alle unnötigen Anstrengungen bei den Manövern 
vermieden und dieselben ausschliefslich tüchtiger Arbeit gewidmet 
würden, Offiziere und Mannschaft willig und gern sechstägige an- 
strengend kriegsgemäfse Übungen, unterbrochen durch einen Ruhetag, 
ertragen würden. 33. 



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Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 227 

XVII. 

Kleine beeresgeschichtliche Mitteilungen. 

Die Mainzer Pulverexplosion am 18. November 1857. Über 
dieselbe berichtet, in Anlafs der in neuester Zeit zahlreich vorge- 
kommenen ähnlichen Unglücksfälle, die Wiener „Neue freie Presse" 
folgendes: Am 18. November 1857 fand in Mainz eine Pulver- 
eiplosion statt, die in ihren Folgen weit schrecklicher war als jene, 
die sich vor einigen Tagen in Toulon ereignete. Ein österreichischer 
Artilleriekorporal, Namens Wimmer, war der Urheber der Mainzer 
Katastrophe. Zur Ermittelung der Explosion war, wie in Börckels 
.Mainzer Geschichtsbildern" geschildert wird, eine militärische, aus 
vier österreichischen und drei preulsischen Mitgliedern bestehende 
Kommission zusammengetreten, die in dem von ihr abgegebenen 
Gutachten einstimmig erklärte, dals die Katastrophe durch die 
Hand des Osterreichischen Artilleriekorporals Wimmer herbeigeführt 
worden sei. Es war nur ein Indizienbeweis möglich, da Wimmer 
mit in die Luft geflogen und Zeugen nicht vorhanden waren. 
Wimmer, ein aus Galizien stammender Pole, hatte das Pulver- 
magazin zn der UnglUcksstunde betreten, nachdem er den Schlüssel 
dazu sich vorher widerrechtlich angeeignet hatte. Er hatte brav 
gedient und stand in gutem Verhältnisse zu seinen Vorgesetzten, so 
da£s ein Kacheakt unwahrscheinlich und die That als im Wahnsinn 
verübt erscheinen muls. Übrigens hatte auch die mitgetötete 
preufsische Schildwache, welche Wimmer das Pulvermagazin allein 
betreten liels, dienstwidrig gehandelt. Es wurden getötet: 37 Cilvil- 
personen, aufserdem von österreichischer Seite 36 und von preußischer 
80 Soldaten. Die Zahl der Leichtverletzten ging in die Tausende. 
57 Wohnhäuser waren vollständig zerstört, 64 teilweise eingestürzt, 
kaum ein Gebäude in der ganzen Stadt blieb unbeschädigt. Wäre 
ein für den Nachmittag anberaumt gewesenes Turnfest der öster- 
reichischen Garnison nicht kurz vorher, der ungünstigen Witterung 
wegen, abgesagt worden, so hätten wahrscheinlich 200 österreichische 
Offiziere im Wallgraben ihr Leben eingebüfst. In der ganzen civili- 
sierten Welt regte sich die Teilnahme. Hochherzig erwies sich 
namentlich Kaiser Franz Joseph von Österreich, der zur Linderung 
des Elends 24000 fl. spendete; aufserdem ordnete er in allen Kron- 
ländern Sammlungen an. 

Das Tragen bürgerlicher Kleidung war bei den Offizieren des 
K. K. Heeres im Anfange unseres jetzt zu Ende gehenden Jahr- 
hunderts weit verbreitet und vielfach geduldet. Es geht dies aus 

J**rt>ücher für die deutsche Arm« and Marin« Bd. 112 2 16 



228 Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



einer am 18. Mai 1811 vom Hofkriegsrate erlassenen Verordnung 
hervor, welche zu allgemeiner Kenntnis brachte, dafs „Seine Majestät 
aus Anlals eines im Theater sich ergebenden Excesses zu befehlen 
geruht, dals in Hinkunft an öffentlichen Örtern, besonders aber im 
Theater, die Offiziere in Uniform zu erscheinen haben, weil sie 
widrigens ihnen aus Unkenntnis ihres Standes und Charakters 
widerfahren könnende Unannehmlichkeiten sich selbst zuzuschreiben 
haben würden." — Auch die sechzehn Jahre später ausgegebene 
Belehrung zur Adjustierungs-Vorschrift von 1827 spricht den Offi- 
zieren eine Berechtigung zum Tragen von Civilkleidungen ab, nur ent- 
hält sie weitergehende und in Gestalt von Verboten erscheinende 
Beschränkungen. Die betreffende Stelle lautet: „Es ist daher das 
Tragen der Civilkleider da, wo es noch besteht, dahin einzuschränken, 
dals alle Rapporte und Meldungen im Dienste sowohl am Tage wie 
bei Nacht stets in Uniform zu geschehen haben, dafs sich auf 
keinen Fall bis zur Abfertigung jemand, der zu einer Garnison 
gehört, anders sehen lasse, dafs Uberhaupt alle Offiziere, selbst be- 
urlaubte, bei Ausrückungen und Festivitäten nur in Uniform er- 
scheinen, nicht minder bei Regimentsfesten und sogenannten repas 
de corps. Überhaupt sollen Civilkleider nur da gestattet sein, wo 
weder der Dienst, noch die militärische Ordnung darunter leiden, 
damit ein jeder entweder in seinen Schranken bleibe, oder dahin 
zurückgeführt werde." (Armeeblatt Nr. 9, 1899.) 14. 

Als Feldausrüstung für den bayerischen Infanterieoffizier 
wurde vor Beginn des Krieges vom Jahre 1809 vorgeschrieben: Im 
Mantelsack oder Koffer zu verpacken: 1 Uniform, 2 weifstuchene 
Gilets, 2 weilse leichte Gilets, 1 Paar weifstuchene Hosen, 2 Paar 
Nanking-Hosen, 7 Hemden, 3 Unterhosen, 7 Sacktücher, 6 weilse 
Halstücher, 1 schwarzes Halstuch, 3 Handtücher, 8 Paar Socken, 
1 Paar Stiefel, 1 Paar Schnhe, 1 Paar schwarze Gamaschen, 
1 kleines Schreibzeug, 1 Rasiermesser, 1 Kleiderbürste, 2 Schuh- 
bürsten, 2 bis 3 Bücher, 5 bis 6 Landkarten. — Auf dem Marsche 
angezogen: 1 Kaskett, 1 Hemd, 1 weifses Halstuch. 1 schwarzes 
Halstuch, 1 Paar Unterhosen, 1 blaue Überhose, 1 Paar Socken, 
1 Paar Stiefel, 1 Gilet, 1 Frack, 1 Schärpe, 1 schwarze Kuppel. 
1 Degen, 1 Sacktuch, 1 Brieftasche, 1 Paar Handschuhe. — Vom 
Fourierschützen mitzufahren: 1 Mantel, 1 Buchsenranzen oder 
Tornister, 1 Hemd, 2 Paar Socken, 2 weilse Halstücher, 1 Feld- 
besteck, 1 kleines Salzbüchsel, 1 Glas mit Futteral, 1 Paar Pan- 
toffel, 1 Kamm, 2 Bürsten, 1 Handtuch, alte Leinwand als Ver- 
bandszeug. iAuvera, Geschichte des K. Bayer. 7. Infanterie-Regiments, 
Bayreuth 1898.) 



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Kleine heerengeschiehtliehe Mitteilungen. 



229 



Ein Hochzeitsgeschenk von je 500 Gulden erhielten 500 der 
bravsten Soldaten des Königlich Bayerischen Heeres, welche sich 
im Kriege vom Jahre 1805 gegen Osterreich ausgezeichnet hatten, 
sich verehelichen und ansässig machen wollten, als im nächstfolgenden 
Jahre die Vermählung des Vizekönigs von Italien Eugen Beauharnais 
mit der Prinzessin Auguste vun Bayern, einer Tochter des Königs 
Maximilian Joseph, gefeiert wurde. Bedingung für die Zuerkennung 
der Prämie war, dafs die Braut sich eines unbescholtenen Kufes 
erfreute, und dals die ersteu der künftigen Ehe entstammenden 
Kinder die Namen Eugen oder Auguste erhalten würden. Vom 
7. Infanterie-Regimente erhielten zwei Soldaten das Geschenk und 
wurden zur Empfangnahme desselben im Sommer des Jahres nach 
München befohlen. (Auvera, Geschichte des K. bayer. 7. Infanterie- 
Regiments, Bayreuth 1898.) 14. 

Auszeichnungen für das österreichische Regiment Latour- 
Dragoner (No. 14). Im Jahre 1791 wurde dem Regiment, welches 
sich schon in der Schlacht bei Kolin mit Ruhm bedeckt hatte, von 
Kaiser Leopold II. für sein, zu allen Zeiten tapferes Verhalten eine 
Medaille verliehen, die mittels des Bandes der „Tapferkeits- 
Medaille" t gestiftet 1789) an der Standarte befestigt wird. Sie ist 
aus Gold geprägt, 200 Dukaten schwer, zeigt auf der Vorderseite 
das Brustbild des Monarchen mit der Umschrift „Leopoldus secundus 
Augustus u und aufserdem noch die Widmung: ,,A la fidelite et valeur 
signalee du Regiment de Latour-Dragons reconnu par l'Empereur 
et Roy." — Das Dragoner-Regiment No. 14 ist das einzige, dem 
man nach Abschaffung der Standarten im Jahre 18(>8 eine solche 
belassen hat. — Bei dem Regiment wurde seit dem Jahre 1757 
zum Andenken an die ausgezeichnete Tapferkeit, die es in der 
Schlacht bei Kolin mit seiner damals neu geworbenen noch ganz 
jungen, unbärtigen Mannschaft bethätigte, vom Obersten bis zum 
Genieinen kein Scbnurbart getragen. Anläfslich der im Jahre 
1869 dem gesamten Heere gewährten Bartfreiheit wurde die Form 
der erwähnten Auszeichnung abgeändert und dem Regimente das 
Recht erteilt, seiner Standarte ein besonderes Band mit dem einge- 
stickten Namen Kolin beifügen zu dürfen. Am 2(>. August 1875 
wurde dem Regiment neuerdings bewilligt, von seinem früheren 
Privilegium — keinen Schnurbart zu tragen — Gebrauch machen 
zu dürfen. (Streffleurs Österr. Mil. Zeitschrift. Aprilheft 1899). 

Schbg. 



15* 



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230 



Umschau in der Militar-Litteratur. 



XVIII. 

Umschau in der Militär-Litteratur. 

I. Ausländische Zeitschriften. 

Streffleur's Österreichische Militärische Zeitschrift. (Juni 1899.) 
Die Wiedereroberung des Sudans 1896 — 1898. — Ein Ehrentag der 
Bayern. — Zusammengewürfelte Gedanken über unsere Reglements von 
einem Generalstabs-Offlzier. 5. Brief, — Einiges über die praktischen 
Übungen russischer Truppen im Winter 1898 — 1899. — Zur Frage 
der applikatorischen Übungen im Schiefswesen bei der Feldartillerie. 

Organ der militärwissenschaftlicheu Vereine. LViLL Bd. 4. Heft. 
Die k. und k. Streitkräfte auf Kreta. — Wie könnte die Hauptübung 
des feldmäfsigen Schiefsens möglichst feldmäfsig durchgeführt werden? 
5. Heft. Maria Theresia, ihr Heer und ihre Völker im österreichischen 
Erbfolgekrieg. — Gedanken über die instruktive Beschäftigung bei der 
Truppe. — Automatische Handfeuerwaffen. 

Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Genie- 
Wesens. 6. Heft. Die Entwicklung des Kruppschen Feld-Artillerie- 
Materials von 1892 bis 1897. — Über Eisenbahn-Knallsignale und 
Sicherheits-Schutzkappen . 

Armeeblatt. (Österreich.) Nr. 22. Was „Civi* und „Militär* 
kostet. — Reorganisation unserer Militär-Bildungsanstalten (Forts, in 
Nr. 23, 24). Nr. 23. Für unsere Wittwen. - Was Friedrich v. Esmarch 
verlangt. Nr. 24. Sozialo Fragen der Armee. — Der russische Offizier 
und das Duell. Nr. 25. Das „moralische Moment". — Zum Tage 
von Solferino. — Zur Reorganisation unserer Militär-Bildungsanstalten. 

Militär-Zeitung. (Ö s t e r r e i c h.) Nr. 19. Unsere Offiziers- 
menagen. Nr. 20. Aufmärsche der Kavallcrie-Truppendivision — G. d. 
C. Graf Leopold Sternberg — Der Held von Faschoda. Nr. 21. Der 
Militär-Schulverein. — Custoza, 24. Juni 1866. Nr. 22. Vorträge über 
Gegenstände des allgemeinen Wissens an den Kadettenschulen. — Die 
fünfzölligen Haubitzen. 

Journal des sciences militaires. (Juni.) Drei Kolonnen in 
Tonkin (1894 — 1895). — Übungen und Kursus der „Ecole do Mars*. 
— Friedrich der Grofse (Forts.) — Die Armee im Jahre 1900. — Be- 
sancon und die 7. Militär-Division 1870—71 (Forts.). — Der öster- 
reichische Erbfolgekrieg 1740— 1748. Feldzug in Schlesien 1741—1742 
(Forts.) Das elektrische Licht und seine Verwendung im Kriege 
(Forts.), — Zur Abrüstungsfrage. 

Revue militaire universelle. (Juni 1899.) Nr. 87. Gesamt- 
Bcricht über die allgemeine Lage in Madagaskar. — „Die Kunst des 
Siegens" von Suworow (Forts.). — Untersuchungen über simulierte 
Krankheiten und Selbstverstümmelungen, beobachtet von 1859—1896 
(Forts.). — Grundlagen für die Bildung einer tüchtigen Kolonialarmee 
(Schlufs). — Ein Blatt der Geschichte Napoleons I. (Schlufs). 



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Umschau In der Militär-Litteratur. 



231 



Revue du cercle militaire. Nr. 22. Vom atlantischen Ozean zum 
Roten Meer (mit Photographien und Kroki). — Küstenverteidigung 
(Forts, in Nr. 23, 24). — Erinnerungen eines deutschen Generalstabs- 
offiziers (16. August 1870. Schlufs in Nr. 23.) — Vorbereitung des 
Zuges auf seine Bestimmung als Kampfeseinheit durch das Feuer 
iSchlufs). Nr. 23. Die letzten Verteidiger von Canada (Schlufs in 
Nr. 24). — Über Kritik bei den Manövern (Schlufs). Nr. 24. Die 
Generalstabsoffiziere in Rufsland. Nr. 25. Der Aushebungsdienst — 
Die Konferenz im Haag. — Die napoleonische Schlacht. — Die eng- 
lischen Gewehrgeschosse. 

Carnet de la Sabretache. (Mai 1899.) General Loizillon, vor- 
maliger Kriegsminister. — Feldzug in Böhmen: Schriftwechsel eines 
Offiziers vom Regiment Anjou-Infanterie (1741). — Marceaus letztes 
Gefecht und Leichenbegängnis. — Das Debüt der Rhein-Armee (1799). 
-Studien über die „Ecole de Mars" (1794). 

Revue d'Infanterie. Nr. 150. Grundsätze und Taktik des Nacht- 
gefechte (Forts.). — Studie über den Felddienst (Forts.). - Geschichte 
der Infanterie in Frankreich (Forte.). — Regiments-Schiefsschule zum 
Gebrauch für Offiziere und Unteroffiziere. — Das neue Exerzier- 
reglement der russischen Infanterie von 1897 (Schlufs). 

Revue de Cavalerie. (Mai 1899.) Eine Kavallerie- Division 1814. 

— Der Sicherheitsdienst der Kavallerie. — Studie über die Schlacht 
von Villiers (30. Nov. 1870 bis 30. Nov. 1898.) (Schlufs). - Taktische 
Aufnahmeprüfungs-Aufgabe für die höhere Kriegsschule — Militärische 
Rennen. Praktische Ratschläge (Schlufs). — Dauerritte und Gewalt- 
märsche. 

Revue d'Artillerie. (Juni 1899.) Verteilung des Feuers der 
Artillerie. — Übungen im Felddienste im Abteilungs-Verbande (Forts.). 

— Gebrauchsanweisung für einen in Sand ausgeführten Reliefplan zur 
taktischen Erziehung der Cadres. — Automatische Pistolen (Schlufs). 

Revue du Genie militaire. (Mai 1899.) Organisation und Betrieb 
des Militär-Telegraphendienstes (Schlufs). 

La France militaire. Nr. 4561. Im Haag billigt man im allge- 
meinen die Absichten des Zaren, aber Frankreich kann nicht auf das 
linke Rheinufer, welches den Völkerschaften Galliens gehört, ver- 
zichten (sie!), Anspielung auf die Kaiserrede bei der Grundsteinlegung 
des Fort Haeseler, Deutschland und England werden sich keine Be- 
schränkung ihrer Rüstungen auferlegen lassen. Das Schiedsgericht 
hat nur wenig Bedeutung. Nr. 4562. Die Offiziere aus Reih und 
Glied. IV. — Wissenschaft und Beruf. Nr. 4563. Die Rückkehr von 
Marchand . — Unsere Befestigungen. Der Generalstab verzichtet auf 
Oegenmafsregeln gegen die neuen Werke von Metz. Keine neue 
Sperrfortlinie von Pagny nach Briey ! Nr. 4565. Das Heer und die 
Flotte. Nr. 4565. Die deutsche Infanterie. Das Fazit der Unter- 
haltung zweier preufsischer Stabsoffiziere im Abteil, der Referent bei- 
wohnte, bezog sich auf Reglement, Schiefsdienst, Felddienst, Übungen 



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232 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



des Beurlaubtenstandes. Die Sache ist nicht ohne Bedeutung. Nr. 4566. 
Die Bevölkerung und die Armee. — Die Offiziere aus Reih und Glied. 
V. — Die Prüfungen. Nr. 4569. Die Beförderung. Nr. 4570. Die Majors. 
Nr. 4571. Deutsche Kavallerie. Nr. 4573. Einige Betrachtungen — 
Der Reiter und sein Pferd. — Major Marchand. Nr. 4574. Die Aus- 
stände und die Armee. — Die Soldatenkinder. Nr. 4575. Das Kriegs- 
gericht in Rennes. Nr. 4577. Menschen und Soldaten (auf Rekru- 
tierungs-Ergebnisse bezüglich). Nr. 4578. Die moralische Erziehung. 

— Zweijährige Dienstzeit. 

Le Progres militaire. Nr. 1939. Das Infanteriefeuer* vor und 
nach dem Kriege 1870. (Die mangelhafte Ausbildung im Schiefsen 
wird als die Hauptursache (?) der Niederlage bezeichnet.) Nr. 1940. 
Das deutsche Einjährig-Freiwilligentum und die ähnlichen (französischen) 
Dienstverkürzungen. Nr. 1941. Die Verteidigung der Küsten. Nr. 1942. 
Das Personal der Generalstäbe. — Reform des Militär-Justizwesens. 
Nr. 1943. Der Train bei den grofson Manövern. Nr. 1944. Das 
Personal des Generalstabs. (Zählt 1500 Offiziere vom Oberst abwärts ! 

— Spionage. Nr. 1945. Die Festungen. (Behandelt die Schleifung 
mehrerer älterer, so die Stadtumwallung von Lille, deren Fortfall all- 
seitig gewünscht wird.) Nr. 1946. Das militärische Leben unter 
Louis XIV. Die Verschwörung des Chevalier de Rohan. 

La Belgique militaire. Nr. 1462. Die Haager Konferenz 
(Schlufs in Nr. 1463/64). Nr. 1463. Gedanken und Grundsätze. — 
Garnison-Manöver. Nr. 1464. Das Gotecht der Armee-Division. Nr. 1465. 
Die Artillerie-Patrouille. — Die neue Schiefsvorschrift und die Soldaten 
der 1. Klasse. 

Bulletin de la Presse et de la Bibliographie militaire. Nr. 361. 

Das Militär-Radfahrweson (Forts, in Nr. 362). — Deutsche Kaiser- 
manöver 1898 (Schlufs). Nr. 362. Der Zukunftskrieg und die Konferenz 
im Haag. 

Revue de V Armee beige. (März- April.) Der Feldzug 1866 in 
Italien (Forts.). — Militär-Luftschiffahrt. — Vergleichung der verschie- 
denen im Gebrauch befindlichen Gewehre der europäischen Infanterien 

— Die kolonisatorischen Fähigkeiten der Belgier und die Kolonial- 
frage in Belgien (Forts.). — Studie über die Festungsartillerie unter 
Panzerkuppeln und ihre Verwendung bei den Maas-Forts. — Die Kriegs- 
kunst auf der Brüsseler Ausstellung (Forts.). 

Schweizerische Monatsschrift für Offiziere aller Waffen. 
(Mai 1899.) Kriegsmäfsige Schiefsausbildung (Forts.). — Skizze einer 
Wehrverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft. 

Revue militaire suisse. (Juni 1899.) Die Blokade von Sphacteria 
(nach Thucydides) (Schlufs). — Taktische Ausbildung der Infanterie. 

— Die russische Artillerie. 

Schweizerische Zeitschrift für Artillerie und Genie. (Mai 
1899.) Marschfähigkeit der Truppen im Gebirge. — Das Klassensystem 
im Instruktions-Korps. — Ausbrennen der Geschütze beim Schiefsen 



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Umsohau in der Militär-Litteratur. 



233 



mit Cordit. — Ballistische Vergleichung verschiedener Geschütz- 
entwürfe der Neuzeit. 

Allgemeine Schweizerische Militär-Zeitung. Nr. 21. Das Neueste 
von der französischen Armee (Schlufs in Nr. 22). — Etwas über das 
probeweise eingeführte Ein beruf ungs- Verfahren im Falle einer Mobil- 
machung in Deutschland. — Die Fünfzoll-Haubitzen bei Omdurman. 
Nr. 22. Die Verstärkung der englischen Landarmee. Nr. 23. Die 
Schlacht von Fridericia. 6. Juli 1849. — Automobile als Armeefahr- 
zeuge. Nr. 24. Eine Prüfung von Kriegshunden im deutschen Heere. 

— Über die Wirkung der neuesten englischen Armeegeschosse (Hohl- 
spitzengeschosse). Nr. 25. Militärischer Berichtaus dem deutschen Reiche. 

— Die neue Ausrüstung in Norwegen. 

Army and Navy Gazette. Nr. 2062. Das Heer im Jahre 1898. 
Rückblick auf die Heeresstärke und das Rekrutierungs-Ergebnis. — 
Der Kernpunkt der Artillerie-Frage. Erörtert die Grundsätze der 
Trennung der Feldartillerie von der Fufsartillerie. — Der Krieg der 
Zukunft. Vortrag über den Einflufs der neueren Schiefswaffen auf 
das Gefecht. — Waterloo. Kritische Betrachtung über die Mafs- 
nahmen Napoleons in dieser Schlacht. Nr. 2053. Das Indische Heer 
1S99 — 1900. Behandelt die Abstellung der Mängel, die sich bei den 
letzten Aufständen im Nordwesten Indiens gezeigt haben, besonders 
im Verpflegungswesen, Eisenbahn- und Wegebau. — Moderne Waffen. 
Einflufs derselben auf die Erweiterung der Gefechtszone. — Zwei 
Feinde des Indischen Heeres. Ein Militär-Geistlicher beklagt die vielen 
Fälle von Syphilis und Fieber im Heere. — Mobilisierung und Manöver. 
Behandelt Anlagen der Manöver in Verbindung mit der Flotte. 
Hr. 2054. Taktik der Hafen-Verteidigung. — Oberst Macdonald von 
Uganda. Lebensbild und Schilderung seines Feldzuges in Uganda. — 
Kriegsberichterstatter im Felde. Zusammenstellung der Vorschriften, 
denen di«se seitens der Heeresleitung unterworfen werden müssen. — 
Das West-Kant-Yeomanry- (Queens own) Regiment. Geschichte des- 
selben, errichtet 1797. — Sir William Galaere über Gebirgskriege. 
Ein Vortrag. Nr. 2055. Die Friedens-Konferenz im Haag. — Die Expe- 
dition gegen Karthoum. — Eine Soldatenfrau. — Verein zur Hebung 
der Gesundheit im Heere. Bericht über die Erfolge dieses Vereins im 
Indischen Heere. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 255. 

Die Herbst-Manöver 1898. Vortrag des Majors Marschall- West. — Die 
Belagerung und Einnahme von Belle- Isle 1761. Schlufs der Geschichte 
dieser Belagerung nach den Aufzeichnungen eines Augenzeugen. — 
Die Sierra Leone-Expedition 1898 — 1899. Darstellung der Kämpfe und 
Erfolge dieser Expedition. — Der Trans-Baikal. Zusammenstellung der 
Operationslinien in diesem Lande, bestehend aus der neuen Sibirischen 
Eisenbahn, den Heerstrafsen und den Wasserläufen der schiffbaren 
Flüsse. 

Army and Navy Journal. (New- York.) Nr. 1864. Was Amerika 



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234 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



von Spanien lernen kann. — In welcher Ausdehnung das Büchsen- 
fleisch zur Verwendung kam. Mitteilung der darüber angestellten 
offiziellen Untersuchung. Nr. 1865. Bericht des Generals Otis. Schildert 
die Einnahme von Malolos 2. April 1899. — Die Verhältnisse auf Samoa. 

— Unser neues Heer. — Die Vereinigten Staaten in Europa. — Das 
Signalwesen auf den Philippinen. Nr. 1866. Die dreizölligen Feldge- 
schütze. — Die Artillerie bei Santiago. — Das Lee-Gewehr. — Sani- 
täts-Bericht aus Manila. Nr. 1867 Pessimistische Gedanken über die 
Friedens-Konferenz. — Wie unsere neuen Besitzungen regiert werden 
müssen. — Die Verteidigung Kanadas. 

Raswjedtschik. Nr. 448. Aus Finnland. Der Stab des Feld- 
marschalls Gurko. — Der Dienst der donischen Kasakenoffiziere. — 
Eine von den verschiedenen Ursachen der Unsicherheit des Schusses. 
Nr. 449. Die Jubilare des Jahres 1899 (mit den Bildern der 1849 aus 
den Militärbildungsanstalten getretenen Generale). — Die Jagd auf 
Bären (der Jagdkommandos). Nr. 450. Das Bild und die Schilderung des 
Besuches des Grofsfürsten Michael Alexandrowitsch in Nowogeorgijewsk. 

— Bemerkung über die Ergebnisse des Probeversuchs der Einberufung 
der Reserven und der Gestellung der Pferde bei der Mobilmachung 
eines Infanterieregiments. 

Wajeiinüj Ssbornik. (1899. IV.) Kurze Schilderung der Beob- 
achtungen bei der Probemobilmachung im Kreise Jurjew (Dorpat). — 
Die Abbildungen Ssuworows (mit einem Bilde des Feldmarschalls). — 
Vom Kriege (das Werk von Clausewitz). — Die Offizierfrage im 17. 
Jahrhundert (Skizze aus der Geschichte des Kriegswesens in Rufsland) 
(Schlufs.) Die allgemeine Wehrpflicht im Grofsfürstentum Finnland in 
den Jahren 1882—1899. Eine statistische Untersuchung. — Die Bil- 
dung und Entwickelung der Schiefs- und Turnvereine. — Bemerkung 
über unsere Kadettenkorps. — Noch etwas über die Offiziere in 
Stellungen aufserhalb der Front. -- Zudem Artikel: „Die Korps-Inten- 
dantur" (Schlufs). Das Militärfahrrad- Wesen. — Skizze des Pamir 
I. — Russische militärische Rundschau: Einstweilige Bestimmungen 
für die Einberufung der Praborschtschiki und Freiwilliger 1. Bildungs- 
grades der Reserve zu den Übungen. — Der neue Entwurf eines Gesetzes 
über den Dienst in den Lagern und auf den Friedensmärschen. — Der 
neue Entwurf einer Felddionstordnung. — Das neue Exerzierreglement 
für die Kasaken. — Die heutige Organisation der japanischen Wehrkraft. 

Russisches Artillerie- Journal. Nr. 5. Theorie der Lafetten. 
(Forts.). — General der Artillerie Stanislaus Klementjewitsch Kaminski. 

— Aus der Statistik des Feldschiefsens der Offizier-Artillerieschule. — 
Von der Abhängigkeit der Brennlängen der Zünder von den Bedin- 
gungen des Schiefsens. — Versuche der Erklärung einiger neben- 
sächlicher Reaktionen bei der Fabrikation des Schwefel-Äthers. 

I/Italia militare e marina. Nr. 117. Nochmals die Civilisation 
und der Krieg. Nr. 118. Bemerkungen eines alten Soldaten, Die Tech- 
nik bei den fechtenden Waffen. — Die Typen unserer Flotte. II. 



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Umschau in der Militär-Litteratnr. 



235 



Nr. 121. Die Typen unserer Flotte. III. — Die Tapferkeit der Kämpfer 
von Adua. Nr. 122. Bemerkungen eines alten Soldaten. Defensiv- und 
Offensivkrieg. — Die Typen unserer Flotte. IV. Torpedoboote. Nr. 123. 
Nochmals die Konferenz im Haag. Nr. 124. Como und die Ausstellung 
zu Ehren Voltas. — Die europäische Marine im äufsersten Osten. - 
Verminderung der Rüstungen. Nr. 133. Die Typen unserer Flotte. Tor- 
pedo- und Gegentorpedoschiffe. 

Rivista Militare Italiana. (1. Juni.) Heer und Festungen. Die 
Odyssee der Artillerie. 

Esercito Italiano. Nr. 62. Die Eisenbahnen im Valtellin. Nr. 63. 
Die Cadres der Artillerie und des Genies. — Die Friedenskonferenz. 
Nr. 64. Heeresstarken und Kriegsmaterial bei der Friedenskonferenz 
Nr. 65. Die Deputiertenkammer und das Heer. Nr. 68. Das Kriegs- 
budget 1 899/1900. Nr. 69. Die Beratung des Kriegsbudgets. Nr. 70. 
Erklärungen des Kriegsministers bei Beratung des Kriegs budgets. 

Ktvista di artiglieria e genio. (Mai.) Die Trennung der Lauf- 
bahnen in der Geniewaffe. — Über die neuen Verfügungen zum Messen 
der Entfernungen im Felde. ~ Über das Gebirgsmaterial. — Munitions- 
ausrüstung unserer Feldartillerie und ihre Verteilung in den Fahr- 
zeugen. — Nützlichkeit des Scherens bei den Militärpferden. 

Revista cientifico militar. (Spanien.) Nr. 10. Die Reorgani- 
sation des Heeres. — Wie Völker niedergehen. — Historische Über- 
sicht der Thaten des Grofsen Feldhorrn Don Gonzalo Fernande de- 
Cordova. 

Revista Militar. (Portugal.) Nr. 10. Mocambique 1896—1898. 

Krigsvetenskaps Akademiens-Handlingar. (Schweden.) 9. und 
10. Heft. Rekrutierung und Stammmannschaften der geworbenen Armee 
1890 — 95. Felddienstübungen für Frontoffiziere. 

Norsk Militaert Tidsskrift. (Norwegen.) 4. Heft. Die Bedeutung 
der Fortsetzung der Gudbrand-Thalbahn nach Romsdal. 

II. Bücher. 

Die kriegerischen Ereignisse im Grorsherzogtum Posen im April 
und Mai 1848. Von Kunz, Major. Mit sechs Kartenbeilagen 
in Steindruck. Berlin 1899. E. S. Mittler & Sohn. 

Für die deutsche Reichsregierung und die gewählten Vertreter 
des deutschen Volkes empfehlen wir das eingehende Studium der vor- 
liegenden Schrift. — Haben wir doch in unseren Tagen es erst zur 
Schande unseres Volkes erlebt, dafs nicht nur Schriftsteller und 
Universitäts-Professoren sich nicht entblödeten, die Sache des Auslandes 
zu der ihrigen zu machen, sondern dafs sogar auf der Tribüne des 
Reichstages die Vertreter der Regierung, welche mit pflichtmäfsiger 
Energie den Umtrieben der Dänen und Polen entgegentraten, zum 
Gegenstande der gehässigsten Angriffe gemacht wurden. Ob jene 
Herren wohl je einmal von den Ereignissen in der Provinz Posen im 



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I 



236 Umschau in der Militär-Litteratur. 

Jahre 1848 Kunde orhielten? — Ähnlich so wie heute die genannten 
Persönlichkeiten es verlangten, dekretierte am 6. April 1848 der 
Ausschufs der Frankfurier Nationalversammlung, „das deutsche Volk 
sei aufzufordern, die Schmach der Teilung Polens von Deutschland 
abzuwälzen, den Polen ihr Vaterland zurückzugeben," und am 21. Marz 
1848 traf in Posen die in Berlin von dem polnischen Doktor Liebelt 
an seine Landsleute erlassene Proklamation ein, welche u. a. folgende 
Sätze enthielt: „Das Berliner Volk hat für uns diese Freiheit beim 
Könige erwirkt, das ganze Volk hat den Wunsch, dafs Polen als selbst- 
ständiges Reich auferstehe." 

Wir führen diese Thatsachen nur an, um darauf hinzuweisen, 
wie wenig man bei uns in Deutschfand aus der Geschichte zu lernen 
gewohnt ist. und wie unglaublicher Dinge der deutsche Michel in Ver- 
leugnung seines Vaterlandes fähig ist. 

Für das Verständnis der Schlaffheit, welche die königlichen Be- 
hörden dem unter ihren Augen sich entwickelnden Aufstande gegen- 
über bewiesen, scheint die Erinnerung an diese Vorkommnisse not- 
wendig. Diese Schlaffheit, dies gänzliche Verkennen der politischen 
Lage erschwerte das Kingreifen der Truppen aufserordentlich. Die 
damals in der Provinz Posen lebenden 570 000 Deutsche waren auf 
Gnade und Ungnade den 780000 Polen überantwortet. Diese handelten,' 
als wenn es gar keine Regierung des Königs, gar keine ihnen zum 
mindesten gleichberechtigten Deutschen, keine zur Erhaltung der 
Provinz erbaute Festung, keine preufsischen Truppen in der Provinz 
Posen gäbe. Das war die vielgerühmte Toleranz der Polen. In der 
Taubenstrafse in Berlin wurde indes ein Werbebureau für „die polnische 
Armee" eingerichtet, während — man mufs es bei Kunz und anderen 
Schriftstellern über jene Tage lesen, um es zu glauben — der 
Kommandeur der 5. Gendarmeriebrigade alle Gendarmen anwies, den 
Befehlen der die Revolutionsarmee organisierenden „polnischen Kreis- 
iommissare" zu gehorchen. Allerdings wurde dieser Oberst für seine 
Polenfreundlichkeit pensioniert. — So weit aber ging die politische 
Begriffsverwirrung in jenen Tagen, dafs der auf Wunsch der Polen 
zum königlichen Kommissar für das Grofsherzogtum Polen bestellte 
General von Willisen ihnen Zugeständnisse machte, die die Revolution 
geradezu unterstützten. So gestattete er, dafs die Landwehr „die 
Fahne des Grofsherzogtums" und „polnisches Kommando - erhielt, alle 
in derselben dienenden Polen die „polnische Kokarde" tragen durften, 
Freikorps und Landwehr „auf den Grofsherzog von Posen" vereidigt 
-wurden und alle aus der Provinz Posen stammenden, aufserhalb der- 
selben stehenden Offiziere und Soldaten ihre Versetzung dorthin be- 
antragen konnten. 

Dies war die Lage, als endlich die Truppen zum Angriff gegen 
die unter den Augen der Behörden organisierten polnischen Aufgebote 
schreiten mufsten. Jn eingehendster Weise schildert Kunz die Thätig- 
keit der Truppen in den 17 gröfseren und 13 kleineren Gefechten und 



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Umschau in der Militär-Litteratur 



237 



Zosammenstöfsen mit den Polen. Als leuchtender Punkt in diesen 
dunklen Tagen ragt die unentwegte Treue, Tapferkeit und Stand- 
haftigkeit der Truppen hervor. In ihrer Führung treffen wir zuweilen 
auf Zeichen der langen Friedensgewohnheit; bei den Polen aber, deren 
Führer die Edelleutf waren, die Tapferkeit, welche sie in manchen 
Kriegen bewiesen, aber auch Grausamkeit gegen die ihnen überlieferte 
deutsche Bevölkerung und gegen ihre wucherischen jüdischen Blut- 
sauger. Wie heute so auch damals wurden die Massen durch die 
polnischen Geistlichen fanatisiert, mehrere von diesen fielen mit dem 
Säbel und dem Kruzifix an der Spitze der Sensenmänner. — Wir 
empfehlen die kleine Schrift allen denen, welche sich belehren 
wollen, wie man den Polen gegenüber handeln mufs. 17. 

Die Besehiefsung von Paris 1870/71 und die Ursachen ihrer Ver- 
zögerung von v. Blume. General der Inf. z. E>. Berlin 1899. 
E. S. Mittler & S. Preis 1.50 Mk. 
Der Herr Verfasser war als Major im Grofsen Generalstabe 
während des Feldzuges in unmittelbarer Umgebung Moltkes und be- 
urteilt selbstverständlich die Ereignisse, deren Zeuge er war. vom 
Standpunkte des Grofsen Generalstabes. Er bemüht sich nachzuweisen, 
dafs die Behauptung Bismarcks (vergl. Gedanken und Erinnerungen, 
23. Kap. II. Teil S. 114) und Roons in seinen Feldzugsbüchern, die 
Verzögerung der Beschiefsung sei zurückzuführen auf die Geltend- 
machung englischer und weiblicher Einflüsse, dann abweichender An- 
sichten des Generalstabes — irrtümlich sei. Er hält sich für ver- 
pflichtet, allen diesen Gerächten „mit aller Entschiedenheit öffentlich 
entgegenzutreten.** — Klar legt Verfasser die technischen Schwierig- 
keiten dar, welche einer zeitigeren Beschiefsung hinderlich waren, 
namentlich die Schwierigkeiten des Landtransportes des schweren 
Belagerungsmaterials von Lagny und Nanteuil bis zum Belagerungs- 
park in Villacoublay. Er behauptet, „glaubhaft nachgewiesen zu haben, 
dafs die Verzögerung des Angriffs auf Paris sich hinlänglich auch 
ohne die Annahme pflichtvergessener Nachgiebigkeit gegen fremdartige, 
dem vaterländischen Interesse schädliche ?3inflüsse erklären lasse." 
Er sagt ferner, „es komme nicht darauf an, ob von irgend welcher 
Seite versucht worden ist, hemmenden Einflufs in humanitärem (?) 
Sinne auf die deutsche Kriegsführung auszuüben. * — Das heifst m. E. 
doch mit anderen Worten, dafs solche hemmende Einflüsse sich that- 
sächlich fühlbar gemacht haben, wie dies Bismarck bestätigt. Er 
sagt (a. a. 0.): „Eine Andeutung, die ich dem Könige über Nachrichten 
derart machte, hatte einen lebhaften Zornesausbruch zur Folge, nicht 
in dem Sinne, dafs die Gerüchte unbegründet seien, sondern 
in einer scharfen Bedrohung jeder Äufserung einer derartigen Ver- 
stimmung gegen die Königin." — Es genügt, an diese Thatsachen zu 
erinnern; möge jeder sich sein Teil dabei denken. Befremdend wirkt 
es, wenn der Verfasser die fernere Thatsache, dafs Bismarck während 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



des Feldzuges 1870 im Rate des Königs mehr in den Hintergund trat 
und grundsätzlich nicht, wie 1866, zu den Militärvorträgen des 
Königs hinzugezogen, ja nicht einmal über die kriegerischen Ereignisse 
offiziell auf dem Laufenden erhalten wurde, damit zu entschuldigen 
sucht, dafs durch die Teilnahme des Leiters der auswärtigen Politik 
an den militärischen Beratungen ein Übergewicht der politischen 
Leitung über die militärische zum Ausdruck komme, das dem Wesen 
des Krieges nicht entspreche. Wenn General v. Blume ferner sagt, 
„dafs die politischen Verhältnisse 1870 im Vergleiche zu denen von 
1864 und 1866 einfachster (!) Natur waren, so entspricht dies m. E. 
den Thatsachen ganz und gar nicht. Die schwierige, unermüdliche 
Thätigkeit Bismarcks gegenüber der europäischen Diplomatie, die Gefahr 
fremder Einmischung, die Portentwickelung der deutschen Frage, die 
Verhandlungen mit dem besiegten Gegner waren gewifs nicht „ein- 
fachster Natur." Bismarck hat wie 1866 so auch 1870 „die Erfolge 
der Waffen mit unübertrefflicher Geschicklichkeit für die politischen 
Interessen des Vaterlandes zu verwerten gewufst." Den Bundeskanzler 
von den militärischen Beratungen auszuschliefsen, war folglich in 
hohem Grade bedenklich, um nicht zu sagen verhängnisvoll, wie dies 
Bismarck im 23. Kapitel seiner „Erinnerungen 4 * überzeugend beweist, 
— Dafs auch dem Könige infolge der verzögerten Beschiefsung der 
Faden der Geduld gerissen ist. wird bewiesen durch das (in den An- 
lagen S. 63 ff.) mitgeteilte Schreiben vom 28. November an Moltke 
und Koon. „Die Verzögerung erregt", sagt der König, „bei mir 
die allergröfsosten Bedenken, sowohl in militärischer als 
politischer Hinsicht." — L)ie vorliegende Schritt verdient, obschon 
sie nicht viel neues bietet, als Beitrag zur Geschichte des Krieges, 
namentlich zur Kenntnis der Anschauungen und Strömungen im 
Grofsen Hauptquartier Beachtung. 1. 

La guerre Greco-Turque. Resume historique et strategique, accompagne 
de Notes Medicales et largement illustre de vignettes inedites. 
Par le Dr. Edmond Ladry, Chef de l'ambulanco de la banque 
imperiale Ottomane en Thessalie, ancien Chirurgien en chef de 
l'hopital Francais ä Constantinople. Neuchatel. Attinger freres. 
Der Herr Verfasser beansprucht nicht, mit seinem Buche eine 
Geschichte des griechisch-türkischen Krieges liefern zu wollen. Der- 
selbe spricht vielmehr nur gelegentlich über den allgemeinen Verlauf 
des Feldzuges in Thessalien, während er in der Hauptsache nur in 
elegantem Feuilletonstil die eigenen Erlebnisse auf dem thessalischen 
Kriegsschauplatze als Chef des von der Ottomanischen Bank auf- 
gestellten fliegenden Feldlazaretts erzählt. 

Den zweiten, den eigentlichen fachwissenschaftlichen HauptteU 
des Werkes bilden aber die „Notes Medicales" des Herrn Verfassers, 
in denen er zunächst in sehr eingehender und lehrreicher Weise die 
Einrichtung seiner grofsen Ambulanz, sowie die Thätigkeit derselben 



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Umschau in der Militär-Litteratur 



239 



auf dem Kriegsschauplatze kritisiert. Es folgen einige allgemeine Be- 
merkungen über die beobachteten Arten der Verwundungen, die dann 
durch eine grofse Anzahl von Auszügen aus den Kranken- Journalen 
des fliegenden Feldlazaretts erläutert werden. Im ganzen waren in 
diesem 1203 Verwundete behandelt worden. Schliefslich spricht sich 
Herr Dr. Ladry dahin aus, wie von gleicher Wichtigkeit als das 
Studium der Anatomie für die Kriegschirurgie die Kenntnis von den 
Wirkungen der verschiedenen Projektile sein mufs, indem diese 
Kenntnis gerade die naturgemäfsen Fingerzeige für die Behandlung, 
die Prognose und die notwendigen Operationen geben wird. Auch 
die Wirkung der Geschosse der kleinkalibrigen Gewehre von mm 6,5, 
welche die italienischen Freiwilligen führten, wird besonders be- 
sprochen, so wie das äufsere Aussehen der verschiedenen aus den 
Wunden extrahierten Projektile. Endlich macht der Herr Verfasser 
unter besonderer Betonung darauf aufmerksam, wie die moderne 
Militär-Chirurgie durch zweckentsprechende Vorbeugungsmafsregeln 
noch immer mehr sich des erhaltenden Prinzips befleifsigen kann. - 
Wenn der erste Teil des Buches durch seine lebendige Dar- 
stellung und manche fesselnde Schilderungen von Land und Leuten 
eine angenehme und anregende Unterhaltung gewährt, so ist der 
zweite Teil dagegen jedenfalls von hohem kriegswissenschaftlichem 
Interesse, namentlich für die Herren Militär-Ärzte und Chirurgen. 

38. 

Souvenirs du Lieutenant General Vicomte de Reiset 1775—1810. 

Publies par son petit-flls, Vicomte de Reiset. Paris, Calmann 
Levy 1899. Frcs. 7.50. 

Es bringt uns dieses Werk Auszüge aus den Tagebüchern und 
Korrespondenzen des französischen Generalleutnants Vicomte de 
Reiset. Die veröffentlichten Briefe desselben sind gröfstenteils an 
Verwandte und Freunde gerichtet und meistens intimen Inhalts. Sehr 
interessant sind aber die Erlebnisse und Denkwürdigkeiten, die uns 
sonst noch aus den hinterlassenen Papieren des französischen Offiziers 
mitgeteilt werden. 

Marie- Antoine de Reiset, geboren zu Colmar 1775, focht schon 
im jugendlichen Alter von 17 Jahren als einfacher Soldat des 
4. Bataillons der Grenadiere des Oberrheins unter Kleber. Bei Weifsen- 
burg im Elsafs erhielt er 1793 die Feuertaufe und wurde zum ersten- 
male verwundet. Nach seiner Wiederherstellung trat er beim 
14. Dragoner-Regiment in der Mosel-Armee Jourdans ein. Mit dieser 
nahm er an der Schlacht von Fleurus und an dem Feldzuge in Belgien 
teil. Reiset hatte Gelegenheit, sich hierbei auszuzeichnen, wurde 1794 
zum Offizier ernannt und dem Stabe des Generals Kleber zugeteilt, in 
welchem er den Feldzug in Holland mitmachte. Nachdem er im 
August 1795 an dem Rheinübergange bei Düsseldorf teilgenommen, 
focht er 1796 in den Reihen der Sambre-Maas- Armee. In dem Feld- 
zuge von 1799 in der Schweiz finden wir de Reiset als Adjutanten 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



des Divisions-Generals Klein, als welcher er sich in der Schlacht bei 
Zürich auszeichnet. Bereits 1800 sehen wir ihn aber als Kapitän und 
noch in demselben Jahre bringt ihm eine Vorposten -Affäre bei Schwan- 
stadt, bei welcher Gelegenheit er den österreichischen General Löpper 
gefangen nimmt, die Ernennung zum Eskadronschef. Im Jahre 1806 
fechtet er bei Jena mit Auszeichnung, und in dem Gefecht bei Prenzlau 
erwirbt er sich dann den Rang als Major, nachdem ihm die Ehre zu teil 
geworden, dafs Prinz August von Preufsen mit seinem Grenadier- 
bataillon ihm gegenüber zur Kapitulation genötigt worden war. 

Marie-Antoine de Reiset erzählt, wie er während des Rückzugs- 
gefechts des Prinzen Hohenlohe gegen Murat bei Prenzlau auf dem 
linken Flügel der Franzosen mit seiner Eskadron vorgegangen, dabei 
auf ein Bataillon preufsischer Infanterie gestofsen wäre und sieh sofort 
auf dasselbe geworfen hätte. Doch wäre er von dem Gegner energisch 
zurückgewiesen worden. Dreimal noch hätte die Eskadron de Reiset 
den Angriff mit Ungestüm wiederholt, vor der festen und kaltblütigen 
Haltung des preufsischen Bataillons aber stets wieder zurückweichen 
müssen, so dafs schliefslich von jedem weiteren Choc Abstand ge- 
nommen werden mufste. Auf dem weiteren Rückzüge geriet aber das 
Bataillon, verfolgt von den französischen Dragonern, unglücklicher- 
weise in ein sumpfiges Gelände. Menschen und Pferde sanken in 
dem Moraste ein und vermochten in dem dicken schwarzen Schlamm 
nicht mehr fortzukommen. Bald war in dem Bataillon die l'nordnuntr 
eingerissen und es blieb seinem Kommandeur schliefslich nichts übrig, 
als zu kapitulieren. Nur mit den gröfsten Anstrengungen gelang es. 
die preufsischen Grenadiere aus dem Sumpfe zu retten; die Pferde 
der Offiziere hatten fast sämtlich darin zurückgelassen werden müssen. 

Von Ende 1806 bis Herbst 1808 fungierte Major de Reiset als 
Generalstabschef des grofson französischen Depots zu Potsdam und 
übernahm dann das Kommando des Depots des 1. Dragoner-Regiments 
zu Versailles. Im März 1809 erhielt er aber den Befehl über ein neu 
errichtetes Dragoner- Regiment in Strafsburg, mit welchem er an dem 
Feldzuge gegen Österreich teilnahm. Seine Erlebnisse in diesem, 
sowie in dem Kriege in Spanien, ferner während seines Aufenthaltes 
in Barcelona im Jahre 1822 und an den Höfen Ludwigs XVIII. und 
Karls X. sollen nach der ausgesprochenen Absicht des Verlassers aber 
den Inhalt eines zweiten Bandes bilden. 38. 

Taktische und strategische Grundsätze der Gegenwart. Von 

von Schlichting, General der Infanterie z. D. a la suite des 
1. badischen Leib-Grenadier-Regiments Nr. 109. Dritter Teil. 
Truppentührung (Fortsetzung). Zweites Buch: Die Taktik im 
Dienste der Operationen. Mit 4 Kartenbeilagen im Steindruck. 
Berlin 1899. E. S. Mittler & Sohn. 
Mit diesem 3. Teile ist das epochemachende Werk, das in keiner 
Bibliothek fehlen sollte, zu Ende geführt. Der Erfolg, den die beiden 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



241 



ersten Teile aufzuweisen hatten, bürgt schon dafür, dafs auch der 
letzte die gebührende Anerkennung finden wird, und er verdient sie 
auch in vollstem Mafse. Das Schlichtingsche Werk ist ja bekanntlich 
keineswegs ein Lehrbuch, wie wir es von der Kriegsschule her ge- 
wöhnt sind — der Verfasser erkennt übrigens die Autorität eines 
Meckel etc. vollkommen an und setzt dessen Lehren mehr oder minder 
als bekannt voraus — , es führt uns einige der Hauptmomente der 
Strategie und Taktik in fesselnder Weise und geistreichster, einem 
Clausewitz ähnelnder Gedankenentwickelung vor Augen, ohne sich in 
Einzelheiten und Formalismen zu verlieren. Als roter Faden zieht 
sich durch das ganze Werk der Versuch, bezw. das Bestreben, nach- 
zuweisen, dafs der taktische Gegensatz unserer Zeit zu der Napoleons 
ein noch bei weitem gröfserer ist als der strategische, welcher Wechsel 
hauptsächlich den veränderten Waffen und den neueren Operations- 
mitteln zuzuschreiben ist — und dieser Versuch dürfte als vollkommen 
gelungen zu betrachten sein. Ohne den Nimbus des militärischen 
Genies Napoleons irgendwie schmälern zu wollen, wird gegen die 
rückhaltslose Beibehaltung und Weiterentwickelung napoleonischer 
Grundsätze und Ideen Stellung genommen, gleichzeitig aber doch auch 
auf die Notwendigkeit und Möglichkeit des Beibehaltens der auch für 
die Gegenwart noch brauchbaren, dauernd gültigen und unveränder- 
lichen Grundgesetze und Regeln der Taktik hingewiesen. Die aufser- 
ordentlich zahlreichen Hinweise auf kriegsgeschichtliche Thatsachen — 
keine langen Schlachtenerzählungen! — verleihen dem ganzen Werke 
eine gewisse Frische und spannende Abwechslung in der sonst doch 
mehr oder minder philosophierenden Behandlung des Stoffes, die be- 
wirkt, dafs dieselbe nicht ermüdend wirkt, und daher auch von dem ange- 
strengtesten Truppenoffizier jederzeit mit regstem Interesse gelesen wer- 
den wird. — Das 282 Seiten umfassende Werk gliedert sich in 6 Haupt- 
abschnitte : 1. Taktische Rückblicke und Folgerungen, 
die sich hauptsächlich mit napoleonischen Fechtmitteln und napoleonischer 
Fechtweise beschäftigen, die vom historischen Standpunkt aus wohl 
bewundernswert, für die Gegenwart aber infolge der veränderten be- 
gleitenden Verhältnisse keineswegs nachahmenswert sind. — 2. Ge- 
fecht s z w e c k e. (Überblick, Gefechte im unmittelbaren Dienst der 
Operationen, ein Beispiel [Spichern], Gelegenheitskämpfe.) Zur 
Charakterisierung der in diesem Kapitel niedergelegten Anschauungen 
mögen nur einige herausgerissene Satze gelten: „Die Zeiten sind 
vorbei, wo ein Schwerin oder Napoleon bei Prag oder Arcole mit 
Siegeserfolg zu einer Fahne griff: 44 oder: „das alte Ideal von den ver- 
bundenen Waffen, die im Kampf in engen Räumen unmittelbar zu- 
sammenwirken, entstammt napoleonischer Zeit; für den Taktiker der 
Gegenwart ist es unbrauchbar geworden; die gesteigerten Waffen- 
wirkungen verbieten es; 44 oder: „die reine Stellungsreiterei ist die 
niedrigste KampfTorm, welche zur Niederlage führen mufs, selbst wenn 
der Widerstand so lange dauert wie bei Plewna 44 etc. 3. Die 



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Unischau in der Müitär-Litteratur. 



Gefechtsarten. (Die Gefechtsgestalt. Einwirkung des Geländes 
auf die Kampfgestalt, Begegnungskampf, Kampf um vorbereitete 
Stellungen.) 4. Lose Gedanken über Gefechtsbefehle. 
— 5. Kriegs Vorübungen. (Übungsanlagen, Übungsleitungen.) — 
•6. Schlufswort. 

Näher auf die einzelnen Kapitel einzugehen, würde zu weit 
führen, da sie zu viel des Interessanten enthalten. Besonders zu be- 
tonen ist nur noch, dafs das ganze Werk streng auf dem Boden des 
Reglements steht, dessen berufenster Interpret wohl General von 
Schlichting ist; für jeden Offizier ist es aber eine reiche Quelle der 
Belehrung und Weiterbildung, deren Aneignung nur auf das wärmste 
empfohlen werden kann. 

E>er bereits in 2. Auflage erschienene I. Teil behandelt die Taktik 
der Waffen im Lichte der Heeresvorschriften, der IL Teil (erstes 
Buch der Truppenführung) die Operationen. Ob. 

T. Verdy du Yernois (General der Inf.), Studien über Truppen- 

führung. Erster Teil: Die Infanterie-Division im Verbände des 
Armeekorps. Neu bearbeitet durch v. Gofsler, Oberst und 
Kommandeur des 4. Garde-Regiments z. F. 4 Hefte. Berlin. 
E. S. Mittler & Sohn. Preis 9 Mk.. gebd. 10,50 Mk. 
Die weltbekannten „Studien über Truppenführung" haben neuer- 
dings eine nur mit Freuden zu begrüfsende Neubearbeitung durch 
Oberst v. üofsler erfahren, auf die wir die Aufmerksamkeit unserer 
Leser hiermit lenken. - Für die Neubearbeitung waren die Einführung 
der neuen Watten, die neu gebildeten militärischen Formationen und 
die neu ergangenen Dienstvorschriften mafsgebend. Namentlich das 
dritte Heft, welches den Leser in das Gefecht einführt, die An- 
ordnungen des Generalkommandos und der Divisionen für das Gefecht 
entwickelt und den Angriff, die einzelnen Entschlüsse, Mafsnahmen 
und deren Wirkungen erörtert, hat eine wesentliche Umarbeitung er- 
fahren. Das vierte (Schlüte-) Heft des ersten Teils behandelt die Be- 
endigung des Gefechts und dio Anordnungen nach demselben. Das 
mustergültige Werk, welches die Truppenführung und -Verwendung 
nach dem Stande der jetzigen Anschauungen zeigt und darlegt, wird 
nach wie vor dem Offizier ein Studienmittel sein, das ihm das Ver- 
ständnis für die Truppenführung in anschaulicher Weise erschliefst. 

3. 

Beiträge zur Geschichte der k. u. k. Genie-Waffe. Nach den vom 
k. u. k. Obersten des Genie-Stabes Heinrich Blasek hinter- 
lassenen Manuskripten und Vorarbeiten im Auftrage des k. u. k. 
Reichs-Kriegs-Ministeriums zusammengestellt und bearbeitet durch 
Franz Rieger. k. u. k. Oberst, I. Teil. 2 Bände mit 13 Plänen. 
Wien 1898. Redaktion der „Mitteilungen" im k. u. k. technischen 
Militär-Komite. In Kommission L. W. Seidel und Sohn. 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



243 



Wenn je eine Truppen-Geschichte als ein Beitrag zur Kultur- 
geschichte betrachtet werden kann, und deshalb allgemeineres Interesse 
verdient, so gewifs diese Beiträge zur Geschichte der k. u. k. Genie- 
waffe, welche Oberst Rieger die verdienstvolle Aufgabe übernahm, aus 
den Aufzeichnungen des Oberst Blasek zusammenzustellen. 

Was uns der Bearbeiter im Vorwort sagt, dafs letzterer während 
der Arbeit zweimal den Plan änderte, das ist auch aus dem vor- 
liegenden Buche klar ersichtlich. Anfangs offenbar gewillt, eine voll- 
ständige Geschichte der Genie-Waffe von der Errichtung technischer 
Korps bis zum Jahre 1851 zu schreiben, sah er sich angesichts der 
unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche dor Vervollständigung und 
gleichmäfsigen Darstellung aller Perioden sich entgegenstellten und 
angesichts des mächtig anwachsenden Stoffes veranlafst. seine Aufgabe 
wesentlich einzuschränken. Was an fertigen Arbeiten vorliegt, ist in- 
folgedessen sehr verschieden bezüglich des Umfanges und der Aus- 
führlichkeit der Darstellung. Der ganze erste Abschnitt, welcher die 
Organisation des Ingenieur-, Sappeur- und Mineur-Korps von ihrer Er- 
richtung in den Jahren 1747 bezw. 1760 und 1716 bis zu ihrer Ver- 
einigung im Jahre 1851 umfafst, bildet auch den ersten Band der von 
Blasek beabsichtigten Geschichte. Er ist vollständig und kann mit 
seinen teilweise hochinteressanten 63 Beilagen als kaum mehr ergän- 
zungsfähig betrachtet werden. 

Anders ist es mit dem zweiten Abschnitt: „Thätigkeit und Ver- 
wendung der Korps im Frieden und im Kriege." Er zerfallt in zwei 
wesentlich verschiedene Teile. Der erste behandelt das Ingenieur- 
Korps im siebenjährigen Krieg, im bayerischen Erbfolgekrieg und im 
Türkenkrieg, sowie das Mineur-Korps von 1716 bis 1848 auf zusammen 
96 Seiten: der zweite hingegen die drei Korps in den Jahren 1848 bis 
1851 auf nicht weniger als 530 Seiten. Hieraus ist ersichtlich, dafs 
die Zeit vor 1848 nur skizzenhaft behandelt wurde und aufser der 
Geschichte des Sappeur-Korps auch ganz wesentliche Abschnitte der 
Geschichte des Ingenieur-Korps vermissen läfst. Der Bearbeiter hat 
hier die unvollständigen Skizzen des Verfassers, welche er später aus 
den oben angedeuteten Gründen liegen liefs, mit aufgenommen, um sie, 
die immerhin recht wertvoll sind, der Nachwelt nicht verloren gehen 
zu lassen. Hier wird aber einzusetzen sein, wenn die „Beiträge" zur 
„Geschichte" vervollständigt werden sollen, um diese wesentlichen 
Lücken — und sei es in demselben skizzenhaften Charakter — aus- 
zufüllen. 

Den wertvollsten und interessantesten Teil des Werkes bildet der 
letzte — umfangreichste — Teil, die Geschichte des technischen Korps 
von 1848 bis 1851. So bedeutsam diese Jahre für Österreich-Ungarn, 
so reich an schwierigsten Aufgaben und lehrreich waren sie auch für 
die technische Warle. Es lagen für diese Zeit in viel grösserem Um- 
fange, als für die früheren Perioden zuverlässige Nachrichten vor, 
und der Verfasser hat es verstanden, sie zu einem aufserordentlich 

Jahrbficher für die deutsch« Armee und Marine. Bd. 112. 3 16 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



fesselnden Bilde zu benutzen. Auf dem Hintergrunde der kriegerischen 
Operationen treten die zahlreichen Pestungsbelagerungen bezw. Ver- 
teidigungen hervor, bei welchen der technischen Waffe vergönnt war, 
reiche Verdienste sich zu erwerben und ihre volle soldatische und 
technische Tüchtigkeit zu beweisen. Besonders dankenswert ist die 
Weitherzigkeit, mit welcher das k. u. k. Reichs-Kriegs-Ministeriura die 
Beifügung einer Anzahl von Festungsplänen gestattete, welche meine« 
Wissens bisher noch nirgend so vollständig veröffentlicht werden 
durften. 

Das Werk des Oberst Rieger ward als „I. Teil der Beiträge" ver- 
öffentlicht. Hieraus darf wohl geschlossen werden, dafs nicht nur die 
Vervollständigung bezüglich der Zeit von 1848, sondern auch die Be- 
arbeitung der Zeit nach 1851 in einem II. Teile beabsichtigt wird, um 
die Geschichte der „Genie-Waffe" von ihrer Entstehung durch Ver- 
schmelzung der einzelnen Korps im Jahre 1851 bis zu ihrer Auflösung 
zur Darstellung zu bringen. Man darf wohl den Wunsch aussprechen, 
dafs es dem verdienstvollen Bearbeiter des I. Teils auch vergönnt sei, 
diese Arbeit auf sich zu nehmen. Sie ist recht bedeutend, aber wenn 
es jemand gelingen soll, sie im Geiste des ersten Teiles zu lösen, so 
möchte niemand dazu so geeignet sein, als Oberst Rieger. 

Nur schwer widerstehe ich der Versuchung, einzelne Abschnitte 
des Werkes eingehender zu besprechen. Es möge mir aber vergönnt 
sein, auf einige Punkte, welche auch für andere Armeen infolge 
gewisser Parallelität interessant sind, hinzuweisen. 

Aus dem ganzen ersten Abschnitt gewinnt man die Vorstellung, 
wie aufserordentlich schwer es der technischen Waffe geworden ist, 
sich ihren Platz in der Armee und Gleichberechtigung mit anderen 
Waffen zu erobern, wie aufserordentlich schwierig ihre Organisation 
sich von Anfang an gestaltete. Es ist mithin nichts neues, sondern 
nur eine Fortsetzung früherer Verhältnisse, wenn wir trotz der 
schwerwiegenden Verdienste und der so oft ihr zu teil gewordenen An- 
erkennung die Waffe immer aufs neue im Ringen sehen müssen, um 
hinreichenden Raum zur Entwickelung und Kräfteentfaltung, wenn für 
ihre zeitgemäfse Organisation immer noch kein hinreichendes Ver- 
ständnis und Interesse vorhanden ist. Es ist dies um so auffallender, 
als der technischen Waffe von Anfang an seitens des Herrscherhauses 
grofses Interesse entgegengebracht wurde. Kein geringerer als Prinz 
Eugen von Savoyen veranlafste die Schaffung der Ingenieur-Akademie 
1717; der eigene Bruder des Kaisers Franz Stephan I., der Herzog 
Karl von Lothringen, trat im Jahre 1747 an die Spitze des neu- 
geschaffenen Ingenieur-Korps und behielt diese Stellung bis zu seinem 
Tode 1780 und vom Jahre 1801 ab verwaltete Erzherzog Johann diese 
Stelle beinahe ein halbes Jahrhundert lang. Mit welcher Sorgfalt die 
hohen Herren ihres Amtes walteten und bei jeder Gelegenheit die 
Interessen der technischen Waffe vertraten, geht aus zahlreichen Be- 
lägen des vorliegenden Werkes hervor. Wenn auch ihnen es nicht 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



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gelang, uns so berechtigt erscheinende Wünsche zur Geltung zu 
bringen, so ist recht deutlich zu erkennen, mit welchen gewaltigen 
Schwierigkeiten die technische Waffe zu kämpfen hatte. Aus den 
Kinderschuhen ist sie nun nachgerade heraus; ihre aufserordentliche 
Wichtigkeit für die Kriegführung kann im Zeitalter der Technik nicht 
mehr verkannt werden. Und doch ist das Verständnis noch nicht 
soweit gediehen, um die alteingewurzelte Abneigung gegen die 
technische Waffe ganz zu überwinden und ihr hinreichenden Bewegungs- 
raum zuzugestehen. 49. 

Feldbefestigung. Drei taktische Aufgaben für deren Anwendung, mit 
Bearbeitung und Besprechung, von A. Krisak, Oberleutnant 
a. 1. s. des k. b. 13. Infanterie-Regiments Kaiser Franz Joseph von 
Österreich und Adjutant der k. b. 10. Infanterie - Brigade. Mit 
Ö Skizzen in Steindruck. Berlin 1899. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 2,25 Mk. 

Der Verfasser beklagt mit Recht die bisher in der Armee noch 
wenig geförderte Fertigkeit in der Disponierung und Befehlsgebung 
auf pioniertechnischem Gebiete im engsten Anschlüsse an die Forde- 
rn ngen der Taktik, welche in einem sichtbaren Widerspruch steht mit 
der allgemach immer mehr hervortretenden Überzeugung von der 
Wichtigkeit der Feldbefestigung für moderne Kriegführung. Es fehlt 
nicht an Gelegenheit, um sie zu üben, aber man benützt sie zu wenig, 
man läfst sie ungenützt entschlüpfen; es ist immer noch ein Rest der 
früher gern zur Schau getragenen Verachtung von Einflufs, welche 
viele der Feldbefestigung als einem den Offensivgeist untergrabenden 
Elemente entgegenbringen. Was man aber als notwendig erkannt hat, 
das soll man auch den Mut haben, gegen alle unberechtigten Vorurteile 
sich zu erringen. 

Der Verfasser will durch seine kleine Schrill das Interesse für die 
Feldbefestigung in weiteren Kreisen beleben und macht den Versuch, 
Geländeverstärkungen im Rahmen grösserer Truppenkörper vom Stand- 
punkte der Truppenführung aus zu disponieren. Die mit Sorgfalt 
ausgewählten 3 Beispiele behandeln die Arrieregardestellung einer 
Brigade, die Disposition einer Division, welche den E>rehpunkt einer 
herumschwenkenden Armee festzuhalten hat und endlich die fortifika- 
torischen Mafsnahmen einer Division, welche den Angriff auf eine 
starke feindliche Stellung vorbereitet. 

Kriegslage. Aufgabestellung und Bearbeitung werden in ebenso 
geschickter Weise als prägnanter Form erledigt und in den Besprech- 
ungen auf alle zu berücksichtigenden und wissenswerten Punkte 
hingewiesen. Es ist inteiessant, wie in diesen durchgearbeiteten Bei- 
spielen die Notwendigkeit einer starken technischen Truppe hervortritt, 
obgleich durchaus keine besonders schwierigen technischen Arbeiten 
zur Ausführung kommen. Es ist aber nicht für die Division, sondern 
Tür jede Brigade eine Pionier-Kompagnie als erforderlich erachtet, und 

16* 



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246 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



in dem dritten Beispiele sogar noch aufser den beiden zur Division 
gehörenden Kompagnien noch ein ganzes Pionier- Bataillon von 3 Kom- 
pagnien herangezogen worden, um auch nur die Schutzstellung der 
Artillerie (hierbei schwere Geschütze) mit den unentbehrlichen Ein- 
deckungen versehen zu können. Werden diese starken technischen 
Kräfte im Ernstfall vorhanden sein? 

Das kleine Buch kann dem Studium der Kameraden jeden Grades 
nur dringend empfohlen werden. 49. 

Rohne, H., Generalleutnant. Das gefechtsmäßige Abteilungsschiersen 
der Infanterie. Welche Wirkung hat es und wie werden die 
Aufgaben dafür gestellt? Dritte, gänzlich umgearbeitete Auflage. 
Mit 7 Abbildungen. Berlin 1899. E. S. Mittler & Sohn. 
Preis 1,50 Mk. 

Der Herr Verfasser hat in vorliegender Schrift höchst wertvolle 
Anhaltspunkte dafür gegeben, wie das gefechtsmäfsige Abteilungs- 
schiefsen abzuhalten und zu beurteilen ist. Wenn auch vorausgesetzt 
werden darf, dafs die hier vertretenen Anschauungen allgemein in 
Fleisch und Blut der Infanterie übergegangen sind, so kann doch 
nicht oft genug auf dieselben hingewiesen worden. Ist doch gerade 
das gefechtsmäfsige Abteilungsschiefsen einer derjenigen Dienstzweige, 
für den Führer wie Truppe garnicht genugsam vorbereitet werden 
können. Das empfindet ein jeder, der solches Schiefsen anzulegen, 
zu leiten und zu beurteilen hat. Wohl jedem drängt sich nach 
solchem Schiefsen der Gedanke auf, wie war dies oder das besser 
kriegsgemäfser zu machen und man bedauert, nicht mehr Zeit und 
Munition zur Verfügung zu haben. Vorbildlich wirkt in Hinsicht auf 
das zu erreichende Ziel die Infanterie-Schiefsschule, welche mehr und 
mehr Verständnis für diese Art des Schiefsens in der Armee zeitigt. 

Ks wird in der kleinen Schrift ein Unterschied zwischen „vorzüg- 
lichen", „mittleren* 4 und „schlechten" Schützen gemacht. Wir möchten 
glauben, dafs es tür den vorliegenden Zweck genügen möchte, nur von 
„mittleren" Schützen zu reden. 

Wenn unter Teil II davon die Rede ist, dafs die Wirkung des 
gefechtsmäfsigen Abteilungsschiefsens unter anderem von der Feuer- 
leitung abhängig ist, so möchten wir unter solcher doch noch etwas mehr 
verstehen als Schätzung der Entfernung und Wahl der Visiere. Wir 
hatten erwartet, gerade unter diesem Abschnitt das zu finden, was 
für die Leitung des Feuers so ungemein mafsgebend ist. Wirkt denn 
nicht gerade auf diese Art des Schiefsens die Thätigkeit des Führers 
so ungemein bestimmend ein? Bei jedem solchen Schiefsen kann 
man das erleben. Darum eben weist die Schiefsvorschrift der Infanterie 
auf deren Exerzier-Reglement, und zwar auf den Teil I — 133 — hin. 
in welchem die Rede davon ist, wie wichtig die Feuerleitung ist. 
Wie oft kann man es erleben, dafs die Übertretung der dort nieder- 
gelegten Bestimmungen über Abgabe des langsamen Feuers auf 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



247 



niedrige Ziele und mittlere Entfernungen, des lebhaften auf nahe Ent- 
fernungen, nur kurze Zeit erscheinende Ziele, des Feuers gegen Artillerie, 
die Schiefsleistungen einer im übrigen vortrefflich geschulten Truppe 
in Frage stellen! L'nd ferner die Vornahme öfteren Zielwechsels, das 
Umstellen der Visiere, mangelhafte Beobachtung der Wirkung, auch 
wo solche möglich — wir meinen, dafs das so wesentliche, zur Feuer- 
leitung gehörende Momente sind, von denen die Wirkung abhängig 
ist, dafs sie füglich mit in den Kreis der Betrachtung zu ziehen sind. 

Dafs dies absichtlich nicht geschehen ist. weil es sich in der vor- 
liegenden Arbeit mehr um theoretische Auseinandersetzungen als um 
die praktische Wirkung des gefechtsmüfsigen Abteilungsschiefsens 
handeln solle, kann nicht angenommen werden. 

Denn trotz mancher, den vortrefflichen Gesamteindruck nicht un- 
wesentlich beeinträchtigender zahlenmäfsiger Beigaben, bleibt die 
Tendenz doch ersichtlich eine mehr praktische als theoretische. 
Wir können es uns nicht versagen, dem hochgestellten Offizier auf- 
richtigen Dank seitens der Infanterie für die erneute Anregung zu 
sagen. Trotzdem bedarf unserer Ansicht nach die vorliegende Schrift, 
soll dieselbe von entscheidendem Einflufs sein, noch immer der 
Kürzung. Vor allem sind wir der Ansicht, dafs die Aschnitte „Berechnung 
des Bedarfs an Patronen 44 und „Beurteilung des Schiefsens" von einer 
gröfseren Anzahl gelesen werden würden, wenn sie der mathematischen 
Beigaben entbehrten. 

Im besonderen kommt bei „Beurteilung des Schiefsens" das 
Moment, wie das Feuer geleitet werde, d. h. die Person des dieses 
Feuer Leitenden in jedem einzelnen Falle in Betracht. 

Auch möchten wir glauben, dafs es zu weit geht, die „Wirksam- 
keit" zahlenmäfsig festzustellen und in die Beurteilung mit hineinzu- 
ziehen. Unter „Wirksamkeit" versteht der Herr Verfasser eine Angabe 
über die Trefferprozentzahl, die zu erwarten gewesen wäre, wenn an 
Stelle der feldmäfsigen Ziele eine geschlossene Scheibe von 1 m Höhe 
gestanden hätte. 

Noch müssen wir anführen, dafs es mit der Feuerdisziplin, wie 
solche der Infanterie anerzogen ist. nicht wohl zu vereinbaren sein 
dürfte, von der annähernden Gleichwertigkeit des Schützenfeuers 
gegenüber dem Schnellfeuer zu reden. Denn wenn es auch erwiesen 
ist. dafs man bei einer Feuergeschwindigkeit von 12 14 Schufs in der 
Minute etwa V 3 der Trefferprozente erhielt, die bei einer Feuer- 
geschwindigkeit von 5—6 Schufs in der Minute erreicht wurden, so 
wird durch solche Darlegungen doch nur zu leicht der weniger er- 
fahrene Offizier verleitet, Folgerungen zu ziehen, die nicht gerecht- 
fertigt sind und die auch der Herr Verfasser ausdrücklich ablehnt. — 
Wir können uns noch nicht zu jenem orkanartigen Hereinbrechen des 
Schnellfeuers bekehren, suchen vielmehr unser Ziel der Ausbildung in 
der Erziehung der Infanterie zu einem ruhigen Schützenfeuer. Hat 
dann die Leitung im Toben der Schlacht aufgehört, so wird jeder 



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248 



Umschau in der Militär-Litteratar. 



Einzelne wissen, was er zu thun hat und eine notwendige Steigerung 
des Feuers wird sich im Ernsttalle mühelos herbeiführen lassen. 

63. 

Taktisches Handbuch von Wirth, Hauptmann. Mit Tabellen, 64 Zeich- 
nungen und 1 Skizze. Zweite verbesserte und stark vermehrte 
Auflage. Berlin 1899. Liebeische Buchhandlung. 
Der Herr Verfasser bezeichnet als Zweck dieses Handbuches, als 
Gedächtnisstütze bei Abfassung von üperationsbefehlen zu dienen, ohne 
doch solche schematisieren zu wollen, und in der ferneren Absicht, 
bei der Befehls-Abfassung den Befehlsgeber keine wichtigen Momente 
vergessen, weniger wichtige nicht übersehen zu lassen. Auch soll 
es als Nachschlagebuch Verwendung finden zu leichter Orientierung 
auf dem Gebiete der formellen und angewandten Taktik; zu diesem 
Zwecke ist dem Buche ein genaues Sachregister beigefügt. Ich habe 
mich von der praktischen Brauchbarkeit dieses Handbuches, das in 
bequemen Taschenformat solide gebunden ist, nach allen Richtungen 
überzeugen können und kann dasselbe namentlich zum Manöver, zum 
Kriegsspiel und Offizieraufgaben, aber auch zum Studium nur dringend 
empfehlen. 4. 

Die russische Armee in Einzelschriften von Freiherr von Tettau, 
Hauptmann. Teil I Taktik und Reglements. Heft 2. Die 
Kavalleriereglements vom Jahre 1396. Von der Einzelausbildung 
bis zur Ausbildung des Regiments. (Mit einem Anhange über 
die Ausbildung der Kasaken.) Mit 40 Abbildungen im Text. 
Heft 3. Die Kavalleriereglements vom Jahre 1896. a) Gefecht 
in gröfseren Kavallerie-Verbänden, b) Gefecht zu Fufs. c) Vor- 
schrift für das Übersetzen über Wasserläufe, d) Anspannen von 
Kavallerie-Pferden an Geschütze, e) Kavallerie-Signal (mit Noten). 
Mit 27 Abbildungen im Text. Berlin 1899. Liebel. Preis jedes 
Heftes 2 Mk., Heft 2 und 3 zusammen 3 Mk. 
Der Verfasser setzt in den vorliegenden Heften seine sehr ver- 
dienstliche Arbeit fort, dem deutschen Offlzierkorps ein eingehendes 
Bild der augenblicklichen Ausbildungs- und taktischen Verhältnisse 
der russischen Armee zu geben. — Was wir früher über Anlagen und 
Ausführung seiner Arbeit gesagt haben, können wir hier nur wider- 
holen. Sie verdient die ungeteilte Anerkennung, die wir zu unserer 
Befriedigung allen Schriften ähnlicher Art des Freiherrn von Tettau 
zollen durften. 

Im Vorworte zum Heft 2 giebt Verfasser, gestützt auf die Aus- 
führungen des „Russischen Invaliden" einen Überblick über die Ent- 
stehung und den Charakter des Reglements vom Jahre 1896. Es 
heifst darin u. a.: „Das Bedürfnis eines neuen Kavallerie-Exerzier- 
ReglemenUs 44 hatte sich längst in der ganzen Armee geltend gemacht. 
In dem letzten Jahrzehnt waren in Bezug auf die Ausbildung der 
Kavallerie eine ganze Reihe neuer Bestimmungen und Vorschriften er- 



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Umsohau in der Müitär-Iitteratur. 



249 



lassen worden, welche jedoch in dem Reglement bisher keinen Eingang 
gefunden hatten. Hierher gehören die Einführung des „Feld-Galopps", 
das Üben des Sammeins nach der Attacke, Ersatz der Kommandos 
durch Zeichen, sowie Nachreiten ohne Kommandos u. s. w. u. s. w." 
Sehr bedeutend erscheint ungeachtet dieser Erweiterung des Reglements 
die Vereinfachung und Verkürzung desselben im Vergleiche mit dem 
bisherigen vom Jahre 1884. Das Reglement umfafst 4 Hefte (I. und II. 
eigentliches Reglement, III. Vorschrift für den Dienstbetrieb bei der 
Kavallerie, IV. die Verordnung über die Raswjestschiks). 

Freiherr von Tettau giebt nun ein klares Bild des eigentlichen 
Reglements, und hebt hierbei an den betreffenden Stellen die etwaigen 
beträchtlichen Abweichungen vom deutschen Reglement hervor. Um 
ein abgerundetes Bild der Ausbildung und Taktik der russischen 
Kavallerie zu geben, fügte er in einem Anhang die Bestimmungen 
über die Ausbildung der Kasaken hinzu. v. Z. 

Ein Reich, Ein Volk, Ein üottl Kleiner Beitrag zur Erzielung treuer 
deutscher Vaterlandsliebe für Heer und Volk. Berlin. Arthur 
Block. Preis 1 Mark. 

Der Verfasser, früher Leutnant in einem Garde-Regiment, hat es 
mit dem Dienstunterricht über die Soldatenpflichten offenbar ernst ge- 
nommen, hat gründlich darüber nachgedacht, wie man zum Soldaten 
sprechen mufs, um auf ihn einzuwirken, und hat mit seiner treuen, 
zielbewufsten Thätigkeit gewifs auch manchen Erfolg erreicht, manchen 
Segen gestiftet. „Es sind Gedankenspäne", heifst es im Vorwort, 
„über Erziehung eines guten, d. h. religiösen und national-deutschen 
Geistes in Truppe und Volk, insonderheit durch den Offizier - Unter- 
richt. — Die äufsere Form, einfachen Unterhaltungston, wählte ich 
auch hier meist absichtlich so, wie ich ihn im Soldatenunterricht für 
richtig hielt, um mich möglichst selbst dem bescheidensten Geist unter 
den Rekruten verständlich zu machen. — Trotzdem wird natürlich 
manches unverstanden bleiben, anderes dem sich, nach dieser oder 
jener Richtung, klüger dünkenden Kopf ein überlegenes Lächeln ab- 
nötigen. Da mufs man sich trösten, dafs ja auch nicht jedes Samen- 
korn vom Boden verstanden, aufgenommen wird und Früchte trägt." 

Diese Sätze aus dem Vorwort sind charakteristisch für Inhalt und 
Form des kleinen Buches, welches den Ausspruch des Prinzen Friedrich 
Karl als „Leitspruch 44 an der Spitze trägt: „Nicht die Gewalt der 
Waffen, sondern der Geist ist es, welcher Siege erkämpft." 

Erfreuend und erfrischend ist die edle Gesinnung, der Idealismus 
und das tüchtige Streben des Verfassers. Möchten auch in der heran- 
wachsenden Jugend unseres Ofßzierkorps, vom Fahnenjunker bis zum 
Oberleutnant, solche Gesinnungen und Bestrebungen nicht aussterben, 
sondern weiter leben und Frucht bringen. Anregungen und Mahnungen 
in dem Sinne, wie der Verfasser sie bringt, sind heute mehr wie je 
notwendig. Denn es ist nicht zu verkennen, dafs man zur Zeit in 



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250 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



breiten Schichten des „gebildeten" Publikums nur noch die soge- 
nannten Realitäten gelten läfst und lächelnd die Achseln zuckt über die 
Schwärmer, die sich für ideale Ziele begeistern. Und diese Zeitströmung 
wirft ihren Schatten auch hier und da aut unser deutsches Offiziertura. 
Darum sei des Verfassers Gabe mit Freude begrüfst, wenn sie 
auch nicht allen Anforderungen gerecht wird, die man an eine derartige 
Abhandlung stellen möchte. 

Verfasser hat vorwiegend den Offizier- Unterricht im Auge: 
im 1. Abschnitt „Allgemeines über Erziehung und Unterricht" wendet 
er sich auch klar und deutlich an die Kameraden, die solchen Unter- 
richt zu erteilen haben. Andere Kapitel sind dagegen als zu den 
Soldaten gesprochen gedacht, noch andere wenden sich teilweise an 
ein gröfseres Publikum. 

Der Abschnitt „Allgemeines über Kriegsartikel" wendet sich an 
die Mannschaften, giebt aber zu wenig, wenn ein wirkliches Ver- 
ständnis erzielt werden soll, zu viel, wenn nur ein Hinweis beab- 
sichtigt war. Verfasser hat überhaupt seinen Stoff nicht klar und 
sachgemäfs gesichtet und geordnet: auch seine Schreibweise ist noch 
nicht völlig abgeklärt und mitunter allzu aphoristisch. 

Trotz dieser Mängel kann und wird das Büchlein für den Offizier, 
der über Pflichten unterrichten, der seine Leute zu braven Soldaten 
und tüchtigen Männern erziehen soll, in hohem Grade nützlich, be- 
lehrend und anregend sein: denn der Verfasser gehört zu der 
echten alterprobten Ritterschaft, die sich um das Banner 
der idealen Begeisterung für Gott, für König und Vater- 
land schart. P. v. S. 

La vie pratique. Sammlung französischer Aufsätze aus dem Bereiche 
des täglichen Leben für Reise und Selbstunterricht. Zusammen- 
gestellt von von Schar fenort, Hauptmann a. D. Berlin 1898. 
A. Bath. Preis 2,80 Mk. 

Der Herr Verfasser hat sich bereits durch mehrere Schriften auf 
dem Gebiete der französischen Sprachkunde vorteilhaftest bekannt ge- 
macht. Dieselben betrafen die militärische Schriftsprache; wir 
nennen das weit verbreitete „Vocabulaire militaire" und seine „Petite 
Encyclopedie militaire 44 . — Mit dem vorliegenden Werk wendet sich 
Verfasser an ein gröfseres Publikum; er will dem Reisenden durch 
dasselbe eine willkommene Ergänzung bieten zu den Reisehandbüchern 
über Frankreich, besonders Paris, und dem Werke des Professors 
\ Hatte: „Land und Leute in Frankreich", das das sprachliche 
Gebiet nur streift. Er hat in Anschlufs an Texte französischer 
Autoren, die neu bearbeitet wurden, ein Hilfsmittel geschaffen für den 
in Frankreich reisenden Deutschen, aber auch zum Selbstunterricht. 
Alle Gebiete des täglichen Lebens finden hier eine erschöpfende und 
zuverlässige sprachliche Behandlung, wie das Inhaltsverzeichnis nach- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



251 



weiset. Die erste Gruppe L' E tat umfafst: Organisation politique, 
l'election, paiiament, impöts, justice, culte, Instruction publique, 
archives, bibliotheques, finances et telegraphes; die zweite Paris: 
voyage, hötels. restaurants, cafes, les moyens de locomotion, la rue, 
administration. publicite et journaux, la vie ä Paris, l'annee parisienne. 
1 >ie dritte le Foyer: La construetion dune maison, l'appartemenU 
toilettes, famille, lettres. le corps humain, maladies. Die vierte 
le Theatre. les beaux arts et la critique. Die fünfte Aver- 
tissements. Sport. Jeder Abschnitt enthält einen alles Nötige ent- 
haltenden Aufsatz, dann ein französisch-deutsches Vocabulaire der 
einschlägigen Bezeichnungen. Der Abschnitt „lettres - ist z. B. ein 
vollständiger Briefsteller, der auch den wenig Geübten in den Stand 
setzen wird, einen französischen Brief ohne Verstofs gegen die üblichen 
Formen aufzusetzen. — Das Werkchen ist bei seinem handlichen 
Format ein wahres „Vademecum" für den Reisenden, dem es manche 
Verlegenheit ersparen und überall von gröfstem Nutzen sein wird. 2. 

Kurze russische Schreib- und Leseschule. Vorstufe für jede Gram- 
matik nebst kleinem Sprachführer für Reisende und Militairs von 
Dr. Ii. Palm. Berlin 1899. Eisenschmidt. Preis 1 Mk. 

Das Lehrmittel ist bestimmt, allen denen zu dienen, welche der 
sprachlichen Vorbereitung für einen Aufenthalt in Rufsland nur wenig 
Zeit und Arbeit widmen können. Zunächst hat es der Verfasser 
seinem Unterricht in dem russischen Elementarkursus an der Kriegs- 
akademie zu Grunde gelegt. Das Material für die Leseübungen wird 
in der Form eines Sprachführers geboten, der das für den Reisenden 
Wichtigste und für den Soldaten im Felde Nötige an Vokabeln und 
Redewendungen erhält. Das kleine aus der Praxis entstandene 
Lehrbuch entspricht seinem Zwecke. 17. 

Art Roe. Mon Regiment Russe. Paris. B. Levy. 1899. 

Ein französischer Offizier, welcher Rufsland besucht, um in der 
als Zeichen der augenblicklich in Mode befindlichen Verbrüderung der 
beiderseitigen Offizierkorps, das seine Nummer tragende russische 
Regiment, welches in Rowno garnisoniert, aufzusuchen, schildert in 
leichter Causerie seine Eindrücke. — Er hat den Vorzug, vom General 
Dragomiroff nach Kijew eingeladen zu werden und in der Umgebung 
desselben die Verhältnisse der russischen Truppen kennen zu lernen. — 
Das Buch gewinnt durch die Mitteilung des Gedankenaustausches mit 
dieser so eigenartigen Persönlichkeit ganz besonderen Reiz. Es giebt aber 
auch eine Reihe lebensvoller Einzelbilder aus dem Leben der russischen 
Offiziere und des russischen Soldaten. 

Die Schilderungen sind in dem leichten Ton gewandter fran- 
zösischer Plauderei gehalten. Sie sprechen den Leser an, der ange- 
nehm unterhalten sein will. 17. 



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252 Umschan in der Militär-Litteratur. 

III. Seewesen. 

Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie. Heft 6. 

Aus den Reiseberichten S. M. Schiffe. — Nachtrag zu Heft 6. E>r. Schott 
(Von der deutschen Tiefsee-Expedition). Hierzu eine Tafel. — Die 
Wiederauffindung der Bauvet-Insel durch die deutsche Tiefsee-Expe- 
ditien an Bord der „Valdivia". (Bericht an den Staatssekretär des 
Reichsmarineamts von W. Sachse, Navigationsoffizier an Bord der 
„Valdivia*.) — Aus den Fragebogen der Deutschen Seewarte betreffend 
Häfen: Bahia Bianca. — Flaschenposten. — Sturmwarnungen für 
Hochseefischerei und Küstenschiffahrt an den Küsten von Ost- und 
Westpreufsen. Ein Vortrag des Korv.-Kapt, z. D. Darmer. gehalten 
in Danzig. 8. 4. 1899. — Mitseglerreisen auf verschiedener Route im 
Nordostmonsun nach Japan, von L. Dinklage. — Notizen: Milchfarbiges 
Wasser. — Helle Sternschnuppe. -- Starke elektricche Entladungen. 

— Die Witterung an der deutschen Küste im Monat April 1899. — 
Preisausschreiben. 

Marine-Rundschau. (Juni 1899.) Heft 6. Titelbild: S. M. Torpedo- 
divisionsboot D 10. — Die Etappenstrafse von England nach Indien 
um das Kap der guten Hoftnung. von Otto Wachs, Major a. D. 
(Forts.). — Besprechung der Aufsätze des Kapitäns A. T. Mahan in 
der. „Times" (Forts.). — Die türkische Marine von ihren Anfängen an, 
v. Kalau vom Hofe-Pascha. Calciumcarbid und Acetylen, von Torpedo- 
Oberingenieur Diegel (mit 7 Skizzen). — Ein Orderbuch von der 
deutschen Flotte, von Geheimem Admiralitätsrat Koch. — Der Orkan 
vom 27. November 1898 im Hafen von Genua (mit 5 Abbildungen). - 
Eine alte Karte der Jahde (mit 1 Kartenskizze). — Das deutsche Alex- 
ander-Hospital in St. Petersburg und die Wasserversorgung daselbst, 
von Dr. R. Rüge, Marinestabsarzt. — Das grofse englische Marine- 
lazarett (Hasler-Hospital) in Portsmouth (Gosport). von Dr. R. Rüge. 

— Die französischen Militärlazarette in Oran, Algier und Tunis, von 
Dr. R. Rüge (mit 1 Skizze). — Lübecks neuer Grofs-Schiffahrtsweg. 
vom Direktor der Navigationsschule Dr. Schulze. — Thätigkeit der 
Marine bei Niederwerfung des Araberaufstandes in Ostafrika 1888/90 
(Forts.). — Das Seesoldaten-Detachement in Peking. — Die Vermessung 
in Kiautschou. — Thätigkeit des Fischereikreuzers S. M. S. „Zieten - 
während des Monats März 1899. 

Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens. Nr. 6. Die 

Fischerei im Adriatischen Meere mit besonderer Berücksichtigung der 
österreichisch-ungarischen Küsten (Forts.). — Das niederländische 
Marinebudget für das Jahr 1899. — Explosion eines Geschützes auf 
dem Schiefsplatzo zu Sandy Hock. — Fremde Kriegsmarinen. 

Army and Navy Gazette. Nr. 2053. Mobilisation und Manöver. 

— Angriff der Torpedobootzerstörer auf Plymouth Sound. — Die 
Friedenskonferenz. — Absegeln des Schulgeschwaders. — Stapellauf 
des „Gromoboi" und „Jenissei". Nr. 2054. Kriegsschiff-Konstruktion. 



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Umscbfta in der Militär-Utteratur. 253 

— Bau zweier geschützter Kreuzer „Klüt" und „Essex". — Gratifi- 
kationen für die Teilnehmer an der Seeschlacht bei Manila. — Hebung 
der bei Santiago untergegangenen „Reina Mercedes". Nr. 2055. Marine- 
Vermessungen. — Die Nationalflagge. — Versuch neuer Geschosse 
gegen Kruppsche Panzerplatten. — Französische Bestrebungen gegen 
England mit dem Bau von Unterseebooten. Nr. 2056. Eine merkantile 
Kriegs-Reserve. — Das rote Kreuz auf See. — Probefahrten des 
„Hermes". — Eine elektrische Kanone „Naumann". — Amerikanische 
Nöthe wegen Panzerung ihrer neuen Schiffe. 

Journal of the Royal United Service Institution. Nr. 256. 

Der japanische Kreuzer II. Klasse „Kasagi". — Betrachtungen über 
den spanisch-amerikanischen Krieg. — Fremde Marinen. 

Army and Navy Journal. Nr. 1865. Versuche mit drahtloser 
Photographie. — Das Engagement auf Samoa. — Das Neueste von 
Manila. — Signaldienst auf den Philippinen. Nr. 1866. Die Kreuztour 
des Wilmington. — Die deutsche und amerikanische Marine — Eng- 
lands Sympathie mit Amerika. — Die Artillerie bei Santiago. — Manilas 
Adieu an Admiral Dewey. — Aguinaldo und die Filippinos. Nr. 1867. 
Ein Kämpfer für Untersee-Boot. — Wie unsere neuen Besitzungen 
zu regieren sind. — Verstärkungen für Manila. — Die Verteidigung 
Kanadas. — Das Neueste von Manila. Nr. 1868. Die Gehälter der 
Seeoffiziere früher und jetzt. — Die gehobene „Reina Mercedes". — 
Das „Colt"-Geschütz in Manila. — Zufuhren zu den Philippinen. — 
Das Neueste von Manila. 

Revue maritime et coloniale. (April 1899.) Geschichte des 
Dienstes der Musketen (Gewehre) in der Marine seit Richelieu bis auf 
unsere Tage. — Projekt eines Reglements, um in Sturmzeiten die 
Überschwemmungen zu verhüten. — Der spanisch-amerikanische Krieg. 

— Journal eines spanischen Offiziers über die Belagerung von Santiago. 

— Die Neutralitätserklärung Englands. — Telegraphie ohne Draht. — 
Elektrische Verbindung mit den Leuchtthürmen und Feuerschiffen, — 
Die strategische Lage Englands im Nord-Atlantic. — Die Verteidigung 
Englands und seine Lage im fernen Osten. — Der englische Panzer 
„Formidable". — Der Umbau des italienischen Panzers „Dandolo". — 
Die neuen amerikanischen Schiffsgeschütze. — Ein neues amerika- 
nisches Frachtschiff. — Die Entwickelung des Seehandels Deutsch- 
lands. — Versuch einer Krupp-Panzerplatte von 152 mm. Die See- 
fischerei in Deutschland. 

Rivista marittima. (Mai 1899.) Geschichtliche Studie über die 
optische Telegraphie in Italien. — Panzerkreuzer. — Hydrographische 
Formel für die italienische Küste. — Graphische Studie über die Aus- 
balancierung der Schiffs-Maschinen. — Instrumente zur graphischen 
Lösung von Aufgaben der neuen astronomischen Navigation. 



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254 



Umschau in der Militär-Litteratur. 



IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher. 

1. Gesichtspunkte für die weitere Entwicklung der Fortifl- 
kation von Paul von Rehm. k. u. k. Major. Mit 7 Figuren im Text© 
und 2 Tafeln. Wien u. Leipzig 1899. W. Braumiiller. Preis 3 Mk. 

2. Nachträge zur geschichtlichen Entwickelung der Handfeuer- 
waffen. Von M. Thierbach, Oberst a. D. Dresden 1899. C. Damm. 

3. Tagebuch eines Feldpaters. Erlebnisse während des deutsch- 
französischen Krieges 1870/71, geschildert von P. Raimund Gronen. 
Mit einem Lebensabrifs und Porträt. München 1899. Lentnersche 
Buchhdlg. 

4. Dauerritte. Kurze Anleitung zu ihrer sachgemäfsen Ausführung. 
Zusammengestellt von C. v. Hey deb reck. Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. 
Preis 90 Pfg, 

5. Der Dienst des Wachtmeisters und Quartiermeisters bei der 
Feldartillerie. Von Werner Anders, Oberleutnant. Berlin 1899. 
E. S. Mittler u. S. Preis 1,25 Mk. 

6. Unteroffizier-Handbuch für die Feldartillerie. Von Zwenger, 
Hauptmann. Erster Teil: Der innere Dienst. Berlin 1899. E. S. 
Mittler u. S. Preis 90 Pfg. 

7. Braumüllers Militärische Taschenbücher. Band 8. Haupt- 
mann Iwanski, Applikatorische Besprechungen über das Dienst- und 
Privatleben der neuernannten Offiziere (Kadetten) der Fufstruppen. 
Wien und Leipzig 1899. \V. Braumüller. Preis 2 Mk. 

8. Nachtrag zur Rangliste der Kaiserlich Deutschen Marine 
für das Jahr 1899. (Abgeschlossen am 25. Mai 1899.) Auf Befehl 
Seiner Majestät des Kaisers und Königs. Berlin. E. S. Mittler u. S. 
Preis 60 Pfg. 

Militärstrafgerichtsordnung für das Deutsche Reich nebst Ein» 
führungsgesetz etc. Textausgabe mit Anmerkungen und Sachregister. 
Von Dr. Paul Herz, Geh. Admiralitätsrat. Berlin 1899. J. Guttentag. 

10. Die Militärstrafgerichtsordnung vom 1. Dezember 1898. Be- 
arbeitet für Unteroffiziere und Mannschaften von Herzbruch, Ober- 
leutnant. Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. Preis 40 Pfg. 

11. La vie pratique. Sammlung französischer Aufsätze aus dem 
Bereich des täglichen Lebens für Reise und Selbstunterricht. Zu- 
sammengestellt von von Scharfenort. Hauptmann. Berlin 1898. 
A. Bath. Preis 2,80 Mk. 

12. La Conference de la Haye. Desarmer c'est dechoir. Par 
Leon Chome, directeur de la Belgique militaire. Bruxelles 1899. G. 
Deprez, editeur. Preis 1 fr. 

13. Antoni no di Giorgio. Le Memorie d'Africa del Generale 
Baratieri e il soldato italiano. Roma 1899, Stabilimento tipografleo 
della „Tribuna". 

14. Reliefkarte Harzburg-Brocken. Bearbeitet nach amtlichem 
Material durch Herzogliche Landesaufnahme. Herausgegeben auf Ver- 



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Umschau in der Militär-Litteratur. 



255 



anlassung des Herzogl. Bade-Kommissariats in Bad Harzburg. Mafs- 
stab 1 : 25000. Bad Harzburg. Woidags Buchhdlg. Preis 1 Mk. Auf 
Leinen gezogen 2 Mk. 

15. Deutsche Flotten-Zeitung Überall. Zeitschritt des Deutschen 
Flotten - Vereins. 1. Jahrgang 1899. 6. Heft. Juni. Berlin, E. S. 
Mittler u. S. Preis jährlich 10 Mk. 

16. Ernste und heitere Bilder aus der Armee des weifsen Zaren. 
Von A. v. Drygalski. 2. Bd. Mit 8 Abbildungen. Leipzig 1899. 
Zuckschwerdt & Co. Preis 4 Mk. 

17. Der Krieg. Von Johann von Bloch. Übersetzung des 
russischen Werkes des Autors: Der zukünftige Krieg in seiner tech- 
nischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung. Band V. 
Berlin 1899. Puttkammer u. Mühlbrocht. Preis 6 Mk. 

18. Das Standgericht der Militärstrafgerichtsordnung. Von 
Karl Endres, k. b. Regimentsauditeur. München 1899. Becksche 
Verlagsbuchhandlung. Preis 1,50 Mk. 

19. Die Unmöglichkeit, den Verwundeten auf dem Schlacht- 
felde Hilfe zu bringen. Nach Angaben des russischen Werkes: Der 
Krieg von Johann von Bloch. Berlin 1899. Puttkammer u. Mühl- 
brecht. Preis 80 Pfg. 

20. Proyeetorcs de Luz electrica por D. Lorenzo de la Tejera 
y Magnin y D. Jose Barranco y catalä, capitanes de ingonieros. 
Cuaderno segundo. Madrid 1899. Imprenta del „Memorial de In- 
genieros u . 

21. Die Grundlagen unserer Wehrkraft von W. von Blume, 
General der Inf. z. D. Berlin 1899. E. S. Mittler u. S. Preio 3 Mk., 
geb. 4 Mk. 

22. Taktik von Balck, Hauptmann. 1. Teil. Erster Halbband: 
Einleitung und Formale Taktik der Infanterie. Zweite vermehrte und 
verbesserte Auflage. Berlin 1899. R. Eisenschmidt. Preis 4.50 Mk. 

23. Uniformenkunde. Lose Blätter zur Geschichte der Entwicke- 
lung der militärischen Tracht. Herausgegeben, gezeichnet und mit 
kurzem Texte versehen von R. Knötel. Band X. Heft 1 u. 2. Rathe- 
now 1899. M. Babenzien. Preis jeden Heftes 1,50 Mk. 



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Druck von A W. Hirn'i Erben. Berlin und Potsdam 



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XIX. 



Strategische Rückblicke auf die Ereignisse im südöstlichen 
Teüe des französischen Kriegsschauplatzes im Dezember 1870 

nnd Januar 1871. 

Von 

Maschke, Oberst z. D. 
(Schlufs.) 

Aal dem südöstlichen Kriegsschauplatze hatte General v. Werder 
vor Beifort durch einen am 18. Januar erlassenen Korpsbefehl die 
Wiederaufnahme der Offensive fUr den 20. angeordnet Am frühen 
Morgen des 19. ging demselben auch aus dem grolsen Hauptquartier 
die Weisung zu, die Belagerung von Bellort nunmehr wieder mit 
Energie aufzunehmen, dem im Rückzüge begriffenen Feinde aber mit 
dem 14. Armeekorps zu folgen. Aufserdem erhielt General v. Werder 
auch ein Telegramm des Generals v. Manteuffel, datiert aas 
Prautboy vom 18. abends, worin dieser mitteilte, dafs er am 20. 
bei Gray einzutreffen hoffte, um gegen die Flanke des Feindes vor- 
zurücken, oder sich ihm vorzulegen; das 14. Korps wurde zur Wieder- 
aufnahme der Offensive aufgefordert Im weiteren Verlaufe des 
Tages traf eine zweite Depesche vom Oberkommando der Südarmee 
ein, welche die Weisung enthielt, den abziehenden Feind möglichst 
festzuhalten, damit die nötige Zeit für die Flankenbewegung ge- 
wonnen würde; auch sollte das General-Kommando baldmöglichst 
Nachricht geben, auf welcher Seite des Doubs nach seiner Auffassung 
die feindlichen Hauptkräfte zurückgingen. 

General v. Werder leitete am 19. die Verfolgung der fran- 
zösischen Armee zunächst durch das Vorschieben von Avantgarden 
in der Richtung auf Arcey, Champey und Lyoffans ein. Die schon 
an diesem Tage von den Vortruppen des 14. Korps gemachten 
Wahrnehmungen deuteten auf eine tiefe innere Zerrüttung des feind- 
lichen Heeres. Zahlreiche Gefangene fielen in die Hände der deutschen 

Jahrbücher für die deutsche Armee und Mario«. Bd. 113. S. 17 



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258 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

Truppen and gewährten, schlecht gekleidet und genährt, ein trauriges 
Bild von den Zuständen auf französischer Seite. Der Weg, den der 
Rückzug genommen, war durch Massen weggeworfener Ausrüstungs- 
gegenstände und stehen gebliebene Fahrzeuge bezeichnet; die Dörfer 
zeigten sich überfüllt von zurückgelassenen Verwundeten und Kranken. 

Für den 20. war also die allgemeine Offensive des 14. Korps 
beabsichtigt und sollte in einer Linksschwenkung ausgeführt werden. 
Von der badischen Division sollte am 21. das Gros bis Villersexel, 
die Avantgarde bis Espreis gelangt sein. Das Detachement v. d. Goltz 
hatte am 20. Secenans und St Ferjeux, die 4. Reservedivision mit 
der Avantgarde Onans zu erreichen. 

General v. Man teuffei hatte seinen Marsch vorläufig noch in 
der ursprünglich beabsichtigten Richtung fortgesetzt, so dals seine 
beiden Korps am 19. Januar bis zur Saöne gelangt waren. Jetzt 
aber, wo sowohl die vom General v. Werder, wie auch die aus 
Versailles eingegangenen Nachrichten die Gefahr für Beifort und 
das 14. Armeekorps als geschwunden erscheinen liefsen, reifte bei 
dem Führer der Südarmee der bisher schon erwogene Gedanke zur 
That, seine Operationen nunmehr direkt gegen die rückwärtigen 
Verbindungen voa Bonrbakis Armee zu richten. Sein nächstes Ziel 
war, mit dem 2. und 7. Korps den Donos unterhalb Besancon zu 
erreichen und sich der dortigen Flulsttbergänge zu bemächtigen. 
Von hier aus wollte General v. Manteuffel je nach Umständen anf 
beiden Flui'sufern dem Feinde entgegentreten, welcher ihm durch 
das Korps v. Werder von Osten her zugedrängt wurde. Um sieb 
dabei den Rücken gegen Dijon zu decken, besohlofs der Führer der 
Sttdnrmee, das Korps Garibaldi dort durch die von Montbard heran- 
gezogene Brigade Kettler angreifen und festhalten zu lassen. Er- 
reichte General v. Manteuffel das linke Doubsufer unterhalb 
Besancon vor der Armee Bonrbakis, so war der letzteren damit 
die direkte Stralse nach dem Sttden abgeschnitten. Vermochte sie 
sich hier den Durchgang nicht zu erkämpfen, so mnfste sie entweder 
in Besancon sich einschliefeen lassen, bezw. unter dessen Mauern 
eine letzte Entscheidungsschlacht annehmen, oder sie konnte ver- 
suchen, auf dem Umwege über Pontariier durch das Juragebirge 
die Stralse nach Lyon zu gewinnen, in diesem Falle bedurfte es dann 
aber nur einer Recbtssehiebong der deutschen Südarmee, um dem 
Gegner die Debouches dieser Gebirgsstrafsen zu verlegen. Wurde 
es dann den Franzosen auch zw Unmöglichkeit, den Ausgang aus 
dem Jura zu erkämpfen, so mnfste eine Katastrophe nnauaWeiblieb 
erscheinen. General v. Manteuffel war sich andererseit wohl auch 
klar darüber, dafs dieser Operationsplan nicht ohne Bedenklichketten 



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Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 259 

für ihn war. Je weiter er gegen Süden vordrang, desto loser 
mnisten seine Verbindungen mit dem Norden werden und desto eher 
einer Gefährdung ausgesetzt sein. Im Vertrauen auf die Leistungs- 
fähigkeit seiner Truppen zögerte aber der General nicht, sich für 
diesen Operationsplan zu entscheiden, der so bedeutende Erfolge in 
Aussicht stellte. Am 20. traten das 2. und 7. Armeekorps bereits 
den Marsch auf Döle und Dampierre an. 

Die französische Armee ging unterdessen in dem bergigen 
Lande zwischen Doubs und Ognon auf Besancon zurück. Das 
15. Korps nahm seine Richtung auf Isle s. Doubs; die 1. und 
2. Division marschierten dann nach Besancon weiter. Die 3. Division 
als Nachhut nahm am 21. bei Baume les Dames Stellung. Das 
24. Korps wurde Uber Faimbe nach Clerval dirigiert; seine 3. Division 
wurde auf dem linken Doubsufer zur Sicherung der auf Pont de 
Roide fuhrenden Stralse am 20. über Anteuil nach Glainans vor- 
geschoben. Das 20. Korps, welches die grofse Strafse von Arcey 
verfolgte, erreichte Arans und Arvelise. Die Marschrichtung des 
18. Korps ging Uber Crevans, Secenans und Villechevreux. Die 
Division Cremer, welche die Nachhut des 18. Korps bildete, ver- 
folgte die Richtung des Ognon und gelangte am 20. nach Rougemont 
Das Korps Werder vollzog also am 20. und 21. die projektierte 
Linksschwenkung. Die 4. Reservedivision gelangte am 21. bis 
Etrappe, Marvelise und Courchaton; das Detachemeut v. d. Goltz 
erreichte nach leichtem Gefecht bei St. Fergeux die Orte Melecey 
und Abbenans. Die badische Division traf mit der Avantgarde in 
Cubrial und Cubry ein, während das Gros sich zwischen Villesexel 
und Ath6säns echelonnierte. Am 22. hielt das Korps Werder Ruhe- 
tag. Die ausgesandten Rekognoszierungsabteilungen fanden im 
Doubsthale Isle vom Feinde geräumt, dagegen zeigten sich Clerval 
und Baume les Dames besetzt. Auch westlich von Villersexel wurde 
der Gegner gefühlt; bei Montbozon sollte ein französisches Korps 
stehen. Nachdem die französische Armee bereits am 17. ihren Rttck- 
zng eingeleitet hatte, Stiels das Korps Werder, da es erst am 20. 
mit seinen Hauptkräften von der Lisaine aufbrach und nur in kleinen 
Märschen zur Verfolgung überging, in dem Gebiete zwischen Doubs 
und Saone nur auf wenig belangreiche Kräfte des Gegners. Der 
letztere hatte einen nicht unbeträchtlichen Vorsprung gewonnen, der 
noch durch den am 22. abgehaltenen Ruhetag des 14. Armeekorps 
vergröfeert werden raulste. Dieses hatte also seine Aufgabe, durch 
eine energische Verfolgung den Feind nach Möglichkeit festzuhalten, 
eigentlich nicht erfüllt. Unter diesen Umständen ist es auch allein 
nur erklärlich, dals General v. Werder zu dem Fehlschlüsse ge- 

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260 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplate etc. 

langte, nur der kleinere Teil der feindlichen Armee mttlste seinen 
Marsch nach Besan^ou nördlich vom Donbs genommen haben, die 
Hauptmasse aber auf das linke Flufsufer übergegangen sein, um 
dort den Rückzug zu bewerkstelligen. Von diesen Gesichtspunkten 
geleitet, hatte der General bereits den Entschlufs gefalst, dem Feinde 
auf das linke Doubsufer zu folgen, als ihm am 22. abends die Be- 
fehle des Generals v. Manteuffel vom 19. bis 21. zugingen. Diese 
enthielten die Weisung, dem feindlichen Gros in der von demselben 
eingeschlagenen Richtung zn folgen, durch seinen rechten Flügel 
aber die Verbindung mit der Südarraee aufzusuchen. Auch sollte 
Oberst v. Willisen mit seiner Kavallerie sobald als möglich über 
Pesmes zur Südarmee in Marsch gesetzt werden. General v. Werder 
traf derageraäfs seine Anordnungen dahin, dals die 4. Reservedivision 
und das Detachement v. d. Goltz nach der Besitznahme von Baume 
les Dames dem Feinde auf dem linken Doubsufer folgen sollten, 
während die badische Division unter Festhaltung der Strafse nach 
Besamjon die Verbindung mit der Südarmee aufzunehmen hatte. 

Die Armee Manteuffels hatte inzwischen ihren Vormarsch gegen 
Süden fortgesetzt. Das 7. Korps war am 21. bis in die Gegend 
von Marnay und Audeux gelangt, nachdem seine Vortruppen die 
vom Feinde besetzten Ognonübergänge genommen hatten; die Avant- 
garde wurde bis Dampierre vorgeschoben. Das 2. Armeekorps hatte 
Pesmes und mit seiner Avantgarde Döle erreicht. Mit dem Verluste 
von diesem Punkte war für die Franzosen zugleich der direkte 
Schienenweg zwischen Dijon und Besamjon unterbrochen. Das 
Detachement v. Kettler schritt am 21. zum Angriff von Dijon. 

Am 22. Januar drang eine Abteilung der Avantgarde der 
13. Division von Dampierre bis Quingey an der Strafse von 
Besancon nach Lons-le-Saulmier vor. Die deutschen Vortruppen 
hatten somit die direkte Strafse Besangon-Lyon vor der Spitze der 
feindlichen Armee erreicht. 

Die Armee Bourbakis traf währenddem in Besangon und Um- 
gegend ein. Das 24. Korps war zur Deckung des Rückzuges in 
und bei Clerval verblieben; die 3. Division des 15. Korps hielt 
Baume-les-Dames besetzt. 

General Bourbaki war auf die Gefahr, welche seiner Rück- 
zugslinie durch den bis Dole vorgedrungenen Gegner drohte, von 
Bordeaux aus hingewiesen worden. Zugleich wurde ihm der Vor- 
schlag gemacht, die dortigen Streitkräfte anzugreifen, und zurück- 
zuwerfen, oder aber den Rückzug wenigstens bis Mouchard, an der 
Strafse nach Poligny und Lons-le-Saulnier fortzusetzen. Bourbaki 
pflichtete diesem Vorschlage bei, wenigstens berichtete er am 22. 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 261 



nach Bordeaux, dafs er den Feind, falls derselbe nicht in gröfserer 
Stärke bei Dole stände, mit dem Gros der Armee dort angreifen 
würde, andernfalls aber unter dem Schutze einer Arrieregarden- 
stellung vor Besan^on sich auf das linke Doubsufer ziehen, womit 
er also die Fortsetzung seines Rückzuges auf der Strafse nach 
Lons-le-Saulnier bewirken zu können hoffte. Wie wir gesehen 
haben, hatte an demselben Tage die Avantgarde der preulsischen 
13. Division bereits Quingey an der bezeichneten Strafse besetzen 
lassen. Dafs aber Bourbaki den Rückzug am 22. überhaupt nicht 
fortsetzte, sondern sein Gros bei Besan^on rasten liefs, dürfte aus 
Rücksicht auf die grofse innere Zerrüttung seiner Streitkräfte not- 
wendig gewesen sein. 

Das Korps Werder setzte am 23. seine Operationen fort. Am 
frühen Morgen hatte der General einen neuen telegraphischen Befehl 
vom Oberkommando der Südarmee erhalten, der die schon mehrfach 
erteilte Weisung wiederholte, die Offensive mit aller Energie auf- 
zunehmen, um dieselbe mit den Bewegungen der Armee Manteuflels 
in Übereinstimmung zu bringen. Die 4. Reserve-Division rückte an 
diesem Tage bis Soye und schob Detachements nach Clerval sowie 
nach Isle s. Doubs vor. Die in Glainans und Lautenant stehende 
3. Division des 24. französischen Korps trat in der Nacht den 
Rückzug auf ßesangon an. Dagegen blieb die 1. Division dieses 
Korps vorläufig bei Passavant stehen, mit Vorposten gegen Baume- 
les-Dames. 

Um den Übergang der 4. Reserve-Division über den Doubs zu 
unterstützen, hatte das Belagerungskorps Beifort den Auftrag er- 
halten, am 23. einen Offensivstols gegen Blaraont und Pont de Roide 
zu richten. Die infolgedessen von dem Detachement Debschütz in 
dieser Richtung entsandten Abteilungen waren unter zum Teil recht 
blutigen Gelechten bis Mandeure, Haut-du-Bois, Roches und Glay 
gelangt. 

Das auf Baume-les-Dame6 marschierende Detachement v. d. Goltz 
hatte Mesandans und Umgegend erreicht. Eine vorgeschobene 
Rekognoszierungs- Abteilung stiels bei Autechaux auf den Feind, griff 
ihu an und nahm den Ort ein. Die in Baume-les-Dames befindliche 
Division des 15. französischen Korps räumte noch am Abend diese 
Stadt und rückte nach Besancon ab. Die badische Division hatte 
ain 23. ihren Marsch auf beiden Ufern des Ognon fortgesetzt. Ihre 
t. Brigade rückte auf Montbozon, welches der Feind ohne Wider- 
stand verliefe; auf dem linken Flulsufer erreichte die 2. Brigade 
A«villey, die 3. Rougemont. 

Bei der Armee Manteuffel. konzentrierte sich am 23. das Gros 



262 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

des 2. Korps um Dole. Zur Sicherung der Verbindung mit Gray 
wurde die frühere Brigade Dannenberg unter Oberst v. d. Knesebeck 
zwischen genanntem Orte und Pesmes zurückgelassen. Vesoul war 
von Etappentruppen besetzt worden, so dals man nunmehr die Uber 
Epinal zu leitenden Verbindungen aufnehmen konnte. Die Avant- 
garde des 2. Korps ging bis Vaudrey an der Strafse nach Arbois 
vor. Vom 7. Armeekorps überschritt die 13. Division den Donos 
und marschierte bis nach Byans und Abbans. Die Avantgarde dieser 
Division rückte bis Quingey vor und vertrieb hier den Feind, 
welcher den Ort inzwischen wieder besetzt hatte. Die Divisioo 
stand somit an der für den Rückzug des Gegners so wichtigen 
Strafse Besancon-Lion. Die 14. Division ging gleichzeitig bis zur 
Linie St. Vit-Dampierre am rechten Doubsufer vor. Ihre Vorposten 
nahmen bei Dannemarie-Boutelle Stellung. 

An demselben Tage, dem 23. Januar, hatte Bourbaki einen 
Offensivstols gegen Dannemarie beschlossen, um das Vordringen der 
Deutschen aufzuhalten. Die Division Bounet vom 18. Korps and 
die Division Cremer griffen nachmittags die Vortruppen der 
4. preufsischen Division an. Der Kampf beschränkte sich aber 
lediglich auf eine Kanonade, die mit der Dunkelheit und mit dem 
Rückzüge der Franzosen endete. 

Beim 14. Armeekorps hatte General v. Werder für den 
24. Januar die 4. Reserve-Division und das Detachement v. d. Goltz 
zum Angriff auf Baume-les-Dames disponiert. Dieser Ort war jedoch 
schon am 23. abends von den Franzosen geräumt worden, wurde 
demnach von den Deutschen ohne weiteres besetzt. Ebenso wie 
hier der Gegner vor den Truppen des 14. Korps einfach ver- 
schwunden war, nahmen auch die bei Isle über den Doubs vor- 
geschobenen preufsischen Patrouillen nichts mehr vom Feinde wahr. 
Hatte also das Generalkommando des 14. Korps bis jetzt geglaubt, 
mit Bestimmtheit annehmen zu können, dafs die feindliche Haupt- 
macht auf das linke Doubsufer sieb repliiert habe und hier iiireu 
Rückzug auf Besanc^on bewerkstellige, so mufste freilich das ein- 
getretene völlige Verschwinden des Gegners südlich der Linie Iste- 
Baume eine grofse Enttäuschung mit sich bringen. Nachdem im 
19. Januar die Verfolgung des Feindes eingeleitet worden, sah man 
sich am 24. vormittags, also am sechsten Tage nach Wiederaufnahme 
der Offensive, in der üblen Lage, sich sagen zu müssen, dals über- 
haupt noch nicht festgestellt worden, ob die französische Haupt- 
macht nördlich oder südlich vom Doubs ihren Rückzug genommer. 
Man hatte die Fühlung mit der feindlichen Armee verloren. Mao 
wufste nicht, ob man, der früheren Absicht gemäfs, mit dem Grf* 





Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 263 

oder wenigstens mit der 4. Reservedivision and dem Detacheraent 
f, d. Goltz den Doubs überschreiten, oder ob man mit seiner Haupt- 
macht nördlich des Flusses den Vormarsch fortsetzen sollte. 

Anstatt der ursprünglich südwärts beabsichtigten Bewegung 
wurde eine Avantgarde der 4. Reservedivision am rechten Doubs- 
ofer gegen Ronlans-le-Grand, vom Detachement v. d. Goltz eine 
solche auf Villers-Grelot vorgeschoben. Von der badischen Division 
dirigierte man aber die Avantgarde der 1. Brigade auf Rioz und 
Voray, die der 2. nach Scay-le-Tour. Es wurde jetzt also westwärts 
mit dem Feinde Fühlung zu gewinnen gesucht, nachdem man sie in 
südlicher Richtung verloren hatte. 

Noch am Vormittage des 24. Januar schrieb General v. Werder 
an den Oberkommandierenden der Ostarmee: r Entspricht es Euer 
Excellenz Intention, wenn ich dem Feinde, sofern er sich in Massen 
südlich des Doubs auf Besangon oder Pontarlier abgezogen haben 
sollte, worüber ich noch nicht aufgeklärt bin, mit bedeutenden 
Kränen ungeachtet der schwierigen Situation folge, oder soll ich 
das Korps im wesentlichen zwischen Doubs und Ognon, resp. nörd- 
lich des letzteren an Euer Excellenz Armee heranziehen? In diesem 
letzteren Falle würde ich die Division Schmeling auf das linke 
Doobmfer hintiberschieben." 

General v. Manteuffel hatte schon wiederholt erklärt, dafs er 
bestimmte Befehle dem 14. Korps nicht erteilen könnte, indem er 
wegen der Entfernung von demselben die Situation dort nicht zu 
Uberselen vermöchte, und hatte sieh demzufolge auch stets auf all- 
gemeint Direktiven beschränkt. Die obige Anfrage mufste daher 
wohl als eine nicht ganz opportune erscheinen, einerseits, weil der 
Führer 1er Südarmee Uber die Lage der Dinge oberhalb Besangon 
sich noci kein festes Urteil bilden konnte, andererseits aber auch, 
weil durch die Korrespondenz notwendig ein Zeitverlust entstehen 
mufste. 

Am 24. nachmittags ging aber ein Schreiben des Generals 
v. Manteuffel vom 22. Januar aus Pesmes ein, das allerdings wohl 
geeignet trschien, die Situation auch in einer anderen Beleuchtung 
zu zeigen. Dasselbe erörterte die früher vom Generalkommando ge- 
meldete Aiwesenheit eines feindlichen Korps bei Montbozon, sprach 
sich dahin »us, dafs dieses wohl nur den Abzug der Hauptkräfte 
über den Loubs decken sollte, und verlangte dessen direkte Ver- 
folgung, danit es verhindert würde, gegen die Verbindungen der 
Südarmee b«i Gray zu operieren. Bei Montbozon stand nun zwar 
kein französiches Korps mehr, da dieser Ort bereits am 23. von 
der 1. badiscien Brigade besetzt worden war, indessen glaubte man 



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264 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

im Hauptquartier des 14. Korps doch den Fall in Erwägung ziehen 
zu müssen, dafs das bei Besancon zu vermutende feindliche Heer 
über Gray oder Pesmes vordringen könnte, um seine Vereinigung 
mit Garibaldi bei Dijon anzustreben. 

General v. Werder fafste demnach den Entschlufs, mit dem 
Gros seines Korps nördlich vom Ognon Uber Rioz gegen Pesmes 
zu marschieren, nicht nur um der Sudarmee sich zu nähern, sondern 
auch, um einer etwa auf Gray erfolgenden Offensive des Feindes 
entgegenzutreten; mit den Operationen am südlichen Doubsufer soJte 
die 4. Reservedivision beauftragt bleiben. Dieselbe hatte genannten 
Flufs zu Uberschreiten und bis zur Stralse St. Hypolite-Besan^on 
vorzugehen, während von dem rechts abmarschierenden Gros die in 
Kavallerie bestehende Spitze am 25. Gy erreichen, die Ubrjgen 
Streitkräfte aber zwischen Etuy, Bonnevent, Rioz und Voray ein- 
treffen sollten. Zur Verbindung mit der 4. Reservedivision wurde 
ein Detacbement in Larians zurückgelassen. General v. Werder 
hatte somit einer direkten Verfolgung des Feindes in der Ricktung 
auf Besancon entsagt. Es wäre allerdings ein in dieser Direktion 
zu übender Druck wohl sehr zweckmäfsig und erwünscht gewesen, 
um der feindlichen Armee Schwierigkeiten zu bereiten und sie fest- 
zuhalten, während südwestlich Besancon die Bewegungen des S. und 
7. Korps sich vollzogen und schlielslich ein strategischer konzentrischer 
Augriff auf den bei diesem Platze eingeengten Gegner vorbereitet 
wurde. 

Mau könnte wohl behaupten, die vom Hauptquartfer des 
14. Korps erwogene Eventualität, dals der Feind von Besancm über 
Gray gegen Dijon vorzudringen versuchte, würde bei einem lirekten 
Vormarsche des Korps Werder auf Besancon wesentlich ai Wahr- 
scheinlichkeit verloren haben, denn mit dem Erscheinen des letzteren 
vor diesem Platze hätte sich ein solches Unternehmen des dadurch 
in der rechten Flanke bedrohten Gegners sehr schwierig gestalten 
müssen, besonders wenn dann zugleich aus südlicher Richtung die 
Armee Manteuffels in des Feindes linke Flanke sich dirigierte. 
Jedenfalls ist aber durch den Rechtsabmarsch des 14. £orps der 
damals noch vom General v. Man teuffei in Aussicht jenommene 
Plan, in der Gegend von Besancon einen entscheidender Schlag za 
führen, in der Hoffnung, die vom Korps Weider energism verfolgte 
französische Armee durch eine gleichzeitig aus südlicfcr Richtung 
erfolgende Umzingelung zu isolieren, empfindlich durchkßuzt worden. 

Bei der Armee Manteuffels verblieb am 24. das 7. Corps in der 
Tags zuvor besetzten Gegend und rekognoszierte ge^n Besancon, 
sowie in östlicher und südlicher Richtung in die B#ge des Jara. 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 265 

Die in letzterer Richtung vorgegangenen Detachements stielsen bei 
Chatillon s. Loue und bei Myon auf stärkere feindliche Truppen. 
Eine südwärts vorgedrungene Abteilung der 13. Division bemächtigte 
sich des Ortes Lesnay s. Loue. Vom 2. Korps rückte an diesem 
Tage die Avantgarde nach Mouchard, dem Knotenpunkte der Eisen- 
bahnen und Strafsen von Besan^on und Pontarlier nach Dijon und 
Lyon. Das Gros des Armeekorps ging bis Vaudrey vor. Das 
Detachement Kettler blieb gegen Dijon stehen, um das Korps 
Garibaldi dort festzuhalten. Oberst v. Willisen, der mit seiner 
Kavallerie-Brigade Chauraercenne bei Pesmes erreicht hatte, erhielt 
jetzt auch die Infanterie-Brigade v. d. Knesebeck zur Verfügung 
und hatte mit dem unterstellten Detachement die Sicherung der 
£tappenlinie Döle-Grey, wie auch die Verbindung mit dem Korps 
Werder zu bewirken, später zugleich die Kommunikation der Gari- 
baldianer mit Auxome und Chälons zu unterbrechen. 

Die Armee Manteuffel beherrschte nunmehr die direkte Stralse 
von Besan^on über Lons-le-Saunier nach Lyon. Dem Gegner stand 
in dieser Richtung nur noch der Umweg Uber Pontarlier und Cham- 
pagnole offen. Die Aufstellung der Südarmee war völlig geeignet, 
um je nach Weiterentwickelung der Verhältnisse in dieser oder jener 
Richtung rechtzeitig eingreifen zu können. Das Oberkommando gab 
noch am 24. Januar für die weiteren Operationen den Korps- 
kommandanten Direktiven aus, die zum wesentlichen Teile noch auf 
der Voraussetzung basierten, dafs das 14. Korps, den früher ge- 
meldeten Intentionen seines Führers gemäls, zu beiden Seiten des 
Doubs im Vorrücken auf Besancon begriffen wäre. Die Meldung 
von dem Rechtsabmarsche des Korps Werder ging nämlich erst am 
25. nachmittags ein. 

Es waren in den betreffenden Direktiven folgende Fälle in Er- 
wägung gezogen. Wenn der Feind, dem die Strafse über Villers 
Farley verlegt worden, versuchte auf den zwischen diesem Orte und 
Pontarlier führenden Wegen nach Süden durchzukommen, dann 
ständen das 2. und 7. Korps bereit, mit Avantgarden gegen seine 
Flanke vorzustofsen, resp. sich ihm vorzulegen. Wollte der Gegner 
aber Uber Quingey und Dampierre durchbrechen, dann wäre auf 
jedem Doubsufer eine Division des 7. Korps zur ersten Abwehr 
bereit, während das 2. Korps rückwärts auf beiden Ufern einzu- 
greifen hätte. In beiden Fällen würde das 14. Korps von Norden 
her kräftig auf die feindlichen Arrieregarden drängen. 

Versuchten die Franzosen vielleicht auf den Strafsen Uber 
Marnay, Pin und Etuz ein Debouchieren auf Gray, um sich mit 
Garibaldi bei Dijon die Hand zu reichen, dann würden zunächst die 



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266 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

14. Division und die Brigade Knesebeck gegen die linke, die 
badische Division gegen die rechte Flanke der feindlichen Marsch- 
kolonnen vorstofsen, um diese festzuhalten, während die entfernteren 
Truppen rechts und links vorzugreifen suchten. Sollte dagegen der 
Feind wieder gegen das 14. Korps Front machen, so rückten das 

2. und 7. Korps von Süden vor. 

Beim Zurückgehen der Franzosen auf die Schweizer Grenze 
sollten sogleich alle drei Korps dieser Bewegung mit Avantgarden 
folgen, um den Feind zur Schlacht oder zum Grenzü bertritt zu 
zwingen. Erwartete endlich der Feind bei Besamjon den Angriff 
der Deutschen, so erschiene die Subsistenz der Südarmee länger ge- 
sichert, als die der Franzosen unter den obwaltenden Umständen. 
Man würde also nicht in die Lage kommen, einen Angriff gegen 
feindliche Positionen unternehmen zu müssen, die sich unter dem 
Schutze des Festungsgeschützes befänden, sondern den Angriff des 
Gegners abwarten können. 

Die Situation Bourbakis hatte sich am 24. Januar infolge 
der Fortschritte von Manteuffels Armee schon Uberaus trübe ge- 
staltet. Die 1. und 2. Division des 15. Korps, welche zum Schutz 
der Lyoner Eisenbahn gegen Busy und Quingey vorzugehen beordert 
waren, hatten sich vor den in dieser Richtung stehenden deutschen 
Truppen schleunigst zurückgezogen und vereinigten sich in Pugey 
und Umgegend mit ihrer von Baume -les-Dames eintreffenden 

3. Division. Das 18. und 20. Korps standen mit der Generalreserve 
des Admirals Pallu am nördlichen Doubsufer um Besan^on. Das 
24. Korps war noch zur Deckung der südlich vom Doubs nach 
Besancon führenden Stralseu zurück. 

General Bourbaki verhehlte sich nicht mehr das Kritische, ja 
Verzweiflungsvolle seiner Lage. Schon in einem Bericht an den 
Kriegsminister vom 24. drückte er seine schwere Besorgnis aas 
wegen der Verbindung mit Lyon. Das Kriegsministerium, welches 
noch durch die Telegraphenverbindung über Pontarlier mit Besancon 
verkehren konnte, bestürmte den General, zu einem raschen energischen 
Entschlufs zu gelangen und schlug ihm einen Durchbruch Uber 
Monchard oder Dole vor. Bourbaki, der bei dem traurigen Zu- 
stande seiner Armee jedenfalls das Vertrauen zu den Truppen ver- 
loren hatte, ging aber auf dieses Projekt nicht ein, sondern entschied 
sich in einem am 24. nachmittags in Chäteau Farine abgehaltenen 
Kriegsrate für den Rückzug durch den Jura Uber Pontarlier. Noch 
an demselben Abend telegraphierte er diesen Entschlufs nach 
Bordeaux und motivierte denselben mit dem trostlosen Zustande der 
Armee, die nur noch 30 000 Kombattanten zählte. Erst am 25. 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 267 

nachmittags vermochte der Kriegsminister das verspätet eingegangene 
Telegramm zu beantworten. Gambetta erliels sogleich zwei Antwort- 
depeschen, in denen er Bourbaki wegen seiner bisherigen Untätig- 
keit mit lebhaften Vorwürfen Uberhäufte. Den Marsch nach Pontarlier 
betrachtete er als einen unheilvollen Entschlufs, der voraussichtlich 
zu einer Katastrophe, entweder zur Kapitulation oder zum Übertritt 
nach der Schwei* führen mülste. Dagegen machte er nochmals den 
Vorschlag, Uber Döle oder Mouchard, Uber Gray oder Pontailler 
durchzubrechen, wobei Bourbaki nötigenfalls das Korps Garibaldi 
zur Kooperation heranziehen könnte; im äufsersten Falle sollte er 
die untauglichen Elemente seiner Armee zurücklassen und sich 
wenigstens mit dem Rest nach Süden durchschlagen. 

Bourbaki verharrte jedoch auf seinem Entschlüsse zum 
Marsche auf Pontarlier. Das vollkommen vernachlässigte Besancon 
vermochte ihm weder zur Retablierung seiner Armee, noch für eine 
längere Verpflegung derselben die genügenden Mittel zu bieten; mit 
der Abschneidung der Schienenwege nach Süden waren ihm zugleich 
seine eigentlichen Hilfsquellen verschlossen worden. Ein ferneres 
Verbleiben mit der Armee in und bei Besangon mulste unter dem 
zwingenden Drucke der Subsistenzfrage unbedingt zur Kapitulation 
führen. Eine baldige Rettung aus seiner mifslichen Lage durch die 
Einwirkung französischer Waffenerfolge auf einem anderen Teile des 
Kriegsschauplatzes durfte er nach der Niederlage der Armee Chanzys 
nicht mehr in Betracht ziehen. Auch das rechtzeitige Eintreffen 
einer Hilfsarmee aus Sudfrankreich war nicht zu erhoffen, da dort 
vorerst nur noch unfertige und unbedeutende Truppenformationen 
vorhanden waren. Ob Bourbaki am 24. Januar wirklich noch die 
Hoffnung hegte, mit seiner Armee Uber Pontarlier die Strafse nach 
Lyon zu gewinnen, dürfte zweifelhaft erscheinen. 

Die von Besangou durch den Jura marschierende französische 
Armee hatte, um nach dem Süden des Landes' gelangen zu können, 
aaf der etwa neun Meilen langen Linie von Quingey bis zu dem 
ausspringenden Winkel zu debouchieren, welchen auf gleicher Höhe 
mit St. Laurent die Schweizer Grenze südwestlich vom Jura bildet 
Im allgemeinen boten sich hier dem General Bourbaki drei 
Debouches, und zwar bei Salins, wo die Strafse Besancon- Ornans 
und diejenige von Pontarlier unter dem Schutze zweier Sperrforts 
sich vereinigen, ferner weiter südlich bei Champagnole und endlich 
auf dem von Pontarlier sich abzweigenden Wege über Mouthe und 
Les Planches nach Saint- Laurent. Da die preufsischen Truppen in 
Quingey nur 2*/> Meilen von Salins entfernt standen, so mochte 
Bourbaki wohl Bedenken tragen, das Gros seiner Armee in solcher 



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268 Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

Nähe des Gegners debouchieren zu lassen. Er entschied sich daher 
für das südlichere, vom Feinde entferntere Debouche bei Champagnole 
und schlug demzufolge die dahin führende Stralse Uber Pontarlier 
ein. Der letztere Punkt konnte auf zwei Wegen, über Omans und 
über Etalaus erreicht werden, was einen Marsch von etwa 7 Meilen 
erforderte; von Pontarlier bis Champagnole sind es weitere 5 Meilen, 
so dafs von Besancon bis zu diesem Debouche 12 Meileu zurück- 
zulegen waren. Das Gros des 2. preufsischen Armeekorps war am 
24. in Vaudrey aber nur noch 5 Meilen von Champagnole entfernt 
und die 13. Division in Byons hatte etwas Uber 6 Meilen ebendahin. 
Mit dem Marsche auf Pontarlier vermochte Bourbaki zugleich den 
dritten oben bezeichneten Weg über Mouthe zu benutzen. Der fran- 
zösische General traf seine Anordnungen dahin, dals das Gros der 
Armee sich zunächst auf Pontarlier in Marsch setzte ; in der rechten 
Flanke sollte dasselbe durch das neugebildete Korps Cremer ge- 
sichert werden, welches Uber Omans dirigiert wurde. Die Deckung 
der linken Flanke gegen ein feindliches Vordringen von Baume-les- 
Dames, Isle s. Doubs u. s. w. wurde die Aufgabe des 24. Korps. 

Gewifs zweckmäfsig wäre es gewesen, wenn Bourbaki zur 
Maskierung seines Rückzuges gleichzeitig einen möglichst energischen 
Angriff durch die für Besancon bestimmten Truppen in der Richtung 
auf Quingey angeordnet hätte, um durch eine solche Diversion den 
Gegner über die Richtung des Durchbruchs zu täuschen und das 
Gros der feindlichen Armee nach dem bezeichneten Punkte abzu- 
lenken. Auch in den nächstfolgenden Tagen würde sich eine 
Wiederholung dieser Angriffe empfohlen haben, um die über 
Pontarlier marschierende Armee einen Vorsprung gewinnnen zu 
lassen. Eine solche Mafsregel erfolgte jedoch nicht, obwohl zwei 
Divisionen, je eine vom 15. und 20. Korps, in Besancon zurück- 
gelassen worden waren. Ferner war es ein grolser Unterlassungs- 
fehler, dals das Korps Garibaldi in Dijon belassen und nicht gegen 
Dole dirigiert wurde, um die Armee Manteuffels im Rucken zu be- 
drohen und dadurch Bourbakis Rückzug zu unterstützen. Man war 
aber damals im französischen Lager wohl der Meinung, dals durch 
Garibaldi ein bedeutender Teil von Manteuffels Armee bei Dijon 
festgehalten wurde, während dort thatsächlich nur das Detachement 
Kettler stand. 

Noch im Laufe des 24. Januar war das Korps Creame r von 
Besancon aufgebrochen; zwei Divisionen marschierten nach Omans, 
die dritte ging bis Cleron vor. Am 25. setzte sich das Gros auf 
Pontarlier in Marsch. 

Auf deutscher Seite erreichte das Gros das 14. Armeekorps in 



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Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 269 

Ausführung seines Rechtsabmarsches am 25. die Gegend von Rioz, 
Sorans, Bonnevent und Boulot. Abends erhielt General v. Werder 
ein vom 24. datiertes Schreiben des Oberkommandos, welches noch 
auf der Voraussetzung basierte, dafs das 14. Korps auf beiden 
Doobsufern im Anmarsch begriffen wäre, und den Auftrag enthielt, 
die Bewegungen gegen Besancon so weit als möglich fortzusetzen 
nnd die Verbindung mit dem bis Quingey gelangten 7. Korps auf- 
zusuchen. Auch gingen die bereits erwähnten Direktiven des 
Generals v. M anteuf fei vom 24. ein. General v. Werder erstattete 
noch an demselben Abend Meldung Uber die Situation beim 14. Korps 
und bemerkte dabei, dals der in der vergangenen Nacht erfolgte 
Rückzug der feindlichen Truppen von den Ognon Ubergängen nicht 
mehr auf eine Offensive Bourbakis schliefsen Heise. Dagegen glaubte 
der General, wie er weiter in seinem Berichte ausführte, eine 
Diversion der bei Dijon stehenden feindlichen Streitkräfte in der 
Richtung auf Besancxm in Betracht ziehen zu sollen, was eine Ver- 
wendung des Gros vom 14. Korps gegen Gray oder Pesmes erfordern 
dürfte. General v. Werder wollte daher seinen Marsch nach Baume- 
les-Dames und event. gegen Pontarlier nur auf besonderen Befehl 
des Oberkommandos in Ausführung bringen. 

Am 25. Januar nachmittags erhielt das Oberkommando der 
Südarmee endlich die Meldung des Generals v. Werder von seinem 
Rechtsabmarsche. Da hierin zur Zeit sich nichts mehr ändern liefe, 
verfügte General v. Manteuffel, dals das 14. Korps nicht auf 
Pesmes weiter marschieren, sondern sich auf Marnay dirigieren 
sollte, um an das 7. Korps Anschluls zu nehmen; General v. Werder 
nahm die befohlene Stellung am 2G. ein. Die 4. Reserve-Division, 
welche am 25. den Doubs bei Baume -les-Dames Uberschritten hatte, 
war in den folgenden Tagen weiter südwärts vorgedrungen, ohne 
Widerstand zu finden, und stand am 27. mit dem Gros bei St. Juan 
d'Adam, mit der Avantgarde in Aissey und Passavant. Das 
24. französische Korps hatte sich nach mehrfachen unentschiedenen 
Hin- und Hermärschen in die Berge des Jura hineingezogen und 
befand sich an letztgenanntem Tage mit seiner 3. Division bei 
Fuans, mit der 2. in Montbenois und mit der 1. Division bereits in 
Pontarlier. 

General Bourbaki hatte völlig der Hoffnung entsagt, seine 
Armee durch den Rückzug auf Pontarlier noch retten zu können; 
schon in der Nacht zum 25. gab er in einer Depesche an Gambetta 
seiner Verzweiflung Ausdruck. Gambetta war dadurch zu dem 
Entschlufs gekommen, ihn seines Kommandos zu entheben und den 
General Clinch ant vom 20. Korps zum Oberbefehlshaber zu er- 



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270 Strategisohe Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

nennen. Die betreffende Depesche des Kriegsministere kreuzte sich 
mit einer solchen des Kommandanten von Besancon, des Generals 
Rolland, in welcher dieser den Selbstmordversuch Bourbakis an- 
zeigte. 

Die Ernennung Clinchants konnte unter den obwaltenden Um- 
ständen keine Rettung mehr bringen, das Geschick der französischen 
Armee vollzog sich nunmehr mit schnellen Schritten. Zwar hatte 
Gambetta den General Clinch ant noch aufgefordert, von dem Rück- 
züge auf Pontarlier Abstand zu nehmen, wenn es die Zeit noch er- 
laubte; allein die Dinge waren schon zu weit gediehen, um eine 
Änderung eintreten lassen zu können. 

General v. Manteuffel hatte inzwischen den Entschlufs gefalst, 
jetzt auch gegen Dijon eine grölsere Unternehmung einzuleiten. 
Noch am 26. war verfügt worden, dafs die Brigaden Willisen und 
Knesebeck, ferner eine Infanterie-Brigade des 14. Armee-Korps und 
die Brigade Kettler unter dem Befehl des Generals Hann von 
Weihern vereinigt werden sollten, zu einem Angriff gegen das Korps 
Garibaldi. 

Bei der französischen Ostarraee Ubernahm General Clinchant 
am 27. Januar den Oberbefehl. Um sich der Grenzstrafse von 
Pontarlier Uber Mouthe nach St. Laurent, zu versichern, beauftragte 
er den General Cremer, mit drei Reiterregimentern dorthin voraus- 
zueilen; auch die 1. Brigade der Division Poullet vom Korps Cr6mer 
erhielt den Befehl, dem letzteren zu folgen und brach am 27. von 
Houtaud auf. Das Gros der französischen Armee war au diesem 
Tage zwischen Besancon und Pontarlier echelonniert. 

Die Armee Manteuffels setzte dagegen am 27. ihre Rechts- 
schiebung in südlicher Richtung fort Das 14. Korps sollte zur 
Ablösung der 14. Division an den Doubs rücken, um das ganze 
7. Korps zur Verwendung gegen den vom Feinde besetzten Loue- 
Abschnitt frei zu machen, das 2. Korps hatte sich aber bei Monchard 
und Salins bereit zu halten, um entweder nötigenfalls nach Quingey 
heranzurücken, oder in der Richtung auf Omans und Pontarlier vor- 
zugehen. Am 27. Januar abends stand demnach das Gros des 
14. Korps mit der 1. badischen Brigade bei St. Vit, mit der 3. bei 
Dannemarie und mit der Brigade v. d. Goltz bei Recologne und 
Marnay. Vom 7. Armeekorps hatte die 13. Division gegen die Loue 
Stellung genommen, während das Detachement Barby bei Cbay an 
der Strafse Arbois stand. Die 14. Division war au der Strafee 
Quingey-La Chapelle aufgestellt. Das Gros des 2. Korps befand 
sieh bei Arbois versammelt; die Truppen des Generals du Trossel 
standen bei Pont d'Hery und die Brigade Koblinski bei Pagnoz. 



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Strategische Rückblicke tuf den französischen Kriegsschauplatz etc. 271 



General v. Fransecky war durch die Ergebnisse des 27. in 
seiner Ansicht bestärkt worden, dals der Feind sich schon im Ab- 
marsch anf Lons le Saunier befände. Am 28. liefe er daher den 
General du Trossel bis Champagnole Torrticken, während das Gros 
des Korps in südlicher Richtung bis Pont du Navoy marschierte 
und die Kolonne Koblinski mit der Korps- Artillerie bis Poligny 
vorging. Auf die Nachricht von dieser Bewegung des 2. Korps 
liefe General v. Manteuffel sogleich die 13. Division bei Quingey 
durch Truppen des 14. Korps ablösen, damit das 7. Korps sich 
b dann in südlicher Richtung dem 2. nähern sollte. Nachdem die 
1. badische Brigade in Quingey eingerückt war, sammelte sich die 
13. Division am Abend bei La Chapelle und Saisenay. Die 14. Di- 
vision in Deservilliers schob ihre Vortruppen bis Levier und Silley 
vor. Bei dieser Gelegenheit gefangene französische Nachzügler des 
15., 18. und 20. Korps gaben an, ihre Korps wären von Besan^on 
auf Pontarlier marschiert. Die dem General v. Manteuffel im 
Laufe des Tages zugegangenen Nachrichten hatten mit Sicherheit 
erkennen lassen, dals bis jetzt nur unbedeutendere feindliche Streit- 
kräfte über Champagnole hinaus gelangt sein könnten, sowie dafs 
die Masse der französischen Armee sich noch im vollen Rückzüge 
auf Pontarlier befände. Der Oberbefehlshaber der Südarmee ordnete 
daher für den 29. ein allseitiges Vorgehen auf Pontarlier an. 

Die 4. Reserve- Division, welche am 27. in St Juan d'Adam 
verblieben war, weil ihr Nachrichten von einem erneuten Vordringen 
der Franzosen gegen Beifort zugegangen waren, hatte am 28. einen 
Linksabmarsch nach Sancey le Grand ausgeführt und vereinigte sich 
hier mit dem von Isle 8. Doubs vorgerückten Detacheraent Zimmer- 
mann. General v. Debschütz besetzte mit seinen Vortruppen St 
Hippolyte. 

Das 2. Armeekorps hatte den Befehl erhelten, am 29. mit einer 
Abteilung Les Planches en Montagne zu besetzen, mit der Masse 
seiner Streitkräfte aber gegen Pontarlier vorzurücken. Nach Les 
Planches wurde Oberst v. Wedeil mit einem Detachement entsendet 
und erreichte diesen Ort nach leichtem Gefecht mit abgesessener 
Kavallerie. Die Hauptkräfte der Korps gingen auf der Stralse nach 
Pontarlier bis Nozeroy und Onglieres vor, wäbreud die Avantgarde 
anter General du Trossel bis Censeau gelangte. 

Beim 7. Korps hatte die 14. Division erst sehr spät den Be- 
fehl zum Vormarsch auf Pontarlier erhalten. Sie brach mittags von 
Deservilliers auf und erreichte erst 3 Uhr nachmittags Levier, als 
dort auch die von Villeneuve d'Aniont vorgegangene 13. Division 
anlangte. Inzwischen war aber die Avantgarde der 14. Division von 



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272 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 



Levier gegen Pontarlier weitermarschiert. Bei Le Souillot Stiels sie 
auf etwa 4000 Mann französischer Infanterie, die aber bald ihren 
Rückzug auf Pontarlier fortsetzten. Beim Weitermarsch traf sie so- 
dann am Walde südlich Sombacourt. abermals auf den Feind. Ein 
gegen das in der linken Flanke liegende Dorf detachiertes Bataillon 
des 77. Regiments drang dort ohne Schwierigkeiten ein, machte 
2700 Mann zu Gefangenen und nahm 10 Geschütze sowie 7 Mi- 
trailleusen. Der übrige Teil der Avantgarde der 14. Division hatte 
sich bei Einbruch der Dunkelheit Chassois genähert, griff den stark 
besetzten Ort an und nahm ihn nach heftigem Widerstande des . 
Feindes. Letzterer berief sich auf einen bereits abgeschlossenen 
Waffenstillstand und ein Generalstabsoffizier zeigte auch ein bezüg- 
liches Schreiben des Generals Clinchant vor. Deutscherseits war 
vom Eintritt einer Waffenruhe nichts bekannt, und so wurde nur 
eine vorläufige Unterbrechung der Feindseligkeiten auf Grund der 
augenblicklichen Lage bewilligt. Das Gros der 14. Division suchte 
am Abend in und bei Chaffois unterzukommen; die 13. Division 
stand mit ihren Truppen von Villeneuve d'Amont bis Sept Fontaines. 

Die Brigade v. d. Goltz, welche vom Oberkommando als 
Armee-Reserve für das Vorrücken gegen Osten nach Are et Senans 
disponiert war, marschierte am 29. noch über diesen Ort hinaus 
und erreichte mit der Spitze Arbois. General v. Werder Uber- 
wachte mit zwei badischen Brigaden Besangon und liefs von St. Vit 
und Marnay her kleine Unternehmungen zur Aufklärung gegen die 
Festung ausführen. Die 4. Reserve- Division stand in Sancey le 
Grand und Belleharbe; das Detachement Zimmermann hatte Maiche 
besetzt General v. Man teuf fei erhielt noch nachmittags die tele- 
graphische Nachricht aus dem grolsen Hauptquartier Uber die Sti- 
pulationen des Waffenstillstandes. Noch am Abend ordnete das 
Ober-Kommando ftlr den 30. die Fortsetzung des Vormarsches gegen 
Pontarlier durch das 2. und 7. Korps an. Die Armee-Reserve des 
Generals v. d. Goltz sollte Uber Pont d'H£ry nach Villeneuve 
d'Amont rücken. Die 4. Reserve-Division hatte die etwa noch am 
oberen Doubs verbliebenen französischen Abteilungen den beiden 
Korps im Süden zuzutreiben. 

Der Oberbefehlshaber der französischen Ostarmee, General 
Clinchant, war schon am 27. persönlich nach Pontarlier geeilt, 
wohin auch Genie-Truppen und Generalstabsoffiziere vorausgeschickt 
wurden, um unter Aufbietung der Landbevölkerung die Wege schnee- 
frei zu machen. Er durfte hoffen, dafs die taktisch starke Stellung 
dort seinen Truppen, wenigstens vorübergehend, Rast gewähren 
könnte. Gelang es, die Engpässe von Vaux, Les Planches und 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 273 

Morillon zu behaupten, so blieb Uber St. Laurent und über La 
Chapelle des Bois noch immer eine, wenn auch schwierige, Ver- 
bindung mit dem Süden offen. Am Abend des 29. standen das 
18. Korps in und bei Houtaud, die 2. Division des 20. in Chaffois 
und Bulle, die 3. desselben Korps in Dompierre und Frasne, eben- 
daselbst der Rest der Division Poullet. In und bei Pontarlier be- 
fand sich die 3., bei Sombacourt die 1. Division des 15. Korps. 
Die letztere war es also, welche durch den Angriff des Bataillons 
Brederlow vollständig zersprengt und größtenteils gefangen genommen 
wurde, bevor die ganz in der Nähe, bei Goux und Bians befindliche 
Armee-Reserve ihr irgend welche Hilfe leisten konnte. Die letztere 
ging nach Pontarlier zurück. Die Hauptkräfte des 24. Korps und 
die Brigade Mi Hot schoben sich, um die Verbindung mit dem De- 
tachement Cremer nicht zu verlieren, im Laufe des 29. noch gegen 
Mouthe und darüber hinaus vor. Sie stiefsen nun aber bei Foncine 
le Bas auf Abteilungen der Kolonne Wedell. Somit war auch die 
letzte der französischen Armee bisher noch verbliebene, für gröfsere 
Trappenmassen benutzbare Strafse bereits verlegt. General Co- 
magny vom 24. Korps fafste den Entschluls, am 30. Januar Les 
Planches anzugreifen, um sich den Durchzug gewaltsam zu öffnen, 
da aber inzwischen auch ihn die Waffenstillstandsnachrichten er- 
reichten, so gab er den Angril! wieder auf und ordnete nur an, 
dafe die Infanterie der 1. Division auf dem Gebirgswege über La 
Chapelle des Bois auf Morez weitermarschierte, um Verbindung mit 
dem General Cremer in St. Laurent zu gewinnen. 

Die Waffenstillstandsnachrichten waren dadurch entstanden, dafs 
weder in dem bezüglichen Telegramm Jules Favres an die 
Regierungs-Delegation, noch in der amtlichen Mitteilung des fran- 
zösischen Kriegsministeriums vom 29. Januar nachmittags an die 
kommandierenden Generale der Armee der Ausnahmebestimmung ftlr 
die Departements Cöte d'Or, Doubs und Jura Erwähnung ge- 
than war. 

Der vom General v. Man teuf fei am 29. abends erlassene 
Befehl zur ungesäumten Fortsetzung der Operationen konnte nicht 
so früh an die Korps gelangen, dals durch die falsche Nachricht 
von dem Waffenstillstände eine Stockung in ihren Bewegungen 
gänzlich verhütet worden wäre. So blieb das 7. Armeekorps, 
welches wegen der angeblichen Waffenruhe am 30. morgens aus- 
gedehnte Kantonnements bezogen hatte, an diesem Tage zwischen 
Chaffois und Villeneuve stehen, da nach Aufklärung des Irrtums 
die Operationen der vorgerückten Zeit wegen nicht sofort wieder 
aufgenommen werden konnten. Auch General v. Fransecky wurde 

Jifcrhaefcer flr die deutsche Armee and Muine. Bd. 113. 3 18 



274 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

durch französische Parlamentäre aufgehalten, jedoch traf die auf- 
klärende Mitteilung des Ober-Kommandos noch so rechtzeitig ein, 
dafs der Vormarsch fortgesetzt werden konnte. Die Avantgarde des 
2 Korps war bereits im Vormarsche auf Frasne gewesen, wo ein 
Teil der Division Segbars und die 2. Brigade der Division Poullet 
stand. Bei Wiederaufnahme der Operationen seitens des preufsischen 
Korps traten die Hauptmassen der Franzosen hier den Rückzug an, 
währenddessen das noch besetzte Frasne von der Vorhut des Korps 
Fransecky nach geringem Widerstande abends genommen wurde. 
Die Division Seghars marschierte auf Pontarlier, die Brigade der 
Division Poullet über Vaux und Sainte Marie nach Mouthe. 

General v. Manteuffel beabsichtigte am 31. seine Armee mehr 
gegen Pontarlier zu konzentrieren, ehe er auf die hier sich sammelnde 
feindliche Hauptmacht zum entscheidenden Angriff schritt. Auch er- 
schien es ratsam, dem Gegner vorher noch die äufserste Rtickzugs- 
strafse Uber Mouthe nach St Laurent, nördlich von ersterem Punkte 
zu verlegen, indem dieselbe durch das Detachement Wedeil bei 
Planches nicht unmittelbar gesperrt war. In Anbetracht der da- 
maligen Situation hielt das deutsche Oberkommando überhaupt für 
vorteilhafter, die feindliche Armee zum Ubertritt Uber die Schweizer 
Grenze gezwungen zu sehen, weil deren Ernährung auf fremdem 
Gebiete wohl nicht ohne Einflufs auf den Gang der Friedens- 
verhandlungen bleiben und jedenfalls von mehr Wirkung sein mulste, 
als wenn der Gegner bei Pontarlier kapitulierte und seine Truppen 
in Deutschland interniert würden. Es wurde deutscherseits fUr den 
31. ein Aufschliefeen aller Heeresteile nach vorwärts angeordnet. 

Das 7. Korps sollte sich in dem Räume zwischen den von St 
Gorgon und Levier nach Pontarlier führenden Stralsen zusammen- 
ziehen, auch die Strafse von Mortau beobachten und Verbindung mit 
General v. Schmeling suchen, der seinen Vormarsch gegen die Strafse 
Ornans-Pontarlier fortzusetzen hatte. Das Detachement Debschütz, 
welches am 30. in Maiche eingetroffen war, blieb auf die Richtung 
über Morteau angewiesen. Das 2. Korps sollte sich längs der Stralse 
von Frasne aufstellen, zugleich aber dem Feinde die letzten Aus- 
wege im hohe Jura verlegen. 

Das 2. Armeekorps rückte am 31. Januar mit seinem Gros bis 
in die Gegend von Dampierre, die Avantgarde nach La Riviere. 
Weiter vorgehende Detachements gelangten bis Bulle, St. Colombe, 
Barboy und La Planee. Der Feind leistete nur geringen Wider- 
stand, Hefa aber eine grofse Anzahl Gefangener in den Händen des 
Angreifers. Um den Franzosen auch die letzte Rückzugsstrafse von 
Pontarlier nach Mouthe bei Les Granges-Ste. Marie zu sperren, war 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 275 

vom 2. Korps im Detachement unter Oberstleutnant Liebe Uber 
Bonnevaux und Vaux dorthin detachiert worden. Französischerseite 
befand sich bei Vaux noch General Martinez mit den Resten des 15. 
Korps und bei St Antoine die 3. Division des 24. Korps. Nach 
heftigem Kampfe bemächtigte sich das Detachement Liebe des Defiles 
bei Vaux und gelangte im weiteren Vordringen nach Les Granges- 
Ste. Marie, nachdem sämtliche feindliche Truppen auf Les Höpiteaux- 
Vieux abgezogen waren. Vom 7. Armeekorps rückte an diesem 
Tage die 13. Division nach Sept-Fontaines und Umgegend, von wo 
Detachements gegen die Stralse Ornans-St Gorgon-Pontarlier vor- 
getrieben wurden. Die 14. Division ging bis zum Drugeonbach 
östlich Cbaffois vor. Das Detachement v. d. Goltz rückte auf der 
Stralse Pontarlier bis Villeneuve d'Amont nach. Die 4. Reserve- 
Division war bis Nods und St. Gorgon vorgegangen und hatte hier 
die Verbindung mit der 13. Division aufgenommen. Das Detache- 
ment Debschütz war von Maiche bis Uber Russey hinaus vor- 
gedrungen. 

Bei Betrachtung der Stellungen der beiderseitigen Streitkräfte 
am 31. abends sehen wir die französische Ostarmee in zwei Gruppen 
hart an die Schweizer Grenze gedrängt. Die Hauptgruppe, das 15., 
18., 20. Korps und die Armee-Reserve, befindet sich bei Pontarlier 
eng eingekeilt und ist von den deutschen Truppen in einem Halb- 
kreise von Dommartin über Chaffois, Dompierre bis Antoine an der 
Stralse Pontarlier-Mouthe dicht eingeschlossen. Die zweite Gruppe, 
die Division Poullet und das 24. Korps steht an der Stralse Pon- 
tarlier-Mouthe-St. Laurent von Les Höpiteaux Vieux bis Foncine-le- 
Haut echelonniert; darch das preufsische Detachement Wedell bei 
Foneine-le-Bas ist ihr aber die Stralse durchschnitten und die Ver- 
bindung mit dem Kavallerie-Detachement Cremer bei St. Laurent 
benommen. 

Die von der Armee Manteuffels am 31. erreichten Stellungen 
hatten das Schicksal des Gegners entschieden. Wollten die Franzosen 
nicht einen, voraussichtlich nur mit ihrer Kapitulation endenden Ver- 
uichtungskampl bei Pontarlier aufnehmen, so mufsten sie auf das 
nahe Schweizer Gebiet Ubertreten. Am 1. Februar schlols auch 
General Clinchant mit dem eidgenössischen General Herzog in 
Verrieres eine Konvention ab, derzufolge die französische Ostarmee 
nach der Schweiz Ubertrat und hier entwaffnet und interniert wurde. 
Noch an demselben Tage begann der Rückzug auf das neutrale 
Gebiet des Nachbarlandes. Gleichzeitig rückte die Armee Manteuffels 
konzentrisch gegen Pontarlier vor, um die Franzosen zum Übertritt 
über die Schweizer Grenze zu zwingen. 

18* 



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276 Strategische Rückblicke auf den franzüsisohen Kriegsschauplatz etc. 

Die Avantgarden-Brigade des 2. preufsischen Korps traf am 
1. Februar gegen Mittag vor Pontarlier ein und nahm es nach 
kurzem Widerstande des Feindes in Besitz. Im weiteren Vordringen 
gegen La Cluse und den dortigen Gabelpunkt der Uber Verrieres 
und Jougne nach der Schweiz führenden Stralsen stiels die Brigade 
auf die französische Nachheit. Der Feind hielt in seiner günstigen 
Stellung, unterstützt durch die Artillerie der benachbarten Sperrforts, 
hartnäckig Stand, so dafs es der preulsischen Brigade erst spät abends 
gelang, sich des Ortes la Cluse zu bemächtigen. Die übrigen 
deutschen Korps gelangten nach der Einnahme von Pontarlier und 
bei dem Rückzüge des Gegners zu keinem Eingreifen mehr. 

Die Hauptmasse der französischen Armee nahm ihren Rückzug 
Uber Verrieres de Joux, einzelne Teile nahmen ihren Marsch Uber 
Jougne und auch von la Chaux Neuve direkt zur Grenze. That- 
sächlich waren nach dem südlich angrenzenden Departement Ain 
nur entkommen die Kavallerie des Generals Crenier, die Kavallerie- 
Division des 15. Korps, einige andere Reiterregimenter, endlich die 
1. Division des 24. Korps, sowie eine Anzahl höherer Offiziere; 
80 (XX) Mann legten in der Schweiz die Waffen nieder. 

Das Oberkommando der deutschen Südarmee hatte schon am 
Abend des 1. Februar die nötigen Anordnungen vorgesehen, um, 
sobald der Übertritt der französischen Ostarmee auf das Schweizer 
Gebiet erfolgt war, aus dem Gebirge gegen Westen zurückzumarschieren 
und nunmehr auch gegen Garibaldi in Dijon die Entscheidung 
herbeizuführen. Am 2. Februar früh lief aber vom General v. Hann 
die Meldung ein, dafs Garibaldi Dijon am vorhergehenden Tage ge- 
räumt hatte und südwärts abgezogen war. 

Es ist der französischen Heeresleitung wohl mit Recht als 
Fehler vorgeworfen worden, dafs sie gerade in der fUr die Ostarmee 
so kritischen Zeit nach der Schlacht an der Lisaine Garibaldi mit 
seinen Truppen in Dijon belassen und nicht zur Kooperation mit 
Bourbaki herangezogen hat. 

Nachdem General v. Manteuffel den Vormarsch gegen Vesoul 
aufgegeben, hatte er seine Bestrebungen dahin gerichtet, dem Feinde 
unterhalb Besan^on die Rückzugsstrafse nach Lyon zu verlegen, 
während er das Korps Garibaldis bei Dijon durch die Brigade 
Kettler festzuhalten suchte. Die Ratlosigkeit und Unfähigkeit der 
französischen Heerführung gestattete der deutschen Ostarmee, bis an 
und Uber den Doubs vorzudringen, ohne auf einen erheblichen 
Widerstand zu stolsen. Wurde dem General v. Manteuffel dann 
durch den inzwischen erfolgten Rechtsabmarsch des Gros des 
14. Armeekorps der Plan für eine entscheidende Aktion in empfind- 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 277 



Jicher Weise durchkreuzt, so erlahmte dennoch seine Energie und 
Thatkraft nicht und er schritt zu jener Rechtsschiebung: seiner Streit- 
kräfte, durch welche dem Feinde die aus dem Jura nach dem Süden 
fuhrenden Debouches verlebt wurden. 

Die zum grolsen Teile tieferschütterte französische Armee sah 
sich durch des Generals v. Manteuffel konsequentes, kühnes und zu- 
gleich auch klug berechnetes Vorgehen die Verbindung mit Lyon 
abgeschnitten; ihr Kührer wagte keinen ernstlichen Versuch, um 
von Besangon auf der direkten Stralse in jener Richtung durch- 
zubrechen, sondern trat schließlich den verhängnisvollen Rückzug 
auf Pontarlier an. Hatte die französische Heeresleitung schon früher 
ihrer Aufgabe sich nicht gewachsen gezeigt, so fehlte es ihr jetzt 
im Unglück völlig an Energie und Umsicht. Es trat der sie be- 
herrschende herumirrende Dilettantismus offen zu Tage. Es herrschten 
sonderbare Ansichten in dem französischen Kriegsministerium. Dasselbe 
hatte sich merkwürdigerweise durch die hochtrabenden Depeschen 
des Generals Bordone veranlafst gefühlt, grofse Hoffnungen gerade 
in die Vogesen-Armee zu setzen. In der Idee des Kriegsdelegierten 
de Freycinet wurden in einem wunderbaren Austausch der Rollen 
die Truppen Garibaldis zur Hauptkraft im Osten, während die 
Bourbakis zu einer nebensächlichen Rolle herabsanken. Trotzdem 
verlangte aber eine Depesche des Kriegsministeriums, dafs der bei 
BesanQon in sehr bedenklicher Lage sich befindende General 
Bonrbaki den 50 000 Mann bei Dijon zu Hilfe kommen sollte, 
die es nur mit einer einzigen preufsischen Brigade zu thun hatten. 
Am 23. Januar schrieb de Freycinet an Bourbaki: ,,Der Feind wird 
morgen Dijon mit grofsen Kräften angreifen. Können sie nicht eine 
Bewegung ausführen, die Garibaldi Unterstützung bringt. Es würde 
da vielleicht eine schöne Gelegenheit geben, den Feind für seine 
Verwegenheit zu strafen, zwischen Garibaldi und Ihnen zu operieren." 

Das französische Kriegsministerium dachte schliefslich wohl auch 
daran, durch Garibaldi von Dijon aus eine Diversion nach Süden 
zur Unterstützung von Bourbaki ausführen zu lassen. Am 25. Januar 
schrieb Freycinet an Garibaldi: „Wir legen in Ihre Hände den 
Oberbefehl Uber die gesamten in Dijon und in dem Departement 
der Cöte d'Or versammelten Streitkräfte. Der General Pelissier er- 
hält den Befehl, sich nach Lvon zu begeben, um einen Konflikt mit 
Ihnen zu vermeiden. Sie wissen besser als ich, General, dafs 
schwierige Situationen grolse Verpflichtungen auferlegen, und Sie 
haben die Welt daran gewöhnt, Sie sie erfüllen zu sehen. Was wir 
heute von Ihnen als Entgelt für das einheitliche Kommando ver- 
langen, welches wir für Sie schaffen, das ist, die Verteidigung von 



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278 Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 

Dijon auf alle Fälle sicherzustellen und zugleich unverzüglich ein 
kräftiges Unternehmen auf Dole und Mouchard zu richten, indem 
Sie sich mit dem General Bourbaki in Besancon in Verbindung 
setzen, so dafs eine für diesen General vorteilhafte Diversion aus- 
geführt wird. Die Aufgabe ist schwierig, sie geht aber weder Uber 
Ihren Mut, noch über Ihr Genie." 

Den 26. Januar früh ging eine neue Depesche ein, worin 
Frey einet die verhängnisvolle Lage der Ostannee schildert, 
welche bedroht wäre, auf die Schweiz zurückgeworfen zu werden. 
Der einzige Ausweg, dem abzuhelfen, wäre, dafs man den General 
v. Manteuffel in seinem Rücken beunruhigte, „dazu mülsten Sie 
Ihre Hauptaktion gegen Dole richten und diesen Platz dem Feinde 
wegnehmen, der sich aber dort sorgsam befestigt hat. Um einen 
solchen Erfolg zu erzielen, wäre es, meiner Meinung nach, er- 
forderlich, dafs Sie mit allen Ihren verfügbaren Kräften von Dijon 
abrücken, indem Sie in Dijon nur einen beherzten Befehlshaber 
und 8 bis 10 000 von den Mobilgarden zurücklassen, welche 
weniger geeignet sind, ins Feld zu rücken. Unsererseits würden 
wir Ihre Bewegung unterstützen durch eine Diversion, welche ein 
Korps von 15 000 Mobilgarden in der Kichtung von Lous-le-Saunier — 
Arbois zu versuchen hätte. Ihr Unternehmen mülste sobald als 
möglich beginnen, am 30. d. M., oder noch besser, am 28. 

Während Freycinet anordnete, dals eine Infanteriebrigade des 
in der Formation begriffenen 26. Korps auf das schleunigste von 
Chätellerault nach Beaune dirigiert werden sollte zur Unterstützung 
von Garibaldi, erhielt er die Mitteilung aus Dijon, dafs die be- 
reffende Bewegung schon als notwendig anerkannt worden, ehe 
noch die Befehle des Ministeriums eingetroffen waren, dafs sie 
bereits begonnen hätte, und man auch hoffte, dals sie von Erfolg 
sein werde. 

Garibaldi richtete sich jedoch nicht im geringsten nach den 
Instruktionen, die er erhalten hatte. Bekanntlich verblieb er mit 
dem gröfsten Teile seiner Armee in Dijon und begnügte sich damit, 
Canzio und Menotti Garibaldi mit der 1. und 3. Brigade nach 
Bourg und St. Jean-de-Losne zu entsenden, während eine Abteilung 
von 700 Franctireurs in der Richtung auf Dole vorging. 

Schlielslich war es für eine Diversion in den Rücken der 
deutschen Ostarmee von Dijon aus auch schon zu spät; der richtige 
Zeitpunkt dazu war verpafst. General v. Manteuffel hatte sich 
bereits gegen einen möglichen Vorstofs von dorther vorgesehen. 
Gegen Dijon waren Streitkräfte bereitgestellt worden, die Garibaldi 
nicht blofs dort festhalten, sondern bei günstiger Gelegenheit zu 



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Strategische Rückblicke auf den französischen Kriegsschauplatz etc. 279 



einem Angriff auch erdrücken konnten. General v. Man teuffei 
hatte dem General v. Hann anempfohlen, gegen die Süd- und Sttd- 
ostseite von Dijon vorzugehen, indem damit die Verbindungen des 
Gegners bedroht und die Unterbrechung der Eisenbahnen nach 
Auxonne und Chälon sur Saöne ermöglicht würden. 

Wenn Garibaldi gleichzeitig mit dem Abmarsch der Ostarmee 
von BesanQon auf Pontarlier sich unter Benutzung der über Chälon 
s. Saöne führenden Eisenbahn nach Lons-le-Saunier geworfen hätte, 
um von dort gegen Poligny zu operieren, so wäre es wohl möglich 
gewesen, dafs der Vormarsch der Armee Manteuffels gegen Pontarlier 
eine Verzögerung erleiden konnte und dafs vielleicht noch mehr 
französische Truppen Uber Mouthe und St. Laurent nach dem Süden 
entkamen. Das Endresultat der deutschen Operationen konnte aller- 
dings auch dann nicht mehr verhindert werden. 

General v. Manteuffel hatte seinen Plan mit Konsequenz ver- 
folgt und war unbeirrt durch alle die Friktionen, welche sich ihm 
hindernd in den Weg legten, auf der betretenen Bahn energisch 
weiter geschritten. Der grofsartige Erfolg, dais die feindliche Armee 
zum Übertritt nach der Schweiz gezwungen wurde, war sein un- 
bestreitbares Verdienst 

Der deutsche Feldzug gegen das französische Volksheer und 
das ganze republikanische Frankreich ist für die strategische Kunst 
und Wissenschaft von weittragender Bedeutung. 

Der deutsch-französische Krieg in seiner zweiten Phase zeigt 
auch durch unwiderlegbare Thatsachen in Uberzeugender Weise, dafs 
die jungen Armeen der französischen Republik, selbst bei doppelter 
ja dreifacher Überlegenheit, gegen die Disziplin, die vortreffliche 
Ausbildung und die Erfahrung der deutschen Truppen nicht zu be- 
stehen vermochten. 

Der Feldzug Bourbakis im Osten Frankreichs liefert in dieser 
Hinsicht aulserdem noch Beweise von wichtigem Interesse. Durch 
ihn wird unzweifelhaft dargethan, dafs die grofse numerische Stärke 
für Armeen, welche unzureichend organisiert und ausgebildet sind, 
selbst zu einem Faktor der Schwäche werden kann im Kontakt mit 
kriegsgeübten Truppen. Nicht in der Masse der Soldaten allein 
liegt die Kraft und Stärke eines Heeres, sondern hauptsächlich in 
der durch Erziehung und Ausbildung erlangten Kriegstüchtigkeit der 
Truppen. Das Volk in Waffen, das Volksheer kann nur in der 
Form der allgemeinen Wehrpflicht von Nutzen sein, ein Massen- 
aufgebot ohne Anlehnung an hinreichend starke ständige militärische 
Organisationen kann erfahrungsmälsig den Staat nur zur unberechen- 
baren Selbstschädigung führen. 



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280 



Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877'78 



XX. 

Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 187778. 

Von 

J. Banmann, k. b. Hauptmann. 



(Schlüte.) 

Der Übergang: der Kolonne des Generalleutnants 

Skobelew. 1 ) 

Ich hatte mir in Gabrova Pferd and Führer gemietet. Letzterer, 
ein alter Bulgare aus Dorf Schipka, sollte im Gebirge jeden Hirten- 
pfad kennen, sagte man mir. Ich liefs ihm nach der Karte genau 
meinen beabsichtigten Weg beschreiben. Ich wollte nämlich von der 
Schipkastrasse abbiegend nach Seleno Drevo, über die Wiätropolska 
planina, den Tschufutberg und hinunter nach Imetli. Das Pferd 
war ein gewöhnliches Saumtier mit einem Holzgestelle statt Sattel 
und ohne Zäumung. Ich ging soweit als möglich zu Fuls, bemerkte 
aber später, dafs man auf dieser Art Sattel gar nicht unbequem 
sitzt. Die gute und breite Schipkastralse folgt zunächst dem Flür- 
chen Kozerica. Dann biegt sie beinahe nach Osten aus, um an den 
Hängen des Cerveni breg (roten Berges) teilweise mit 20 Ä Steigung 
den Schipkarücken zu gewinnen. Schon vorher bog ich in südwest- 
licher Richtung ab, wo ein guter, verhältnismäfsig breiter Saumweg 
nach Seleno Drevo (grüner Baum) empor führt. Dann hörte der 
gute Weg auf, wir erreichten einen Buchenwald und ein Gewirr 
von schmalen, steilen, unebenen und mit Buchenlaub bedeckten 
Pfaden. Der Führer erwies sich als völlig unkundig, und ich war 
gezwungen, ihn mühsam zunächst auf die andere Seite des vor- 
liegenden Berges zu dirigieren. Der Wald ging später zu Ende, 
und wir kamen auf eine Hochfläche, die Wiätropolska planina, 
eine grüne Hochmatte. Ein wilder Wind pfiff hier oben, und Kälte 
machte die Hände erstarren. Nebel gestattete nicht weiter als einige 
Schritte zu sehen, und ein niederklatschender Regen durchweichte 
meine Karten. Ich will die Unannehmlichkeiten der folgenden Stunden 
nicht genauer schildern. Nach verschiedenen Irrgängen in Wald 
und Nebel erreichten wir sogar den Tschufnt. Hier hätte man 

') Hauptsächlich nach Kuropatkiti. Kritische Rückblicke u. s. w., bearbeitet 
von Krahmer, Oberst u. s. w. III. Hand. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



281 



den ganzen Palsrücken wie ein Relief liegen sehen können, aber 
der Nebel war womöglich noch (lichter geworden, und beim all- 
mählichen Abstieg verlor der Führer schliefslich alle Orientierung, 
blieb heulend stehen und blickte hilflos auf den Fremden. Ich zog 
den Korapals und dirigierte fortan Kols und Fuhrer, wie ein Steuer- 
mann das Schiff. Der Weg nach lmetli geht ausgesprochen nach 
Süden. Wohl stiefsen wir im Westen auf wilde, senkrechte Ab- 
stürze, später auch in östlicher Richtung, doch dies waren wichtige 
Anhaltspunkte, die sich auch auf der Karte eingetragen fanden. 
Schliefslich trafen wir wieder auf einen wirklichen Pfad, der nur 
für Saumtiere gangbar, gewunden und steil hinabführte gegen lmetli. 
Hier hörte auch der Nebel auf, und es bot sich der seltsame Aus- 
blick auf die helle Tundscha-Ebene mit den Oasen gleichenden von 
dichten Hainen umgebenen Ortschaften. Von lmetli ritt ich am Fufse 
des Balkans hin zwischen den Rosenfeldern und inmitten einer 
üppigen Vegetation nach dem Dorfe Schipka. Auf den „steilen 
Absturz" der Russen, den alle ihre Berichte erwähnen, und der so 
viele Schwierigkeiten bereitete, war ich gegen meinen Willen 
nicht gestofsen. Ich glaube daraus nicht mit Unrecht schlielsen zu 
dürfen, dafs diese recht bedenkliche Stelle auch von den Russen 
hätte vermieden werden können. Die oben erwähnten senkrechten 
Abstürze liegen seitwärts des Weges und sind unter allen Umständen 
unpassierbar. Wie oft ich den Weg der Kolonne verloren habe, 
weils ich nicht. Ich hatte ihn bei Seleno Drevo, glaube ihn vor 
(nordwärts) der Wiätropol-Hochebene gehabt zu haben; Uber die drei 
Kilometer lange Hochebene hinweg ist kein Pfad ausgetreten, auch 
keiner notwendig; ich glaube ferner den Weg wieder auf dem 
Tscbufut gefunden zu haben, und hatte ihn sicher beim Abstieg bis 
lmetli. 

Der Übergang" der Kolonne. Generalleutnant Skobelew hatte 
seit langem den Balkan-Ubergang vorausgesehen und hierzu alle nur 
denkbaren Vorbereitungen getroffen. Diese bis ins kleinste an- 
geordneten umsichtigen Vorkehrungen und die Energie während desUber- 
gangs selber fallen im Gegensatze zu der anderen Umgehungskolonne 
woblthuend in die Augen. Letztere hatte den Gebirgsübergang beinahe 
unvorbereitet begonnen, aber glücklicherweise leichtere Verhältnisse 
gefunden. Dies war aber von vorneherein durchaus nicht voraus- 
zusehen. Schon auf dem 100 Kilometer langen Marsche von Plewna 
bis an den Fufs des Balkans bei Gabrova, der bei einer Kälte von 
18* R. stattfinden mutete, hatte Skobelew durch eine Reihe der 
verschiedensten , wohlüberlegten Malsregeln und durch die aller- 
strengste Marschdisziplin seine vor Plewna den Marschstrapazen ent- 



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282 



Die Russen auf dem Sckipka-Balkan im Winter 1877/78. 



wöhnten Soldaten auf den Gebirgsübergang vorzubereiten gesucht. 
Marsch unfähige Leute (etwa 500) wurden in Plewna zurückgelassen. 
Unter keinen Umständen duldete er Nachzügler. Während des 
Marsches mulste man nach dem Untergange der Sonne thatkräftige 
Mafsregeln ergreifen, dafs sich ermattete Leute nicht niedersetzten, 
einschliefen und erfroren. Besonderes Augenmerk wendete er dem 
während der langen Belagerung heruntergekommenen Schuhwerke 
zu. Mit berechneter Umgehung der Zwischeninstanzen hatte sich 
Skobelew vom Hauptintendauten 10000 Paar Schuhe erbeten. Davon 
erhielt er 7000 Paar. Sie waren aber schlecht, denn von vielen 
Stiefeln fielen die Sohlen ab, so dafs die Leute vorzogen, lieber ihre 
alten Schuhe auszubessern. Die Truppen sollten für warme Strümpfe 
(Socken) oder Fufslappen aus weichem bulgarischen Tuche sorgen 
und dieselben möglichst mit Gänse- oder Sehweinefett einreiben. 
Die Lappen erwiesen sich dauerhafter und vorteilhafter als die 
Strümpfe. Unbedingt sollten die Kommandeure verlangen, dafo die 
Soldaten ihre FUlse wüschen. Auch sollten die Abteilungen immer 
einen Vorrat von Talg haben, um die Füfse einreiben zu können. 
Die von den Regimentsdepots bestellten Halbpelze trafen nicht mehr 
rechtzeitig ein. Man konnte aber unterwegs in Tirnova eine Anzahl 
einkaufen und den Vorrat einer anderen Division Ubernehmen. Die 
Truppen verzichteten aber auf letztere, da man sie nicht von Un- 
geziefer rein machen konnte. Hingegen erhielt man durch die Gesell- 
schaft vom roten Kreuze und durch Einkäufe eine bedeutende Menge 
von Unterjacken, die sich unter dem Kocke getragen besser erwiesen 
als die Halbpelze. Aus eingekauftem Tuche machte man Unter- 
hosen. In der Kompagnie erhielten 80 Mann warme Handschuhe. 
Da Train-Fuhrwerke nicht mitgenommen werden sollten, sorgte man 
rechtzeitig für Packpferde, von denen an 2000 Stück notwendig 
waren, und fiir die notwendigen Packsättel. Letztere konnten nicht 
in genügender Anzahl aufgetrieben werden. Pferde ohne Packsättel 
mulsten darum mit Säcken u. dergl. beladen werden. Die Tornister 
waren mit allem unnötigen Inhalte, auch dem zweiten Stiefelpaare, 
in Plewna zurückgelassen worden, und man hatte für den Marsch 
Rückensäcke angefertigt. Das reichliche Schanzzeug (beim Regiment 
500 Spaten und 175 Axte) mufste von den Leuten getragen werden} 
es gab aber keine praktische Tragvorrichhmg. Die Leute machten 
es mit kleinen Stricken fest, wurden aber dann beim Marschieren 
behindert. 

Am 4. Januar hatten die Truppen dieser ,Jmetli- Kolonne'' 
den Nordabfall des Balkans und zwar Gabrova und die umliegenden 
Ortschaften erreicht. Die am weitesten vorgeschobenen Orte waren 



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Die Russen anf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



283 



Seleno Drevo und Toplis; im letzteren lag das Hauptquartier. Bis 
hierher, 12 km von Gabrova, hatten auch noch Büffel wagen folgen 
können. Es erfolgten nun noch besondere Anordnungen für den 
Übergang selber. Für jedes Gewehr wurden 172 Patronen mit- 
genommen; davon sollte der Mann 96 Stück in besonders weichen 
Patrontaschen tragen, den Rest das Packpferd. Auch von der auf 
8 Tage bestimmten Verpflegung trugen die Mannschaften die Hälfte. 
(Die Verpflegung bestand aus: Thee, Zucker, Zwieback, Konserven, 
Grütze, Laach, Pfeffer und Salz.) Die Packpferde trugen auch 
Spiritus, und zwar für den Mann l 1 /, Glas im Tage. Die Feldkessel 
blieben in Gabrova; das Essen sollte in den Feldflaschen bereitet 
werden. Man rechnete für den Mann 1 Pfd. Fleisch im Tage. 
Hierzu wurden auch Rinder und für jedes Regiment 15 Schweine 
mitgetrieben. Die Soldaten hatten ferner Reisigbündel und trockene 
Scheite mitzunehmen. Man wollte versuchen, die Batterien zunächst 
auf Rädern zu transportieren, man hielt aber auch für jedes Geschütz 
3 Schlitten bereit (je einen für Rohr, Laffete und Protze). Die 
Artilleriemunition gedachte man ebenfalls auf Schlitten oder durch Pack- 
pferde zu transportieren. Hierzu brauchte die Feldbatterie 104 Pferde. 
Jede Kompagnie bekam 3 Pferde für die Patronen, ein weiteres 
Pferd für den Transport des Spiritus. Jedes Regiment erhielt über- 
dies noch 6 Pferde für die Apotheke und für Kranke oder Ver- 
wundete. Von den Einwohnern requirierte man hölzerne Spaten zu 
den Schneearbeiten, ferner Laternen. Skobelew besichtigte nochmals 
persönlich alle Abteilungen, beriet sich mit den Kommandeuren, 
sprach mit den Offizieren, ermutigte die Soldaten und scherzte mit 
ihnen. Die so bestimmt gehaltenen Befehle, die gute Gemütsstimmung 
des Führers und seine Fürsorge wirkten sehr beruhigend auf die 
Truppen und flöfsten ihnen Hoffnung auf das Gelingen der Unter- 
nehmung ein. Alle Truppen waren von unbegrenztem Vertrauen zu 
ihrem Kommandeur durchdrungen. 

Am 4. Januar erging der Befehl, dafs die Imetli-Kolonne am 
5. abends den Marsch in der Richtung auf Imetli zu beginnen habe. 
In seinem Befehle forderte Generalleutnant Skobelew in warmen, 
tiefempfundenen Worten die Offiziere des Detachements auf, die 
gröfste Fürsorge für die Manuschaften zu haben und ihnen in schweren 
Augenblicken ein Vorbild zu sein. Er schlols mit den Worten: 
„Bringt den Soldaten die thatsächliche Überzeugung bei, dafs Ihr 
für dieselben aulserhalb des Gefechtes väterlich sorgt, dafs Ihr in 
dem Gefechte die Kraft seid , — und nichts wird Euch un- 
möglich sein." 

Über den Weg von Toplis und Seleno Drevo nach Imetli hatte 



2S4 



Die Russen auf dem .Schipka-Balfcan im Winter 1877 78. 



Skobelew rechtzeitig und eingehend Erkundigungen eingezogen: diese 
bezogen sich aber beinahe nur auf die Beschaffenheit im Sommer 
und Herbst Eine im August abgeschickte Patrouille von 40 Kasaken 
erklärte den Weg gangbar für alle Waffen. Der Führer einer bul- 
garischen Drushine erstieg im August mit Freiwilligen den Pals 
und bezeichnete ihn als „erschrecklich". Mitte November führte ein 
Oberstleutnant mit 3 bulgarischen Führern und 4 Kasaken nach 
starkem Herbstregen eine kühne Rekognoscierung aus, gelangte bis 
auf die Pafshöhe und brachte Meldungen mit. die richtig und für 
den Aufstieg verwendbar waren. Ende November erkletterten 
2 Offiziere mit Freiwilligen abermals den Pafs und erklärten den 
Weg nach Imetli für passierbar. Als bereits tiefer Schnee gefallen 
war, meldete eine auf Erkundung abgeschickte Kasaken-Patrouille. 
die bis zur Hälfte des Anstieges gelangt war, dafs der Marsch 
möglich wäre, wenn der Weg gebahnt würde. Überdies befand 
sich beim Stabe des Generalleutnants Skobelew der bulgarische 
Patriot Slawpikow, das Haupt der bulgarischen Kundschafter und 
Spione, der Uber die Wege im Balkan und ihre Gangbarkeit 
auch bei Schneeverhältnissen völlig orientiert war. Dören seine 
nach allen Richtungen zerstreuten Kundschafter war er imstande, 
über alles, was auf dem Balkan oder jenseits bei den Türken 
geschah, Nachrichten zu erbringen. Trotz aller dieser Verhältnis- 
mälsig nicht ungünstigen Nachrichten bot aber der Übergang nach 
Imetli doch sehr grolse Schwierigkeiten, namentlich wegen des tiefen 
Schnees, — er lag 1— 2 m hoch — , was man bei der Erkundung 
nicht hatte vorher sehen können. Auf solchem Wege und bei ähn- 
lichen Schneeverhältnissen wird bisher wohl noch Niemand den Balkan 
überschritten haben; es galt bislang für unausführbar. Auch beiden 
Türken hatte man diese Ansicht. 

Dem Generalleutnant Skobelew standen für den Ubergang zur 
Verfügung: Die 16. Infanterie-Division bestehend aus 4 Regimentern 
(Gl mit 64: „Wladimir, Susdalski. Uglizki, Kasan-'), 3 Schützen- 
Baone, 7 (ziemlich schwache) Drushinen (Baone) der bulgarischen 
Legion, das 9. Kasaken-Regiment verstärkt durch 1 Sotnie Ural- 
Kasaken (also 7 Sotnien). 1 Feldbatterie (6 Gesch.), 1 Gebirgs- 
batterie (8 Gesch.) und 2 Komp. Sappeure. Später, nachdem die 
Kolonne bereits angetreten war, kamen noch 8 Kavallerie-Regimenter 
hinzu. Das waren zusammen 227a Baone = 16000 Mann (15000 
Gewehre, 600 Säbel und 250 Artilleristen mit 14 Geschützen). 

Noch am Abende des 4. Januar und wieder vom Morgen des 
5. an arbeiteten die beiden Kompagnien Sappeure daran, den Weg 
zu bahnen. Am 5. Januar 4 Uhr nachmittags trat die Avantgarde 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 285 

(4 Baone, 1 Kompagnie Sappeure, 1 Sotnie Kasaken) den Marsch 
ins Gebirge an und zwar in folgender Marschordnung: Vorhut- 
Abteilung: einige bulgarische Führer, 20Ural-Kasaken, 12. Schützen- 
Baon; — Gros der Avantgarde: 1. Sappeur-Kompagnie, 3. Baon 
Kasan, 1. und 2. Drushine Bulgaren, Rest der Sotnie. — Der Avant- 
garde sollte später das Gros folgen. — 1 Drushine Bulgaren blieb 
als Rückensicherung zurück. Das Kasaken-Regiment mufste die 
Kolonne in der rechten Flanke auf einem Wege, der Uber die 
Paterestica ging, begleiten. Generalleutnant Skobelew begrülste und 
besichtigte beim Abmärsche jede Abteilung und gab ihr einige er- 
munternde Worte mit auf den Weg. Die Soldaten antworteten mit 
ihrem gewöhnlichen „Radi staratjssa (wir werden uns bemühen)", 
und man fühlte, dafs ihnen damit ernst war. (Das 12. Schützen- 
Baon hatte sich infolge eines Mißverständnisses auf dem Wege zum 
Sammelplatz verspätet. Gleichwohl nahm es Skobelew an die Spitze 
vor, weil er den vorzüglichen Geist dieses Baons kannte. Es dauerte 
aber 2 — 3 Stunden, bis sich die stärksten Offiziere und Mannschaften 
an die Spitze der Kolonne durchgearbeitet hatten. Die anderen 
blieben während der Nacht zwischen den Kompagnien des Kasan- 
Baons). 

Es hatte 10° R. Kälte. Bald hatte die Vorhut den gebahnten 
Weg durchschritten. Der Schnee lag Vj t m hoch und stellenweise 
höher. Die Arbeit des Wegbahnens vollzog sich in folgender Weise: 
Die voranmarschierenden Vorhut-Kompagnien des Schützen -Baons 
traten den Weg etwas aus; die Sappeure und 2 Kompagnien des 
Baons Kasan marschierten Mann hinter Mann auf dem von der Vor- 
hut getretenen Pfade, machten Halt, setzten die Gewehre zusammen 
und begannen dann, mit den Holzscbaufeln den Schnee nach beiden 
Seiten auseinander zu werfen. Dann rückten sie weiter, und die 
rückwärtigen Kompagnien machten den ersten Abschnitt ganz fertig. 
Auf diese Weise entstand ein 2 m tiefer Laufgraben. Man kann 
sich vorstellen, welche Mühe vor allem den Leuten der auf noch 
nicht gebahntem Wege voranmarschierenden Vorhut erwuchs. Leute 
und Pferde glitten aus und fielen. Man kroch auf den Vieren und 
hielt sich an Gesträuchen und Bäumen fest. Die Pferde versanken, 
und die Reiter fielen von den Pferden. In der Folge hielten sich die 
besser zu Fufs marschierenden Kasaken an den Schweifen der 
Pferde fest. 

Nachdem man die Hälfte des ersten Anstieges zurückgelegt 
hatte, eilte das Vorhut-Detachement voraus, um den Pafs zu besetzen 
und gegen die Türken zu sichern. Sie hasteten vorwärts, solange 
die Kräfte reichten, und wenn der Atem ausging, legten sie sich in 



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286 Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 

den Schnee und ruhten. Diese kurzen Halte ohne Kommando fanden 
alle 20—30 Schritte statt. 

Gegen 6 1 /* morgens erreichten oder richtiger erkletterten diese 
Vorhut-Kompagnien die Wiätropol-Ebene; sie hatten zu den 
6 Kilometern 12 Stunden gebraucht. Türken zeigten sich nicht, 
man sah aber die Wachtfeuer in der türkischen Stellung auf der 
Lissaja. Um 11 Uhr morgens war das ganze 12. Schützen-Baon 
oben angelangt; es befand sich, da es wie oben erwähnt, einen 
Umweg gemacht hatte, 27 Stunden unterwegs und hatte nur einmal 
im Schnee eine längere Rast gemacht. Gegen Mittag hatte sich 
die ganze Avantgarde emporgearbeitet. Als dies Skobelew erfuhr, 
zeigte er eiue grenzenlose Freude. Er glaubte, dafs noeh am gleichen 
Tage die Avantgarde Imetli besetzen könnte. Dies gelang aber erst 
in der nächsten Nacht vom 7./8. Januar, denn die angekommenen 
Truppen waren so erschöpft und von Kräften, namentlich das 3. Baon 
Kasan, welches seit 17 Stunden ununterbrochen Weg gebahnt hatte, 
dafs eine Rohe unbedingt notwendig war. Während 3 Baone der 
Avantgarde (12. Schützen-Baon und 2 Drushinen Bulgaren) auf den 
in der linken Flanke liegenden Höhen des Markovi stolbi und 
Karadscha gegen die hier nur 1000 — 1500 m entfernten Türken die 
Sicherung übernahmen, sollten Alle, welche noch am 6. die Wiätropol- 
Hoohebene erreichten, ruhen und daselbst die Nacht verbringen. 
Die zum Sicherungsdienst bestimmten Abteilungen lagen hinter Brust- 
wehren, die aus Schnee hergestellt worden, und die Posten safseu in 
tiefen Schneegruben. Diese Stellung sollte auch den Flankenmarsch 
der Imetlikolonne decken. 

Der Abmarsch des bei Toplis versammelten Gros war natürlich 
für viel später bestimmt; er sollte am 6. Januar 4 Uhr morgens 
begonnen werden. Für die verschiedenen Regimenter wurden auch 
verschiedene Abmarschzeiten befohlen. Die Nacht vorher war nach 
russischem Kalender Weihnachten. Die Regimenter liefsen es sich 
nicht nehmen, wenige Tage vor der Entscheidungsschlacht das Fest 
zu feiern. Der Gottesdienst vollzog sich in den Schluchten des 
Balkans, unter freiem Himmel und in eisiger Nacht. Der General- 
stabschef Kuropatkin erzählt als Augenzeuge von dieser stimmungs- 
vollen, seltsamen Weihnachtsfeier: „Alle umdrängten die kleinen 
Tischchen, auf welchen das Kreuz, das Evangelium und Alles, was 
zum Gottesdienst gehörte, sich befand. Die Stelle der 5 Brote ver- 
traten 5 aus heimatlichem Korne gebackene Zwiebäcke. Die Sterne 
liefsen ihr mildes Licht Uber die im heifsen Gebete begriffenen 
Krieger leuchten. Jeder gedachte vor dem Kampfe derer, die seinem 
Herzen teuer waren ; er wufste ja, dafs auch sie jetzt in der Heimat 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



287 



ihre Gebete für ihn zum Himmel sandten. Einen der Sängerchöre 
leitete ein Major, der nach 3 Tagen bei Scheinovo fiel. 

Nach dem Gottesdienste wurden den Truppen die Befehle ver- 
lesen. Die Stimmung war eine feierliche. Wer konnte, zog reine 
Wäsche an. Trotz der angebrochenen Nacht legte sich beinahe 
Niemand schlafen; man hätte sich auch nur in den Schnee betten 
können. Schon lange vor Tagesanbruch begann das Kasaner 
Regiment, sich zum Aufbrach zu rüsten." 

Die Marschordnung des Gros war folgende: 2. Sappeur-Kompagnie, 
2 Baone Kasan (64.) mit der Gebirgsbatterie, 63. Inf.-Regiment, 
4 Drushinen Bulgaren, 61. Inf.-Regiment, 2 Schutzen-Baone, 62. Inf.- 
Regiment mit der Feldbatterie. An der Spitze und bei jeder Ab- 
teilung waren wieder Bulgaren bereit, für den Fall, dafs man bei 
Nacht, Nebel oder Schneegestöber marschieren mufste. Alle die 
Mühseligkeiten des Aufstieges sollen nicht wiederholt werden. 
Namentlich hielt die Gebirgsbatterie den Marsch auf. Da auf dem 
steilen Weg ein Pferd das 196 Pfund (6 Pud) schwere Rohr nicht 
tragen konnte, transportierte man dasselbe auf Rädern. Trotzdem er- 
reichten die vordersten Baone gegen 2 Uhr nachmittags die Wiätropol- 
Hochebene. Generalleutnant Skobelew langte dort gegen 3 Uhr an. 
Jede Abteilung, die sieb hinaufgearbeitet hatte, — dies ging die 
ganze Nacht durch fort — grub sich seitwärts des Weges im Schuee 
einen Platz zum Nachtlager, indem sie den Schnee bis auf die 
gefrorene Erde fortschaffte. Für den General Skobelew und seinen 
Stab grub man ebenfalls ein Schneeloch von 3 m im Gevierte. Mit 
Untergang der Sonne wurde die Kälte immer heftiger. In Rücksicht 
auf die außerordentliche Ermüdung der Truppen und infolge der 
Befürchtung, dafs durch die Ermüdung und das Fehleu von warmem 
Essen Verluste durch Erfrieren eintreten könnten, erlaubte Skobelew 
Feuer anzuzünden, umsomehr, als die Türken die Anwesenheit der 
Russen bereits bemerkt hatten. Dafs der Übergang einer ganzen 
Kolonne im Werke war, ahnte der Gegner jedoch nicht. Die mit- 
genommenen Scheite bewährten sich trefflich, und rasch kochten die 
Konserven in den Feldflaschen. Viele Leute waren aber so müde, 
dafs sie nicht essen mochten; sie legten sich in den Schnee und 
schliefen fest ein. Wie kräftigend auch ein solcher Schlaf gewesen 
wäre, so mufste man doch die schlafenden Leute von Zeit zu Zeit 
wecken, damit sie nicht erfroren. Noch ein anderer Milsstand trat 
auf: die Leute legten sich so nahe an das Feuer, dafs die Mäntel 
anbrannten, während sie selber weiter schliefen. Das Gepäck der 
Offiziere war zurückgeblieben; die Mannschaften teilten ihre Menage 
mit den Offizieren. Das 63. Inf.-Regiment traf mit 6 Gebirgsgeschützen 



288 



Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



(2 waren mit den Kasanern schon nachmittags angekommen) um 
11 Uhr nachts ein. 

Das 62. Inf.-Regiment, welches die Feldbatterie zu transportieren 
hatte, marschierte in Toplis erst am 7. Januar morgens 4 Uhr weg. 
Jedes Baon erhielt 2 Geschütze zugewiesen. An der Spitze des 
Regimentes marschierten 40 Sappeure, welche, wo es erforderlich 
war, den Weg verbreiterten, Steine fortschafften und Bäume be- 
seitigten. Man hatte verschiedene Versuche des Geschtitztransportes 
gemacht und bewerkstelligte ihn dann auf folgende Weise. Die 
Geschütze wurden mit den Laffeten von den Leuten gezogen, und 
zwar arbeiteten an einem Geschütze gleichzeitig an 100 Mann. Die 
leeren Protzen und Munitionswagen zogen je 80 Pferde; aber es 
war hiebei noch die Hilfe der Infanterie notwendig. Die Geschosse 
hatte man zu je zweien an die Leute verteilt. Diese banden sie 
zusammen und hingen sie sich um den Hals. Leute und Pferde 
kamen von Kräften, und es ging nur langsam vorwärts. Um 8 Uhr 
abends hatte das Tetengeschütz erst 3 km zurückgelegt Man liels 
Fahrzeuge und Pferde auf dem Wege stehen; die entkräfteten Leute 
vergalsen Thee und Abendessen, räumten für sich unweit des W r eges 
den Schnee fort, legten sich hin und schliefen wie Tote. Am anderen 
Tage früh 5»/, Uhr begann diese Riesenarbeit von neuem. Als 
Skobelew von diesen ungeheueren Schwierigkeiten hörte, beschloß 
er, auf die Feldbatterie zunächst zu verzichten, damit das 62. Inf.- 
Regiment rascher nach Imetli gelangen könnte. Die Bulgaren hatten 
dann die Geschütze weiter zu schleppen. (Sie kamen am 9. Januar 
auf die Wiätropol-Hochebene und erst am 12. in das Thal. 6 Mann 
erfroren in dem Schneegestöber, das an den letzten Tagen bei 20° R. 
eingetreten war. Bei dem heftigen Wind hatte man kein Feuer an- 
zünden können. Mannschaften und Offiziere salsen frierend zwischen 
den Felsen; Frost und Schneegestöber liefsen Niemanden schlafen.) 

Am Abende des 6. schickte Skobelew den Befehl zurück, dafs 
auch das Kasaken-Regiment über den Imetli-Pals marschieren sollte. 
2 Sotnien aber hatten das Hochfeld der Pasterestica bereits erstiegen 
und gelangten dann nach kolossalen Schwierigkeiten am 8. morgens 
nach Imetli. Die anderen 4 Sotnien aber nahmen den Weg über 
die Wiätropolska planina. 

Am Nachmittage des 6. waren die Sappeure wieder beschäftigt, 
den Weg weiter zu bahnen. Sobald die beiden dem Gros zugeteilten 
Baone Kasan auf der Hochebene eingetroffen waren und etwas ge- 
rastet hatten, mufsten sie sich ebenfalls an Stelle des 3. Baons an 
den Wegarbeiten beteiligen. Man arbeitete die ganze Nacht durch. 
1. und 2. Baon Kasan bildete jetzt mit einer Sappeur-Kompagnie 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/7b. 289 

die Vorhutabteilung, welcher am 7. Januar um 8 Uhr morgens 
die Avantgarde (Marschordnung: 63. Inf. -Regiment mit 2 Gebirgs- 
gesehutzen, 3. Baon Kasan folgen sollte. Sobald das 63. Inf.- 
Regiment auf die Vorhutabteilung aufschliefsen würde, sollte es die 
Wegarbeiten von den Kasanern Ubernehmen. Die Marschordnung 
des Gros war folgende: 2. Sappeur-Kompagnie, 1 Sotnie Kasaken, 
4 Drushinen Bulgaren mit 6 Gebirgsgeschützen, Kasaken-Regiment, 
61. Inf. -Regiment, 9. und 11. Schützen-Baon, 62. Inf.-Regiment mit 
der Feldbatterie ; (letztere wurde später zurückgelassen). Die schon 
erwähnten 3 Baone verblieben in der eingenommenen Stellung als 
Flankendeckung. 

Die Bahnung des ziemlich steilen Weges hinauf zum Tschufut- 
Berg verzögerte den Marsch nicht wenig, namentlich die vielen Uber 
den Weg liegenden Bäume im Buchenwalde; man beschlofs daher 
einen Uber 1 km langen und 2 m breiten Durchhau herzustellen. 

Mit Tagesanbruch des 7. Januars hatten die ersten Kompagnien 
den Tschufutberg erreicht und begannen nun hinabzusteigen. Anfangs 
war hier der Marsch leicht und der Schnee weniger tief. Bald wurde 
der Abstieg, der sich länger an einem schmalen Gesimse hinzog, 
immer steiler und bildete dann einen „aufserordentlich steilen 
Absturz" von 21 m Tiefe, der sich auf gewöhnliche Weise nicht 
passieren liefs. Die kühnen Leute fingen an, lachend, der eine nach 
dem anderen den Absturz hinunter zu gleiten, der eine auf der Seite, 
der andere, indem er den Mantel unterlegte, und der dritte auf dem 
hölzernen Spaten. Zum Glück liefs der Schnee weich fallen. Nichts- 
destoweniger erhielten Viele ernstliche Verletzungen. Den Pferden 
nahm man das Gepäck ab und liefs dieses an Stricken hinab; die 
Pferde aber stiefs man mit Gewalt hinunter, wobei sie sich mehr- 
mals überschlugen. Von den Pferden, welche man über die Stelle 
wegbringen wollte, ohne dafs man ihnen das Gepäck abnahm, kamen 
viele mit gebrochenen Beinen an. 

Hier von der Stelle des steilen Abstieges aus sab man hinunter 
in die ausgedehnte Ebene südlich des Balkans. Sie war zunächst 
mit grauem Morgennebel bedeckt. Dann zerteilte sich dieser, und 
die Dörfer erschienen als scharf abgegrenzte Punkte. Bald wurden 
die Türken aufmerksam, und es machte sich bei den vorgeschobenen 
Posten ein Hin- und Herrennen bemerkbar. Reiter sprengten wie 
unsinnig in die verschiedenen Richtungen, man hörte Hornsignale, 
und 2 Geschütze kamen herangaloppiert. Die Russen lachten herz- 
haft über die Aufregung der Türken und schickten zunächst 
2 Halbkompagnien vor gegen das Dorf Imetli, das am Fufee des 
Gebirges liegt. Bald hörte man auf den Höhen, dafe unten ein 

Jahrbücher für die Dentache Armee und Marine. Bd. US. S. 19 



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290 Di« Ru8Äen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 

Feuergefecht begonnen hatte. Ein Baon Türken erstieg die Berge 
in der linken Flanke, während abgesessene Tscherkessen und Baschi- 
bozuks rasch die Felsen und Höhen in der anderen Flanke erkletterten. 
Die Lage der Vorhutabteilung, die sich auf den Höhen gegenüber 
Imetli festgesetzt hatte, war bedenklich; es gab bedeutende Verluste. 
Dies geschah zwischen 9 und 10 Uhr morgens. Die Verstärkungen, 
zunächst die beiden den Weg bahnenden Kompagnien, dann durch 
die Avantgarde, kamen ziemlich spät in die Gefechtslinie und nur 
nach und nach, einmal des tiefen Schnees wegen, da der Weg hier 
nicht mehr gebahnt war, und dann weil Alle erst den „steilen Ab- 
stieg" passieren mulsten. Die Russen hatten in der ersten Zeit Alles 
aufzubieten, um die vorgeschobene Stellung halten zu können. Von 
Mittag an beschränkten sich die Türken darauf, die Russen lebhaft 
von 3 Seiten zu beschiefsen. Auch ganz oben, auf der Lissa ja, 
rührten sich die Türken und eröffneten ein Geschützfeuer auf die 
schmale Kolonne, trafen aber den engen Weg nicht. 

Generalleutnant Skobelew gab die nötigen Befehle, dafs die im 
Gefecht befindlichen Abteilungen baldigst Verstärkung erhielten und 
eilte für seine Person auf dem von Infanteriefeuer stark gefährdeten 
Wege nach vorwärts. Vorne angelangt genügte ihm ein einziger 
Blick auf die tapferen Verteidiger der vorgeschobenen Stellung, um 
die ganze Schwere ihrer Lage zu erkennen. Die stundenlang auf 
das äufserste gebrachte nervöse Anspannung hatte ihre Wirkung 
gethan, denn das Erscheinen des beliebten Kommandeurs machte gar 
keinen Eindruck. Man fühlte, dafs Viele die Fassung verloren hatten, 
und Andere, vielleicht die besten, gleichgültig geworden waren. Die 
Schwerverwundeten und Toten lagen überall in ihren Stellungen; 
man konnte sie nicht wegtragen. Das Eingreifen Skobelews war 
nun für seine Art und Weise sehr charakteristisch. Er begrüfste die 
Kasaner mit lauter Stimme; es antworteten aber nur einige. „Was 
soll das heiisen?" rief der General, „seid Ihr die Kasaner, die ich 
sehe? Habt Ihr vielleicht im Feuer zu antworten verlernt? Ich glaube 
nicht. Ihr seid dieselben Baone, die Ihr bei Lowtscha und Plewna 
wäret Hört mich und antwortet mir laut und alle zugleich! Guten 
Tag, brave Kasaner!" Laut und energisch erscholl die tönende 
Stimme des Generals. Seine Worte hatten die Soldaten aufgeweckt, 
und nun antworteten diese laut und fast alle zugleich. Neuer Mut 
und Kampffreudigkeit war in den Stimmen der Antwortenden zu 
erkennen, und Skobelew beruhigte sich wieder. Das war bereits 
spät am Nachmittage. Man konnte später gegen Abend noch zum 
Angriffe tibergehen und den Gegner aus den Flankenstellungen ver- 
treiben. Dann setzte man den Abstieg fort und besetzte das von 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



291 



den Türken geräumte Dorf Imetli. Gegen 2 Uhr nachts waren da- 
selbst 12 Kompagnien (Kasan). 

Im Dorfe fand man willkommene und namhafte Vorräte, nament- 
lich an Vieh, Geflügel und Mehl. Es kam auch Rosenöl zum Vor- 
schein, womit die Soldaten und Kasaken ihre vom Schnee rot ge- 
wordenen Stiefel schmierten, ohne sich etwas zu denken; (das Kilo 
wird im Handel mit 1000 Fr. bezahlt). Das 63. Inf.-Regiment 
biwakierte unweit Imetli, aber noch im Gebirge. Zum steilen Ab- 
stieg kamen im Laufe der Nacht die Kasaner, die Gebirgsbatterie, 
4 Drushinen Bulgaren und ein Teil des 61. Inf.-Regiments. Nament- 
lich die Gebirgsbatterie verursachte ganz beträchtlichen Aufenthalt; 
was hinter derselben marschierte, war gezwungen, Halt zu machen 
und zu biwakieren. Alles, was zur Batterie gehörte, mufste man 
mit Stricken hinunterlassen, auch die Pferde. Die Sappeure hatten 
einige Stufen einbauen können, auf welche man sich bei dieser 
Arbeit stellte; auch einige Bäume, die auf den Felsen standen, er- 
leichterten den Abstieg. An das eine Ende der Taue band man 
Pferde, Rohre, Lafteten, Protze, Munitionskästen u. s. w., das [andere 
schlang man um die Bäume und liels allmählich los. Viele Pferde 
stiefs man auch wieder mit Gewalt hinunter. Die Batterie erhielt 
viele verletzte Pferde und Leute. 

Generalleutnant Skobelew biwakierte am Fufse des steilen Abstieges. 
Nachts erhielt er Meldung, dafs noch 3 weitere Kavallerie-Regimenter zu 
seiner Kolonne stofsen und am 8. Januar von Gabrova aufbrechen würden. 

Im Laufe des 8. Januar trafen in Imetli ein: zunächst das nah 
herangekommene 63. Inf.-Regiment, dann die 5 Sotnien Kasaken, 
bald darauf auch die beiden anderen Sotnien, welche, wie erwähnt, 
die westliche Umgehung ausgeführt hatten, (las 61. Inf.-Regiment 
(2 Baone), die Gebirgsbatterie und 1 Schützen-Baon. Um 2 Uhr 
nachmittags, als auf der anderen Seite das Gefecht der Kolonne des 
Fürsten Mirski seinen Höhepunkt erreichte, hätte Skobelew 9 Baone, 
8 Geschütze und 7 Sotnien zur Verfügung gehabt. Diesen gab er 
nm die genannte Zeit auch den Befehl, gegen die Türken bei 
Schrinovo vorzugehen, unternahm aber doch keinen Angriff, sondern 
beschränkte sich nur auf eine ,,Scheiubewegung u . Um die Zeit der 
Dämmerung nahm das Feuer bei der Kolonne des Fürsten neuerdings 
an Heftigkeit zu; die Unthätigkeit herüben auf der Skobelew-Seite 
erregte bei Allen ein peinliches Gefühl. Jedenfalls hätte das Ein- 
greifen der Imetlikolonne die augenscheinlich bedrängte Lage der 
anderen Kolonne wesentlich erleichtert 1 ; Später schwieg das Feuer, 

! ) Warum Skobelew nicht eingriff? Vergl. Kuropatkin III S. 108. Kuropatkin 
steUt das zurückhaltende Benehmen seines Chefs so günstig als möglich dar. 

19* 



292 



Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



und Skobelew ging gegen 6 Uhr mit den Seinen nach Imetli zurück. 
Während der Nacht stiegen noch vom Gebirge nach Imetli nieder: 

1 Baon 61. Inf.-Regiments, 1 SchUtzen-Baon, 3 Drushinen Bulgaren 
und Train- Abteilungen. Es fiel Schnee. Am Morgen des 9. Januar 
kamen noch 2 weitere Drushinen, das eine der nachgeschickten 
Kavallerie-Regimenter (die beiden anderen langten erst nachmittags 
an und konnten in das Gefecht nicht mehr mit eingreifen) und mittags 
endlich auch noch das 62. Inf.-Regiment. Auf der Höhe zum Schutze 
gegen die Lissaja war nur 1 Drushine Bulgaren verblieben und 
das 12. SchUtzen-Baon. Dorthin hatte man um diese Zeit auch noch 

2 Geschütze der Feldbatterie gebracht. (Die zuletzt genannten beiden 
Baone und die in Seleno Drevo verbliebene Drushine mulsten 
später die Feldbatterie Uber den Balkan schleppen.) 

Am 9. Januar gegen 8 Uhr morgens wurden die Truppen 
(15 Baone, 11 Sotnien, 8 Geschütze) aus Imetli in das Gefecht vor- 
gezogen. Nach den hartnäckigen, aber nicht immer erfolgreichen, 
blutigen Stürmen der Russen stellten die Türken zwischen 3 und 
4 Uhr den Widerstand ein. Der türkische Befehlshaber Wessel 
Pascha kapitulierte und willigte dann auch in die Forderung, dals 
sich die noch im Gebirge stehenden Truppen ebenfalls gefangen 
geben sollten. Die Zahl der Türken, die sich in der Ebene ergaben, 
betrug 15000 Mann mit 36 Geschützen. Die Imetlikolonne hatte 
290 Offiziere und 1200 Mann (einzelne Baone 50°/ 0 ) verloren. Der 
Verlust der Türken soll an Toten und Verwundeten an 4 — 5000 
Mann betragen haben. 

Die am Schlüsse des vorhergehenden Kapitels ausgesprochene 
Mutmalsung, dafs Generalleutnant Skobelew am 8. Januar der Kolonne 
des Fürsten Mirski absichtlich keine Hilfe geleistet habe, kann durch 
das Folgende noch eine Bekräftigung finden. Am 7. Januar nach- 
mittags 3 Uhr hatte Skobelew folgenden Befehl Radetzkis erhalten: 

„ E. Excellenz wollen gemäfs der früheren Direktiven Imetli 

besetzen und am 8. Januar auf das Dorf Scbipka vorrücken und 
den Feind angreifen. ." Als Autwort schickte Skobelew um 

3 Uhr 30 Min. eine Meldung, welche auf die ungeheuren Schwierig- 
keiten des Abstieges und Debouchierens hinwies und sagte, dafs er 
morgen noch nicht alle Truppen werde verwenden können aber 
„ — — morgen um Mittag greife ich das Dorf Schipka mit den 
Kräften an, welche ich zusammenbringen kann. Wenn Mirski früher 
angreifen sollte, so unterstütze ich ihn auf jeden Fall mit allem, 
was ich zur Hand habe." 1 ) Eine von ihm um 1 Uhr nachts ab- 



■) Kuropatkin III. S. 88. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



293 



geschickte Meldung enthielt folgende Stelle: „ Ich werde, so- 
weit es von mir abhängt, alles thun, um die Türken morgen am 
Abend anzugreifen; aber auf jeden Fall und — mag es sein, wann 
es will — unterstütze ich, wenn ich den Angriff der linken Kolonne 
sehe, denselben, wenn ich auch nur über geringe Kräfte ver- 
füge. — — "*) Skobelew hatte die erhaltenen Befehle nicht aus- 
geführt und nicht gethan, was er wiederholt versprochen. Oberst 
tod Endres sagt: 3 ) „Die glänzende militärische Begabung Skobelews, 
die zweifellos den höchsten Aufgaben gewachsen war, ist von 
Charaktereigenschaften begleitet, die an den rücksichtslosen Ehrgeiz 
und die listige, gewissenlose Verschlagenheit eines Napoleon des I. 
erinnern. •* 

Beim Gefechte von Scheinovo mag man noch das taktische 
Kuriosum beachten, dafs die Russen beinahe keine Artillerie (bei 
jeder Kolonne nur je eine Gebirgsbatterie) zur Verfügung hatten. 
Bei den Türken waren 35 Geschütze in Thätigkeit. 

Versuch des Generalleutnants Radetzki am Gefechte 
bei Scheinovo Anteil zu nehmen. 3 ) 

Mit den letzten Tagen des Dezember war die zu jedem Dienste 
anfabige 24. Division durch ein Regiment (53.) abgelöst und in 
ruhigere Kantonnements nach Gabrova zurückgeschickt worden. Auf 
dem Schipkapasse verblieben für die nächste Zeit 15 Baone und 
2 Kompagnien Sappeure. Davon sollte die Hälfte, sobald die beiden 
Umgehungskolonnen die Türken in der Ebene angreifen würden, 
vom Schipkapasse frontal hervorbrechen und in den Kampf unter- 
stützend eingreifen. Das wichtigste war wohl, hierzu den geeigneten 
Moment zu erfassen. Eine telegraphische Verbindung hatte man 
nicht hergestellt; man war also auf die in grolsen Umwegen ein- 
laufenden Meldungen und auf die Augen des Beobachtungspostens 
angewiesen. 

Zwischen dem Sv. Nikola und dem Dorfe Schipka neben der 
abfallenden Palsstrafse hatten die Türken schon im Sommer ein 
ausgedehntes und widerstandsfähiges Werk errichtet. Seitwärts des- 
selben gingen steile Hänge und rückwärts, d. i. südlich, die Pals- 
strafse in die Tiefe. Die Russen mufsten also unter allen Um- 
ständen Uber diese Palssperre hinwegschreiten. Dieses Werk hatte 
folgende Beschaffenheit. 430 m von den russischen Werken auf dem 

J ) Kuropatkin IH. S. 89. 

s ) J. v. H., Anleitung zum Studium der Kriegsgeschichte, Ergänzungs-Bd. 
S. 825. 

3 ) Vergl. Springer VII. S. 178, 244, 267 u. f. Kuropatkin III. S. 187 u. f. 



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29-1 



Die Rassen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Sv. Nikola entfernt befanden sich einige kurze Schützengräben und 
eine Anzahl Schützenlöcher für die Posten, welche zum Schutze der 
rückwärtigen Werke aufgestellt waren. Dahinter lagen eine ziemlich 
ausgedehnte Verschanzung (Retranchement) mit vorgelegtem tiefen 
Graben, dessen Böschungen mit Eis bedeckt waren, noch weiter 
dahinter eine ahnliche Linie und ganz rückwärts (vom Sv. Nikola 
aber nur 850 m entfernt) Batterien fllr 14 Mörser und 4 „weit- 
tragende" Geschütze. Schliefslich kam noch ein Lager für die Be- 
satzung. Zwei sehr lange und starke Laufgräben deckten die 
Flanken. Die Gesamtlinie der Front betrug etwas mehr als 200 Schritt 
Das Werk wurde annähernd von 5 Baonen Infanterie verteidigt. Die 
türkischen Batterien im Osten, namentlich „Neunauge" und „Krähen- 
nest" konnten auf etwa 2500 m (nach der Skizze von Kuropatkin 
sogar auf ein um den 3. Teil geringere Entfernung) das Vorgelände 
des türkischen Werkes bestreichen und einen anlaufenden Gegner 
im Rücken fassen; letzteres auch von der Lissaja gora aus. 

Am 8. Januar sah man vom Sv. Nikola aus, dafs die r Travna- 
Kolonne" (Fürst Mirski) den Angriff begann, von der „Iraetli-Kolonne" 
( Generalleutnant Skobelew) jedoch nahm man nichts wahr. Während 
der Nacht kamen zwei Meldungen. Fürst Mirski meldete das statt- 
gefundene Gefecht: „ — — Ich bin in einer überaus schweren Lage. 
Unterstützung. Patronen und Verpflegung sind notwendig. — — 44 
Skobelew, der gegen die Instruktion und gegen seine eigene Meldung 
doch nicht eingegriffen hatte, schrieb, dafs er am folgenden Morgen 
beabsichtige, Scheinovo anzugreifen. 

Am Morgen des 9. Januar sah man schon vor Tagesanbruch 
an dem Auiblitzen des Gewehrfeuers, dals Fürst Mirski wieder im 
Gefecht stehe. Die für den Sturm bestimmten Truppen wurden auf 
den Sv. Nikola geführt, wo sie, gedeckt aufgestellt, den Befehl zum 
Vorrücken abwarten sollten. Bei Tagesanbruch bedeckte ein dichter 
Nebel das ganze Gelände, man bemerkte darum auch nicht, dals die 
Truppen Skobelews gegen Dorf Schipka vorgingen. Zudem hatte 
sich ein starker Wind erhoben, welcher verhinderte, dafs man das 
Schiefsen vom Thale herauf hörte. Beobachtungsposten meldeten, 
dafs man auf der Skobelew-Seite dann und wann Salven und einzelne 
Kanonenschüsse hörte. Man konnte wohl vermuten, dafs Skobelew 
ebenfalls ein Gefecht begonnen habe. Gewifsheit hatte man aber 
nicht. Möglicherweise waren die Türken im Gebirge mit Zurück- 
lassung einer schwachen Besatzung im Schutze des Nebels den Ihrigen 
unten in der Ebene zu Hilfe geeilt; denn dort war wahrscheinlich 
die Entscheidungsschlacht im Gange oder wenigstens in der Vor- 
bereitung. Die „Schipka-Kolonne" hatte aber die Aufgabe, das Ein- 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 295 

greifen der im Gebirge liegenden Truppen zu verhindern. Es wurden 
qualvolle Augenblicke, welche Generalleutnant Radetzki, dem die 
Meldung Mirskis seit Stunden in der Hand brannte, und seine 
Generäle oben in der furchtbaren Ungewilsheit durchlebten. Radetzki 
wollte nicht länger untbätig bleiben und setzte den Beginn des An- 
griffes auf 12 Uhr mittags fest. 

Der Angriff auf die türkische Stellung, welche den Abstieg vom 
Passe auf der Stralse nach Dorf Schipka sperrte, war sehr schwierig 
und kostete voraussichtlich bedeutende Opfer. Die kurze Strecke bis zu 
den türkischen Werken konnte man beinahe nur als lange Kolonne 
auf der 7 Schritte breiten Strafse und unmittelbar nebenan durch- 
schreiten. Die steilen, daneben abfallenden Hänge, deren Gang- 
barkeit man nicht kannte und die unter feindlichem Geschützfeuer 
standen, konnte man nicht gut benutzen. Man bildete aus 4 Baonen 
drei Sturmkolonnen, von denen die Hauptkolonne auf der Strafse, 
die anderen davon westlich vorgehen sollten. Dahinter standen 
4 Baone als Spezial- und allgemeine Reserve. Allen Kolonnen sollten 
Freiwillige vorangehen. Als im Podolischen Regimente Freiwillige 
Torgerufen wurden, traten die drei Schützenkompagnien vollzählig 
mit ihren Führern vor. Eine Vorbereitung des Angriffs durch Feuer 
fand nicht statt. Der dichte Nebel verdeckte sowohl die Stellung 
der Türken als auch das Vorgehen der Russen. Letztere wulsten 
durchaus nicht, auf welche W r erke sie stolsen würden und wie diese 
beschaffen wären. 

Punkt 12 Uhr traten die Russen an und gingen so leise vorwärts 
dafs sie unbemerkt bis fast dicht an die erste Verteidigungsstellung 
(die Schützengräben) hinkamen. Die vordersten Kompagnien stürzten 
sich unter Hurrah auf die vorgeschobenen Türken, welche flohen; 
die Gräben waren genommen. Auf dieses Hurrahschreien hin er- 
öffneten aber die Türken ringsum das Feuer. Hageldicht flogen die 
Geschosse auf den schmalen Geländestreifen, welchen die russischen 
Baone durchlaufen mufsten. Nichtsdestoweniger stürzten sich die 
Russen im vollen Laufe auf die Hauptbefestigung der Türken. Hier 
erwartete sie aber eine verhängnisvolle Überraschung: ein tiefer 
Graben, dessen Böschungen mit Eis bedeckt waren. Einen Augen- 
blick gerieten die Leute in Verwirrung, dann aber kletterten die 
tapfersten nach oben, indem einer dem andern half. Aber die einen 
fielen wieder herunter und die anderen wurden getötet. Überdies 
hielten die Türken den Graben unter Gewehr-, Geschütz- und Mörser- 
feuer. Die Bomben, welche in den Graben fielen, richteten entsetz- 
liche Verheerungen an. Die Leute begannen wohl, Stufen einzu- 
hauen, aber alle Versuche, nach oben zu kommen, waren erfolglos. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



Ähnlich erging es den drei Kolonnen. Die Speziaireserve rlickte 
vor und ein Teil der Generalreserve; sie vermehrten aber nur die 
Opfer, denn kaum hatten sich die Leute in ihren Deckungen erhoben, 
als sie massenhaft tot oder verwundet hinsanken. Trotzdem ge- 
langten die Baone auf der blutigen Fährte ihrer Kameraden eben- 
falls bis zum Graben. Aber auch sie konnten ihn nicht überwinden ; 
sie wurden niedergestreckt, ohne den Türken Schaden zu thun. Ein 
letzter Versuch mifslang ebenfalls. Die ganze Strafse war jetzt 
buchstäblich mit Toten und Verwundeten bedeckt; es machte den 
Eindruck, als ob eine Marschkolonne Halt gemacht und sich zur Rast 
niedergelegt hätte. Um 3 Uhr gab Generalleutnant Radetzki mit 
schwerem Herzen den Befehl, keine Verstärkungen mehr vorrücken 
zu lassen und allmählich den Rückzug zu beginnen. 

Gegen 4 Uhr kam vom Fürsten Mirski eine neue (10 Uhr 
morgens abgesendete) Meldung, welche sagte, dafs von Imetli her 
nach wie vor nichts zu hören wäre, die Verluste grofs seien, und 
man an den Rückzug denken müsse. Diese Nachricht vergrölserte 
nun noch die gedrückte Stimmung des Generalleutnants Radetzki. 
Es erschien mehr als wahrscheinlich, dafs die ganze Operation gegen 
die Türken am Schipka mit einem Mifserfolge enden werde. In 
dieser qualvollen Stunde hörte man plötzlich ein Hurrahrufen, welches 
sich rasch näherte. Es kam von den weiter vorwärts beschäftigten 
Sanitätssoldaten, und die Russen, welche es hörten, hatten es auf- 
genommen. Man sah nämlich in der Dämmerung des zu Ende gehenden 
blutigen Tages das Herankommen eines von Skobelew abgesendeten 
Generals, den ein türkischer Parlamentär begleitete. Letzterer über- 
brachte einen schriftlichen Befehl Wessel Paschas, dafs auch die 
Türken im Gebirge die Waffen zu strecken hätten. Es waren an 
10000 Türken mit 66 Geschützen. Es läfst sich denken, welche 
unermelsliche Freude sich nun Aller bemächtigte. Das grofse Opfer 
des Sturmangriffes hatte man aber umsonst gebracht. Gleichwohl 
mufs der Entschluls Radetzkis, seinen Angriff mit grolsem Nach- 
drucke auszuführen, vollkommen gerechtfertigt erscheinen. Die Ver- 
luste in dem nur dreistündigen Gefechte betrugen 1700 Mann; hier- 
von trafen auf das eine Regiment „Podolieir' 17 Offiziere und 
1056 Mann. — 

Der Ubergang Uber den Balkan mitten im strengsten Winter 
und auf Wegen, welche um diese Zeit die Türken für ungangbar 
hielten, war demnach vollständig gelungen. Das Resultat Uberstieg 
auch alle Erwartungen. Damit hatte endlich der Aufenthalt auf den 
unwirtlichen, eisigen Höhen aufgehört. Leicht gelang es nun, durch 
die Vereinigung mit der Armee des Generalleutnants Gurko die 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



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Türken unter Snleiman Pascha zurückzudrängen. Der Weg nach 
Adrianopel und dem Marraora-Meere war frei. Der Friede von San 
Stefano (3. März ) beendigte den Krieg. 

Rückblick vom Sveti Nikola. 

Es war der 17. Oktober, ein warmer Sonnentag, als ich auf 
dem äufsersten Vorsprunge des Sv. Nikola: dem Orlinoje gnjesdo 
(Adlerhorst 1405 ra) stand und, ehe ich meine Wanderung fortsetzte, 
das Panorama des seltsamen Gebirgsabschnittes nochmals vor meinen 
Augen vorüberziehen liefs. Dort drüben im Osten über die mit 
niederem Eichengestrüpp bewachsene, tiefe Einsenkung hinweg erhebt 
sich der mit dem Passe gleichlaufende Gebirgsrücken, welcher die 
drei ausgesprochenen Gipfel Mali Brodek (1359 m), Sacharnaja gora 
(d. i. Zuckerhut, 1326 m) und Sosok gora (1256 m) bildet. Darauf 
standen drei türkische Batterien, darunter ,.Dewjatyglazka, d. i. Neun- 
auge" (so genannt wegen ihrer neun Scharten) und „Woronje gnjesdo, 
d. i. Krähennest." Unten in der Schlucht entspringen frische Quellen, 
welche dann der jungen Jantra zuflielsen. Unter den kleinen Wassern 
ist die „Quelle des Todes" bekannt geworden an den heilsen Sturm- 
tagen Suleiman Paschas. Gegen Norden zieht der Schipkapafsrücken 
mit unregelmälsigen Windungen und mehrmals ein weniges an- 
steigend, im ganzen aber sich immer mehr senkend, vorUber an den 
Batterien der Centraihöhe, Uber das Kaijskaja dolina, d. i. Paradiesthal 
bis zum Schipka- und Telegraphenberg. Dann fällt die Strafse steil 
hinunter und geht beinahe eben weiter gegen Gabrova. Dort vom 
Telegraphenberge hat man den Blick auf das Gewirr der mit Eichen 
und Buchen bewachsenen, von tiefen Einschnitten getrennten Höhen 
des nördlichen Balkans. Die roten Dächer von Gabrova kann man 
noch deutlich erkennen. Dort lagen die Reserven; von dort kamen 
die notwendig gewordenen Verstärkungen und Ablösungen, auch alle 
Zufuhren, im Winter sogar das Holz. Im Nordwesten, aber für das 
Auge nicht wahrnehmbar, liegen die Gebirgsdörfer Zeleno Drevo 
(d. i. grüner Baum) und Toplis , von wo aus die Kolonne des 
Generalleutnants Skobelew den Übergang begann. Dichte Laub- 
wälder und tiefe Schluchten sind hier überall allen militärischen Unter- 
nehmungen hinderlich. Im Westen des Palsrückens erheben sich 
der Markovi stolbi (1350 m) und der Karadscha dag (1354 m) und 
verdecken die nur um geringes niedrigere, ausgedehnte Hochfläche 
des Wiätropol (1248 m). Diesseits des Markovi steigt das Gelände 
zur vielgenannten Lissaja gora (d. i. kahler Berg, 1504 m) an und 
senkt sich dann zum Jechil tepe (d. i. Waldberg, 1406 m) und zur 
Centraihöhe (1352 m), bildet also die bequemste Angriffsstelle auf 



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Die Russen auf dein Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 



die Mitte des Palsrückens. Hier wurde auch erbittert gekämpft. 
Ohne Unterbrechung arbeiteten von den Höhen der Lissaja die türkischen 
Batterien. Der gegen Süden anschließende Tschufut (1525 m), die 
höchste Erhebung weitum, verdeckt den ,,steilen Abstieg", welcher 
der rechten Umgehungskolonne so viele Schwierigkeiten bereitet hat 
Das ganz am Fufse dieses Saumweges gelegene türkische Dorf 
Imetli ist nicht sichtbar. Gerade vor uns. gegen Süden, senkt sich 
die Pafsstrafse in grofsen Windungen, erst allmählich bis zu den 
türkischen Werken und Mörserbatterien, welche Radetzki stürmen 
wollte. Auf dieser Stralse lagen die 1000 niederkartätschten braven 
Podolier, wie in Reih und Glied so im Tode vereint, Opfer des am 
9. Januar unternommenen aber grausam mißlungenen Sturmanlaufes. 
Dann wird die Stralse steiler und sehr steil, bis sie die ersten 
Häuser vom bulgarischen Dorfe Schipka erreicht. Als die Russen 
abzogen, konnten die schweren Geschütze von der Mannschaft nur 
unter Anwendung äufserster Vorsicht mit Tauen in die Tiefe trans- 
portiert werden. Unmittelbar vor dem Dorf Schipka auf domi- 
nierender Höhe neben der Stralse bauen die Russen zur Zeit ein 
grolses Kloster für die vielen auf dem Schipka gefallenen Landes- 
kinder. Am Fufse des Balkans beginnt eine weite Ebene, welt- 
bekannt durch die Rosenfelder von Kazanlik und durchflössen vom 
silberglänzenden Streifen der Tundscha. Auf der lichtbraunen Fläche 
zeigen sich dunkle Flecke, welche Oasen gleichen. Es sind dies 
von dichten Hainen umschlossene Ortschaften, darunter dem Schipka 
gerade gegenüber Schcinovo (Onucurtu), um das Wessel Pascha 
ein befestigtes Lager errichtet hatte. Noch stehen Uberall die sorg- 
fältig erbauten und darum wohl erhaltenen Batterien und Ver- 
schanzungen. Dort erheben sich auch im ganzen Umkreis seltsame 
künstliche Hügel, regelmäfsige bis 20 m hohe Tumuli, Heroeugräber, 
die aus früheren Jahrhunderten, ja zum Teil aus grauer Vorzeit 
stammen. Die Türken hatten mehrere derselben spiralförmig mit 
Schützengräben umwunden und einige sogar mit Geschützen 
besetzt. 

Unseren Augen zunächst liegt das felsige Plateau des Sveti 
Nikola, das nach rückwärts langsam, nach vorwärts (Süden) senk- 
recht abfällt. Es ist nach allen Richtungen durchwühlt und mit Erd- 
aufwürfen bedeckt, den noch sichtbaren Uberresten der dürftigen 
Hüttenbauten und der Deckungen für die Batterien und Ver- 
scbanzungen. Tief sind alle diese Deckungsbauten nicht, denn der 
felsige Boden bot unüberwindliche Hindernisse, und meist mufsten 
Steine , Rasenstücke und Sandsäcke die weitum fehlende Erde 
ersetzen. 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 299 



Was dieser seltsamen Landschalt heute ein eigenartiges Aus- 
sehen verleiht, das sind nicht die vielen Erdbauten, die sich dem 
Auge ja nicht aufdrängen und erst gesucht werden müssen, — 
sondern die vielen blendend weilsen Grabdenkmäler, beinahe durch- 
wegs in der Form von schlanken Obelisken. Am Rande des 
Sv. Nikola sind eine Reihe von Steinen, welche die Regimenter ihren 
Gefallenen errichteten. Hier auf diesem kleinen Fleckchen felsigen 
Bodens haben ja die erbitterten Stürme Suleimans stattgefunden 
und die fanatischen Angriffe seiner „Geweihten". Hier sind die drei 
Regimenter der 24. Division in den bluterstarrenden Schneestürmen 
des Dezembers zu Gruude gegangen. Dort am Fufse des Plateaus 
an der Strafse, von unserem Standpunkte nur einige hundert Schritte 
entfernt, umfrieden weifse Mauern einen grofsen Friedhof. Dort ruhen 
Hunderte und Hunderte in grofsen gemeinsamen Gräbern , auch 
viele Offiziere unter den gleichmälsigen, schön gearbeiteten Stein- 
wilrfeln. In der Mitte erhebt sich ein grofses Denkmal, das Pyra- 
miden von Granaten, die mit eisernen Ketten verbunden sind, ab- 
schliefsen. Wie die Inschrift sagt, hat es Czar Alexander seinen bis 
zum Tode getreuen Landeskindern errichtet. Weitere Obelisken, 
welche an die Gefallenen erinnern sollen, stehen auf dem blut- 
getränkten Boden, welcher der Lissaja gora gegenüber liegt, und 
am Ende des Palsrückens am Telegraphenberge, der zur Ruhe-Zone 
gehörte, war wiederum ein grolser Friedhof notwendig geworden. 
Auch unten im Thale bei Scheinovo sieht man eine grofse Anzahl 
von grün bewachsenen kleineren Hügeln ohne Stein und Schrift. 
Dort haben die Türken ihre Gefallenen zur Totenruhe gebettet 
Ganz in der Nähe bezeichnen andere Hügel mit Steinen die Gräber 
der Russen. 

In Kazanlik ( 12 km vom Dorfe Schipka) habe ich das russische 
Frauenkloster besucht. Um das idyllische, von Bäumen beschattete 
Kirchlein steht eine Anzahl von gleichmäfsigen schönen Sarkophagen 
mit den Namen von Offizieren, welche auf dem Schipka und bei 
Scheinovo gefallen sind. An der entlegenen Klostermauer sah ich 
einen einsamen Stein mit Kreuz, wie man ihn nur in deutschen 
Landen errichtet. Ich trat hinzu und las die deutsche Inschrift: 
„Hier ruht General Lehmann Pascha, gefallen auf dem Schipka im 
September 1877. Friede seiner Asche!" Also ein Landsmann in 
fremder Erde! Die wenigen Deutschen des Ortes pflegen pietätvoll 
seine Ruhestätte. Die Hegumena (Oberin) erzählte mir, dafs Lehmann 
während der türkischen Greuelscenen im August einem Popen das 
Leben gerettet habe. Als Lehmann bei Kontrolle eines Geschützes 
den Kopf erhob und verwundet wurde, brachte ihn dieser Pope in 



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300 Die Russen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 

die Ebene herunter und zu den Frauen des Klosters. Diese pflegten 
ihn, bis er verschied. 

So gemahnt hier ringsum Alles an den schrecklichen Krieg und 
seine Opfer. Mir worden die Augen nafs, als ich hier oben auf 
meinem einsamen Felsen an all den Opfermut, den Heldensiun und 
die Pflichttreue der Tausende von braven Soldaten dachte, die für 
ihren Kriegsherrn die Schrecknisse des wilden Kampfes und der 
feindlichen Elemente erduldeten, bis sie der Erlöser Tod von all den 
Qualen befreite. Wie ich meine Augen in Gedanken auf den Boden 
heftete, gewahrte ich, dals, was ich bisher fUr weifses Geröll ge- 
halten , Hunderte und Hunderte von blendend weils gebleichten 
Menschenknochen waren, Knochen von gefallenen oder erfrorenen 
Russen, denn kein Türke ist hier oben liegen geblieben. Wie war 
dies möglich? wir sahen, mit welchem Eifer ringsum die Russen 
fllr die Bestattung ihrer Toten sorgten. Hier auf dem Sv. 
Nikola reichte die geringe Erde nicht hin, um den Lebenden die 
nötigste Deckung zu gewähren, da mufsten sich die Toten wohl mit 
wenigen Steinen begnügen. Es war ja auch strenger Winter, wo 
dies anging. Hat man ja unten bei Scheinovo in der Nacht vom 
8-/9. Januar sogar Brustwehren aus Gefallenen zum Schutze fllr die 
Lebenden errichtet. Im Frühjahre, als der Pals geräumt war, kamen 
Aasgeier und Wolfe, welche die Toten hervorzerrten und in die 
Wälder und in das Gebirge verschleppten oder die Knochen säuber- 
lich abgenagt liegen liefsen. So erklärt sich's, dafs heute nach 
21 Jahren diese Uberreste noch auf dem Felsen liegen. Ich hob 
einige der kleineren Knochen auf und nahm sie mit. Der Schweizer 
Oberst Ott erzählt, dafs er im März 1878 mehrere Hunderte von 
gefallenen Türken am Fufse des Sv. Nikola übereinander liegen und 
an Felszacken oder Gesträuchen hängen sah. Vielleicht liegen auch 
heute noch die Gebeine dieser Toten am Fulse des Felsens. Der 
Abstieg hinunter erschien mir jedoch wirklich zu beschwerlich und 
gefahrvoll. 

Es war ein grausamer, verlustreicher Krieg, der aber die guten 
Eigenschaften der beiden fechtenden Heere im besten Lichte zeigte. 
Beiderseits muls man das dreiste, nichtsachtende Drauflosgehen und 
den hartnäckigen, zähesten Widerstand selbst in den allerschwierigsten 
Verhältnissen als mustergültig anerkennen. Bei beiden Nationen 
haften den Offizieren, namentlich den Führern, viele Fehler an, die 
Soldaten haben treffliche Eigenschaften. „Der russische Soldat zeigt 
sich voll Tapferkeit, Hartnäckigkeit, Gleichmut, äulserster Ausdauer, 
kindlich frommem Sinne und unbegrenzter Aufopferung. Er verträgt 
Verluste, wie sie nur die besten westeuropäischen Truppen in 



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Die Russen auf dem Schipka-Balkan Im Winter 1877/78. 



30 1 



einzelnen Fällen ertragen haben, nnd erduldet Mühseligkeiten, die 
jede andere Armee auf die ernsteste Probe stellen würden". 1 ) Nicht 
leicht werden diese Worte besser bewiesen als durch das Verhalten 
der russischen Soldaten auf dem Schipka-Balkan. Aber auch dei 
türkische Soldat hat vorzügliche Eigenschaften. „Er ist hart und 
an Mühseligkeiten und Entbehrungen gewöhnt. Er ist gehorsam und 
leicht zu disziplinieren und hat den alten kriegerischen Geist der 
mohammedanischen Bevölkerung noch nicht verloren. Der Kampt 
gegen den Andersgläubigen ist ihm religiöse Pflicht, deren Erfüllung 
bis in den Tod die höchste Stufe einer Uberirdischen Seligkeit ge- 
währleistet. Mit Gleichmut geht der Moslim dem Tod auf dem 
Schlachtfelde entgegen, er weifs ja, dafs Allah die Schicksale der 
Sterblichen von Ewigkeit voraus bestimmt hat, und dafs gegen diese 
Vorausbestimmung keine Feigheit, keine Flucht hilft". 2 ) Kein ge- 
waltigeres Moment kann es geben, den Kriegermut zu entflammen 
and die gröfsten Entbehrungen ohne Murren zu ertragen, als die 
bezeichneten religiösen Beweggründe. Es sei gestattet, hier noch 
beizufügen, was Strecker Pascha in einem unter seinem Nachlasse 
aufgefundenen Aufsatze über den russisch-türkischen Krieg sagt: 
..Der türkische Soldat ist grols, kräftig, gelenkig, von gesunder 
Körperbeschaffenheit, anspruchslos und enthaltsam, daher widerstands- 
fähig im Ertragen von Beschwerden wie kein anderer europäischer 
Soldat. Seine Lebensweise, auf welcher hauptsächlich die Befähigung 
zum Ertragen von ganz außergewöhnlichen Entbehrungen und Be- 
schwerlichkeiten beruht, erhält sein Blut gesund." 3 ) Darum wohl 
war die Zahl der Kranken im türkischen Heere verhältnismässig viel 
geriuger als im russischen. Durch die Lebensweise des Soldaten 
erklären europäische Ärzte die Thatsache, dafs bei den Türken die 
schwersten und vernachlässigsten Verwundungen nur äufserst selten 
brandige Erscheinungen zeigten. 

Einige Bemerkungen kann der Schipkabesucher nicht unterlassen. 
Hätten die Deckungen in den besonders gefährdeten Stellungen nicht 
sorgfältiger und darum zweckdienlicher gemacht werden können? 
Hätte nicht mehr geschehen können, um den ruhenden Truppen 
gröfsere Sicherheit und Schutz vor den Mark und Blut erstarrenden 
Schneestürmen zu gewähren? Hätten sich gar keine Mafsregeln 
finden lassen, die es ermöglichten, an den während der viele Tage 
lang andauernden und die Besatzung überaus peinigenden Schnee- 
stürmen in passenden Hohlräumen Feuer anzumachen und auch die 

») J. v. H. u. s. w. Erg.-Bd. S. 258. 

3 ) J. v. H. a. a. 0. S. 264. 

3) Beiheft z. Mil. Wochenblatt 1892, S. 844. 



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302 Die Küssen auf dem Schipka-Balkan im Winter 1877/78. 

für das Leben notwendige Menage zu bereiten? Hätte sich aal 
dem Schipkarttckcn nicht eine ungefährdete Kommunikation her- 
stellen lassen? 

Im Winter war es zu allem dem wohl zu spät, und anfangs 
hielt man die Besetzung des Schipkapasses nur für eine vorüber- 
gehende, da ja Gurkos Avantgarden-Detachement bereits im Tundscha- 
Thale streifte. Man legte darum der Einrichtung des Bivaks keinen 
sonderlichen Wert bei. Allenthalben war nur die Überzeugung vor- 
handen: das sind überflüssige Arbeiten, vergebliche Mühe.') Ein 
Ende Juli eingetroffener Ingenieur-Kapitän, welcher den Auftrag 
hatte , die Schipkastellung zu befestigen , machte zuerst auf den 
grofsen Irrtum der herrschenden Ansicht aufmerksam und bemerkte, 
dafs sogar ein Anmarsch des Feindes gegen die Stellung mit starken 
Kräften sehr wahrscheinlich sei, zumal bei Plewna Mifserfolge ein- 
getreten seien. Nun kam in die Arbeiten neues Leben. Man war 
sich klar, dafs die Stellung unter allen Umständen besser be- 
festigt werden mttfste, als dies bisher geschah. Es war aber in- 
zwischen viel kostbare Zeit verstrichen, was sich rächen sollte. 
Aber jetzt wenigstens hätte man auf dem Sv. Nikola, wo sieh der 
Boden gar nicht bearbeiten liefs. durch Sprengungen die nötigeu 
Vertiefungen herstellen können; man hätte dadurch auch Baumaterial 
gewonnen. Freilich, an einen Winteraufenthalt dachte man auch 
damals noch nicht, denn es wäre die günstigste Zeit gewesen, vom 
Gegner unbelästigt aus den rückwärts gelegenen Wald beständen 
Bäume und Holzmatcrial zum Bau von Hohlräumen, Blockhäusern, 
Eindeckungen und zum Brennen und Kochen an die betreffenden 
Stellen zu schaffen. Niedere Hohlräume, durch Sprengungen in den 
Boden versenkt, mit Geröll eingeschüttet und mit Rasen eingedeckt, 
hätten in den meisten Fällen Schutz vor dem Gcschtttzfeuer geboten, 
auch vor Kälte und Wind, man hätte in den ganz kalten Tagen 
nicht auf warme Nahrung verzichten müssen; die Halberfrorenen 
hätten Gelegenheit gehabt, allmählich wieder aufzutauen. Damals 
hätte man genügende Vorräte von Sandsäcken. Hürden und Faschinen 
beschaffen können, dann hätte man sich später nicht mit Tornistern 
und Hafersäcken behelfen müssen. Der Schweizer Oberst Ott, der 
im Frühjahr 1878 die Schipkastellung besuchte, urteilte sehr abfällig 
über die Brustwehren und Deckungsarbeiten und sagte, dals sie 
Uberall ungenügend gewesen seien. 

Vielleicht hätte sich auch ein Wasservorrat aufstellen oder im 



') Vergl. einen dem „Sbornik" entnommenen Aufsatz in den N. M. Blättern, 
46. Bd. S. 89. 



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Die Russen auf dem Sohipka-Balkan im Winter 1877/78. 303 

Felsen ein Reservoir anlegen lassen; die regelmäßigen Ablösungen 
hätten für Erneuerung des Vorrates sorgen können. Ära 17. Juli 
war der Schipka besetzt worden, und am 20. August ist Suleiman er- 
schienen. In dieser Zeit, während die 6500 Mann unbehelligt auf 
dem Schipka kampierten, hätte all dies geschehen können und 
sollen. Es ist freilich immer wieder zu betonen, dafs Niemand 
glaubte, dals der Aufenthalt auf dem Passe auch im Winter fort- 
dauern würde, und dafs Niemand ahnte, in welch milsliche Lage die 
Besatzung durch eine auf drei Seiten erfolgte Umschließung geraten 
könnte. Eine richtige Heeresleitung mufs aber alle Eventualitäten 
erwägen, denn weit besser ist es, wenn zeitraubende Arbeiten sich 
später als überflüssig darstellen, als wenn die Unterlassung von 
wichtigen Verstärkungsarbeiten die all erernstesten Folgen nach 
sich zieht. Aber auch noch später, als sich Suleiman bereits 
ringsum auf den Bergen festgesetzt hatte, hätte, allerdings jetzt 
unter weit schwierigeren Verhältnissen, noch Manches geschehen 
können, um die Lage der Besatzung zu verbessern. Als eine 
besondere Belästigung empfand man, dals die stets unter Feuer 
gehaltene Palsstrafse bei Tage gar nicht oder nur unter Lebens- 
gefahr passiert werden konnte. Man hat ja in allererster Zeit 
versucht, dem Übel durch Verlegung der gefährdetsten Stelle, der 
Raijskaia dolina, abzuhelfen; das nützte aber nur wenig. Man hätte 
wohl energischer zu Wege gehen müssen und durch sappenartiges 
Vortreiben eines Laufgrabens, nötigenfalls im Felsboden der Pals- 
strafse oder, wo es anging, neben der Palsstrafse die Verluste ver- 
ringern können. 

Auch für warme Winterkleidung war durchaus nicht genügende 
Vorsorge getroffen worden, da man nicht rechtzeitig daran dachte, 
denn die in Kufsland gemachten Bestellungen trafen nicht mehr ein. 
Das Meiste besorgten sich die rührigen Regimenter selber. Die 
Intendantur erwies sich teilweise unfähig, teilweise gewissenlos. Man 
darf nur an die Tausende von Stiefeln erinnern, die Generalleutnant 
Skobelew für seinen Gebirgsübergang requirierte und erhielt, und 
die so schlecht gearbeitet waren, dafs die Leute vorzogen, lieber 
ihre abgenützten Schuhe auszubessern. Namenlose Qualen erwuchsen 
der Scbipkabesatzung durch die zu kleinen Stiefel, die nicht er- 
laubten, dafs man die warmen Fulslappen um die Füfse wickelte. 
Man war gezwungen, im streugen Dienste die Stiefel oft mehrere 
Tage lang anzubehalten. Dann schwollen die Fülse an, und es 
mufsten die Schuhe aufgeschnitten werden. Wo die Regimenter für 
einen Winterfeldzug im Gebirge nicht vorgesehen waren, muls es 
der Oberleitung und den betreffenden Führern zur Last gelegt werden. 



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:k)4 



Über Abfassung von Befehlen. 



Eine ganze Division, welche ftlr den Balkanubergang der Kolonne 
des Fürsten Mirski zugeteilt war, hatte hiefür nicht die geringsten 
Vorbereitungen getroffen. Was aber durch einen umsichtigen Führer 
geschehen kann, bewies Generalleutnant Skobelew, und der hatte 
erst nach dem Fall von Plewna (10. Dezember) daran gedacht, seine 
Division für den mutmafslichen Gebirgsttbergang auszurüsten und 
gewissermaßen auszubilden. 1 ) 

Damit wollen wir den Schipkapafs verlassen. Er ist land- 
schaftlich hochinteressant, hat aber durch die kriegsgeschichtlichen 
Ereignisse für jeden Militär au Bedeutung gewonnen. Noch ist der 
Balkan z. Z. ziemlich abgelegen, wird aber durch Bahnlinien, welche 
Bulgarien zu bauen im Begriffe steht, näher gerückt werden. Mancher 
Kamerad hat aber gleich mir den Drang, auch weniger betretene 
interessante Flecke unseres Kontinentes kennen zu lernen. Vielleicht 
dienen ihm dann meine Zeilen zur Anregung, vielleicht können sie 
Auch ein Weniges beitragen, ihm den unbequemen Weg zu ebnen. 



XXI. 

Ober Abfassung yoü Befehlen. 

Ein kriegsgeschichtlioher Rtickblick. 



(Schlüte.) 

9. Napoleon HL 

„Metz, den 4. 8. 1870. 

Man muss seinem Gegner stets die richtigsten Absichten zu- 
trauen. Nun soll, nach dem, was man in englischen Zeitungen liest, 
General Steinmetz eine mittlere Stellung zwischen Saarbrücken und 
Zweibrücken innehaben, im Rücken durch ein Korps des Prinzen 
Friedrich Karl gestutzt und auf dem linken Flügel mit dem Heere 
des Kronprinzen Fühlung haltend, der sich in der bayerischen Pfalz 
befindet. Ihr Ziel wäre ein Marsch auf Nanzig. 

Ich wünsche (!) daher, dass die Truppen folgende Stellungen 
einnehmen: 



i) Vergl. hierüber auch Schröder, Genlmj., die Verteidigung d. Schipka-Pasaes 
im Archiv f. pr. Art. u. Ing.-O. 1881, S. 112. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



305 



General de Ladmiraalt soll sein Hauptquartier zu Bolchen haben, 
eine Division zn Buschborn, die dritte zu Teterchen. 

Marschal Bazaine soll sein Hauptquartier zu St. Avold haben, 
eine Division zu Marienthal, eine dritte zu Püttlingen, die vierte 
wäre nach eigenem Ermessen entweder vorzuschieben oder zurück- 
zuhalten. 

General Frossard soll in der Stellung, wo er sich befindet, 
bleiben. 

General Failly hat sich nach Bitsch zu begeben und zu der 
dortigen Division zu stofsen. Die beiden Divisionen treten unter die 
Befehle des Marschalls Mac Mahon. Diejenige, die zu Saargemünd 
bleiben soll, hat die Fühlung mit der zu Püttlingen befindlichen 
unter dem Betehle des Marschalls Bazaine, aufzunehmen. 

Die Kavallerie-Division, die zu Pont-a-Mousson steht, wird nach 
Falkenberg geschoben. 

Marschall Canrobert befindet sich mit 3 Divisionen zu Nanzig. 

gez. Napoleon. 

N. Sehr. Wohl verstanden, diejenige Division des Generals de 
Ladmirault, die nach Buschborn bestimmt ist, hat erst im Laufe des 
6. dahin abzurücken." (Generalstabswerk.) 

Der ganze Befehl verrät in Beiner Abfassung die Unsicherheit, 
in der sich Napoleon und sein Hauptquartier bereits damals befand, 
das zeigen die einleitenden Worte, der Nachsatz und der Ausdruck: 
„Ich wünsche daher," u. s. w. Im übrigen ist der Befehl ganz 
sachgemäfs, da man noch nicht weifs, was der Gegner machen wird, 
so werden die Truppen nur bereit gestellt. Es wird mit Recht 
vermieden, anzugeben, was unter verschiedenen Annahmen ge- 
schehen soll. 

10. Bazaine. 

Am 17. 7. 70 abends befiehlt der Marschall: 

„Der stattgehabte grofse Munitionsverbrauch, sowie der Um- 
stand, dafs Lebensmittel auf mehrere Tage nicht vorhanden, ver- 
hindern uns, den Marsch anzutreten, welcher vorläufig festgesetzt 
war. Wir werden uns daher sogleich auf die Hochfläche von Plappe- 
ville zurückziehen." 

Im allgemeinen kann es nicht als richtig bezeichnet werden, 
wenn in einem Befehl die Mafsnahmen begründet werden, aber es 
giebt auch Ausnahmen hiervon und man mufs zugeben, dafs hier 
eine solche Ausnahrae vorlag. Die Franzosen schrieben sich am 
16. 8. den Erfolg zu und hatten ja auch thatsächlich in verschiedenen 
Momenten der Schlacht Erfolge errungen. Mufs man nach einem 
taktischen Erfolg zurückgehen, so ist eine Begründung dieser Mafs- 

JihrbOoh.r für di« dautieh« Arm«« uad Msrint. Bd. 112. 3 20 



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306 



Über Abfassung von Befehlen. 



nähme durchaus gerechtfertigt. Selbst der gemeine Soldat würde 
sonst eine abfällige Kritik über die Fuhrung fällen, das Vertrauen 
der Armee zur Führung ist aber ein wichtiger Faktor zum Erfolg. 
Für den 31. 8. befahl Bazaine: 

„Das III. Armeekorps soll von linksber (Schlofs Chanly) die 
Stellung von Ste. Barbe angreifen und an der Seite 319 des 
Chanlyer Gehölzes, sowie zu Avancy Aufstellung nehmen. Das 
IV. Armeekorps soll von rechts her (Villers l'Orme, Failly und 
Vr6my) die Stellung von St. Barbe angreifen und sein möglichstes 
thun, um zu Sanry-les-Vigy Aufstellung zu nehmen. Das VL Armee- 
korps soll die Stellung vorwärts von Chieulles, Charly, Malroy an- 
greifen und sich auf Antilly schieben, um daselbst, den linken Flügel 
an Argancy gelehnt, Aufstellung zu nehmen. Das II. Armeekorps soll 
dem III. folgen, indem es die rechte Flanke schützt; es wird unter 
die Anordnungen des Marschalls Le Boeuf gestellt. Die Garde in 
Reserve." 

Der Befehl ist im allgemeinen ganz sachgemäfs und zeichnet 
sich vor allem durch Kurze aus. Nicht zweckmäfsig sind die Aus- 
drücke „von links her bezw. von rechts her angreifen", sie könnten 
doch leicht mils verstanden werden. Gemeint ist, den linken bezw. 
rechten Flügel der Stellung angreifen. Dafs ein Korps „sein mög- 
lichstes thun soll", braucht einer tüchtigen Truppe wohl nicht be- 
sonders gesagt zu werden. Der Ausdruck kann die Energie des 
Angriffes nur abschwächen, es klingt bereits die Möglichkeit des 
Mifserfolges durch ihn hindurch. 

Am Abend des 31. 8. befahl Bazaine für den folgenden Tag: 

„Nach Malsgabe der Anstalten, welche der uns gegenüberstehende 
Gregner getroffen haben kann, ist die gestern unternommene Bewegung 
fortzusetzen; es handelt sich dabei um die Besitznahme von Ste. Barbe 
und um eine Erleichterung unseres Marsches nach Bettlaiville. Im 
Falle des Milslingens (dans le cas contraire) werden wir die eigenen 
Stellungen behaupten, uns in denselben befestigen (?) und am Abend 
wieder unter die Forts St. Julien und Queuleu zurückgehen." 

Diesen Befehl kann man nun nicht gerade als sehr glucklieb 
bezeichnen, er ist ziemlich gleichbedeutend mit einem Befehl zum 
Rückzüge, der noch durch einen Offensivstofs erleichtert werden 
sollte. Die Anordnungen für den Rückzug zu erwähnen, erscheint hier 
um so überflüssiger, als bei einem Scheitern des Angriffes der Armee 
gar nichts anderes übrig blieb, als sich unter die Forts St. Julien 
und Queuleu zurückzugehen. Bazaine hatte wohl am 31. abends 
das Gelingen des Durchbruchs aufgegeben, trotzdem er am Nach- 
mittag etwas Terrain gewonnen hatte. Es ist aber nur grolsen 



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Über Abfassung von Befehlen. 



307 



Charakteren möglich, auch dann bestimmt nnd energisch zu befehlen, 
wenn sie selbst keine allzugrolscn Hoffhungen auf das Gelingen 
ihres Unternehmens haben. Ob es die Truppe fertig bringen kann, 
nach dem Scheitern des Angriffs sich zu befestigen, erscheint doch 
sehr zweifelhaft und setzt einen unthätigen Gegner voraus. 
IL General Chanzy. 

Chanzy hatte am 1. 12. 70 Teile des bayerischen 1. Korps bei 
Villepion zurückgedrängt, stand aber am Abend der vereinigten 
Armeeabteilung des Grol6herzogs von Mecklenburg gegenüber. Der 
Erfolg von Villepion hatte den französischen General übermütig ge- 
macht. In seinem Siegestaumel befahl er am Abend des 1. 12.: 

„Am Abend des morgigen Tages werden stehen: die 2. Division 
bei Tour}', die 1. bei Janville, die Kavalleriedivision bei le Puisset, 
die 3. Division bei Poinville." 

Das waren aber alles Orte, die bereits im Kücken der Deutschen 
lagen. Nun brachte der 2. Dezember den Franzosen eine völlige 
Niederlage im Gefecht bei Loigny und das französische Korps be- 
fand sich am Abend statt in den befohlenen Quartieren im völligen 
Rückzüge nach Süden. Im allgemeinen ist es ein Fehler, etwas 
zu befehlen, von dem man nicht sicher weifs, dafs man es erreichen 
kann. Ein grofser Feldherr bindet sich aber auch an diese Regel 
nicht und erreicht gerade dadurch grofses. Wir werden sehen, wie 
insbesondere der Prinz Friedrich Karl sich zuweilen einen solchen 
Verstofs gegen die Regel erlaubt und zwar stets mit Erfolg; si duo 
faciunt idem, non est idem! 

12. Feldmarschall Wrangel. 

Die Befehle des Feldmarschalls sind meist sehr lang und ent- 
halten vielfach unangebrachte Begründungen. Sie sind jedenfalls 
nicht sein eigenstes Werk, sonst würden sie wohl etwas urwüchsiger 
lauten. 

Befehl für den 5. bezw. 6. 2. 64. 

„Da das I. Korps die Absiebt hat, in der Nacht vom 5. zum 
6. Februar den Ubergang über die untere Schlei bei Amis bezw. 
Kappeln zu forcieren, so sind demzufolge am 5. nachmittags eine 
k. k. Brigade und ein Kavallerieregiment zur Unterstützung der bei 
Missunde stehen bleibenden preulsischen Vorposten nach VVesely 
geschickt. 

Am Spätnachmittag des 5. wird als Demonstration mit Batterie- 
bauten gegen die Dannewerke durch das II. Korps begonnen. 

Am 6., vormittags 9 Uhr, beginnt die schwere Artillerie vom 
Königsberge aus mit langsamem Feuer die Beschiefsung der Schanzen, 
während die Truppen de6 II. und III. Korps zu dieser Zeit nach 

20* 



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308 



Über Abfassung von Befehlen. 



den bereits gegebenen Bestimmungen vom 3. in ihre Positionen 
rücken." n. s. w. (Der Krieg gegen Dänemark von G. Gr. W.) 

Es durfte sich wohl nicht empfehlen, in einen Befehl ausdrück- 
lich aufzunehmen, dafs ein ßatteriebau nur als Demonstration ge- 
dacht ist. Der Feind kann dies erfahren wenn von den Leuten viel 
darüber gesprochen wird. Dann richtet aber die Demonstration 
direkten Schaden an, weil der Gegner dadurch erfährt, wo der 
Übergang nicht erfolgt. Bleibt ausserdem die Trappe im Dunkeln 
darüber, dafs die Batterien, welche sie bauen, nur eine Demonstra- 
tion ist, so wird sie die Arbeit viel besser und sorgfaltiger aus- 
führen, und gerade dadurch den Erfolg der Demonstration erheblich 
fördern. Es wäre also wohl besser gewesen, in dem Befehl auch 
von dem Übergang des I. Korps nichts zu erwähnen. 

In dem Befehl heilst es weiter: 

„Ein ernstlicher Angriff auf die Dannewerke soll nicht eher 
stattfinden, bevor nicht die Meldung eingetroffen, dals der Übergang 
des I. Korps Uber die Schlei gelungen und dasselbe bis in die Höhe 
von Missunde vorgedrungen ist, was voraussichtlich erst am Nach- 
mittag des 6. der Fall sein dürfte." u. s. w. 

Diese Überlegung kann sich wohl der Führer machen, aber in 
den Befehl gehört sie besser nicht hinein. Aufserdem können sich 
die Verhältnisse so ändern, dafs doch früher angegriffen werden mufa. 

13. General Herwarth v. Bittenfeld. 

Für den Ubergang nach Alsen gab General v. Herwarth in 
seinem Hauptquartier Gravenstein am Nachmittage des 28. 6. 64 
folgenden Befehl: 

„Disposition für den 29. Juni 1864. 

Morgen vor Tagesanbruch werde ich mit dem Armeekorps den 
Ubergang über den Alsensund beim Satruper Holz forcieren und den 
Feind in der Richtung auf Hörup verfolgen (!). 

Der Übergang geschieht mittelst 160 Kähnen und durch den 
Pontontrain, von vier, den Führern mündlich bezeichneten Punkten 
aus zwischen der südlichen Lisiere des Satrupholzes und Schnabeck- 
Hage. Es tritt dabei nachstehende und für das morgende Gefecht 
gültig bleibende Änderung der Ordre de Bataille in Kraft. 

1. Die 12. und 26. Infanteriebrigade stehen unter Befehl 
des Generalleutnant von Manstein. Aufser der Divisionsartillerie 
und Kavallerie wird dieser Division noch die 2. 6 pfundige Batterie 
aus der Reserveartillerie zugeteilt. 

2. Die 25. und 11. Infanterie brigade treten unter Befehl des 
Generalleutnants v. Wintzingerode. Die 1. 7 pfundige Batterie wird 
bei Blaukrug in Position gefahren. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



309 



Die Division Man stein wird zuerst Ubergesetzt und sucht sich 
nach Erstürmung der Batterien in den Besitz der Fohlenkoppel, des 
Vorwerks Rönhof und des nahe liegenden Terrains zu setzen, sie 
dringt dann später gegen Ulkebüll und Hörup vor, um den Feind 
am Einschiffen zu hindern. 

Die Division Wintzingerode folgt unmittelbar und zwar so, dafs 
die 25. Brigade zuerst Ubergesetzt wird und sich dann auf Ulkebüll 
dirigiert, die 11. Brigade folgt ihr als Reserve (zu wessen Ver- 
fügung?)- 

Das Herunterlassen der Kähne in das Wasser und das erste 
Einsteigen der Mannschaften beginnt um 2 Uhr morgens und findet 
das Übersetzen in ununterbrochener Folge statt. Die Artillerie be- 
ginnt erst dann zu feuern, wenn der Feind in seinen Batterien Ge- 
sehütze zeigt und zu feuern anfängt. 

Die Reserveartillerie nimmt bereits um 1 Uhr die ihr ange- 
wiesenen Positionen ein. Die reitende Artillerie wird bei Rackebüll 
bereit gestellt, um jeden Augenblick von dort abfahren zu können. 
Die Divisionsartillerie der 13. Division wird am östlichen Ausgange 
von Blans aufgestellt und bleibt zur Disposition des Divisions- 
kommandeurs. 

Der Generalleutnant v. Wintzingerode hat die erforderlichen An- 
ordnungen zur Bewachung der Küste der Alsener Föhrde durch das 
Ulanenregiment zu treffen und dafür zu sorgen, dafs der Brückenbau 
bei Sonderburg durch den Pontontrain des Hauptmanns Schutze so 
schnell ausgeführt wird, als Pontons dazu disponibel sind. Beim 
Aufstellen der Truppen, sowie bei allen Bewegungen und Hantie- 
rungen mit den Booten ist die allerpeinlichste Stille zu beobachten 
und darf kein lautes Sprechen und Befehlen stattfinden. 

Ich werde mich beim Übersetzen der Division Manstein östlich 
von Oster-Schnabeck beim Gehöft von Peter Nissen aufhalten und 
dann der Division folgen. 

Anzug: ohne Gepäck, aber mit Kochgeschirren und in Mützen. 

Grevenstein, den 28. Juni 1864. 

Der kommandierende General 
gez. v. Herwarth." 
(Der Krieg gegen Dänemark, von G. Gr. W.) 

Es ist bemerkenswert, dals für ein so schwieriges Unternehmen 
ein so verhältnismälsig kurzer Befehl gegeben wurde, der alle un- 
nötigen Einzelheiten vermied. Der Erfolg hat gezeigt, dals der Be- 
fehl vollständig ausreichte und dals alles klappte. Allerdings hatten 
noch verschiedene mündliche Instruktionen und Besprechungen statt- 
gefunden. Der Befehl, den Napoleon I. zum Übergang Uber die 



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310 



Über Abfassung von Befehlen. 



Donau in der Schlacht bei Wagram gab, war bei weitem umfang- 
reicher und eingehender. Allerdings geschah dies wohl auch in 
Rücksicht auf den Milserfolg bei Aspern. Bei der geringen Selbst- 
thätigkeit der französischen Unterführer wollte wohl der Kaiser lieber 
alles selbst auf das genaueste vorschreiben, um einen abermaligen 
Milserfolg zu vermeiden. 

14. General Steinmetz. 

General Steinmetz befahl am 28. 6. 66: 

„Im Fall, dafs der Feind am 29. vor 11 Uhr morgens einen 
Angriff unternehmen sollte, sollen die Kochgeschirre an den Feuern 
bleiben und einige Leute dabei zurückgelassen werden." 

Also das Zurückwerfen des Feindes ist selbstverständlich! Einen 
solchen Befehl konnte sich ein General aber auch erlauben, der 
nacheinander zwei österreichische Korps, zum Teil unter sehr 
schwierigen Verhältnissen, geschlagen hatte. 

15. General v. Blumenthal. 

Im Auftrage des Kronprinzen gab General v. Blumenthal am 
3. 7. 66 folgenden Befehl, nachdem der Befehl des grofsen Haupt- 
quartiers zur Unterstützung der IL und Elbarmee heranzumarschieren, 
eingetroffen war. 

„Nach hier eingegangenen Nachrichten wird heute ein feind- 
licher Angritf auf die bei Horic, Milowitz und Cerekwitz stehende 
L Armee erwartet, und wird die 11. Armee zu ihrer Unterstützung 
in folgender Weise vorrücken : 

1. Das I. Armeekorps marschiert in 2 Kolonnen Uber Zabres 
und Gr. Trotin nach Gr. Bürglitz. 

2. Die Kavalleriedivision folgt dem I. Korps bis ebendahin. 

3. Das Gardekorps geht von Königinhof auf Jericek und Lhota. 

4. Das VI. Armeekorps nach Welchow, von wo ab es eine Ab- 
teilung zur Beobachtung der Festung Josef Stadt aufstellt. 

Die für heute befohlene Demonstration findet nicht statt. 

5. Das V. Korps folgt 2 Stunden nach Aufbruch des VI. Korps 
und geht bis Choteborek. 

Die Truppen brechen sobald als irgend möglich auf und lassen 
Trains und Bagagen zurück, die erst auf besonderen Befehl des 
Oberkommandos herangezogen werden dürfen. 

Hauptquartier Königinhof, den 3. Juli, 5 Uhr früh. 
Von Seiten des Oberkommandos. Der Chef des Generalstabes, 
gez. v. Blumenthal, Generalmajor." 
Der vorstehende Befehl ist frei von jeder Unklarheit, sehr kurz 
und übersichtlich, selbst der schärfste Kritiker würde an diesem Be- 
fehl nichts auszusetzen haben. 



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Über Abfassung von Befehlen. 



311 



16. Prinz Friedrich Karl. 

Derjenige Feldherr der neuesten Kriegsgeschichte, der wohl die 
interessantesten Befehle gegeben hat, ist der Prinz Friedrich Karl. 
Seine Befehle sind häufig Uberaus packend, gerade weil sie frei 
sind von allem Schern atischen und gerade weil sie so häufig gegen 
die sonst allgemein befolgten Grundsätze verstofsen. Sie geben so 
recht den Beweis, wie unzweckmäßig es ist, sich bei Abfassung von 
Befehlen gar zu sehr durch Grundsätze und Regeln binden zu lassen. 

In der Nummer 10 des Befehles für den 28. 6. 66 (Gefecht bei 
Mttnchengrätz) heifst es: „Sobald das Gefecht bei Mtlnchengrätz be- 
endet ist, haben die Divisionen für das Heranziehen ihrer Kolonnen 
Sorge zu tragen." Hier liegt also schon die bestimmte Erwartung 
zu Grunde, dafs das Gefecht erfolgreich sein wird." Noch schroffer 
tritt eine solche Annahme im Befehl des Prinzen zum Vormarsch auf 
Gitschin (29. 6. 66.) zu Tage: 

1. Der General v. Schmidt (Fuhrer des II. Korps) bricht mit 
der 3. Division v. Werder auf, nimmt Podkost und Sobotka und 
geht auf Gitschin, welches von der Division Tümpling be- 
reits genommen sein wird (!). Gitschin ist heute noch jeden- 
falls zn besetzen. Die Division v. Herwarth geht Uber Libun gleich- 
falls auf Gitschin, die Kavalleriedivision v. Alvensleben wird eben- 
dahin instradiert werden. Ein Bataillon mufs in Turnau zurück- 
gelassen werden und das Bataillon der Division Fransecky ablösen, 
welches zu seiner Division zurückkehrt 

2. Die Division Tümpling erhält den Befehl, alsbald aufzu- 
brechen und Gitschin wegzunehmen, sich daselbst festzusetzen 
und Avantgarden vorzuschieben." u. s. w. (Generalstabs-Werk.) 

Erwähnt mufs zunächst werden, dals in der vorausgegangenen 
Nacht der vergebliche Versuch gemacht worden war, das befestigte 
Schlols Podkost durch Uberfall zu nehmen, ferner dals besonders 
in Gitschin starke österreichische Truppenansammlungen gemeldet 
waren. Es wird geradezu befohlen, dals gesiegt werden soll und 
es wird auch wirklich gesiegt. Bei Friedensübungen auf der Karte 
wie im Gelände dürfte wohl derartiges nicht befohlen werden. Man 
könnte ein solches Befehlen des Sieges Ubermut nennen und doch 
war es in diesem Falle sicher kein Übermut. Einmal kommt hierbei 
das Vertrauen zum Ausdruck, dafs der Führer zu seinen Truppen 
hegte, die, wie die vorhergegangenen Gefechte bewiesen hatten, den 
feindlichen Truppen so sehr Uberlegen waren, und daher das Ge- 
forderte sicher leisten konnten. Ein solches Zutrauen wird sicher 
zur höchsten Anstrengung anspornen. In den Worten liegt aber zu- 
gleich eine zwingende Energie, welche auch den Zaudernden und 



312 



Über Abfassung von Befehlen. 



Zögernden vorwärts reifsen muls. Eine solche Art zu befehlen darf 
sich kein gewöhnlicher Sterblicher leisten, auch in den verschiedenen 
Hilfsbüchern fllr TruppenfUhrer wird man derartiges nicht finden. 
Wäre ein solcher Befehl nicht von Erfolg begleitet, so würde dafür 
der Rückschlag um so gröfser sein und das Zutrauen zur obersten 
Führung auf das Erheblichste erschüttert werden. Der Prinz er- 
reichte, was er wollte, die Österreicher wurden geschlagen und 
Gitschiu besetzt. 

Im Befehl für den ersten Schlachttag bei Orleans (3. 12. 70) 
erlaubte sich der Prinz ganz dasselbe und zwar gleichfalls mit vollem 
Erfolge. Im Absatz für das III. Armeekorps heifst es: „Das 
III. Armeekorps marschiert mit mehreren Teten in gröfserer Breite 
gegen Chilleurs-aux-Bois vor, schreitet um 10 Vi Uhr zum ent- 
scheidenden Angriff auf Chilleurs, nimmt diesen Ort und den Wald- 
saum unter ausgiebigster Verwendung seiner Artillerie und schiebt 
dann eine starke Avantgarde bis Uber Lorry hinaus vor. Das Korps 
mufis morgen mit seinem Gros Lorry erreichen. Mein Hauptquartier 
geht morgen nach dem Gefecht nach Chilleurs-aux-Bois. u Als 
General v. Alvensleben diesen Befehl erhielt, bemerkte er scherz- 
weise: „Der Sieg ist befohlen, also siegen wir. 44 (Hoenig, Volkskrieg, 
Band V.) Der Befehl wurde vom III. Korps aufs genaueste und 
pünktlichste ausgeführt, die Franzosen wurden bei Chilleurs ent- 
scheidend geschlagen und Lorry am Abend mit dem Gros besetzt. 
Wir hatten gesehen, wie der unglückliche Chanzy den Versuch 
wagte, am Tage vorher in ähnlicher Weise zu befehlen, nur mit 
etwas anderem Erfolge! Was sich der Prinz einem General 
v. Alvensleben und seinen Brandenburgern gegenüber erlauben 
konnte, das durfte der französische General mit seinen unfähigen 
Unterführern und seinen kaum notdürftig angelernten Truppen nicht 
wagen. Dafs der Prinz in seinem Befehl taktische Lehren gab und 
auf ausgiebigste Verwendung der Artillerie hinwies, war durchaus 
sachgemäls, da im ersten Teile des Feldzuges bei den Angriffen 
häufig die Wirkung der Artillerie nicht abgewartet war. Das Gefecht 
bei Chilleurs ist im übrigen sehr lehrreich, es entspricht in seiner 
Durchführung genau den Grundsätzen, welche die jetzigen Exerzier- 
reglements für die Infanterie bezw. Artillerie für den geplauten An- 
griff enthalten. 

17. General v. Goeben. 

a) Befehl für den 19. 1. 71 (Schlacht von St Quentin). 

.,1. Die 15. Infanteriedivision und das Detachement Graf Groeben 
haben in einem glücklichen Gefecht die ihnen gegenüberstehenden 
feindliehen Streitkräfte geworfen und ein Geschütz genommen, ohoe 



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Über Abfassung von Befehlen. 



indessen den Feind genügend verfolgen oder die ihnen vorgeschriebenen 
Stellungen erreichen zu können. Der Sieg rauls morgen vollendet 
werden. 

2. Generalleutnant v. Kummer geht mit sämtlichen ihm unter- 
gebenen Truppen mit Einschluls der gesamten Korpsartillerie morgen 
früh 8 Uhr auf den Strafsen von Vermond und von Etreillers kräftig 
gegen St. Quentin vor; unsere dortigen Streitkräfte genügen, um die 
ganze Nordarmee mit Erfolg angreifen zu können. Ihre Aufgabe 
ist, alles, was sich vor St. Quentin entgegenstellt, Uber den Haufen 
zu werfen, St. Quentin umfassend anzugreifen und zu nehmen. 
General Graf Groeben wird sich zu diesem Zwecke nach links hin 
bis auf die Strafse nach Cambrai ausdehnen. 

3. Generalleutnant v. Barnekow seinerseits geht ebenfalls um 
8 Uhr mit der 16. Infanteriedivision und der Division Prinz Albrecht 
längs der Eisenbahn und der Strafse Uber Essigny le Grand gegen 
St. Quentin vor. Die Division Graf Lippe mit der ihr zugeteilten 
16. Infanteriebrigade, soweit solche bis morgen frUh in Tergnier ein- 
getroffen sein wird, unterstützt diese Bewegung durch gleichzeitiges 
kräftiges Vorgehen längs der Stralse von La Fere nach St. Quentin 
und durch möglichstes Umfassen nach rechts hin. Bei den jetzt hier 
vereinigten Streitkräften und unserer überlegenen Artillerie handelt 
es sich nur darum, energisch vorzugehen, um alles, was der Feind 
uns entgegenstellen kann, Uber den Haufen zu werfen. 

4. Die Reserve unter Oberst v. Böcking setzt sich um 9 Uhr 
von Ham nach St. Quentin in Marsch; ihr werden 1 Eskadron 
Husaren 9 (hat direkten Befehl erhalten) und 2 Eskadrons des 
Gardeulanenregiments zugeteilt, welche 2 Eskadrons gegen 9 Uhr 
vormittags bei Ham eintreffen und sich bei Oberst Böcking melden. 

5. Ich befinde mich anfangs bei der Reserve, wohin Meldungen 
zu senden, und werde mich später voraussichtlich zum Korps Kummer 
begeben. 

6. Das hier stehende Bataillon des 87. Regiments wird direkt 
vom Oberkommando um 7 Uhr früh nach Flavy in Manch gesetzt 
werden. 

7. Sollte aber der Feind unseren Angriff nicht abwarten, so ist 
mit Aufbietung der letzten Kräfte energisch zu verfolgen, da die 
Erfahrung lehrt, dals bei so schwach organisierten Streitkräften nicht 
sowohl der Kampf selbst als die durchgreifende Ausbeutung desselben 
den größten Erfolg giebt. gez. v. Goeben." 

(v. Schell, Operationen der L Armee unter General v. Goeben.) 
Der Befehl zeichnet sich durch Frische und Kraft des Ausdrucks 
aus, er entspricht allen Grundsätzen der Befehlskunst, enthält aber 



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314 



Über Abfassung von Befehlen. 



noch mehr, nämlich Uberall ein aufmunterndes Wort zu energischem 
Vorgehen. Der Passus 7, welcher eine kräftige Verfolgung ins Auge 
fafst, war um so angebrachter, als ja nach fast allen Schlachten des 
so ruhmreichen Feldzuges die Verfolgung nicht mit der nötigen Kraft 
betrieben war. Der Befehl zur Verfolgung am 20. Januar lautet: 

„1. Die französische Nordarmee ist vollständig geschlagen, 
St Quentin ist von den Divisionen des Generals v. Barnekow und 
des Prinzen Albrecht besetzt, zwei Geschütze sind im Feuer ge- 
nommen, Uber 4000 Gefangene sind in unseren Händen; ich spreche 
allen Truppen, welche ich zu befehlen die Ehre habe, meinen Glück- 
wunsch zu dem erfolgten Siege aus. Jetzt handelt es sich darum, 
diesen Sieg auszubeuten; heute haben wir gekämpft, morgen müssen 
wir marschieren und die Niederlage des Feindes vollenden. Derselbe 
scheint sich einerseits auf Cambrai, andererseits auf Guise zurück- 
gezogen zu haben; wir müssen ihn einholen, bevor er seine Festungs- 
linie erreicht Zu diesem Zwecke stelle ich als Grundsatz hin: alle 
Truppen marschieren morgen 5 Meilen, die Infanterie, indem 
sie, wenn irgend möglich, die Tornister auf Wagen mit sich führt 

2. Generalleutnant v. Kummer mit der 15. Infanteriedivision, 
dem Detachement Graf Groeben, dem Stabe der Korpsartillerie und 
der II. Fufsabteilung marschieren auf Cambrai. Die mehrfachen 
Übergänge Uber die Scheide geben ihm Gelegenheit, durch Kom- 
bination mehrerer Marschkolonnen den feindlichen Truppen den 
Rückzug auf Cambrai abzuschneiden. 

3. Generalleutnant v. Barnekow mit der 16. Infanteriedivision, 
der Division Prinz Albrecht und dem ihm überwiesenen Detachement 
Böcking marschiert Uber Sequehart auf Clary und Caudry. 

4. Die Division Graf Lippe marschiert auf Bohain und Le Cateau- 
Cambresis, indem sie zugleich in der Richtung auf Guise detachiert, 
um die dorthin ausgewichenen feindlichen Abteilungen im Auge zu 
behalten. 

5. Ich reite vorläufig nach Le Catelet, wo ich Mittags bin und 
Meldungen von den oben genannten Kommandeuren erwarte. Das 
Detachement Bronikowski mit der I. Abteilung der Korpsartillerie 
folgt mir zu meiner Disposition dorthin. 

6. Abmarsch aller Divisionen 8 Uhr vormittags. 

7 bis 9 etc. (betrifft Gefangene und Munitionsersatz. 

gez. v. Goeben. 

( v. Schell, Operationen der I. Armee unter General v. Goeben.) 
Auch dieser Befehl ist frisch und energisch, aulserdem in jeder 
Beziehung einwandfrei. Es ist dem General v. Goeben gewifs nicht 
leicht geworden, seinen Truppen nach erfochtenem Siege einen so 



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Über Abfassung von Befehlen. 315 

anstrengenden Marsch von 5 Meilen zuzumuten, zumal auch in den 
vorhergehenden Tagen grofse Marschleistungen nötig gewesen waren. 
Aber die Anordnung war gewifs der Kriegslage entsprechend. Wenn 
die so energisch angesetzte Verfolgung nicht von dem gehofften Er- 
folge begleitet war, so lag dies jedenfalls nicht an den Anordnungen 
des Generals v. Goeben. 

18. Feldmarschall Graf Moltke. 

Die Befehle des Feldmarschalls Moltke haben nicht das Charak- 
teristische, Packende, was die Befehle des Prinzen Friedrich Karl 
auszeichnet, sie sind aber meisterhaft in Stellung der Aufträge für 
die Unterführer. Die Gesichtspunkte, welche malsgebend sind, 
werden klar bezeichnet, jedes Eingreifen nach unten wird vermieden 
und in allen den Fällen, wo die Lage nicht genügend geklärt ist, 
nicht mehr befohlen, als durchaus notwendig ist. Für Königgrätz 
wurde ein gemeinsamer Befehl vom Oberkommando überhaupt nicht 
gegeben. Auf die Meldung des Prinzen Friedrich Karl, dafs er am 
3. Juli früh angreifen wolle, beschlofs der König, dals auch die 
II. Armee in das Gefecht eingreifen solle. Generai v. Moltke erliels 
daher im Auftrage des Königs folgende Weisung an diese: 

„Den bei der I. Armee eingegangenen Weisungen zufolge ist 
der Feind in Stärke von etwa drei Korps, welche jedoch noch weiter 
verstärkt werden können, bis Uber den Abschnitt der B istritz bei 
Sadowa vorgegangen und ist dort ein Rencontre mit der I. Armee 
morgen in aller frühe zu erwarten. 

Die I. Armee steht befohlenermafsen morgen den 3. Juli früh 
mit zwei Divisionen bei Horitz, mit einer bei Milowitz, einer bei 
Cerekwitz, mit zwei bei Psanek und Bristan, das Kavalleriekorps 
bei Gutwasser. 

Eure Königliche Hoheit wollen sogleich die nötigen Anordnungen 
treffen, um mit allen Kräften zur Unterstützung der I. Armee gegen 
die rechte Flanke des voraussichtlichen feindlichen Anmarsches vor- 
rücken zu können und dabei sobald als möglich eingreifen. Die 
heute Nachmittag unter anderen Verhältnissen gegebenen diesseitigen 
Anordnungen sind nun nicht mehr malsgebend. 

gez. v. Moltke." (Generalstabs-Werk.) 

Bezeichnend für diesen Befehl ist der grofee Spielraum, der 
hier der EL Armee gelassen wird. Ihre Aufgabe wird klar be- 
zeichnet, das ist alles, nicht einmal eine vorläufige Marschrichtung 
wird befohlen. 

Hochinteressant ist der Befehl zum Vormarsch am 18. 8. 70: 
„Die II. Armee wird morgen, den 18., um 5 Uhr früh antreten 
und mit Staffeln vom linken Flügel zwischen dem Yron- und Gorzc- 



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3115 



über Abfassung von Befehlen. 



bach (im allgemeinen zwischen Ville-sur-Yron und Bezonvillei vor- 
gehen. Das VIII. Armeekorps bat sich dieser Bewegung auf dem 
rechten Flügel der II. Armee anzuscbliefsen. Das VII. Armeekorps 
wird anfangs die Aufgabe haben, die Bewegungen der II. Armee 
gegen etwaige feindliche Unternehmungen von Metz her zu sichern. 
Weitere Bestimmungen Sr. Majestät des Königs werden von den 
Mafsnahmen des Gegners abhängen, Meldungen an seine Majestät 
gehen zunächst nach der Höhe südlich Flavigny. 

gez. v. Moltke." (Generalstabs- Werk.) 

General v. Moltke war über den Verbleib und die weiteren Ab- 
sichten des Feindes nicht im klaren. Er reebnete sowohl damit, 
dafs die Franzosen eine Stellung mit der Front nach Westen einge- 
nommen hatten, als auch damit, dals sie den Abmarsch in nordwest- 
licher Richtung antraten. Beiden Möglichkeiten trägt der Abmarsch 
mit Staffeln vom linken Flügel Rechnung. Er bereitet einerseits eine 
Rechtsschwenkung der Armee vor, andererseits einen wirksamen An- 
griff auf den abmarschierenden Gegner. Aber im Befehl wird von 
alledem nichts erwähnt. Es wird also der Fehler vermieden, in 
welchen Benedek bei Königgrätz verfiel, wo dieser auch mit 2 Fällen 
rechnete und im Befehl ganz genau vorschrieb, was in dem einen 
bezw. in dem anderen Falle geschehen solle. 

Gleichwie für den 3. 3. 66 erliels das grolse Hauptquartier 
auch für den 1. 9. 70 keinen gemeinsamen Befehl. Der letzte Be- 
fehl, der ausgegeben wurde, war der vom 30. 8. abends 11 Uhr: 

„ Wenngleich bis zur Stunde Meldungen darüber, an welchen 
Stellen die Gefechte der einzelnen Korps geendet haben, noch nicht 
eingegangen, so steht doch fest, dals der Feind Uberall gewichen 
oder geschlagen worden ist. Die Vorwärtsbewegung ist daher auch 
morgen in aller Frühe fortzusetzen und der Feind Uberall, wo er sich 
diesseits der Maas stellt, energisch anzugreifen und auf den möglichst 
engen Raum zwischen diesem Fluls und der belgischen Grenze zu- 
sammenzudrängen. 

Der Armeeabteilung Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen 
von Sachsen fällt die Aufgabe zu, den feindlichen linken Flügel am 
Ausweichen in östlicher Richtung zu verhindern. Hierzu wird es sich 
empfehlen, dafs möglichst 2 Korps auf dem rechten Maasufer vor- 
dringen und eine etwaige Aufstellung gegenüber Mouzon in Flanke 
und Rücken angreifen. 

In gleicher Weise hat sich die III. Armee gegen Front und rechte 
Flanke des Feindes zu wenden. Möglichst starke Artilleriestellungen 
sind auf dem diesseitigen Ufer zu nehmen, dafs sie den Marsch und 



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Über Abfassung von Befehlen. 317 

die Lagerung feindlicher Kolonnen in der Thalebene des rechten 
Ufers von Mouzon abwärts beunruhigen. 

Sollte der Feind auf belgisches Gebiet übertreten, ohne sofort 
entwaffnet zu werden, so ist er ohne weiteres dahin zu verfolgen. 

Seine Majestät begeben sich um 8 Vi Uhr morgens von hier 
nach Sommauthe. Die seitens der Armeekommandos erlassenen 
Dispositionen sind bis dahin hierher einzureichen. 

gez. v. Moltke. u (Generalstabs-Werk.) 

In diesem Befehl ist zunächst bemerkenswert, wie den Armeen 
volle Selbständigkeit gelassen wird, ihre Aufträge auszuführen, aber 
andererseits angeordnet wird, dafs sie ihre Dispositionen einreichen 
sollen. Angesichts der aufsergewöhnlich spannungsvollen Lage war 
es ebenso wichtig, zunächst den Armeen volle Selbständigkeit zu 
lassen, damit sie den nicht vorauszusehenden Rettungsversuchen des 
Gegners gegenüber schnell die richtigen Gegenmalsregeln treffen 
konnten, wie es andererseits geboten war, sich die Möglichkeit zu 
schaffen, rasch ändernd bezw. verbessernd in diese Maisnahmen ein- 
zugreifen. Der Befehl bezeichnet ferner die Aufgaben der beiden 
Armeen so einfach und klar, dals er auch für den 1. 9. ausreichte, 
ohne dafs irgendwie zu weit vorausbefohlen war. General v. Moltke 
konnte sich auch überzeugt halten, dals die beiden Armeeftihrer im 
Sinne dieses Befehles sachgemäfs weiter handeln würden. Am 31. 8. 
fand nur eine Besprechung zwischen den Generalen v. Moltke, 
v. Blumenthal und v. Podbielski statt. Am Abend teilte General 
v. Blumenthal der Maas-Armee mit, dafs und in welcher Weise die 
II. Armee am 1. 9. angreiten werde, das grofse Hauptquartier be- 
fahl nichts. 

19. General Gurko. 

Am 22. Oktober (10. Okt. a. St.) 1877 hatte General Gurko seine 
Kommandeure versammelt, um sie Uber den bevorstehenden Angriff auf 
Gorni-Dubniak zu orientieren. Hierbei sagte der General: „Man mufs 
Dolni-Dubniak und Telisch so lange in eiserner Umarmung 
halten, bis wir mit Gorni-Dubniak fertig sind." Nachträglich 
arbeitete der Generalstabschef auf Grund dieser mündlichen Aus- 
einandersetzungen den Befehl aus und ordnete darin an: „4. Das 
Leibgardejägerregiment mit seiner Artillerie und der 2. Brigade der 
2. Gardekavalleriedivision sowie einer Sotnie hat um 6*/« Uhr 
morgens aufzubrechen und die feindliche Position beim Dorfe Telisch 
anzugreifen." Dagegen wurden die gegen Dolni-Dubniak be- 
stimmten Truppen nur bereit gestellt. Beide Anordnungen ent- 
sprechen also den Absichten Gurkos nicht, am wenigsten natürlich 
der Angriff auf Telisch, bei dem das Leibgardejägerregiment sehr 



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318 



Über Abfassung von Befehlen. 



grolse Verluste erlitt, ohne den geringsten Erfolg zu erzielen. 
Überläfst der Fuhrer dem Chef seines Stabes die Abfassung der 
Befehle, so soll er in allen entscheidenden Kriegslagen die fertig 
gestellten Befehle nachsehen, um Mifs Verständnisse beseitigen und 
ab und zu ein kräftig Wörtlein hineinfliefsen lassen zu können. 

Fassen wir nun die Resultate unserer Betrachtungen zusammen, 
so ergiebt sich folgendes: 

1. Das genaue Studium der in den Feldztigen ge- 
gebenen Befehle kann nicht genug empfohlen werden. Man 
lernt dabei, wie die grofsen Führer, welche ihre Befehle selbst ab- 
fassen, selten sogenannte Musterbefehle geben, sondern sich von 
allem Schematischen frei machen und durch eine urwüchsige, von 
Herzen kommende Ausdrucksweise auf ihre Unterführer einzuwirken 
suchen. Im Frieden, namentlich beim Kriegsspiel und bei 
Übungsritten giebt man alle Befehle so, als wenn die 
Unterführer und auch der Feind ideale Menschen wären 
und demgemäls handelten. Im Felde ist es notwendig, die 
Charaktere mit ihren Vorzügen und Schwächen zu stu- 
dieren und den bald niederschlagenden, bald elektri- 
sierenden Einfluls der Ereignisse richtig zu würdigen. 

2. In der Kunst des Abfassens von Befehlen sind entschieden 
Fortschritte gemacht, die Befehle sind kürzer, klarer und Ubersicht- 
licher geworden. Insbesondere ist und wird in der deutschen Armee 
überall eifrigst daran gearbeitet, diese Kunst zu vervollkommnen 
und im ganzen Offizierkorps einschliefslich der jüngsten Chargen zu 
verbreiten. Bei Felddienstübungen, den Manövern, Kriegsspielen und 
Übungsritten werden in dieser Beziehung hohe Anforderungen ge- 
stellt; die Gefahr liegt nun nahe, dals diese Anforderungen 
übertrieben werden und dafs zu viel an den gegebenen 
Befehlen herumkritisiert wird. Dadurch leidet aber vor allem 
die Frische und Kraft des Ausdrucks, die Befehle werden schematisch, 
langweilig. Die bei Friedensübungen gegebenen Befehle werden ja 
nie die Ursprünglichkeit zeigen, wie die vor dem Feinde gegebenen, 
aber der Führer, der im Frieden sich zu 6ehr an feste Formen 
binden mulste, wird sich auch im Felde viel schwerer zu einer 
kraftvollen, packenden Ausdrucksweise aufraffen. Es ist bezeichnend* 
dafs man heutzutage fast nur von einer Befehlstechnik und selten 
von einer Befehlskunst spricht. Getadelt muls natürlich auch bei 
Friedensübungen werden, wenn die Befehle unklar und wenn sie zu 
langatmig sind. Auch alle Sammlungen von Musterbefehlen, wie 
sie die verschiedenen Hilfsbücher für Truppenführer bringen, sind 
eher schädlich, als nützlich, selbst für den Anfänger, den Kriegs- 



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Die neue deutsche Miütär-Strafprozefsordnung. 



319 



schüler. Schon besser sind solche Schemata, in denen nur an das 
kurz erinnert wird, das in den Befehl vielleicht hineinkommen könnte. 
Solche Schemata enthält z. B. noch die vorletzte Ausgabe der Feld- 
dienstordnung für den Avantgarden- und Vorpostenbetehl, die neueste 
Ausgabe hat auch dies, wohl mit Recht, fallen lassen, ein Beweis, 
dals diese Vorschrift durchaus auf dem hier vertretenen Stand- 
punkte steht. 

3. Im Felde sollten die obersten Führer in allen ent- 
scheidenden Lagen ihre Befehle selbst ablassen. Der beste 
Generalstabschef kann nie einen so packenden Befehl geben wie 
der Führer selbst, er wird vielleicht einen Befehl geben, gegen den 
auch der schärfste Kritiker nichts wird vorbringen können, aber nie 
einen Befehl, der die Truppen zu aufsergewöhnlichen Leistungen 
fortreilst. 26. 



XXII. 

Die Hauptverhandlung 
nach der nenen deutschen Militär-Strafprozefsordnung. 

Von 

Dr. Dangelmaier. «) 

Für die Herstellung der deutschen Rechtseinheit ist seit de* 
Wiedererrichtung des deutschen Reiches viel geschehen. Das Keichs- 
Strafgesetzbuch, die Civil- Strafprozeßordnung, das Militär-Strafgesetz- 
buch, das bürgerliche Gesetzbuch, sind grofse Gesetzeswerke. 

Nunmehr besitzt Deutschland auch eine einheitliche, auf den 
modernen Prozefsprinzipien beruhende, dem Geiste des Heeres ent- 
sprechende und den unabweisbaren Forderungen der militärischen 
Disziplin Rechnung tragende Militär-Strafprozefsordnung. nämlich die 
Militär-Strafgerichtsordnung vom 1. Dezember 1898,*) durch welche 

') Der Verfasser ist Oberstleutnant- Auditor im k. u. k. Heere. 

*) Wir baben vor uns die in Heymanns Vorlag in Berlin erschienene Text- 
ausgabe des Gesetzes, versehen mit ausgezeichneten Erläuterungen von Dr. Sei- 
denspinner. Wirklichen Geheimen Kriegsrat und vortragendem Rat im Kriegs- 
ministerium. 



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320 



Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 



die Militär-Strafprozefsordnungen Preulsens, Bayerns, Sachsens und 
Württembergs aufgelöst werden. Mit 1. Januar 1901 wird die Wirk- 
samkeit der deutschen Militärstrafprozelsordnung beginnen. 

Wir haben es uns hier zur Aufgabe gemacht, ein Bild der 
Hauptverbandlung des deutschen Militär-Strafprozesses, in welcher der 
Schwerpunkt des ganzen Verfahrens liegt, zu entwerfen. 

I. Die der Hauptverhandlung zu Grunde liegenden 

Prinzipien. 

Die Hauptverhandlung nach der deutschen Militär-Strafprozefs- 
ordnung ist im allgemeinen Ubereinstimmend mit der Hauptverhand- 
lung nach der Civil-Strafprozefsordnung für das deutsche Reich 
geregelt. Dieselbe geht nach den Prinzipien der Mündlichkeit und 
Unmittelbarkeit, und was das kriegsgerichtliche Verfahren betrifft, 
nach kondradiktorischer Verhandlung zwischen dem Vertreter der 
Anklage und dem Verteidiger vor sich. In der Einführung dieser 
Prinzipien liegt ein Hauptvorzog des neuen Gesetzes vor dem bis- 
herigen Verfahren. Während bisher das Gericht auf Grund eines 
Referates Uber die Untersuchung entschied, werden nunmehr der 
Angeklagte, die Zeugen und Sachverständigen vor dem Gerichte 
vernommen und wird das mit der Vertretung der Anklage hetrautc 
Organ vor dem Gerichte seine Anklage entwickeln, worauf der 
Angeklagte bezw. der Verteidiger desselben die Verteidigung vor- 
bringen wird. Das Gericht wird infolge der von ihm vorgenom- 
meneu Verhandlung besser als nach dem früheren Verfahren in der 
Lage sein, sich ein Bild der Vortallenheiten zu entwerfen, Uber 
welche es zu urteilen berufen ist. 

Die in Italien durch Lombroso gestiftete positive Rechtschule, 
welche die Rechtswissenschaft mit den Naturwissenschaften verbindet, 
welche Rechtsschule auch unter den deutschen Juristen Anhänger 
hat, giebt dem Inquisitionsprinzip (man denke nur nicht an die 
spanische Inquisition) den Vorzug vor den Prinzipien der Mündlichkeit 
und Unmittelbarkeit, weil bei ersterem Prinzip eine genaue Unter- 
suchung des Beschuldigten (seiner Erziehung, seines Vorlebens, seiner 
Abstammung u. s. w.) möglich ist Dieser Ansicht kann Berechtigung 
nicht abgesprochen werden. 

Es ist daher ein bedeutender Vorzug des deutschen Militär- 
Strafprozesses, dals er das Untersuchungsprinzip nicht ganz aufgiebt, 
sondern mit einer auf Mündlichkeit und Unmittelbarkeit beruhenden 
Hauptverhandlung ein vorhergehendes auf dem Untersuchungsprinzip 
beruhendes „Ermittelungsverfabren" verbindet. Das Ermittelungs- 
verfahren ist Uberhaupt ein sehr gelungener Teil des Gesetzes. 



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Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 



321 



Namentlich zeichnet sich das Ermittelungsverfahren durch Einfachheit 
und Klarheit der Bestimmungen aus. Die beiden Eigenschaften sind 
wesentliche Bedingungen eines guten Militär-Gesetzes. 

Wir wollen nunmehr die Personen kennen lernen, vor welchen 
nach dem neuen Gesetze die Hauptverhandlung vor sich gehen wird. 

II. Das Gericht. 

Nach § 273 erfolgt die Hauptverhandlung vor dem vorschrifts- 
mäßig besetzten Standgericht oder Kriegsgericht in ununterbrochener 
Gegenwart der zur Urteilsfindung berufenen Personen, sowie des mit 
der Vertretung der Anklage beauftragten Gerichtsoffiziers (im stand- 
gerichtlichen Verfahren) oder Kriegsgerichtsrats (im kriegsgericht- 
lichen Verfahren) und eines Gerichtsschreibers. 

Der Zusammentritt des Stand- oder Kriegsgerichtes erfolgt, 
nachdem die Anklage erhoben ist, auf Befehl des Gerichtsherrn, 
welcher auch Ort und Zeit der Hauptverhandlung bestimmt. Der 
Ort der Hauptverhandlung kann auch ein anderer als der Garnisonort 
des Angeklagten sein. 

Das Standgericht, welches nur zur Aburteilung von geringeren 
Straffällen der Mannschaft berufen ist, besteht aus drei Offizieren, 
nämlich einem Stabsoffizier, einem Hauptmann und einem Ober- 
leutnant. Die Standgerichte sind ständig, d. h. die Offiziere werden 
als Richter vom Gerichtsherrn vor Beginn des Geschäftsjahres 
(Kalenderjahres) fllr die Dauer desselben bestellt. 

Die Ständigkeit der Militärgerichte, d. h. die Bestellung der 
Richter auf eine bestimmte Zeit war eine dringende Forderung der 
Reform-Bestrebungen. Man wollte nämlich, dafs durch die Ständigkeit 
der Richter der Möglichkeit einer Willkür bei der Kommandierung 
vorgebeugt werde. Ein weiterer triftiger Grund für die Forderung 
der Ständigkeit der Gerichte war, dafs die Offiziere bei längerer 
Ausübung des Richteramtes sich die erforderliche Praxis aneignen 
werden. 

Das Gesetz hat der Forderung nach Ständigkeit, was die 
Standgerichte betrifft, Rechnung getragen. Selbstverständlich aber 
dürfen die Offiziere durch Kommandierung zum Standgericht nicht 
ihrem eigentlichen Berufe entzogen werden. Die Bestellung erlischt 
daher, sobald der Offizier zu einer anderweitigen Verwendung 
kommandiert wird. Zu den Kriegsgerichten werden die Offiziere 
fallweise kommandiert. Eine „Ständigkeit" auch der Kriegsgerichte 
würde zu sehr störend in den militärischen Dienst eingreifen. Jedoch 
ist auch für die Kriegsgerichte gegen Angeklagte bis hinauf in die 
Oberstencharge die Bestimmung getroffen, dafs die Berufung der 

JihrbQcher für die deutsch« Anne« and Marine. Bd. 113. 3. 21 



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322 



Die neue deutsche MUitär-Strafprozefsordnung. 



Offiziere als Richter nach einer vom Gerichtsherrn alljährlich vor 
Beginn des Geschäftsjahres für die Dauer desselben festzustellenden 
Reihenfolge, von der nur aus dringenden Gründen abgewichen 
werden darf, zu erfolgen hat. 

Das Kriegsgericht besteht aus fünf Richtern, und zwar einem 
Kriegsgerichtsrat und vier Offizieren, deren Chargen sich nach der 
Charge des Angeklagten richten. Bei Bestimmung der Chargen für 
das Kriegsgericht ist das neue Gesetz dem preußischen Militär- 
Strafverfahren gefolgt, dafs Offiziere nicht unbedingt nur von Offi- 
zieren der gleichen oder höheren Charge abzuurteilen sind. Es 
besteht z. B. das Kriegsgericht über einen Major aulser dem Kriegs- 
gerichtsrate aus einem Oberst, zwei Oberstleutnants oder Majors 
und einem Hauptmann (Rittmeister). Der Grund ist, weil bei Be- 
lüfung von nur höheren oder gleichen Chargen, als der Angeklagte 
eine Charge bekleidet, Schwierigkeiten bei Zusammensetzung der 
Kriegsgerichte entstehen würden. 

Infolge der Verhandlungen im Reichstage wurde das juristiche 
Element für schwere Delikte verstärkt. Es wurde infolge dieser 
Verhandlungen die Bestimmung aufgenommen, dafs, wenn der Ge- 
richtsherr nach den Umständen des Falles annimmt, dafs auf Todes- 
strafe oder auf Freiheitsstrafe von mehr als 6 Monaten zu erkennen 
sei, das Kriegsgericht aufser zwei Kriegsgerichtsräten aus drei 
Offizieren zu bestehen hat. Ist das Kriegsgericht aulser dem Kriegs- 
gerichtsrat mit vier Offizieren besetzt, so kann es auch auf Freiheits- 
strafe bis zu einem Jahre erkennen. Erachtet aber das Gericht eine 
höhere Strafe verwirkt, so hat es die Hauptverhandlung abzubrechen, 
und ist ein Kriegsgericht, bestehend aus zwei Kriegsgerichtsräten 
und drei Offizieren zusammenzusetzen. 

Welche Chargen als Richter zu berufen sind, bestimmen die 
§§ 50 und 51, auf welche wir uns hier nur beziehen. 

Ist der Angeklagte ein Sanitätsoffizier, ein Ingenieur des Sol- 
datenstandes oder Militär-Beamter, so wird dem engeren genossen- 
schaftlichen Charakter dadurch Rechnung getragen, dafs in den 
Fällen des § 50 (da ein Kriegsgerichtsrat im Kriegsgerichte ist), an 
Stelle der zwei Offiziere des niedrigsten Dienstgrades zwei Sanitäts- 
offiziere, zwei Ingenieure des Soldatenstandes, bezw. zwei obere 
Militär-Beamte als Richter eintreten, in den Fällen des § 51 (da 
zwei Kriegsgerichtsräte im Kriegsgerichte sind), an Stelle des Offi- 
ziers des niedersten Dienstgrades ein Sanitätsoffizier, ein Ingenieur 
des Soldatenstandes, bezw. ein oberer Militär-Beamter als Richter 
berufen wird. 

Personen des Mannschaftsstandes werden nach der neuen 



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Die neue deutsche MiUtär-Strafprozefsordnung. 



323 



deutschen Militär-Strafprozefsordnung als Richter nicht berufen. Die 
Motive erkennen zwar an, dafs ein idealer Zug darin liegt, bei 
Mannschaftsprozessen auch Personen des Mannschaftsstandes als 
Richter zu kommandieren. Man hat jedoch die Aufgabe des Richters 
im modernen Prozels für Personen des Mannschattsstandes zu 
schwierig erachtet. 

Das neue Gesetz legt, was das Kriegsgericht betrifft, grofses 
Gewicht auf das Zusammenwirken des soldatischen und juristischen 
Elementes, und zwar mit Recht. Der Offizier ist vermöge seines 
Charakters, seiner allgemeinen Bildung und seiner Kenntnis des 
militärischen Lebens ein geeigneter Richter im Militär-Strafverfahren. 
Allein auch der Militärjurist soll mitsprechen, da die Miliär-Rechts- 
pflege zwar militärische Zwecke verfolgt, aber auch nach juristischen 
Grundsätzen vor sich gehen soll. Gewifs verdient das deutsche 
Gesetz den Voraug vor den Militär-Strafprozelsordnungen Frankreichs 
und Italiens, nach welchen das juristiische Element im Kriegsgerichte 
gänzlich mangelt. Wir glauben jedoch, dals die Beiziehung eines 
Juristen, wie dies im Entwürfe vorgesehen war, genügt hätte. 

Im Standgerichte ist allerdings kein Jurist. Im standgericht- 
lichen Verfahren handelt es sich nur um einfache Fälle, in welchen 
die Rechtslage eine klare ist. Auch ist gegen standgerichtliche 
Urteile die Berufung an das Kriegsgericht, in welchem ein Kriegs- 
gerichtsrat ist, zulässig. 

III. Der Angeklagte und dessen Verteidiger. 
Der Angeklagte hat in der Regel während der Hauptverhandlung 
anwesend zu sein. Personen des Soldatenstandes des aktiven Heeres 
und der aktiven Marine sind zur Hauptverhandlung zu stellen, andere 
Personen sind vorzuladen, und wenn sie unentschuldigt ausbleiben, 
vorzuführen. Wenn der erschienene Angeklagte sich während der 
Hauptverhandlung unbefugt entfernt, kann die Hauptverhandlung in 
seiner Abwesenheit weiter geführt werden, wenn er Uber die Anklage 
bereits vernommen wurde und das Gericht seine weitere Anwesenheit 
nicht für nötig erachtet. Ausnahmsweise kann der Angeklagte mit 
seiner Zustimmung (nicht blofs wie im Civil-Strafverfahren über seinen 
Antrag) wegen grofser Entfernung seines Aufenthaltsortes von dem 
Erscheinen bei der Hauptverhandlung entbunden werden. Dies wird 
der Gerichtsherr namentlich dann veranlassen, wenn es sich um ein 
vor dem Eintritte in den Dienst begangenes Vergehen handelt und 
die Durchführung der Hauptverhandlung vor einem, dem Thatorte 
und dem Wohnsitze der Zeugen nahe gelegenen Militärgerichte 
zweckraälsig ist. 

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324 



Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 



Die Entbindung des Angeklagten vom Erscheinen bei der 
Hauptverhandlung kann aber nur dann erfolgen, wenn keine andere 
als eine innerhalb der Strafbefugnisse der Standgerichte liegende 
Strafe (also in Friedenszeiten Freiheitsstrafen bis zu 6 Wochen) zu 
erwarten ist 

Eine wichtige Rolle in der Hauptverhandlung kommt dem Ver- 
teidiger zu. Im standgerichtlichen Verfahren findet eine Verteidi- 
gung durch Dritte zwar nicht statt. Im kriegsgerichtlichen Verfahren 
jedoch kann der Angeklagte nach Abschluls des Ermittelungsver- 
fahrens des Beistandes eines Verteidigers sich bedienen. Das Gesetz 
geht in der Fürsorge für den Angeklagten so weit, dafs es bestimmt, 
dafs der Gerichtsherr in Verbrechensfällen dem Angeklagten, wenn 
er keine Verteidiger erwählt hat, einen solchen von Amtswegen zu 
bestellen hat (notwendige Verteidigung). Diese Bestimmung findet 
nur dann nicht Anwendung, wenn die Handlung nur deshalb Ver- 
brechen ist, weil Rückfall vorliegt, oder weil die Voraussetzungen 
des § 55 Militär-Strafgesetz vorhanden sind. 

Aufser den Fällen der notwendigen Verteidigung kann der 
Gerichtsherr oder das erkennende Gericht einen Verteidiger bestellen, 
wenn dies für sachgemäfs, also namentlich im Interesse des Angeklagten 
gelegen, erachtet wird. 

Der Angeklagte selbst kann die Bestellung eines Verteidigers 
beantragen. Über einen solchen Antrag entscheidet aufserhalb der 
Hauptverhandlung der Gerichtsherr, in der Hauptverhandlung das 
Gericht. 

In der richtigen Erkenntnis, dals die Übertragung der Vertei- 
digung Vertrauenssache ist, bestimmt das Gesetz, dals im Falle der 
Bestellung des Verteidigers von Aratswegen der Angeklagte zu be- 
fragen ist, ob er Wünsche in betreff der Person des Verteidigers zu 
stellen habe. Diese Wünsche sind nach Möglichkeit zu berück- 
sichtigen. 

Von grölster Wichtigkeit ist die Frage, welche Personen Ver- 
teidiger sein können. 

Das Gesetz (§ 341) bestimmt: 

„Als Verteidiger werden zugelassen und können von Amtswegen 
bestellt werden: 

1. Personen des Soldatenstandes des aktiven Heeres und der 
aktiven Marine im Offiziersrange; 

2. Kriegsgerichtsräte und die bei den Militärgerichten be- 
schäftigten Assessoren und Referendare ; 

3. Nicht richterliche ober9 Militär-Beamte; 

4. Personen des Beurlaubtenstandes im Offiziersrange; 



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Die neue dentsche Militär-Strafprozefsordnung. 



325 



5. Rechtsanwälte, welche von der obersten Militärjustiz-Ver- 

waltung ernannt sind. 
Die unter l bis 3 bezeichneten Personen bedürfen zur 
Übernahme von Verteidigungen der Genehmigung der vorgesetzten 
Dienstbehörde" — diese Genehmigung darf nur aus zwingenden 
Gründen des dienstlichen Interesses versagt werden. 

Infolge der Beratungen Uber den Entwurf im Reichstage ist noch 
die Bestimmung aufgenommen worden, dafs einem bei deutschen 
Gerichten zugelassenen Rechtsanwälte, insoweit Verbrechen oder 
Vergehen gegen die §§ 133, 156, 159, 160, 253, 263, 266 bis 271 
273, 274 des Reichs-Strafgesetzes den Gegenstand der Anklage 
bilden, die Übernahme der Verteidigung vom Gerichtsherrn gestattet 
werden kann, wenn nicht eine Gefährdung militär-dienstlicher Inter- 
essen oder der Staatssicherheit zu besorgen ist. Gegen die Ver- 
sagung der Genehmigung steht dem Antragsteller die Rechtsbeschwerde 
an die oberste Militär-Justizvenvaltung zu. 

Die vorstehenden Bestimmungen, welche die Zulassung von 
Rechtsanwälten zu Verteidigungen vor Militärgerichten beschränken, 
finden wir durch die militärischen Interessen vollkommen gerecht- 
fertigt. Es darf nicht so weit kommen, dafs in militärischen Gerichts- 
sälen Lehren der Disziplinlosigkeit gepredigt, und Subordinations- 
verletzungen verherrlicht werden. Bei der bestehenden sozialen 
Strömung wären solche Verteidigungen fllr das Heer eine grofse 
Gefahr. Uns war die im Entwürfe enthaltene, leider in das Gesetz 
nicht aufgenommene Bestimmung sympathisch, dafs Rechtsanwälte nur 
bei bürgerlichen Delikten Verteidiger sein können. 

Endlich soll noch bemerkt werden, dafs in der Hauptverhandlung 
mehrere Vertreter der Anklage und mehrere V erteidiger auftreten können. 

IV. Die Öffentlichkeit der Hauptverhandlung. 
Das Gesetz erkennt für die Hauptverhandlung das Prinzip der 
Öffentlichkeit an. Eine blofs geheime Rechtspflege ist bei dem 
heutigen Zeitgeiste nicht möglich. Eine unbeschränkte Öffentlichkeit 
aber würde fllr die militärische Disziplin eine grofse Gefahr bedeuten. 
Es bestimmt deshalb das Gesetz (§ 283), dafs die Öffentlichkeit 
durch Beschlufs des Gerichtes, nicht nur wie im allgemeinen Straf- 
verfahren, wenn durch die Öffentlichkeit eine Gefährdung der öffent- 
lichen Ordnung, Staatssicherheit oder Sittlichkeit, sondern auch, wenn 
durch sie eine Gefährdung militär-dienstlicher Interessen zu besorgen 
ist, ausgeschlossen werden kanu. Die militärdienstlichen Interessen 
haben fUr das Heer gewifs dieselbe Bedeutung, wie die öffentliche 
Ordnung für den Staat. 



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Die neue deutsche Militär-Strafprozersordnung. 



Der Kaiser erläfst allgemeine Vorschriften, unter welchen Vor- 
aussetzungen das Gericht die Öffentlichkeit wegen Gefährdung der 
Disziplin auszuschließen bat. 

Wenn die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist, kann der Vorsitzende 
doch einzelnen Personen den Zutritt gestatten. Es kann z. B. bei 
Prozessen wegen Verrates militärischer Geheimnisse erwünscht sein, 
dals ein Offizier des Generalstabes durch Anhören der Verhandlung 
sich im Gegen stände orientiere. 

Aus disziplinären Gründen ordnet das Gesetz an, dals aktiven 
Militärpersonen der Zutritt zu öffentlichen Verhandlungen nur insofern 
gestattet ist, als dieselben nicht unter dem Hange des Angeklagten 
und bei mehreren Mitangeklagten nicht unter dem Hange des höchst 
gestellten Mitangeklagten stehen. Dem Verletzten kann auch, wenn 
er in einem niederen Range als der Angeklagte steht, der Zutritt 
gestattet werden, da es sich in der Hauptverhandlung auch um seine 
Hechte handelt Auch zu nicht öffentlichen Verhandlungen (aulser 
wenn die Öffentlichkeit aus Gründen der Staatssicherheit ausge- 
schlossen ist) ist dem Verletzten der Zutritt zu gestatten. Das 
Gericht kann jedoch aus Grüuden der Disziplin die Entfernung des 
Verletzten, wenn er zu den Personen des aktiven Heeres oder der 
aktiven Marine gehört, anordnen. 

Der Zutritt zu öffentlichen Verhandlungen kann weiblichen, 
sowie unerwachsenen und solchen Personen versagt werden, welche 
sich nicht im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befinden, oder 
welche in einer der Würde des Gerichtes nicht entsprechenden Weise 
erscheinen. 

Besonders wollen wir noch die Bestimmung des Gesetzes 
(§ 273) hervorheben: „Die Hauptverhandlung findet in Abwesenheit 
des Gerichtsherrn statt." 

Die Militär-Gerichtsbarkeit ist ein Ausflurs der Kommandogewalt. 
Ein wichtiger Zweck der militärischen Strafrechtspflege ist die 
Aufrechthaltung der militärischen Disziplin. Für die Disziplin aber 
sind die Kommandanten dem obersten Kriegsherrn verantwortlich. 
Die neue deutsche Militär-Strafprozelsordnung hat daher mit Recht 
die gerichtsherrlichen Hechte aus dem preutsischen Militär-Straf- 
verfahren herüber genommen, so sehr sich auch die Demokraten 
aller Schattierungen dagegen ereifern. Der Kommandant als Gerichts- 
herr hat das Hecht, den Übertreter des Gesetzes vor die Schranken 
des Gerichtes zu stellen. Im Ermittelungsverfahren ist der Gerichts- 
herr dominus litis und verfügt auch die Versetzung in den Anklage- 
stand. Das Urteil aber soll von unparteiischen Standesgenossen 
gefällt werden. 



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Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 



327 



Um die Unparteilichkeit des Gerichtes in jeder Beziehung zu 
wahren, ist die Bestimmung getroffen, dals die Hauptverhandlung in 
Abwesenheit des Gerichtsherrn vor sich zu gehen hat. 

V. Vorsitz, Aufrechthaltung der Ordnung, Führung 

der Verhandlung. 

Im standgerichtlichen Verfahren ruht die Führung der Verhand- 
lung in der Hand des Vorsitzenden, welcher aber auch einen Beisitzer 
damit betrauen kann. Im kriegsgerichtlichen Verfahren hingegen 
hat der rangälteste Offizier den Vorsitz, er vertritt die Autorität des 
Gerichtes, während die Führung der Verhandlung als juristisches 
Geschäft dem dienstälteren Kriegsgerichtsrate zukommt. 

Der Vorsitzende hat die Ordnung im Sitzungssaale aufrecht zu 
erhalten. Demselben steht jedoch nicht (wie nach anderen Militär-Straf- 
prozelsordnungen, z. B. der französischen, italienischen und selbst 
manchen Civil-Strafpozesordnungen) ein Disziplinar- Strafrecht zu. 

Personen (Angeklagte, Zeugen, Sachverständige, Personen aus 
dem Publikum), welche den zur Aufrechthaltung der Ordnung er- 
lassenen Befehlen nicht gehorchen, können Uber Beschluis des Ge-# 
richtes von der Gerichtsstelle entfernt werden. 

Personen des Soldatenstandes, welche sich in der Sitzung einer 
Ungebühr schuldig machen, sind, wenn nicht die gerichtliche Behand- 
lung eintritt, im Disziplinarwege durch ihren Disziplinar- Vorgesetzten 
zu bestrafen. 

Gegen andere Personen kann das Gericht eine Ordnungsstrafe 
bis zu 100 Mark oder bis zu drei Tagen Haft aussprechen. 

Auch gegen einen Rechtsanwalt, der sich einer Ungebür 
schuldig macht, kann das Gericht eine Ordnungsstrafe bis zu 100 Mark 
verhängen. 

Der Gang der Hauptverhandlung ist folgender: 

VL Beginn der Hauptverhandlung und Bildung 

des Gerichts. 

Die Hauptverhandlung beginnt mit dem Aufrufe (bei Kriegs- 
gerichten durch den die Verhandlung führenden Kriegsgerichtsrat) 
des Angeklagten, des Verteidigers, der Zeugen und Sachverständigen. 
— Hierauf verliest der Vorsitzende die Namen der Richter und 
befragt den Angeklagten, ob er gegen den einen oder den anderen 
Richter einen Ablehnungsgrund wegen Befangenheit geltend zu 
machen habe. Uber eine Ablehnung entscheidet das Gericht mit 
Ausnahme des Abgelehnten. Nunmehr erfolgt die Beeidigung der 
nicht ständigen Richter, im Standgerichte durch den Vorsitzenden, 



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Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 



im Kriegsgerichte durch den die Verhandlung leitenden Kriegs- 
gerichtsrat (§ 296). 

V1L Vernehmung des Angeklagten, Verlesung der 

An klage Verfügung. 

Der Vorsitzende läfst sodann die Zeugen abtreten, worauf die 
Verhandlung selbst erfolgt. Diese beginnt mit der Vernehmung des 
Angeklagten Uber seine persönlichen Verhältnisse. Hieran schliefst 
sich die Verlesung der AnklageverfUgung des Gerichtsherrn durch 
den Vertreter der Anklage. Die AnklageverfUgung, welche die 
Grundlage für die Verhandlung und Urteilsfallung bildet, enthält die 
dem Angeklagten zur Last gelegte That, unter Hervorhebung ihrer 
gesetzlichen Merkmale und des anzuwendenden Strafgesetzes. 

Es erfolgt nun die weitere Vernehmung des Angeklagten, wobei 
demselben Gelegenheit zur Beseitigung der gegen ihn vorliegenden 
Verdachtsgrunde und Hervorhebung der für ihn sprechenden That- 
sachen zu geben ist. 

VIII. Beweisaufnahme. 

Nach der Vernehmung des Angeklagten folgt die weitere Beweis- 
aufnahme, namentlich die Vernehmung der Zeugen und Sachver- 
ständigen. In der Beweisaufnahme liegt der Schwerpunkt der 
Verhandlung. Der die Verhandlung Leitende bestimmt die Ordnung, 
in welcher die Beweise vorzuführen sind. Beruht der Beweis einer 
Thatsache auf der Wahrnehmung einer Person, so ist diese dem 
Prinzipe der Mündlichkeit und Unmittelbarkeit entsprechend in der 
Hauptverhandlung zu vernehmen und zu beeiden. Die Beeidigung 
erfolgt nach der Vernehmung (§ 197). Der Sachverständige hat 
nach Erstattung des Gutachtens den Eid zu leisten (§ 215). Ist 
ein Zeuge, Sachverständiger oder Mitbeschuldigter verstorben, oder 
sein Aufenthalt nicht zu ermitteln, oder ist der Zeuge am Erscheinen 
verhindert, oder sein Erscheinen wegen grofser Entfernung besonders 
erschwert, so kann sich mit der Verlesung des Protokolls über seine 
frühere gerichtliche Vernehmung begnügt werden (§§ 195, 305). 
Das Gericht kann auf Antrag oder von Amtswegen die Ladung von 
Zeugen und Sachverständigen, sowie die Herbeischaffung anderer 
Beweismittel anordnen. Zur Ablehnung eines Beweisantrages bedarf 
es eines Gerichtsbeschlusses. Das Standgericht beschliesst den 
Umfang der Beweisaufnahrae, ohne an Anträge etc. gebunden zu sein. 

Jedem Mitgliede des Gerichtes, dem Vertreter der Anklage, dem 
Angeklagten und dem Verteidiger ist zu gestatten, Fragen an die 
Zeugen und Sachverständigen zu stellen. Aus militärischen Gründen 



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Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 



329 



aber ist angeordnet, dafs der Verteidiger die Fragen nur durch den 
die Hauptverhandlung Leitenden (Kriegsgerichtsrat) zu stellen hat 
Ungeeignete und nicht zur Sache gehörige Fragen können von dem 
die Verhandlung Führenden zurückgewiesen werden. 

Der Angeklagte hat bei der Beweisaufnahrae anwesend zu sein. 
Wenn jedoch zu befürchten ist, dals ein Zeuge in Anwesenheit des 
Angeklagten die Wahrheit nicht sagen werde, so kann das Gericht 
den Angeklagten aus dem Sitzungssaale abtreten lassen. Bei seinem 
Wiedereintritt in den Sitzungssaal ist der Angeklagte von dem Ver- 
handelten in Kenntnis zu setzen. 

Urkunden (z. B. früher ergangene Urteile, Zeugnisse über Vor- 
strafen etc.) können vorgelesen werden. 

Nach der Vernehmung jedes Zeugen, Sachverständigen und 
Mitangeklagten und nach Vorlesung jeder Urkunde ist der Angeklagte 
za befragen, ob er etwas zu erklären habe. 

IX. Schlufsvorträge. 

Nach Beendigung des Beweisverfahrens erfolgen die Schlufs- 
Torträge. Es erhält der Vertreter der Anklage und sodann der 
Angeklagte oder dessen Verteidiger das Wort zu ihren Ausführungen 
ond Anträgen. Dem Vertreter der Anklage steht das Recht der 
Erwiderung zu, dem Angeklagten gebührt aber das Schlufswort. 

Sowohl der Vertreter der Anklage als auch der Verteidiger hat 
den durch die Beweisaufnahme gegebenen Stoff, jeder von seinem 
Standpunkte zu behandeln, die thatsächlichen Ergebnisse darzulegen 
und die Rechtsfrage zu erörtern. Wie der Offizier als Verteidiger 
vorzugehen hat, haben wir in dem im Novemberheft 1898 dieser 
Zeitschrift veröffentlichten Aufsatze „Der Offizier als Richter und 
als Verteidiger" ausgeführt. 

X. Urteilsfällung. 

Die Hauptverhandlung schliefet mit Fällung des Urteils. Das 
Urteil kann auf Freisprechung, Verurteilung oder Einstellung lauten. 
Letzteres ist bei Antrags-Delikten, z. B. Ehebruch, der Fall, wenn 
der zur Einleitung des Strafverfahrens erforderliche Antrag nicht 
vorliegt oder rechtzeitig zurückgenommen wird. 

Bei der Beratung und Abstimmung haben nur die zur Entscheidung 
berufenen Richter anwesend zu sein. Der Vorsitzende kann jedoch 
den zur juristischen Ausbildung bei Gericht befindlichen Personen 
die Anwesenheit gestatten. 

Über das Ergebnis der Beweisaufnahme, Uber die Schuldfrage 
entscheidet das Gericht nach seiner freien, nach dem Inbegriff der 



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Die neue deutsche Milltär-Strafprozefsordnung. 



Verhandlung geschöpften Überzeugung. Durch diese Bestimmung ist 
die freie Beweiswürdigung an Stelle der gesetzlichen Beweistheorie 
anerkannt. Nach der freien Beweiswürdigung ist das Gericht an 
die Ansichten anderer Behörden oder der Sachverständigen (z. B. 
der Arzte Uber die Zurechnungsfähigkeit) nicht gebunden. 

Gegenstand der Urteilsfindung ist nur die in der Anklagever- 
fügung des Gerichtsherrn bezeichnete That, wie sich dieselbe nach 
dem Ergebnisse der Verhandlung darstellt. Dieser Satz ist voll- 
kommen dem Anklageprinzip entsprechend. An die Beurteilung 
der That in der Anklageverfügung ist jedoch das Gericht nicht 
gebunden. Durch diese Bestimmung hält das Gesetz den Grundsatz 
aufrecht, dafs das Urteil von unabhängigen Standesgenossen zu 
fällen ist. Schön spricht diesen Grundsatz das Gesetz (§ 18) aus, 
indem es sagt: „Die erkennenden Gerichte sind unabhängig und 
nur dem Gesetz unterworfen". 

Die Leitung der Urteilsberatung, das Sammeln der Stimmen, 
erfolgt durch denjenigen, der die Verhandlung gefuhrt hat. Jeder 
Richter entscheidet Uber Schuld und Strafe. Das Gesetz hat mit 
Recht das Schöffenprinzip angenommen. Beim Schwurgericht ent- 
scheiden Geschworene nach ihnen vom Gericht gestellten Fragen nur 
Uber die Schuldfrage, während auf Grund dieses Ausspruches das 
Gericht die Strafe verhängt. Das Wort „Schwurgericht" gehört noch 
immer zu den politischen Schlagworten, welche auf die Menge 
wirken. Einsichtsvolle, ruhig denkende Männer haben längst den 
zweifelhaften Wert der Schwurgerichte erkannt. Für militärische 
Verhältnisse ist das Schwurgericht zu kompliziert. Im Kriege 
1870/71 konnte der schwerfällige Apparat des bayerischen Ge- 
schworenen-Gerichtes öfters nicht funktionieren, wie der bayerische 
Kriegsminister am 30. Oktober 1893 in der bayerischen Kammer 
der Abgeordneten erklärte. Das im neuen Gesetze enthaltene 
Schöffenprinzip entspricht auch der historischen Entwickelung, indem 
die deutschen Militärgerichte auch in früheren Zeiten Schöffengerichte 
waren. 

Zu einer jeden Entscheidung des Gerichtes ist Stimmenmehrheit 
erforderlich (§ 322). Zu einer jeden dem Angeklagten nachteiligen 
Entscheidung jedoch, welche die Schuldfrage betrifft, ist eine Mehr- 
heit von zwei Dritteilen der Stimmen erforderlich (§ 323). 

Bei den Standgerichten richtet sich die Reihenfolge der Ab- 
stimmung nach dem Dienstrange; der Jüngste im Range stimmt 
zuerst. Bei den Kriegsgerichten stimmt der die Verhandlungen 
führende Kriegsgerichtsrat zuerst, die übrigen Richter stimmen in 
der für die Standgerichte vorgeschriebenen Reihenfolge. 



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Die neue detitsche Militär-Strafprozofsordnang. 



331 



XL Verkündigung des Urteils. 

Das Urteil ist samt Gründen öffentlich zu verkündigen, nnd 
zwar bei Standgerichten durch den Vorsitzenden, bei Kriegsgerichten 
deu Kriegsgerichtsrat. Durch einen besonderen Beschlufs des 
Gerichtes kann für die Verkündigung der Urteilsgründe oder eines 
Teiles derselben die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Wir sagen 
durch einen besonderen Beschlufs des Gerichtes, da der Beschlufs 
des Gerichtes, mit welchem die Öffentlichkeit der Hauptverhandlung 
ausgeschlossen wird, nicht hinreicht, um die Ausschlicfsung der 
Öffentlichkeit der Verkündigung der Urteilsgründe herbeizuführen. 

Die Urteilsgründe müssen eine logisch geordnete und Ubersicht- 
liche Darstellung des Sachverhaltes geben. Im Falle der Verur- 
teilung müssen die Urteilsgründe die ftlr erwiesen erachteten That- 
sachen angeben, in welchen die gesetzlichen Merkmale der strafbaren 
Handlung gefunden werden, und die Darlegung enthalten, weshalb 
dieselben erwiesen erachtet werden. Die Gründe des Strafurteiles 
müssen auch das angewendete Strafgesetz und die Gründe anführen, 
welche für die Zumessung der Strafe bestimmend waren. 

Wären gleiche Bestimmungen über die Urteilsgründe in der 
französischen Militär-Strafprozefsordnnng enthalten, so wäre der 
Prozefa Dreyfufs unmöglich gewesen. Man hätte nämlich in den 
Urteilsgründen angeben müssen, dals der Angeklagte auf Grund einer 
dem Kriegsgericht erteilten, dem Angeklagten und dessen Verteidiger 
nicht vorgewiesenen Information seitens des Kriegsministeriums verur- 
teilt wurde. Dav or wäre man aber wohl zurückgeschreckt. Hätte man 
es aber dennoch gethan, nämlich den Grund des Schuldigsprnches 
angeführt, so wäre die Nullität des Prozesses für alle Zeiten doku- 
mentarisch festgestellt. 

Aus dem entworfenen Bilde der Hauptverhandlung wird der 
unbefangene und unparteiische Leser entnehmen, dafs von der 
Gesetzgebung für die Hauptverhandlung alles gethan wurde, um 
Ungerechtigkeiten zu verhüten und die Rechte des Angeklagten zu 
wahren. Das neue Gesetz ist überhaupt in den Konzessionen an die 
moderne Rechtswissenschaft so weit gegangen, als dies nur möglich 
war, ohne die Interessen des Heeres zu verletzen. Die im Gesetze 
enthaltenen militärischen Sonderbestimmungen, welche getroffen 
sind, um die modernen Prozefsforraen mit den Anforderungen des 
Geistes des Heeres und namentlich der Disziplin in Einklang zu 
bringen, halten wir für vollkommen gerechtfertigt. Wir erinnern in dieser 
Beziehung an einen Ausspruch des grofsen Schweigers. Moltke 
machte in einer seiner Reichstagsreden darauf aufmerksam, dafs 
man sich hüten soll, militärische Gesetze allzu zivilistisch abzufassen. 



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I 



332 Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung. 

Die neue deutsche Militär-Strafprozefsordnung ist ein grofser Fort- 
schritt der Gesetzgebung. Das neue Gesetz begründet in Deutschland 
Rechtseinheit in Bezug auf das Militärrecht und fuhrt die von der 
heutigen Rechtswissenschaft geforderten Prozefsprinzipien unter sorg- 
fältiger Wahrung der Disziplin ein. Lichtpunkte für Bayern sind 
die Einführung der militärischen Schöffengerichte, das Strafverfahren 
im Felde und die Möglichkeit der Berufung gegen kriegsgerichtliche 
Urteile. 

Das neue Gesetz hat aber trotz der grofsen Vorzüge, die es 
aufweist, Gegner. Zunächst sind Gegner solche Juristen, welche 
alles Heil in der Durchführung der am grünen Tische gebildeten 
Schultheorien suchen und von den Bedürfnissen des Heeres keine 
Vorstellung haben. Diesen Herren rufen wir zu: 

„Grau, teurer Feund, ist alle Theorie, 
Und grün des Lebens goldener Baum." 

Die Sozialdemokraten aber würden ein Gesetz wünschen, durch 
welches die Disziplin des Heeres Schaden leidet Diesem Wunsche 
zu entsprechen, wäre Selbstmord des Staates, denn ohne Disziplin 
kein Heer, ohne Heer kein Staat. 

Auch die Angriffe anderer Parteien sind darauf zurückzuführen, 
dals das Parteiinteresse dem allgemeinen Interesse vorangestellt 
wird. Es giebt, wie Bismarck ( „Gedanken und Erinnerungen** II, 
S. 21) sagt, Personen, welche als Condottieri an der Spitze der 
Parteien stehen, und tür sich eine möglichst grofse Gefolgschaft von 
Abgeordneten und politischen Strebern suchen. Gerade die Militär- 
gesetze bilden für Fraktionsführer, strebsame Redner und Partei- 
blätter ein willkommenes Feld für Phrasenschwindel. 

In Österreich-Ungarn ist eine Militär-Strafprozefsordnung in 
Kraft, welche auf denselben Prinzipien beruht, wie der im gröfsten 
Teile Deutschlands (in Deutschland aulser Bayern) bisher bestehende 
Militär- Strafprozefs. Trotz der veralteten Prozelsprinzipien besteht 
aber auch in der österreichisch-ungarischen Armee volle Gerechtigkeit? 
wovon der gute Geist, namentlich die vorzügliche Disziplin der 
Armee Zeugnis giebt. Nur bei dem Walten der Gerechtigkeit ist 
der Geist des Heeres ein guter. Wenn Ungerechtigkeit oder despotische 
Willkür herrscht, ist wahre Disziplin nicht möglich, sondern ver- 
wandelt sich die Gesellschaft bald in eine Bedientenstube. Die 
österreichisch-ungarische Armee blickt auf eine ruhmreiche Vergan- 
genheit zurück und nimmt auch gegenwärtig Österreich-Ungarn durch 
seine Armee eine Achtung gebietende Stellung im europäischen 
Staaten-Konzert ein. Immer ist noch wahr der Ausspruch Grillparzers: 



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Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



333 



„Radetzky, in deinem Lager ist Osterreich". Die Armee ist der 
gerechte Stolz Österreich-Ungarns. Die Armee hat sich bisher von 
allen Parteiungen ferne gehalten nnd wird dies anch in der Zukunft. 
Sie ist beseelt von Liebe zum allverehrten Kaiserhause und reprä- 
sentiert den einheitlichen österreichischen Staatsgedanken. 

Die Reform des Militär-Strafprozesses ist daher auch in Osterreich- 
L T Dgarn nicht deshalb nötig, um erst Gerechtigkeit zu schaffen, sondern 
deshalb, um den Forderungen des Zeitgeistes, dessen Stimme nicht 
überhört werden darf, Rechnung zu tragen. Die Reform ist bereits 
im Zuge, und ist zu wünschen und zu hoffen, dals auch diese Reform 
zum Nutzen und Vorteil der schönen und glorreichen Armee Öster- 
reich-Ungarns gelinge. 



XXIII. 

Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 

Sächsische Hasaren im Gefecht bei Spiessen am 12. September 
1793. An dem Rheinfeldzuge 1793, welchen Österreich und Preulsen 
gegen die Heere der französischen Republik führten, nahm als 
Reichskontingent ein sächsisches Korps von 6000 Mann unter dem 
Befehle des Generalleutnants von Lindt teil. Bei letzterem Korps 
befanden sich auch 2 fiskadrons des durch höchste Ordre vom 
30. Juli 1791 neu errichteten Husaren-Regiments (Stamm-Regiment 
der heutigen Königin-Husaren Nr. 19), welche sich in den Gefechten 
bei Mombach und bei Marienborn im Mai 1793 und bei Neukirchen 
am 13. August 1793 auszuzeichnen Gelegenheit fanden. Am 12. Sep- 
tember griff der Feind die von zwei preufsischen Korps bei Spiessen 
(in Preulsen) besetzte Stellung mit Übermacht an. Der österreichische 
Oberst von Szekuli, dessen Eskadrons an die Befehle des preulsischen 
Generals Grafen von Kalkreuth gewiesen und dem die sächsischen 
Husaren mit unterstellt waren, legte sich rechtzeitig in einen Hinter- 
halt und als starke feindliche Infanterie-Kolonnen gegen den Wald 
von Neukirchen vorgingen, brachen die Eskadrons vor und warfen 
den Gegner, der in Unordnung geraten war, zurllck. „Französische 
Infanterie, 200 Mann, hatte den Wald erreicht und 6ich dort ge- 



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334 



Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



sammelt, als plötzlich, ohne den Befehl hierzu abzuwarten, von der 
am weitesten vorn befindlichen sächsischen Husaren-Abteilung der 
Premierleutnant von Lindenau, Adjutant des Generalmajors von 
Gersdorff, der sich der Abteilung angeschlossen hatte, ferner der 
Sousleutnant von Lindenau von der Eskadron von Gutschmid, sowie 
noch zwei Offiziere und 25 Mann von den Pferden absprangen, und, 
in der einen Hand den Säbel, in der andern die Pistole, in den 
Wald eindrangen, der feindlichen Infanterie kühn entgegengingen 
und nach heftigem Kampf 4 Offiziere und 75 Mann zu Gefangenen 
machten." — Der vom General von Lindt an den Kurfürsten von 
Sachsen erstattete Bericht sagt hierüber u. a.: 1 ) „Uber die Affäre 
der Husaren am 12. September, bei welcher im Walde bei Spiessen 
vom Feind 1 Kapitän, 3 Offiziere und 75 Mann zu Gefangenen ge- 
macht wurden, liefs mir der preulsische General Graf von Kalkreuth, 
welcher ein Augenzeuge von der rühmlichsten Bravour und voll- 
kommensten Entschlossenheit der sächsischen Husaren gewesen war, 
versichern, dafs er vielen und gerührten Anteil an dem Wohlgefallen 
nehme, welches man notwendig Uber die fast allen Glauben Uber- 
steigende Bravour der sächsischen Husaren empfinden müsse; dafs 
er auch an Ihre Königliche Majestät mit gröfstem Vergnügen darüber 
Rapport erstatten werde." Bereits am 15. September erhielten die 
beiden Leutnants von Lindenau sowie der Major von Trützschler 
und der Regimentsadjutant Frhr. v. Niesemeuscbel von dem bei der 
Armee befindlichen König Friedrich Wilhelm II. den preufsiscben 
Tapferkeitsorden, den Orden pour le merite. Der Premierleutnant 
Friedrich Carl Christian von Lindenau trat 1800 in bayerische 
Kriegsdienste, in denen er bis zum Obersten aufstieg; der Sous- 
leutnant Adam Friedrich August von Lindenau, dem an- 
läfslich des 50jährigen Besitzes des vorgenannten Ordens 
1843 die vom König Friedrich Wilhelm IV. neugestiftete 
Dekoration mit der Krone verliehen wurde, zeichnete sich 
auch in den Feldzügen 1809 und 1812 aus und starb, nachdem er 
als Oberst an der Spitze des Husaren- und später des Ulanen- und 
des 1. leichten Reiter-Regiments gestanden hatte, 1845 in Dresden 
als Generalmajor in Pension. 

Ein Sittenbild aus der Zeit König Friedrich Wilhelms I. von 
Prenfsen wird von Albrecht von Haller, dem bernerischen Arzt, 
Naturforscher und Dichter, in dessen Tagebuche (Leipzig 1883) ge- 
boten. Im Jahre 1726 besuchte Haller, damals Student und mit 
mehreren Landsleuten auf der Reise von Leydcn Uber Bremen nach 

■) Liegt im Original vor. 



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Kleine heeresgesohiohtliohe Mitteilungen. 



335 



Hamborg begriffen, von Cleve ans das dem Gouverneur von Wesel, 
General von der Mosel, gehörende Gut Rosendael, um dessen Garten 
kennen zu lernen, welcher für eine Sehenswürdigkeit galt. Es traf 
sich, dals der König mit dem vierzehnjährigen Kronprinzen und 
seiner Begleitung dort als Gast Mosels zu Mittag speiste. Die 
Schweizer warteten vor dem Speisesaale auf seine Abreise. Es 
dauerte lange, bis der König erschien. Die Fremden hatten Zeit, 
sich alles anzusehen. Niemand hinderte sie. General Graf Dönhoff, 
einer der Begleiter, war sogar so höflich, ihnen sein Bedauern aus- 
zusprechen, dals man ihren Stand nicht gekannt und sie nicht dem 
Könige über Tafel präsentiert habe. Über die Tafel wird berichtet: 
„Es wurde von wenigen Dienern in ziemlich schlechte Livree, alle 
blau und rot, aufgewart, kein Page, ja kein aimable Gesicht 
darunter." Weiter heilst es über die Wartezeit: „Es kam auch ein 
alter Mann und ein Franzose mit Suppliquen. Zu ihrem Unglücke 
kam General Mosel besoffen heraus, der dann brutal, wie Soldaten 
von Fortune gerne sind, die zwei wegstiefse und vom Schlosse juge." 
Als der König endlich erschien, sprach er die Schweizer sehr artig 
an, erkundigte sich nach ihren Verhältnissen und fragte unter anderem, 
ob sie Edelleute seien. Auf die Antwort, dafs nur Herr von Diesbach 
es sei (Haller wurde erst später vom Kaiser geadelt), forschte er 
weiter, ob dieser nicht dienen wolle ; auf die verneinende Erwiderung 
bemerkte er „könnte der Republique sonst dienen, in Chargen". 
Daraufhin wünschte er „Glückliche Reise, zog den Hut wie beim 
Antritte und stieg zu Pferde." Das Äufsere des Königs wird 
folgendermafeen beschrieben: „Es ist ein ziemlich langer besetzter 
Herr, trägt ein naturell-grau Perückgen, roth Gesicht, graue Augen, 
kleine Nase und sehr kleinen Mund, le regard majestueux, ferme, 
blauem Grenadir-Rock mit einem silbernen Sterne auf der linken 
Brust und orangefarben Band, als Großmeister des Schwarzen Adler- 
ordens, Hosen und Gamaschen." Daneben fand ein anderer Auftritt 
statt, über welchen berichtet wird: „Indessen hatte der Printz eine 
Comödie. Der besoffene Mosel wollte S. K. H. Pferd besteigen, wie 
ihm aber der Bediente den Stegreif immer zu kurtz machte, merkte 
er es endlich, wollte ihn prügeln. Der andere lieff aber immer ums 
Pferd rum. Endlich mufste er aufsteigen, weil der Printz herzlich 
lachte. Der Herr ist nicht grofs, schwarze Augen und Haar, ämable 
Gesichte, schlechte Grenadirkleider, auch ein schlecht Pferd." — 
Generalleutnant Konrad Wilhelm von der Mosell (die Familie schreibt 
seit langer Zeit Mosel), am 25. November 1664 auf dem gleich- 
namigen Rittergute bei Zwickau geboren und 1680, wahrscheinlich 
beim Infanterie-Regiment Alt-Heyden, in den preufsischen Dienst ge- 



336 



Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



treten, starb als Gouverneur von Wesel am 27. August 1730. Sein 
Sohn war der Generalmajor Friedrich Wilhelm von der Mosel, 
welcher im Jahre 1758 den für die Belagerungstruppen vor Olmütz 
bestimmten, am 30. Juni bei Domstadl von den Österreichern ge- 
sprengten und grösstenteils weggenommenen Transport führte. (Frhr. 
von Werthern, Fürstliche Besuche in Wesel, 2. Heft, Wesel 1899.) 

14. 

Adel und Orden im österreichischen Heere vor fünfzig Jahren. 

Der Adel war im Offizierkorps der k. k. Armee — so lautete 
damals die Bezeichnung — sehr stark vertreten; namentlich lieferte 
der hohe Adel eine grofse Menge von Offizieren. Der Militär- 
schematismus für das Jahr 1849 nennt im ganzen 5 Feldmarschälle, 
26 Feldzeugmeister und Generale der Kavallerie, 100 Feldmarschall- 
Leutnants, 130 Generalmajore, 220 Obersten, 173 Oberstleutnants, 
436 Majore, 2189 Hauptleute und Rittmeister, 6282 Subalterne, zu- 
sammen also 9651 Offiziere, darunter eine Generalität von 261 Mit- 
gliedern, von denen 97 dem hohen, 107 dem niederen Adel an- 
gehörten; nur 46 waren Bürgerliche. Dem hohen Adel entstammten 
sämtliche Feldmarschälle, 22 Feldzeugmeister oder Generale der 
Kavallerie, 38 Feldmarschall-Leutnants, 37 Generalmajore. Am 
zahlreichsten war der Adel, wie überall, in der Kavallerie vertreten. 
Von ihren 37 Obersten waren nur 7 bürgerlichen Standes, 11 ent- 
stammten Familien des hohen Adels; von den 48 Oberstleutnants 
waren 4, von den 123 Majoren waren 75 bürgerlich; von den 
Oberstleutnants wie von den Majors gehörten je 14 dem hohen Adel 
an. Gegenwärtig stellt sich das Verhältnis anders. Von den 162 
Stabsoffizieren der Kavallerie führen 101, darunter 21 Obersten, 
bürgerliche Namen. Dagegen gab es in der gesamten Grenztruppe, 
welche 18 Regimenter stark war, nur 18 adelige Offiziere, von 
denen 14 Stabsoffiziere und 4 Hauptleute waren. Von wesentlichem 
Einflüsse am das Verhältnis zwischen der Zahl der Adeligen und 
der Bürgerlichen ist das den Österreich-ungarischen Offizieren durch 
die Kaiserin Maria Theresia im Jahre 1757 verliehene Recht nach 
Zurücklegung einer gewissen Dienstzeit um taxfreie Erhebung in 
den Adelstand nachsuchen zu dürfen. Am 9. September 1752 hatte 
die Kaiserin -Königin in der „Resolutio Caesarea Regia" aus- 
gesprochen, dafs ein jeder Offizier, welcher zehn Jahre lang mit 
Approbation seiner Vorgesetzten gedient haben würde, als nobilitiert 
angesehen werden solle ; dann stellte sie die formelle Standeserhöhung 
einem jeden Offizier in Aussicht, welcher dreilsig Jahre lang un- 
unterbrochen in der Linie mit dem Degen gedient und sich während 
dieser Zeit durch stetes Wohlverhalten vor dem Feinde wie durch 



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Kleine heeresgeschichtliche Mitteilungen. 



eine ganz tadelfreie Conduite aasgezeichnet hätte. Durch die im 
Jahre 1896 veröffentlichte Neuauflage des Dienstreglements wird 
diese Vergünstigung einem jeden Offizier des Soldatenstandes zu- 
gebilligt, welcher eine ununterbrochene unter stetem Wohlverhalten 
zurückgelegte Dienstzeit nachzuweisen vermag. Die früher mit der 
Verleihung des Leopoldordens und des Ordens der Eisernen Krone 
verbunden gewesene Erhebung in den Adelstand besteht nicht mehr. 
Nur der Besitz des Militär-Maria-Theresien-Ordens trägt gleichzeitig 
ohne weiteres den Ritterstand, auf Ansuchen auch den Freiherrn- 
stand ein. Ganz anders sah es vor fünfzig Jahren mit dem Besitze 
einheimischer Orden aus. Von den 261 Mitgliedern der Generalität 
waren nur 70, von den 220 Obersten waren nur 16 dekoriert 
Unter jenen befanden sich 13, unter diesen war ein Theresien-Ritter. 
Der Leiter des Generalquartiermeister-Stabes, Feldmarschall-Leutnant 
von Hels, hatte nur das Ritterkreuz des Leopold-Ordens, erst im 
folgenden Jahre erhielt er das Kommandeurkreuz des Militär-Maria- 
Theresia-Ordens; der kommandierende General für Mähren und 
Schlesien, Fürst Reuls, besafs nichts weiter als das Ritterkreuz der 
letzteren Auszeichnung. Am zahlreichsten waren im Jahre 1849 
von adligen Namen vertreten die der Barone Rukavina mit 22, der 
Grafen und Fürsten Auersperg mit 11, die der Grafen Coudenhove 
mit je 10, die der Barone Sali», der Grafen Zedtwitz und der 
Fürsten von Thum und Taxis mit je 9, die der Grafen Thun mit 
8 Trägern. Im Militär-Schematismus für 1899 sind als die zahl- 
reichsten verzeichnet 14 Prinzen und Fürsten Liechtenstein, 
12 Barone Rukavina haben sich mit der zweiten Stelle begnügen 
müssen; dann folgen 11 Grafen Palffy, 10 Grafen und Fürsten 
Kinsky, ebensoviele Salis, Thum und Eszsterhazy, je 9 Ritter von 
Henriquez, Grafen Thun und Wurmbrand und Fürsten Windisch-Graetz. 
(Vedette 1899, Nr. 151.) 14. 

Tapferkeits- Medaille für englische Offiziere 1794. Im Jahre 
1794 erhielt der kaiserliche Feldmarschall-Leutnant Otto, ein be- 
währter Reitergeneral, den Befehl über eine Truppenabteilung, die 
als besonderes Korps mit der englischen Armee unter dem Herzog 
von York operierte. Am 24. April entschied 0. allein mit seiner 
Kavallerie das glückliche Treffen bei Villers en Cauchie und Avesne 
le sec (Cambray), bei welcher Gelegenheit sich auch 8 Offiziere des 
15. englischen leichten Reiter-Regiments unter den Augen Sr. Maj. 
des Kaisers Franz besonders auszeichneten. Da die Statuten des 
Militär-Maria-Theresien-Ordens die Aufnahme von Ausländern nicht 

■ 

gestatten, liefs der Kaiser für diese 8 Offiziere goldene Medaillen 
prägen von je 40 Dukaten Schwere, die an einer gleich schweren 

Jahrbücher für die deateche Armee and JUrine. Bd. 113. 3. 22 



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Berichtigung. — 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



goldenen Kette um den Hals getragen wurden. Die Vorderseite 
zeigt das Bild des Kaisers mit der Inschrift: „Imp. Caes. Franciscus II. 
P. F. Aug. u , die Rückseite: „Forti. Britanno. in. excercitu. Foed. ad. 
cameracum. XXIX. Apr. MDCCXCIV.", darunter zwei gekreuzte 
Lorbeerzweige. Die Verleihung des Maria-Theresien-Ordens an 
mehrere russische Generale im Jahre 1799 bewog den Kaiser, die 
8 englischen Offiziere (1 Oberstleutnant, 6 Majore und 1 Kapitän) 
auf deren Ansuchen ebenfalls zu Rittern dieses Ordens zu ernennen. 
(Streffleurs Österr. Mil.- Zeitschrift. April -Heft 1899. S. 41 ff.) 

Schbg. 



Berichtigung. 

Die in dem Artikel „Die Heeresverhältnisse Chiles" Nr. 334 
der Jahrbücher gemachten Angaben Uber die deutsche Militär-Kom- 
mission, sind nicht mehr richtig. Die Mehrzahl dieser mit Aller- 
höchster Genehmigung nach Chile berufenen 31 Offiziere ist im 
Jahre 1897 in die Heimat zurückgekehrt. Es sind augenblicklich 
nur noch 6 dort, welche durchweg bei Schulen und Behörden, 
(nicht bei Truppenteilen) Verwendung finden. Die angegebene Ver- 
teilung dieser Herrn ist also nur von historischem Wert. 

T. 



XXIV. 

Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 

Von 

Joseph Schott, Major a. D. 
l. Deutschland. 

Das vom Kriegsminister v. Golsler in der Budget-Kommission 
erwähnte neue Gewehrmuster, welches die gleiche Patrone wie bis- 
her verwendet, fiihrt nach dem Armee- Verordnungsblatt vom 31. August 
1897 die Bezeichnung Gewehr 88/97. Es sind hauptsächlich drei 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



:W9 



UbelstäDde, welchen abgeholfen werden soll. Zunächst ist die An- 
ordnung des Magazins mangelhaft. Dadurch, dals die 5 Patronen 
sämtlich übereinander liegen, ergiebt sich eine solche Höhe des 
Kastens, dafs er den Schaft nach unten überragt. Der Kasten mufs 
unten offen bleiben, damit der Patronenrahmen nach Abfeuern seines 
Inhalts nach unten herausfallen kann. Der vorspringende Kasten 
ist dem Schützen unter Umständen hinderlich; die untere Öffnung 
ermöglicht das Eindringen von Sand, Schmutz, Feuchtigkeit ins 
Innere des Gewehrs. Dies alles wird durch die vom Gewehrfabri- 
kanten Mauser herrührende Anordnung vermieden. Die Patronen sitzen 
aaf einem Ladestreifen, der nicht ins Gewehr kommt. Beim Ab- 
streifen lagern sie sich im Zickzack zu 2 und 3 neben einander. Der 
Kasten wird so niedrig, dafs er sich mit dem Schaft vergleicht, er 
ist aufserdem nnten geschlossen, somit werden die Nachteile ver- 
mieden. Der Laufmantel des Gewehrs 88 bringt nicht die Vorteile, 
die man von ihm erwartete. Die Erhitzung des Laufmantels bleibt nicht 
aus, trotz der Luftschicht, die ihn vom Lauf trennt. Ein einfacher 
Lauf mit hölzernem Handschutz ist vorzuziehen und wird bei 88/97 
sein. Die Visierung des Gewehrs 88 bedingt schon von 450 m ab 
ein Aufrichten der grofsen Klappe, der Schutze mufs durch den 
Schlitz zielen, welcher zwischen den beiden Schenkeln des Rahmens 
bleibt, sein Gesichtsfeld ist beschränkt. Man wird Einrichtungen 
treffen, um den Kähmen allmählich aufzurichten, nach dem Vorbild 
des bekannten Treppenleiter-Visiers. Erst auf gröfseren Entfernun- 
gen ist dann ein vollständiges Aufrichten der grofsen Klappe nötig. 

Als weitere Abänderungen werden angegeben: Befestigung des 
Bajonetts in der Symmetrie-Ebene des Gewehrs und nicht mehr 
direkt am Lauf; Befestigung des Laufs im Schaft, ohne dafs zum 
Herausnehmen Schrauben gelöst zu werden brauchen; der Lauf hat 
eine rückwärtige Verlängerung, um unmittelbar das Lager für die 
Warzen der Kammer zu bilden ; Vermehrung der Zahl der Züge 
von 4 auf 6 unter gleichzeitiger Veränderung des Zugprofils (zum 
leichteren Reinigen der Züge); gröfsere Sicherheit gegen Doppel- 
laden, gegen Folgen der Gasentweichung und gegen Losgehen vor 
vollständigem Verschliefsen des Laufs. (Nach einer Darstellung in 
der r Belgique militaire" Nr. 1448.) 

Nach Mitteilungen in politischen Blättern sollen bei den Jäger- 
Bataillonen des XIV. Armeekorps Maschinengewehre (jedenfalls 
nach Maxim) eingeführt sein. Wir geben dies unter Vorbehalt 
wieder. Für den Kampf im Gebirgsgelände erscheint die Zuhilfenahme 
solcher leicht zu transportierenden Schiefsmaschinen nicht unzweck- 
mäfsig, namentlich wenn es sich um Engen im Gelände handelt. 

22* 



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340 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



Die „Allgemeine Technische Korrespondenz" verbreitet in Ber- 
liner Zeitungen, es sei den Amerikanern gelangen, das Geheimnis 
der neuen Kruppschen Panzerplatten der Firma Krupp ab- 
zulauschen und nach dem geheim gehaltenen Kruppschen Härtungs- 
verfahren Panzerplatten von grölster Widerstandsfähigkeit herzu- 
stellen. Dieses, sowie die daran geknüpften Angaben Uber die Be- 
plattung der neuen Panzer „Maine", „Missouri" und „Ohio" sind 
dahin zu präzisieren, dals die nicht näher bezeichneten amerikanischen 
Panzerwerke, es sind die Bethlehem lron Works und die Carnegie 
Works, das Kruppsche Verfahren von der Firma Krupp erworben haben 
und danach in ganz loyaler Weise ihre Platten herstellen. Man 
kann es nur der Julihitze oder dem Stoffmangel der Saure-Gurken- 
zeit zuschreiben, dafs sogar eine Berliner Zeitung ernsthaften Charak- 
ters auf solchen Leim gegangen ist, welcher danach der „Allgera. 
Technischen Korrespondenz" zu danken ist. 

Mit der am 1. Oktober d. J. bevorstehenden Vermehrung und 
Neubildung der Feldartillerie wird die Aufstellung von Feldhaubitz- 
Batterien erfolgen, deren 3 für jedes der künftigen 23 Armeekorps 
vorgesehen sind. Die Feldhaubitze C/98 wird ein Rohr vom 
Kaliber 10,5 cm haben, dessen Länge etwa 12 Kaliber betragen 
wird. Das Rohrgewicht wird dasjenige der Feldkanone C/96 nicht 
erheblich Ubersteigen und schliefst sich das Rohr in den übrigen 
Konstruktionsverhältnissen demselben soweit an, als nicht durch das 
geringere Ladungsverhältnis Abweichungen z. B. durch stärkeren 
Drall bedingt werden. Der Verschluls wird voraussichtlich ein 
Flach keil verschluls mit lediglich einem Ladegriff zum Offnen bezw. 
Schliefsen sein, der sogenannte Leitwell-Verschlufs, der mittels eines 
Hebels gehandhabt wird. Die Metallpatrone ist durch die Rück- 
sicht auf die wechselnden Ladungen ausgeschlossen. Man ist daher 
genötigt, sich mit einer kurzen Metallhülse zu begnügen, in deren 
Boden die Zündung sitzt und die mit einem Rand für den Auszieber 
versehen ist. Die Laffete hat eine ähnliche Einrichtung wie die 
der Fcldkanone C/96. Sie ist mit Achssitzen versehen, für welche 
der Raum zwischen Laffetenwänden und Rädern noch ausreicht. 
Die Geschosse sind Schrapnels und Sprenggranaten mit Doppel- 
zünder, Gewicht ca. 16 kg. Die Protzausrüstung ist geringer als 
bei der Feldkanone, die Zahl der Munitionswagen eine vermehrte. 
Die 15 cm Haubitze der schweren Artillerie des Feldheeres bleibt 
daneben bestehen für Fälle, wo Stellungen grösserer Widerstands- 
fähigkeit zu bekämpfen sind. 

In einer Arbeit von C. v. Herget : „Steilfeuergeschütze für Feld- 
artillerie" iKrt. Ztschr. VI. 99) wird die 12 cm Haubitze als das 



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Umschau auf niilitärteehnischem Gebiet. 



IUI 



geeignetste Steilfeuergeschlttz ftlr die Feldartillerie bezeichnet; diese 
Anschauung ist veraltet, ebenso wie der Hinweis auf den Gebrauch 
der Kartätsche, die ja schon bei der Feldkanone beseitigt ist. Ohne 
auch im übrigen mit den Behauptungen von C. v. Herget uns ein- 
verstanden zu erklären, müssen wir einige geschichtliche Unrichtig- 
keiten rügen. Eine lOpfüudige Haubitze der Feldartillerie wurde 
schon mit dem Material von 1842 aufgegeben (nicht erst 1859, wie 
behauptet wird). Die 6pfündigen Batterien der Feldartillerie wurden 
erst im März 1859 (nicht Mitte der 50er Jahre) durch zwölfpftlndige 
und Haubitzbatterien ersetzt. Die 7pfündigen Haubitzbatterien wurden 
erst im Herbst 1865 (nicht schon 1864) durch gezogene vier- 
pftlndige ersetzt und die Zahl der letzteren bis Frühjahr 1866 auf 
6 gebracht. Die damalige Fufsartillerie zählte im Kriege 1866 nur 
noch 2 (kurze glatte) 12pfündige Linien- Batterien per Armeekorps, 
sonst 4 6pfündige und 6 4pfündige gezogene Batterien. Eiu Tem- 
piren der Granat-Zünder fand bei preußischen Feldhaubitzen (glatten) 
niemals statt, ebensowenig haben wir je einen hohen Bogenschuls 
mit Schrapnels gehabt. Es ist notwendig, diese Irrtümer richtig 
zu stellen, da es nur noch wenig Offiziere giebt, die sie kraft ihrer 
Diensterfahrung als solche leicht erkennen, die Begriffe also not- 
wendig verwirrt werden. C. v. Herget hat bis 1872 der grofsh. 
hessischen Feldartillerie angehört, deren Verhältnisse ftlr eine solche 
Arbeit nicht als Norm zu Grunde gelegt werden können. Ver- 
fasser wollte dies augenscheinlich nicht. Material zur Information 
bieten reichlich die Werke von H. v. Müller und die Geschichten 
der Regimenter, vor allem der Garde-Artillerie, worauf ver- 
wiesen sei. 

Im Mai d. J. wurde eine „Fahrrad vorsch ri ff veröffentlicht, 
in Stelle des bisher bestandenen Entwurfs einer: „Vorschrift für die 
Instandhaltung und Benutzung der Armee-Fahrräder" von 1895. Aus 
der neuen Vorschrift ist die gegenwärtige Konstruktion des Armee- 
Fahrrads zu ersehen. Es handelt sich um Rahmenbau, nahtlose 
Röhren, Räder mit Kettenübertragung (Übersetzung und Gewicht 
sind nicht angegeben, nach anderen Mitteilungen ist erstere 1 : 65, 
Höchstgewicht 16 kg ungepackt), Vorder- und Hinterrad haben 
Gummi-Luftreifen, sogenannte Pneumatiks. Der Gummi-Luftreifen 
besteht aus einem inneren Teil, dem Luftschlauch, und aus einem 
äufseren, dem Mantel (Decke). Den Verschluls des mittelst Luft- 
pumpe mit gespannter Luft gefüllten Luftschlauchs versieht ein 
Ventil. An dem Fahrrad sind 12 Kugellager angebracht. Zu den 
ZubehörstUcken gehören u. a: eine Werkzeugtasche mit einer soge- 
nannten Teleskop-Luftpumpe, Schraubenzieher. Schraubenmutter, 01- 



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342 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



kanne, Glocke, Laterne. Unter die Reserveteile gehören u. a. eine 
Kurbel-, eine Pedalachse, sechs Speichen, 2 Kettenglieder, fünfzehn Kugeln 
für die Lager passend, 8 Konusse für die Achsen. Die Bewaffnung 
des Radfahrers bildet bei den Fufstruppeu das Gewehr 91 (ein ver- 
kürztes Modell, wie es Fulsartillerie und Luftschiffer führen), bei 
der Kavallerie der Karabiner. Die Grundsätze betreffend die 
Leistungsfähigkeit und Verwendung sind nur wenig geändert, in der 
Hauptsache bleiben die Radfahrer Meldefahrer für gebahnte Strafsen, 
eine taktische Bedeutung als fechtende Truppe wird ihnen nicht ein- 
geräumt, auch ist von irgend einer Zusammenfassung zu taktischen 
Einheiten keine Rede. 

Nach den Berliner Zeitungen hat der Oberleutnant v. Kries 
vom Garde-Train-Bataillon einen transportablen Acetylen- 
Scheinwerfer erfunden, der bis auf etwa 100 m leuchtet und von 
einem Soldaten wie ein Tornister getragen wird. Bei einer 
Krankenträger-Übung soll sich derselbe wohl bewährt haben. Der 
Professor Dr. Chr. Göttig von der Verein. Artiii. und Ingenieur- 
Schule hat in Heft 8 von 1898 und Heft 4 von 1899 der Krt. 
Ztschr. Uber die Entwiekelung der Acetylen-Industrie mit Berück- 
sichtigung des kriegstechnischen Gebiets interessante Artikel veröffent- 
licht und näheres über den v. Kriesschen Apparat gebracht; er 
rechnet ihn zu den Neuerungen, welche vielleicht Aussicht auf er- 
folgreiche Anwendung geniefsen. Vielfach verbreitet ist noch die 
Ansicht von der Gefährlichkeit des Acetylen, es liegt dies wohl zum 
Teil an mangelhafter Darstellungsart des Mittels seitens einzelner 
Fabriken. 

Bekanntlich hat sich der im Ruhestande lebende württem- 
bergische General Grafv. Zeppelin eingehend mit der Lösung 
des Problems eines lenkbaren Luftballons beschäftigt und 
dieser Aufgabe schon viele Opfer gebracht. Zur Herbeischaffung 
weiterer Mittel für den Ausbau des Ballons und für die praktische 
Ausnutzung der Zeppelinschen Erfindung, die das vielerörterte 
Problem von einer ganz neuen Seite zu lösen unternimmt, hat sich 
neuerdings eine Gesellschaft gebildet. Nachdem das Unternehmen 
finanziell gesichert und die nötigen technischen Kräfte gewonnen 
waren, ging man daran, unter Leitung des Erfinders die nötigen 
baulichen Vorarbeiten zu erledigen. Es wird dann die Zusammen- 
stellung des Ballons folgen, der in seinen einzelnen Teilen nach den 
genauen Angaben von Zeppelin hergestellt wird. Der Aufstieg soll 
am Bodensee erfolgen, da gerade Uber einer grolsen Wasserfläche 
die Verhältnisse, zumal hinsichtlich der Luftströmungen, für der- 
artige Versuche besonders günstig und geeignet sind. Die Baulich- 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



343 



keiten werden in Manzell bei Friedrichshafen errichtet. Die grofse 
Halle wird 6 bis 700 m vom Ufer entfernt im Bodensee auf Pontons 
aufgestellt werden. Durch einen grofsen Orkan sind kürzlich be- 
deutende Störungen im Bau verursacht worden, so dals der Aufstieg, 
der für Juli in Aussicht genommen war, auf unbestimmte Zeit ver- 
schoben werden mufste. 

Auf der Münchener Sport- Ausstellung, die am 15. Juni eröffnet 
wurde, hat die Luftschiffahrt eine umfassende Berücksichtigung und 
Darstellung gefunden. Wir verweisen in dieser Hinsicht auf einen 
Artikel in Köln. Zeitung Nr. 471. 

Die Preufsische Luftschifler-Abteilung beschäftigt sich eingehend 
mit Versuchen, betreffend Anwendung der Telegraphie ohne Draht 
Leider stehen darüber bis jetzt nur zusammenhanglose Zeitungsnotizen 
zu Gebote. 

Das Schofskind der Gegenwart, die selbstfahrenden Wagen oder 
Selbstfahrer werden Anfang September d. J. in Berlin Gegenstand 
einer Internationalen Ausstellung werden. Vorsitzender des 
Komitees ist der Staatssekretär des Postwesens, General v. Podbielski. 
Die Militär- Verwaltung bat der Ausstellung das gröfste Entgegen- 
kommen in Aussicht gestellt. 

2. Österreich-Ungarn. 

In neuester Zeit sind mehrfach Mitteilungen in die Presse ge- 
langt, welche erkennen Helsen, dafs eine Neubewaffnung der 
Feldartillerie in naher Aussicht stehe. Man nannte bereits die 
Summe von 40 Millionen Gulden, welche für die Herstellung des 
neuen Feldartillerie-Materials gefordert werden würde. 

Die jetzigen Geschützrohre bestehen aus sogenannter Stahlbronze, 
welche einige Vorzüge vor der gewöhnlichen Geschützbronze besitzt, 
aber von den Eigenschaften des Stahls noch sehr weit entfernt bleibt 
Man möchte mit Rücksicht auf Billigkeit, vorhandene Vorräte und 
die für Massenerzeugung von Stahlröhren noch nicht hinreichend ent- 
wickelte heimische Stahl-Industrie der Stahlbronze auch beim künf- 
tigen Material gern treu bleiben; da aber die Stahlbronze 
keine unmittelbare Berührung mit den Verbrennungsgasen des rauch- 
losen Pulvers noch auch dessen hohe Verbrennungstemperatur ver- 
trägt, so will man ein stählernes Seelenrohr in das hartbronzene 
Aufsenrohr einsetzen. Eine solche Verbindung von zwei Kohren 
aus Metallen von sehr verschiedenen Eigenschaften hat aber immer 
ihre Nachteile, weshalb man z. B. in Deutschland die 15 cm Haubitze 
der bespannten Fufsartillerie wieder ganz aus Stahl fertigte. 

Das Studium von Sehnellfeuer-Feldkanonen ist seit 1893 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



im Gange und haben wir darüber bei früherer Gelegenheit berichtet, 
aus neuerer Zeit fehlt aber jeder offizielle Bericht 

Uber das abgeänderte 9 cm Feldgeschütz und seine Hand- 
habung ist 1898 eine dienstliche Veröffentlichung herausgekommen. 
Wir verweisen auf die Umschau vom September 1898. Dort finden 
sich auch Angaben Uber Versuche zur Erlangung eines neuen Systems 
nach der „Revue militaire suisse" vom Mai 1898. 

An die Annahme eines der heimischen oder ausländischen Privat- 
industrie entstammenden Modells wird nicht gedacht, ebensowenig 
an diejenige der 7,5 cm Maxim - Nordenfeit -Schnellfeuerkanone, 
welche vom technischen Militär-Komitee 1897 einem wenig um- 
fassenden Versuch mit unbefriedigendem Ausgang unter- 
worfen worden war. 

Gelegentlich der kürzlich an die Oberfläche getretenen Be- 
strebungen, die Stahlwerke von Emil Ritter v. Skoda zu Pilsen 
in eine Aktien - Gesellschaft mit hohem Grundkapital zu verwandeln) 
haben allerlei Ausstreuungen Uber die Leistungsfähigkeit und die 
Verbindungen der Firma in der Presse Unterkunft gefunden. So 
wird u. a. behauptet, die Werke von Skoda wären eine der bedeu- 
tendsten Gulsstahlfabriken des Kontinents, sein Gufsstahl, seine Ge- 
schütze, seine Geschosse und anderes Kriegsmaterial genössen Welt- 
ruf und gingen sehr stark ins Ausland, insbesondere nach Deutsch- 
land, wo sich „Skoda neben Krupp behaupte". Dies sind alles 
Erfindungen der Börsenblätter, ebenso dafs Skoda in hervorragendem 
Mafse die Lieferungen für die österreichische Kriegs-Marine besorge. 
Aufser ganz leichten Schnellfeuerkanonen sind von Skoda erst in 
neuester Zeit 12 und 15 cm erwähnt, die schwereren Geschütze 
rühren allein von Krupp her. In den offiziellen Berichten Uber die 
Versuche des technischen Militär-Komitees aus 1896 und 1897 ist 
u. a. erwähnt, dals bei der Erprobung einer 15 cm Küstenkanone 
L/40 von Skoda die Versuche abgebrochen werden mufsten, weil 
die Trefffchigkeit sich mit dem Wachsen der Schufszabl unver- 
hältnismäfsig verminderte und die Abnutzung der Felder auf eine 
abnorme Beanspruchung des Materials schliefsen liefs. 

Aus spanischen Zeituugen ergiebt sich, dals die dortige Regierung 
in den unglücklichen Tagen des letzten Krieges zur Ausrüstung des 
Schulschiffes „Viktoria" 15 cm Kanonen von Skoda bezogen hat, die 
ohne die sonst üblichen Versuche eingestellt wurden. Während 
eines Scheibenschielsens, welches im Juni 1899 im Golf von Rosas 
mit jenen Geschützen stattgefunden hat, sind zwei jener Kanoneu 
im langen Feld beschädigt worden. Es wurde mit gufseisernen 
Granaten (ohne brisante Sprengladung), gleichfalls von Skoda her- 



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Umschau auf militärteohnischem Gebiet. 



345 



rührend, aus jenen Rohren geschossen. In den erwähnten zwei 
Rohren krepierte je eine solche Granate. Das eine Rohr wurde an 
der Mündung zerstört, indem das lange Feld absprang, wodurch 
auch die Laffete beschädigt wurde, das andere Rohr nahe der Mün- 
dung erheblich aufgebaucht. Das Schielsen wurde nach diesen Vor- 
fällen abgebrochen. Die Rohre hätten dem Krepieren einer mit 
gewöhnlicher Sprengladung versehenen Granate wohl besser wider- 
stehen müssen. 

Die Skodaschen Schnellfeuer -Feldgeschütze erfahren in Wille, 
..Schnellfeuerkanonen" (Berlin 1899) eine sehr geteilte Beurteilung. 

Aufser den übertriebenen Angaben Uber die Qualität der Skoda- 
schen Geschützfabrikate, worauf wir vorstehend sehr ernüchternde 
Streiflichter geworfen haben, sucht man der Finna E. Skoda noch 
dadurch ein Relief zu geben, dafs man von Wien aus in deutsche 
Zeitungen lanziert, die Firma Fried. Krupp sei früher bei Skoda 
mit einem bedeutenden Kapital beteiligt gewesen, später sei auf 
Anlals des österreichischen Kriegsministeriums diese Verbindung 
gelöst worden. Auch hieran ist kein wahres Wort. 

3. Italien. 

Die italienische Budget-Kommission hat sich dafür ausgesprochen, 
dafs die Herstellung von Handfeuerwaffen bei dem Stande der 
Förderung jetzt ohne Nachteil eingeschränkt werden kann, bezeichnet 
aber die Umänderung des Feldartillerie-Materials als eine 
dringende. Man müsse die Frist, welche für den Ersatz des 
7 cm Geschützmaterials vorgesehen ist, abkürzen. Man hat den 
Minister förmlich eingeladen, jede andere Rücksicht derjenigen der 
schnellen Ausführung zu opfern. Auch der Ersatz des Gebirgs- 
Artillerie-Materials ist mit Rücksicht auf die gesteigerten Ge- 
fechts-Entfernungen der Infanterie sehr dringend geworden. Die 
Übereinstimmung zwischen der Kommission und dem Minister ist 
erzielt worden. In dem neuen Entwurf des letzteren sind für 
aufserordentliche Ausgaben in 1899/1900 14560000 Franks ange- 
setzt worden. Hiervon entfallen 3000000 für den Ankauf von 
Feldartillerie-Material. Zur Herstellung von Geschützen grolser 
Wirkung zur Küsten -Verteidigung sind 5 650000 Franks ange- 
setzt, Bewaffnung von Festungen 1500000 Franks. Eine weitere 
Ausgabe von 15500000 Franks für Ankauf von Feld- und Ge- 
birgsartillerie-Material ist genehmigt, welche auf die späteren Budgets 
zu verteilen sind. 

Über das 9 cm bronzene Feldgeschütz M/1880/98 sind 
zwei Vorschriften erschienen: eine Anleitung zur Bedienung und eine 



346 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



solche Uber Material und Munition (Teil 1). Die „Mitteilungen" VII. 
Heft haben darüber eine Bearbeitung geliefert, der wir das Fol- 
gende entnehmen (auch als Sonderdruck erschienen). 

Am Rohre, das aus Hartbronze ist, wurde das bisherige senk- 
rechte Zündloch durch einen vollen Zündlochkern verschraubt. Das 
Patronenlager wurde entsprechend ausgenommen und in dasselbe 
ein kurzer Futterring eingeschraubt, in welchem das Lager für den 
Wulst einer kurzen Patronenhülse eingeschnitten ist, welche die 
Liderung Ubernimmt. Der bisherige Broad wellring ist weggefallen. 
Zum leichteren Auswerfen der Patronenhülse ist der Ladungsraum 
hinten konisch erweitert. Ein oberer und ein unterer Auswerfer 
dienen zum Auswerfen der verschossenen Hülsen. Der Verscbluls 
setzt diese Vorrichtung in Betrieb, ebenso wie die Schlagvorrichtung 
zum Entzünden des Zündhütchens im Boden der Patronenhülse. Die 
Schlagvorrichtung besteht aus Schlagbolzen mit Zündstift, Schlag- 
bolzenführung, Schlagbolzenfeder, Rückschnellfeder, letztere drückt 
den Zündstift des Schlagbolzens nach bewirktem Schlag aus der 
Hülsenzündschraube in sein Lager zurück. 

Die LarTete hat einen ausschaltbaren Sporn erhalten, der 
Laffetenschwanz eine verbreiterte Sohle. Die Bestandteile des 
Sporns sind: 

Die beiden Backen mit dem Backenbolzen, zwischen denselben 
befindet sich der Druckstempel, auf welchem 8 Paar Belleville- 
Federn aufgeschoben sind; der eigentliche Sporn, der zwischen 
den Backen mittelst eines Bolzens höher oder tiefer eingelegt werden 
kann. 

Die Munition: Granaten, Schrapnels, Kartätschen, ist wie bisher 
geblieben. Die Patronen stecken in einer kurzen Metallhülse mit 
Wulst, im Boden der Hülse ist die Zündschraube eingeschraubt Die 
Pulverladung beträgt 0,450 kg Filit (statt bisher 0,60 kg). 

Zur Bedienung des Geschützes gehören ein Unteroffizier, sechs 
Kanoniere, von letzteren heifsen die Nr. 4—6 Munitionszuträger. 
Nr. 3, 4 sitzen auf den Achssitzen, 1, 2, 5 auf der Protze, 6 auf 
dem Stangenhandpferd. 

Das Laden erfolgt geteilt, da Geschofs und Ladung getrennt 
sind. Das Abfeuern erfolgt mittelst der Abzugsschnur. 

Die LarTete hat die bisherige Fahrbremse beibehalten, welche 
gleichfalls zur Verminderung des Rücklaufs benutzt werden kann. 

An der LarTete befinden sich 2 Kartätschen, in der Geschütz- 
protze 8 Granaten, 24 Schrapnels, 2 Kartätschen, im ganzen am 
Geschütz 36 Schuls. Die Wagenprotze bat dieselbe Beladung. Der 
Hinterwagen hat 60, der gesamte Munitionswagen 96 Schufs. 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



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4. Frankreich. 

Die neuen Feldkanonen C/189 7 hatten bei Gelegenheit der 
Parade des 14. Juli ihr erstes Auftreten vor einem grosseren 
Publikum, dem auch die militärischen Vertreter der fremden Mächte 
angehörten, zu verzeichnen. Der Präsident der Republik hat in 
seinem Schreiben an den Kriegsminister hierauf Bezug genommen. 
Er nennt das neue Artillerie-Material einen Gegenstand der Vorsorge 
der Regierung der Republik und der Vorgänger, „Dank der Mit- 
wirkung des Parlaments, welches die notwendigen Kredite bewilligte, 
und Dank dem Eifer der Führer und Untergebenen aller Grade, die 
stolz sein können auf das so schnell erreichte Resultat." 

Ein genaueres Bild der Einrichtung der neuen Geschütze hat 
noch keine Veröffentlichung geben können. Was die „Rivista di 
artigliera e genio" Mai 1899 S. 327 und 328 darüber bringt, war 
den „Schweizerischen Militärischen Blättern" entnommen und ist 
apokryph; die dabei citierte Angabe des „Matin", die Herstellung 
des Materials sei beendet, ist gänzlich aus der Luft gegriffen. Da- 
nach ist auch der Wert der Angaben in Krt. Ztschr. Heft 7 von 1899 
unter „Neueste Erfindungen und Entdeckungen" zu bemessen. 

Es sind indessen durch die im „Figaro" veröffentlichten Ver- 
handlungen des Pariser Kassationshofes mancherlei Streiflichter auf 
die neuen Geschütze C/1897 geworfen worden und ist zugleich die 
Entstehung der 120 mm kurzen Kanone an die Öffentlichkeit ge- 
kommen. Weiteren Aufschlufs brachten die Bemerkungen des 
Direktors der Artillerie-Abteilung im Kriegsministerium, General 
Deloye, zu den Aussagen mehrerer Offiziere vor dem Kassationshofe. 

Die hydropneumatische Bremse der 120 mm kurzen 
Kanone, welche im Dreyfus-Prozefs eine so grofse Rolle spielt, ist 
in den Jahren 1881 — 1886 von Oberstleutnant Locard in Bourges 
entworfen und durch die Versuchsreihe geführt. Locard ist jetzt 
Oberstleutnant der Reserve und bei der Werkstatt Puteaux. Sie 
wurde dann dem Hauptmann Baquet Uberwiesen, der mit dem 
Studium der 120 mm kurzen Kanone betraut war, jetzt Major und 
technischer Unterdirektor bei der Geschützgiefserei in Bourges. 
Die Fabrikation der Bremsen ist sehr schwierig und kann nur bei der 
Geschützgiefserei in Bourges stattfinden, woselbst auch die Repara- 
turen erfolgen. Die 120 mm kurze Kanone kam zuerst bei den 
Armeemanövern in der Champagne 1891 ans Tageslicht. Die Be- 
zeichnung war damals: „Material von 120, leichtes Modell 1890", 
das Geschütz heilstauch: „kurze Kanone von 120". Die Grundzüge 
sind 1890 festgestellt. Oktober 1891 wurde das Geschütz vom 
Oberkriegsrat angenommen. Durch die Bezeichnung „leichte Kanone' ■ 



348 



Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



wurde die Welt irregeleitet. Die Einstellung in die Trappe erfolgte 
erst, als 1892 bekannt wurde, dafs Deutschland schwere Haubitzen 
in der bespannten Fufsartillerie ins Feld führen wolle. Erst 1894. 
als man eine Anzahl Batterien der Korpsartillerie-Regimenter mit der 
„kurzen 120" bewaffnete, wurde der Entwurf eines Reglements an die 
Truppen ausgegeben. 

Das Reglement vom 28. Mai 1895 ist erst 1896 in den Buch- 
handel gekommen. 

Bei der 120 mm kurzen Kanone findet die selbständige Be- 
wegung des Rohres in einer Wiege statt. Die Bremse stellt eine 
Pumpe mit Windkessel vor, letzterer wird hier der Wiedervorbringer 
(r6cupe>atcur) genannt. Im Pumpenstiefel ist Mineralöl, derselbe ist 
mit dem Rohr verbunden und macht dessen Rückwärtsbewegung 
mit. Kolben und Kolbenstange stehen mit der Wiege in Verbindung. 
Die Kolbenstange ist fest am Windkessel. Gehen Rohr und Pumpen- 
stiefel zurück, so dringt die Flüssigkeit durch ein Ventil am Kolben 
in die hohle Kolbenstange. Die Flüssigkeit wirkt nun auf die im 
Windkessel mit einer gewissen Spannung (sie beträgt beiläufig 100 
Atmosphären) schon vorhandene Luft und verdichtet sie noch weiter. 
Das Rohr ertährt dadurch einen Widerstand und kommt, nach dem 
es über 40 cm zurückgegangen ist, zum Stillstand. Der Wieder- 
vorbringer hat eine cylindrische Form und ist durch eine Querwand 
in den vorderen Luftbehälter und in den hinteren zur Aufnahme des 
aus der hohlen Kolbenstange ausströmenden Mineralöls dienenden 
Raum geteilt. Die Querwand ist verschiebbar und das einströmende 
Öl drückt dieselbe gegen die Luft im Luftbehälter, deren Spannung 
damit noch wächst. Das zum Stillstand gekommene Rohr wird nun 
wieder in die Schufsstellung vorgeführt, indem die sich ausdehnende 
Luft die Querwand gegen die Flüssigkeit drückt und diese genötigt 
wird, wieder in den Pumpenstiefel zu treten, der dadurch wieder 
vorgeht und das Rohr mitnimmt. Der Hergang beruht auf dem 
Spiel der Luftverdichtung und Luftverdünnung. Die ganze Ein- 
richtung ist kompliziert und sehr empfindlich. Ein besonders ausge- 
bildeter Arbeiter hat von Zeit zu Zeit die Bremse wieder mit 
Mineralöl zu laden, wozu eine Garnitur besonderer Werkzeuge ge- 
braucht wird. Nach etwa 1500 Schuls ist der Luftbehälter neu mit 
Luft zu versorgen, wozu nach den Schieisübungen ein Mechaniker 
der Geschützgiefserei Bourges die Garnisonen bereist. Im Frieden 
wird die Bremse bei Ausbesserungen nach Bourges geschickt. Für 
den Kriegsfall wird ein schadhaft gewordener Apparat durch einen 
im Vorrats wagen mitgeführten Reserve- Apparat ersetzt. Eine Zer- 
legung der Bremse durch die Truppen ist untersagt Bedenken 



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Umschau auf militärtechnischem Gebiet. 



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erregt die hohe anfängliche Spannung der im Wiedervorbringer 
enthaltenen Luft von 100 Atmosphären. Die Kruppsche Fabrik hat 
rielseitige Erfahrungen über die Anwendung von Druckluft bei 
Feldgeschützen gesammelt, die nicht günstig lauten. Wir verweisen 
auf unsere Wiedergabe des Schieisberichts 89. 

Die neue Feldkanone führt die Bezeichnung: „Kanone von 
75, Modell 1897." Das Kaliber ist 7,5 cm. Die erste Ausgabe 
von Geschützen an Truppenteile fand im Sommer 1898 statt. Die 
Bewaffnung ist nach den Bemerkungen des General Deloye noch 
bei weitem nicht durchgeführt. Die Ausstreuungen des „Matin", wie 
sie die „Rivista di artiglieria e genio" (Mai) wiedergiebt, von voll- 
endeter Ausrüstung der gesamten Feldartillerie sind Erfindungen. 
Deloye sagt, noch in 1899 kennten viele Offiziere das Geschütz 
kaum mehr als dem Namen nach. Es herrscht die strengste Geheim- 
haltung. Im Reglement ist keine Andeutung der Konstruktionsver- 
hältnisse, keine Abbildung. Auf dem Umschlag steht „Vertraulich". 
Die Exemplare sind nach der Zahl an die Offiziere ausgegeben. 

Das Geschütz C/1897 hat eine ähnliche Rohrbremse, wie die 
120, kurz. Das Innere der Bremse ist durch Vernietung unzugänglich 
gemacht, die Stellen, wo man versuchen könnte, sie zu zerlegen, 
sind plombiert. Die Vorträge an der Artillerieschule nehmen auf das 
Geschütz, soweit die Konstruktion in Betracht kommt, keinen Bezug. 

Die Verwendung einer Bremse mit Druckluft ist bei der 75 mm 
Kanone noch bedenklicher, als bei der kurzen 120, indem erstere viel 
leichter in rasch wechselnde und kritische Gefechtslagen kommt als 
letztere. Die Presse behauptet, die 75 mm Kanone sei allem Uber- 
legen, was der Art im Ausland bestehe. Die Bremse gebe dem 
Geschütz beim Schielsen eine so unveränderliche Stellung, dafs ein 
erneutes Richten überflüssig sei. Es erfolgt aber das Eingeständnis 
der geringen Feldmälsigkeit des Geschützes. Um dem Übelstande 
abzuhelfen, wird vorgeschlagen, für die Artillerie Metallarbeiter 
auszuheben, welche mit den Präzisions - Instrumenten umzugehen 
wissen. 

Das Geschütz hat ebenso wie die kurze 120 einen starren Sporn 
am Laffetenschwanz; Achssitze fehlen, da alle Mannschaften auf der 
Protze Platzfinden. Dagegen sind seitlich an der Laffete Sitze für die 2 
Kanoniere angebracht, welche das Rohr und seinen Verschlufs bedienen, 
bew. richten. Sie bleiben auch beim Abfeuern auf den Sitzen, um 
den Bodendruck des Laffetenschwanzes zu vermehren. Vorwärts 
an der Laffete sind Schutzschilde angebracht. Auch die feindwärtige 
Seite der Munitionskasten ist mit Schutzblechen versehen. Selbst- 
redend hat das Rohr auch eine feine Seitendrehung. Der Verschlufs 



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Umschau auf iuilitärtechnischem Gebiet. 



C/97 ist von der Privat-Industric übernommen. Es ist der excentrische 
Schrauben rerechlufs, bei dem eine Drehung der Verschlufsschrauhe 
um 180 Grad zum Offnen bezw. Schliefen genügt, ohne ein seit- 
liches Abdrehen oder Andrehen der Schraube zu erfordern. Im 
Grunde genommen ist dieser (Nordenfeit)- V r erschlufs ein richtiger Keil- 
verschlufs, dessen Anfang und Ende zusammenfallen. Nur im 

M 

Aufseren hat er das Gepräge des Schraubenverschlusses, der für 
Frankreich typisch ist. Das genügt dem Nationalgefühl. Dabei hat 
man sich doch das Keilprinzip in ganz geschickter Weise angeeignet. 
Das Geschütz hat ein geringeres Gesamtgewicht als die 9 cm Kanone 
C/79, indessen ist dasselbe immer noch hoch genug, um einen Sechs- 
spänner zu erfordern. Nach den Andeutungen des General Engelhardt 
im Russischen Invaliden mufs man das Gescholsgewicht zu 6,25 kg an- 
nehmen. Die Laffete ist laug und unschön. Man feuert mit Metall- 
patronen. Die Angaben von 22 Schuls in der Minute beziehen sich 
auf Sportleistungen. 

Die „Italia militare e marina" Nr. 157 (12/7. 99) erzählt vom 
„neuesten französischen Gewehr" und versteht darunter das bekannte 
Modell des Hauptmanns der Territorial-Armee Daudeteau von 
6,5 mm. Wir halten die Annahme, dals Frankreich dies Gewehr 
angenommen habe, für unbegründet. Noch ist man in der Aptierung 
des Lebel-Gewehres begriffen. 

Die „Voss. Z." Nr. 332 (18/7. 99) lälst sich über franzö- 
sische Versuche mit Lebelgewehren gegen einen Fessel- 
ballon von 150 m Steighöhe berichten. Die meisten Schüsse durch- 
drangen die Hülle des Ballons unterhalb seines Äquators. Trotz der 
vielfachen Durchlöcherungen sank der Ballon erst nach 6 Stunden zur 
Erde nieder. Verletzungen im unteren Teile lassen das leichte Gas 
überhaupt nicht entweichen, so argumentiert das Blatt. Die Sache 
hat etwas für sich und ist auch schon in anderen Fällen konstatiert 
worden. 

5. Rufsland. 

Von nordamerikanischen Blättern wird die Nachricht verbreitet, 
die russische Regierung beabsichtige in Amerika Geschütze zu 
bestellen. Es wird hierbei besonders auf die Neu-Ausrüstung der 
russischen Feldartillerie hingewiesen, wozu 6000 Geschütze (?) not- 
wendig seien, deren Beschaffung mindestens 80 Mill. Dollars koste. 
Der „New-York Commercial" vom 27. Juni behauptet u. a. : die 
russische Regierung habe erkannt, dafs die amerikanischen Gescbtitz- 
fabrikanten jetzt „das Beste in der Welt" leisteten. „Die russische 
Regierung beschlols, die Bestellung von Geschützen in Europa bis 
zum Herbst zu verschieben und bis dahin neue Proben vornehmen 



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Umschau auf militärteohniscbem Gebiet. 



351 



zu lassen, dann aber auch im Hinblick auf unsere [NB. die ameri- 
kanischen!] Erfolge im spanischen Kriege amerikanische Geschütz- 
fabrikanten aufzufordern, sich um die Lieferung zu bewerben. 
Russische Sachverständige haben uns besucht und höchst günstig 
über uns berichtet. Die amerikanischen Geschütze Ubertreffen die 
europäischen in der Einfachheit der Konstruktion und in der Feuer- 
geschwindigkeit, und sie können, was sehr zu unseren Gunsten 
sprach, billiger geliefert werden." So der Vertreter einer Firma, 
welche sich mit dem Gedanken trägt, von Rufsland eine Bestellung 
in Feldgeschützen zu erhalten. — Soweit russische Bestellungen in 
Betracht kommen, ist die ganze Hoffnung auf solche ein Produkt 
amerikanischer Keklamesucht und Phantasie. Das Verhalten der 
amerikanischen Feldgeschütze im Kriege gegen Spanien war durch- 
aas nicht hervorragend, das weifs man in sachverständigen ameri- 
kanischen Kreisen am besten. Moderne Schnellfeuer-Feldgeschütze 
waren gar nicht im Gebrauch. Die Regierung der Vereinigten 
Staaten ist mit den ihr von Driggs-Schröder Co. gelieferten Ver- 
sachsbatterien durchaus nicht zufrieden und stellt Versuche mit 
Modellen an. die in Europa gefertigt sind. — Über die wahre Sach- 
lage in der russischen Feldgeschützfrage haben wir in letzter Um- 
schau unter 6. berichtet, daran hat sich auch noch nichts geändert. 
Um so mehr muls man erstaunt sein, nach der „Rivista di arti- 
glieria e genio" (Mai), die lediglich das Engelhardt'sche Geschütz 
gemeint hatte (unter Entlehnung aus Belgique milit. 1. Mai, die sich 
selber wieder auf den Artikel der „Morning Post" berief) unter 
-Neueste Erfindungen und Entdeckungen" Heft 7 der „Krt. Zeitschr." 
positive Angaben Uber das „neue russische Schnellfeuergeschütz" 
Ton 76 mm Kaliber zu finden! Allerdings eine Erfindung, aber in 
anderem Sinne!! 

6. Schweiz. 

Mit der Versuchsbatterie von vier 7,5 cm Schnellfeuer- 
Feldkanonen L/30 System Krupp fand nach der „Allgemeinen 
Schweizerischen Militär-Zeitung- Nr. 26 am 12. Juni in Kallnach 
ein Schiefskursus statt, im Beisein einer grölseren Anzahl höherer 
Offiziere, u. a. des Waffenchefs der Artillerie Oberst Schumacher) 
sowie des Obersten U. Wille. Von dem Ergebnis war man in hohem 
Grade befriedigt. Es wurde auf die verschiedensten Entfernungen 
von 600 bis 5800 ro geschosseu, und zwar auf Infanterie-, Kavallerie- 
und Artillerie-Scheiben. Es wurde eine durchschnittliche Geschwindig- 
keit von 8 Schufs in der Minute erreicht. Die grölste Prozentzahl 
Treffer wurde auf den Artilleriescheiben mit ungefähr 80 °/ t erzielt. 

Nach der Botschaft des Militär-Departements werden durch Ein- 



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Umschau auf militärteohnischem Gebiet. 



fllbrung neuer Geschütz-Modelle aufserordentliche und erhebliche 
Ausgaben verursacht werden. Bei der Dringlichkeit der Frage ver- 
trägt die Bereitstellung keinen Aufschub. Ende dieses oder spätestens 
Anfang nächsten Jahres ist eine Entscheidung zu treffen. Überdies 
ist die Beschaffung von Steilbogenfeuer-Geschützen eine Notwendig- 
keit, sei es durch Bildung neuer, sei es durch Umwandlung be- 
stehender Batterien. Entscheidende Versuche werden noch 1899 
stattfinden, erst dann ist eine Wahl zu treffen. 

Auch die „Revue militaire suisse" berichtet über die vorher er- 
wähnten Schiefsübungen des Kursus der Hauptleute und Oberleut- 
nants bei Kallnach (Aarberg) auf grofse Entfernungen. Die Ge- 
schütze haben sich gut bewährt, es waren nur geringe Ausstellungen 
zu machen. Auch in dem späteren Schiefskurse kamen die Geschütze 
zur Verwendung. 

Die in der Munitionsfabrik zu Thun hergestellte Munition hat 
gute Ergebnisse geliefert. Vier verschiedene Modelle von Munitions- 
wagen, welche in den heimischen Werkstätten gebaut sind, begleiten 
die Versuchsbatterie. 

Interessant ist die Mitteilung der gleichen Zeitschrift, dafs man 
bei den Fahrzeugen der Infanterie die Lemoinesche Seilbremse durch 
Schraubenbremsen ersetzt hat. 

Die 12 cm Schnellfeuer-Haubitze in Panzerlaffete M. 
1891 hat nach „Schweiz. Zeitschrift fllr Artillerie und Genie" Nr. 6 
ein Rohr aus Nickelstahl mit vertikalem Keilverschluls und Schlag- 
hammer. Die Gasdichtung wird durch metallene Patronenhülsen be- 
wirkt. Das Rohr hat 24 Parallelzuge mit 1° 12' Anfangs- und 
7° 10' Enddrall. Das Rohr ist 12,5 Kaliber lang und ist 500 kg 
schwer. Man hat die gewöhnliche Granate von 18 kg Gewicht, 
die Sprenggranate (ebenso schwer) und das Schrapnel mit Doppel- 
Etagenzünder gleichfalls von 18 kg, 4 Ladungen von Weifs-Pulver. 
Einheits-Patronen, Gescholsgeschwindigkeiten 118 m, 181 m, 240 m, 
287 m. Die Versuchsstation hat eine neue Schulstafel für das Ge- 
schütz bearbeitet, welche mit der geringsten Ladung von 100 g bis 
1200 m, mit der grölsten von 400 g bis 5500 m reicht. 

7. Grofsbritannien. 

In der „Revue d'artillerie" vom Mai 1899 findet sich auf Grund 
einer Veröffentlichung im Engineering vom 20. Mai eine Dar- 
stellung des Artillerie-Materials des Etablissements Vickers, Sons 
and Maxim, woraus wir mit Rücksicht auf die in England z. Z. 
schwebenden Geschützversuche das Wesentlichste entnehmen, wenn 
die Darstellung auch wenig erschöpfend noch einwandfrei ist. Das 



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Umschau auf müitärtechnischem Gebiet. 



353 



Material von Vickere soll sich nach der „Revue" durch eine grofse 
Feuergeschwindigkeit kennzeichnen. Die Kaliber-Reihe umfafst im 
ganzen deren 12 und zwar 3,7 cm, 4,7 cm. 5,7 cm, 7,5 cm (Ge- 
birgsgeschütz), 7,62 cm L/23, 5, L/45 und L/50 (L/23,5 ist Schnell- 
feuer- und Feldgeschütz), 10,16 cm, 12 cm, 15,24 cm, 20.32 cm, 
23,368 cm, 25,4 cm und 30,48 cm. Rev. d'artill. vergisst hierbei 
nur eine Fussnote des Engineering wiederzugeben, welche die Ge- 
schütze von Uber 15,24 cm Kaliber als „noch in Herstellung be- 
griffen" bezeichnet. Die über diese Geschütze gemachten Angaben 
sind also vorläufig nur errechnete, denen jede praktische Bestätigung 
fehlt. Sowohl die 3 kleinsten Kaliber, als diejenigen von 10,16 cm, 
12 cm und 15,24 cm kommen in 2 verschiedenen Rohrlängen vor, 
10,16 cm als L/45 und L/50, 12 und 15,24 cm als L/40 und L/45. 
Beide Rohre eines Kalibers verwenden dasselbe Geschoss. Die 
an Bord vorkommenden Schiffsgeschütz-Modelle sind im ganzen 18, 
von den aufgeführten ist nur das Gebirgs- und das Schnellfeuer- 
Feldgeschütz nicht unter diese Rubrik fallend. Die Kanonen von 

20.3 cm und darunter sollen Schnellfeuer-Geschütze sein, indes nur 
durch die Laffete, Metallkartusche haben nur die kleinen Kaliber. 

Die Geschütze grofsen Kalibers sollen Drahtrohre haben. Der 
Verschlufsmechanismus besitzt die Welin-Schraube und soll neuer- 
dings vom Wolwich-Arsenal angenommen und auf die Kaliber von 

30.4 cm, 25,4 cm und 23,3 cm Ubertragen werden. Das Abfeuern 
kann mittelst elektrischer oder Friktions-Schlagröhren stattfinden. 

Von der mittleren Artillerie soll ein 15,24 cm Schnellfeuer- 
geschtitz L/45 seitens der Marine angenommen sein. Das Rohr hat die 
Welin-Schraube mit plastischer Liderung. Eine einzige Bewegung 
eines horizentalen Hebels soll das Öfinen des Verschlusses, das Aus- 
ziehen der Schlagröhre und das Emporheben der Ladebüchse be- 
wirken. Die Kasematten- Laffete ist als Wiegenlaffete gebaut. Zum 
Schutze der Mannschaften dient ein Schild von Nickelstahl. Hy- 
draulische Bremse und Vorlauffeder kommen zur Anwendung. Nach 
einem Schnellfeuer mit Cordit-Ladungen hatten sich bedeutende Aus- 
brennungen in der Seele ergeben. Die Konstruktoren wollen diesen 
Übelstand gemildert haben und hätte das Geschütz nach 200 Schufs 
noch seine Treffähigkeit bewährt. Das klingt sehr wenig ver- 
sprechend. Es heifst dann weiterhin, es schiene die Regierung 
200 Stück dieser Geschütze bestellt zu haben, 90 im Arsenal zu 
Woolwich, 60 bei Vickers und 50 bei Armstrong-Whitworth. Als 
Vorteile der Vickers-Geschütze Uber die gleichnamigen des Dienstes 
werden angegeben: gröbere Feuergeschwindigkeit, ein Mehr an 
Geschofegeschwindigkeit um 175 m, an lebendiger Kraft um 600 mt. 

Jahrbücher für die deutiohe Arne« und Marine. Bd. 112. 3. 28 



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Umschau auf militärtechnisohem Gebiet. 



Wenn dem so ist, so fehlt der Darstellung der „Revue d'artillerie" 
der Einblick in die vollständige Versuchs-Reihe des 15,24 cm Vickers- 
Geschützes, oder die Regierung hat mit der Einstellung in den Dienst 
sehr leichtsinnig gehandelt. Obgleich als Schnellfeuergeschütze be- 
zeichnet, entbehren diese Geschütze der Metallkartuschen, wohl weil 
man mit der Herstellung der Metallhülsen nicht ins Reine kommen 
kann. 

Das 3zöllige (7,62 cm) Schnellfeuer-Feldgeschütz hat 
die von Darmancier übernommene Laffete mit langer Rücklauf- 
bremse unter den Laffetenwänden. Der ursprüngliche Rücklauf be- 
trägt ca. 1 m. Die Kraft der Feder soll das Geschütz wieder in 
die ursprüngliche Stellung zurückführen. 

Am 21. Juli 1898 haben Versuche in Eynsford stattgefunden 
(von wem??). Die Ergebnisse waren folgende: 

L 4 Kartätschschuls wurden in 13*/i Sekunden abgegeben; 

2. 7 Granaten mit Aufschlagzünder wurden auf 914 m gegen 
eine Scheibe (welcher Grölse?) in 44'/i Sekunden verfeuert; 5 Schuls 
war „gut"; [was heifst das wohl??]; 

3. 6 Schrapnels, deren Zünder vorher tempiert waren, wurden 
in 27 Sekunden verfeuert; Ergebnisse befriedigend; [dies will gar 
nichts heifsen, die Zünder waren vorher tempiert, also war eine 
Hauptarbeit vorweggenommen; wogegen wurde gefeuert? Entfernung?]. 

Es folgen dann noch sehr unerh